Härtling, Peter - Ben liebt Anna - Analyse des Buchs nach literaturwissenschaftlichen und methodischen Aspekten


Bachelorarbeit, 2001
13 Seiten, Note: 1.5

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Verwandlung

Treibe um und treibe aus

schmücke dir das Rätselhaus schließ das Tor

stopf das Ohr

stell den stummen Stein davor

-wirst dann singen können!

Reiß dich aus und pflanz dich ein reib dich in den Hüterstein sei Kristall

lausch dem Fall

aufersteh im Widerhall

-wirst dann schweigen können!

(Peter Härtling)

„Du weißt ja noch gar nicht was das heißt, Liebe!“

„Was! In deinem Alter kann man doch noch gar nicht verliebt sein!“

„Der...ist verliebt, der...ist verliebt!“ „Stimmt doch gar nicht. Laß mich in Ruhe!“

„Werde noch ein paar Jahre älter, dann weißt du was es bedeutet, verliebt zu sein.“

Verliebt sein. Gefühle für einen anderen Menschen entwickeln, die man nicht in Worte fassen kann.

Eine ganz neue Erfahrung für Kinder, die das erste Mal dieses Kribbeln im Bauch verspüren, wenn sie an den oder die andere denken müssen.

Empfindungen der Kinder, die von Erwachsenen oftmals übergangen bzw. mißachtet werden.

Peter Härtling greift diesen Sachverhalt auf und verpackt ihn liebevoll in seinem Kinderroman „Ben liebt Anna“. Er handelt von dem Jungen Ben, und dem polnischen Aussiedlermädchen, Anna. Die beiden lernen sich kennen und verlieben sich nach einiger Zeit ineinander. Härtling hat mit diesem Roman wohl den Grundstein gelegt für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Thematik Besonders in der Kinderwelt und -literatur hat das Buch einen bedeutenden Stellenwert erlangt, den es nun genauer zu betrachten gilt.

In meiner Hausarbeit möchte ich zuerst einen theoretischen Überblick die Aspekte des Kinderromans geben. Anschließend werde ich Peter Härtling als Autor und Person vorstellen, um dann konkret auf die Analyse seines Romans „Ben liebt Anna“ zu kommen. Den Abschluß bilden methodische Überlegungen zur Umsetzung des Buchs innerhalb der Schule.

Theoretischer Überblick

Der Kinderroman oder die Kindergeschichte ist eine stark verbreitete Form innerhalb der Kinderliteratur. Seine Inhalte und Wirkungsbereiche können sehr unterschiedlich sein. Die Kindergeschichte ist ein Sammelbegriff für eine Art von Literatur, die sich die Kinder, ihre Mitwelt und ihre unterschiedlichsten Problemen zum Inhalt gemacht hat. Dabei unterscheidet man die Kindergeschichte aufgrund ihres Inhalts in zwei Strömungen. „Wo ausschließlich realmögliche Tatsachen und Ereignisse den Inhalt ausmachen, spricht man von der realistischen Kindergeschichte, wo auch phantastische Elemente hereinspielen, von der phantastischen Kindergeschichte.“1

Die Kindergeschichte ist formal und inhaltlich auf sein „Klientel“ zugeschnitten. Die Geschichten, die erzählt werden ereignen sich, bei realistischen Büchern, innerhalb der Erfahrungswelt der LeserInnen. In der Literaturwissenschaft werden Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren als die typischen KindergeschichtenleserInnen bezeichnet, wobei es hier auch individuelle zeitliche Verschiebungen gibt.

Die Kinder haben in dem Zeitraum, in dem sie Kindergeschichten lesen, ein Bedürfnis nach objektiver Wahrheit. In der Grundschulzeit entwickeln sie das Verlangen, sich realistisch mit ihrer Mitwelt auseinanderzusetzen. Aufgrund von Erfahrungen und Erlebnissen, die sie bis zu diesem Zeitpunkt gesammelt haben, wird diese realistisch-rationale Weltanschauung innerhalb des Entwicklungsprozesses der Kinder immer bedeutender. Genau dieser Forderung der Kinder kommt die realistische Kindergeschichte nach. Mit Geschichten, die Kinder anhand ihrer eigenen persönlichen Lage nachvollziehen können, werden sie in ihrem Sozialisationsprozeß unterstützt und in ihrem Weltverständnis gestärkt. „ Dieses vorwiegend auf Wiedererkennen hinauslaufende Leseerleben bietet dem Kind die Möglichkeit, sein Wissen über die Außen- und Mitwelt und nicht zuletzt über sich selbst zu festigen und so zur Sicherung einer Basis beizutragen, auf der sich der Wissens- und Erfahrungsstand kontinuierlich ausdehnen kann.“2

Die Themen sind dabei vielfältig. Sie können von Erlebnissen innerhalb der Familie oder mit Freunden erzählen und bis hin zu abenteuerlichen Geschichten und problemorientierten Erzählungen reichen. Welche Art von Geschichten die Kinder bevorzugen, hängt von ihren persönlichen Vorlieben ab. Sicherlich sind die einfachen Geschichten, die schon vorhandene Gegebenheiten behandeln, für Kinder am interessantesten, weil sie hier von Taten und Handlungen lesen, die ihre eigenen, realen Handlungen legitimieren. Aber ich denke, daß diese Geschichten nur anbahnend sind, für einen Leseprozeß, der zu einer immer komplexeren und schwierigeren Literatur, sowohl inhaltlich als auch formal, führt. Die Kinder wollen mit zunehmendem Alter immer neue Bereiche des Lebens kennenlernen und verstehen.

Der realistische Kinderroman wird in dem Buch „Jugendliteratur“ von Karl Ernst Maier in drei Arten von Texten unterteilt. Die realistische Geschichte, die abenteuerähnliche Geschichte und die problemorientierte Geschichte.

Die abenteuerähnlichen Geschichten spielen in einer, dem Kind fremden Umgebung. Sie behandeln Themen, die im alltäglichen Leben der LeserInnen unbekannt sind. Durch diese Konfrontation mit dem Unbekannten wird bei den Kindern Phantasie und Abenteuerlust geweckt. Gleichzeitig besteht jedoch eine Distanz zwischen dem Leseerlebnis und dem realen Geschehen, die es den Kindern leichter macht, sich auf die Abenteuersituation einzulassen, ohne dabei selbst beteiligt zu sein.

Heinrich Pleticha beschreibt in seinem Aufsatz über das Abenteuerbuch3, die zwei unterschiedlichen Strömungen, die die inhaltliche Thematik beeinflussen. Diese zwei Strömungen laufen parallel zueinander, bzw. vermischen sich in einzelnen Geschichten. Der erste Strang hat seinen Ursprung in den Märchen, so daß phantastische Elemente in die Geschichten miteinfließen. Als Beispiele nennt Pleticha Romane von Jules Vernes oder Karl May. Der zweite Strang hat seine Wurzeln in den völkerkundlichen Darstellung des 16. Jahrhunderts und wurde in unserer heutigen Zeit wieder verstärkt beeinflussend aufgrund der zahlreicher Reiseberichte großer Expeditionen. Charakteristisch ist hier das stärkere Maß an realistischen Gehalten.

Im Gegensatz zur Abenteuergeschichte wird bei der problemorientierten Kindergeschichte von anderen Grundgedanken ausgegangen. „Während in abenteuerlichen Kindergeschichten die Komplikationen, vorwiegend auf Einwirkungen zurückgehen, die mit Gegebenheiten zusammenhängen, die außerhalb der Kinderumwelt liegen, sind sie im problemorientierten Kinderbuch in Person und Eigenwelt des Kindes zu suchen.“4 Das heißt, daß der Inhalt von problemorientierten Büchern, stärker als in andere Kindergeschichten, das persönliche Dasein und Empfinden des Kindes, aufgrund von subjektiver Erfahrungen mit eigenen Problemen, berührt. Inhaltlich kann gesagt werden , daß die Geschichten „von benachteiligten Kindern handeln, die es schwerer als andere haben, sich im Leben zurechtzufinden, Erfolg zu haben, anerkannt und geliebt zu werden.“5 Die Spanne der Problemfälle zieht sich durch ein weites Spektrum. Es kann viele Bereiche umfassen. Angefangen bei Geschichten über eine körperlichen oder geistigen Behinderung und der oftmals daraus entstehenden sozialen Ausgrenzung, Familienerzählungen (Scheidungsproblematik), bis hin zu Texten über die Beziehungen zwischen Kindern („Ben liebt Anna“). Maier schreibt in seinem Buch „Jugendliteratur“ über den Aspekt der Intensität der Problemdarstellung in solchen Kinderbüchern. Dies scheint eine Gratwanderung zwischen Verharmlosung und Übertreibung zu sein. Ein Teil der Autoren erachtet es als unabdingbar, die Wahrheit in ihrer absoluten Objektivität wiederzugeben, ohne sich über diese Offenheit und ihre eventuellen Auswirkungen bei den Kindern im Klaren zu sein. Hier muß der Autor ein besondere Sorgfalt bei der Vermittlung des Leseinhalts üben. „Ohne seine Hilfe, die sich an der Individualität des Kindes orientiert, können Rezeptionsschwierigkeiten auftreten, die Mißdeutungen begünstigen und psychische Störungen hervorrufen.“6 Deshalb ist es wichtig den Kindern auch die positiven Seiten eines problemorientierten Sachverhalts aufzuzeigen. Mit gleichzeitiger Bewußtmachung von eventuellen Lösungsansätzen (es müssen keine kompletten Lösungen sein, einfache Denkanstöße genügen) und einem auflockerndem Schreibstil kann der Verfasser des Buchs die Gefahr der Mißdeutung und ihrer Folgen entschärfen.

Ein weitere Punkt für die Lesemotivation der Kinder ist die formale Gestaltung des Buchs. Bei Kinderbüchern muß darauf geachtet werden, daß es ein ungefähres Gleichgewicht zwischen den Buchtexten und der Entwicklung des Kindes, in Bezug auf Sprache, Lese- vermögen und rezeptiven Fähigkeiten, gibt. „Nur wenn ein gewisses Maß an Übereinstimmung zwischen Können des Kindes einerseits und Anforderung andererseits erreicht wird, kann der literarische Kommunikationsprozeß ohne fremde Hilfe erfolgreich ablaufen.“7 Es muß darauf geachtet werden, die Erzählungen sprachlich kindgerecht zu gestalten, um eine größtmögliche Lesemotivation bei den LeserInnen zu erreichen. Dies geschieht durch einen Schreibstil, der den Text und seinen Inhalt lebendig gestaltet, die Phantasie fördert und den Kindern die Möglichkeit gibt, sich erlebnishaft mit den Aussagen des Buchs auseinanderzusetzen. Der Wortschatz soll dem Klientel, das mit dem jeweiligen Buch erreicht werden soll, angepasst sein. Der Textumfang kann unterschiedlich ausfallen. Handelt es sich um eine längere Geschichte, muß darauf geachtet werden, daß das Geschriebene überschaubar gegliedert ist, am besten in einzelnen Kapiteln, die in sich eine geschlossenen Einheit bilden. Dialoge bringen Abwechslung in einen epischen Text und lassen die Geschichte lebendiger wirken. Die Schriftgröße und der Zeilenabstand sollten angemessen groß ausfallen. Die Gestaltung des Buchs kann durch Bilder verschönert werden. Die Bilder können dabei einzelne Textpassagen noch einmal visuell unterstreichen.

Es ist allgemein deutlich geworden, daß hier viele Faktoren zusammenfliessen, die ein Buch zu einer interessanten oder uninteressanten, zu einer motivierenden oder demotivierenden Lektüre für Kinder werden lassen.

Einer der es immer wieder schafft, junge Menschen mit seinen Büchern zu begeistern, ist Peter Härtling.

Der Autor

Zu Beginn einen kurzen biographischen Auszug von Peter Härtling:

- Peter Härtling wurde 13.11.1933 in Chemnitz geboren.
- Er musste während des 2. Weltkriegs mit seiner Familie fliehen.
- Von 1954-1973 redaktionelle Arbeit bei unterschiedlichen Zeitungen.
- Seit 1959 verheiratet; er hat 4 Kinder.
- Seit 1973 ist Härtling freier Schriftsteller. Seine bekanntesten Bücher sind „Ben liebt Anna“, „Oma“, „Krücke“, „Das war der Hirbel“.

Peter Härtling ist wohl einer der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren unserer Zeit. Mit etlichen Bestsellern machte er sich einen Namen bei kleinen und bei großen Menschen. Seine Bücher sind durch den gefühlvollen und persönlichen Schreibstil herrlich zu lesen. Inhaltlich beschäftigt er sich mit unterschiedlichen Problematiken von Kindern und Jugendlichen. Oftmals werden dabei alltägliche Situationen und Ereignisse zur Grundlage seines Schreibens.

Härtling hat versucht, das Schreiben von Kinderbüchern in 5 Überlegungen zu fassen8:

Die erste Überlegung: Du darfst dich als Autor nicht verraten. Du darfst dich nicht niederbeugen, nicht klein machen.

Die zweite Überlegung: Lerne einfache Sätze zu schreiben. Das heißt aber nicht: kindische. Mute deiner Sprache, wie auch sonst, alles zu, denke daran, dass du deinen Lesern, den Sieben- bis Vierzehnjährigen, keine Unverständlichkeiten zumutest. Du willst sie erreichen, du willst, daß sie mit deiner Hilfe zur Literatur finden.

Die dritte Überlegung: Es heißt so einfach: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Du kannst davon erzählen. Du kannst deine Kritik, deine Wut, deine Hoffnung anschaulich machen in Geschichten und deine Leser provozieren, nachzudenken, mitzudenken und vielleicht auch zu handeln.

Die vierte Überlegung: [...] Schreibe so spannend, daß das Fragezeichen am Ende anregt zum Weiterdenken.

Die fünfte Überlegung: Beschreibe Wirklichkeiten- aber so, daß sie die Phantasie nicht lähmen, den Traum nicht ausschließen. Hilf den Kindern nicht, mit der Literatur aus der Wirklichkeit zu fliehen. Hilf ihnen, ihre Welt zu verstehen, zu durchschauen, zu bezweifeln, zu befragen und, wenn es nötig ist, anzugreifen [...].

Das Buch „Ben liebt Anna“

Inhaltsübersicht:

Die Erzählung „Ben liebt Anna“ von Peter Härtling handelt von dem 9-jährigen Ben Körbel und dem polnischen Aussiedlermädchen Anna. Beide gehen in die selbe Klasse und freunden sich nach einer Weile an. Diese Freundschaft ist für Ben etwas ganz besonderes, denn er hat Anna sehr lieb. Er spürt beim Anblick von Anna zum ersten Mal dieses Kribbeln im Bauch. Ihre Freundschaft beginnt erst sehr langsam, da Ben sich am Anfang nicht traut, näheren Kontakt zu Anna aufzubauen. Anna wird aufgrund ihrer Herkunft von den anderen SchülerInnen gemieden. Auch Ben ist Anna gegenüber zuerst zurückhaltend, bis er merkt, daß sie ihm mehr bedeutet, als er wahr haben will. Es folgen Momente behutsamer Annäherung zwischen den beiden. Ben jedoch hat immer wieder mit sich und anderen zu kämpfen. Da ist die Schulklasse, die ihn auslacht und hänselt, die Eifersucht auf seinen Freund Bernhard und seine Familie, die sich zu Beginn distanziert verhält. Auch die gegensätzlichen Reaktionen von Anna machen ihm zu schaffen. Das ändert sich aber alles in den Pfingstferien, als Ben und Anna sich näher kommen, als er die Familie von ihr kennenlernt, als sie in der Hütte nah beieinander liegen und sie ihn zum Abschied küßt. Der Höhepunkt des Zusammenseins ist das Baden im See. Als sie sich anschließend gegenseitig wärmen, denkt Ben , daß die Freundschaft mit Anna gar nicht mehr aufhören soll. Doch schon kurze Zeit später ist alles anders. Nach einigen Hänseleien durch seine KlassenkameradInnen und dem unbeantworteten Liebesbrief an Anna, wird Ben krank. Während er zu Hause seine Krankheit auskuriert, erfährt er, daß der Vater von Anna eine Arbeit in einer anderen Stadt gefunden hat. Anna wird wegziehen. Am Schluß sind beide traurig beim Abschied. „Weil wir uns dann nicht mehr sehen.“, sagte Anna. Ben beschloß sofort einen Brief zu schreiben.

Analytische Überlegungen

Die inhaltliche Thematik die Peter Härtling in seinem Buch anspricht ist von vielen Eltern tabuisiert. Kinder, die ähnliche Situationen wie Ben oder Anna erlebt haben, und das sind wohl beinahe alle Kinder, werden in der Erwachsenenwelt nicht ernst genug genommen. Ein unbefangener Umgang mit seinen Gefühlen und sexuellen Wünschen wird einem Kind oft unmöglich gemacht. Erwachsene spielen solche Situationen herunter und gleichaltrige Kinder reagieren oftmals unsensibel mit Gelächter und Gespött. Dabei ist es wichtig, offen mit einem Thema umzugehen, das die größte Gabe der Menschheit ist, nämlich Liebe zu geben und zu empfangen.

Diesen verkrampfte Umgang mit der Liebe bei Kindern, versucht Härtling mit diesem Buch, zu lösen. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die direkter und liebevoller nicht sein kann. Härtling hat es geschafft, all die Ängste, Befürchtungen, Wünsche und Hoffnungen von Kindern in seinem Werk widerzuspiegeln. Das ihm dies mit Bravour gelungen ist, zeigen die vielen Zuschriften, die er von Kindern erhalten hat. In den Briefen wird deutlich, wie stark sich die LeserInnen mit der Thematik und den handelnden Personen auseinandersetzen. Gerade mit Ben empfinden die Kinder oftmals die Ängste, die sie eventuell schon selbst durchlebt haben oder im Augenblick erleben. „ ...Angst, sich lächerlich zu machen, und die Angst, Gefühle offen zu zeigen, was zu einer Diskrepanz zwischen Fühlen und Handeln führt.“9 Härtling gelingt es, diese Diskrepanz aufzuzeigen, aber gleichzeitig auch wieder zu entschärfen, in dem er die Personen handeln läßt, ohne sie in ihren Ängsten „gefangen“ zu halten. Als Beispiel eignet sich hier eine Szene aus dem 8.Kapitel. Anna steckt Ben einen Brief zu. Die ganze Klasse hat es beobachtet und sogar der Lehrer spricht Ben darauf an. Ben ist es ungeheuer peinlich. Trotzdem überlegt er, ob er mit Anna aus der Klasse in den Schulhof gehen, oder vorrauslaufen und dort auf sie warten soll. Während er noch zwischen seiner Angst vor dem Spott der Klasse, und seinem Wunsch, mit Anna gemeinsam zu laufen, abwiegt, kommt sie ihm zuvor, nimmt ihn bei der Hand und rennt mit ihm in den Schulhof. An dieser Szene sieht man deutlich, welche Konflikte in einem Kind entstehen. Soll es nun seinen eigenen Gefühlen folgen, oder dem Druck der Gruppe nachgeben und sich gegen seine inneren Wünsche stellen, um nicht durch das Gespött der anderen das Gefühl zu bekommen, ausgegrenzt zu sein? In Härtlings Buch sind die LeserInnen sehr eng mit den Hauptpersonen, Ben und Anna, verbunden. Durch diese emotionale Bindung wird es den Kindern ermöglicht, sich Gedanken über den eigenen seelischen Zustand zu machen. Sie können vergleichen, sich ihrer eigenen Gefühle und Situation bewußt werden, ohne eventuelle Hemmungen bei Gesprächen mit anderen Kindern oder Erwachsenen.“ Über diese persönliche Betroffenheit, das Nacherleben und Mitfühlen kann die Lektüre in hohem Maß für innerpsychische Vorgänge sensibilisieren[...].“10 „Die bei aller Einfühlsamkeit distanzierte Erzählhaltung ermöglicht es den Kindern, über die Identifikation mit Ben hinaus den Wirrwarr seiner Gefühle und Reaktionen zur Wirklichkeit seiner Umgebung in Bezug zu setzen.[...] Was Kinder in der Wirklichkeit, als direkt Betroffene, überfordern muß, das kann der Roman ihnen erleichtern: einzuordnen, zu relativieren.“11

Auch die Problematik des Aussiedlermädchens Anna ist deutlich zu erkennen. Ein Thema, das heute aktueller ist denn je. Oft erfahren ausländische Kinder und Familien, Intoleranz, Ausgrenzung und Feindseligkeit innerhalb des Alltags, die Schule mit einbezogen. Auch Anna hat zu Beginn in ihrer Klasse Probleme sich zu integrieren, besser gesagt integriert zu werden. Diese Abneigung wandelt sich im Laufe der Zeit, so daß Anna am Ende des Aufenthalts in der Klasse integriert und respektiert ist. Die SchülerInnen sammeln sogar Geld für ihren neuen Schulranzen. Härtling zeigt anhand dieses Falls, wie schwierig ein Prozeß der Integration von ausländischen Kindern auch schon bei unseren Kindern sein kann.

Peter Härtling läßt den Schluß des Buchs offen. Wer ein Happy-End erwartet hat, wird enttäuscht. Anna zieht mit ihrer Familie in eine andere Stadt und es bleibt ungewiß, wie sich die Freundschaft zwischen Ben und Anna weiterentwickeln wird. Härtling schreibt dazu ein einem Buch12: „Bei „Ben liebt Anna“ ist der Schluß bewußt offen gelassen. Einmal möchte ich daß die Phantasie der Leserinnen und Leser weiter geht, daß sie angeregt werden, eine Geschichte weiter zu spinnen und weiter zu denken ...“. Daß ihm dies gelungen ist, beweisen die massenhaften Zuschriften, die er von Kindern und Schulklassen bekommen hat. Die vielen Reaktionen der Kinder und deren unterschiedlichen Formen zeigen deutlich, daß „Ben liebt Anna“ in hohem Maße einen phantasievollen, kreativen und produktiven Umgang mit Literatur in Gang setzt.

Formal betrachtet ist die Erzählung von Peter Härtling altersgerecht gestaltet. Die Leserschaft dürfte im Schnitt zwischen 10 und 12 Jahren alt sein. Das Schriftbild ist angemessen groß gestaltet, um Probleme beim Lesen zu vermeiden. Die Sätze sind einfach aufgebaut, meist kurz gehalten und verständlich. Der Wortschatz der vom Autor verwendet wird, entspricht dem eines Kindes dieser Entwicklungsstufe. Härtling schreibt kindlich, aber nicht kindisch. Der Textumfang ist nicht zu groß. Er ist aufgeteilt in 15 Kapitel, die inhaltliche jeweils eine Einheit bilden. Die kurzen epischen Passagen werden oft durch wörtliche Rede unterbrochen, was der Auflockerung dient und der Geschichte einen stärkeren realistischen Ausdruck verleiht. Als ein wenig schwierig empfand ich das Fehlen der Anführungszeichen bei Dialogen. Dies kann individuell zu Leseschwierigkeiten führen. Jedoch kann ich diesen Sachverhalt nicht belegen, da ich hier keinerlei Erfahrungen habe. Härtling begibt sich in die Form des auktorialen Erzählers. Die Geschichte wird vornehmlich aus der Perspektive Bens erzählt. Die Erzählzeit ist Präteritum.

Methodische Umsetzung im Unterricht

Das Buch „Ben liebt Anna“ kann auf verschiedenste Weise im Unterricht behandelt werden. Als erstes sollte es im Rahmen einer Leseecke im Klassenzimmer vorhanden sein, so daß die Kinder ganz ungezwungen jeder Zeit darin lesen können.

Wenn die Erzählung als Klassenlektüre benutzt wird, kann man auf viele, schon vorhandene Materialhilfen zurückgreifen oder eigenen Ideen und Konzepte entwerfen. Zu Beginn wird überlegt, ob sich jedes Kind das Buch anschaffen soll, oder der Unterricht weitgehend auf Vorlesen einzelner Kapitel basieren soll. Ich persönlich würde den ersten Fall befürworten, da es für die Kinder spannender ist, ein eigenes Buch zu besitzen und für die Lehrerin einfacher, damit zu arbeiten. Sollten SchülerInnen Lust bekommen, auch außerhalb der Schule, die Geschichte weiterzulesen, sollte ihr Wunsch danach nicht am Fehlen des Buches scheitern. Der Einstieg kann sich auf den Titel beziehen. Es wird im Stuhlkreis ein Gespräch geben, inwiefern der Titel etwas über die Geschichte aussagen könnte. Die SchülerInnen äußern Vermutungen, die von der Lehrerin aufgenommen werden, ohne eine Kommentierung oder Einordnung vorzunehmen. Dies ist ein wichtiger Punkt. Es muß behutsam an die Sache herangegangen werden. Da es sich hierbei um ein Thema handelt, bei dem es den Kindern schwierig fällt Offenheit zu zeigen, darf die Lehrkraft keine direkten Übertragungen von inhaltlichen Aspekten auf die Kinder vornehmen, um so zu versuchen, den Kindern persönliche Erlebnisse oder Meinungen zu entlocken. Dieser Schritt darf nur von den Kindern selbst ausgehen.

Da der Umgang mit der Lektüre im Unterricht sehr vielseitig sein kann, habe ich mich entschieden, eine Auflistung der Möglichkeiten vorzunehmen.

Mögliche methodische Formen:

- Das Buch wird in der Schule gemeinsam, oder zu Hause mit bestimmten Aufgaben- stellungen, z.B. auf das Verhalten einzelner Personen achten, gelesen.
- Einzelne Kapitel als Stehgreifspiel umsetzen, um die Kinder handeln zu lassen.
- Die ganze Geschichte kann in ein Theaterstück umgeschrieben und in der Schule aufgeführt werden.
- Die Klasse kann sich mit dem Autor Peter Härtling in Verbindung setzen und ihre Meinung zu seinem Buch äußern bzw. auch Fragen stellen.
- Es können Schlüsselszenen nachgestellt werden, sei es verbal oder auch als Versuch einer pantomimischen Umsetzungen. Das dient dazu, durch das eigene Handeln, die sozialen Gesichtspunkte der Geschichte zu spüren und zu erleben, z. B der Abschnitt, in dem Anna neu in die Klasse kommt.
- Es kann nach einzelnen Kapiteln der Geschichte überlegt werden, wie der weitere inhaltliche Verlauf aussehen könnte.
- Die Kinder können sich mögliche Gedanken der Hauptpersonen in bestimmten Situationen selbst überlegen. Das fördert das bewußte Nachempfinden und Verbalisieren von Gefühlen und Gedanken.
- Die Kinder setzen einzelne Szenen graphisch um, oder führen einzelne Überlegungen weiter („Was könnte Ben jetzt tun?“).
- Die Kinder können aus der Sicht von Ben einen eigenen Brief an Anna schreiben.
- Der Schluß ist von Härtling bewußt offen gelassen worden, um die Phantasien anzuregen. Es bietet sich an, die Geschichte weiterzuschreiben, in Form eines Briefwechsels, eines Telefongesprächs oder eines Wiedersehens.
- Die Kinder können nach jedem Kapitel ihre spontane Meinung zu einzelnen Personen und deren Verhalten äußern. Die Beiträge werden gesammelt und es kann überlegt werden, wie sich die Kinder in der Klasse verhalten hätten. Das kann in kleineren Gruppen geschehen, ohne in der gesamten Klasse vorgetragen zu werden. Die Erfahrung zeigt, das sich Kinder in einer kleinen Bezugsgruppe mit FreundInnen eher persönlich äußern als in der Großgruppe. Die Gespräche der Gruppen müssen nicht öffentlich gemacht werden. Sie bleiben unkommentiert. Wer dennoch etwas vor allen sagen möchte, der kann das tun.
- Es kann fächerübergreifend gearbeitet werden. Im Sachunterricht oder Erdkundeunterricht können Informationen über AussiedlerInnen und deren Länder, speziell zu Polen, gesam- melt werden. Die Kinder können hierbei verschiedene Aspekte bearbeiten. Dies kann in Form eines begleitenden Projekts stattfinden.

Am Ende meiner Hausarbeit möchte ich noch eine kurze persönliche Meinung über das Buch „Ben liebt Anna“ abgeben. Ich habe es selbst als Kind gelesen und weiß noch genau wie gut mir es gefallen hat. Als ich es jetzt im Rahmen der Hausarbeit noch einmal las, merkte ich wie sehr mich diese Geschichte an eigene Erfahrungen meiner Kindheit erinnerte. Härtling hat es geschafft mit diesem Buch in die Kinder hineinzutauchen und ihre Bedürfnisse, Ängste und Wünsche in Worte zu fassen. Mit dieser Geschichte gibt er den Kindern ein Stück von Vertrauen und Verständnis für ihre Form des Verliebtseins. Gerade das Verständnis dafür, scheint in einigen Teilen der Erwachsenenwelt schon verloren gegangen zu sein.

„Jeder, der mit Kindern umgeht, mit ihnen lebt, sollte eine Schule der Anfänge absolviert haben, sollte wie selbstverständlich teilnehmen können an den jeweils ersten Erfahrungen; und diese Erstmaligkeit nicht bloß respektieren, sondern hüten und pflegen. Wie viele erste Male gibt es in jeder Kindheit, in jeder Jugend.“

(Peter Härtling)

Literaturangaben:

- Daubert, Hannelore: Peter Härtling im Unterricht, Weinheim, 1996

- Gelberg, Barbara: Werkstattbuch Peter Härtling, Weinheim, 1998

- Haas, Gerhard: Kinder- und Jugendliteratur, Stuttgart, 1980

- Härtling, Peter: Ben liebt Anna, Weinheim, 1979

- Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur, Bad Heilbrunn, 1980

- Scheuffelen, Thomas: Peter Härtling, Ausgewählte Gedichte 1953-1979, Darmstadt, 1979

- Vogt, Gabriele: Materialien zum Unterricht-Heft 28 Deutsch 5, Wiesbaden, 1981

[...]


1 Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur, Bad Heilbrunn, 1980, Seite 96

2 Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur, ..., Seite 97

3 Haas, Gerhard: Kinder- und Jugendliteratur, Stuttgart, 1984, S.216

4 Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur, Bad Heilbrunn, 1980, S. 98

5 Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur, ..., S.98

6 Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur, ..., S.99

7 Maier, Karl Ernst: Jugendliteratur, ..., S.100

8 Werkstattbuch, Peter Härtling, Weinheim, 1998, S.49, 50

9 Daubert, Hannelore: Peter Härtling im Unterricht, Weinheim, 1996, S.83

10 Daubert, Hannelore: Peter Härtling..., S.83

11 Vogt, Gabriele: Materialien zum Unterricht-Heft 28, Wiesbaden, 1981, S.34

12 Werkstattbuch, Peter Härtling, Weinheim, 1998, S.17

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Härtling, Peter - Ben liebt Anna - Analyse des Buchs nach literaturwissenschaftlichen und methodischen Aspekten
Veranstaltung
Seminar: Literarische Erziehung in der Grundschule
Note
1.5
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V102501
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Härtling, Peter, Anna, Analyse, Buchs, Aspekten, Seminar, Literarische, Erziehung, Grundschule
Arbeit zitieren
Oliver Hien (Autor), 2001, Härtling, Peter - Ben liebt Anna - Analyse des Buchs nach literaturwissenschaftlichen und methodischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102501

Kommentare

  • Gast am 23.3.2002

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    Gefällt mir! Gut recherchierte und fundierte Arbeit. Sicher hilfreich für Lehramtsstudentenstudenten der Fachdidaktik Deutsch.

    Tom

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