Rezeption der Figuren von Faust und Mephisto aus Goethes "Faust" im nationalsozialistischen Deutschland


Essay, 2020

7 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Die veränderliche Interpretation einer Geschichte im Laufe der Zeit. Eine

Einleitung

Eines der größten literarischen Werke der deutschen Literaturgeschichte ist ohne Zweifel Faust, geschrieben von Johann Wolfgang von Goethe. In den letzten Jahrhunderten wurde eine unvorstellbare Menge von Aufsätzen und Artikeln über dieses Werk geschrieben, über das Leben Goethes, zum Beispiel seine Inspiration, die Faust-Geschichte zu schreiben, das Verhältnis der Geschichte zur Gesellschaft damals und so weiter.

Eine Geschichte erzählt fast immer etwas über die Zeit, in der sie geschrieben wird. Das Publikum, das als die Menschen dieses bestimmten Zeitraums bezeichnet werden könnte, muss sich in die Geschichte einfühlen und sich insbesondere in gewisser Weise mit deren Figuren identifizieren können, in denen das Publikum bestimmte Dinge über sich selbst oder ihre Umgebung erkennen kann. Eine Geschichte sollte daher sehr oft im Lichte der sozialen, kulturellen oder politischen Tendenzen seiner Zeit gesehen werden. Unter Berücksichtigung dieser Informationen sollte man sich die Frage stellen: "Inwieweit ändert sich die Wahrnehmung einer Geschichte und ihres Charakters, wenn sich auch das Publikum und die Gesellschaft, die diese Geschichte betrachtet und analysiert, drastisch ändern?"

Faust ist eine deutsche Geschichte, daher sollten wir uns auch auf die Rezeption der Geschichte im deutschen Raum konzentrieren, eben so in einer anderen Zeit und Gesellschaft als Goethes. Eine der größten sozialen Veränderungen in der deutschen Geschichte war der Übergang von Deutschland als Demokratie zu Deutschland als totalitärem und rassistischem Staat, insbesondere zum NS-Deutschland der 1930er und 40er Jahre. Im Rahmen dieser Forschung werde ich mich mit der Rezeption der Faust-Legende und insbesondere der seiner Figuren während der Nazi-Diktatur beschäftigen. Ich könnte mich natürlich nur auf Faust selbst konzentrieren, aber ich denke, es sei viel interessanter, sich auch, mit besonderem Augenmerk, auf den Antagonisten dieser Geschichte zu konzentrieren: die Figur von Mephisto, weil deren Beziehungen untereinander, besonders in den Augen der Faschisten, wirklich am faszinierendsten sind. Auch für diese Forschung betrachte ich nur Faust I, der übrigens der beliebteste Teil der Geschichte im nationalsozialistischen Deutschland war. Der zweite Teil wurde oft als zu schwierig und also für das Volk zu unzugänglich angesehen.1 Ebenfalls betrachte ich nur eine NS-Ansicht der Geschichte. Meine letzte Forschungsfrage lautet: "Wie wurden die Figuren von Faust und Mephisto und ihre Beziehung zueinander im nationalsozialistischen Deutschland interpretiert?”

Faust und Mephisto als Arier und Jude

In einer der am meisten vergessenen NS-Ansichten der Faust-Geschichte werden die Figuren von Faust und Mephistopheles als "die kämpfende Seele des Deutschen und der täuschende Jude" angesehen.2 Zum Beispiel wurde in der NS-Zeitung "Der Stürmer" 1932 eine Karikatur eines jüdisch aussehenden Mephisto veröffentlicht, der einem Arischen Faust ein vergiftetes Getränk anbot.3 Obwohl diese Ansicht der Faust-Geschichte sicherlich in der NS-Ära präsent war, muss gesagt werden, dass diese spezifische Überlegung meistens sporadisch war und sicherlich nicht vom großen Publikum geteilt wurde. In der Tat wurden keine Beweise dafür gefunden, dass Mephistos Charakter während der Aufführungen des Stücks in NS-Deutschland stereotype jüdische äußere Merkmale aufwies, geschweige denn, dass Faust wie ein Arier aussah.4 Dennoch besteht der starke Verdacht, dass der Vergleich zwischen Faust / Mephisto und Arier / Jude wichtiger war als gedacht. Einer der großen Befürworter dieser Theorie und selbsternannter Enthusiast von Goethes Geschichten war Dietrich Eckart. Eckarts literarische Werke erreichten auch nach seinem Tod in NS-Deutschland nie die breite Öffentlichkeit, aber er gilt als einer der einflussreichsten Personen in Adolf Hitlers Leben und wird oft als Mentor des Führers bezeichnet.5 In einem seiner antisemitischen Texte "Das ist der Jude!" stellt Eckart fest: “Proteus, Locki, Mephisto - ein und derselbe Verwandlungskünstler, der Jude! Bald das hündische Wesen des Pudels, bald die treuherzige Miene des fahrenden Scholasten, des unterwürfigen Dieners, bald in der Maske der himmelanstrebenden Faustnatur das verlogene Spiel mit dem Schüler (der Jude als deutscher Professor!), bald der zwinkernde Führer durch alle Nachtlokale des Blocksberg, bald der geschäftige Günstling des geldbedürftigen Kaisers, bald dies und bald das, und immer das gleiche gemeine Geschöpf!”6

Um die NS-Interpretation von Faust zu verstehen, muss man zunächst zwei Dinge betrachten. Zunächst sollte klar sein, dass Goethes Faust zum Zeitpunkt der Übernahme Deutschlands durch die Nazis bereits einen solchen biblischen Status innerhalb der deutschen Literaturkultur erlangt hatte, dass die Faust-Geschichte bereits als "Weltbibel" gefeiert worden war und es durchaus Sinn machte, dass die NSDAP wünschte Goethes Meisterwerk in ihre eigene verdorbene Ideologie zu integrieren.7 Zum Beispiel sagte der Reichsjugendführer Baldur von Schirach 1937 in einer Rede: „Nenne mir, Deutscher, das deutsche Buch schlechthin, es ist der Faust. Nenne mir den deutschen Dichter, es ist Goethe”s Dennoch gab es einen gewissen Neid auf die Botschaften des Humanismus, das ideale Bild der klassischen Antike, das als volksfremd angesehen wurde, und den Kosmopolitismus, der die Faust-Geschichte einschließt. Zum Beispiel erklärte Hitler, er sei kein Liebhaber von Goethe, obwohl er ihm viel vergeben habe "für das einzige Wort:” "am Anfang war die Tat ". Dies ist ein Hinweis auf die Faust I-szene in Fausts Studierzimmer, in der er feststellt, dass nicht Worte oder Gedanken, sondern Handlungen die treibende Kraft des menschlichen Potenzials sind.8 9

Zweitens sollte angemerkt werden, dass die NS-Ansichten über die Faust-Geschichte und ihre Charaktere keine bloßen Erfindungen waren, sondern das Erbe nationalistischerer Ansichten über Faust, die seit dem 19. Jahrhundert von verschiedenen Literaturkritikern und Schriftstellern erworben wurden. Einige Beispiele von Schriftstellern, die die Faust-Geschichte bereits mit einer anti-religiösen und nationalistischen Sichtweise betrachteten, sind: Friedrich Theodor Vischer, Gustav von Loeper, Hermann Grimm und Karl Goedeke.10

Thomas Manns literarisches Meisterwerk "Doktor Faustus" zeigt die Figur des Mephistopheles als Gespenst des deutschen Faschismus, der für den Untergang des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich ist. Die Geschichte zeigt, dass der Aufstieg des Nationalsozialismus mit einer kalkulierten Verzerrung der deutschen Kultur und Literatur einherging und die deutsche Rasse als überlegen darstellte. Im Rahmen der Ausbildung junger Deutscher wurden Kunstwerke und Schriften, die in irgendeiner Weise mit dem NS-Philosophie in Einklang gebracht werden könnten in ihrer Bedeutung geändert und korrumpiert. Eine sehr beliebte Art von Text, der missbraucht wurden, waren die deutschen Sagen für die auch Faust ein Beispiel is.11 Was hier zu beachten ist, ist die Tatsache, dass in der europäischen Kultur und insbesondere in religiösen Sagen und Kunstwerken aus dem Mittelalter das Judentum schon oft mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Kirche den Juden als die Mörder Christi bezeichnete. Frühe Darstellungen des Teufels aus ganz Europa enthielten oft ein sehr prominentes jüdisches Stereotyp: eine Hakennase.12 Da die Verfolgung der Juden während der NS-Zeit nur der Höhepunkt eines sehr alten Judenhasses in Europa war, können wir möglicherweise die Merkmale der europäischen Darstellungen des Teufels mit der diskutierten NS-Theorie in Beziehung setzen.

Ein weiterer möglicher Grund für diese Überlegung ist die Tatsache, dass Mephisto, obwohl Mephistos Ziel darin besteht, Faust in Verdammnis und Hölle zu locken, in der Geschichte niemals gewalttätig ist. Diese Tatsache passte perfekt zur Rassentheorie der Nazis, und die Idee, dass die Juden, anstatt sich die Hände mit körperlicher Gewalt schmutzig zu machen, List und Täuschung bevorzugten, um ihre Feinde zu überlisten und ihre Ziele zu erreichen, gab es bereits in der 19. Jahrhundert und wahrscheinlich früher.13 14 15

Jeder, der Faust gelesen hat, kann daraus schließen, dass der Text selbst oft der NS-Ansicht widerspricht. Während des ersten Gesprächs mit Faust sagt Mephisto Folgendes über sich selbst: “(Ich bin) Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.”14 Dies widerspricht der Ideologie der Nazis, die das Judentum als Quelle allen Elends betrachten und nie behauptet haben, dass ein Jude etwas Gutes tun könnte.

Die Idee, dass Faust ein Arier wäre, ist ebenfalls lächerlich. Fausts Figur wird in der Geschichte absichtlich als unvollkommener Mensch dargestellt. Wenn er sagt “Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen”15, bedeutet das, dass er die guten und schlechten Seiten seiner Persönlichkeit in Einklang bringen muss, um eine Harmonie zu finden. Die Figur des Mephisto sollte nicht von Faust zerstört, sondern in seine Person integriert werden. Wenn Faust ein Arier und Mephistopheles ein Jude wäre, sollte dies nach NS-Rassentheorien unmöglich sein.

Die wahre Botschaft lebt weiter! Ein Fazit

Die Absurdität, mit der diese NS-Theorie über Goethes Faust Hand in Hand geht, wird auch in einem Text der Zeitung “Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus” zitiert, der lautet: “Manchmal erfreut eine Gabe unfreiwilligen Humors unser Herz. Und dann sind wir nicht ohne Dankbarkeit. Selten aber empfanden wir dieses Gefühl in solcher Echtheit, als angesichts der Lektüre eines Aufsatzes, betitelt “Goethe als Antisemit”, der im Wiener Deutschen Volksblatt stand und dann durch die ganze Antisemitenpresse lief. Dieses fröhliche Produkt ist nichts weniger als ein neuer Versuch, Goethes Faust zu erklären, ein so glänzender Versuch, dass wir diese Perle antisemitischer Hanswursterei zum Abdruck bringen wollen. Es handelt sich um die Gegenüberstellung: Gott und Teufel, Faust und Mephistopheles, Arier und - Juden.”16

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1 Pieter Steinz, De Faust van Goethe, in: De duivelskunstenaar. De reis van Doctor Faust door 500 jaar, Amsterdam 2016, fünfte Teil.

2 Kurt G. W Ludecke, I Knew Hitler, New York 1937, 18.

3 Der Stürmer, Nürnberg 1932, N. 29.

4 Jonas Karlsson, The Dark Shadow of Faust: The Anti-Semitic Tradition of Reading Mephistopheles as the “Jewish Spirit”, Gambier 2011,41.

5 Ebd., 53.

6 Dietrich Eckart, Das ist der Jude!, München 1922(?), 388-389.

7 Pamela E. Swett, Corey Ross, Fabrice d’Almeida; Pleasure and Power in Nazi Germany, London 2011,95.

8 Baldur von Schirach, Goethe an Uns: Ewige Gedanken Des Grossen Deutschen, Berlin 1938, 7.

9 Pieter Steinz, De Faust van Goethe, in: De duivelskunstenaar. De reis van Doctor Faust door 500 jaar, Amsterdam 2016, fünfte Teil.

10 Pamela E. Swett, Corey Ross, Fabrice d’Almeida; Pleasure and Power in Nazi Germany, London 2011,95.

11 Inez Hedges: Framing Faust, Carbondale 2005, 44.

12 Joshua Trachtenberger: The Devil and The Jews: The Medieval Conception of the Jew and Its Relation to Modern Anti-Semitism, Philadelphia 1983.

13 Jonas Karlsson, The Dark Shadow of Faust: The Anti-Semitic Tradition of Reading Mephistopheles as the “Jewish Spirit”, Gambier 2011,43-44.

14 Johann Wolfgang Goethe: Faust I und II, Hamburg 2011,51.

15 Ebd., 44.

16 Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, 14. Oktober 1899, N. 41.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Rezeption der Figuren von Faust und Mephisto aus Goethes "Faust" im nationalsozialistischen Deutschland
Hochschule
Universiteit Antwerpen
Note
15
Autor
Jahr
2020
Seiten
7
Katalognummer
V1025675
ISBN (eBook)
9783346425294
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faust, Goethe, Mephisto, NS-Deutschland, Figurenanalyse, Nationalsozialismus, Eckart, Arier, Jude, Dritten Reich, Befleckung, Rezeption, Interpretation, von Schirach
Arbeit zitieren
Aaron Sabbe (Autor:in), 2020, Rezeption der Figuren von Faust und Mephisto aus Goethes "Faust" im nationalsozialistischen Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1025675

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