Innerparteilicher Entscheidungsprozeß


Hausarbeit, 1995
23 Seiten, Note: 2

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<p><a name="Pg1"></a>&nbsp;</p>

<p>Autor: Maik Güneri</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Werte &amp; Wertewandel</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Gliederung:</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>1. Einleitung</p>

<p>2. Wesen und Funktion von Werten in der Gesellschaft</p>

<p>2.1. Institutionalisierung von Werten</p>

<p>2.2. Reproduktion, Legitimation und Erhalt</p>

<p>3. Wertprioritäten in der Nachkriegsgesellschaft</p>

<p>3.1. Privates vor Öffentlichem</p>

<p>3.2. Wirtschaftsleistung vor politischen Errungenschaften</p>

<p>3.3. Gratifikation vor Partizipation</p>

<p>4. Der Wertewandelsschub in den Sechziger Jahren</p>

<p>4.1. Der Wandel der Erziehungswerte</p>

<p>4.2. Bedingungen für den Schub (nach Klages)</p>

<p>4.2.1. Die historische Vorbereitungsphase</p>

<p>4.2.2. Die Häufung sozio-ökonomischen Wandels</p>

<p>4.2.3. Die Bereitschaft zum Wandel</p>

<p>4.2.4. Die Gleichzeitigkeit historischer Ereignisse</p>

<p>5. Die Wertewandelshypothesen von Inglehart</p>

<p>6. Wertetypen</p>

<p>7. Wertorientierungen in der DDR / Ostdeutschland</p>

<p>8. Fazit</p>

<p>9. Literatur</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg2"></a>1. Einleitung</p>

<p>In der Bundesrepublik Deutschland wird seit geraumer Zeit von vielen Seiten ein Zustand der &nbsp;politischen Lähmung beklagt. Vor allen im wirtschaftspolitischen Bereich werden anstehende &nbsp;Probleme zwar erkannt, diese jedoch nicht entschlossen angegangen. Sieht man von der durch &nbsp;den schleichend beginnenden Wahlkampf geprägten Bundespolitik, z.B. in Punkto &nbsp;Steuerreform, einmal ab, so werden andauernde Verteilungskämpfe, ausgeprägtes &nbsp;Besitzstandsdenken und eine weitverbreitete Versorgungsmentalität als Hindernis auf dem &nbsp;Weg zu einer politischen und gesellschaftlichen Modernisierung konstatiert. Als Beispiel für &nbsp;diese Bestandteile politischer Kultur in Deutschland kann z.B. die Kontroverse über die &nbsp;Subventionierung des Westdeutschen Bergbaus im Frühjahr diesen Jahres dienen. Diese &nbsp;,,Output-Orientierung" weiter Teile der Bevölkerung dokumentiert jedoch nur einen Teil der &nbsp;Werteskala. Ein weiteres oftmals kritisiertes Phänomen ist die fortschreitende &nbsp;Individualisierung der Gesellschaft.</p>

<p>Diese Individualisierung, festgemacht beispielsweise an zunehmenden Single-Haushalten, &nbsp;steigenden Scheidungsraten und sinkender Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement, &nbsp;dient vielerorts als Hauptgrund für eine erwartete ,,Atomisierung" der bundesdeutschen &nbsp;Gesellschaft, von der steigende Jugend- und Gewaltkriminalität nur die ersten Vorboten seien. &nbsp;Altbundeskanzler Helmut Schmidt bemerkte beispielsweise in der ZEIT: ,,Wenn aber &nbsp;jedermann ausschließlich seine eigenen Rechte verfolgte und keinerlei Pflichten und &nbsp;Verantwortung akzeptierte, dann kann ein Volk und sein Staat ... in Feindschaften, in &nbsp;Konflikte und schließlich in Chaos verfallen.[1] ". Schmidt schrieb diese Zeilen begleitend zur &nbsp;Veröffentlichung der ,,Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten" die vom InterAction &nbsp;Council der Weltöffentlichkeit zur Diskussion vorgelegt wurde. Die These von den ernster zu &nbsp;nehmenden Pflichten soll zwar wie erwähnt eine internationale Resonanz finden, hätte aber &nbsp;laut Schmidt auch und gerade in Bezug auf die Bundesrepublik eine zwingende Relevanz: &nbsp;,,Eine weitgehende permissive Erziehung orientiert sich allzu einseitig an den Grundrechten, &nbsp;von Grundpflichten ist kaum die Rede. Rücksichtslos egoistische ,Selbstverwirklichung` &nbsp;erscheint als Ideal, Gemeinwohl dagegen eher als bloße Phrase.[2] "</p>

<p>Diese Hausarbeit soll einen Einblick in Dynamik und Strukturen der Entwicklung von</p>

<p>Wertprioritäten in Deutschland geben. Ausgehend von einer allgemeinen Betrachtung von</p>

<p>Werten hinsichtlich ihrer Bedeutung für Erhalt und Gestaltung menschlicher Gemeinschaften, &nbsp;werde ich die Entwicklung des Wertesystems von den Anfangsjahren der Bundesrepublik bis &nbsp;heute skizzieren und verschiedene Theorien über die Gründe ihres Verlaufes vorstellen. Da <img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image001.png" style="height:2px; width:6px" /><img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image001.png" style="height:2px; width:6px" /></p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg3"></a>die Datenlage in Bezug auf Ostdeutschland vor 1990 eher dürftig ist, liegt das</p>

<p>Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf der Entwicklung in Westdeutschland. Bezüglich des DDRWertesystems und seiner vierzigjährigen Entwicklung werde ich am Ende einige Theorien vorstellen, welche zu sehr differenten Ergebnissen kommen.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>2. Wesen und Funktion von Werten in der Gesellschaft</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>2.1. Institutionalisierung von Werten</p>

<p>Die Werte eines einzelnen, sowie personenübergreifende gruppeneigene Werte sind zwar im Bewusstsein des einzelnen verankert, lassen sich jedoch nicht auf diese psychische Dimension reduzieren. Sie haben eine Außenwirkung und sind in verschiedenen gesellschaftlichen &nbsp;Subsystemen, bzw. Ordnungen institutionalisiert. Nimmt man z.B. das klassische &nbsp;demokratische Werttrias <em>Freiheit, Gleichheit, Br</em><em>ü</em><em>derlichkeit</em>, so lässt sich dieses unter &nbsp;anderem in der Rechtsordnung und der politischen Ordnung eines demokratischen Staates &nbsp;nachweisen. In der Bundesrepublik sind die unantastbare Menschenwürde, die Gleichheit vor dem Gesetz und der Kasus der unterlassenen Hilfeleistung Beispiele für das wertorientierte Rechtssystem; die politische Ordnung hütet die Grundwerte u.a. durch die Meinungsfreiheit, das Wahlrecht und die Aufrechterhaltung eines sozialen Netzes.</p>

<p>Neben den oben erwähnten Grundwerten sind eine Vielzahl weiterer Werte institutionalisiert. &nbsp;Die christliche Religion ist eine nach wie vor große Quelle von Werten, die beispielsweise in &nbsp;der kulturellen Ordnung verankert sind (Monogamie, Familie). In der kulturellen Ordnung &nbsp;findet sich aber auch eine Vielzahl institutionalisierter Werte, die jüngeren Quellen &nbsp;entspringen. Der Umweltschutzgedanke beispielsweise fand seit den späten Siebziger Jahren &nbsp;immer mehr Resonanz, so dass mehr oder weniger umweltbewusstes Leben seit geraumer Zeit &nbsp;zur ,,Grundausstattung" des Alltags vieler Bundesbürger gehört[3]. Auch die &nbsp;Gleichberechtigung der Frau ist trotz aller politischen Willensbekundungen und &nbsp;Zugeständnisse der letzten Hundert Jahre erst seit kurzer Zeit ernstzunehmender Bestandteil &nbsp;der westlichen kulturellen Ordnung.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Auch in totalitären Gesellschaften lässt sich der Niederschlag des Wertsystems in den</p>

<p>verschiedenen Ordnungen nachweisen. Untersucht man z.B. eine absolute Monarchie wie aus &nbsp;der Historie hinlänglich bekannt, so stößt man im Bereich der politischen Ordnung auf &nbsp;Zensur, ungleiches Wahlrecht (sofern vorhanden) und Steuern, welche Teile der Bevölkerung &nbsp;auf Dauer unter die Armutsgrenze drücken. Dies alles ist Ausdruck der tiefen Überzeugung <img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image002.png" style="height:1px; width:6px" /></p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg4"></a>von der Ungleichheit des Menschen und der damit verbundenen differenten Rechte und</p>

<p>Ansprüche.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>2.2. Reproduktion, Legitimation und Erhalt</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Für die Sozialstruktur einer Gesellschaft haben Werte zwei zentrale Bedeutungen:</p>

<p>1. Herrschaftslegitimation. Auch hier kann man wie schon bei der Institutionalisierung zwei Arten von Herrschaft betrachten. Die demokratische Herrschaft fußt auf den oben erwähnten Grundwerten. Mehrheitsentscheidungen und das Berücksichtigen von Minderheiten sind ihr Ausdruck. Eine nichtdemokratische Herrschaft legitimiert sich dahingegen beispielsweise durch ,,göttlichen Willen" oder durch erkannt geglaubte Gesetzmäßigkeiten der Geschichte wie im Fall der sozialistischen Staaten des 20.Jahrhunderts.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>2. kulturelle Reproduktion. Hierunter versteht man die von Generation zu Generation</p>

<p>(mitunter modifiziert) weitergegebene soziale Grundstruktur. Wie bereits unter Punkt 2.1.</p>

<p>erwähnt wird diese in Mitteleuropa durch christliche Werte wie beispielsweise den</p>

<p>Familienzusammenschluss dominiert. Systeme die eine revolutionäre Veränderung der</p>

<p>Gesellschaft zum Ziel hatten setzten daher auch Vorzugsweise an der Stelle an wo Werte, also &nbsp;der ,,Kitt" der Struktur, vermittelt wurden, nämlich bei der Sozialisation nachfolgender &nbsp;Generationen.</p>

<p>Betrachtet man die beiden deutschen totalitären Systeme des 20.Jahrhunderts, die DDR und &nbsp;das III. Reich, so haben beide, trotz offensichtlich unterschiedlicher Zielsetzung und nicht zu &nbsp;vergleichender Auswirkungen, versucht einen neuen Menschen und somit eine neue &nbsp;Gesellschaft zu erschaffen. Die Erziehungssysteme beider Staaten nahmen ein Großteil der &nbsp;Erziehungsverantwortung und damit der Wertvermittlung der Familie aus den Händen und &nbsp;übergaben sie an staatliche Jugendorganisationen, welche neue ideologiekonforme Werte &nbsp;vermittelten. Dieses nicht zuletzt durch Propaganda, welche auch in vielen anderen Bereichen &nbsp;des öffentlichen Lebens eingesetzt, das Wertsystem des bereits mündigen Staatsbürgers &nbsp;beeinflussen sollte.</p>

<p>Auch in demokratischen Gesellschaften wird die Wertvermittlung nicht allein der Familie &nbsp;überlassen, sondern vielmehr durch Sozialisationsmaßnahmen (Schulpflicht) in &nbsp;Sozialisationsanstalten (Schulen) durch den Staat ergänzt. weiterhin kann man auch &nbsp;verschiedene nichtstaatliche Institutionen nennen, welche die Weitergabe, bzw. den Erhalt</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg5"></a>von Werten gewährleisten, beispielsweise Jugendzentren, Kirchengruppen oder auch</p>

<p>Sportvereine. Eine für die Bundesrepublik Deutschland eher unübliche Form der</p>

<p>Wertvermittlung ist die durch staatliche Symbole. Wirft man jedoch einen Blick über den</p>

<p>Atlantik, so wird man feststellen, dass Fahne und Hymne im Schulalltag eine nicht</p>

<p>unerhebliche Rolle spielen um die Nachfahren der ehemaligen <em>frontier-community</em> jeden Tag aufs neue an die Grundwerte zu erinnern.[4]</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>3. Wertprioritäten in der Nachkriegsgesellschaft</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Da diese Arbeit in erster Linie die Wertorientierung und ihre Entwicklung in der</p>

<p>Bundesrepublik Deutschland beschreiben soll, verzichte ich an dieser Stelle auf eine genaue &nbsp;Darstellung historischer Verlaufslinien und damit auch auf eventuelle Traditionsbrüche oder &nbsp;Kontinuitäten bezüglich des Nationalsozialismuses, wie sie beispielsweise Alexander und &nbsp;Margarete Mitscherlich 1967 in ihrer Veröffentlichung ,,Die Unfähigkeit zu trauern" auf &nbsp;psychologischer Ebene nachzeichneten[5]. Als Quintessenz sei hier nur erwähnt, dass nach der &nbsp;totalen Niederlage und der damit verbundenen narzißtischen Kränkung des <em>Ich-Ideals</em> ein &nbsp;Ausgleich geschaffen wurde. Das in den Fünfziger Jahren einsetzende Wirtschaftswunder und &nbsp;die damit verbundene Wohlstandsgesellschaft befriedigten laut den Mitscherlichs die &nbsp;Bundesbürger in zweierlei Hinsicht: äußerlich durch materiellen Wohlstand und im &nbsp;psychischen Bereich durch die Bewunderung der deutschen Wirtschaftsleistung seitens der &nbsp;ehemaligen Siegermächte, die Zerstörer des alten Ich-Ideals.</p>

<p>Die psychologischen Thesen (Abkehr vom öffentlichen Leben, Stolz auf Wirtschaftsleistung, &nbsp;etc.) lassen sich durch eine empirische Erhebung belegen die seinerzeit die erste ihrer Art war &nbsp;und Daten zum Zustand der politischen Kultur in Deutschland sowie in vier ausgesuchten &nbsp;weiteren Nationen darlegte[6]. Die Autoren Almond und Verba kamen seinerzeit zu drei &nbsp;Hauptthesen mit denen man die Orientierung der Nachkriegsdeutschen skizzieren kann.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>3.1. Privates vor Öffentlichem</p>

<p>Almond und Verba konstatierten beispielsweise: ,,Germans are often members of voluntary &nbsp;associations, but rarely active within them.[7]". Ähnlich verhielt es sich im politischen Bereich. &nbsp;Die Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik war beispielsweise 1961 mit 87,7% um rund 10 &nbsp;% höher als bei der 94´er Wahl[8], die Mitgliederzahl der CDU jedoch lag damals bei gerade &nbsp;ca. 240.000 (1994: ca. 670.000; davon Ost: ca. 77.000)[9]. Almond und Verba kommentierten &nbsp;1963: ,,Many Germans assume that the act of voting is all that is required of a citizen.<s>[10]</s>". In <img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image002.png" style="height:1px; width:6px" /><img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image002.png" style="height:1px; width:6px" /><img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image002.png" style="height:1px; width:6px" /><img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image001.png" style="height:2px; width:6px" /><img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image001.png" style="height:2px; width:6px" /><img src="file:///C:/Users/USER~1.EAT/AppData/Local/Temp/msohtmlclip1/01/clip_image002.png" style="height:1px; width:6px" /></p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg6"></a>einem Umfragetableau der</p>

<p><em>Five-nations-Studie</em> lässt sich die These ,,Privates vor Öffentlichem" sehr gut nachvollziehen. &nbsp;Gefragt wurde nach den bevorzugten Freizeitaktivitäten. Die Ergebnisse sind in Prozent &nbsp;angegeben, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. Die linke Kolonne steht für die &nbsp;Privatinteressen, die rechte Kolonne repräsentiert eher öffentliche, bzw. gemeinnützige &nbsp;Aktivitäten:</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Hobbys, Sport 61 Politik 3</p>

<p>Kultur 52 Wirtschaftliche Interessenvertretung 1 &nbsp;Reisen 7 Andere Interessenvertretung 0 &nbsp;Anderes 15 Spendensammlung 2 &nbsp;Nichts 6 Religiöse Aktivitäten 4 &nbsp;Weiß nicht 1 Soziale Aktivitäten<s>[11]</s> 8</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>3.2. Wirtschaftsleistung vor politischen Errungenschaften</p>

<p>Ein zweiter Aspekt der die Nachkriegsmentalität der (West-) Deutschen charakterisiert, ist der &nbsp;des Stolzes auf verschiedene Teilbereiche ihres Vaterlandes. Allen (außen- und innen-) &nbsp;politischen Errungenschaften zum Trotz, war von Stolz bezüglich demokratischer &nbsp;Institutionen oder der neugewonnen Rolle in der Internationalen Politik nichts zu verzeichnen. &nbsp;Die Deutschen anerkannten die Leistung und die Effektivität des Systems und verfolgten das &nbsp;politische Geschehen sehr aufmerksam, bauten aber keine emotionale Beziehung auf. Almond &nbsp;und Verba hierzu: ,,In Germany we have the interesting combination of high exposure and &nbsp;attentiveness to the political system, along with an absence of pride in it.<s>[12]</s>". Nachfolgend nun &nbsp;ein Tableau welches in vier Gruppen aufgeteilt ist. Der erste Block (Oben links) beinhaltet &nbsp;politische Aspekte, der zweite Block (Unten links) geistige Aspekte, der dritte Block (Oben &nbsp;rechts) Wirtschaftliches und der vierte Block (Unten rechts) die Restnennungen. Auch hier &nbsp;sind die Angaben in Prozent und Mehrfachnennungen möglich.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Politische Institutionen 7 Wirtschaftssystem 33</p>

<p>Sozialgesetzgebung 6 Volkscharakter 36 Rolle in internationaler Politik 5</p>

<p>Geistige Werte, Religion 3 Landschaft 17 &nbsp;Künstlerische Leistungen 11 Anderes 3</p>

<p>Wissenschaftliche Leistungen 12 Nichts / Weiß nicht<s>[13]</s> 15</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg7"></a>Die These von der Wirtschaftsorientierung weiter Teile der Bevölkerung lässt sich hieraus</p>

<p>sehr gut ersehen. Während die politischen Aspekte die wenigsten Nennungen erhalten, sind &nbsp;mehr als 2/3 der Befragten Stolz auf den wirtschaftlichen Bereich. Das Item <em>Volkscharakter &nbsp;</em>ist dem Wirtschaftsblock zugeordnet, da es bei der damaligen Umfrage mit den Adjektiven &nbsp;<em>sparsam, sauber, flei</em><em>ß</em><em>ig, effizient</em> präzisiert wurde, also Eigenschaften, die nach wie vor &nbsp;häufig als Erklärung für das Wirtschaftswunder dienen. Nach Meinung vieler Autoren war es &nbsp;gerade die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der jungen Bundesrepublik die durch ihre &nbsp;anhaltende Prosperität und die damit verbundene Bedienung der damaligen Wertorientierung &nbsp;zur Stabilisierung der akzeptierten, jedoch nicht geliebten politischen Institutionen beitrug.<s>[14]</s></p>

<p>3.3. Gratifikation vor Partizipation</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Die dritte Hauptcharakteristikum wurde bereits in der Einleitung kurz angesprochen. Es</p>

<p>handelt sich hierbei um die sogenannte <em>Outputorientierung</em> weiter Teile der Bevölkerung. Wie &nbsp;bereits erwähnt, fand in der Nachkriegszeit ein Rückzug aus dem politischen Leben statt, das &nbsp;Private wurde gepflegt, dem Staat stand man zwar wohlwollend jedoch nicht mit ideeller &nbsp;Überzeugung gegenüber. Man war hauptsächlich an den Leistungen des Staates und nicht an &nbsp;seinem ideellen Überbau interessiert. Es waren nur wenige, die den Geist der Verfassung mit &nbsp;Leben zu füllen versuchten<s>[15]</s>. In dem folgenden Tableau wird der Frage nachgegangen, &nbsp;inwiefern sich der Normalbürger in seiner Gemeinde engagieren sollte. Der obere Block steht &nbsp;für Partizipation im weitesten Sinne (passiv &amp; aktiv), der Untere für eine Ablehnung von &nbsp;Beteiligung. Zur besseren Einordnung der deutschen Antworten ist das Ergebnis der &nbsp;traditionell gewachsenen</p>

<p>US-Demokratie gegenübergestellt (in Prozent, Mehrfachnennungen möglich).</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>BRD USA</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Sollte aktiv sein 22 51</p>

<p>Nur passive Partizipation 38 27</p>

<p>Partizipation nur in kirchlichen Belangen 1 5 &nbsp;61 83</p>

<p>Aufrechte Lebensführung 11 1 Keine Partizipation 7 3</p>

<p>Weiß nicht 21 11</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg8"></a>Anderes[16] 1 2</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>40 17</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Die Autoren der Studie: ,,Voting is frequent, but more informal means of political</p>

<p>involvement, particularly political discussion and the forming of political groups are more</p>

<p>limited. (...) And norms favoring active political participation are not well developed.<s>[17]</s>". Ein &nbsp;weiterer Hinweis auf die Outputorientierung der Bevölkerung liefern die Umfrageergebnisse &nbsp;bezüglich der Zuständigkeit von Staatsbürger und/oder den Behörden. Die Befragten sollten &nbsp;entscheiden wer, Bürger oder Behörde<s>[18]</s>, am ehesten zuständig und in der Lage wäre gegen &nbsp;ein offensichtlich ungerechtfertigtes Gesetz vorzugehen. Die Autoren der Studie sprechen hier &nbsp;von <em>citizen competence</em>, der Möglichkeit des Einzelnen auf lokaler oder nationaler Ebene auf &nbsp;die Gesetzgebung seines Landes Einfluss zu nehmen. Auch in diesem Fall sind die</p>

<p>Umfrageergebnisse Deutschlands den Ergebnissen anderer Länder gegenübergestellt (in Prozent, Mehrfachnennungen).<s>[19]</s></p>

<p>In dieser Umfrage kann natürlich nur die von den Befragten angenommene, bzw. empfundene citizen competence wiedergegeben werden. Auffällig ist in diesem Fall, dass zwar der &nbsp;deutsche Wert der ,,Bürgerkompetenz" von dem italienischen Ergebnis noch unterboten wird (dem Land welches ob seiner damals jüngsten Vergangenheit von den fünf ausgewählten &nbsp;noch am ehesten mit Deutschland vergleichbar ist), das Verhältnis</p>

<p>Bürger-/Behördenkompetenz aber als einziges zugunsten der staatlichen Stellen ausfällt. Ein &nbsp;Phänomen übrigens, welches sich nicht nur aus dem erwähnte Weltkriegstrauma speist, &nbsp;sondern vielmehr ein Anknüpfen an eine Entwicklung darstellt, welche ihre Anfänge bereits &nbsp;im Biedermeier nahm<s>[20]</s>. Bis in die Neunziger Jahre hinein scheint diese unpolitische Tradition &nbsp;der Deutschen fortzubestehen und neben althergebrachten Überzeugungen (Politik = &nbsp;Schmutzig) neue Formen der politischen Enthaltsamkeit (sinkende Wahlbeteiligung) &nbsp;hervorzubringen.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>4. Der Wertewandelsschub in den Sechziger Jahren</p>

<p>Wie dargestellt, war die deutsche Werteskala in den Anfangsjahren eindeutig von materiellen Werten geprägt. Die alten Werte lebten fort, ihrer politischen Dimension durch das oftmals als ,,traumatisch" gedeutete Weltkriegs- und Zusammenbruchserlebnis entledigt. Was blieb war eine in hohem Maße florierende Wirtschaft und eine Politik die hierfür die</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg9"></a>Rahmenbedingungen stellte. In diese Phase der gesellschaftlichen Stille fielen jedoch die</p>

<p>Anfänge einer Entwicklung die dem westdeutschen Wertesystem ein neues Gesicht geben &nbsp;sollte. Der Aufbruch zu Selbstverwirklichung und Individualisierung, lange Zeit auch als &nbsp;Aufbruch zum ,,freien Menschen" und zu einer wahrhaft demokratischen Gesellschaft &nbsp;gefeiert, in jüngeren Tagen aber auch immer öfter als eben deren Totengräber beklagt.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>4.1. Der Wandel der Erziehungswerte</p>

<p>Unter Punkt 2.2. wurde bereits dargelegt, das Werterhaltung, bzw. die Weitergabe von Werten &nbsp;hauptsächlich während der Phase der Sozialisation, der Erziehung geschieht. In diesem &nbsp;Bereich ließ sich seit Beginn der Sechziger Jahre eine Trendwende feststellen, die bis in die &nbsp;Gegenwart anhält und, nach einem kurzen Zwischentief in den Siebzigern, an Dynamik nichts &nbsp;einbüßte. Traditionelle Werte wie <em>Ordnungsliebe</em> und <em>Gehorsam</em> verloren im Bereich der &nbsp;Kindeserziehung zunehmend an Bedeutung. Die Erziehung zur <em>Selbst</em><em>ä</em><em>ndigkeit</em> hingegen fand &nbsp;immer mehr Zuspruch in der westdeutschen Bevölkerung. Die Sozialwissenschaft fasst dieses &nbsp;Phänomen unter der Formel ,,von Pflicht- und Akzeptanzwerten zu Selbstentfaltungswerten" &nbsp;zusammen<s>[21]</s>. Den Verlauf des Wandels verdeutlicht nachstehende Grafik:</p>

<p>Die Werte die der nachfolgenden Generation vermittelt wurden, reiften natürlich schon in der &nbsp;Elterngeneration heran. Deutlich ersichtlich ist das Ansteigen der Kurve in der zweiten Hälfte &nbsp;der Sechziger Jahre, der Phase des Protestes der Studentenbewegung im Speziellen und der &nbsp;jüngeren Generation im Allgemeinen gegen den gesellschaftlichen und politischen Stillstand. &nbsp;Da die Sozialisation dieser Generation in der Nachkriegszeit oder sogar früher stattfand, bleibt &nbsp;die Frage wie es zu dem Wandel in der Orientierung kommen konnte. Unter dem folgenden &nbsp;Punkt werde ich zwei Theorien vorstellen, die (sich teilweise ergänzend) versuchen,</p>

<p>Erklärungen zu finden.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>4.2. Bedingungen für den Schub (nach Klages)</p>

<p>Klages geht davon aus, dass ein Wertewandelsschub wie er in der Bundesrepublik stattfand von mehreren Seiten beeinflusst wird. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem &nbsp;<em>Mehrebenenansatz</em>, der zur Erklärung heranzuziehen ist. Dieser Ansatz beinhaltet: 1. eine <em>Vorbereitungsphase</em>, welche über einen längeren und tiefreichenden Zeitraum die &nbsp;sozio-ökonomischen Strukturen verändert; 2. eine <em>H</em><em>ä</em><em>ufung des </em></p>

<p><em>sozio-</em><em>ö</em><em>konomischen Wandels</em> in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Wertewandelsschub, 3. &nbsp;einer <em>Bereitschaft zum Wandel</em> auf der Mikroebene der jeweiligen Gesellschaft und 4. eine</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg10"></a><em>Gleichzeitigkeit historischer Ereignisse</em>, die einem symbolischen ,,Startschuss"</p>

<p>gleichkommen.<s>[22]</s></p>

<p>&nbsp;</p>

<p>4.2.1. Die historische Vorbereitungsphase</p>

<p>Die Vorbereitungsphase begann laut Klages bereits in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. &nbsp;Die Industrialisierung, die damit verbundene Urbanisierung und tiefgreifende Umgestaltung &nbsp;des Alltags und der Arbeitswelt führten zu einer Neugliederung der deutschen Gesellschaft. &nbsp;Die Menschen fanden sich in klar voneinander abgegrenzten Schichten wieder, welche durch &nbsp;die Berufswelt geprägt waren. Diese Schichten waren es auch, die den Erlebnishorizont ihrer &nbsp;Mitglieder absteckten, man bewegte sich hauptsächlich in der eigenen Schicht, Kontakte</p>

<p>darüber hinaus waren eher selten. In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurde diese</p>

<p>Schichtgebundenheit durch die zunehmende Technisierung der Arbeitswelt aber immer weiter &nbsp;aufgelöst. Große Teile der Arbeit wurden in immer mehr produktionsferne Bereiche verlagert &nbsp;(Produktionsvorbereitung, Kontrolle, Planung, etc.), so das die Berufswelt zunehmend &nbsp;facettenreicher wurde. Eine Schichtzuordnung fiel dementsprechend immer schwerer. Der &nbsp;steigende Wohlstand tat sein übriges um die Welt außerhalb der traditionellen Schichtgrenzen &nbsp;für den Einzelnen erfahrbar zu machen. Neben der Entwicklung in der Arbeitswelt kommt der &nbsp;Änderung der Familienstruktur in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts eine wichtige Rolle &nbsp;zu. Das seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts immer weiter verbesserte Renten- und &nbsp;Sozialsystem sorgte dafür, dass Kinder immer weniger als Altersversorgung ihrer Eltern &nbsp;benötigt wurden. Die Kleinfamilie begann sich durchzusetzen, so das der einzelne Mensch, &nbsp;nicht nur im räumlichen Sinn, immer mehr Bewegungsfreiheit erhielt. All diese &nbsp;Entwicklungen mündeten in den frühen Sechziger Jahren in eine Gesellschaft, die unter dem &nbsp;Zeichen von Entschichtung und beginnender Individualisierung stand.<s>[23]</s></p>

<p>&nbsp;</p>

<p>4.2.2. Die Häufung sozio-ökonomischen Wandels</p>

<p>Ende der Fünfziger Jahre und zu Beginn der Sechziger Jahre traten in der Bundesrepublik &nbsp;einige sozio-ökonomischen Wandlungsprozesse mehr oder weniger synchron auf. Die &nbsp;Entwicklung der vorangegangenen Hundert Jahre bündelte sich in einem kurzen Zeitraum in &nbsp;strukturellen Neuerungen, die den Boden für den beginnenden Wertewandel bereiteten.</p>

<p>1. <em>Konsumentensouver</em><em>ä</em><em>nit</em><em>ä</em><em>t</em>. Das Konsumverhalten der Bevölkerung änderte sich im Zuge &nbsp;des Wirtschaftswunders. Der steigende Wohlstand ermöglichte es vielen Deutschen Konsum &nbsp;nicht länger als eine Art materieller Existenzsicherung sondern vielmehr als Ausdruck</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg11"></a>individueller Neigungen zu betrachten. Die neugewonnene Kaufkraft bedeutete zum Einen die</p>

<p>Eintrittskarte in eine neue Erfahrungswelt und zum Anderen die Möglichkeit sich selbst durch individuelles Konsumverhalten darzustellen. Dieses wurde nicht zuletzt auch durch den &nbsp;Wandel vom <em>Anbietermarkt</em> zum <em>Nachfragemarkt</em> ermöglicht.</p>

<p>2. <em>Abnehmende Arbeitszeit</em>. Die seit längerem abnehmende Arbeitszeit unterschritt laut Klages &nbsp;in der zu untersuchenden Zeitspanne denjenigen Punkt, ab welchem man vom Beginn einer &nbsp;<em>Freizeitgesellschaft</em> sprechen kann (z.B. wurde 1957 die Arbeitszeit der Industriearbeiter auf</p>

<p>45 Stunden pro Woche gesenkt).</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>3. <em>Motorisierung</em>. Die Motorisierung brachte den Deutschen zusammen mit der</p>

<p>expandierenden Freizeit die Möglichkeit in Form von Mobilität ihre alten Grenzen zu</p>

<p>überschreiten und neue Eindrücke aufzunehmen, sei es durch die Arbeit in einer anderen Stadt oder Urlaubsreisen.</p>

<p>4. <em>Dynamisierung der Renten</em>. Die in der Rentenreform von 1957 geregelte Dynamisierung der Rente führte neben der endgültigen Verabschiedung vom Prinzip ,,Alterssicherung durch Kinder" (s.o.) zu einem veränderten Sparverhalten der Bevölkerung. Das angesparte Geld wurde nicht länger als ,,Notgroschen" betrachtet sondern vielmehr zur Anschaffung von kostspieligen Gebrauchsgütern aufgewendet. Ein weiterer Schritt auf dem Weg in die &nbsp;Konsumgesellschaft und den damit verbundenen Folgen</p>

<p>(siehe 1.).</p>

<p>5. <em>Bildungsreform</em>. Die unter Punkt 4.2.1. fortlaufende Technisierung der Arbeitswelt und die daraus resultierende Schichttransparenz forderten von den Bundesbürgern eine stetige &nbsp;Weiterbildung, gewährleisteten diese allerdings auch. Die geistigen Horizonte wurden also auch in diesem Bereich weiter hinausgeschoben.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>6. <em>Medienrevolution</em>. Das Fernsehen trat in jenen Tagen seinen Siegeszug in deutschen</p>

<p>Wohnzimmern an. Zwar war die Verbreitung nicht mit der Heutigen zu vergleichen, jedoch &nbsp;öffnete sich für viele Bundesbürger ein ,,Fenster zur Welt". Auch das Radio, zur Zeit der &nbsp;nationalsozialistischen Herrschaft als Propagandainstrument eingeführt, lieferte nach &nbsp;Kriegsende Informationen und Eindrücke die den Bundesbürgern neu waren. Welten mit &nbsp;anderem Alltag und anderer Wertlage wurden frei Haus geliefert und bereicherten so die &nbsp;Erfahrungswelt der Menschen.<s>[24]</s></p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg12"></a>4.2.3. Die Bereitschaft zum Wandel</p>

<p>Die Bereitschaft zum Wandel wie sie in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden war, &nbsp;erklärt sich größtenteils aus der zunehmenden Entschichtung der Gesellschaft. Wie unter &nbsp;Punkt 4.2.1. beschrieben stellten die Schichtgrenzen für den Menschen des Zeitalters der &nbsp;Industrialisierung zugleich die Grenzen seines Erlebnishorizontes dar. Man verkehrte &nbsp;hauptsächlich unter Angehörigen der selben Schicht und internalisierte so auch das &nbsp;schichtspezifische Wertesystem. Werte die dem Einzelnen wichtig waren wurden auch von &nbsp;seiner Umwelt im gleichen Sinne bewertet. Um es auf eine sozialwissenschaftliche Formel zu &nbsp;bringen könnte man sagen, dass das subjektiv ,,Wichtige" gleich dem objektiv erfahrenen &nbsp;,,Richtigen" war. Die Bestätigung des individuellen Wertesystems durch die Gemeinschaft &nbsp;kann man auch als <em>kulturelle Au</em><em>ß</em><em>enst</em><em>ü</em><em>tze</em> beschreiben. Diese Außenstütze verlor im Verlauf &nbsp;der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts aus vielerlei Gründen immer mehr an Bedeutung<s>[25]</s>, so &nbsp;das die subjektiven Werte nunmehr ohne den gesellschaftlichen Rückhalt waren und sich an &nbsp;einer Vielzahl anderer Wertmaßstäbe messen ließen. Diese Entwicklung öffnete somit den &nbsp;Wertehorizont der Menschen und machte sie für neue Orientierungen zugänglich.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>4.2.4. Die Gleichzeitigkeit historischer Ereignisse</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Klages gibt als letztendlichen Auslöser für den Wertewandelsschub zwei historische</p>

<p>Ereignisse an, die einerseits die materielle Grundlage, andererseits den Bereich der Politik</p>

<p>betreffen. Dem Wirtschaftswachstum schienen Anfang der Sechziger Jahre auf absehbare Zeit &nbsp;keine Grenze gesetzt zu sein. Dieses befreite die Bevölkerung von ihren existentiellen Sorgen &nbsp;die lange Zeit das Leben weiter Teile der Bevölkerung bestimmten. Betroffen waren hierbei &nbsp;nicht nur die Jahrzehntelang an der Armutsgrenze lebenden unteren Schichten, sondern &nbsp;vielmehr auch Angehörige des Kleinbürgertums, welche durch Wirtschaftskrisen, Weltkriege &nbsp;und Systemwechsel in der ersten Hälfte des Jahrhunderts oftmals ihrer materiellen &nbsp;Grundlagen beraubt waren. Die traditionellen Werte wie Anpassung, Gehorsam, Fleiß, etc. &nbsp;waren zum großen Teil Vehikel für das Überleben im materiellen Existenzkampf gewesen, &nbsp;welcher nun für lange Zeit erfolgreich bestritten schien. In diese Phase der relativen &nbsp;materiellen Sorglosigkeit fiel ein Ereignis aus der Politik, die Ablösung Adenauers als &nbsp;Bundeskanzler. Adenauer, so Klages, war für viele Deutsche ein Symbol für die alten Werte. &nbsp;Diese Werte hatten lange Zeit ihre Berechtigung und einen nicht zu unterschätzenden Anteil &nbsp;am geglückten Wiederaufbau gehabt. Dieser schien jedoch nun abgeschlossen, so das man mit &nbsp;der Inangriffnahme neuer Ziele beginnen konnte. Die wirtschaftliche Grundlage war gegeben,</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg13"></a>die Pflicht erfüllt, nun konnte sozusagen die Kür folgen, der Aufbruch zu einem freieren</p>

<p>Menschen.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>5. Die Wertewandelshypothesen von Inglehart</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Der amerikanische Sozialwissenschaftler Ronald Inglehart stellte bereits in den siebziger</p>

<p>Jahren erste Forschungen zu einem die gesamte westliche Welt betreffenden Wertewandel an. &nbsp;Als Essenz seiner Ergebnisse seien hier nur zwei Hypothesen vorgestellt, die sich für einen &nbsp;gewissen Zeitraum auf die Entwicklung in Westdeutschland anwenden lassen, die Mangel- und die Sozialisationshypothese. Die Mangelhypothese geht davon aus, dass sich das &nbsp;unmittelbare sozio-ökonomische Umfeld eines Menschen nachhaltig auf seine Wertprioritäten &nbsp;auswirkt. Der größte subjektive Wert entfällt hierbei auf Dinge an denen Mangel herrscht. &nbsp;Ergänzt wird die Mangelhypothese durch die Sozialisationshypothese. Inglehart sagt, dass &nbsp;sich die Wertprioritäten eines Individuums zum größten Teil zur Zeit seiner Sozialisation &nbsp;herausbilden. Alle späteren, zum Zeitpunkt der Adoleszenz, erfolgenden Eindrücke werden &nbsp;das Wertesystem nie insoweit beeinflussen, als dass die Prioritäten der Jugendzeit komplett &nbsp;aufgegeben würden.<s>[26]</s></p>

<p>Betrachtet man nun die Entwicklung in der Bundesrepublik, so sieht man Ingleharts Thesen &nbsp;bis zu einem gewissen Punkt bestätigt. Die Generation die verstärkt den Wertewandel &nbsp;vorangetrieben hat und diese veränderten postmaterialistischen Werte schließlich auch in &nbsp;handfeste gesellschaftspolitisch relevante Formen brachte wuchs mehrheitlich in der &nbsp;Nachkriegszeit auf. An materiellen Dingen herrschte seit den frühen Fünfziger Jahren kein &nbsp;wirklich existentieller Mangel mehr, so das sich die Wertprioritäten dieser und späterer &nbsp;Generationen eher an Postmaterialistischen Werten ausrichtete. Seit der zweiten Hälfte der &nbsp;Achtziger Jahre wird nun aber, gerade in der jüngeren Generation, ein Ansteigen der &nbsp;materialistischen Werte verzeichnet, obwohl die Siebziger Jahre auch nicht gerade als Zeiten &nbsp;des Mangels bezeichnet werden können. Ölkrise und steigende Arbeitslosenzahlen waren &nbsp;zwar Vorboten des wirtschaftlichen Abschwungs, jedoch dürften diese die damalige Jugend &nbsp;nicht wirklich existentiell eingeschränkt haben. Es kann davon ausgegangen werden, dass es &nbsp;sich in diesem Fall um eine künstlich erzeugte Form von Mangel handelt. Steigender &nbsp;Fernsehkonsum bei gleichzeitig steigender Programmvielfalt verändert den Blickwinkel auf &nbsp;die gesellschaftlichen Realitäten. Luxus in Form von exotischen Reisezielen, exklusiven &nbsp;Wohnlagen und teuren Markenartikeln wird zum alltäglichen Begleiter nicht nur der jüngeren &nbsp;Generation. Die scheinbare Normalität die die veränderte Medienlandschaft diesen</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg14"></a>Luxusartikeln verleiht führt meines Erachtens dazu, dass eine Nichtteilnahme an dieser</p>

<p>Konsumwelt als Mangel empfunden wird. Darüber hinaus bricht sich der steigende</p>

<p>Individualismus in Form dieses neuen Materialismus Bahn und Konsum wird zur ultimativen (weil bequemsten) Form der Selbstdefinition und -darstellung.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>6. Wertetypen</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Der Megatrend des Wertewandels wurde als Bewegung von den Pflicht- und</p>

<p>Akzeptanzwerten zu den Selbstentfaltungswerten benannt. Natürlich sind unter der</p>

<p>Bevölkerung Deutschlands keine ,,Reintypen" zu verzeichnen. Die Wertorientierung jedes</p>

<p>Einzelnen ist eine Melange aus vielen verschiedenen Versatzstücken, die je nach Gewichtung &nbsp;lediglich die grobe Richtung der individuellen Präferenzen beschreiben. Trotzdem begann &nbsp;man in den Siebziger Jahren mit einer Typisierung der Bevölkerung, die zum damaligen &nbsp;Zeitpunkt vier verschiedene Wertetypen vorsah. Dieses Raster wurde im Lauf der Jahre &nbsp;ergänzt und teilweise modifiziert, ist aber nach wie vor ein adäquates Instrument um &nbsp;Wertgewichtungen und ihre eventuellen Verschiebungen in der Bundesrepublik darzustellen. &nbsp;Nach der deutschlandpolitischen Wende des Jahres 1989 wurde dieses Raster auch auf die &nbsp;Bevölkerung der ehemaligen DDR angewandt, wo man erstaunlicherweise zu sehr ähnlichen &nbsp;Ergebnissen, hinsichtlich der Relation der Typengrößen, wie in Westdeutschland kam<s>[27]</s>. Seit &nbsp;der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre erfolgt die Einteilung in der Regel in fünf &nbsp;verschiedene Typen:</p>

<p>1.<em> Der nonkonforme Idealist</em>. Dieser Typ zeichnet sich durch hohe Selbstentfaltungswerte und eher schwach entwickelte Pflicht- und Akzeptanzwerte aus. Eine hohe</p>

<p>Engagementbereitschaft im gemeinnützigen Bereich wird ihm ebenso bescheinigt wie eine relativ hohe ,,Immunität" gegenüber materiellen Dingen. Es handelt sich zumeist um junge Menschen mit einem gehobenen Bildungsstand. Der nonkonforme Idealist ist jemand, bei dem sich der Wertewandel ,,umsturzartig" vollzog. Sein Gesamtanteil an der Bevölkerung liegt in den Neunziger Jahren bei ungefähr 10 %.</p>

<p>2. <em>Der ordnungsliebende Konventionalist</em>. Geprägt durch schwache Selbstentfaltungswerte und hoch entwickelte Pflicht- und Akzeptanzwerte, handelt es sich hier zumeist um ältere Menschen mit Volks-, bzw. Hauptschulbildung und/oder einer abgeschlossenen Lehre. Bei dieser Gruppe scheint der Wandel nicht oder kaum Spuren hinterlassen zu haben. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird auf 20-25% geschätzt.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg15"></a>3. <em>Der Perspektivenlose Resignist</em>. Vertreter dieses Wertetypus werden auch häufig als</p>

<p>,,Verlierer" des Wandels bezeichnet. Beide Werteseiten sind schwach entwickelt, unter diesen Typus fallen zum größten Teil ganz alte oder junge Menschen auf niedrigem sozialen Level. Auch hier wird der Anteil auf 20-25% geschätzt.</p>

<p>4. <em>Der aktive Realist</em>. Mit ca. 30% die größte Gruppe innerhalb der Typenskala. Bei den &nbsp;aktiven Realisten scheint sich eine Wertsynthese vollzogen zu haben. Sie weisen ungefähr &nbsp;gleich hohe Werte im Selbstentfaltungs- und im Pflicht-/Akzeptanzbereich auf. Sie beharren &nbsp;auf ihr Recht, wenn sie von diesem überzeugt sind, haben andererseits allerdings auch die &nbsp;Fähigkeit zur Unterordnung wenn sie diese als zweckdienlich erkennen. Wie auch bei den &nbsp;nonkonformen Idealisten ist hier eine hohe Engagementbereitschaft zu erkennen. Die &nbsp;Angehörigen dieses Gruppe werden mehrheitlich dem mittleren Alter und einem gehobenen &nbsp;sozialen Level zugeordnet.</p>

<p>5. <em>Der hedonistische Materialist</em>. Dieser Typus wurde erst in der zweiten Hälfte der Achtziger &nbsp;Jahre in die Skala aufgenommen. Er zeichnet sich aus durch hohe Selbstentfaltungswerte, die &nbsp;sich allerdings im Gegensatz zum Idealisten größtenteils auf den Bereich des Konsums im &nbsp;weitesten Sinne beziehen. Die Pflicht- und Akzeptanzwerte sind teilweise entwickelt, werden &nbsp;aber nur insofern genutzt, als das sie die Grundlagen für das Ausleben der Selbstentfaltung &nbsp;gewährleisten. Es besteht die Bereitschaft zu ausreichender Leistung ohne außergewöhnliche &nbsp;Anstrengung. Das Engagement im gemeinnützigen Bereich ist gering. Der hedonistische &nbsp;Materialist erfährt zunehmend größere Verbreitung unter jungen Menschen, sein derzeitiger &nbsp;Anteil liegt bei etwa 10%.<s>[28]</s></p>

<p>&nbsp;</p>

<p>7. Wertorientierungen in der DDR / Ostdeutschland</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>Die Werteforschung in Westdeutschland und anderen westlichen Nationen beruht vor allen</p>

<p>Dingen auf Umfragen und statistischen Erhebungen. Für den Bereich der ehemaligen DDR ist &nbsp;solches Material nicht oder nur rudimentär verfügbar. Man ist bei der Deutung der &nbsp;Entwicklung daher auf Theorien angewiesen, welche auf Daten beruhen die größtenteils nach &nbsp;1989 erhoben wurden. Drei von ihnen sollen an dieser Stelle vorgestellt werden. Alle drei &nbsp;kommen zu sehr differenten Ergebnissen hinsichtlich der Verlaufsanalyse und des Ausblicks. &nbsp;Gemeinsam sind ihnen die Fragestellungen die sie bearbeiten: 1. <em>Fand ein Wertewandel &nbsp;statt?</em>; 2. <em>Gab es eine Modernisierungseinwirkung?</em>; 3. <em>War die Entwicklung &nbsp;systembeeinflusst?</em>; 4. <em>Sind langfristige Wertedifferenzen zwischen Ost und West zu &nbsp;erwarten?</em>.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg16"></a>I. <em>Systembedingter Wandel</em>. Hauptvertreter dieser Theorie sind Maaz und Eisenmann. Sie</p>

<p>gehen davon aus das ein Wandel stattfand, der allerdings unter anderen Vorzeichen stand als &nbsp;im westlichen Teil Deutschlands. Das Herrschaftssystem des SED-Staates sorgte mit seiner &nbsp;umfassenden Präsenz in Alltag und Berufsleben der Bürger für eine Art <em>Entm</em><em>ü</em><em>ndigung</em> der &nbsp;Ostdeutschen. Hierdurch eines Großteils ihrer Initiative und Selbständigkeit beraubt, bildete &nbsp;die ostdeutsche Bevölkerung eine ,,Versorgungsmentalität" aus, die nach der &nbsp;Wiedervereinigung an einer Anspruchshaltung gegenüber dem Staat abgelesen werden kann, &nbsp;die die westlichen Werte um einiges übersteigt (Zuständigkeit des Staates bezüglich &nbsp;Arbeitsplätze, Wohnungen, Preise, etc.<s>[29]</s>). Die These des systembedingten Wandels geht &nbsp;davon aus, dass die vorhandenen Unterschiede in der Wertegewichtung frühestens in der &nbsp;zweiten Generation nach der Vereinigung überwunden werden können.</p>

<p>II. <em>Kein Wertewandel</em>. Dieser Ansatz von Weidenfeld und Korte bescheinigt der ostdeutschen &nbsp;Mentalität eine Konservierung der kleinbürgerlichen Wertorientierung, wie man sie auch aus &nbsp;der Frühphase der Bundesrepublik kennt. Die anhaltende Anlehnung an die unpolitischen &nbsp;biedermeierlichen Traditionen der deutschen Geschichte wurde durch das Entstehen der &nbsp;sogenannten <em>Nischengesellschaft</em> gefördert. Da der Staat das öffentliche Leben mehr oder &nbsp;weniger total beherrschte, sah man im Rückzug in die Privatsphäre die einzige Möglichkeit &nbsp;sich ein gewisses Maß an Freiheit zu erhalten, bzw. zu schaffen. Eine Modernisierung der &nbsp;sozio-ökonomischen Strukturen (wie an anderer Stelle für die Bundesrepublik beschrieben) &nbsp;fand zwar statt, jedoch verankerte sich diese Umstrukturierung nicht in der Mentalität der &nbsp;Bevölkerung. Das so entstandene Missverhältnis zwischen modernen Strukturen und &nbsp;antiquiertem Wertesystem führte zu einem Wertewandelsstau. Die Verfechter dieser Theorie &nbsp;gehen davon aus, dass sich die Wertesysteme in Ost und West relativ schnell angleichen &nbsp;können (wobei der Osten auf den Westen zugeht), wenn der <em>Modernisierungsschock</em> der &nbsp;ostdeutschen Bevölkerung überwunden ist. Dieser Schock stellte sich nach der &nbsp;Wiedervereinigung ein, durch welche die ehemaligen DDR-Bürger sich gezwungen sahen ihr &nbsp;tägliches Leben in einer Gesellschaftsform einzurichten, in der Eigeninitiative und &nbsp;Selbständigkeit zur Sicherung der Existenzgrundlage essentiell sind.</p>

<p>III. <em>Wandel durch Modernisierung und Systembeeinflussung</em>. Klages vertritt eine Theorie, die &nbsp;von einem Wandel ausgeht der durch zwei Seiten beeinflusst war. Den Verlauf dieses &nbsp;Wandels teilt er in vier Phasen ein. In der ersten Phase (Fünfziger und Sechziger Jahre) kam &nbsp;es einerseits zu einer Enttraditionalisierung von Religion, andererseits zu einer Vertiefung des &nbsp;arbeitszentrischen Selbstverständnisses. In der zweiten Phase, die für die Siebziger Jahre</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg17"></a>angesetzt wird, kommt es zu einer inneren Abnabelung vom Staat. Es entfaltete sich eine</p>

<p>Rollendistanz (bezüglich der offiziellen Staatsbürgerrolle und der Privatrolle), die sich z.B. in &nbsp;der Differenzierung der offiziellen Sprache zur Alltagssprache ausdrückt. In der dritten Phase &nbsp;(Achtziger Jahre) wird diese Rollendistanz noch gesteigert. Durch das zunehmend verfügbare &nbsp;Westfernsehen dringt die Modernisierungseinwirkung im Westen in das ostdeutsche &nbsp;Wertesystem ein. Die hedonistischen Werte steigen im Zuge dieser Westorientierung vor &nbsp;allem unter der jüngeren Generation an. Der in der vierten Phase des Wandels erfolgende &nbsp;Zusammenschluss mit der Bundesrepublik verstärkt diesen Trend aber nicht, sondern führt zu &nbsp;einer Aktualisierung noch vorhandener Reserven an konventionalistischen Werten. Diese &nbsp;werden als nötig angesehen um in dem schnell einsetzenden Wettbewerb um die &nbsp;Existenzsicherung bestehen zu können (siehe auch Punkt 4.2.4.). Ausblickend gibt Klages zu &nbsp;bedenken, dass durch den <em>funktionalen Analphabetismus</em><em><s>[30]</s></em> und ein <em>Post-Decision-Regret</em><em><s>[31]</s></em> &nbsp;eine äußerst labile mentale Situation in Ostdeutschland geschaffen ist, deren Fortgang als &nbsp;Ungewiss gelten muss.<s>[32]</s></p>

<p>&nbsp;</p>

<p>8. Fazit</p>

<p>Wie dargestellt, entwickelten sich die Wertprioritäten in Deutschland von den Pflicht- und &nbsp;Akzeptanzwerten zu den Selbstverwirklichungswerten. Diese Entwicklung wurde im linken &nbsp;Spektrum der Gesellschaft anfänglich als äußerst positiv betrachtet, von den konservativen &nbsp;Kreisen teilweise als Anfang vom Ende der abendländischen Kultur angesehen. Mit dem &nbsp;Auftauchen hedonistisch orientierter Wertetypen kam die Interpretation des Wandels als einen &nbsp;Aufbruch zum besseren demokratischen Menschen ins Straucheln. Der aufsteigende &nbsp;Individualismus unterstützt zwar die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden in seinem &nbsp;Zeichen aber eher stiefmütterlich behandelt. Die Individualisierung, die in den Sechziger und &nbsp;Siebziger Jahren unter dem Vorzeichen des Postmaterialismuses stand, wurde im Laufe der &nbsp;Achtziger immer mehr von einer Entwicklung des künstlich erzeugten Mangels dominiert. &nbsp;Eine veränderte Medienlandschaft suggeriert der jungen Generation eine Alltäglichkeit von &nbsp;Luxus, die einfache wirtschaftliche Verhältnisse als Mangelsituation erscheinen lässt und so &nbsp;den materialistischen Werten zu einer Renaissance verhilft Das Ergebnis ist eine Generation, &nbsp;deren Vertreter sich selbst und andere zusehends über Äußerlichkeiten definieren. Die von &nbsp;den Protagonisten der Selbstfindung propagierte Reise zum ,,Ich" wird auf das Posieren vor &nbsp;Panoramamotiven reduziert. Diese konsumorientierte Selbstfindung ,,light" findet ihren &nbsp;Ausdruck beispielsweise in der Tatsache, dass die Freizeitindustrie (Touristik, Sport, etc.) &nbsp;munter expandiert, während Parteien und andere Verbände an Überalterung kranken.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg18"></a>Neben diesem künstlichen, durch eine erhöhte Anspruchshaltung entstandenen Mangel</p>

<p>existiert im Jugendbereich, vor allen in den östlichen Bundesländern, allerdings auch eine</p>

<p>reale existentielle Bedrohung. Zunehmende Lehrstellenknappheit und eine einhergehende</p>

<p>Diskussion um den Abbau des Sozialstaates führen in der nachrückenden Generation zu tiefer Verunsicherung bezüglich ihrer Rolle in der Bundesrepublik der Zukunft. Das Gefühl, in &nbsp;dieser Gesellschaft nicht gebraucht zu werden und die anscheinende Machtlosigkeit &nbsp;staatlicher Institutionen gegenüber einer als Bedrohung empfundenen wirtschaftlichen &nbsp;Entwicklung, können auf Dauer zu einem Vertrauensverlust für die demokratischen &nbsp;Errungenschaften der Bundesrepublik führen.</p>

<p>Ego-Kult und Nichtidentifikation mit den Grundstrukturen der Willensbildung bilden für die &nbsp;Zukunft also ein Gemisch welches an den Grundfesten dieser Gesellschaft zu rütteln beginnt. &nbsp;Die quantitative und qualitative Zunahme der Jugendgewalt sind erste Anzeichen einer &nbsp;Entwicklung, die schlimmstenfalls in eine ,,Atomisierung" der bundesdeutschen &nbsp;Gemeinschaft münden könnte. Will man diese verhindern, so sollte man der dritten Losung &nbsp;der französischen Revolution, der <em>fraternit</em><em>é</em>, mehr Bedeutung beimessen. Dieses muss vor &nbsp;allem im Bereich der Wertvermittlung geschehen, wobei man im Zeitalter von Multimedia &nbsp;und Informationsflut bedenken muss, dass nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens &nbsp;mittlerweile zur Sozialisation der Jugend beitragen. Gefragt ist also eine Stärkung des &nbsp;Gemeinsinns aller gesellschaftlichen Akteure, wobei der Anstoß von der Politik kommen &nbsp;muss. Das sie dazu in der Lage ist, bewies sie in jüngster Vergangenheit. 1993 schaffte man &nbsp;es mit Parolen wie ,,Das Boot ist voll!" in weiten Teilen der Bevölkerung den Boden zu &nbsp;bereiten für die defakto-Aushebelung eines Rechts, welches im hohen Maße menschliche &nbsp;Solidarität repräsentierte. Nun ist es Zeit an den Ursprung dieser politischen Metaphorik zu &nbsp;erinnern und aufzuzeigen, dass nur die Gemeinschaft die Grundlage für Freiheit und &nbsp;Gleichheit bietet.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg19"></a>9. Literatur</p>

<p>- Almond, Gabriel A., Verba, Sidney: The civic culture. Political attitudes and democracy in five nations, New Jersey 1963</p>

<p>- Gabriel, Oscar W., Niedermayer, Oskar, Stöss, Richard (Hrsg.): Parteiendemokratie in Deutschland, Bonn 1997</p>

<p>- Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung, 2.Aufl., Bonn 1996</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>- Greiffenhagen, Martin und Sylvia: Ein schwieriges Vaterland, München 1993</p>

<p>- Inglehart, Ronald: Kultureller Umbruch. Wertwandel in der westlichen Welt, Frankfurt/M. New York 1989</p>

<p>- Klages, Helmut: Traditionsbruch als Herausforderung. Perspektiven der Wertewandelsgesellschaft, Frankfurt/M. New York 1993</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>- Klages, Helmut: ,,...was die Welt zusammenhält", In: Das Parlament, 17/97, S. 11</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>- Klages, H., Franz, G., Herbert, W.: Sozialpsychologie der Wohlfahrtsgesellschaft. Zur</p>

<p>Dynamik von Wertorientierungen, Einstellungen und Ansprüchen, Frankfurt/M. New York &nbsp;1987</p>

<p>- Klages, Helmut, Hippler, Hans-Jürgen, Herbert, Willi: Werte und Wandel. Ergebnisse und Methoden einer Forschungstradition, Frankfurt/M. 1992</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>- Kleßmann, Christoph: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955,</p>

<p>5.Aufl., Bonn 1991</p>

<p>- Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>- Reichel, Peter: Politische Kultur der Bundesrepublik, Opladen 1981</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>- Schmidt, Helmut: ,,Zeit, von den Pflichten zu sprechen!", In: DIE ZEIT, 41/97, S. 17-19</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>- Sontheimer, Kurt: Deutschlands politische Kultur, München 1990</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg20"></a>- Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 1994. Zahlen und Fakten über die</p>

<p>Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1994</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg21"></a>1 Schmidt, Helmut: Zeit, von den Pflichten zu sprechen! In: DIE ZEIT, Nr. 41/97, S. 17</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>2 Ebd., S. 18</p>

<p>3 vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 1994. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1994, S. 540 ff</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>4 Reichel, Peter: Politische Kultur der Bundesrepublik, Opladen 1981, S. 68 ff</p>

<p>5 Mitscherlich, Alexander &amp; Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967</p>

<p>6 Almond, Gabriel A., Verba, Sidney: The civic culture. Political attitudes and democracy in five nations, New Jersey 1963</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>7 Ebd.: S. 429</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>8 Statistisches Bundesamt, a.a.O., S.154</p>

<p>9 Gabriel, Oscar W., Niedermayer, Oskar, Stöss, Richard (Hrsg.): Parteiendemokratie in Deutschland, Bonn 1997, S. 279 ff</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>10 Almond, Verba, a.a.O., S. 429</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>11 Ebd., S. 263</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>12 Almond, Verba, a.a.O., S. 105</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>13 Ebd.: S. 102</p>

<p>14 vgl. z.B.: Sontheimer, Kurt: Deutschlands politische Kultur, München 1990, S. 24 ff &amp;: &nbsp;Kleßmann, Christoph: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955,</p>

<p>5.Aufl., Bonn 1991, S. 297 f.</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>15 vgl.: Sontheimer, Kurt, a.a.O., S.25</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>16 Almond, Verba, a.a.O., S. 169</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>17 Ebd., S. 429</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg22"></a>18 Hier im weitesten Sinn gemeint: Von Regierungsstellen bis zur Polizei</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>19 Almond, Verba, a.a.O., S. 219</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>20 Sontheimer, Kurt, a.a.O., S. 37</p>

<p>21 Klages, Helmut: Traditionsbruch als Herausforderung. Perspektiven der Wertwandelsgesellschaft, Frankfurt/M. New York 1993, S. 26</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>22 Klages, Helmut: Traditionsbruch, a.a.O., S. 52</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>23 Ebd., S. 53 ff und: Geißler, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur</p>

<p>gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung, 2.Aufl., Bonn 1996, S. 23 ff</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>24 Klages, Helmut: Traditionsbruch, a.a.O., S. 63 ff</p>

<p>25 Wie in den vorangegangenen Punkten beschrieben, z.B. durch Medienrevolution, Technisierung der Arbeitswelt, etc.</p>

<p>26 Inglehart, Ronald: Kultureller Umbruch. Wertwandel in der westlichen Welt, Frankfurt/M. New York 1989, S. 92</p>

<p>27 Gensicke, Thomas: Werte und Wertwandel im Osten Deutschlands, In: Klages, Helmut, Hippler, Hans-Jürgen, Willi, Herbert: Werte und Wandel. Ergebnisse und Methoden einer Forschungstradition, Frankfurt/M. New York, 1992, S. 672 ff</p>

<p>28 · Franz, Gerhard, Willi, Herbert: Werttypen in der Bundesrepublik: Konventionalisten, Resignierte, Idealisten und Realisten. In: Klages, H., Franz, G., Herbert, W.: &nbsp;Sozialpsychologie der Wohlfahrtsgesellschaft. Zur Dynamik von Wertorientierungen, Einstellungen, Ansprüchen,</p>

<p>Frankfurt/M. New York 1987, S 40 ff</p>

<p>· Klages, Helmut: Traditionsbruch, a.a.O., S. 219 ff</p>

<p>· Gensicke, Thomas: Wertwandel im Osten, a.a.O., S. 691</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>29 Gensicke, Thomas: Wertwandel im Osten, a.a.O., S. 673</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>30 Unkenntnis der rituellen und offiziellen Mechanismen der Gesellschaft</p>

<p>&nbsp;</p>

<p><a name="Pg23"></a>31 Bedauern der Entscheidung für ein neues Gesellschaftssystem</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>32 Klages, Helmut: Traditionsbruch, a.a.O., S. 215 ff</p>

<p>&nbsp;</p>

<p>&nbsp;</p>

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Innerparteilicher Entscheidungsprozeß
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Veranstaltung
Interessenpolitik in Europa: Vom Pluralismus zum Korporatismus
Note
2
Autor
Jahr
1995
Seiten
23
Katalognummer
V102515
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hauptseminar
Schlagworte
Innerparteilicher, Entscheidungsprozeß, Interessenpolitik, Europa, Pluralismus, Korporatismus
Arbeit zitieren
Maik Güneri (Autor), 1995, Innerparteilicher Entscheidungsprozeß, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102515

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