Solidarität durch Diversität? Herausforderungen der Erziehung im Kontext der Soziologie Durkheims


Hausarbeit, 2021

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2 Die segmentierte und die arbeitsteilige Gesellschaft

3 Individualismus und Solidaritat

4 Erziehung in der arbeitsteiligen Gesellschaft
4.1 Der Lehrer: Reprasentant und Vermittler moralischer Solidaritat

5. Durkheim in der Gegenwart
5.1 Durkheim und die Schule von heute
5.2 Durkheim und der heutige Pluralismus
5.3 Politische Polarisierung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Emile Durkheim sah in den Herausforderungen der modernen Gesellschaft den An- lass, eine neue soziologische Theorie der Gesellschaft zu entwickeln und begrun- dete damit die Soziologie als autonome Wissenschaftsdisziplin (vgl. Korte, 2008, S.39). Die Betrachtung von Gesellschaften besonders im historischen Kontext fuhr- ten ihn zu seinem Konzept der segmentierten und der arbeitsteiligen Gesellschaft. Diese Interpretation von sozialen Strukturen lieferte fur ihn die Grundlage einer soziologisch fundierten Morallehre, die eng verknupft ist mit Uberlegungen zur Er- ziehung und Padagogik. Durkheim ging es nicht darum, Gesellschaft und soziale Mechanismen nur zu beschreiben und die Bedingungen moderner Gesellschaften zu entschlusseln, sondern seine Beobachtungen in ein Leitkonzept zu formen, wel­ches die Ziele einer Gesellschaft verlasslich definieren und anwenden kann. Dabei verfolgte Durkheim stets die Frage, wie Gesellschaften sich verbessern konnen und welche Mechanismen dazu dienlich sind. Durkheims dichotomisch angeordneten Einteilung in segmentierte und arbeitsteilige Gesellschaften liegt das dynamische Verhaltnis zwischen Individuum und Kollektiv zugrunde. Hieraus leitete Durkheim eine Morallehre und ein zentrales Verstandnis der gesellschaftlichen Erzieherfunk- tion ab, welche besonders in der Rolle des Lehrers zur Geltung kommt.

Die Bedeutung Durkheims ist unbestritten, auch wenn er zu seiner Zeit nicht von Kritik verschont blieb (vgl. Mayer-Drawe, 2003, S.244). Als einer der Grun- dungsvater der Soziologie ebnete er den Weg fur die Etablierung dieser Disziplin als eigenstandige Wissenschaft, die sich auf positivistische, empirische Beobach- tungen, den „sozialen Tatsachen“ wie Durkheim sie nennt, stutzt (vgl. ebd.). Seine Theorien bildeten die Grundlage vieler bedeutender Soziologen lange nach Durk- heims Tod. Dennoch stieBen seine Uberlegungen uber die Rolle der Erziehung nicht uberall auf Anklang und wurden lange in der Wissenschaft vernachlassigt (vgl. Pi­ckering, Walford, 1998, S.1 und Mayer-Drawe, 2003, S.242). Inwieweit Durkheims Konzept der Erzieherfunktion im Lichte der arbeitsteiligen Gesellschaft auch heute noch anwendbar ist und wo sie sich der Applikabilitat entzieht, soll die Kernfrage dieser Arbeit darstellen. Im besonderen Fokus steht dabei das Spannungsverhaltnis zwischen Diversifizierungsprozessen und kollektivem Interesse und welche Bedeu- tung sich daraus fur die Rolle des Erziehers ergibt. Zunachst wird allerdings Durk- heims Verstandnis von Gesellschaft in seinen Grundzugen umrissen. Die Unterteilung in segmentierte und arbeitsteilige Gesellschaften wird dabei genauer erlautert, bevor konkret auf die Rolle der Erziehung und des Lehrers eingegangen wird. Der zweite Teil dieser Arbeit behandelt durkheimische Elemente im gegen- wartigen Erziehungsverstandnis. AbschlieBend wird Durkheims Soziologie in den Kontext heutiger gesellschaftlicher Herausforderungen gesetzt.

Als Quellengrundlage sollen Durkheims 1893 verfasste Schrift Uber die Ar- beitsteilung, seine Vorlesung an der Sorbonne von 1902/1903 uber Erziehung, Mo­ral und Gesellschaft sowie die posthum veroffentlichte Zusammentragung seiner Werke Erziehung und Soziologie dienen. Fur die Untersuchung durkheimischer Elemente in der heutigen Erziehung wird der Referenzrahmen Schulqualitat NRW des Ministeriums fur Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen betrachtet.

2. Die segmentierte und die arbeitsteilige Gesellschaft

Durkheim entwickelte 1893 in seiner Dissertationsschrift Uber die Arbeitsteilung seine Soziologie vor dem Hintergrund einer sich rapide verandernden Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts. In seinen Uberlegungen geht er dabei von soziolo- gischen „Tatsachen“ aus, die unabhangig vom Individuum empirisch beobachtbar seien und sich in Form von „Motivationen, Institutionen und sozialen Handlungen“ manifestieren (Schafers, 1978, S.534). Damit legt Durkheim den Grundstein einer positivistischen Soziologie als eigene Wissenschaftsdisziplin.

In seinem Versuch die Phanomene moderner Gesellschaftswandlung zu er- fassen und zu erklaren, entwirft Durkheim ein Konzept von sozialer Solidaritat ent­lang eines evolutionaren Entwicklungsprozesses von sogenannten segmentierten Gesellschaften hin zu arbeitsteiligen Gesellschaften. Demnach sind segmentierte Gesellschaften in Horden oder Clans organisiert, die sich durch eine lose soziale Abhangigkeit zwischen den Individuen und einer geringen Bevolkerungszahl aus- zeichnen (vgl. Korte, 2008, S.36f.). Die segmentierte Gesellschaft reguliert sich durch ein Rechtssystem, das in seiner Natur repressiv ist. Die Harte dieses Rechts- systems ist notwendig, da jeder VerstoB gegen die moralischen Regeln der Gesell­schaft eine existentielle Bedrohung eben jener darstellt (vgl. ebd., S.37). Des Wei- teren definiert sich die segmentierte Gesellschaft uber ein stark ausgepragtes Kol- lektivbewusstsein und wird von religiosen Vorstellungen und einer erhohten Bedeutungsbeimessung des Kollektivs dominiert (vgl. Korte, 2008, S.36f.). Dieses Kollektivbewusstsein begrundet sich aus der Homogenitat der verschiedenen Mit- glieder der Gesellschaft (vgl. Durkheim, 2012, S.237). Indem es das Gruppengefuhl starkt, schutzt es die Gesellschaft nach auBen „und stellt eine altruistische Orientie- rung“ (Baurmann, 1999, S.87) der Mitglieder zueinander sicher.

Die arbeitsteilige Gesellschaft hingegen zeichnet sich durch eine zuneh- mende Heterogenitat ihrer Mitglieder und einer hoheren Bevolkerungszahl aus. Sie tritt in entwickelten Gesellschaften auf und wird durch eine starke Aufteilung in spezialisierte Organe gekennzeichnet, woraus sich eine hohe soziale Abhangigkeit zwischen den Gesellschaftsmitgliedern ergibt (vgl. Korte, 2008, S.37). Normativ ist die arbeitsteilige Gesellschaft entlang eines Rechtssystems orientiert, das bei Re- gelverstoBen eher auf Resozialisierung statt auf Bestrafung setzt (vgl. ebd.). Im Ge- gensatz zur segmentierten Gesellschaft steht hier das Kollektivbewusstsein weniger im Vordergrund und das Individuum hat mehr Moglichkeiten sich zu entfalten und zu agieren (vgl. ebd., S.38).

3. Individualismus und Solidaritat

Durch dieses individualistische Moment wachsender Moglichkeiten der Person- lichkeitsentwicklung scheint sich hier auf dem ersten Blick ein Paradoxon aufzutun. Musste eine Gesellschaft, die statt eines zusammenhaltenden Kollektivbewusst- seins eine immer groBere Spezialisierung vorantreibt, nicht fruher oder spater in sich selbst zusammenbrechen? Oder wie Durkheim selbst diese zentrale Frage for- muliert: „Wie geht es zu, dass das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhangt? Wie kann es zu gleicher Zeit personli- cher und solidarischer sein?“ (Durkheim 2012, S. 82). Durkheim lost dieses Prob­lem, indem er die Dynamik sozialer Solidaritat direkt aus den beiden Formen ge- sellschaftlicher Organisation ableitet. Dabei verwendet Durkheim den Begriff der Solidaritat als „ein Gefuhl der wechselseitigen Verbundenheit“ (Abels, 2017, S.170). Wie Korte es ausdruckt, beschreibt dies im weiteren Sinne die Beziehung, die aus der funktionalen Struktur einer Gesellschaft und ihrem moralischen Wert- system entsteht (vgl. Korte, 2008, S.36). Durkheim unterscheidet zwischen einer- seits mechanischer Solidaritat in der segmentierten Gesellschaft und andererseits organischer Solidaritat in der arbeitsteiligen Gesellschaft. In der Abwesenheit funktionaler Spezialisierung, zeichnet sich, wie bereits gezeigt, die segmentierte Gesellschaft vor allem durch die Homogenitat seiner Mitglieder aus. Diese Homo- genitat wird durch das Kollektivbewusstsein weiter reproduziert, es erwartet vom Individuum, sich der Konformitat zu fugen (vgl. Abels, 2017, S.171f.). Diese me- chanische Solidaritat basiert also im Kern auf der Ahnlichkeit der Individuen und steht damit in direkter Opposition zu Individualisierungsprozessen, welche weder gewunscht noch erforderlich sind (vgl. ebd., S.172).

Im Gegensatz dazu konstituiert sich die organische Solidaritat in der arbeits- teiligen Gesellschaft spezifisch aus den „unterschiedlichen, aber aufeinander bezo- genen Leistungen“ (Abels, 2017, S.170) der einzelnen Gesellschaftsmitglieder, also der Arbeitsteilung selbst. Diese tritt anstelle des Kollektivbewusstseins und stellt durch die funktionale Differenzierung soziale Abhangigkeiten zwischen den Indi- viduen her und sichert somit den Zusammenhalt einer Gesellschaft (vgl. Korte, 2008, S.39). Mit diesem Argument schafft Durkheim die Verknupfung zur Moral- lehre. Die im Mittelpunkt der modernen Gesellschaft lokalisierte Arbeitsteilung selbst stellt fur ihn die moralproduzierende Kraft dar (vgl. Baurmann, 1999, S.88). „Dadurch, dass die Arbeitsteilung zur Hauptquelle der sozialen Solidaritat wird, wird sie gleichzeitig zur Basis der moralischen Ordnung.“ (Durkheim 2012, S.471) Im Gegensatz zu anderen Soziologen seiner Zeit bezieht Durkheim damit eine klar optimistische Sichtweise in Bezug auf die moderne Gesellschaft (vgl. Baurmann, 1999, S.88).

Das bedeutet aber auch, dass sich Individualisierung nicht uneingeschrankt ins Ext­reme entwickeln darf. Durkheims durch Arbeitsteilung bedingte Individualisierung sollte nicht mit egoistischer Konkurrenz verwechselt werden. Ganz im Gegenteil: sie stellt eine gegensatzlich wirkende Kraft dar, denn durch „sie wird sich der Mensch seiner Abhangigkeit zur Gesellschaft bewusst“ (Durkheim, 2012, S.471). Die Begrenzung der Individualisierung erfolgt also durch die Pflichten und Aufga- ben, die sich durch die funktionale Spezialisierung ergeben und zugelt gleichzeitig egoistische Triebe des Menschen (vgl. Baurmann, 1999, S.88). Die Differenzierung vollzieht sich unter der Direktive eines gesellschaftlichen Ziels (vgl. Abels, 2017, S.175). Deshalb ist es auch moglich, dass sich trotz immer steigender Spezialisie- rung und Heterogenitat zwischen den Mitgliedern einer arbeitsteiligen Gesellschaft dennoch ein Gefuhl der Zusammengehorigkeit unter diesem ubergeordneten Ziel entwickeln kann (vgl. Durkheim, 2012, S.471) und religiose Momente, welche zu- vor in der segmentierten Gesellschaft solidaritatsstiftend die Ahnlichkeit zwischen den Individuen hervorhoben, nun in den Hintergrund treten. Unterschiedlichkeit zwischen den Individuen ist nunmehr nicht nur erwunscht, sondern auch notig.

Da jeder Mensch aber mit verschiedenen Fahigkeiten und Neigungen be- stuckt ist, ist es wichtig, dass sich jedes Gesellschaftsmitglied nicht nur speziali- siert, sondern, dass dies auch im Einklang mit seinen individuellen Neigungen und Vorlieben passiert, um so den hochstmoglichen gesellschaftlichen Nutzen in seiner spezialisierten Funktion zu erzielen (vgl. Korte, 2008, S.42). Durkheim hatte sich in einem spateren Buch intensiv mit den Grunden fur Selbstmord beschaftigt und wies hier, aufbauend auf seiner Theorie der arbeitsteiligen Soziologie, empirisch nach, dass Selbstmord im direkten kausalen Zusammenhang mit einer Divergenz zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlicher Erwartungen und Normen steht. Dieses Phanomen fasst er im Begriff Anomie zusammen (vgl. ebd., S.41f.). Diesen Bruch zwischen Individuum und Kollektiv versteht Durkheim als Symptom fur eine kriselnde Gesellschaft, die eine neue moralische Justierung benotigt.

Auf bemerkenswerte Weise verknupft Durkheim in seiner Soziologie also individualistische und kollektivistische Momente. Durkheim erklart die Individua- lisierung in der arbeitsteiligen Gesellschaft als zentrale Quelle fur Solidaritat und Moral, begrenzt sie aber gleichzeitig, indem er sie einem hoheren gesellschaftlichen Ziel unterordnet. Dabei stehen fur Durkheim das Individuum und das Kollektiv aber nicht in einem Konfliktverhaltnis, sondern erganzen sich (vgl. Terrier, 2013, S.503). Die Freiheit des Individuums wird nicht durch die Autoritat der Gesellschaft beschnitten, vielmehr verleiht diese dem Individuum die Fahigkeit, sein Handeln nach Pflicht und Vernunft auszurichten. „Denn um frei zu sein, darf man nicht tun, was einem gefallt. Frei sein heiBt, Herr seiner selbst zu sein“ (Durkheim, 1972, S.49).

4. Erziehung in der arbeitsteiligen Gesellschaft

Nachdem die Grundlagen Durkheims Soziologie nachvollzogen wurden, soll in die- sem Kapitel genauer auf die Bedeutung der Erziehung im Kontext der arbeitsteili- gen Gesellschaft eingegangen werden. Dass der Erziehung bei Durkheim eine zent- rale Rolle zukommt, ist angesichts seiner stetigen curricularen Nahe zur Erziehung und Padagogik nicht uberraschend: Nach seinem Abschluss war Durkheim selbst als Lehrer der Philosophie an Gymnasien tatig, bevor er an der Hochschule Sozial- wissenschaft und Padagogik lehrte (vgl. Krisam in Durkheim, 1972, S.8). Einen Einblick in Durkheims Verstandnis von Erziehung bieten seine Vorlesung Erzie- hung, Moral und Gesellschaft an der Sorbonne von 1902/19031 und die posthum veroffentlichte Sammelschrift Erziehung und Soziologie.2

Wie im vorigen Kapitel dargelegt wurde, ist die treibende Kraft fur die Er- zeugung moralischer Werte in Durkheims arbeitsteiliger Gesellschaft in der funkti- onalen Spezialisierung verankert. Durkheims Definition von Erziehung hebt sich von popularen Vorstellungen seiner Zeit bedeutend ab: Wahrend man zuvor davon ausging, dass die Erziehung dem Zweck diente, der menschlichen Natur immanente Eigenschaften „ans Licht zu tragen“ und „zur Vollendung zu bringen“ (Durkheim, 1995, S.38), so verstand Durkheim Erziehung als einen sozialen Prozess intergene- rationaler Vermittlung gesellschaftlicher Werte. Damit das Fortbestehen der gesell- schaftlichen Solidaritat im Angesicht zunehmender Individualisierungsprozesse ge- wahrleistet bleibt, ist es notig ein ausreichendes Gefuhl des Zusammenhalts zwi- schen den Gesellschaftsmitgliedern zu schaffen (vgl. Durkheim, 1995, S.45f.). Hie- rin besteht der Kernauftrag der Erziehung, deren Aufgabe es ist, die Ahnlichkeiten, „die das gesellschaftliche Leben voraussetzt“ (ebd., S.46), im Wesen der Gesell- schaftsmitglieder zu fixieren. Die eine universalistische, ideale Erziehung, von der andere zeitgenossische Erziehungswissenschaftler und Philosophen ausgingen, gibt es fur Durkheim nicht (vgl. Durkheim, 1972, S.22), stattdessen ist Erziehung fur ihn immer in die sozio-historischen Umstande der jeweiligen Gesellschaft einge- bettet (vgl. Durkheim, 1972, S.45) und muss sich von Individuum zu Individuum abhangig von seinen personlichen Neigungen und seinem sozialen Milieu unter- scheiden. Dass es nicht nur die eine Erziehung geben kann, bedingt sich allein schon aus dem Umstand der Arbeitsteilung. Verschiedene Berufe stellen unterschiedliche Anforderungen an die Erziehung in Form von spezifischen Inhalten, Brauchen und Gewohnheiten (vgl. Durkheim, 1995, S.40). Dabei beinhaltet die erzieherische Ta- tigkeit auch eine schopferische Komponente: Eigenschaften der menschlichen Na- tur werden nicht bloB zu Tage befordert, sondern aktiv geformt und beeinflusst.

Jede Generation muss erneut durch die Erziehung in ihrem Wesen verandert wer- den, damit ein moralisches Leben gefuhrt werden kann (vgl. Durkheim, 1995, S.46f.). So reproduziert die Erziehung die wichtigsten Werte einer Gesellschaft und bildet ihr solidarisches Fundament. Diese Werte benennt Durkheim explizit: „Ach- tung vor Vernunft, vor der Wissenschaft, vor den Ideen und Gefuhlen, welche die Basis der demokratischen Moral ausmachen.“ (Durkheim, 1972, S.40) Angesichts der Tatsache, dass Durkheim diese Gedanken vor uber einem Jahrhundert formu- lierte, wirkt es uberraschend, mit welch aktueller Relevanz sie heute noch gelesen werden konnen.

4.1 Der Lehrer: Reprasentant und Vermittler moralischer Solidaritat

Wie bedeutend die Erziehung fur Durkheim ist, wird auch in seinen Ausfuhrungen uber die Rolle des Lehrers deutlich. Da die Aufgabe der Erziehung so existenziell fur den Erhalt der arbeitsteiligen Gesellschaft ist, muss der Staat maBgeblich an ihrer Umsetzung beteiligt sein (vgl. ebd., S.39). In dem Sinne bietet die Schule fur Durkheim den idealen Platz fur die Sozialisation des Kindes. Der schulische Rah- men ermoglicht die Entwicklung einer hoheren moralischen Ebene des Individuums in einer Art, wie sie im Kontext der Familie, aufgrund der personlichen Beziehun- gen der Beteiligten untereinander, nicht erreicht werden kann (vgl. Wenzl, 2018, S.160). Die Lehrinhalte in der Schule sollten unter staatlichem Einfluss formuliert werden, wobei Durkheim ausdrucklich unterstreicht, dass dies nicht in einen staat- lichen Monopolanspruch auf Unterricht munden darf (vgl. Durkheim, 1972, S.39). Die Lehrkraft selbst ist dabei das Instrument der Gesellschaft, durch das die mora- lischen Prinzipien auf die nachste Generation ubertragen werden. Aus der Wichtig- keit dieser ihm anvertrauten Aufgabe soll der Lehrer die Autoritat ziehen, die fur ihre Erfullung notig ist (vgl. ebd., S.45f.). Diesen Punkt stellt Durkheim eindring- lich hervor, indem er den Beruf des Lehrers mit der Berufung eines Priesters ver- gleicht:

„denn er [der Priester] spricht im Namen eines Gottes, an den er glaubt, dem er sich naher fuhlt als die Masse der Uneingeweihten. Der nichtchristliche Lehrer kann und sollte etwas von diesem Gefuhl besitzen. Er ist ebenfalls das Organ einer groBen moralischen Person, die uber ihn hinausgeht, das ist die Gesellschaft.“ (ebd., S.48)

[...]


1 Fur diese Arbeit wurde die 1995 in zweiter Auflage herausgegebene Ubersetzung von Ludwig Schmidts verwendet.

2 Hier wurde die von Raymund Krisam 1972 herausgegebene und ubersetzte Version verwendet.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Solidarität durch Diversität? Herausforderungen der Erziehung im Kontext der Soziologie Durkheims
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Einführung in Theorien der Sozialisation
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
19
Katalognummer
V1025287
ISBN (eBook)
9783346437976
ISBN (Buch)
9783346437983
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialisation, Bildung, Bildungswissenschaft, Gesellschaftswissenschaft, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Gesellschaft, Erziehung, Sozialwissenschaft, Lehrerbildung, Arbeitsteilung, Individuum, Kollektiv, Individualismus, Kollektivismus, Morallehre, Philosophie, Ethik, arbeitsteilige Gesellschaft, Moral, Kernlehrplan, Referenzrahmen, social media, soziale Medien, politische Polarisierung, politische Radikalisierung, soziale Ungleichheit, kulturelle Diversität, Diversität, Diversifizierung, Schule, Durkheim, Emile Durkheim
Arbeit zitieren
Daniel Muchaier (Autor), 2021, Solidarität durch Diversität? Herausforderungen der Erziehung im Kontext der Soziologie Durkheims, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1025287

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