Heinrich der Löwe und die Königskrone


Hausarbeit, 2001

16 Seiten


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Heinrich der Löwe und die Königskrone

A. Einleitung

Das Welfenhaus ist im 12. Jahrhundert eines der reichsten und mächtigsten Herzogtümer im römisch-deutschen Reich. Das Reich wird durch den Staufer Friedrich I. regiert. Zwischen beiden Häusern besteht ein jahrelanger Kampf um Macht und Vorrechte.

Der Ursprung dieser Zwistigkeit ist bereits 1125 zu suchen. Als Nachfolger des kinderlosen Saliers Heinrich V. kommt nach Brauch und Geblütsrecht nur dessen staufischer Neffe, der Schwabenherzog Friedrich der Einäugige in Betracht. Da der Klerus jedoch befürchtete, der Staufer würde eine kirchenfeindliche Politik betreiben, sorgte der Mainzer Erzbischof - seines Zeichens mächtigster deutscher Kirchenfürst - dafür, dass die Symphatien der wahlberechtigten Fürsten dem salierfeindlichen Sachsenherzog Lothar von Supplinenburg zufielen. Nun galt es nur noch, den welfischen Bayernherzog Heinrich den Schwarzen für diese Wahl zu gewinnen, war doch der Schwabe sein Schwiegersohn. Dem Welfen wurde für seinen Sohn die Tochter des Supplinenburgers - Gertrude - versprochen. Dies bedeutete die Herrschaft über das große Herzogtum Sachsen und zusätzlich vielleicht sogar die Nachfolge als König. Das musste den Bayernherzog überzeugen und so gab er seine Stimme dem Supplinburger. Damit erhielt Lothar die Mehrheit bei der Wahl und kam so auf den deutschen Königsthron. Der Staufer musste das Feld räumen, jedoch nicht ohne den Unmut über diesen Wahlhergang zu äußern. So begann der Zwist zwischen den Staufern und Welfen, der mit Unterbrechungen mehr als hundert Jahre andauern sollte.

Inhalt der folgenden Betrachtungen soll die Stellung Heinrichs des Löwen und Friedrich Babarossas zur Königswahl von 1152 sein. Wieder eine Wahl, über die die Chronisten urteilen, sie sei undurchsichtig, verworren und manipuliert.1 Doch diesmal sind die Rollen vertauscht: ein Staufer gewinnt, ein Welfe verliert.

1152 wird Friedrich III. von Schwaben als Friedrich I. zum König gewählt. Es liegt nun nahe, zu vermuten, dass der Welfe Heinrich der Löwe mit seinem zweiten Platz im Reich nicht zufrieden war und versucht hat, gegen den Staufer Friedrich I. aufzustehen und ihn zu stürzen. Tatsächlich gibt es Anzeichen und bruchstückhafte Informationen, die auf Verrat, Konspiration und geplante Rebellion hinweisen.

Aber wer war Heinrich der Löwe? Als Sohn Heinrich des Stolzen wird sein Geburtsdatum um das Jahr 1129 datiert. Er stammt aus dem Geschlecht der Welfen. Sein Vater war verheiratet mit Gertrude, der einzigen Tochter aus der Ehe des Kaisers Lothar III. und seiner Frau Richenza. Seine kaiserlichen Vorfahren brachten erheblichen Landbesitz in die Familie, so dass Heinrich der Löwe einer der reichsten Herzöge im Reich war. Seinem Vater wurde die Krone übergeben, er selbst galt daher als potentieller Thronnachfolger. Weshalb es dazu nicht gekommen ist, soll im folgenden erläutert werden.

B. Heinrich der Löwe und sein Weg zur Krone

Schreibt man über Heinrich den Löwen, muss man unweigerlich den staufisch - welfischen Gegensatz miteinbeziehen. Dieser prägt sein Leben von früher Kindheit an und verlässt ihn - bis auf Unterbrechungen - bis zu seinem Lebensende nicht. Eingangs erwähnt beginnt der Zwist unter seinem Großvater Kaiser Lothar 1125. Sein Vater führt diesen Kampf weiter und so ist nur unter Betrachtung dieses weiteren Verlaufs des staufisch - welfischen Gegensatzes verständlich, weshalb Heinrich der Löwe mit geradezu arroganter Selbstverständlichkeit im Laufe seiner Entwicklung zum fast königlichen Widersacher des Staufers Friedrich Babarossa wird.

Doch zunächst zu Heinrich dem Stolzen, er gilt in den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts allgemein als Nachfolger Lothars III.. Weshalb er tatsächlich niemals die Reichskrone getragen hat, soll im folgenden zunächst erläutert werden.

I. Heinrich der Stolze - nächster König?

Heinrich der Stolze - Vater Heinrichs des Löwen - wurde 1126 mit dem Herzogtum Bayern belehnt und heiratete 1127 die einzige Tochter Lothars von Supplinenburg. Er stand in unverbrüchlicher Treue zu seinem Schwiegervater und unterstützte ihn im Kampf gegen die Staufer. 1136/37 begleitete er Lothar nach Italien, wo ihm die Markgrafschaft Tuszien und die Mathildischen Güter übertragen werden. 1137 dann erhielt er das Herzogtum Sachsen. Damit wurde die Verlagerung des welfischen Machtzentrums nach Norden eingeleitet.

Im Winter 1137 stirbt Lothar, erster und letzter Supplinburger auf dem Kaiserthron. Sein Vermächtnis teilt er den Anwesenden mit: sein Schwiegersohn Heinrich der Stolze soll Sachsen als Lehen erhalten, den gesamten Supplinburger Besitz dazu und - Heinrich soll der nächste König werden.2

Die Königswahl ist zu Pfingsten 1138 angesetzt. Heinrich der Stolze sieht ihr gelassen entgegen, scheint ihm doch die Krone sicher. Daher übersieht er auch, dass er aufgrund seines aggressiven Auftretens die von ihm verletzten Fürsten um ihre Stimme bitten muss. Ihm entgeht auch, dass sich das Wohlwollen des Papstes mehr und mehr den Staufern zuneigt. Diese erscheinen der Kirche mit Konrad an der Spitze bei weitem nicht so mächtig und eigenständig, wie das Welfenhaus.

Schon im Vorfeld der Königswahl findet sich eine kleine Gruppe von Fürsten zusammen, unter ihnen Dietwin, Legat des Papstes und Albero, Erzbischof von Trier. Sie wählen den Staufer Konrad - Bruder des zwölf Jahre zuvor um die Krone gebrachten Friedrichs von Schwaben - zum König. Konrads erste Wahl zum Gegenkönig erfolgte bereits am 18. Dezember 1127, doch er konnte sich gegen Lothar nicht behaupten. Diesmal soll die Wahl jedoch von Erfolg gekrönt sein.

Denn kaum ist Konrad gewählt, findet eine Woche später schon die Krönung in Aachen statt.3 Der Kölner Erzbischof muss auf sein angestammtes Recht der Königskrönung verzichten, statt dessen setzt Dietwin ihm die Krone auf Die übrigen deutschen Fürsten werden mit der Nachricht überrascht, nun einen neuen Herrscher zu haben: Konrad III.. Doch bei dem großen Reichstag zu Bamberg im Mai 1138 protestiert niemand, im Gegenteil, kaum einer fehlt, dem neuen König zu huldigen.

II. Heinrichs der Stolze verliert die Krone

Eine entehrende Niederlage für Heinrich den Stolzen. Und sie soll nicht die Einzige des Welfen bleiben. Schließlich ist der Welfenbesitz groß und Heinrich ist unermesslich reich.

Wenn in Deutschland der König je König sein will, muss eine solche starke Nebenmacht ausgeschaltet werden.

Heinrich wird aufgefordert, die Reichsinsignien zu übergeben und Konrad zu huldigen. Die Insignien lässt Heinrich zwar durch einen Boten ausliefern doch für seine Huldigung verlangt er vorher von Konrad die Belehnung mit seinen Herzogtümern Sachsen und Bayern.

Der König bezeichnet daraufhin den gleichzeitigen Besitz zweier Herzogtümer jedoch als unrechtmäßig und fordert Heinrich auf, auf Sachsen zu verzichten. Heinrich gibt jedoch nicht nach und so wird der Welfe auf dem folgenden Reichstag in Würzburg in die Reichsacht erklärt und beide Herzogtümer werden ihm aberkannt.

Albrecht der Bär aus dem Hause der Askanier bekommt Sachsen, Bayern geht an den Markgrafen Leopold IV. von Österreich aus dem Hause der Babenberger.

Doch war es nicht zu erwarten, dass das Welfenhaus die beiden Herzogtümer widerstandslos fallen lassen würde. Auch die sächsischen Großen stehen hinter ihm, ist es nun aus Treue zum Herzog oder aus Entrüstung über einen König, der die sächsische Herzogswürde so leichtfertig vergibt. Jedenfalls können Heinrich und seine Streitmacht Albrecht den Bären zwingen, Sachsen zu verlassen. Aber nun greift Konrad ein. Er erklärt den Reichskrieg. An der Werra treffen beide Heere aufeinander. Doch zunächst wird nur verhandelt. Ergebnis dieser Gespräche ist ein Waffenstillstand bis Pfingsten 1140, dann soll entschieden werden.4

Heinrich kann davon ausgehen, dass ihm Sachsen am Ende sicher sein wird. Kann er nicht auch Bayern auf dem gleichen Wege wiedergewinnen? Der Welfe beschließt, noch vor Ablauf des Waffenstillstandes gegen den Babenberger zu ziehen. Damit verschlechtert sich die Lage der Staufer zusehend. Denn wenn Heinrich der Stolze siegt, wird er nicht lange zögern und nach der Königswürde greifen.

III. Heinrich der Löwe - ein Kind wächst im Schatten des mächtigen welfischen Imperiums heran

Zu dieser Zeit ist Heinrich XI. den man später den Löwen nennen wird, gerade zehn Jahre alt. Für seinen Vater steht ein Königreich in Aussicht, dessen Nachfolger er selbst werden kann. Heinrich hat seinen Vater sicher nicht oft gesehen, zuviel hatte dieser damit zu tun, seine Ländereien zu erweitern und zu schützen. Aber er muss in dem Bewusstsein aufgewachsen sein, was für ein Erbe er mit dem mächtigen welfischen Imperium übernehmen wird. Doch am 20. Oktober 1139 geschieht das Unfassbare, Heinrich der Stolze stirbt. Wer soll nun, so kurz vor dem Ziel, die Sache der Welfen zu Ende bringen?

a. Welf VI. in Bayern

In Bayern nahm sich zunächst der jüngere Bruder Heinrichs des Stolzen - Welf VI. - der welfischen Sache an. Er konnte im August 1140 Herzog Leopold schlagen, musste jedoch vor der Streitmacht Konrads III. wenige Monate später in Heilbronn aufgeben.

b. Richenza in Sachsen

In Sachsen übernimmt eine starke energische Frau - Richenza, Witwe Kaiser Lothars, die Führung im Hintergrund. Anders als Gertrud - ihre Tochter - Mutter Heinrichs XI. vertritt sie als wahre sächsische Herzogin, der man das Andenken an Mann und Schwiegersohn zerstören will, die Interessen Sachsens. Sie gilt als Symbol sächsischer Hoffnung auf die Kaisermacht. In diesem Sinne wird wohl auch ihr Einfluss auf den jungen Heinrich gewesen sein. Als einziger legitimer Sohn des einstigen rechtmäßigen Thronnachfolgers - Lothar hatte seinem Vater schließlich schon die Reichsinsignien übergeben - konnte es für ihn nur eines geben: das Werk seines Vaters zu vollenden. Nach seiner Herkunft, als Abkömmling eines kaiserlichen Großvaters war er durchaus geeignet, die Nachfolge Konrads anzutreten.

Auch Pfalzgraf Friedrich von Sommerschende, offizieller Vormund Heinrichs, Erzbischof Konrad von Magdeburg und Graf Rudolf von Stade fühlten sich noch an das Treuegelöbnis, dass sie Heinrich dem Stolzen am Sterbebett geleistet haben, gebunden. Und schließlich war Lothar III., für dessen Enkel sie nun ins Feld zogen, auch ein Sachse - ein Sachse auf dem Kaiserthron. Es galt also zunächst, Sachsen aus der Hand der Askanier zu befreien und wieder unter welfische Oberhoheit zu bringen. Die Großen des sächsischen Gebietes fallen in die Nordmark ein; zerstören Burgen und Stützpunkte der Askanier und verweisen damit Albrecht den Bären, der versucht hatte, durch den (erfolglosen) Einfall in Bremen seine erneute Inbesitznahme von Sachsen zu symbolisieren, in die Schranken. Dieser muss aus seinem Land fliehen und beim König um Aufnahme bitten. Damit ist der erste Schritt getan, Sachsen scheint für die Welfen gerettet.

c. Heinrich der Löwe in Sachsen und Bayern

Jedoch erst 1142 wird Heinrich anlässlich eines Fürstentages in Frankfurt am Main offiziell mit Sachsen belehnt, er muss dafür Albrecht dem Bären eine von Sachsen unabhängige Nordmark überlassen.5

Zeitgleich heiratet seine Mutter Gertrude den bayrischen Herzog Heinrich II. Jasomirgott. Dieser babenbergische Heinrich hatte die Nachfolge seines verstorbenen Bruders Leopold angetreten. Aufgrund dieser neuen verwandtschaftlichen Beziehung hatte der Streit um Bayern vorläufig ein Ende. Möglicherweise hat Heinrich XI. sogar auf Wunsch seiner Mutter auf Bayern verzichtet.6

Doch bereits 1146 wird deutlich, dass der Welfe keineswegs daran denkt, seine Ansprüche auf den väterlichen Besitz aufzugeben. Er unterzeichnet eine Schenkungsurkunde mit dem Siegel Heinrich von Sachsen und Bayern. Als er 1147 endlich mündig ist, wird er als erstes beim König vorstellig werden und sich mit Nachdruck erkundigen, wie die bayrische Angelegenheit in Zukunft geregelt werden soll.

Aus dem harmlosen Kind von 1139 ist ein starker und mächtiger Vertreter des Welfenhauses geworden. Heinrich weiß, dass er ein Recht auf die Krone geltend machen kann. Und er lässt erkennen, dass er dieses Recht auch durchzusetzen gedenkt. Inwieweit er seine Machtposition schon jetzt gegen geltendes Recht und königliche Macht behauptet, soll im folgenden anhand zweier Beispiele verdeutlicht werden.

C. Heinrich der Löwe auf dem Weg zur Macht

Heinrichs fast königliches Selbstverständnis. ist schon recht früh in verschiedenen Situationen zu erkennen. Der folgende Fall ist kennzeichnend und zugleich richtungsweisend für die spätere Entwicklung des Welfen. So missachtet er 1145 einen Gerichtstag in Ramelsloh, es geht um Landgewinn.

I. Ein Beispiel: der Fall Stade

Graf Rudolf von Stade und seine Gemahlin werden umgebracht, da sie keine Kinder haben, könnte die Grafschaft an den Bruder Rudolfs - Hartwig, einem Geistlichen, gehen. Adalbero, Erzbischof von Bremen soll das Lehen vergeben. Da behauptet Heinrich, Adalbero habe seiner inzwischen verstorbenen Mutter versprochen, im Erbfall der Stader ihren Sohn - also Heinrich den Löwen, mit der Grafschaft zu belehnen. Es finden sich keinerlei Hinweise auf den Wahrheitsgehalt dieser Aussage, zudem ist Adalbero ein erklärter Feind der Welfen, weshalb sollte er den Welfen solcherart Versprechen geben? Heinrich verlangte vom König mehrmalige Prüfung dieses Sachverhaltes und als die Angelegenheit schließlich fast verloren galt, entführte er kurzerhand auf dem von Konrad anberaumten Gerichtstag in Ramesloh den Bischof Adalbero. Er hielt ihn so lange gefangen, bis dieser Heinrich die Grafschaft zusprach. Damit setzte sich Heinrich zum erstenmal nicht nur über geltendes Recht, sondern auch über das Wort des Königs hinweg.

Dies hat mit den üblichen Machtkämpfen nichts mehr zu tun, es stellt vielmehr ein Verbrechen dar. Widerspruchslos duldet jedoch der König diesen offenen Affront und der Welfe ist auf ganzer Linie Sieger. Heinrich lernt wohl bei dieser Episode, was er alles durchsetzen kann, wenn er auf sich und die Macht purer Gewalt vertraut. Dieses Modell wird der Welfe zukünftig bei der Durchsetzung seiner Interessen immer anwenden: Am Anfang stehen irgendwelche unklaren, jedoch mit allem Nachdruck verfochtene Ansprüche.

Bei seiner Durchsetzung kann der Welfe dann darauf vertrauen, dass der König oder Kaiser - hier noch Konrad, später Babarossa - keinen Widerspruch wagt, ja, ihn sogar deckt.

Und am Ende wird Heinrichs Macht wieder um ein stattliches Stück gewachsen sein.

Heinrich wendet diese Manöver noch häufig an und so verläuft sein Aufstieg auch unaufhaltsam.

II. Ein zweites Beispiel: Die Bischofsinvestitur

Nachfolger des 1148 verstorbenen Bremer Erzbischofs Adalbero wurde der Dompropst Hartwig. Als dieser im Herbst 1149 für Wagrien und das Obroditenland Bischöfe einsetzte, traf er auf härtesten Widerstand des Welfenherzogs. Dieser beanspruchte das Recht der Einsetzung der Bischöfe für sich und verweigerte den von Hartwig ernannten Kirchenfürsten den ihnen zustehenden Kirchenzehnten. Der Welfe war also im Begriff, sich während der Abwesenheit Konrads - dieser war im Morgenland - das Recht der Bischofsinvestitur, ein Recht, welches ausschließlich dem König zustand, anzueignen.

Deutlich wird hierbei, inwieweit Heinrich sich als Herrscher versteht. Indem er sich königliche Rechte anmaßt, wird offensichtlich, wohin sein Weg führt. Schließlich hatte Heinrich nach dem Geblüt als Enkel von König und Kaiser Lothar III. ein Anrecht auf den Thron. Und er gedenkt, diesen auch durchzusetzen.

Kennzeichnend für Heinrichs bis dato gewonnene Machtposition ist ein von Helmhold überliefertes Wort des welfischen Ministerialen Heinrich von Weida, der zum Oldenburger Bischof Vizelin gesagt haben soll:“...weder der Kaiser, noch der Erzbischof kann euch helfen, wenn mein Herr dagegen ist.“7

Verstärkt wird Heinrichs Herrscherstellung durch die großen Ländereien, die sich derzeit in seinem Besitz befanden: Sachsen, die Ländereien der väterlichen Vorfahren Lothars im Nordostharz und dem angrenzenden Vorland, weiter den Besitz der Haldenslebener, Brunonen, Catlenburger, Billunger und zum Teil den der Northeimer, die Neuerwerbungen der Grafschaften Winzenburg, Stade, Assel, Sommerschenburg und die der Oldenburger. Sein Herrschaftsgebiet reichte von der Weser und Fulda zur Saale und Elbe bis nach Thüringen, wozu noch sein großes ostelbisches koloniales Machtgebiet kam.

Diesen Reichtum an Ländereien können die Staufer keineswegs bieten.

Zwei Voraussetzungen also, die Heinrich wie für den Thron geschaffen erscheinen lassen.

Schon zu diesem Zeitpunkt wird jedoch eine große Schwäche des Herzogs die ihn vielleicht auch letztendlich die Möglichkeit kostete, den höchsten Platz im Reiche einzunehmen, deutlich: seine große Ahnungslosigkeit gegenüber der menschlichen Natur. Heinrich geht bei der Durchsetzung seiner Interessen bis zum Äußersten, einen Gegner wird er so tief demütigen dass dieser für immer sein Todfeind sein muss, in seinen Handlungen wird dem Feind von heute nicht im geringsten die Chance gelassen, vielleicht der Verbündete von morgen zu sein, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Dadurch wird er in entscheidenden Situationen auch den notwendigen Rückhalt durch seine Fürsten - und auch durch seinen Vetter Friedrich - verlieren.

D. Die Königswahl

Am 15. Februar 1152 starb König Konrad III. in Bamberg. Schon 1150 ist sein Sohn Heinrich gestorben, der 1147 vor dem Kreuzzug noch zum König gekrönt worden war. Ein zweiter Sohn Konrads war bei dem Tod des Vaters erst etwa sechs Jahre alt.

I. Übergabe der Reichsinsignien

Friedrich von Schwaben hielt sich damals häufiger in Konrads Nähe auf, er erscheint als Zeuge in verschiedenen Urkunden.8 So weilte er auch neben Bischof Eberhard von Bamberg im Februar 1152 an seinem Sterbebett. Sie waren die beiden einzigen Anwesenden, die die letzten Wünsche des dahinscheidenden Königs entgegennahmen. Konrad soll Friedrich die Reichsinsignien übergeben haben und ihn somit als den von ihm gewünschten Nachfolger dargestellt haben. Seinen noch unmündigen Sohn soll er in die Obhut des Schwabenherzogs gegeben haben, in dem Bewusstsein, dass dieser aufgrund seines Alters in diesen Zeitläufen wenig Aussicht auf den Thron habe. Dies berichtet jedenfalls Otto von Freising in seiner 1157/58 verfassten „ Gesta Friderici“.9

An der Richtigkeit dieser Darstellung zu zweifeln, liegt nahe. Es waren immerhin nur zwei Zeugen bei der Verkündung von Konrads letztem Willen anwesend. Hätte der König tatsächlich Friedrich als Thronanwärter gewünscht, hätte er dies schon viel früher kundgeben können. Bezeichnenderweise folgten dem Tod Konrads eine ganze Reihe ungewöhnlicher Vorgänge: die hastige Bestattung Konrads in Bamberg anstatt, wie es sein letzter Wille war, in Lorch, ein erstaunlich kurzes Interregnum von nur drei Wochen, sowie eine völlig regelwidrige Verlegung der Wahl von Mainz nach Frankfurt. Bestätigen diese Tatsachen nicht die Berechtigung der Zweifel an Ottos Berichterstattung? Zumal die Mainzer Erzbischöfe traditionell eng mit den Welfen verbunden waren und als mächtigste deutsche Kirchenfürsten ein gewichtiges Wort bei der Königswahl mitzureden hatten. Auch vom gegenwärtigen Papst wusste man, dass er gegen die Wahl des staufischen Herzogs war. Alles in allem eine Fülle von Gründen für die Annahme, die staufische Partei und mit ihr Friedrich, werde die Krone mit allen Mittel - ob legal oder nicht - zu gewinnen versuchen.

Diese Haltung schlägt sich nieder in der Äußerung Friedrichs, um jeden Preis - auch gegen den Willen der bei der Wahl anwesenden Fürsten - den Thron erlangen zu wollen.10 Weshalb sollte der sowieso zu allem entschlossene Friedrich nicht die Gelegenheit genutzt haben, um die Dinge in eine für ihn günstige Richtung zu lenken.

Ein weiteres zeitgeschichtliches Dokument bezweifelt ebenfalls die Richtigkeit der Darstellung des Otto von Freising : „...(reliquit) statuens cum eodem, ut filio suo, cum ad annos perveniret, ducatum Sueviae concederet..“.11

Andererseits lassen sich auch Zeugnisse finden, die diesen Vorgang bestätigen.12 Es wäre aus Sicht Konrads auch ohne weiteres nachvollziehbar, weshalb er einen staufischen Nachfolger haben wollte - die Krone sollte seinem Geschlecht erhalten bleiben. Das Reich war zerüttet von den staufisch-welfischen Machtkämpfen. Daher brachte Friedrich in seiner Person eine gute Voraussetzung mit, um die Gegensätze im Reich zu überbrücken. Sein Vater war ein Staufer, seine Mutter Judith eine Tochter Heinrichs des Schwarzen - eine Welfin; er war letztendlich ein Vetter Heinrichs des Löwen. So schien der Staufer geradezu berufen, den Bau des Reiches durch Überwindung des staufisch-welfischen Gegensatzes zu sichern und, wie Otto von Freising schrieb, als: „ ...Verwandter beider Geschlechter gleich wie ein Eckstein den klaffenden Riss beider Wände zu vereinigen.“13 rei publicae melius profuturum iudicabat, si is potius, qui fratris sui filius erat, ob multa virtutum suarum clara facinora sibi succederet.

Es ist schwerlich nachvollziehbar, welche Darstellung dem tatsächlichen Verlauf entspricht. Fest steht jedoch, dass Konrad nur die Wahl zwischen zwei Thronanwärtern hatte: seinem unmündigen Sohn einerseits und Friedrich von Schwaben andererseits. In Anbetracht der Situation, dass Konrad schon einige Zeit schwer krank war und für ihn die Frage der Thronfolge in Reichweite rückte, er aber keine Änderungen bezüglich dieser bekannt gab, ist davon auszugehen, das er nach wie vor seinen Sohn favorisierte.

II. Die Wahl

Die Designation Friedrichs zum König konnte jedoch kein Garant für den tatsächlichen Übergang der Krone sein. Sie stellte lediglich eine Empfehlung für die wahlberechtigten Fürsten dar. Es gibt allerdings Anzeichen dafür, dass es trotz der einstimmigen Wahl Gegenkandidaten gegeben hat.

a. Gegenkandidaten

So wird angenommen, dass eine Anzahl Fürsten den jungen Friedrich - Sohn Konrads - bevorzugten.14

Eine andere Quelle berichtet von der Kandidatur Heinrichs des Löwen.15 Bei dem Ehrgeiz, dem Pragmatismus und der Machtfülle des Sachsenherzogs ist es durchaus vorstellbar, dass er sich für die Königskrone interessiert hat, die seinem Vater 1138 auf so schmachvolle Art und Weise vorenthalten wurde. Trotzdem soll Heinrich zugunsten seines Vetters zurückgetreten sein - ausgerechnet Heinrich? Heinrich, der bisher nicht nur seine Rechte mit äußerster Konsequenz wahrgenommen, sondern der sogar bereits königliche Rechte ursupiert hatte. Ist hier nicht vielleicht eine Erklärung für die Bemerkung Giselberts von Mons zu finden, dass Friedrich seine Wahl durch eine Hinterlist erschlichen hat?16 Oder bezog sich dieser Vorwurf auf das Beiseiteschieben von König Konrads Sohn?

Ein weiterer Anhaltspunkt für den Wahrheitsgehalt dieser Aussage lässt sich in einer um 1220 in Laon geschriebenen Weltchronik finden. Dort heißt es: „...Fredericus .. in concione, ubi convenerant omnes principes imperii, quorum erat imperatorem eligere,, accepta corona imperiali , quam maior pars principum nepoti suo Henrico duci Saxonum dare ordinaverat, proprio capiti inposuit, dicens se magis idoneum esse quam omnes alii. Sicque se ipsum elegit et nepotem suum ducem Saxonum corona frustravit.17

sed etiam hoc, quod utriusque sanguinis consors tamquam angularis lapis utrorumque horum parietum dissidentiam unire posset considerantes, caput regni eum constituere adiudicaverunt, plurimum rei publicare profuturum precogitantes, si tam gravis et diutina inter maximos imperii viros ob privatum emolumentum simultas hac demum occasione, Deo cooperante. Sopiretur. Ita...

Es heißt weiter, Friedrich habe in der Wahl gegen den zweiten Kandidaten - Heinrich - nur siegen können, weil er durch üppige Versprechungen die Stimmen der Fürsten für sich gewonnen habe.18 Dem Naturell Heinrichs würde es durchaus entsprechen, mit einem direkten Griff nach der Krone seine Ansprüche deutlich zu machen. Schließlich hat er lange genug gewartet, um in die Fußstapfen seiner kaiserlichen Vorfahren zu treten und sich das zu nehmen, was seinem Vater verwehrt blieb.

Doch es ist anzunehmen, dass er die Fürsten im Vorfeld der Wahl um deren Stimme hofiert hätte, um nicht den Fehler seines Vaters zu wiederholen und eine Niederlage in Kauf nehmen zu müssen. Es wird lediglich von hastiger Betriebsamkeit aus dem staufischen Lager berichtet, Friedrich war wohl in den wenigen Wochen vor der Wahl sehr aktiv. Es ist also wenig wahrscheinlich, dass Heinrich unüberlegt in eine solche Schlappe gestolpert wäre.

Giselbert von Mons überliefert in seiner Chronik der Grafen von Hennegau noch eine ganz andere Version. So erzählt er, die Wähler hätten sich nach Konrads Tod nicht einigen können und haben vier sehr mächtigen Fürsten die Wahl übertragen. Einer von ihnen sei Babarossa gewesen und der habe jedem der anderen drei Wahlfürsten versprochen, ihn zum König zu wählen, falls man ihm, Babarossa, die Wahl allein zugestehen würde. Die anderen hätten zugestimmt und so habe Babarossa als alleiniger Königswähler sich selbst gewählt, und da er vorsorglich dreitausend Ritter zu dieser Wahlversammlung mitgebracht habe, sei auch kein Widerspruch laut geworden.19

Diese Darstellung der Ereignisse klingt ungeheuerlich und sie ist in der Tat erst drei Jahrzehnte nach der Wahl niedergeschrieben worden. Der Chronist verlegt den Wahlort zudem irrtümlich nach Speyer, anstatt nach Frankfurt. Dies könnte Zweifel an dem Wahrheitsgehalt der Niederschrift aufkommen lassen. Doch die von ihm verwendete Vierzahl kommt auch bei anderen Königswahlen vor. Sie leitet sich aus der Vierzahl der deutschen Stämme ab.20

Vertreten wird in diesem Zusammenhang auch eine weitere, völlig andere Konstellation der Wahlkandidaten: beide Welfen - Heinrich der Löwe und sein Oheim, Welf VI. - treten im Kampf um die Krone als eigenständige Anwärter an. Nachdem aber ersichtlich war, zu wessen Gunsten die Wahl ausfallen würde, seien beide der Wahl ferngeblieben.21

So lassen auch die Berichte anderer Chronisten erkennen, dass die Wahl nicht so glatt vonstatten gegangen sein kann, wie Otto von Freising vorgibt.

Allerdings ist dann verwunderlich, dass der Welfe nach einer derartigen Wahlniederlage mit dem Sieger in so gute langjährige Beziehungen getreten ist, wie er es gegenüber dem Staufer getan hat.

Letztendlich ist durch die Berichterstattung der unterschiedlichen Quellen nicht mehr nachvollziehbar, ob Heinrich tatsächlich zur Wahl angetreten ist. Es ist ebenfalls nicht erwiesen, ob Heinrich an der Wahl teilgenommen hat, sein Einverständnis ist jedoch unbezweifelbar. Die beiden Vettern sind nach der Wahl fast ständig beisammen gewesen, und Heinrich hätte sich bestimmt nicht unnötig lange am königlichen Hof aufgehalten, wenn er seinen Verzicht nur widerwillig geleistet und der Wahl Friedrichs nicht zugestimmt hätte.

Vieles weist jedoch darauf hin, dass Babarossa auf dem Weg zur Krone Widerstände überwinden musste. So scheint er sich die Gunst der Wähler zu erkaufen zu müssen. Es ist auffällig, dass einige Fürsten nach der Wahl erhebliche Ländereien ihr Eigen nennen dürfen, am auffälligsten ist jedoch, dass dies fast ausschließlich Fürsten aus dem Lager der Welfen betrifft. So führt Welf VI. nun den Titel eines Markgrafen von Tuszien, von Spoleto und eines Fürsten von Sardinien, sein Bundesgenosse Graf Konrad II. von Dachau bekommt Meranien, Herzog Berthold von Zähringen, verbunden mit dem Welfenhaus durch Heirat Heinrichs mit Clementia von Zähringen, wurde die stellvertretende Herrschaftsausübung im Königreich Burgund gewährt,22 Ein weiterer Aspekt spricht für den freiwilligen Verzicht Heinrichs - in den Wochen vor der Wahl soll Friedrich sich mit seinem Vetter getroffen haben.23 Sind dabei die nicht unerheblichen Zugeständnisse ausgehandelt worden ?

Und wenn es zutrifft, was gelegentlich vermutet wird, dass Friedrich und Heinrich das Reich in eine südliche Interessensphäre des Staufers und eine nördliche des Welfen geteilt haben, so ist anzunehmen, dass diese Tatsache bereits vor der Wahl geklärt wurde.24 Verständlich wird dann auch, weshalb Heinrich ohne jede Gegenwehr auf seine königlichen Rechte verzichtet hat. Dies würde auch in den großzügigen Verzicht auf die Krone passen: Heinrich stellt sich zwar zur Wahl, vermeidet im Vorfeld jedoch, die Fürsten um ihre Stimme zu bitten und muss so in der Wahl scheinbar Friedrich unterliegen. Gewonnen hat er allerdings auf der ganzen Linie - der gesamte Norden ist de facto sein Reich.

E. Vorteile des Wahlverzichts für Heinrich den Löwen

I. Die „Reichsteilung“

Es scheint, als habe Babarossa akzeptiert, dass Norddeutschland und Nordostdeutschland eine Interessenzone Heinrichs des Löwen sein würden, als habe er diesem eine Position in Norddeutschland zugebilligt, die weit über die herkömmliche Stellung eines Herzogs von Sachsen hinausging. Es gilt zwar keineswegs als sicher, ob Babarossa sich für alle Zeiten aus Norddeutschland zurückziehen wollte und ob er Heinrich den Löwen auch mit dem Reichsbesitz am Nordharz, dessen Zentrum Goslar mit seinen Bodenschätzen war, belehnt hat. Sicher ist hingegen, dass Herzog Heinrich 1154 auf dem Hoftag in Goslar das Recht zugesprochen bekam, Rechte des Reiches im Norden ausüben zu dürfen. Konkret betraf dies das Recht der Bischofsinvestitur. Ursprünglich durfte dieses nur durch den König in Anspruch genommen werden. Indem Babarossa dem Welfen diese Rechtsfigur zugestand, stattete er ihn fast wie seinesgleichen aus. Tatsächlich erscheint Heinrich hier wie in nächster Zeit immer wieder wie ein Teilkönig, Babarossa selbst ist in den nächsten Jahrzehnten kaum je in Norddeutschland. Norddeutschland und der Norden überhaupt erscheinen nun als das politische Feld Heinrichs des Löwen.

II. Bayern

Nur scheinbar widerspricht dieser Gebietsaufteilung, dass Heinrich das bayrische Herzogtum zurückerhielt. Eine Zusicherung bekam er wohl schon vor der Wahl, die tatsächliche Belehnung erfolgte jedoch erst 1155. Einmal war es nicht mehr das alte machtvolle Herzogtum seines Vaters, sondern ein neues, durch die Ausgliederung Österreichs sehr verkleinertes, jeder Expansionsmöglichkeit beraubtes Bayern. Zum zweiten hielt sich Heinrich mit seiner Machtausübung in Bayern ziemlich im Hintergrund. Bayern war im Kampf der Staufer und Welfen seit 1138 das Streitobjekt schlechthin, die Anerkennung seiner Ansprüche auf das bayrische Herzogtum für Heinrich den Löwen also eine Prestigefrage. Die Abgrenzung eines oberdeutsch- staufischen und eines norddeutsch-welfischen Machtgebietes wurde zudem dadurch erleichtert, dass sich der schwäbische und italienische Hausbesitz ohnehin nicht in der Hand Heinrichs, sondern seines Onkels Welf VI. befand.

Der Verzicht Heinrichs des Löwen auf die Königskrone erscheint damit als recht annehmbar, denn Heinrich muss in dieser Form keinerlei Rechten entsagen, er kann in einem verhältnismäßig großem Raum nach eigenem Ermessen wirken. Gleichzeitig bleibt fraglich, ob Heinrich sich mit diesem zweiten Platz im Reich nicht nur für eine bestimmte Zeit arrangiert hat, also niemals die Königskrone ganz aus den Augen verloren hat.

F. Schlussbetrachtung

Diese Frage drängt sich förmlich auf, betrachtet man den weiteren Verlauf der Entwicklung Heinrichs des Löwen.

Jedoch ist zunächst einmal festzustellen, dass die umfangreichste Quelle zum Wahlhergang von 1152 die „Gesta Friderici“ bildet. Geschrieben 1157/1158 von Bischof Otto von Freising, der über seine Mutter, die Kaisertochter Agnes von Waiblingen, eng mit den Staufern verwandt war.

So war Konrad III. sein Halbbruder, Friedrich I. Babarossa sein Neffe. Daher ist es wenig verwunderlich, wenn diese Berichterstattung recht einseitig erscheint.

In seinem ersten großen, zwischen 1143 bis 1146 entstandenem Werk „Historia de duabus civitatibus“ - Geschichte der beiden Reiche - deutet er die Weltgeschichte im heilsgeschichtlichen Sinn als Kampf zwischen dem Gottesstaat und dem durch Gewalt und Unglauben geprägten weltlichen Staat, dessen Abschluss das Weltende bildet.25 Auch in der Gesta lässt Otto das Reich eine heilsgeschichtliche Aufgabe übernehmen. Doch schon deutlich wird hier die Stellung der Staufer hervorgehoben, sie sind es, die während des Investiturstreites den Saliern zu Hilfe kommen und in stetigem Aufstieg sich bemühen, das Reich zu retten - das Weltende zu bannen. Alles in allem herauslesbar: das Geschlecht der Staufer ist berufen, die Führung im Reich zu übernehmen, um das Wohl des Reiches zu erhalten.26 Otto von Freising hat im Auftrag der Staufer diese Chronik verfasst. Dies und die Tatsache, dass er über die eigene Familie berichtete, ist wohl Ursache dafür, dass der Wahlhergang als einstimmig seitens der Fürsten überliefert wurde. Blieb also nur noch das Manko der fehlenden königlichen Abstammung. Zur Überbrückung erfolgt da die Empfehlung Konrads, ihn - Friedrich - als starken Nachfolger zur Führung und Rettung des Reiches zu bestimmen. Damit erfüllten die Staufer ihren Platz in der Geschichte: sie entnehmen ihr Recht auf die Krone den Bedürfnissen des Reiches.

Wie oben aufgeführt, mehren sich jedoch gegen Ende der achtziger Jahre des zwölften Jahrhunderts die Stimmen, die von zweifelhaften Vorgängen bei der Königswahl berichten. Es handelt sich nur um bruchstückhafte Informationen, die eine genaue Rekonstruktion des Wahlvorganges nicht zulassen, aber sie weisen unzweifelhaft darauf hin, dass die Wahl zumindest nicht ganz so reibungslos erfolgt ist, wie es Otto von Freising wiedergibt. Der ebenfalls häufig erwähnte Hinweis auf Gegenkandidaten lässt auch den Schluss zu, dass einer unter ihnen gewiss Heinrich der Löwe war. Bekräftigt wird dies nicht nur durch die anschließende Belehnung Heinrichs mit Bayern und seine Erhöhung im Reich, vielmehr weisen die Aktivitäten Heinrichs daraufhin, dass dieser die Krone zu diesem Zeitpunkt und auch später niemals aus den Augen verloren hat.

I. Der Löwe als offizieller Thronnachfolger

Zunächst könnte diese Angelegenheit als Teil der Abmachung zwischen Friedrich und Heinrich im Vorfeld der Wahl angesehen werden. Ein Hinweis darauf findet sich bei der Tatsache, dass der Kaiser 1159 den Löwen für den Fall seines Todes als zweiten Nachfolger nach seinem Neffen bestimmt.27

Jedoch ist es wahrscheinlicher, diesen Akt als Folge einer gewissen momentanen Notwendigkeit anzusehen. Heinrich begleitete zu dieser Zeit den Kaiser zu allen Anlässen, er nimmt an den beiden ersten Italienzügen teil und steht in der Kirchenpolitik vorbehaltlos auf seiner Seite. In Ermangelung eigener Kinder - die Ehe mit Agnes von Vohburg ist kinderlos - muss Friedrich die Nachfolge im Falle seines Todes sichern. Dafür kommt nur ein Mann in Frage, von dem er sicher sein kann, dass dieser in seinem Sinne weiterhandelt. Dies ist wohl Heinrich der Löwe.

II. Verrat und Rebellion - gewaltsam zur Krone?

Heinrich betreibt mit der Zeit immer eigenständigere Politik. Dies betrifft nicht nur seine eigenen Ländereien, auch als Außenpolitiker tritt er immer mehr hervor. Er empfängt fremde Gesandte, schickt eigene aus und unterhält gleich einem unabhängigen Fürsten Verbindungen zu Schweden, Dänemark, den russischen Fürsten und zum griechischen Kaiser.28 Aufgrund seiner Heirat mit Mathilde, Tochter Heinrichs II. Plantagenet und Elenore von Aquitanien, ergaben sich auch hier politische Verbindungen, die die Stellung der Welfen stärken.

Damit wächst Heinrichs Macht mehr und mehr. Bezeichnenderweise baute der Schwiegervater Heinrichs im Westen ein politisches System gegen den Kaiser aus, er hatte seine Töchter mit Wilhelm II. von Sizilien und mit Alfons III. von Kastilien verheiratet. Dies erinnerte stark an das antistaufische Bündnis von 1149 und an die beiden feindlichen abendländischen Mächtekonstellationen, eine staufisch-griechische und eine sizilisch-französisch-welfische. Zudem war Heinrich II. von England im Verbund mit den kaiserfeindlichen oberitalienischen Städten, wie Mailand und dem Grafen Humbert von Savoyen. Eine englische Quelle berichtet, dass auch Heinrich der Löwe Verbindungen mit den oberitalienischen Städten, die mit dem Kaiser im Kampf lagen, aufgenommen habe.29 Außerdem soll er sich nach Chiavenna auch der alexandrinischen Partei genähert haben.30 Ein Beweis für eine derartige Behauptung lässt sich zwar nicht finden, doch es liegt nicht außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit, dass der Welfe Schritt für Schritt ein eigenes Machtimperium aufgebaut hat und dabei die Feindseligkeit der mit ihm Verbündeten gegen Friedrich ausnutzen wollte. Ob es ihm dabei lediglich um die Zustehung weiterer Rechte ging oder er damit den Sturz Friedrichs herbeiführen wollte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Er hat wohl beides in Kauf genommen, denn sein Herrscherbewusstsein drängte stetig und unaufhörlich aus seinem norddeutschen Gebiet über die Grenzen der Bindung zum Reich hinaus. So verlangte er in Chiavenna als Gegenleistung für seine Hilfe die Überlassung Goslars, erstmals erhob er in unverhüllter Offenheit den Anspruch, Babarossa als gleichgestellte Macht gegenüberzustehen - für eine Leistung eine gleichwertige Gegenleistung zu verlangen. Leugnete er damit nicht die Obergewalt des deutschen Königs durch die Berufung auf eine eigene, unabhängige und gleichfalls königliche Gewalt?

Letztendlich lässt sich sagen, dass es zwar Bemühungen Heinrichs gegeben hat, die Macht und Autorität des deutschen Kaisers zu untergraben, dies aber nur zu dem folgenschweren Zerwürfnis zwischen den Vettern führte und der Welfe der Krone nicht näher gekommen war.

III. Heinrich - der wahre König

Vestigia leonis, die Spur des Löwen lässt erahnen, welches königliche Selbstverständnis der Welfe im Laufe seines Lebens entwickelt hat.

Im Löwenstein vor der Braunschweiger Burg findet Heinrichs aufs höchste gesteigertes Machtbewusstsein monumentalen Ausdruck. Seine Residenz ist nach dem Vorbild des Goslaer Kaiserhauses gestaltet. Die Verbindung mit dem Dom weist auf Aachen und Karl den Großen hin und selbst in dem Löwenstein lässt sich in einem von Karl dem Großen vor dem Aachener Münster aufgestellten Tierbild ein Vorbild finden.

Heinrichs Herrschaftsanspruch wird auch in anderen Kunstrichtungen deutlich. So zeigt das Krönungsbild im Evangeliar Heinrichs des Löwen das kniende Herzogspaar, dem von himmlischen Händen Kronen aufgesetzt werden. Entstehungszeit sowie Interpretation des Krönungsbildes sind umstritten.31 Zwar weist die Krönungsdarstellung zuallererst auf die geistliche Krönung mit der Krone des ewigen Lebens hin, doch unübersehbar ist sie zugleich mit der Abbildung der königlichen und kaiserlichen Ahnen im Hintergrund ein Beweis für Heinrichs königliches Selbstverständnis. Im Widmungsgedicht des Evangeliars wird dies ebenfalls deutlich: nicht seine welfische Herkunft, sondern die Abkunft aus einem Kaisergeschlecht ( stirps imperialis ) wird betont, der Löwe sieht sich gar als Abkomme Karls des Großen.

Abschließend fügt sich alles zu einer dem Selbstverständnis des Welfen nahe kommenden Erkenntnis: er hat sich selbst als König gesehen, als Herrscher von Geblüt und Stellung. Fraglich bleibt, weshalb er seine Ansprüche nicht massiver durchgesetzt hat, jedoch liegt gerade darin wohl die Antwort. Eingangs schon erwähnt ist er nicht der gewandte diplomatische Fürst, der auf seine Verbündeten rechnen kann, er hat aufgrund seines unbeugsamen Stolzes und seiner harten Entschlossenheit wenig Rückhalt unter den Fürsten, eine Offensive - ob zur Zeit der Königswahl oder auch später - gegen Friedrich würde ihn lediglich isolieren.

So lässt er sich von Babarossa mit Privilegien ausstatten, die ihn schon jetzt gegenüber den anderen Fürsten erhöhen und die ihm gegebenenfalls irgendwann genügend Macht verleihen, um sich seinen angestammten Platz im Reiche zu erobern. Das es dazu nie gekommen ist, hat viele Ursachen, eine davon ist mit Sicherheit die politische Umsichtigkeit und Stärke seines Vetters Friedrich Babarossa.

Übersetzung

Fn. 11

...( er hinterließ )...indem er mit denselben festsetzte, dass er seinem Sohne, wenn er das Alter erreicht hätte, die Herrschaft über das Reich und Schwaben zugestand.

Fn. 17

...Friedrich...in einer Versammlung, wo alle Fürsten des Reiches

zusammengekommen waren, einen von ihnen als König zu wählen, empfing die Königskrone; von der jedoch der größere Teil der Fürsten beschlossen hatte, sie seinem Vetter, dem Herzog Heinrich von Sachsen zu geben, er setzte sie sich selbst aufs Haupt und sagte dass er fähiger sei als alle anderen. So wählte er sich selbst und überging seinen Vetter, Heinrich den Löwen.

[...]


1 So z. B. Giselbert von Mons in Die Erzählung Giselberts, Giselberti Chronicon Hanoniense. MGH SSrG S. 88 ff,

2 Paul Barz, Heinrich der Löwe, Hamburg 1987, S. 37

3 Friedemann Bedürftig, Staufer, München 2000, S. 124

4 Barz, aaO, S.42

5 Weber, Baldamus, Geschichte des Mittelalters, Essen, S. ?

6 Helmut Hiller, Heinrich der Löwe, Herzog und Rebell, München S. 19

7 Helmhold von Bosau, Slawenchronik, aus: H. Stoob, Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr von Stein Gedächnisausgabe 19, Darmstadt 1990, S. 246

8 so am 30. Juli 1150 zu Würzburg, am 24. September 1150 zu Langenau...am 12. Januar 1152 zu Freiburg in Baden, aus: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Friedrich I. ,Erster Band 1152 - 1158, Henry Simonsfeld, Leipzig, 1908

9 Otto Fris., Gesta. Friderici I, 70 Ipse ( sc. Conradus rex)….vitam finivit, regalia duci Friderico cum unico suo item Friderico commendans. Erat enim tamquam vir prudens de filio suo adhuc parvulo, ne in regem sublimaretur, quasi desperatus; idcirco et privatae et

10 Henry Simonsfeld aaO. S. 33

11 Burchardi et Cuonradi Urspergensium Chronicon, hg. Von O: Abel, L. Weiland, in MGH SS 23, S 357 Übersetzung im Anhang

12 Chron. Reg. Colon. ( Rec. I und II) ; Historica. Welforum Weingartensis ,aus: Henry Simonsfeld aaO S. 20

13 Hagen Keller Zwischen regionaler Begrenzung und universalem Horizont, Deutschland im Imperium der Salier und Staufer 1024 - 1250, S. 207, Franfurt am Main Berlin 1986; Otto Fris., G. Fr. II, 2: Principes non solum industriam ac virtutem iam sepe dicti iuvenis,

14 Otto Fris., Gesta Friderici II, 2 aus Henry Simonsfeld aaO. S. 34

15 Holtzmann; Aufsatz : Die Wahl Friedrichs I. zum deutschen König, Historische Vierteljahrschrift 1898, Heft 2, S. 198

16 Die Erzählung Giselberts, Giselberti Chronicon Hanoniense. MGH SSrG S. 88 ff

17 M.G. SS. XXVI, 443 Übersetzung im Anhang

18 Bedürftig aaO. S. 140

19 O. Engels Beiträge zur Geschichte der Staufer im 12. Jahrhundert ( I ) ; DA 27.1971; S. 399 ff, Die Erzählung Giselberts, Giselberti Chronicon Hanoniense. MGH SSrG S. 88 ff

20 Stauferzeit und spätes Mittelalter, Deutschland 1125-1517, H. Boockmann, Berlin 1987, S. 83

21 Adler, Welf VI. S. 32

22 O. Engels Die Staufer , Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1989 S.52

23 Engels aaO. S. 53

24 H. Mau Heinrich der Löwe, München 1943, S. 35

25 Bedürftig, Staufer aaO. S. 171

26 Odilo, Die Stauer S. 51

27 Mau Heinrich der Löwe aaO. S. 37

28 Theodor Mayer, Konrad Heilig, Carl Erdmann, Kaisertum und Herzogsgewalt im Zeitalter Friedrichs I., Stuttgart 1944, S. 391

29 Mayer, Heilig, Erdmann aaO. S. 393

30 Friedrich Mayer Friedrich I. und Heinrich der Löwe, Darmstadt MCMLVVII

31 E. Holtz, W. Huschner, Deutsche Fürsten des Mittelalters, Leipzig, 1995, S. 218; D.Koetzsche Das Evangeliar Heinrichs des Löwen, Kommentar zum Faxsimile, Frankfurt am Main 1989

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Heinrich der Löwe und die Königskrone
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V102467
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Löwe, Königskrone
Arbeit zitieren
Maria Hase (Autor), 2001, Heinrich der Löwe und die Königskrone, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102467

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