Erich Kästners erzieherische Absichten der Nachkriegszeit im Verhältnis zum Zeitgeist. Eine Analyse der Wertevermittlung


Bachelorarbeit, 2021

38 Seiten, Note: B


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Entstehungskontext
2.1. Wer ist eigentlich Erich Kästner? Biographie und Forschungsübersich
2.2. Erich Kästners Leben als Spiegel im Fliegenden Klassenzimmer
2.3. Handlung und Struktur des Kinderromans

3. Analyse und Ergebnisse
3.1. Die 1930er Jahre und der Kinderroman Das fliegende Klassenzimmer
3.1.1. Die Entstehungszei
3.1.2. Das Thema Kindhei
3.1.3. Die zeitliche Prägun
3.1.4. Die Moralvorstellunge
3.1.5. Die Schlüsselszen
3.1.6. Das Lehrer-Schüler-Verhältni
3.2. Die 2000er Jahre und Wigands Adaption von Das fliegende Klassenzimmer in 200
3.2.1. Exkurs: Zeitraffer der Geschichte zwischen Buch und Fil
3.2.2. Die aktuellste Verfilmung und das Buch im Vergleic
3.2.3. Erzieherische Maßnahmen und Ziele im. Fil
3.2.4. Das Lehrer-Schüler-Verhältni
3.3. Ausblick in die Gegenwar
3.4. Zusammenführung und Diskussion der Ergebnisse

4. Erkenntnis

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratu
5.2. Sekundärliteratu
5.3. Internetquelle
5.4. Filmographie

1. Einleitung

Die Grundidee für diese Arbeit entstand in meinem ersten Lehramtspraktikum an einem Gymnasium in einem der Stockholmer Vororte, als ich eine Klasse des 2. Jahrgangs im Kurs Tyska 3 begleitet habe. Vor allem ist mir aufgefallen, wie anders das Lehrer-Schüler-Verhältnis war, viel persönlicher und näher, als ich es aus der deutschen Schule gewohnt war. Es warf sich mir die Frage auf, ob dies eine Frage der Generation oder der Kultur ist, oder ob es lediglich meine Schule war, in der eine strenge und unpersönliche Hierarchie herrschte. Auf diese Frage habe ich nie eine Antwort gefunden, weshalb ich mich gerne weiter in das Thema Lehrer­Schüler-Verhältnis und Wertevermittlung vertiefen möchte. Eine kontrastive Untersuchung und Analyse der deutschen und schwedischen Schule übersteigt den Rahmen dieser Arbeit, deshalb möchte ich mit dem Kinderbuch Das fliegende Klassenzimmer 1 von Erich Kästner als Ausgangspunkt das Lehrerideal im Kinderroman den aktuellen Vorstellungen, genauer gesagt den Anforderungen an den Lehrer2 einer deutschen Schule von heute gegenüberstellen.

Die Erstausgabe erschien im Jahr 1933, darauf folgten drei Verfilmungen des Buches, die in unterschiedlichen Jahren veröffentlicht wurden. Der erste Film wurde 1954 veröffentlicht, der zweite 1973 und die letzte und modernste Verfilmung erschien im Jahr 2003. In diesen gut 90 Jahren hat sich rein geschichtlich und politisch einiges verändert, was natürlich Einfluss auf die Menschen und die Lebensumstände genommen hat, nicht zuletzt auf Erziehung der Kinder. Trotz dieser Veränderungen seit Erstausgabe des Buches vermittelt Kästners Kinderroman Werte, erzieherische Absichten und Grundeinstellungen, die meiner Meinung nach auch heutzutage noch aktuell und wertvoll sind und den erzieherischen Zielen des Lehrers von heute entsprechen.

Es gibt umfangreiche Forschung von unter anderem Beutler, Doderer und Haywood3 zu sowohl der Person Kästner als auch zu dem Kinderbuch. Diese Arbeit möchte die Forschung erweitern und herausfinden, welche Tugenden er eigentlich propagiert und welche erzieherische Absicht sich dahinter verbirgt, um schließlich herauszufinden, wie die Lehrerfigur im Buch und Film dargestellt und als Übermittler der Werte angewandt wird. Dabei stellt sich die Frage, ob sich diese Figur und somit die Wertevermittlung im Laufe der Zeit verändert. Die Analyse, in welchem Verhältnis die Lehrerfigur im Kinderroman von 1933 zu heutigen Erwartungen an einen Lehrer steht, soll Erkenntnis geben, inwiefern dem DfK einen pädagogisch wertvollen und aktuellen Zeitgeist zugeordnet werden kann.

Um zu untersuchen, welche erzieherischen Absichten sich hinter Kästners fliegendem Klassenzimmer verbergen, wie diese übermittelt werden und ob sich diese verändern, wähle ich eine qualitative und intermediale Inhaltsanalyse mit dem Kinderroman als Ausgangspunkt und vergleiche, inwiefern die letzte Verfilmung von 2003 in ihrer Verwirklichung und Interpretation der erzieherischen Absicht des Buches abweicht und den jeweiligen Zeitraum der Veröffentlichungen widerspiegelt.

Zuerst werden Hintergrundkenntnisse des Schriftstellers Erich Kästner und die Entstehungsgeschichte des Buches dargestellt, indem Parallelen zwischen seinem Leben und der Geschichte beschrieben werden. Es folgt eine Übersicht über den Inhalt und die Werte des Kinderbuches und inwiefern der formale Aufbau zur Vermittlung dieser beiträgt. Das Buch ist der Ausgangspunkt für diese Arbeit, aber auch die letzte und aktuelle Verfilmung aus dem Jahre 2003 wird analysiert. Um mich einer Beantwortung der Forschungsfrage zu nähern, werden außerdem äußere Faktoren, wie beispielsweise der geschichtliche Kontext, der Einfluss auf die Veränderungen und Darstellung in der Adaption genommen hat, untersucht. Der Fokus liegt aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit auf der Figur des Hauslehrers Dr. Johann Bökh alias Justus der Gerechte, sowie ausgewählte Szenen, die für eine Analyse besonders prägnant sind.

Die Ergebnisse werden schließlich mit dem gegenwärtigen Lehrerbild, seinen Aufgaben und dem erzieherischen Ziel verglichen. Das Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, dass - obwohl sich die Zeiten verändert haben - die im Kinderbuch vermittelten Werte gleichgeblieben sind und dem Buch somit aktuellen Zeitwert zugesprochen werden kann.

2. Der Entstehungskontext

Das folgende Kapitel enthält eine Kontextualisierung des Kinderromans DfK und einen kurzen Überblick über den Forschungsstand zu Kästner und seinen Werken. Ein näherer Blick auf das Leben von Erich Kästner soll aufzeigen, welche Parallelen sich in autobiographischen Züge im Buch deuten lassen. Warum das Kinderbuch als pädagogische Lektüre, moralisches Lehrstück oder pädagogisches Konzept angesehen werden kann, wird anhand der formalen Struktur erläutert.

2.1. Wer ist eigentlich Erich Kästner? Biographie und Forschungsübersicht

Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und lebte bis 1974. Somit hat er zwei Weltkriege miterlebt, was ihn in seinem Schreiben und in seinem Leben beeinflusst hat. Er selber bezeichnete sich als „Moralisten und Urenkel der Aufklärung“.4 Und selbst wenn seine Bücher keine Biographien sind, weisen sie dennoch autobiographische Spuren auf,5 denn das Leben von Erich Kästner hinterlässt Abdrücke in seinen Erzählungen. DfK ist ein fiktionales literarisches Werk, und doch lassen sich sowohl die Figuren als auch die Beziehungen, die er in seinem Buch präsentiert, teilweise auf sein Leben zurückführen.

Seine Erfahrungen und Erinnerungen, welche er vor allen in dem Buch Als ich ein kleiner Junge war 6 beschrieb, sind wichtige Quellen des Erzählens in seinem Kinderroman.7 Auch die von Kästners früheren Partnerin Luiselotte Enderle gesammelten Schriften und Briefe Kästners an seine Mutter sind eine Quelle und Belege dafür, dass sich Ähnlichkeiten mit Kästners eigenem Leben im Buch aufzeigen lassen.8 Der voluminöse Sammelband von Görtz und Sarkowicz9 beinhaltet außerdem ausführliche Recherchen über die Lebensgeschichte Kästners, die für diese Arbeit sehr interessant sind. Diese Biographie geht weit über Kästners Rolle als Autor hinaus, denn Kästner wird als Mann hinter seinen Werken präsentiert, und zwar vom Kindesalter bis hin zu seinem Tod.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, gibt es umfangreiche Forschung zu sowohl Erich Kästner als auch über das Kinderbuch DfK sowie ausführliche Sekundärliteratur, die sich mit Kästners Leben und mit vielen seiner Werke beschäftigt. Eine der Forschungen, von der in dieser Arbeit ausgegangen wird, ist die von Kurt Beutler.10 Er befasst sich mit der literaturpädagogischen Untersuchung Kästners und vor allem den Werken DfK und Fabian, sowie mit der Frage der Erziehung als Gesellschaftsreform in Kästners Jugendliteratur. Beutler befasst sich auch mit den gesellschaftlich-politischen Vorstellungen und den pädagogischen Ansätzen in Kästners Literatur. Besonders wertvoll für diese Arbeit ist die Darstellung der pädagogischen Funktion von Jugendliteratur und auch die Analyse des Erziehungsziels und Erziehungsmethode derer, wobei einer von Beutlers Schwerpunkten auf dem Erziehungsprinzip der Vernunft liegt. Eine weitere Forschung, die Beutlers erweitert, ist die von Klaus Doderer.11 Auch er schildert sowohl offizielle als auch private Situationen und Lebensphasen, um Kästners Weltbild zu rekonstruieren, und stützt somit die Vermutung, dass sich autobiographische Spuren in Kästners Werken finden lassen, vor allem in dem Buch DfK. Gleichermaßen baut Doderer auf Kästners Prinzip der Vernunft auf und geht sogar so weit zu behaupten, dass Kästners Plädoyer, mehr ,gesunden Menschheitsverstand’ zu gebrauchen, mehr Achtung verdiene.12 Deshalb ist besonders die Darstellung von Kästners theoretischer Stellungnahme und seinem Bekenntnis zu pädagogischen Fragen in Bezug auf Themen wie Schule, Erziehung und Kindheit interessant und fließt in diese Arbeit mit ein.

Um ein besseres Verständnis für die zeitgeschichtliche Einordnung des Kinderromans zu erlangen, hat die Forschung von Susanne Haywood13 eine gediegene Grundlage geschaffen. Sie beschreibt die bestehenden Verhältnisse zur Entstehungszeit und welche Voraussetzungen diese für die fiktiven Figuren in Kästners Kinderbüchern geben. Einige dieser fiktiven Figuren sind die Jungs in DfK, die auch einen Teil in Andrea Hübeners14 Analyse und Interpretation ausmachen. Hübeners Fokus liegt auf der Anwendung von Kinder- und Jugendliteratur in der Grundschule und Sekundarstufe 1, und auch hier gehen Grundlagen zur Person Kästners und seinem Leben der Analyse vor. Vor allem liegt ihr Fokus auf den Kinderbüchern Emil und die Detektive (1929), Pünktchen und Anton (1931) und schließlich dem ausschlaggebenden Kinderroman für diese Arbeit - dem DfK.

In der Forschungsliteratur wird auch betont, dass Kästners Kinderbücher aufgrund der Eigenschaften der literarischen Figuren als Werke der Aufklärung zu sehen seien, in denen die Stärkung des aufgeklärten Individuums eine wichtige Rolle spiele. Dies wird in DfK vor allem deutlich durch Kästners wiederholtem Anliegen, Kinder mithilfe von Vorbildern zu erziehen, an denen sie sich selbstständig orientieren können. Dies ist nicht zuletzt daraufhin zurückzuführen, dass Kästners Weltbild vor allem von aufklärerischer Literatur inspiriert ist, die wiederum auf der Definition des Philosophen Kants auf die Frage, was Aufklärung sei, beruhen. Doderer erklärt, dass Kästner im Jahr 1925 eine Dissertation im Gebiet der Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts schrieb, in der er sich vor allem an humanen Grundwerten der Vernunft orientierte, und dass Kästners gewonnene Perspektive sich in seinen gesamten Werken wiederfinden sollte.15 Die Vermutung, dass der Großteil der Forscher Kästner als einen Pionier und pädagogischen Wegweiser sieht, lässt sich nicht von der Hand weisen.

2.2. Erich Kästners Leben als Spiegel im Fliegenden Klassenzimmer

Als einziges Kind einer für die Zeit gewöhnlichen Arbeiterfamilie kam er früh mit Geldsorgen in Kontakt. Seine Mutter vermietete beispielsweise aus diesem Grund ein Zimmer der gemeinsamen Dresdener Wohnung an einen Lehrer. Dieser wurde zu einem Vorbild für Kästner und er entschied sich dafür, in seine Fußstapfen zu treten und auch Lehrer zu werden.16 Seine Lehrerausbildung begann Kästner 1913 in einem Internat. Er wurde 1917 in den 1. Weltkrieg eingezogen und entschied sich nach seiner Rückkehr 1919 dafür, die Lehrerausbildung abzubrechen. Ihm gefiel zwar das Lernen sehr, allerdings nicht der strenge und militärähnliche Erziehungsstil.17 Außerdem fand er es empörend, dass man „begabte fröhliche Jungen systematisch zu ,Untergebenen’ umschulte“, da dies seinem „angeborenen hochempfindlichem Sinn für Freiheit und Gleichberechtigung“ widersprach.18 Ein weiterer Grund für den Ausbildungsabbruch und den Ausriss aus dem Internat war seine erkrankte Mutter.19 Kästner verarbeitet ihre Krankheit mit einer Schlüsselszene im Buch, auf die ich in 3.1.5. näher eingehen werde.

Ungeachtet dessen, dass Kästner den Beruf des Lehrers nie ausgeübt hat, machte er es sich zur Aufgabe, mit seinen Büchern als Lehrer zu agieren, indem er Tugenden und Moralvorstellungen vermittelt, um eine bessere Welt zu schaffen,20 und zwar ganz in der Linie mit seinem bekannten Zitat: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.21 Das aktive Propagieren seiner Moral und Moralvorstellung wird somit zu einem Werkzeug, und er zu einem Vorbild. Er beeinflusst die kindlichen Leser und will sie zu guten Menschen formen, um somit eine Welt zu schaffen, die er als ideal ansieht. Doderer behauptet deshalb, dass Erich Kästners Pädagogik eine selbstgewonnene sei da diese auf Kästners eigenen Erfahrungen beruhe.22

Die Erfahrungen des eigenen Lebens formten eine Idealvorstellung von einem Lehrer, die Kästner in seinem Buch mit dem Hauslehrer Dr. Johann Bökh realisierte. Im DfK wird eine Situation beschrieben, in der der Hauslehrer den Schülern gegenüber auf eine besondere Weise entgegentritt, und zwar so, wie es Kästner sich früher selber gewünscht hätte.23 Kästner wuchs mit einem Stiefvater auf und die wahrscheinliche Sehnsucht nach dem eigenen leiblichen Vater24 zeigt eine weitere Parallele zu der literarischen Figur des Hauslehrers. Durch die Realisierung der Rolle als Vaterfigur für einige Jungs macht dies einen autobiographischen Bezug des Charakters des Dr. Bökh zu Kästners Sehnsucht nach dem eigenen Vater denkbar. Somit war Kästners Werk, auch in seinen eigenen Worten, eng an sein Leben gekoppelt, ebenso kann man sein pädagogisches Streben auf wichtige Erlebnisse und Erfahrungen zurückführen.

2.3. Handlung und Struktur des Kinderromans

Das fliegende Klassenzimmer wir auf der Internetseite „Kaestnerfuerkinder.net“ folgendermaßen rezensiert:

Es ist ein Buch über Schwächen und Stärken, Freundschaften und Herausforderungen und ebenso wie das Leben, voller Überraschungen.25

Diese Rezension verrät nichts über die Handlung, aber doch bekommt man den grundlegenden Überblick über das Buch. DfK verbindet seine spannende Handlung mit einer detaillierten Beschreibung jedes einzelnen literarischen Charakters und deren inneren und äußeren Konflikten, die man anhand unterschiedlicher Erzählperspektiven kennen- und verstehen lernt.26 Das Werk handelt von der Geschichte der fünf Schüler und Freunde Martin Thaler, Jonathan ,Johnny’ Trotz, Mathias ,Matz‘ Selbmann, Ulrich ,Uli‘ von Simmern und Sebastian Frank sowie deren Hauslehrer Dr. Bökh und dessen Freund Robert ,Der Nichtraucher’. Die Geschichte spielt in einem Internat in Oberbayern und die Schüler stehen kurz vor den Weihnachtsferien. Die fünf Freunde proben für ein Theaterstück, das „Das fliegende Klassenzimmer“ heißt und auf der abschließenden Weihnachtsfeier aufgeführt werden soll. Die Jungs sind alle grundverschieden, was laut Beutler ein breites Spektrum an Charakteren anbietet, mit denen der Leser Beispiele für unterschiedliche Verhaltensweisen und Eigenschaften bekommen soll, mit denen er sich identifizieren kann:27 Martin kommt aus ärmeren Verhältnissen und ist in seiner Eigenschaft mutig. Johnny ist der Autor des Theaterstücks und tritt als introvertierter Junge auf. Matz ist stark und mutig und ein unterstützender Freund für den eher ängstlichen und schüchternen Uli. Sebastian ist der Streber und hält Abstand von den Anderen.28 Zusammen stehen sie kleinere und größere Konflikte im täglichen Internatsleben durch, aber vor allem stehen sie füreinander ein.

DfK ist chronologisch verlaufend29 und besteht aus einer Rahmenhandlung und einer Binnenhandlung. Der Roman besteht auf zwölf Kapiteln, einem Vorwort und einem abschließenden Nachwort. Das Vorwort ist nochmals in zwei Abteilungen unterteilt. Bereits in der Inhaltsangabe des Buches kann man kurze Einleitungen, sozusagen eine extradiegetische Zusammenfassung von dem, was in dem jeweiligen Kapitel geschehen wird, lesen und zu Anfang von jedem Kapitel wird diese Einleitung wiederholt.30

In der Rahmenhandlung, dem Vor- und Nachwort, tritt ,Erich Kästner’ als Ich-Erzähler auf und erzählt, warum er dieses Buch schreibt. Er ist ein allwissender Erzähler, der den Leser durch die Geschichte und Binnenhandlung leitet und anhand von Kommentaren und Erläuterungen Hintergründe der Geschehnisse vermittelt.31 Dennoch lässt er den Leser aus Sicht der Jungs lesen. Die Binnenhandlung ist die Internatsgeschichte und die Weihnachtsaufführung, die den Titel des Buches begründet. Die Binnenhandlung ist nochmals in unterschiedliche Handlungsstränge unterteilt und das Buch besteht aus zwei Erzählebenen.

Aber was macht dieses Buch so besonders, und was hat der formale Aufbau mit Wertevermittlung zu tun? DfK ist von einem pädagogischen Ton geprägt mit einer Motivation im Text, die Kinder zu guten Menschen formen soll.32 Insbesondere sein Vor- und Nachwort, wie Beutler betont, spielen eine ausschlaggebende Rolle. In erster Linie will Kästner mit seinem Vorwort die Lust zum Lesen wecken und baut mithilfe von kurzen Vorschauen eine Spannung auf.33 Aber er vermittelt auch Botschaften und Denkanstöße mit einer Mischung aus pädagogischem, aber zugleich auffordernden Ton in einer Art Umgangssprache, mit denen er sich direkt an den Leser wendet: „Wie kann denn ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen [...]? (Ich bitte euch bei dieser Gelegenheit von ganzem Herzen: Vergesst eure Kindheit nie! Versprecht ihr mir das? Ehrenwort?).“34 Der Erzähler der Rahmenhandlung wird somit zu einem Wegweiser und zu einem Pädagogen. Kästners pädagogisches Streben ist an seine eigene Geschichte gekoppelt und er regt den Leser durch Einbeziehen in diese zum Nachdenken und Reflektieren an, indem er konkrete Fragen und Aufforderungen an sie stellt. Seine Hoffnung auf Humanität drückt er vor allem im Vor- und Nachwort aus und durch dieses Streben wird der Kinderroman stark intentional.35 Kästner verfasste das Buch aus der Sicht eines Kindes ganz gemäß seiner Absicht, sich in die Kinder hineinzuversetzen und die Welt aus ihren Augen zu sehen. Er verstand nicht nur ihre Wirklichkeit, sondern vor allem nahm er die Kinder ernst36 und ergriff ihre Partei, indem er den Erwachsenen mit der rhetorischen Frage kritisierte, wie dieser denn seine Jugend so vergessen könne, dass er nicht mehr verstehen kann, wie traurig und unglücklich Kindern sein können.37 Der Grund dafür, dass Kästner die Sorgen und Ängste, die die Jungs im Internat durchlebten verstand, war einfach, denn diese entsprachen seinen eigenen Erfahrungen.38 Er richtet sich mit diesem Verständnis aber nicht ausschließlich an die kindlichen Leser, sondern fordert gleichzeitig die Erwachsenen auf, die Welt der Kinder ernst zu nehmen und sich an die eigene Kindheit zu erinnern. Das machte ihn authentisch und zu einem besseren Autor als den, den er im Vorwort kritisiert.39

Mithilfe seines Vorwortes zeigt er also Verständnis für Kinder und deren Sorgen auf, aber er spricht auch Aufforderungen und Ratschläge an sie aus. Er weiß, dass Kinder traurig sein können und fordert sie deshalb auf, sich eine „Hornhaut“ zuzulegen und „die Ohren steif zu halten“.40 Auf diese Weise will Kästner die Kinder auf möglichen Gegenwind und Herausforderungen vorbereiten, mit denen das Leben unerwartet zuschlagen kann. Er will die Kinder ermutigen, stark zu sein, aber auch ehrlich Schwäche zugeben zu können, „wenn’s weh tut“.41 Er pointiert hier, dass es irrelevant ist, warum man traurig ist, denn „es ist gleichgültig, ob man wegen einer zerbrochenen Puppe weint, oder weil man, später einmal, einen Freund verliert.“42 Er stellt die Kinder mit den Erwachsenen auf eine ebenbürtige Stufe und zerschlägt somit hierarchische Strukturen.43

Es gelingt Kästner eine Nähe zum Leser aufzubauen und auch, dass der Leser sich leicht mit der Erzählung identifizieren kann und somit zu einem Teil der Geschichte wird. Dies trägt dazu bei, dass der Leser den Aufforderungen Kästners leichter folgen kann, und auch dadurch, dass die häufigen Dialoge die Erzählung lebendiger werden lässt,44 werden gute Voraussetzungen geschaffen, um die erzieherische Absicht Kästners in die Tat umzusetzen. Bereits im Vorwort benennt Kästner eine der Figuren der Binnengeschichte, Johnny Trotz, und verbindet somit die Rahmenhandlung mit der eigentlichen Erzählung.

Die eigentliche Geschichte und Haupthandlung ist die Binnenhandlung, die eine Dauer von vier Tagen kurz vor Weihnachten beschreibt.45 Die Geschichte des Romans endet mit einem glücklichen Schluss und einer Hoffnung für eine gute Zukunft.46 Im Nachwort wird dann ein Übergang zwischen Binnengeschichte und dem Rahmen geschaffen und dieser somit geschlossen.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Vermittlung der Moral auf zwei Ebenen stattfindet: Einmal durch den Rahmen, also Vor- und Nachwort, in dem Kästner als Erwachsener direkt mit den Lesern spricht, und einmal in der Binnengeschichte durch die literarischen Figuren, die Kästners Moral leben und darstellen. In der Binnengeschichte wird die Moral sowohl implizit als auch explizit dargestellt.47

3. Analyse und Ergebnisse

Dieses Kapitel beinhaltet die intermediale Analyse von DfK des Jahres 1933 und der Adaption von 2003, sowie ein kurzer Ausblick in die gegenwärtige Darstellung der Anforderungen an die Rolle des Lehrers im Vergleich zum DfK. Für eine angemessene Analyse von DfK muss es in den historischen Kontext eingeordnet werden, um die Hintergründe in der Erzählung verstehen zu können.

In diesem Kapitel werden Antworten auf die Fragen ,Was ist gleich, was neu, was ist anders in der Adaption im Vergleich zum Buch?’ und ,In welchem Verhältnis stehen die vermittelten Werte zu den gegenwärtigen Ansprüchen an die Rolle des Lehrers?’ gesucht und vorgestellt. Abschließend folgt die Zusammenführung und Diskussion der Ergebnisse um zu präsentieren, inwiefern der Kinderroman moderne Werte vermittelt oder nicht, und um mich der Beantwortung meiner Forschungsfrage anzunähern, inwiefern das Kinderbuch Aktualitätswert besitzt.

3.1. Die 1930er Jahre und der Kinderroman Das fliegende Klassenzimmer

3.1.1. Die Entstehungszeit

Der Kinderroman entstand kurz vor dem Ende der Weimarer Republik vor der Machtübernahme Hitlers und den Nationalsozialisten in Deutschland. Viele Schriftsteller flohen bereits vor der Machtübernahme aus dem Land aus Angst vor dem, was sie erwarten könnte. Viele Schriftsteller wurden verhaftet und erhielten Publikationsverbot und Bücher, die sich gegen den deutschen Geist stellten, gerieten auf die sogenannte schwarze Liste. Lediglich diejenigen, die sich dazu bereit erklärten, die NS-Bewegung zu bejahen, durften weiterhin als Schriftsteller tätig sein mit der Einschränkung der persönlichen Freiheit und mit der Beschränkung des Rechts der freien Meinungsäußerung.48 Das Ziel mit diesen Regeln und Gesetzen war die Bekämpfung von Schriften, die zu weltoffen, liberal und unmoralisch für die NS-Bewegung war. Politische Kritik oder gar eine zu der NS-Bewegung abweichende Weltanschauung war strengstens untersagt.

Die Kinderromane dieser Zeit waren geprägt davon, die Wirklichkeit und die geltenden Umstände darzustellen:49 Kinder ordneten sich den Erwachsenen unter und der absolute Gehorsam ohne Infragestellen waren übliche Themen. Kästners Kinderromane, vor allem DfK, stellten den totalen Gegensatz dar. Das Thematisieren der Gültigkeit von Regeln und inwiefern diese eingehalten oder gegen sie verstoßen werden kann, wenn die Moral stärker wiegt, war nur eines der Beispiele dafür, warum sein Kinderroman verboten wurde.50 Dieser Appell an selbstständiges und kritisches Denken und Handeln stand in Kontrast zu der NS-Ideologie von blindem Gehorsam im Kollektiv der Volksgemeinschaft’ und war somit politisch brisant.51 Seine literarischen Figuren sind außerdem unabhängig und selbstständig und werden von einer Moral ausgezeichnet, die zu der Zeit nicht erwünscht war. Ein anderer Grund, der zum Verbot des Kinderromans, vor allem aber Kästners sehr liberalem Buch Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1931) geführt hat, war das Einführen von sozialen und familiären Tabuthemen.52

[...]


1 Kästner, Erich 1933: Das fliegende Klassenzimmer, 152. Auflage, Zürich: Atrium Verlag, 1995. Im Folgenden abgekürzt: DfK.

2 Anmerkung: In dieser Arbeit verwende ich das generische Maskulinum, aber die weibliche Form ist immer miteingeschlossen.

3 Forschungsbeispiele werden unter 2.1. genannt.

4 Görtz, Franz Josef/ Sarkowicz, Hans: Erich Kästner: eine Biographie. München: Piper, 1998. S. 277.

5 Vgl. Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. Zürich: Atrium Verlag, 1957.; Karrenbrock, Helga: „Erich Kästners kinderliterarische Anfänge“. In: Ewers, Hans-Heino; Nassen, Ulrich; Richter, Karin und Rüdiger Steinlein (Hrsg.) Kinder- und Jugendliteraturforschung, Stuttgart, 1998/99, S. 30.; Beutler, Kurt. Erich Kästner. Eine literaturpädagogische Untersuchung. Verlag Julius Beltz, Weinheim und Berlin,1967, S.189.

6 Als ich ein kleiner Junge war.

7 Karrenbrock, S.30.

8 Enderle, Luiselotte: Erich Kästner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Dargestellt von Luiselotte Enderle. Reinbek bei Hamburg, 1960.

9 Görtz & Sarkowicz, 1998.

10 Beutler, 1967.

11 Doderer, Klaus. 2002: Erich Kästner, Lebensphasen - politisches Engagement - literarisches Wirken. Juventa: Weinheim, 2002.

12 Ebd., Klappentext.

13 Haywood, 1998.

14 Hübener, Andrea: Erich Kästners Kinder- und Jugendbücher in der Grundschule und Sekundarstufe I. Hohengehren: Schneider Verlag, 2006.

15 Doderer, S.109-111.

16 Vgl. Enderle, Luiselotte: Erich Kästner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Dargestellt von Luiselotte Enderle. Reinbek bei Hamburg, 1960, S.149.

17 Als ich ein kleiner Junge war, S.94; Enderle, S.31.

18 Enderle, S.29.

19 Görtz & Sarkowizc, S. 174.

20 Vgl. Söderhjelm, Kai: De läses än. Svenska och utländska barn- och ungdomsförfattare och illustratörer frän 1700-1900-tal: frän Louisa Alcott till Erik Zetterström. A-L, Bibliotekstjänst, Lund, 1992, S.294: ”[...] manga barn med alldeles olika bakgrund [...] möter en författare som inte talar till dem men med dem”.

21 Koopmann, Astrid/ Meier, Bernhard: Kennst du Kästner? Bertuch Verlag, 2011, S.8.

22 Vgl. Doderer, S.128, S.153.

23 Vgl. Als ich ein kleiner Junge war.; Siehe 3.1.5: Schlüsselsituation DfK, S.83.

24 Vgl. Görtz & Sarkowicz, S.327: Kästner wusste, wer sein leiblicher Vater war und sah ihn als Vorbild. Allerdings war er, der Hausarzt, im alltäglichen Leben nicht präsent.

25 Unkelbach, Andreas/ Unkelbach, Claudia: „Erich Kästner für Kinder“, 2001, https://www.kaestnerfuerkinder.net/kaestner.php [Stand: 15.10.2020].

26 Hübener, S.23.

27 Beutler, S.155.

28 Vgl. Müller, Beate: Das fliegende Klassenzimmer im Wandel der Zeit - Literaturverfilmungen für Kinder als Spiegel von Geschichte und Geschehen?, University of Vienna, 2010, S. 27.

29 Hübener, S.28.

30 Kaute, Brigitte/ Schirrmacher, Beate: Literaturanalyse und Literaturtheorie. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft. Stockholms universitet, 2014, S.28.

31 Ebd., S.28.

32 Vgl. Müller, S.1.

33 Beutler, S.165.

34 DfK, S.15

35 Vgl. Karrenbrock, S.30 (Anwendungsfall).

36 Vgl. Hübener, S.7.

37 DfK, 2. Vorwort S.15; Dieser Appell erscheint auch als erstes Bild im Film: Das fliegende Klassenzimmer. Regie: Tomy Wigand. Drehbuch: Franziska Buch, Henriette Piper, Hermine Kunka. Deutschland: Bavaria Filmverleih- und Produktions GmbH, Lunaris Film, ZDF, 2003. Fassung: DVD. Euro Video, 2003, Sequenz 0:00:14-0:00:32. Im Folgenden abgekürzt: DfK 2003.

38 Vgl. Als ich ein kleiner Junge war.

39 DfK, S.2 Vorwort S.15: „Der unaufrichtige Herr tut, als ob die Kindheit aus prima Kuchenteig gebacken sei“.

40 Ebd., S.18.

41 Ebd., 2. Vorwort S.15.

42 DfK., S.15.

43 Hübener, S. 7.

44 Ebd., S.28; Vgl. Kaute & Schirrmacher S. 30-31 (Nähe/Unmittelbarkeit der direkten Rede); Vgl. Beutler, S.159 „Anna Krüger (Autorin des Buches „Kinder- und Jugendbücher als Klassenlektüre. Analysen und Schulversuche.“) selbst sieht in Kästner den ersten Deutschen, der die Welt der Kinder für die Jugendlichen lebendig darstellte.“.

45 Hübener, S.28.

46 Vgl. Beutler, S.169: „Happy End” zur Auflösung der Spannung, „positive Lösungen tragen am besten zu einer Konstruktion des gehäuften Glücks“ bei. (=Hoffnung, Befreiung, usw.).

47 Vgl. Hanesch, Angela Simone: Erich Kästner als Kinder- und Jugendbuchautor. Texas Tech University, 1999, S.102.

48 BPD Bundeszentrale für politische Bildung: „Tag des Buches- Erinnerung an die NS-Bücherverbrennung vor 85 Jahren“, 8.5.2018, https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/268884/ns-buecherverbrennung, [Stand 21.10.2020].

49 Vgl. Brenner, Peter J.: Neue Deutsche Literaturgeschichte. Berlin: De Gruyter, 2011, S.237.

50 Siehe 3.1.4. Thema Moralvorstellung und 3.1.5. Die Schlüsselszene.

51 Vgl. Wigand, Tomy: „Das fliegende Klassenzimmer: Arbeitsmaterialien für den Unterricht“, 2007, https://www.goethe.de/resources/files/pdf72/Tomy Wiegand - Das fliegende Klassenzimmer D 2002.pdf [Stand 21.10.2020], S.60.

52 Hübener, S.10.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Erich Kästners erzieherische Absichten der Nachkriegszeit im Verhältnis zum Zeitgeist. Eine Analyse der Wertevermittlung
Hochschule
Stockholm University  (Institutionen för slaviska och baltiska språk, finska, nederländska och tyska)
Note
B
Autor
Jahr
2021
Seiten
38
Katalognummer
V1025342
ISBN (eBook)
9783346431714
ISBN (Buch)
9783346431721
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gutachten/Auszug: "Die Vorliegende Arbeit überzeugt durch die Wahl einer adäquaten und wohlformulierten Fragestellung, die im Laufe des klar strukturierten Textes anhand geeigneter Materialien konsequent verfolgt und glaubwürdig beantwortet wird. Insbesondere beeindruckt die Verfasserin durch ihr deutlich spürbares Engagement und ihre Fähigkeit, echtes Interesse an ihrem Forschungsthema und ihren Untersuchungsergebnissen zu wecken. Es handelt sich hier zugleich um ein sehr leserInnenfreundlich gestaltetes, schlagkräftiges und durchaus persönliches pädagogisch-didaktisches Plädoyer."
Schlagworte
Erich Kästner, Kästner, Werte, Moral, Vorbild, Lehrer, erzieherische Absichten, Freundschaft, Vertrauen, Kinderbuch, Verfilmung, Schule, Das fliegende Klassenzimmer, Kindheit, Moralvorstellungen, Zeitgeist, Lehrer-Schüler-Verhältnis, Pädagogik
Arbeit zitieren
Tanja Wredberg (Autor), 2021, Erich Kästners erzieherische Absichten der Nachkriegszeit im Verhältnis zum Zeitgeist. Eine Analyse der Wertevermittlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1025342

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