Tiergestützte Intervention mit Hund. Die Einwirkungsbereiche auf die Entwicklung von Kindern


Bachelorarbeit, 2019

56 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien der Mensch-Tier-Beziehung
2.1 Psychologische Ansatze
2.2 Biophilie-Hypothese
2.3 Du-Evidenz
2.4 Ableitungen aus der Bindungstheorie
2.5 Das Konzept der Spiegelneurone

3. Begriffliche Abgrenzung der tiergestutzten Interventionen
3.1 Tiergestutzte Aktivitat (TGA)
3.2 Tiergestutzte Padagogik (TGP)
3.3 Tiergestutzte Therapie (TGT)

4. Rechtliche und organisatorische Grundlagen der tiergestutzten

Intervention in Deutschland

5. Die Anwendungsmethoden der tiergestutzten Arbeit
5.1 Die freie Begegnung
5.2 Die Brucken-Methode
5.3 Die Prasenz-Methode
5.4 Die Hort-Methode
5.5 Die Methode der Integration

6 Interaktionsformen der tiergestutzten Padagogik
6.1 Organisationsformen
6.2 Funktionsformen
6.3 Organisations- und Funktionsaspekte in der Interaktion

7. Die Einwirkungsbereiche von Hunden auf die Entwicklung von Kindern
7.1 Korper und Motorik
7.2 Sozio-emotionale Kompetenz
7.3 Kognitive Fahigkeit

8. Grenzen und Probleme der tiergestutzten. Arbeit
8.1 Hygienisch-medizinische Aspekte
8.2 Ethische Aspekte

9. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die Mensch-Hund-Beziehung und damit die Bedeutung des Hundes fur den Men- schen wandelte sich im Laufe der Zeit. Anfangs war die Hundehaltung zweckge- bunden und Hunde zahlten zu den Arbeits- und Nutztieren. Dabei wurden Hunde als Jagdgefahrte, Zugtiere oder als Hofwachter eingesetzt. Dennoch sind sie mitt- lerweile in unserer Gesellschaft in fast jedem Bereich anzutreffen. Heute wie damals haben Menschen das Bedurfnis, mit Hunden in Verbindung zu sein. Oft losen die Begegnungen mit Tieren ein besonderes Gefuhl der Zusammengehorigkeit und der Vertrautheit aus. Diese besondere Beziehung zum Hund bildet die Grundlage fur ein zunehmend aufstrebendes Arbeitsfeld: Die tiergestutzten Interventionen. In der Padagogik, der Sozialen Arbeit und in der Therapie kommen Tiere, insbesondere Hunde, verstarkt zum Einsatz. Die Rolle des Hundes entwickelt sich standig weiter: weg von den ursprunglichen erkennbaren Nutzungsmoglichkeiten hin zur Rolle ei- ner psychologischen, emotionalen Bindung.

Die Relevanz des Themas „Natur“ fur die padagogische Arbeit zeigt sich im Bayeri- schen Bildungs- und Erziehungsplan fur Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Ein- schulung, der in seinem themenbezogenen Erziehungs- und Bildungsbereich Um- welt wie folgt einleiten:

„Umweltbildung und -erziehung im Elementarbereich nimmt traditionell ihren Aus- gang von der Naturbegegnung, von Erlebnissen mit Tieren und Pflanzen“ (Bayeri- sches Staatsministerium fur Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen und Staatsinstitut fur Fruhpadagogik Munchen, 2006, S. 292).

Demnach ist der Kontakt zur Natur, welcher Tierbegegnungen einschlieftt, sogar erwunscht und gefordert. Vor diesem Hintergrund ist die Kernfrage der vorliegenden Bachelorarbeit, inwiefern Hunde positiv auf die Entwicklung von Kindern einwirken konnen. Die nachfolgenden Ausfuhrungen verdeutlichen, dass es sich bei tierge- stutzter Arbeit um viel mehr als nur eine ,lapidare Kuschelei' mit dem Hund handelt.

Hierbei werden zu Beginn vorhandenen Theorien beschrieben, die als Erklarungs- ansatz zur Wirkung von Tieren auf Menschen dienen. Fur ein besseres Verstandnis wird im Anschluss eine begriffliche Abgrenzung der tiergestutzten Interventionen vorgenommen. In dieser Abhandlung werden auch die rechtlichen und organisato- rischen Grundlagen fur tiergestutzte Interventionen in Deutschland Beachtung fin- den, da diese die Voraussetzung fur die tiergestutzte Intervention bilden. Anschlie- ftend werden sowohl die funf Anwendungsmethoden, mit denen die padagogische Arbeit beschrieben werden kann, als auch die verschiedenen Moglichkeiten Tiere in Interventionssituationen zu integrieren erklart. In diesem Kapitel soll dem Leser verdeutlicht werden, wie eine Interaktion zwischen Hund und Kind ermoglicht wird und welchen Moglichkeiten der Padagoge besitzt. Nach dieser theoretischen Grundlage, wird sich der Kernfrage der Bachelorarbeit gewidmet: Welche Einwir- kungen haben Hunde auf die kindliche Entwicklung? Dabei geht es in der Hauptsa- che darum, ob positive Effekte durch die Mithilfe von Hunden durch Studien belegt werden konnen und an welchen Stellen noch Forschungsbedarf besteht. Fur die Beantwortung der ausgewahlten Fragen werden primar englischsprachigen Studien herangezogen, da kaum deutschsprachige Literatur zu diesem Thema existiert. Ins- besondere gilt dies fur das Teilgebiet der Einwirkungsbereiche von Hunden auf die Entwicklung von Kindern. Gleichwohl werden aber auch Einwande und Risiken dar- gelegt, die gegen einen Einsatz sprechen. Dies beinhaltet sowohl den Aspekt der hygienischen Problematik als auch die Gefahr der Instrumentalisierung des Hun- des. Ein Fazit stellt die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit abschlieftend dar.

In der gesamten Arbeit wird stellvertretend fur die Geschlechter die mannliche Form gebraucht, um die Ubersichtlichkeit der Arbeit und das Lesen zu erleichtern.

2. Theorien der Mensch-Tier-Beziehung

In diesem Abschnitt werden als Grundlage Erklarungsansatze einer affektiven Mensch-Tier-Beziehung beschrieben.

Das Ziel dieses Kapitels ist es, ein besseres Verstandnis dafur zu erlangen, warum Tiere eine positive Wirkung auf Menschen haben konnen und warum sich der Pa- dagoge dieses Umstandes unterstutzend bedient.

2.1 Psychologische Ansatze

Unter den psychologischen Ansatzen lassen sich zwei Erklarungen finden, die je- weils der Tiefenpsychologie und der Realitatspsychologie zugeordnet werden. Beide Modelle beziehen sich in ihrer Aufstellung der Theorie auf die tiergestutzte Psychotherapie. Da es aber in der Erklarung nicht um den Inhalt der Therapie geht, lasst sich diese Ausfuhrung auf die Padagogik ubertragen. Die Darlegunen beinhal- ten den Zugang zum Klienten uber das Tier, dessen sich auch in der Padagogik bedient wird.

Nach realitatspsychologischem Ansatz, der von Sam und Elisabeth Corson gepragt wurde, wird die tiergestutzte Therapie als eine Realitatstherapie angesehen. Hierbei ist anzumerken, dass es bei dieser Form keine Rolle spielt, welche Vorgeschichte im Sinne einer psychischen Storung die zu behandelnde Person besitzt. Vielmehr sind die Gegenwart und die Entwicklung von Bedeutung. Der Therapeut tritt dem Patienten nicht als neutraler Beobachter gegenuber, sondern als Lehrer und Trai­ner, der seine Auffassung uber die Krankheit des Klienten offen auftert. Zudem be- tont der Arzt ebenso die Mortalitat eines Verhaltens und fordert dadurch den Pati- enten auf, sein Verhalten als Unrecht oder Recht zu bewerten. Die Realitatstherapie geht davon aus, dass der Patient fur die Storung selbst (mit)verantwortlich ist und deshalb auch die Heilung in seinen Handen liegt. Dafur ist es zielgebend, dass die kranke Person ein Gefuhl der Verantwortlichkeit fur andere Menschen, fur tagliche Pflichten, aber vor allem fur sich und die eigene Krankheit bekommt. An diesem Punkt kommt das Tier ins Spiel: Durch das Erlebnis, fur ein Tier in Eigenverantwor- tung zu sorgen, entsteht eine Emotion, die sich positiv auf das Selbstwertgefuhl und das Selbstbewusstsein auswirkt. Die Corsons merken dazu an, dass der Kommuni- kation mit einem Tier Grenzen gesetzt sind. Mochte der Patient mit dem Tier zu- rechtkommen und Zuneigung erfahren, so musse er verstehen, dass Liebe stets ein Geben und ein Nehmen ist. Die Tiere nehmen die Menschen so an, wie sie sind und geben dem Menschen bei entsprechendem Verhalten Liebe, Bewunderung und Zuneigung und helfen dem Patienten dadurch sich zu offnen (vgl. Greiffenhagen & Buck-Werner, 2015). Uber diese Interaktion gelangt der Klient zur Kommunikation mit dem Therapeuten und dem menschlichen Umfeld. Das Tier fungiert also nach Ansicht der Corsons als eine Art sozialer Katalysator. Die positive Beziehung zum Tier wird auf die Mitmenschen ubertragen und die anfangs nonverbale Interaktion wird vom Patienten durch eine verbale Kommunikation ersetzt (vgl. Wohlfarth, Mutschler & Bitzer, 2018).

Boris Levinson, Vertreter des tiefenpsychologischen Ansatzes, glaubt, dass ein ur- sprungliches Bedurfnis nach Mensch-Tier-Nahe besteht und beruft sich darauf, dass Tiere die gesamte Symbolwelt des Menschen, insbesondere die der Kinder, erfullen (vgl. Vernooij & Schneider, 2013). Weiterhin sollen sich gesunde Gefuhle nur in Verbindung zur unbelebten und belebten Natur entwickeln und das kann am besten durch die Verbindung mit einem Tier geschehen. Deshalb sei es notwendig, Kindern und physisch sowie psychisch kranken Menschen ein Tier in ihrem Umfeld zu etablieren. Aus diesem Grund konnen Tiere als Brucke zwischen Arzt und Patient dienen. Am erfolgreichsten soll dies bei Kindern sein, da diese noch nicht freiwillig einen Therapeuten aufsuchen, aber dennoch durchaus das Gefuhl empfinden, dass etwas nicht stimmt. Dadurch erfahren Kinder den Besuch eher als angsteinfloftend und das macht es fur den Arzt schwieriger, eine auf Vertrauen basierte Beziehung aufzubauen. Bei diesem Problem hilft ein Tier: Das Kind kann eine angstfreie Bin­dung zum Tier eingehen und fangt an, sich mit diesem zu identifizieren. Seine Pro- jektionen ermoglichen dann dem Arzt eine diagnostische Einsicht sowie therapeuti- sche Einflussmoglichkeiten. Das Tier fungiert als eine Art Ubergangsobjekt, um in spateren Stadien eine gesunde Beziehung zum Therapeuten und anderen Men- schen eingehen zu konnen (vgl. Greiffenhagen & Buck-Werner, 2015).

2.2 Biophilie-Hypothese

Die Biophilie-Hypothese, die erstmals von dem Verhaltensbiologen Edward O. Wil­son 1984 angewandt wurde, untersucht die Bindung zwischen Mensch und Tier. Der Hypothese zu Folge hat der Mensch im Laufe der Evolution durch den standi- gen Kontakt mit der Natur eine Liebe zur dieser entwickelt. Diese Entwicklung au- ftert sich in einer starken, biologisch fundierten Affinitat zum Naturlichen und einem Bedurfnis der Verbundenheit zum Lebenden (vgl. Olbrich, 2003; Germann-Tillmann, Merklin & Stamm Naf, 2014). Das Interesse zur Natur wird schon in den ersten Le- bensmonaten ausgebildet, da hiervon das Uberleben des Homo Sapiens abhangig war. Durch die Uberwachung der Tier- und Pflanzenwelt wurden instinktiv Informa- tionen uber Gefahrensituationen abgeleitet und damit haufig das Uberleben der Menschen gesichert. Im Umkehrschluss haben friedliche und ruhende Tiere ebenso einen beruhigenden Effekt auf die Menschen wie Tiere, die Warnzeichen signalisie- ren (vgl. Julius et. al., 2014).

Zusammenfassend wird der Biophilie eine weitreichende Bedeutung fur die psychi- sche, kognitive und emotionale Entwicklung der Menschen zugeschrieben, die aus neun verschiedenen Aspekten der Bezugnahme von Menschen zur Natur besteht:

1 . utilitaristischer Aspekt: Betont die Nutzlichkeit einer Verbindung zwischen Mensch und Natur, da die Natur zum Erhalt unseres Lebens beitragt.
2. naturalistischer Aspekt: Hebt die tiefe Zufriedenheit des Menschen bei Kontakt mit der Natur hervor.
3. okologisch-wissenschaftlicher Aspekt: Beinhaltet die Funktion durch, Be- obachtung der Natur zu einem Wissenserwerb zu gelangen, Zusammen- hange zu verstehen und die Welt besser erklaren zu konnen.
4. asthetischer Aspekt: Durch die Verbundenheit zur Natur fuhlen sich Men- schen von der Harmonie und der Schonheit angezogen.
5. symbolischer Aspekt: Durch die Natur werden Identifikationsprozesse an- geregt, die zu mehr Interaktions- und Kommunikationsfahigkeit fuhren.
6. humanistischer Aspekt: Das Bedurfnis, mit der Natur z.B. mit einem Tier verbunden zu sein, kann zu Empathie, besseren Bindungen, Fursorge und der Bereitschaft mit anderen Lebewesen zu kooperieren fuhren.
7. moralischer Aspekt: Beschreibt das Gefuhl der ethischen Verantwortung und Ehrfurcht vor der Natur.
8. Dominanz-Aspekt: Betont das Gefuhl der Menschen, die Natur kontrollie- ren zu wollen.
9. Negativistischer Aspekt: Stellt das Gefuhl von Angst, Antipathie und Aver­sion des Menschen gegen bestimmte Aspekte der Natur dar (vgl. Vernooij & Schneider, 2013).

Jede dieser neun Perspektiven der Biophilie-Hypothese erklart die Affinitat des Menschen zur Natur. Schlussfolgernd konnen Tiere, im Zusammenhang mit tierge- stutzten Interventionen, ursprunglich evolutionare biologische Grundsituationen schaffen, auf die der Padagoge aufbauen kann. Alle diese neun Kategorien und ihre Wirkungen spielen dabei, auch wenn manchmal implizit, eine Rolle, um Lebenssi- tuationen der Klienten zu vervollstandigen. Durch die Urbanisierung fallt es vor al- lem haufig vielen Kindern schwer, gesunde emotionale und soziale Interaktionen zu entwickeln. Der ursprungliche Instinkt, eine Verbindung mit der Natur einzugehen, den wir mit den Tieren gemeinsam haben, kann dazu beitragen, ein Gleichgewicht zwischen dem von der Zivilisation geforderten Nutzen der Intelligenz und den beno- tigten Emotionen und Bindungen wiederherzustellen. Wie der humanistische Aspekt beschreibt, werden aufgrund der nonverbalen Kommunikation mit einem Tier, wel­ches Gefuhle und Bedurfnisse zeigt, auch Gefuhle und Bedurfnisse anderer Men- schen besser wahrgenommen (vgl. Olbrich, 2003).

2.3 Du-Evidenz

Das Konzept der Du-Evidenz beschreibt die Annahme, dass zwischen Menschen und hoheren Tieren Beziehungen moglich sind und diese Beziehungen denen gleichwertig sind, welche Menschen bzw. Tiere unter sich knupfen. Durch das emo­tionale Bewusstwerden des Du im anderen verliert das lebendige Gegenuber seine Anonymitat und wird als Genosse mit Qualitaten angesehen. Deutlich wird dieser Vorgang durch die Namensgebung der Tiere, durch welche diese ihre Individualitat erlangen und sich von ihren Artgenossen abheben (vgl. Greiffenhagen & Buck-Wer­ner, 2015).

Ursprunglich wurde der Begriff von Karl Buhler 1922 verwendet, um die Fahigkeit, eine andere Person als Individuum, also als „du“ wahrzunehmen und zu respektie- ren, beschrieben. 1931 ubertrug Geiger den Begriff auf die Mensch-Tier-Beziehung. Durch die Ahnlichkeit der emotionalen und sozialen Grundbedurfnisse sowie auch durch die ahnliche Korpersprache, vor allem bei Hunden und Pferden, in Bezug auf den Menschen wird eine Grundlage fur die Beziehung geschaffen. Da die Du-Evi- denz auf dem Erleben von Emotionen beruht, kann so eine Verbindung auch ein­seitig bestehen (vgl. Vernooij & Schneider, 2013). Deutlich wird diese gemeinsame Beziehungsebene bei einer Umfrage der „University of Pennsylvania Veterany Cli- nic“: 99 Prozent der Klienten reden mit ihren Tieren, wobei 80 Prozent genauso mit ihnen sprechen, als waren es Menschen (vgl. Beck & Katcher, 1996). Dadurch hat der Hund gelernt, immer feinere Sensoren fur uns Menschen zu entwickeln, um die Beziehung zu dem Menschen zu seinem Vorteil zu nutzen. Entscheidend fur diese Verbindung ist die subjektive, gelegentlich auch einseitige Gewissheit, dass es sich bei einer solchen Beziehung um eine Partnerschaft handelt.

Deutlich wird der Vorgang der Du-Evidenz auch an einem Beispiel aus dem Kinder- buch „Der kleine Prinz“ von Antoine Saint-Exupery:

„Noch bist du fur mich nichts als ein kleiner Junge [...]. Ich bin fur dich nur ein Fuchs [...]. Aber wenn du mich zahmst, werden wir einander brauchen. Du wirst fur mich einzig sein in der Welt. Ich werde fur dich einzig sein in der Welt.“ (Saint-Exupery, 2000, S. 67.)

Im Rahmen von tiergestutzten Interventionen, die auf Zuwendung und Zuneigung basieren, ist dieses Konzept besonders bei Kindern von Bedeutung. Diese erken- nen meist eher das Tier als ein „Du“ an, als dass sie sich als ein „Ich“ wahrnehmen. Somit ist die Du-Evidenz, die nur durch Interaktion aufgebaut werden kann, eine notwendige Voraussetzung fur die Arbeit mit Tieren in der Padagogik (vgl. Ger- mann-Tillmann et al., 2014).

2.4 Ableitungen aus der Bindungstheorie

Als ein weiteres Erklarungsmodell konnen Ableitungen aus der Bindungstheorie herangezogen werden. Man geht hierbei davon aus, dass die Beziehung und Bin­dung des Kindes an die Mutter entscheidend fur die Entwicklung der menschlichen Psyche sind. Demnach muss davon ausgegangen werden, dass sich Fehler in den Bindungserfahrungen pragend auf die sozio-emotionale Entwicklung der emotiona- len Intelligenz und der Empathie auswirken (vgl. Grossmann & Grossmann, 2012). Je nach Qualitat der Erfahrung entwickeln Kinder darauf aufbauend ein sicheres, ein vermeidendes, ein ambivalentes oder ein desorientiertes Bindungsmodell. Da- bei spielen die Anwesenheit der Bezugsperson sowie deren Wertschatzung fur das Kind eine besondere Rolle. Dennoch ist es moglich, unangemessene Bindungen spater noch durch intensive und positive Erfahrungen zu beeinflussen (vgl. Vernooij & Schneider, 2013).

Ubertragt man die Ausfuhrungen der Bindungstheorie, wie Beetz (2003) es tut, auf die Beziehung zwischen Mensch und Tier, muss es nicht nur Bindungen zwischen Menschen geben. Auch Tiere konnen fur den Menschen ein Bindungsobjekt dar- stellen. Die Annahme ist, dass Tiere die Bindungsbedurfnisse eines Kindes ebenso gut erfullen wie Menschen wodurch geschlussfolgert wird, dass dies den Menschen helfen kann, die aufgrund von schlechten Bindungserfahrungen kein Vertrauen zu Menschen mehr aufbauen konnen. Des Weiteren wird durch die Interaktion mit dem Tier die nonverbale Kommunikation gefordert, die als eine der wichtigen Grundla- gen der emotionalen Intelligenz gesehen wird (vgl. Beetz, 2003; Beetz, 2009). Be- statigt wird diese Theorie durch eine Forschung, welche zu dem Ergebnis kam, dass Menschen, die ein erhohtes Risiko fur psychische Storungen aufweisen, viermal haufiger eine Bindung zu Tieren (besonders bei Katzen und Hunden) eingehen als die zu einem Menschen (vgl. Julius et al., 2014). Ebenso wird angenommen, dass die Bindung zu einem Tier wahrend des Heranwachsens eines Kindes weniger be- lastend ist als die Bindung zu einer Bezugsperson. Dadurch kann die Bindung zum Tier kompensierend, ausgleichend und trostend wirken (vgl. Greiffenhagen & Buck- Werner, 2015). Durch die positiv erlebte emotionale und soziale Beziehung zu dem Tier kann der Mensch anschlieftend die Bereitschaft entwickeln, sich den Mitmen- schen gegenuber zu offnen und neue Erfahrungen zu sammeln (vgl. Beetz, 2003).

Unter dem Gesichtspunkt der Erklarungsmodelle stellt dieser Ansatz eine Ergan- zung zum Konzept der Du-Evidenz und der Biophilie-Hypothese dar, da er im Ge- gensatz zu den anderen Ausgangspunkten nicht die naturliche Affinitat des Men- schen zur Natur erklart. Des Weiteren sind die Ableitungen aus der Bindungstheorie ein vielversprechender Grundgedanke fur die tiergestutzte Padagogik und den Ein- fluss von Tieren auf Kinder.

2.5 Das Konzept der Spiegelneurone

Abschlieftend zu dem Kapitel der Erklarungsansatze wird das Konzept der Spiegel- neurone erlautert. Dieser beschreibt nicht die grundlegende Beziehung zwischen Mensch und Tier, sondern soll als eine Art Erganzung zu den anderen Erklarungs- ansatzen gesehen werden. Die wissenschaftliche Fundierung zu diesem Thema steht allerdings noch am Anfang. Trotzdem kann durch die bisherigen Erkenntnisse zu der Wirkung von Spiegelneuronen eine neurologische Basis beschrieben wer- den, die Imitationslernen und Empathie erklart (vgl. Olbrich, 2009).

Als Spiegelneurone bezeichnet man Nervenzellen, die nicht nur reagieren, wenn wir selbst handeln oder uns diese Handlung vorstellen, sondern auch wahrend der Be- obachtung oder Simulation eines Vorgangs bei einem anderen Menschen. Die Re- aktion geschieht unbewusst und ermoglicht es, sich in andere Menschen hineinzu- versetzen und zu fuhlen, was der andere fuhlt. Durch die fehlende kognitive Steue- rung ist es den Menschen nicht moglich, die Reaktion der Spiegelneuronen zu be- einflussen (vgl. Greiffenhagen & Buck-Werner, 2015; Junkers, 2013).

Das Konzept der Spiegelneuronen geht zudem davon aus, dass eine wechselsei- tige Spiegelung zwischen Mensch und Tier erfolgt, eine so genannte „joint at- tention“, welche die gemeinsame Aufmerksamkeits- und Blickorientierung mit dem eigenen Hund beschreibt (vgl. Vernooij & Schneider, 2013). Auch Greiffenhagen und Buck-Werner (2015) beschreiben Erfahrungen, die gezeigt haben, dass sich ruhende Hunde durchaus beruhigend auf motorisch unruhige Kinder auswirken und es den Kindern oftmals hilft, ein belastendes Thema anzusprechen, wenn sie ne- benbei einen Hund streicheln. Das Tier soll bei Menschen emotionale Resonanz- phanomene auslosen konnen. Demnach ware die Schlussfolgerung, dass die Spie- gelneuronen positive Effekte des Tieres auf den Menschen ubertragen und tierge- stutzte Padagogik hier eine Grundlage fur die Arbeit an der Empathiefahigkeit von Kindern bildet (vgl. Greiffenhagen & Buck-Werner, 2015).

3. Begriffliche Abgrenzung der tiergestutzten Interventionen

In diesem Kapitel sollen die verschiedenen Varianten der tiergestutzten Interventio- nen beschrieben werden. Den Begriff der tiergestutzten Interventionen versteht man als einen Oberbegriff fur alle professionell durchgefuhrten tiergestutzten Maftnah- men. Das Ziel bei allen Formen ist es die positive Wirkung von Tieren fur die For- derung von psychischen, emotionalen, sozialen und kognitiven Fahigkeiten zu nut- zen. Der Bereich ist noch recht jung, denn die ersten Entwicklungen und Forschun- gen wurden durch ein Buch des amerikanischen Kinderpsychologen Levinson (siehe Kapitel 2.1.) angestoften, welches im Jahre 1969 veroffentlicht wurde. Trotz einer starken Entwicklung in diesem Themengebiet existieren im deutschen Sprach- raum nach wie vor keine allgemein gultigen und anerkannten Begriffsdefinitionen. Daraus und aus der Tatsache, dass bisher kaum Vernetzungsarbeit in Deutschland betrieben wurde, entsteht eine gewisse Vielfalt an Definitionen. Eine einheitliche Darlegung und dadurch ein einheitliches Auftreten in der Offentlichkeit, sind erstre- benswert, um weiterhin das Ziel von Qualitatsstandards zu verwirklichen. Dennoch muss im Auge behalten werden, dass es aufgrund der verschiedenen Berufe des Menschen, der Tierarten und der unterschiedlichen Settings schwierig ist, eine all- gemeine Begriffsdefinition zu finden, die jeden Bereich abdeckt.

Im Wesentlichen beinhalten alle Interventionsformen als Grundlage zum einen die Freiwilligkeit des Klienten und zum anderen die Moglichkeit, auf verschiedene Tier- arten zuruckzugreifen. Das Wort, ,tiergestutzt‘ in den Terminologien impliziert, dass es sich bei allen Forderungs- und Therapiemaftnahmen um keine eigenstandige Arbeitsweise handelt, sondern ein Einbezug von Tieren vorgesehen ist (vgl. Ver- nooij & Schneider, 2013).

Zudem ist anzumerken, dass nur in der Theorie eine analytische Trennung der Be- griffe erfolgen kann. In der Praxis sind die Ubergange meist flieftend. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird der Begriff „tiergestutzte Intervention“ verwendet, da dieser als Uberbegriff fur alle Maftnahmen fungiert. Die Literatur unterscheidet folgende Bezeichnungen im Zusammenhang mit tiergestutzten Interventionen.

3.1 Tiergestutzte Aktivitat (TGA)

Das Ziel der tiergestutzten Aktivitat ist die allgemeine Verbesserung des Wohlbefin- dens und der Lebensqualitat des Klienten durch den Umgang mit dem Tier, wodurch erzieherische, rehabilitative und soziale Prozesse unterstutzt werden sollen. Als entscheidender Faktor fur die Bewertung des Besuchs zahlt hier die subjektive Er- lebenskomponente des Klienten. Das Wohlbefinden ist hier sowohl Zielrichtung als auch Resultat der TGA. Hierunter werden beispielsweise Tierbesuchsdienste er- fasst, die von ehrenamtlichen Personen mit ihrem Tier durchgefuhrt werden. Sie zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass das Tier keinerlei besondere Fa- higkeiten haben muss und eine Ausbildung beziehungsweise Schulung des Hunde- fuhrers und dessen Tier nicht notig ist. Allerdings sollte es sich um ein „geeignetes“ Tier handeln, ein freundliches Wesen besitzen, das von keinerlei Aggression ge- pragt ist. Die Zielgruppe der TGA betrifft Menschen jeden Alters (vgl. Vernooij & Schneider, 2013; Germann-Tillmann et al., 2014; Junkers, 2013).

3.2 Tiergestutzte Padagogik (TGP)

Bei dieser Interventionsform stehen unter Zuhilfenahme des Tieres vor allem die Forderung und Aktivierung der vorhandenen Ressourcen und die Initiierung von Lernprozessen im Vordergrund, durch welche primar Lernfortschritte in der emotio- nalen und sozialen Intelligenz erreicht werden sollen. Unter sozialer Intelligenz, auch interpersonale Intelligenz genannt, versteht man in der Literatur, die Fahigkeit andere Menschen zu verstehen und nachvollziehen zu konnen, was sie motiviert und wie man angemessen auf verschiedene Stimmungen, Wunsche und Tempera- mente der anderen reagiert. Im Gegenzug ist die emotionale intrapersonale Intelli- genz, die nach innen gerichtete Fahigkeit. Ziel ist es, Kenntnis sowie Umgang mit den eigenen Emotionen zu erlangen, um ein wahrheitsgemaftes Modell von sich selbst bilden zu konnen. Diese Form der Intervention wird von Padagogen, mit spe- ziell ausgebildeten Tieren, ausgefuhrt. Die padagogischen Ziele sind fest fur den Klienten definiert. Als Zielgruppe werden Kinder und Jugendliche mit Problemen im sozialen und emotionalen Bereich gesehen, wobei der Verlauf der TGP dokumen- tiert und evaluiert wird. Die tiergestutzte Padagogik ist eine auf Ganzheitlichkeit aus- gerichtete und praventive Form der Intervention (vgl. Vernooij & Schneider, 2013; Junkers, 2013). Es gilt im Einzelfall zu entscheiden, welche Interventionsform notig ist.

3.3 Tiergestutzte Therapie (TGT)

Im Gegensatz zur TGP ist die tiergestutzte Therapie auf den kurativen Aspekt aus- gerichtet. Vernooij und Schneider (2013) weisen darauf hin, dass auf bestimmte Problembereiche aus psychotherapeutischer Sicht eingegangen werden muss und sehen die tiergestutzte Therapie nicht als eine ganzheitliche Forderung an, sondern viel eher als eine Therapie, in der gezielt auf bestimmte Personlichkeits- und Leis- tungsbereiche eingegangen wird. Der Schwerpunkt liegt auf „der Verarbeitung von Erlebnissen, Losung von emotionalen Blockaden und der Reduzierung sozialer Angste" (Vernooij & Schneider, 2013, S. 43). Die Zielgruppe wird demnach klar de- finiert fur Personen, die aufgrund psychischer / physischen Storungen oder Erkran- kungen eine therapeutische Behandlung benotigen. Dies setzt sowohl eine Situa­tions- und Problemanalyse voraus als auch eine gute Ausbildung, mit fundierten Kompetenzen und Qualifikationen des Tieres, um moglichst wirkungsvoll auf be- stimmte Bereiche des Klienten einzugehen und die jeweiligen Ziele und Methoden klar definieren zu konnen. Wie bei der tiergestutzten Padagogik soll auch diese In- terventionsform dokumentiert und evaluiert werden (vgl. Germann-Tillmann et al, 2014; Junkers, 2013).

4. Rechtliche und organisatorische Grundlagen der tiergestutzten In­tervention in Deutschland

Eine wichtige Voraussetzung fur den Einsatz von Hunden in der Padagogik stellen die rechtlichen Grundlagen dar. Aufgrund der Tatsache, dass ein Hund im BGB als ein „unberechenbares Geschopf" und deshalb als eine Gefahrenquelle betrachtet wird, ist die Frage nach dem Versicherungsschutz unabdingbar. Laut § 833 BGB ist der Halter des Hundes verpflichtet, fur einen Schadensfall zu haften. Im Schadens- fall kann es zu weitreichenden Folgen kommen. Auch bei einer nicht beabsichtigten Korperverletzung einer Person kann es nach dem § 229 StGB zu einer Freiheits- strafe von bis zu drei Jahren oder zu einer Geldstrafe kommen (vgl. Jablonowski & Kose, 2013). Aus diesem Grund muss die Frage gestellt werden, wie ein Hund der im Dienst gefuhrt wird, versichert sein muss. Eine pauschale Antwort kann hier nicht gegeben werden, da man die Einsatze differenziert betrachten muss. Als Ausgangs- basis gibt es folgende drei Moglichkeiten:

1. Ist der Hundehalter freiberuflich tatig und mit seinem Hund in unterschiedli- chen Einrichtungen aktiv, muss eine Betriebshaftpflicht abgeschlossen wer- den.
2. Im Fall, dass der Hundefuhrer in der Einrichtung festangestellt ist und der Hund so gut wie standig anwesend ist, ist die Betriebshaftplicht der Einrich- tung zu informieren. Oftmals wird bei dieser Ausgangslage davon ausgegan- gen, dass die private Hundehaftpflicht greift. Die private Versicherung kann allerdings bei vermehrten Einsatzen in offentlichen Einrichtungen die Scha- densubernahme verweigern.
3. Wird die Hund-Mensch-Tatigkeit ehrenamtlich ausgefuhrt, dann ist der Ver- sicherungsschutz an die Vereinsmitgliedschaft einer anerkannten Organisa­tion gekoppelt.

Es ist ebenso wichtig zu beachten, dass der Hundehalter seiner Sorgfaltspflicht nachkommen muss. Darunter fallt seitens des Besitzers die Pflicht, Unfallgefahren vorzubeugen und fur einen richtigen Umgang, welcher eine Aufsicht beinhaltet, zwi- schen Kind und Hund zu sorgen. Im Allgemeinen wird immer dazu zu geraten, sich in allen Versicherungsfragen mit der Einrichtungsleitung abzusprechen. Eine schrift- liche Bestatigung der Versicherung sollte vorliegen (vgl. Kirchpfening, 2014).

In Deutschland gibt es keine Rechtsvorschrift, die den Einsatz von Tieren in Einrich­tungen untersagt. Um jedoch aus haftungsrechtlicher Sicht auf der sicheren Seite zu sein, verlangt das Infektionsschutzgesetz § 36 die Erstellung eines Hygienekon- zeptes, das in einem Hygieneplan festgelegt ist. Ist dies durch die Einrichtungslei- tung genehmigt worden, stellt der Plan eine fur die Mitarbeiter verbindliche Arbeits- anweisung dar. Bei diesem Gesundheitsplan fur Tiere sollte eine Kontaktperson fur die Hygiene vorgesehen werden. Eine Kopie der Tierdokumentation sollte ebenfalls zur Verfugung stehen. Dazu gehort der Impfschein des Hundes als Nachweis eines vollstandigen Impfschutzes, ein Entwurmungsprotokoll, das nicht alter als drei Mo­nate ist, und der Nachweis der Versicherung. Daruber hinaus mussen Einschran- kungen fur die Zulassung des Hundes festgelegt werden. Hunde durfen bestimmte Bereiche des Gesundheitswesens und der padagogischen Einrichtungen nicht be- treten. Dazu gehoren zum einen die Kuche, die Waschkuche, Aufenthaltsraume fur Kinder mit bekannten Allergien und Raume fur Kinder mit offenen Wunden (vgl. Schwarzkopf, 2003).

Wahrend der Versicherungsschutz und der Hygieneplan verpflichtend sind, werden weitere organisatorische Grundlagen als Empfehlung ausgesprochen. Daher wird empfohlen, eine Arbeitsmappe anzulegen, die die notigen Einverstandniserklarun- gen der Sorgeberechtigten sowie ein ausgearbeitetes Konzept beinhaltet. Ebenso sollten bauliche und personelle Voraussetzungen gegeben sein, da der Hund eine Ruckzugsmoglichkeit wahrend der Arbeit benotigt und je nach Aktivitat mit dem Hund mehrere Mitarbeiter benotigt werden. In jedem Fall sollte beachtet werden, welche Mitarbeiter von dem Einsatz betroffen sind, um sicherzustellen, dass diese bereit sind, die tiergestutzten Maftnahmen zu unterstutzen. Um dies gewahrleisten zu konnen sollten klare Regeln im Umgang mit dem Hund vorab mit allen Beteiligten abgesprochen werden (vgl. Kirchpfening, 2014). Da diese Grundlagen nur als Emp- fehlung ausgesprochen werden und nicht rechtlich verpflichtend sind, ist es umso wichtiger, ein Konzept zur Definition und zur Absicherung der Qualitat bereit zu ha- ben, um die Professionalitat nach auften hin kommunizieren zu konnen. Der Berufs- verband Therapiebegleithunde Deutschland e.V. (TBD e.V.) hat zur Absicherung der Qualitat und der Professionalitat Leitlinien fur den Einsatz von Therapiebegleit- hunden in der Padagogik erarbeitet, die bei Einhaltung fur ein hohes Maft an Qua- litat und Strukturierung sorgen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass eine Aufzah- lung aller Richtlinien des TBD e.V. in dem Rahmen dieser Arbeit aufgrund der um- fassenden Regeln nicht moglich ist. Grundsatzlich werden in den Leitlinien Empfeh- lungen vor dem Einsatz des Therapiebegleithundes, wahrend des Einsatzes und generelle Punkte, die immer nachgewiesen werden sollten, ausgesprochen. Sicher kann ein Hund einen Padagogen nicht ersetzen, sondern ihn lediglich in dessen Arbeit unterstutzen. Um eine gelingende Integration in den Berufsalltag zu ermogli- chen, bedarf es vor allem eines fundierten padagogischen oder therapeutischen Konzeptes fur den Einsatz eines Hundes. Deshalb finden in den Richtlinien des TBD e.V. zum einen gewisse Voraussetzungen beim Hund sowie entsprechende Rah- menbedingungen in der Praxis eine grofte Bedeutung (vgl. Menke, Huck & Hagen- cord, 2018). Eine ausfuhrliche Beschreibung der Richtlinien ist auf der Homepage des Berufsverbandes zu finden (www.Tbdev.de).

5. Die Anwendungsmethoden der tiergestutzten Arbeit

In diesem Kapitel werden funf Grundmethoden aufgezeigt, mit denen die tierge- stutzten Interventionen beschrieben werden konnen. Grundsatzlich beschreiben die funf Methoden den Aktionsradius von Mensch und Tier im Rahmen einer professio- nell durchgefuhrten tiergestutzten Intervention und eignen sich fur den TGI-Anbieter zum einen fur die Konzeptentwicklung und Reflexion zum anderen sorgen sie fur Transparenz und Kommunikation in der tiergestutzten Arbeit. Die Methoden sind hilfreich fur den TGI-Anbieter, um zu beschreiben, inwiefern die Tiere in den Set­tings eingesetzt werden und um ihr Konzept ausfuhrlich beschreiben zu konnen. Die Grundmethoden beschreiben aus verhaltensbiologischer Sicht die Begegnung zwischen Mensch und Tier. Dabei beziehen sich vier dieser Methoden auf die Art und die Qualitat der raumlichen Begegnung sowie auf die Nahe-/Distanzverwaltung. Die funfte bezieht sich auf die Integration des Tieres in ein padagogisches Konzept. Auch hier ist nur in der Theorie eine scharfe Trennung moglich, in der Praxis sind die Grenzen der einzelnen Methoden flieftend. Bei erfahrenen Mensch-Tier-Teams kommen alle funf Methoden zum Tragen. Entsprechend der physischen und psy- chischen Fahigkeit des Tieres und des Klienten sowie der Forderziele muss im Ein- zelfall entschieden werden, auf welche Methode die Wahl fallt um, eine sinnvolle Einwirkung der Hunde auf die Kompetenzbereiche gewahrleisten zu konnen (vgl. Otterstedt, 2007; Otterstedt, 2017).

5.1 Die freie Begegnung

Der Inhalt der freien Begegnung beschreibt die Begegnung zwischen Mensch und Tier durch Selbstbestimmung. Diese Methode ist die naturlichste und in ihrer Rein­form der Begegnung nur in der Natur gegeben. Die Idee dahinter ist, dass Mensch und Tier aus eigenem Interesse den Kontakt suchen. Die Begegnungsqualitat soll so wenig wie moglich durch Dritte oder Lockmittel beeinflusst werden. Fur die Dia­logpartner besteht so immer die gleichwertige Moglichkeit, eine Annaherung als auch einen Ruckzug selbst bewirken zu konnen und selbstbestimmt die Nahe-/Dis- tanzverwaltung zu bestimmen.

Kontaktqualitaten:

- Die Nahe zwischen den Dialogpartnern wird durch die Kontaktbereitschaft beider Parteien hergestellt.
- Der freie Raum ermoglicht eine schrittweise Annaherung sowie den Ruck- zug. Die Option der erneuten Annaherung besteht.
- Dieser Kontakt verlangt eine gegenseitige sensible Wahrnehmung in Bezug auf nonverbaler und verbaler Kommunikation.
- Durch die Qualitat dieser Begegnung steigt die Authentizitat, was sie beson- ders nachhaltig macht.

Die freie Begegnung mit dem Tier eignet sich besonders bei Kindern, die zunachst gehemmt sind, Kontakt aufzunehmen. Im Rahmen dieser Methode konnen die Be- teiligten selbstbestimmt uber Dynamik, Form und Nahe der Begegnung entschei- den. Das Tier sollte in diesem Fall die notige Sensibilitat besitzen. Der Kontakt wird dann von den Kindern als emotional wertvoll erlebt, da diese den Eindruck erhalten, dass das Tier sie wahrnimmt und mit ihnen in Kontakt treten will. Dieser Eindruck kann zu einem intensiven emotionalen Erleben fuhren, wodurch heilsame Gefuhle freigesetzt werden. Anzumerken ist jedoch, dass diese Methode in ihrer Reinform

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Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Tiergestützte Intervention mit Hund. Die Einwirkungsbereiche auf die Entwicklung von Kindern
Autor
Jahr
2019
Seiten
56
Katalognummer
V1025381
ISBN (eBook)
9783346438034
ISBN (Buch)
9783346438041
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tiergestützte, intervention, hund, einwirkungsbereiche, entwicklung von, kindern
Arbeit zitieren
Franziska Horner (Autor), 2019, Tiergestützte Intervention mit Hund. Die Einwirkungsbereiche auf die Entwicklung von Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1025381

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