Droste-Hülshoff, Annette von - Die Judenbuche


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

13 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis:

1 : Biographie

1-3: Historische Grundlage

3 : Entstehung

3-4: Epoche

4 : Inhaltsangabe

5-6: Charakterisierung von Friedrich Mergel

6-7: Interpretation

7: Intention

7 : Form

7-8: Sprache

8 : Symbolik

8 : Erzählperspektive

Biographie:

Annette Freiherrin von Droste-Hülshoff (1797-1848 nach Christus) Annette Freiherrin von Droste-Hülshoff war einer der bedeutendste deutsche Dichterin des 19. Jahrhunderts. Sie wurde am 10. Januar 1797 auf Schloss Hülshoff bei Münster geboren und entstammte einem alten westfälischen Adelsgeschlecht und wuchs in einem streng katholischen Elternhaus auf. 1826, nach dem Tod des Vaters, zog die Familie ins Rüschhaus bei Münster, ein als "Witwensitz" zu Schloss Hülshoff gehörendes Landhaus. 1838 erschien, auf Wunsch der Familie anonym, ihr erster Gedichtband. Ab 1841 hielt sie sich häufig bei ihrer Schwester und ihrem Schwager auf Schloss Meersburg am Bodensee auf. Dort lernte sie ihre große Liebe, den 20 Jahre jüngeren Gelehrten und Schriftsteller Levin Schücking, kennen, der später die erste Biographie der Dichterin schrieb. 1842 erschien die Kriminalnovelle "Die Judenbuche", die in realistischer Eindringlichkeit menschliche Verstrickung in Schuld und Verbrechen schildert. 1846 brach die Freundschaft mit Schücking auseinander. Annette von Droste-Hülshoff starb am 24. Mai 1848 auf der Meersburg. Mit ihren düsteren, kraftvollen Balladen, ihren ausdrucksstarken Naturschilderungen, ihrem Sinn für unheimliches und Gespenstisches und ihrem umfangreichen Versepen hat sie ein Werk geschaffen, das zwischen Biedermeier und poetischem Realismus steht.

Werke:

Ledwina (begonnen 1819) Die Judenbuche (1837 bis 1841) Bei uns zu Lande auf dem Lande (1841) Bilder aus Westfalen (1842) und unzählige Gedichte

Die historischen Grundlagen:

Das tatsächliche Geschehen ist heute nur noch aus spärlichen Quellen zu rekonstruieren. Wie August von Haxthausen in seiner auf dem historischen Geschehen fußenden »Geschichte eines Algierer Sklaven« berichtet, geschah der Judenmord am 10. Februar 1783. Caspar Moritz von Haxthausen zu Abbenburg, der Urgroßvater der Droste, war zur Zeit des Mordes Inhaber der Patrimonial- und halben Go-[Gau]gerichtsbarkeit in Bökendorf, Altenbergen, Bellersen und Großenbreden. Nach seinem Tode am 19. April 1783 folgte ihm als Erbe sein Sohn Werner Adolf von Haxthausen (1744-1823). Dass der Mord an dem Juden im Jahre 1783 und nicht, wie häufig angenommen wurde, 1782 geschah, bestätigt ein erhaltener Brief der Wilhelmine Antonette von Haxthausen, Stiftsdame zu Freckenhorst, an ihren Bruder Caspar Moritz von Haxthausen, der ihr offensichtlich in einem Brief vom 24. Februar 1783 den gerade vierzehn Tage zurückliegenden Vorfall des Judenmordes berichtet hatte. August von Haxthausen nennt den Mörder mit Namen »Hermann Winkelhannes«, später fügt er noch den Vornamen »Johannes« und die Ortsangabe »aus Bellersen« hinzu. Als Tatort nennt Haxthausen das »Heilgen Geist Holz« nördlich von Ovenhausen. In der späteren Abschrift verändert er die Ortsangabe in »Joelskampe gleich unter dem Ovenhauser Fußwege«. Gemeint ist eine Stelle im Abbenburger Forst zwischen Bökendorf und Ovenhausen. Das entspricht auch der heutigen dörflichen Überlieferung, die allerdings von dem Haxthausenschen Bericht beeinflusst sein kann. Abweichend davon ist die Angabe bei Joseph Redegeld der, auf das angebliche Zeugnis eines Großneffen des erschlagenen Juden gestützt, den Tatort in den Bollkasten-Wald nordöstlich von Bellersen verlegt. Seine Auskunft ist aber wohl mit Vorsicht zu gebrauchen, da seine Ortskenntnis wenig gründlich zu sein scheint. So bestreitet er überhaupt die Existenz des Heiligengeisterholzes nördlich von Ovenhausen. Nach der Flucht aus seiner Heimat geriet der Mörder in algerische Sklaverei. Der Winkelhannes aus dem Bericht Haxthausens erzählt nach seiner Rückkehr, dass 1806 Hieronymus Bonaparte den Dei, das gewählte Oberhaupt der Janitscharen, gezwungen habe, die Christensklaven freizugeben, und er dadurch auch wieder in die Freiheit gelangt sei. Tatsächlich erhielt Jérôme [Bonaparte], der damals in Genua lag, als Fregattenkapitän schon 1805 von Napoleon den Befehl, mit seinem Geschwader nach Algier zu fahren und dort die Auslieferung der französischen, italienischen und genuesischen Sklaven zu verlangen. (Der Winkelhannes hatte sich ehedem auf einem genuesischen Kauffahrer verdingt und war bei einer Fahrt nach der Levante von Seeräubern gefangen und nach Algier verschleppt worden!) Am 18. August 1805 traf Jérôme vor Algier ein: der Dei von Algier übergab dem französischen Generalkonsul gegen Zahlung von 450 000 Franken (was man später verschwieg, um Jérômes Verdienste nicht herabzusetzen!) 231 Sklaven, unter denen sich also auch der Winkelhannes befunden haben muss. Bereits am 1 August 1805 war Jérôme wieder in Genua. Im Jahre 1806 muss Winkelhannes bereits wieder in seiner Heimat gewesen sein, also nicht erst 1807, wie August von Haxthausen berichtet. Die Gemeinde Bellersen bewahrt ein Sterbebuch auf, in dem sich unter dem Datum vom 18. September 1806 der Eintrag befindet, dass »Johan. Winckelhahne«, 43 Jahre, ein »lediger Tunpf« und »Bettler«, der »erdrosselt« aufgefunden wurde, ein Begräbnis auf dem Kirchhof erhielt. Dabei handelt es sich offenbar um den im Bericht Haxthausens genannten »Hermann Johannes Winkelhannes«. Der Name »Winckelhahne«, wie er sich im Sterbebuch findet, entstand aus der zu Anfang des 18. Jahrhunderts gebrauchten Namensform »Winkelhagen«. In den Haxthausenschen Gogerichtsakten ist die Kontraktion des Namenbestandteiles »-hagen« in »-han« nachvollziehbar. Hier findet sich: »winckelhag«, »Winckelhagen« (1745), »Winckelhage« (1748), »Winkelhagen« (1762), »Winkelhane« oder »Winkelhan« (1789/90). Die Häufigkeit des Vornamens Johannes in der Familie Winckelhahn oder Winckelhagen begünstigte schließlich die Entstehung der von August von Haxthausen gebrauchten Form »Winkelhannes«. Der im Sterbebuch unter dem 18.September 1806 eingetragene »Johan. Winckelhahne« hatte in der Taufe am 22. August 1764 die Vornamen Hermann Georg erhalten, sich aber wohl auch selbst Johannes genannt, worauf die Unterschrift des im Haxthausenschen Bericht zitierten Briefes aus Algier hinweist. Der erste Teil der »Judenbuche« mit der psychologisierend angelegten Kindheitsdarstellung Mergels in einer dörflichen Umgebung, in der »die Begriffe [. . .] von Recht und Unrecht« aus der Sicht der Droste »einigermaßen in Verwirrung« geraten sind, hat seinen Grund in den historischen Auseinandersetzungen der Dorfbewohner mit der grundherrlichen Autorität der von Haxthausen. Anton Keck konnte in seinem Aufsatz über »›Holzfrevel‹ in den um Bredenborn liegenden Waldungen im 18. Jahrhundert« die historisch gewachsene Rechtsunsicherheit bezüglich der Holzgerechtsame im Amt Bredenborn erhellen. Im Jahre 1401 hatte die Familie Haxthausen Stadt und Amt Bredenborn mit den dazugehörigen Wäldern erworben. In diesen Wäldern besaßen die Bredenborner das Recht des Les- und Fallholzsammelns. In der nachfolgenden Zeit dehnten sie diese Gerechtsame eigenmächtig auch auf die Privatwälder der von Haxthausen aus. 1533 kam es zum Vergleich. Für zwei Tage jährlichen Hand- und Spanndienstes erhielten die Bredenborner das Recht, in allen Wäldern Holz zu sammeln. Daran hielten sie auch fest, als die Haxthausens ihren Besitz vergrößern konnten. Die Einsprüche der Familie Haxthausen wurden durch Gerichtsurteile von 1588, 1605, 1659/61, 1717 und 1764 abgelehnt. Gegen den Widerstand des Grundherrn machten die Bredenborner außerdem ihr verbrieftes Recht auf Holzfällen (Eichen ausgenommen) im Masterholz und im Bollkasten geltend. Zugestanden wurde ihnen zunächst nur das Recht des Les- und Fallholzsammelns in den genannten Wäldern. 1827 bestätigte das Oberlandesgericht Paderborn das Recht auf Holzschlagen (Eichen ausgenommen) im Masterholz und im Bollkasten. Die 1839 erfolgte Ablösung der Holz- und Hudegerechtsame im Rahmen des preußischen Ablösungsdekretes für Westfalen vom 13. 7. 1829 bzw. 18. 8. 1809 ließ wegen der Benachteiligung der unterbäuerlichen Schichten neue Streitigkeiten entstehen, erst 1848/50 kam es zu einer endgültigen Lösung. Einige historische Zeugnisse, die Schärfe und Ernst der Auseinandersetzungen deutlich werden lassen, sind unter den Gerichtsakten im Archiv der Familie von Haxthausen in Vörden zu finden. Am 17. Juli 1787 schrieb Werner Adolf von Haxthausen an die Verwaltung des Fürstbistums Paderborn. Auch die Kämpfe zwischen den Förstern und den »Holzfrevlern«, wie sie in der »Judenbuche« geschildert werden, gehören zu den historischen Grundlagen der Erzählung.

Die Entstehung:

Wann Annette von Droste-Hülshoff die Arbeit an der »Judenbuche« begann, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Ihr erster Aufenthalt bei den Großeltern in Bökendorf fällt wahrscheinlich in den August 1805, der zweite war im Juli 1813. Auch in den Jahren von 1818 bis 1820 war sie zeitweise in Bökendorf. Hier scheint sie mit den tatsächlichen Ereignissen des Judenmordes bekannt geworden zu sein. So jedenfalls berichtet später August von Haxthausen: »Die Dichterin hatte in ihrer Kindheit, wenn sie bei ihren Großeltern im Paderbornschen war, von ihrem Großvater, dem Drosten Freiherrn von Haxthausen oft die Geschichte eines Selbstmörders aus jener Gegend erzählen hören.« Nach 1818 scheint sie dann auch den Bericht ihres Onkels in der »Wünschelruthe« gelesen zu haben. Am 24. August 1839 berichtet sie anlässlich eines Aufenthaltes in Abbenburg in einem Brief an Christoph Bernhard Schlüter von den ungesetzlichen Zuständen jener Gegend und erinnert sich dabei auch an ihre angefangene »Kriminalgeschichte Friedrich Mergel». Einen vorläufigen Abschluss scheint die Arbeit Anfang 1840 gefunden zu haben.

Epoche:

Die Epoche ist Realismus. Realismus (von lat. "res" Sache, Ding, Wirklichkeit) In der Erkenntnistheorie der neueren Philosophie bezeichnet Realismus den Standpunkt (und dies im Gegensatz zum => Idealismus), dass es eine von uns unabhängige Wirklichkeit gibt, die wir durch unsere Sinne und unseren Verstand erkennen können. In der Kunsttheorie wird mit dem Begriff Realismus die Art und Weise der Beziehung zwischen der beobachtbaren Wirklichkeit und ihrer künstlerischen Darstellung bezeichnet. Im frühen 19. Jahrhundert begann die französische Literatur die Bezeichnung Realismus als Oppositionsbegriff gegen die idealistisch romantische Kunstauffassung zu verwenden. Daraus hat sich der Epochenbegriff Realismus entwickelt, der schließlich auf eine Stilepoche der Literatur zwischen etwa 1830 und 1880 festgelegt worden ist, obwohl eine eindeutige Epochendefinition wegen der zahlreichen nationalen Unterschiede und auch wegen der vielfältigen antirealistischen Kunstströmungen in dieser Zeit (z. B. in der Oper oder im Drama) trotz ausführlicher Theoriediskussionen nicht gefunden werden konnte. Auch im 20. Jahrhundert werden Fragen einer realistischen Kunst (beispielsweise für den Bereich des sozialistischen Realismus in der marxistischen Literaturtheorie) immer wieder neu aufgenommen. In der Epoche des Realismus ist, ausgehend von Frankreich, eine zunehmend antiillusionistische und gesellschaftskritische Darstellungshaltung der Literatur zu beobachten, Gesellschaftsroman und zeitkritische Novelle werden besonders häufig verwendete Darstellungsformen der Literatur. Im deutschen Sprachraum war in dieser Epoche die oft idyllisierend- harmonistische => Dorfnovelle beliebt, aber auch der historische Roman und die historische Novelle. Aus der Betonung der damals künstlerisch dominierenden Gesellschaftsschicht ist der Begriff bürgerlicher Realismus, aus der Akzentuierung der Notwendigkeit einer genuin künstlerischen Gestaltung der beobachteten Wirklichkeit der Begriff poetischer Realismus abgeleitet.

Inhaltsangabe:

In einem westfälischen Dorf kommt Friedrich Mergel als Sohn eines Halbmeiers 1738 zur Welt. Der Vater ist ein Trinker, dessen erste Frau ihn nach einer Woche verlassen hat, und so wächst Friedrich in verwahrlosten Verhältnissen auf, denn Margret, seine Mutter, hat sich gegen Mergels Art nicht durchsetzen können. In Friedrichs neuntem Lebensjahr wird sein Vater tot im nahegelegenen Brederholz aufgefunden. Von da an beginnt der stille, verschlossene Friedrich sich unter dem Einfluss seines Onkels Simon Semmler zu einem der Anführer der Dorfjugend zu entwickeln, da er an Kraft, Tapferkeit und Rauflust die meisten überbietet. Er beginnt eine Freundschaft mit dem unehelichen Johannes Niemand, der - fast ein Doppelgänger - zu seinem ständigen Begleiter wird, aber einen stillen, Friedrichs früherem Wesen ähnelnden Charakter hat.

Als eine berüchtigte Bande von Holzfrevlern in der Gegend ihr Unwesen treibt, wird der Oberförster Brandis mit einer Axt erschlagen. Friedrich wird verdächtigt, da er kurz vorher eine Auseinandersetzung mit Brandis hatte, kann aber seine Unschuld beweisen. Der Mord bleibt ungeklärt. Vier Jahre später wird Friedrich vom Juden Aaron in der Öffentlichkeit an zehn Taler, die er ihm noch schuldig sei, erinnert. Friedrich fühlt sich gedemütigt. Als der Jude im Brederholz erschlagen wird, verschwindet zunächst Friedrich und wenige Tage darauf Johannes Niemand. Die Juden aus der Gegend kaufen die Buche, unter der Aaron gefunden wurde, und hauen als Inschrift ein: »Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.« Friedrich kann der Mord durch seine Abwesenheit nicht nachgewiesen werden, später bringt das Geständnis eines anderen Juden kurz vor dem Freitod Zweifel in die Angelegenheit. 28 Jahre später kommt ein Fremder ins Dorf. Es ist Johannes Niemand, der aus der Türkei zurückkehrt, wo er 26 Jahre in Sklaverei gelebt hat. Friedrich verlor er im Krieg aus den Augen. Er wird im Dorf aufgenommen und verdient mit Löffelschnitzen sein Brot. Eines Tages findet man ihn erhängt an der Judenbuche. Als er hinabgetragen wird, erkennt ihn der Gutsherr an einer Narbe als Friedrich Mergel.

Charakterisierung zu Friedrich Mergel:

Friedrich Mergel wird 1738 in Bellersen geboren. Er ist der einzige Sohn eines Grundeigentümers geringerer Klasse und wächst im schlecht gebauten Dorf Bellersen, im Fürstbistum Paderborn, auf. Er lebt in einem verkommenen Haus. Friedrich geht aus der 2. Ehe seines Vaters mit Margreth Semmler hervor. Die erste Ehe seines Vaters, Hermann Mergel, scheiterte unter anderem, weil Hermann dem Alkohol verfallen war. Als Friedrich neun Jahre alt ist, kommt sein Vater in einer stürmischen Nacht um. Danach verschlimmern sich die, bereits etwas verwahrlosten, Zustände weiter. Er muss nun Tag für Tag die Kühe an das andere Ende des Tales bringen und wird wohl auch dadurch immer stiller und verschlossener. Er wird vor und nach dem Tod seines Vaters nicht besonders religiös erzogen, was man beispielsweise an der folgenden Aussage seiner Mutter sehen kann: „Kind, bete ein wenig - du kannst ja schon das halbe Vaterunser“.(S.9 Z.12) Margreth aber ist sehr fromm und religiös. Drei Jahren nach dem Tod des Vaters, erscheint Friedrichs Onkel, der Bruder von Friedrichs Mutter, Simon Semmler bei ihm. Friedrich nimmt ihn als „Adoptivvater“ an. Simon hat einen schlechten Einfluss auf ihn und ist ein Widersacher Margreths, indem er auch ihre Religiosität verspottete. Friedrich wird zu einem hochmütigen, gewaltbereiten, eitlen jungen Mann, der sich auch durch Kraft an die Spitze der Dorfjugend bringt - das Böse gewinnt Macht über Friedrich. Seinen Hochmut dokumentiert er beispielsweise, als er seinem Freund Johannes Niemand eine alte Violine dafür gibt, weil dieser ihm Schuhe und Weste durch das Dorf getragen hat.

„Wer zweifelt daran, dass Simon alles tat, seinen Adoptivsohn dieselben Wege zu leiten, die er selber ging? Und in Friedrich lagen Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten: Leichtsinn, Erregbarkeit und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den Schein verschmähte und dann alles daransetzte, durch Wahrmachung des Usurpierten möglicher Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht unedel, aber er gewöhnte sich, die innere Schande der äußeren vorzuziehen. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während seine Mutter darbte.“(S.36,Z.1-12)

Er distanziert sich immer weiter von seiner Mutter, und lässt ihr, im Gegenteil zu seinem Onkel Simon, kein Zeichen der Zuneigung zukommen. Die Gewaltbereitschaft, die wohl auch von Friedrichs Vater ausgeht, vor dem er großen Respekt wegen seiner Strenge, Gewalttätigkeit und Unheimlichkeit hatte, bekommt Friedrichs Freund Johannes zu spüren. Seinen Hochmut, seine „Überlegenheit“ und die Eigenschaft, dass er dem Bösen verfallen ist, spiegelt sich an mehreren Stellen des Textes an seinem Blick wieder:

„Der fremde Knabe hatte sich wieder über die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines offenbar mehr selbstischen als gutmütigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger Klarheit zum ersten Male bestimmt den Ausdruck jenes ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum Grosstun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Handlungen hervortrat.“(S.19,Z.4-13)

„Ein paar mal belebten sich seine Augen und nahmen den ihnen eigentümlichen glasartigen Glanz an, aber gleich nachher schloss er sie wieder halb und gähnte und dehnte sich.“(S.24,Z.27-31)

Dass er wie Simon über allem steht, zeigt folgender Abschnitt:

„Fußhoch über die anderen tauchte sein blonder Kopf auf und nieder, wie ein Hecht, der sich im Wasser überschlägt.“(S.38,Z.16-18) Als er von dem Juden Aaron, während er mit seiner silbernen Taschenuhr vor einer Festgesellschaft prunkt, um das Geld für diese Uhr gemahnt wurde, fühlte sich der hochmütige Friedrich so stark gedemütigt, dass er Aaron ermordet. Nachdem er nach 28 Jahren aus der türkischen Sklaverei entlassen wird, versteckt er sich vor seinem eigenen „ich“, indem er sich als seinen Freund Johannes Niemand ausgibt. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt durch Löffelschnitzen und Botengänge, doch nachdem er einen Löffel beim Schnitzen zerstört, macht er auch seinem Leben ein Ende, und zwar an der gleichen Buche, an der auch Aaron von ihm ermordet wurde.

Interpretation:

Der Novelle liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, die der Dichterin seit ihrer Kindheit aus Erzählungen über ihre westfälische Heimat vertraut war und die ihr Onkel August von Haxthausen unter dem Titel "Geschichte eines Algierer Sklaven" nach Gerichtsakten aufzeichnete und 1818 veröffentlichte. Die Schriftstellerin erfindet eine Vorgeschichte zu dem wirklich geschehenen Ereignis, womit es ihr gelingt dieses Ereignis als Folge einer Störung der menschlichen Gemeinschaft darzustellen. Das Verhängnisvolle dieser allgemeinen gesellschaftlichen Situation enthüllt sich in einem individuellen Schicksal, das sich in einer Reihe von ungewöhnlichen Ereignissen zunehmend dramatisch zuspitzt. Ein Symbol im Text, der in fünf große Erzählabschnitte eingeteilt ist, ist die Buche. Zuerst steht sie im Brederholz in der Umgebung von „Gleichgesinnten“, wird aber nach der Abholzung des Waldes, wovon nur diese Buche ausgenommen ist, weil die Juden sie gekauft haben, zu einem Außenseiter. Ebenso könnte man Friedrich mit dieser Buche identifizieren: Erst ein unscheinbarer Teil des Ganzen, der sich durch seine Charakteränderung, aufgrund seines Onkels, zum Bösen hin entwickelt und zu einem Außenseiter, wie die Buche, wird. So wie Friedrich mit dem Bösen in Verbindung gebracht werden kann, ebenso steht die Buche, der die Juden durch die Inschrift die Rache an dem Mörder anvertrauen, für Unheil, denn unter ihr und in der nahen Umgebung stirbt Hermann Mergel, der Jude Aaron wird dort erschlagen und Friedrich beendet an diesem Ort sein Leben. Es ist durch die Inschrift vorbestimmt, dass Friedrich an dieser Buche eines Tages das Leben verlieren würde. Es weiß auch niemand, wie der Krüppel auf den Baum kommt. Die Narbe, die an Friedrichs Hals zu finden ist, wird während der Handlung nicht erwähnt, denn es ist kein Zeichen einer früheren Verletzung, sondern eine Narbe als Zeichen ungesühnter Schuld. Nach katholischem Glauben könnten Reue, Beichte und das Vertrauen auf den Erlöser Christus die Sünde tilgen. Bevor Friedrich stirbt, ist es bildlich dargestellt, wie er den „Löffel abgab“. Ein Mädchen hatte ihn dabei gesehen, wie er einen Löffel, durch welche er sich als alter Mann den Lebensunterhalt verdiente, beim Schnitzen entzwei schnitt. Simon könnte man als Helfer des Teufels ansehen, der die Menschen zum Bösen treibt. Friedrich denkt in der stürmischen Nacht, als sein Vater nicht nach Hause kommt, wie der Teufel wohl aussehen möge. Als Simon mit Friedrich an die Buche kam, sagte er:

„...hier haben Ohm Franz und der Hülsmeyer deinen Vater gefunden, als er in der Betrunkenheit ohne Buße und Ölung zum Teufel gefahren war.“(S.17,Z.3-5)

Er schafft es, aus einem unscheinbaren, schüchternen Jungen einen gewaltbereiten, eitlen Hochmut zu machen, der auch, was man ihm früher niemals zugetraut hätte, einen Mord begeht. Die Anziehung von Simon ist so stark, dass er nach der Rückkehr aus der Sklaverei zuerst nach Simon und dann nach seiner Mutter fragt. Nach der Umpolung zu einer starken Persönlichkeit lebt in Friedrich der „Niemand“, der er vorher war, in der Gestalt des „Johannes Niemand“ weiter. Die zwei scheinen ein und dieselbe Person zu sein, denn sie haben fast das gleiche Aussehen, und anscheinend auch nur eine Seele. Denn das „allgemeine Gelächter schnitt ihm durch die Seele“ (S.39,Z.21-22), als Johannes Niemand als Butterdieb ertappt wird. Während er in der türkischen Sklaverei ist, wird er wieder zu einem „Niemand“ und bei seiner Rückkehr auch als solcher erkannt. Die „Blaukittel“ spielen in der Geschichte keine große Rolle. Der schlechte Einfluss Simons wird dadurch nur noch unterstützt - Friedrich wird des Mordes am Förster Brandis verdächtigt, nachdem er die Blaukittel wohl vor diesem gewarnt hat, und Brandis in die falsche Richtung, zu eben jenen, geschickt hat. Dann bringt Simon Friedrich davon ab, zur Beichte zu gehen, weil er Brandis den falschen Weg geschickt hat, und von da an beginnt „diese unglückliche Wendung seines Charakters.“(S.36,Z.13)

Intention:

Droste versucht in der Novelle zu erklären, wie ein Mensch dazu kommt, Mörder zu werden. Sie sucht die Gründe dafür im sozialen Umfeld jener Zeit. Aufgrund ihrer Gläubigkeit folgert die Autorin, dass sich der Mörder zwar der irdischen Gerechtigkeit entziehen konnte, aber die höhere Gesetzmäßigkeit das Böse schließlich doch besiegt. Sinnbild für den Sieg der höheren Gerechtigkeit ist die Judenbuche.

Form:

Die Judenbuche ist n Form einer Novelle geschrieben, das heißt, dass es ein Symbol für die Handlung und ihre Aussage gibt (in diesem Fall die Buche) und dass nur ein Handlungsstrang verfolgt wird. Die Judenbuche ist nicht in Kapitel gegliedert, allerdings lassen sich zwei Teile ausmachen: Vor und nach der Ermordung des Juden Aaron. Vor dem Mord ist das Buch eine Kriminalgeschichte, die den Täter, seine Veranlassung, die Tat auszuüben und die Tat selbst beschreibt. Nach dem Mord ist es eine Detektivgeschichte, in der Indizien und Vermutungen zum Vorschein kommen, allerdings gibt es keinen Detektiv, diese Rolle ist auf den Leser übertragen.

Sprache:

Das Buch "Die Judenbuche" ist 1842 zum ersten Mal als eine Art "Fortsetzungsroman" im Literaturteil des Stuttgarter Morgenblatts erschienen. Entsprechen "alt" ist auch der Sprachstil. Außerdem sind die Sätze oft so verschachtelt, dass man beim Lesen immer mit voller Konzentration dabei sein muss, sonst verliert man den Faden. Bsp.: >> Simon Semmler war ein kleiner, unruhiger, magerer Mann mit vor dem Kopf liegenden Fischaugen und überhaupt einem Gesicht wie ein Hecht, ein unheimlicher Geselle, bei dem dicktuende Verschlossenheit oft mit ebenso gesuchter Treuherzigkeit wechselte, der gern einen aufgeklärten Kopf vorgestellt hätte und statt dessen für einen fatalen, Händel suchenden Kerl galt, dem jeder um so lieber aus dem Wege ging, je mehr er in das Alter trat, wo ohnehin beschränkte Menschen leicht an Ansprüchen gewinnen, was sie an Brauchbarkeit verlieren. <<

Das sind 80 Wörter in einem Satz!

Interessant an der Sprache ist auch, dass der Erzähler, der normalerweise allwissend ist, sich in diesem Buch meistens nur auf Vermutungen und Indizien stützt, das erhöht die Spannung.

Beispiel: >> Vor der Hochzeit soll sie gesagt haben... <<

>> Es hieß, an diesem Tage habe Mergel zuerst Hand an sie gelegt. <<

>> Friedrich hatte seinen Vater auf dem Stroh gesehen, wo er, wie man sagt, blau und fürchterlich ausgesehen haben soll <<

Symbolik:

Die Figur des Johannes Niemand:

- verkörpert Friedrichs abgelegtes Ich, sein „verkümmertes Spiegelbild“.

- versinnbildlicht Friedrichs wahren Zustand: ein „sozialer Niemand“

Die Figur des Simon

- nach dem Tod Friedrichs Vater ist er der wahre Nachfolger des Bösen

- im Charakter und in seiner Vergangenheit häufen sich anklagende Zeichen

- Mittler zwischen Reich der Verdammten und der normalen Welt

-->Er hat den stärksten Einfluss auf die Entwicklung Friedrichs und fördert seinen Geltungsdrang

Die Buche

- Sinnbild des Gerichts und der Wiederherstellung aber auch des Bösen

--> Das Böse ist nicht auf die menschliche Ordnung begrenzt.

--> Es gibt eine über alles stehende, undurchschaubare Ordnung, die Mensch und Natur unter sich begreift.

-->Existenz einer göttlichen Schöpfungsordnung die dem Bösen Grenzen setzt, indem sich das Böse am Ende stets selbst zum Opfer fallen muss

Die Erzählperspektive:

Die Autorin steht über dem Geschehen(auktoriale Erzählperspektive), schränkt aber ihre Verantwortung ein, indem sie immer wieder die Unzuverlässigkeit ihre Beobachtungen oder ihrer Informationen hervorhebt. -->Der Leser wird genötigt zu beobachten und Schlüsse zu ziehen.

Literaturverzeichnis:

Primärliteratur: Droste-Hülshoff, Anette, Die Judenbuche, Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1964

Quellen:

http://www.hausarbeiten.de http://www.hausaufgaben.de http://www.fundus.org http://www.terminal.at http://www.referate.de

Erklärung:

Ich erkläre, dass ich diese Arbeit ohne fremde Hilfe angefährtig und nur die im Literatur und Quellenverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Neuss, den 16.05.2001

12 von 13 Seiten

Details

Titel
Droste-Hülshoff, Annette von - Die Judenbuche
Note
2
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V102510
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Droste-Hülshoff, Annette, Judenbuche
Arbeit zitieren
Michael Schorn (Autor), 2001, Droste-Hülshoff, Annette von - Die Judenbuche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102510

Kommentare

  • Gast am 15.11.2001

    das.

    ich finde diese geschichte ist so was von übertrieben alt geschrieben, dass kein durschnittlicher leser sie fliesend lesen kann ohne alle 2 wörter in einem alt-deutsch-wörterbuch nachzuschlagen.
    ich denke wenn so eine novelle schon im deutsch-unterricht behandelt werden muss, sollte man sie schülerfreundlicher schreiben. aus, ende, amen

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