Im Folgenden möchten wir genauer darauf eingehen, was sich hinter dem spielenden bzw. erzählenden Menschen verbirgt, wobei wir uns vor allem auf die von Albrecht Koschorke in seinem Buch "Wahrheit und Erfindung" aufgestellten Thesen stützen. Anhand eines aktuellen Beispiels zeigen wir, warum der homo narrans Verschwörungstheorien entwickelt und wie diese in Zusammenhang zur Kontingenzbewältigung stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der homo ludens als Vorläufer
3. Der homo narrans und seine Rolle in der Kommunikation
4. Erzählung als Kontingenzbewältigung
5. Das Beispiel Coronavirus
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die anthropologische Konstante des „homo narrans“ und dessen Fähigkeit, durch das Erzählen von Geschichten komplexe Lebenssituationen zu bewältigen. Im Fokus steht dabei die theoretische Herleitung nach Albrecht Koschorke sowie die praktische Anwendung des Konzepts auf die Entstehung von Verschwörungstheorien während der COVID-19-Pandemie.
- Grundlagen des „homo narrans“ und „homo ludens“
- Erzähltheoretische Einordnung bei Albrecht Koschorke
- Die Funktion von Narrativen zur Kontingenzbewältigung
- Analyse von Verschwörungstheorien als sinnstiftende Erzählmuster
- Zusammenhang zwischen Angst, Komplexitätsreduktion und Erzählbedürfnis
Auszug aus dem Buch
Der homo narrans und Mythen des Coronavirus
In Bezug auf unser Thema drängt sich deshalb die Frage auf: Warum erzählt der ‘homo narrans’ etwas, das nicht belegt ist aber, von dem auszugehen ist, dass dieses Narrativ stimmt, weitreichende Folgen haben kann? Eine Erklärung können die damaligen Umstände sowie einige Eigenschaften des ‘homo narrans’ liefern. Gerade zu Beginn der Pandemie sorgte die große Unwissenheit über das Virus seitens Politik und Wissenschaft in der Bevölkerung laut Matthias Eder für „ein Gefühl von Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit“. Die Bevölkerung sah sich „einem unsichtbaren, übermächtigen Feind gegenüber“. Verschwörungstheoretiker sehnen sich nach Klarheit, sie verabscheuen Uneindeutigkeiten und das Gefühl eigener Machtlosigkeit. Hier versucht der ‘homo narrans’ eine möglichst schnelle Lösung für eine wahrgenommene Gefahr zu finden und so „die Komplexität der Ereignisse zu reduzieren und sie in ein kohärentes Weltbild zu integrieren“. Er stellt also Thesen über die Verbreitung des Coronavirus auf, um die vorherrschende Kontingenz zu bewältigen. Damit erfüllt die Erzählung (der Verschwörungstheorie) in diesem Fall tatsächlich die von Koschorke genannten „Schlüsselkategorien: Bezwingung von Angst, Sinnstiftung [und] Orientierung“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Thema des erzählenden Menschen und Erläuterung der Relevanz der Erzähltheorie nach Albrecht Koschorke.
2. Der homo ludens als Vorläufer: Darstellung der theoretischen Verknüpfung zwischen dem spielenden Menschen nach Johan Huizinga und dem erzählenden Menschen.
3. Der homo narrans und seine Rolle in der Kommunikation: Erläuterung der Kernthesen zur Erzähllogik als menschliches Grundbedürfnis zur symbolischen Interpretation der Welt.
4. Erzählung als Kontingenzbewältigung: Untersuchung der Funktion von Geschichten als Strategie, um das „mögliche Anderssein“ der Welt in begreifbare Bahnen zu lenken.
5. Das Beispiel Coronavirus: Praktische Anwendung der Erzähltheorie auf die Entstehung von Mythen und Verschwörungstheorien während der Pandemie.
6. Fazit: Kritische Reflexion darüber, ob Erzählungen tatsächlich zur Angstbewältigung beitragen oder neue Unsicherheiten erzeugen.
Schlüsselwörter
Homo narrans, Homo ludens, Albrecht Koschorke, Erzähltheorie, Kontingenzbewältigung, Kommunikation, Verschwörungstheorien, COVID-19, Sinnstiftung, Narrative, Komplexitätsreduktion, Kulturtechnik, Anthropologie, Wahrheit und Erfindung, Symbolische Ordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, warum der Mensch als „homo narrans“ dazu neigt, die Welt durch das Erzählen von Geschichten zu interpretieren und welche Funktionen diese Narrative bei der Bewältigung von Krisen erfüllen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die anthropologische Erzähltheorie, die Bedeutung des Spielens für die Kultur, der Prozess der Kontingenzbewältigung und die Psychologie hinter Verschwörungserzählungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, warum Menschen in unsicheren Zeiten – wie der Pandemie – zu unbelegten Narrativen greifen und wie diese das menschliche Bedürfnis nach Sinnstiftung und Angstbewältigung befriedigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Arbeit, die sich maßgeblich auf die „Allgemeine Erzähltheorie“ von Albrecht Koschorke stützt und diese mit soziologischen Konzepten von Niklas Luhmann verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des „homo narrans“ durch den „homo ludens“ sowie die Anwendung dieser Theorie auf das aktuelle Beispiel der Corona-Verschwörungstheorien.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Homo narrans, Kontingenzbewältigung, Erzähltheorie und Sinnstiftung.
Welche Rolle spielt das Konzept der „Kontingenz“ in dieser Arbeit?
Kontingenz beschreibt laut Niklas Luhmann die Offenheit und Ungewissheit der Welt; das Erzählen dient als Strategie, um diese Ungewissheit durch feste Deutungsmuster (Geschichten) zu reduzieren.
Warum entstehen laut der Arbeit Verschwörungstheorien gerade in Krisenzeiten?
Verschwörungstheorien bieten schnelle, kohärente Erklärungen für eine komplexe, angsteinflößende Umwelt, wodurch das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit reduziert wird.
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- Anonym (Author), 2021, Der homo narrans und Mythen des Coronavirus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1024547