Das vermittelte Chinabild in der medialen Berichterstattung zur Coronakrise

Theorie und Anwendung Kritischer Diskursanalyse und quantitativer Analyse


Hausarbeit, 2021

114 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kritische Diskusanalyse
2.1. Forschungsstand
2.2. Anwendung einer Kritischen Diskursanalyse

3. Quantitative Analyse
3.1. Anwendung einer Quantitativen Analyse

4. Fazit

5. Anhang
5.1. Strukturanalyse der Online-Artikel für die KDA
5.2. Einzelne Umfragebögen der quantitativen Analyse

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Seit 2020 hat kaum ein anderes Thema den gesellschaftlichen Diskurs so stark geprägt, wie die Covid-19 Krise. Hierbei ist die mediale Berichterstattung im deutschsprachigen Raum deutlich von rassistischen und stereotypisierenden Merkmalen geprägt. Durch unterschiedliche Mittel wird das Bild des unzivilisierten und in jeglicher Hinsicht minderwertigen Chinas, das durch Vorurteile und Klischees bestimmt ist, generiert. Durch diese Prozesse des Othering wird die eigene, westliche Identität als fortschrittlich und rational wahrgenommen. Das Coronavirus wird, vor allem zu Beginn der Krise, als ein „Virus der Anderen“ dargestellt und die Schuld für das Auftreten der Pandemie wird China zugeschrieben. In der Berichterstattung kommt es immer wieder zu einer Unterscheidung zwischen China und dem Westen/Deutschland, Aspekte der chinesischen Kultur, das „autoritäre“ chinesische Staatssystem an sich und selbst vermeintliche Essgewohnheiten aller Chinesen werden kritisiert. Die Quarantänemaßnahmen des chinesischen Regimes dienen dabei als Vorwand, das Staatssystem zu kritisieren und die Coronakrise zu politisieren.

In dieser Hausarbeit für das Seminar „Kritische Methodologie“ an der Universität Koblenz, werden zwei heterogene Methoden, die der Kritischen Diskursanalyse und die der quantitativen Analyse, auf den Gegenstand der vermittelten Stereotype in der medialen Berichterstattung zur Corona-Pandemie bezogen. Die Fragestellung beider Analysen weicht aufgrund dieser Heterogenität leicht ab; während die Kritische Diskursanalyse untersuchen wird, ob und wie diese Stereotype und die Kritik an China in der Berichterstattung vermittelt werden, wird sich die quantitative Analyse mit der Frage befassen, ob diese Stereotype und die Kritik an China durch die befragten Personen wahrgenommen und auf welche Weise die eigenen Denkmuster und das eigene Handeln beeinflusst worden sind. Im ersten Teil dieser Hausarbeit wird die Theorie zur Kritischen Diskursanalyse (KDA) und der Forschungsstand beschrieben, anschließend wird die KDA exemplarisch auf die gewählte Thematik angewendet. Im zweiten Teil wird die Theorie zur quantitativen Analyse vorgestellt und in einem weiteren Schritt ebenso auf diese Thematik angewendet. Im letzten Teil werden die Ergebnisse beider Analysen zusammengefasst und es wird sich der Leitfrage dieser Hausarbeit gewidmet: In welcher Weise verändern die gewählten Methoden der KDA und der quantitativen Analyse den Blick auf die gewählte Thematik und auf welche Weise wird das Forschungsergebnis durch die jeweilige Methode selbst beeinflusst bzw. in eine gewisse Richtung gelenkt? Dabei soll geschildert werden, inwiefern die Methode selbst ein Beitrag dazu ist, dass das Forschungsergebnis die jeweilige Form annimmt.

2. Kritische Diskusanalyse

Die Kritische Diskursanalyse (KDA) ist ein sich seit ca. 1985 entwickelndes Forschungsfeld, das zwar auf einem linguistischen Fundament beruht, jedoch interdisziplinär vorgeht (vgl. Reisigl und Ziem 2014, S. 89). Der Fokus einer Kritischen Diskursanalyse liegt auf sozialen und politischen Problemen und plädiert für eine Wissenschaft, die manipulative und machtbezogene Zusammenhänge zwischen Sprache und Gesellschaft aufdeckt (vgl. ebd.). Dabei beschäftigt sie sich vorwiegend mit sozialen Problemen, die im Zusammenhang mit sprachlichen oder semiotischen Bezügen stehen; ein Musterbeispiel wäre die Auseinandersetzung „mit der Rolle von Diskursen bei der Entstehung und Reproduktion von Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus“ (ebd.).

Reisigl und Ziem unterscheiden zwischen sieben Arten einer Kritischen Diskursanalyse; dazu gehören z. B. die Kritische Diskursanalyse der sogenannten „Duisburger Gruppe“, die „Oldenburger Diskursanalyse“ und der soziokognitive Ansatz Teun A. van Dijks (vgl. ebd., S. 89-91). Die Diskurskonzeptionen dieser Arten weisen einige leichte Unterschiede auf, während z. B. die Oldenburger Diskursanalyse den Diskurs „als dynamische kommunikative Praxis, Supertext und Geflecht von Texten“ (ebd., S. 90) ansieht, sieht der soziokognitive Ansatz diesen als „komplexes kommunikatives Ereignis, das sich in jedweder semiotischen oder multimedialen Dimension der Signifikation manifestieren kann“ (ebd.). Da für die Analyse in dieser Hausarbeit die Kritische Diskursanalyse nach der Duisburger Gruppe gewählt wurde, wird im Folgenden speziell auf diese Art der KDA eingegangen.

Diese Art der Kritischen Diskursanalyse wurde seit der Mitte der 1980er Jahre im Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) entwickelt (vgl. Jäger 2007, S. 15). Nach Jäger gehe es bei dieser KDA um die Darstellung von diskursiven Sagbarkeitsfeldern, die diese in einem weiteren Schritt interpretieren und einer Kritik unterziehen; dabei ist jedoch zu bemerken, dass die Diskursposition der analysierenden Person unvermeidlich mit in diese Analyse einfließt (vgl. ebd.). Die KDA wird von Jäger als „transdisziplinär“ bezeichnet, da sich ihr Konzept mit Inhalten aller Art beschäftigt, seien es wissenschaftliche, politische, alltägliche oder mediale Themen (vgl. ebd., S. 16). Jäger orientiert sich stark am Ansatz des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link und nimmt in seinen Werken häufig auf ihn Bezug; so erklärt er, dass es sowohl bei Link als auch bei der durch ihn selbst beschriebenen KDA (...) um die Analyse aktueller Diskurse und ihrer Macht-Wirkung, um das Sichtbarmachen ihrer (sprachlichen und ikonographischen) Wirkungsmittel, insbesondere um die Kollektivsymbolik, die zur Vernetzung der verschiedenen Diskursstränge beiträgt, und insgesamt um die Funktion von Diskursen als herrschaftslegitimierenden und -sichernden Techniken der kapitalistischen bzw. globalisierten Gesellschaft (...) (ebd., S. 18f.) gehe.

Die Diskurskonzeption der Kritischen Diskursanalyse Jägers ist ebenso an Jürgen Links Definition angelehnt, nach welcher der Diskurs eine institutionell verfestigte Redeweise sei, die das Handeln der verschiedenen Akteure beeinflusse und dadurch Macht ausübe (vgl. https://www.diss-duisburg.de/2005/12/kulturrevolution-ein-notwendiges-konzept/ und Jäger 2007, S. 19); dieser Begriff der Macht taucht immer wieder in Jägers Erläuterungen auf und ist besonders ausschlaggebend für dessen Diskurskonzeption. Jäger führt weiterhin aus, dass Diskurse Machtwirkungen ausüben, „weil sie institutionalisiert, geregelt und an Handlungen angekoppelt sind“ (ebd., S. 19); daher sei das Ziel der Kritischen Diskursanalyse eine Kritik von Macht und ihrer Verteilung (vgl. ebd.). Die Konzeption von „Wissen“ wird ebenso kritisiert, da sich Wissen oftmals als objektiv und andauernd ausgebe, obschon es de facto nur in einem gegebenen Zeitraum bzw. in der jeweiligen Gesellschaft als gültig gelte (vgl. ebd., S. 20). Diskurse trügen somit „zur Strukturierung von Machtverhältnissen in einer Gesellschaft bei“ (ebd.), da diese in ihrer Trägerfunktion des jeweils gültigen Wissens Macht ausüben (vgl. ebd.).

Zur Rolle des Subjektes erläutert Jäger: Das Subjekt agiere selbst und sei an der Realisierung von Machtbeziehungen beteiligt, wobei jedoch ausdrücklich zu beachten sei, dass diese Beteiligung „im Rahmen eines wuchernden Netzes diskursiver Beziehungen und Auseinandersetzungen“ (ebd., S. 22) stattfinde (vgl. ebd.). Dabei sei zu berücksichtigen, dass dieser Prozess keinen Determinismus darstelle; das Subjekt werde folglich nicht in seiner Identität determiniert und somit führe die Rezeption einzelner Texte bzw. „Diskursfragmente“ nicht zu festen Wissenselementen (vgl. ebd.). Diese festen Elemente bzw. „Wissen“ entständen erst durch eine dauerhafte „Konfrontation mit immer den gleichen oder doch sehr ähnlichen Aussagen“ (vgl. ebd., S.22), die zu einer „Verankerung im Bewusstsein der Subjekte“ (ebd.) führen; dieses Phänomen wird von Jäger als „Rekursivität“ bezeichnet (vgl. ebd.). Durch diese Erläuterungen wird deutlich, dass nach diesem Modell eine Diskursanalyse eine „Analyse der Produktion von Wirklichkeit“ (ebd., S. 24) sei. Der Diskurs steht nach Jäger über dem Individuum, obwohl Diskurse „Realität“ bzw. gültiges Wissen nur durch die vermittelnden Subjekte schaffen; der Diskurs hat demnach „eine regulierende Instanz“ (vgl. ebd., S. 23f.). Das folgende Zitat verdeutlicht auf vereinfachte Weise Jägers Konzeption:

Alle Menschen stricken zwar am Diskurs mit, aber kein einzelner und keine einzelne Gruppe bestimmt den Diskurs oder hat genau das gewollt, was letztlich dabei herauskommt (ebd., S. 24).

Die Aufgabe einer Kritischen Diskursanalyse nach Jäger besteht auch darin, miteinander verschränkte Diskurse aufzulösen und deren Struktur somit durchschau- und analysierbar werden zu lassen; aus diesem Grund stellt Jäger einige Analysekategorien auf (vgl. ebd., S. 25f.), die im nächsten Kapitel dieser Hausarbeit jeweils angewendet werden. An erster Stelle stehe der gesellschaftliche Gesamtdiskurs, der ein stark verzweigtes und sich in ständiger Bewegung befindendes Netz darstelle, was es zu entwirren gelte (vgl. Jäger und Zimmermann 2019, S. 59). Er bestehe aus sogenannten „Diskurssträngen“, die Jäger als „thematisch einheitliche Diskursverläufe“ bezeichnet (vgl. Jäger 2007, S. 25). Um solche Diskursstränge zu analysieren, sollen homogene Aussagen und deren Häufungen analysiert werden, wobei unter Aussagen hier nicht Sätze, sondern gemeinsame Inhalte in Sätzen und Texten gemeint sind (vgl. ebd., S. 25f.). Diskurs stränge bestehen aus verschiedenen „Diskursfragmenten“, die durch die Kritische Diskursanalyse ermittelt werden (vgl. ebd., S.26). Des Weiteren habe jeder Diskursstrang eine sogenannte „synchrone“ und eine „diachrone“ Dimension: Durch einen synchronen Schnitt durch einen Diskursstrang werde ermittelt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als „Wissen“ galt, sprich sagbar war, während durch einen diachronen Schnitt durch einen Diskursstrang längere historische Verläufe untersucht werden (vgl. ebd., S. 26).

Wichtig ist dabei auch, dass sich Diskursstränge des Öfteren ineinander verschränken und sich somit gegenseitig beeinflussen können, wodurch besondere diskursive Effekte entstehen können (vgl. Jäger 2015, S. 81). Es ist daher möglich, dass in nur einem Text Diskursfragmente verschiedener Diskursstränge zu erkennen sind; eine Diskursverschränkung liegt somit sowohl vor, falls in einem Text verschiedene Themen angesprochen werden, als auch, falls sich dieser nur mit einem Hauptthema befasst, wobei jedoch Bezüge zu anderen Themen bemerkbar sind (vgl. Jäger 2007, S. 29). Die nächste, untergeordnete Analysekategorie ist die der „Diskursfragmente“, welche nach Jäger „ein Text oder Textteil, der ein bestimmtes Thema behandelt“ (Jäger 2007., S. 27) sind; diese Fragmente verbinden sich zu Diskurssträngen (vgl. ebd.).

Eine weitere Kategorie sind sogenannte „diskursive Ereignisse“, die Jäger als Ereignisse, „die (vor allem medial und politisch) besonders herausgestellt werden und als solche Ereignisse die Richtung und die Qualität des Diskursstrangs, zu dem sie gehören, und auch andere Diskurse, grundlegend beeinflussen“ (ebd.), bezeichnet. Ein weiterer Begriff ist jener der „Diskursebene“: Nach Jäger operieren die jeweiligen Diskursstränge auf verschiedenen Ebenen, z. B. auf der Ebene der Medien, der Politik oder des Alltags (vgl. ebd., S. 28). Diese Ebenen können sich aufeinander beziehen und auch aufeinander einwirken. Ein Beispiel wäre, dass auf der Medienebene Diskursfragmente des Politik­Diskurses aufgenommen werden (vgl. ebd.). Als letzte Kategorie gibt Jäger die der „Diskursposition“ an, die den politischen Standort einer bestimmten Person oder eines Mediums darstellen soll (vgl. ebd.). Wichtig dabei ist, dass diese Positionen erst als das Ergebnis einer Kritischen Diskursanalyse ermittelt werden können (vgl. ebd., S. 29). Des Weiteren sind Diskurspositionen nach Jäger als das Resultat der Verstrickungen in Diskurse, denen das jeweilige Subjekt ausgesetzt ist, zu verstehen (vgl. Jäger und Zimmermann 2019, S. 44).

Zum Begriff der „Kritik“ an der Diskursanalyse erläutert Jäger, dass es bereits durch eine Analyse möglich ist, Diskurse zu kritisieren; dadurch werde die Widersprüchlichkeit in diesen Diskursen aufgedeckt und es werde das zu einer bestimmten Zeit jeweils Sagbare erfasst (vgl. Jäger 2007, S. 34). Durch die Kritische Diskursanalyse würden außerdem „Strategien, mit denen das Feld des Sagbaren ausgeweitet oder auch eingeengt wird, etwa Verleugnungen, Relativierungen“ (ebd., S. 34f.), erfasst. Falls solche Strategien auftreten, weise es darauf hin, dass die wirkliche, intendierte Aussage zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Gesellschaft nicht explizit genannt werden könne und daher dieser Strategien bedürfe (vgl. ebd.). Somit sei die Kritische Diskursanalyse in der Lage, jeweils herrschende Diskurse zu hinterfragen und sowohl Sprach- als auch Gesellschaftskritik auszuüben (vgl. ebd., S.37).

Jäger erklärt weiterhin, dass sich die Kritische Diskursanalyse daher nicht lediglich auf die Analyse von Sprache beschränkt, sondern auch auf andere Elemente wie z. B. „Euphemismen, Argumentationsformen, Anspielungen, Redensarten, allgemeine stilistische Besonderheiten etc.“ (ebd., S. 35f.), eingehe. Er beschreibt die sogenannte „Kollektivsymbolik“ als ein wichtiges Bindemittel von Diskursen (vgl. ebd., S.36), welches ein entscheidendes „diskurstragendes und -stützendes Element“ (ebd., S. 39) darstelle. Bei der Definition des Begriffes orientiert sich Jäger erneut an Jürgen Link (vgl. Jäger und Zimmermann 2019, S. 70), welcher Kollektivsymbolik als die Gesamtheit der sogenannten Bildlichkeit' einer Kultur, die Gesamtheit ihrer am weitesten verbreiteten Allegorien und Embleme, Metaphern, Exempelfälle, anschaulichen Modelle und orientierenden Topiken, Vergleiche und Analogien (Link 1997, S. 25) definiert. Durch die in einer jeweiligen Gesellschaft tradierten Kollektivsymbole ist es möglich, sich ein Gesamtbild der Wirklichkeit dieser Gesellschaft zu machen (vgl. Jäger 2007, S. 36). Kollektivsymbole simplifizieren demnach Wirklichkeiten, die eigentlich komplex sind und dadurch werden diese Wirklichkeiten auf eine bestimmte Weise gedeutet (vgl. ebd., S. 39). Die Kollektivsymbolik spielt eine besondere Rolle für den Mediendiskurs; durch ihren Einsatz werden „bestimmte Zustandsdeutungen dramatisiert und de-normalisiert“ (ebd.). Dadurch wird die Notwendigkeit geschaffen, diese auf solch eine Weise wahrgenommenen gesellschaftlichen Zustände wieder zu normalisieren (vgl. ebd.). Durch diese Kollektivsymbolik wird klar zwischen Normalität und der Abweichung davon unterschieden (vgl. ebd., S. 40). Hier lassen sich vor allem Zusammenhänge zu Theorien des „Othering“ und der Stereotype erkennen: Kollektivsymbole sind nach Jäger kulturelle Stereotype (vgl. Jäger und Zimmermann 2019, S. 70); durch solche Kollektivsymbole lassen sich Abgrenzungen zwischen der eigenen Gruppe und einer Außengruppe markieren (vgl. Jäger 2007, S. 42). Durch diese Kollektivsymbolik kommt dem eigenen System „ein Subjektstatus im Sinne einer autonomen, zurechnungsfähigen, quasi-juristischen Person zu“ (vgl. Jäger und Zimmermann 2019, S. 72). Daher sei es vonnöten, dass Medien sich diesem Einsatz von Kollektivsymbolik und dessen erzielten Effekten bewusst werden (vgl. Jäger 2007, S. 58). Jäger geht zudem auf einige Eigenschaften der Kollektivsymbolik ein; z. B., dass sie „eine indirekte Bedeutungsfunktion“ (Jäger 2007, S. 43) haben und dass das Verhältnis zwischen der ersten, nicht symbolischen Bedeutung und der zweiten, symbolischen Bedeutung, motiviert und nicht zufällig sei (ebd.).

2.1. Forschungsstand

Da die Covid-19 Pandemie erst vor ca. einem Jahr begann, findet sich relativ wenig Literatur, die sich mit dem Zusammenhang der Covid-19-Krise, Stereotypen und Elementen des Othering befasst. Nennenswert ist jedoch der Artikel „Das Virus der Anderen: Diskursive Ausschlussdynamiken und der neue Orientalismus im frühen Diskurs über Covid-19“ von Dr. Marius Meinhof, der an der Universität Bielefeld tätig ist. Dieser Artikel ist im Jahre 2020 im Sammelband „Corona. Weltgesellschaft im Ausnahmezustand“, herausgegeben von Markus Heidingsfelder, veröffentlicht worden. Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Artikel werden an dieser Stelle exemplarisch zusammengefasst.

Meinhof argumentiert, dass sich eine neue Art des Orientalismus entwickelt habe und, dass diese Art eine der Grundlagen darstelle, dass zu Beginn der Covid-19 Pandemie chinesisches Wissen über die Pandemie im westlichen Raum heruntergespielt wurde und, dass es in den darauffolgenden Monaten ab März 2020 zu keiner kritischen Reflexion dieser Versäumnisse gekommen ist (vgl. Meinhof 2020, S. 243). Dabei orientiert sich Meinhof an dem Konzept des „Neuen Orientalismus“, welches Daniel Vulkovich in seinem Werk „China and Orientalism: Western Knowledge“ vorstellt. Auch Meinhof bedient sich in seinem Artikel einer Kritischen Diskursanalyse (wobei diese nicht nach dem Modell der Duisburger Schule bzw. Siegfried Jäger durchgeführt wurde). Seine Darstellungen beruhen auf einer Analyse von „90 Zeitungsartikeln und 83 Twitter- Diskussionen auf Deutsch, Englisch und Chinesisch“ (ebd., S. 243), des Weiteren wurden auch sogenannte „Weibo“-Diskussionen in China miteinbezogen (vgl. ebd.). Dabei geht Meinhof nur kurz exemplarisch auf Passagen aus Zeitungsartikeln etc. ein, ohne diese detailliert zu betrachten.

Der Begriff der „Macht“ spielt bei Meinhofs Analyse eine entscheidende Rolle; in seinen Worten untersucht er, wie die rhetorischen Techniken, mit denen Identitäten, Handlungsfähigkeiten und Verantwortlichkeiten zugeschrieben werden bestimmte Machtstrukturen ermöglichten und den damit verbundenen Ausschlussmechanismus als normal oder notwendig erscheinen ließen (ebd., S. 243f.).

Einige Ergebnisse Meinhofs decken sich mit den Ergebnissen der folgenden eigenen Analyse, so z. B., dass das Virus für einen langen Zeitraum als Katastrophe für China, jedoch nicht als eine ernstzunehmende Bedrohung für Europa wahrgenommen wurde (vgl. ebd., S. 242). Auch Meinhofs Ergebnisse zeigen, dass chinesische Stimmen weitgehend aus dem Diskurs ausgeschlossen worden sind und, dass Covid-19 hier in eine „Sphäre des Anderen“ (ebd., S. 243) verortet wird (vgl. ebd.); auf diese Ähnlichkeiten wird im folgenden Analyse-Kapitel genauer eingegangen. Darüber hinaus analysiert Meinhof, im Gegensatz zur eigenen KDA, auch die Berichterstattung in den Monaten nach Januar 2020 und argumentiert z. B., dass ca. ab März 2020 eine neue Phase des Covid-19-Diskurses beginnt (vgl. ebd., S. 249), bei der es vor allem um die „Verteidigung von Demokratie und der positionalen Überlegenheit des Westens gegenüber China“ (ebd., S. 250) gehe. Diese Phase war demnach geprägt von westlichen Versuchen, China als hauptschuldig für die Pandemie darzustellen und der Fokus wird im übertriebenen Maße auf die Ereignisse im Januar 2020 gesetzt (vgl. ebd., S. 251). Meinhof betont, dass orientalistische Argumentationsmuster zwar Eingang im Diskurs finden, dass die zunehmende Kritik an China jedoch nicht ausschließlich auf orientalistischen Stereotypen beruht, da der größere, massenmediale Diskurs nicht bloß auf diese Interessen zu reduzieren sei (vgl. ebd., S. 260f.).

2.2. Anwendung einer Kritischen Diskursanalyse

Die folgende Kritische Diskursanalyse wendet einen synchronen Schnitt durch die unterschiedlichen Diskursstränge an, um zu ermitteln, was zu Beginn der Covid-19 Krise in Online-Artikeln über China und dessen politisches System sowie die Kultur etc. „sagbar“ gewesen ist, genauer gesagt im Januar 2020 (im Gegensatz zu einem diachronen Schnitt, der sich z. B. auf das gesamte Jahr 2020 beziehen würde). Diese KDA widmet sich der Frage, wie seit Beginn der Coronakrise in der medialen Berichterstattung das Bild des minderwertigen und unzivilisierten China konstruiert wird und auf welche Weise Stereotype über die chinesische Kultur, das chinesische Regierungssystem und die chinesische Bevölkerung vermittelt werden. Bei der Analyse zeigt sich vor allem, dass zu Beginn des Januars 2020 relativ wenige Artikel zum neuartigen Virus erscheinen; daher häufen sich in der folgenden Analyse besonders Artikel ab ca. dem 20.01.2020 bis zum Monatsende. Als Materialgrundlage gelten bei der folgenden KDA achtzehn Online­Artikel von Zeitschriften und Internet-Portalen aus dem deutschsprachigen Raum.

Es wäre möglich, den gesamtgesellschaftlichen Diskurs nach Siegfried Jäger (vgl. Jäger 2015, S. 86) als die Menge aller Diskursstränge anzusehen, wobei die Covid-19 Krise nach diesem Modell einen einzelnen Diskursstrang darstellen würde, der sich z. B. mit dem Politik-Diskursstrang verschränkt. Bei der Analyse stellte es sich jedoch als weitgehend übersichtlicher heraus, falls die Covid-19 Krise selbst als der gesamtgesellschaftliche Diskurs (zur Covid-19 Krise) angesehen wird und sich aus verschiedenen Diskursssträngen zusammensetzt. Diskursstränge, die in der Berichterstattung im Januar 2020 ermittelt wurden, sind z. B. die Ursprungsdebatte des Virus, die Frage nach der Bedrohung für Deutschland und Europa sowie die Debatte über die Legitimität und Wirksamkeit chinesischer Maßnahmen zur „Kontrolle“ des Virus.

Zu Beginn der Analyse wird eine Strukturanalyse nach Siegfried Jägers Modell durchgeführt; diese befindet sich im Anhang. Dabei wird sich an der Legende einer Strukturanalyse nach Jäger orientiert (vgl. ebd., S. 96). Solch eine Strukturanalyse ist dafür zuständig, Aussagen zu ermitteln, indem Diskursfragmente gleichen Inhalts aufgelistet werden und formale Beschaffenheiten zu erfassen und teilweise zu analysieren (vgl. ebd., S. 95). Häufungen weisen somit darauf hin, welche Aussagen in Bezug auf den jeweiligen Diskursstrang besonders Gewicht haben (vgl. ebd.). Die Strukturanalyse erfasst auch, zu welchem Zeitpunkt bestimmte Aussagen im Corona-Diskurs erscheinen, wodurch der Zusammenhang zu bestimmten diskursiven Ereignissen aufgezeigt wird. Bei der Analyse wird die Kategorie „Diskursposition“ ausgelassen, da sich diese KDA nicht nur mit einer oder einer sehr kleinen Anzahl von Zeitschriften befasst. Da ausschließlich der Monat Januar 2020 in die Analyse einbezogen wird, werden Artikel aus einer Vielzahl von Zeitschriften etc. in die Struktur- und Feinanalyse miteinbezogen. Der Fokus dieser KDA liegt deshalb eher darin, das in einer Vielzahl von Zeitschriften vermittelte Bild Chinas aufzudecken, als den politischen Standort von vereinzelten Zeitschriften zu erkennen.

Das erste für die Analyse wichtige diskursive Ereignis im Januar 2020 ist, dass die chinesischen Behörden am 03.01. der WHO Fälle einer neuartigen Krankheit in Wuhan melden. Dieses Ereignis führt zum Beginn der medialen Berichterstattung über das neuartige Virus. Am 06.01.2020 erscheint z. B. auf der Internetseite der „Tagesschau“ ein Artikel, der den Titel „WHO ist alarmiert: Rätselhafte Lungenkrankheit in China“ (https://www.tagesschau.de/ausland/lungenkrankheit-china-who-101.html) trägt, der nun, gefolgt von weiteren Artikeln, angelehnt an das Feinanalyse-Modell nach Jäger, analysiert wird (vgl. Jäger 2015., S. 98). Bei diesem Artikel fällt sofort die Bebilderung auf: Man sieht am Anfang der Seite ein Foto von Mitarbeitern des chinesischen Gesundheitswesens; alle Personen tragen Gesichtsmasken. Weiter unten sieht man erneut ein Foto mit einer asiatisch anmutenden Person, die sich in einem Gebäude der WHO befindet. Auch in vielen weiteren Artikeln finden sich immer wieder Fotos von Chinesen und Asiaten mit Gesichtsmasken, auch wenn der Bezug des Fotos zum Inhalt des Artikels nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Der Artikel beinhaltet Informationen über erste Fallzahlen in China und die Stellungnahme der WHO, außerdem werden die ersten Vorsichtsmaßnahmen in Hongkong angesprochen. Weitere Themen sind der Ursprung des Virus und Bezüge zur früheren SARS-Pandemie. Ein für die Analyse relevanter Diskursstrang, der sich in der Berichterstattung über Covid-19 im Januar 2020 regelrecht häuft, ist die Ursprungsdebatte des Virus. In diesem Diskursfragment (womit thematisch einheitliche Texte oder Textteile gemeint sind, ein Text kann also aus mehreren Diskursfragmenten bestehen (vgl. Jäger und Zimmermann 2019, S. 39)), wie auch in vielen folgenden Artikeln, wird erklärt, dass der Ursprung der „mysteriösen Lungenkrankheit“ (https://www.tagesschau.de/ausland/lungenkrankheit-china-who- 101.html) wohl der Huanan-Markt in Wuhan sei, worüber jedoch bis zum heutigen Zeitpunkt noch diskutiert wird, da es keine endgültigen Beweise dafür gibt.

In diesem Artikel wird des Weiteren ein anderer relevanter Diskursstrang aufgegriffen, und zwar die Debatte über die Verbindung des Coronavirus zu früheren Viren, wie der SARS-Pandemie. Im Artikel wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bereits zu früheren Zeitpunkten Pandemien in China ausgebrochen sind und es wird betont, dass die SARS-Pandemie durch das chinesische Regime „anfangs vertuscht wurde“ (ebd.). Durch die Verbindung der beiden Pandemien („Diese Nachrichten aus Wuhan weckten die Erinnerung an die SARS-Pandemie, die 2002 in der südchinesischen Provinz Guangdong begann und anfangs vertuscht wurde“ (ebd.)) wird darauf angespielt, bzw. wird impliziert, dass es auch bei dieser neuen Pandemie durchaus möglich sei, dass das chinesische Regime erneut zur selben Methode greife und der Außenwelt wichtige Informationen zum neuen Coronavirus verschweige. Etliche weitere Artikel in diesem Zeitraum stellen ebenso diesen Zusammenhang zum SARS-Virus dar, z. B. ein am 07.10.2020 im Online-Portal des Tagesspiegels erscheinender Artikel, der den Titel „Mysteriöse Krankheit in China: Rätselraten über ein Virus“ (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/mysterioese-krankheit-in-china- raetselraten-ueber-ein-virus/25397466.html) trägt. In diesem Artikel wird die chinesische Regierung sogar offen kritisiert:

Die intransparente Informationspolitik der chinesischen Regierung, aber auch die widersprüchlichen Angaben und die Mutmaßungen in den sozialen Medien rufen Ängste und Besorgnisse hervor (ebd.).

Auf diese Weise wird der chinesischen Regierung jegliche Kredibilität abgesprochen. Auf eine Feinanalyse dieses Artikels wird jedoch verzichtet, da er dem ersten Artikel in Bezug auf Argumentationsmuster etc. sehr ähnelt. Online-Artikel, die bis ca. den 20.01.2020 erschienen sind, beinhalten immer wieder die Themen bzw. Diskursstränge der Ursprungsdebatte und der Verbindung zur SARS-Pandemie; daher wurde auf weitere Artikel aus diesem Zeitraum verzichtet.

Am 23.01.2020 erscheint ein Artikel im Online-Portal des Bayerischen Rundfunks „BR24“ mit dem Titel „Coronavirus könnte von Fledermäusen oder Schlangen stammen“ (https://www.br.de/nachrichten/wissen/coronavirus-koennte-von-fledermaeusen-oder- schlangen-stammen,RoPPLyY). Anlass für diesen Artikel ist das Erscheinen zweier Studien, die Theorien beinhalten, wie der Krankheitserreger von Tieren auf den Menschen übertragen worden sein könnte. Vor allem fällt erneut die Bebilderung dieses Artikels auf: An oberster Stelle sieht man ein Foto von mehreren, nach vorne gehenden chinesischen oder asiatischen Personen, die alle Gesichtsmasken tragen. Durch dieses Foto kann bei Lesern der Eindruck entstehen, dass sich die Chinesen als „Träger“ des neuartigen, mysteriösen Virus massenhaft ausbreiten, somit wird eine Art Bedrohungsszenario entworfen. Der Artikel spricht weitere Themen, wie z. B. den Diskursstrang der Ursprungsdebatte an. Auch hier wird erläutert, dass der Tiermarkt in Wuhan als Ursprung des Erregers gilt. In diesem Artikel wird jedoch zusätzlich darauf aufmerksam gemacht, dass auf diesem Tiermarkt „Meeresfrüchte, aber auch exotische Wildtiere wie Füchse, Krokodile, Schlangen und Pfaue verkauft wurden“ (ebd.), wodurch impliziert wird, dass der reguläre Chinese all diese exotischen Tiere verspeist. Hier ist deutlich ein Element des „Othering“ zu erkennen. Im Artikel wird der Verkauf und Verzehr dieser für den Westen exotischen Tiere zwar nicht als negativ gewertet, jedoch als abweichend von der Norm betrachtet (vgl. https://diversity-arts- culture.berlin/woerterbuch/othering).

Im letzten Abschnitt des Artikels wird erneut darauf eingegangen, dieser Abschnitt trägt den hervorgehobenen Titel „Wildtiere als Delikatesse“ (ebd.). Der erste Satz dieses Abschnitts lautet: „In China wird eine Vielzahl an Wildtieren verspeist, viele gelten als Delikatesse“ (ebd). Durch diese Formulierung wird verdeutlich, dass alle oder die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung diese Wildtiere verspeisen würden, wodurch erneut eine Abgrenzung zur westlichen Kultur geschaffen wird; auch die Wortwahl wirkt spöttisch („Delikatesse“ (ebd.)). Der Diskursstrang der Ursprungsdebatte verschränkt sich in diesem Diskursfragment mit dem Diskursstrang der Verbindung zur SARS- Pandemie; im selben Abschnitt wird erklärt: „Der Coronavirus-Typ, der in den Jahren 2002/2003 die gefährliche Atemwegserkrankung SARS verursachte, ging von den Larvenrollern, einer Art der Schleichkatzen, aus“ (ebd.), worüber in Wirklichkeit noch immer diskutiert wird. Durch diese Verbindung der Ursachen beider Pandemien wird der Chinese erneut in einer in jeglicher Hinsicht unterschiedlichen Sphäre verortet. Der Einfluss solch eines Artikels zeigt sich z. B. deutlich durch den Kommentar eines Lesers, der sich unter dem Artikel findet: „Früher gab es Reis, da war die Welt noch in Ordnung in China. Vor lauter Hunger Essen die auch noch das letzte Tierchen“ (ebd.).

Ein weiteres, für den Verlauf des Coronavirus-Diskurses im Januar 2020 sehr wichtiges diskursives Ereignis ist die am 23.01.2020 vorgenommene Quarantänemaßnahme der Stadt Wuhan. Dieses Ereignis stellt sich während der Analyse als diskursiv heraus, da es zu unzähligen Artikeln, die diese chinesischen Maßnahmen und das gesamte chinesische System sowohl implizit als auch explizit kritisieren, führt. Ein Diskursstrang, der somit entseht, ist die Debatte über die Wirksamkeit und Rechtmäßigkeit der chinesischen Quarantäne-Maßnahmen. Hier erkennt man, wie Jäger erklärt, dass sich verschiedene Diskursebenen aufeinander beziehen können; auf der Medienebene werden Diskursfragmente des Politik-Diskurses aufgenommen (vgl. Jäger 2007, S.28). Der erste durch die Strukturanalyse erfasste Artikel ist ein Artikel mit dem Titel „Corona-Virus in China: Wenn eine 11-Millionen-Metropole zur Geisterstadt wird“ (https://www.tagesspiegel.de/politik/corona-virus-in-china-wenn-eine-11-millionen- metropole-zur-geisterstadt-wird/25466538.html), der am 23.01.2020 im Online-Portal des „Tagesspiegels“ erschienen ist. Bereits der Titel enthält ein Beispiel für die Kollektivsymbolik nach Jäger und Link, durch die Verwendung des Begriffs „Geisterstadt“ (ebd.) wird der Zustand in Wuhan dramatisiert und denormalisiert. Auch bei diesem Artikel sticht die grafische Gestaltung besonders heraus: Unter der Überschrift sieht man ein Foto von chinesischen, streng dreinblickenden Polizisten mit Mundschutz, wodurch erneut das Bild des autoritären chinesischen Regimes vermittelt wird, welches sich vom westlichen System grundlegend unterscheidet. Unter dem Foto steht folgendes: „Polizisten stehen am Eingang des Bahnhofs Hankou in Wuhan. Die chinesische Regierung hat die Millionenmetropole praktisch abgeriegelt“ (ebd.). In diesem Satz findet sich ein Kollektivsymbol, dass nicht nur in diesem Diskursfragment, sondern in einer großen Anzahl von Online-Artikeln im Januar 2020 verwendet wird. Das Wort „abriegeln“ wird in der Analyse als Kollektivsymbol angesehen, da es faktisch unmöglich ist, eine komplette Stadt abzuriegeln, hier wird eine bildliche Bedeutung als Metapher angewendet. Im Duden finden sich aktuell zwei Bedeutungen des Wortes „abriegeln“: Die erste Bedeutung lautet „mit einem Riegel (ver)sperren“ (https://www.duden.de/rechtschreibung/abriegeln); die zweite Bedeutung: „den Zugang blockieren, absperren“ (ebd.). Durch die Verwendung dieses Wortes im Kontext der Quarantänemaßnahmen in Wuhan wird das Bild einer, womöglich gewaltvollen, unrechtmäßigen Absperrung der Stadt vermittelt, was erneut eine Kritik am autoritären System Chinas darstellen soll. Ein weiteres, im Artikel enthaltenes Foto ist eines von einer Ansammlung von ausschließlich chinesischen Personen vor einem Krankenhaus in Wuhan. Die Personen tragen alle Gesichtsmasken und einige von ihnen werden von Beamten mit Messgeräten auf ihre Körpertemperatur hin überprüft.

Im Artikel werden weitere Themen wie der Ursprung des Virus, die chinesischen Quarantänemaßnahmen und die Überlastung des chinesischen Gesundheitspersonals angesprochen. Das chinesische System wird implizit kritisiert:

Am Samstag noch veranstaltete die Stadt Potluck-Bankette, um auf die bevorstehenden Feiertage einzustimmen. Mehr als 40.000 Familien nahmen laut Medienschätzungen daran teil. Nachrichten und Fotos der Veranstaltung erschienen am Sonntag auf der Titelseite der staatlichen Zeitung in Wuhan, wurden jedoch am Dienstag zensiert und gelöscht, als Kritik am mangelnden Krisenmanagement laut wurde (https://www.tagesspiegel.de/politik/corona-virus-in-china-wenn-eine-11- millionen-metropole-zur-geisterstadt-wird/25466538.html).

Durch diese und ähnliche Formulierungen soll erneut die Schwäche des kommunistischen Regimes aufgezeigt werden (vgl. Meinhof2020, S. 245). Zudem wird wie auch in anderen Artikeln vermittelt, dass die chinesische Regierung die Wahrheit über den Zustand in Wuhan verdecke, dies erkennt man in diesem Artikel z. B. anhand folgender Formulierung bzw. Argumentationsstrategie:

Chen Zhenxin, stellvertretender Bürgermeister von Wuhan, erklärte auf einer Pressekonferenz, es sei geplant, 3.400 Betten in sieben weiteren Krankenhäusern zu räumen, um die Fieberpatienten zu behandeln (https://www.tagesspiegel.de/politik/corona-virus-in-china-wenn-eine-11- millionen-metropole-zur-geisterstadt-wird/25466538.html).

Der nächste Absatz beginnt jedoch wie folgt: „Die derzeitigen Berichte von Privatpersonen aus Wuhan zeichnen ein anderes Bild“ (ebd.). Hier wird darauf angespielt, dass das chinesische Regime immer wieder falsche Informationen an die Außenwelt leite und, dass man sich, um wahre Informationen zu erhalten, nur an chinesische Privatpersonen wenden solle.

Im Artikel ist auch der Diskursstrang der Ursprungsdebatte zu erkennen: In diesem Diskursfragment wird die Kritik an chinesischen Essgewohnheiten besonders deutlich:

Wo das Virus ursprünglich herkam gilt als relativ klar. Seit einigen Tagen kursiert ein Foto aus Wuhan in den sozialen Medien, das auf den ersten Blick wie eine Werbung für den örtlichen Zoo aussieht, weil so viele Tierarten darauf zu finden sind: Adler, Stachelschwein, Fuchs, Schlange, Wolfswelpe und Larvenroller. Letzterer gehört zu den Schleichkatzen, jener Tiergruppe, die als Ursprung des Sars-Virus 2002/03 gilt. Die Zahlen auf dem Foto verdeutlichen, dass es sich um eine Preisliste für exotische Tiere handelt, die auf dem „Frischemarkt“ der chinesischen Stadt Wuhan verkauft worden sind. Zum Verzehr (ebd.).

In diesem Fragment wird erneut vermittelt, dass ein großer Teil der chinesischen Bevölkerung all diese Tiere verspeist; durch den Vergleich mit „dem örtlichen Zoo“ (ebd.) wird erneut ein „Othering“ vorgenommen, indem diese vermeintlichen Essgewohnheiten als von der westlichen Norm extrem abweichend dargestellt werden und spöttisch geschildert wird, dass solche Tiere im zivilisierten, westlichen Raum ausschließlich in einem Zoo vorzufinden seien. Wie auch schon bei einem vorherigen Artikel zu beobachten, kommt es zu einer Verschränkung des Diskursstranges der Ursprungsdebatte mit dem Diskursstrang des Bezugs zur SARS-Pandemie, indem die Essgewohnheiten auch als Ursprung dieser Pandemie bezeichnet werden. Am Ende des Abschnitts heißt es:

Ein US-Forscher sieht beim Erreger auch Ähnlichkeiten zu Viren, die bei Fledermäusen vorkommen. Auch diese werden in China gegessen. Offenbar zahlen nun die Chinesen in diesen Tagen einen hohen Preis für die kulinarischen Vorlieben einiger Landsleute (ebd.).

Durch diese Formulierung wird versucht, die alleinige Schuld für das Auftreten des Virus auf „die kulinarischen Vorlieben einiger Landsleute“ (ebd.) zurückzuführen, was jedoch genauerer Untersuchungen bedürfe; die Wortwahl ist ironisch konnotiert („kulinarische Vorlieben“ (ebd.)).

Auch der ebenso am 23.01.2020 erscheinende Artikel „“Schlachtfeld“ Wuhan“ (https://www.welt.de/politik/ausland/plus205283663/Angst-vor-dem-Coronavirus- Schlachtfeld-Wuhan.html) im Online-Portal der „Welt“, geht ähnlich vor und kritisiert diese vermeintlichen Essgewohnheiten. Der Titel selbst beinhaltet ein weiteres Beispiel für die Kollektivsymbolik; durch die Wahl dieses Titels wird denormalisierend das Bild des unzivilisierten und von katastrophalen Zuständen beherrschten Wuhan und generell von China vermittelt. Auf eine genauere Analyse des Artikels wurde verzichtet, da er dem vorigen Artikel stark ähnelt.

Ein weiterer, am 23.01.2020 veröffentlichter Online-Artikel der „Süddeutschen Zeitung“, trägt den Titel „Wenn Misstrauen viral wird“ (https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-china-transparenz-misstrauen- 1.4768667). Bereits der Titel dieses Artikels deutet auf seine Intention hin, das Wort „viral“ ist zweideutig: Einerseits hat es die Bedeutung „durch ein Virus verursacht“ (https://www.duden.de/rechtschreibung/viral), andererseits kann es auch bedeuten: „besonders durch Kontakte in den sozialen Medien schnell weite Verbreitung im Internet findend“ (ebd.). Der Artikel spricht zwar an, dass sich die chinesische Bevölkerung eher im Internet als in den Staatsmedien über die „wahren“ Zustände informiert, daher könnte die zweite Bedeutung gemeint sein. Dieser zweideutige Begriff wurde von den Autoren jedoch bewusst gewählt, was es sehr wahrscheinlich macht, dass (auch) die erste Bedeutung gemeint ist, da die Verbindung des Wortes „viral“ zum „Coronavirus“ offensichtlich ist. Dies würde verdeutlichen, dass das Virus einen Zusammenhang zum chinesischen System aufweist, bzw. dass das chinesische „andere“ System für das Auftreten dieses Virus gar verantwortlich ist; auch Meinhof erkennt dies in seiner

Kritischen Diskursanalyse und erklärt, dass das „Virus als Zeichen des kommenden Zusammenbruchs des autoritären Regimes“ (vgl. Meinhof 2020, S. 245) angesehen wird (zumindest in den ersten Monaten der Berichterstattung zum Corona-Virus). Unter dem Titel ist ein Foto von einer großen Anzahl chinesischer Personen in einem Flughafengebäude zu sehen (auch hier tragen alle Gesichtsmasken), wodurch erneut ein Bedrohungsszenario entworfen wird.

Das diskursive Ereignis der Quarantänemaßnahmen in der Stadt Wuhan wird aufgegriffen, auch in diesem Artikel wird das bereits erwähnte Kollektivsymbol „abriegeln“ verwendet: „Peking hatte zuvor keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als die Millionenmetropole abzuriegeln“ (https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus- china-transparenz-misstrauen-1.4768667). Es fällt in diesem Artikel und auch in den restlichen Artikeln auf, dass immer wieder die Einwohnerzahl Wuhans genannt wird: „Elf Millionen Menschen stehen in der zentralchinesischen Stadt Wuhan seit Donnerstagmorgen de facto unter Quarantäne“ (ebd.). Durch die Nennung dieser Zahlen soll erneut das „Extreme“ an den „autoritären Maßnahmen“ des chinesischen Regimes unterstrichen werden (Diskursstrang der Legitimität der chinesischen

Quarantänemaßnahmen). Im Artikel wird des Weiteren darauf hingewiesen, dass die Quarantänemaßnahmen in China einen „bisher einmaligen Vorgang“ (ebd.) darstellen, wodurch erneut auf diese Extremität verwiesen wird.

In einem weiteren Abschnitt wird erneut die Verbindung zur SARS-Pandemie, wenn auch in diesem Fall durch die chinesische Staatspresse selbst, hergestellt, die demnach erklärte, dass die Regierung „aus den Fehlern von 2003 gelernt habe“ (ebd.) und dass eine Vertuschung heute „in dieser Form nicht mehr möglich“ (ebd.) sei. Erneut wird explizit beschrieben, wie das chinesische System „den Ausbruch des Sara-Virus drei Monate lang vertuscht“ (ebd.) hat, doch in diesem Artikel wird der chinesischen Regierung erneut jedwede Glaubwürdigkeit abgesprochen: „Inzwischen spricht aber einiges dafür, dass die Lokalregierung entgegen der Behauptungen nicht unverzüglich alle Information weitergegeben hat“ (ebd.). Ein Beispiel dafür sei, dass die chinesischen Behörden bereits frühzeitig einen „Hinweis auf die hohe Ansteckungsgefahr durch den Virus“ (ebd.) gehabt hätten, der jedoch vertuscht wurde. Es werden erneut die chinesischen Maßnahmen, wie die Zensur etc. angesprochen und somit wird der chinesischen Regierung immer wieder vorgeworfen, kritikunfähig sowie unfähig zu sein, „die Krise mit Transparenz in den Griff zu kriegen“ (ebd.). Auf diese Weise wird das autoritäre System Chinas als unterlegen und die Demokratie in jeglicher Hinsicht als überlegen dargestellt; selbst eine Krise wie die SARS-Pandemie vor 15 Jahren habe keinen Wandel im politischen System Chinas bewirken können. Die Tatsache, dass die Kommunistische Partei einen Appell an seinen Kader richtete, der besagte, dass die Vertuschung von Infektionen zu „schweren Strafen“ (ebd.) führe, wird im Artikel als ein „bemerkenswertes Statement“ (ebd.) bezeichnet, was erneut impliziert, dass solch eine Offenheit im chinesischen Regime sehr ungewohnt und etwas Besonderes sei. Anstatt diese Maßnahmen zu loben, wird ihnen im Artikel die Wirkungsfähigkeit abgesprochen: „Die Selbstkritik war für Peking zwar bemerkenswert. Im Umgang mit der Krise dürfte sie aber wenig ausrichten“ (ebd.). Als Grund hierfür wird genannt, dass Anordnungen der Kommunistischen Partei auf lokaler Ebene oft nicht umgesetzt werden.

Die Kritik am politischen System Chinas in diesem Artikel nimmt kein Ende: Es wird berichtet, dass der Druck auf die Lokalbehörden deutlich gestiegen sei, da „der Staatschef die Lösung der Krise zur Chefsache erklärt hat“ (ebd.). Anstatt auch diese Maßnahme zu loben, kommt es zu einer anderen Argumentationsstrategie: Dieser Druck erhöhe die Gefahr, „dass Lokalregierungen einen Ausbruch in ihrer Region oder Fehler bei der Bekämpfung der Epidemie zu verschleiern versuchen“ (ebd.), was eine sehr deutliche Kritik des autoritären, „von Angst beherrschten“ Systems darstellt. Es werden Beispiele für ähnliche Vorfälle gegeben, so z. B., dass fast die Hälfte der chinesischen Provinzen zu diesem Zeitpunkt die Ergebnisse ihrer Wirtschafszahlen für 2018 nach unten korrigierten, nachdem diese durch die Zentralregierung überprüft wurden; es gebe ein deutliches „Misstrauen der chinesischen Spitze gegenüber dem eigenen System“ (ebd.). Ohne jegliche Basis wird deshalb nach der Logik dieses Artikels geschlussfolgert, dass das Auslassen der Meldung der neuen Krankheitsfälle in Wuhan (an einem bestimmten Wochenende) nach demselben Schema erfolge:

Dass die Behörden in Wuhan die neuen Krankheitsfälle am Wochenende nicht meldeten, ist höchstwahrscheinlich auf ähnliche Muster zurückzuführen. Der Anstieg durfte nicht sein, also meldete man ihn nicht (ebd.).

Die Tatsache, dass es dafür andere, komplexere Ursachen geben könnte, wird dabei gänzlich außer Acht gelassen.

Gegen Ende des Artikels werden erneut willkürlich Ereignisse miteinander verbunden und somit in einen kausalen Zusammenhang gestellt, die „Hamsterkäufe von Masken und Lebensmitteln“ (ebd.) seien das Ergebnis des mangelnden Vertrauens der Bevölkerung in die Regierung und keine natürliche Reaktion auf das Auftreten des Coronavirus an sich (wie es in den darauffolgenden Monaten auch in Deutschland beobachtet wurde). Dieses „tief sitzende Misstrauen“ (ebd.) führe dazu, dass sich die chinesischen Bürger, anstatt durch die eigene Regierung, durch jeden „Screenshots eines angeblichen Chatverlaufs aus einem Messengerdienst“ (ebd.) informieren, da selbst solch ein Screenshot „eine höhere Glaubwürdigkeit genießt als die Berichte in den Staatsmedien“ (ebd.). An dieser Stelle geht es in diesem Diskursfragment schon lange nicht mehr um das Coronavirus an sich, sondern viel mehr um das Aufzeigen sämtlicher Schwächen des kommunistischen Regimes, um dessen Unterlegenheit aufzudecken und zu beweisen. Am 24.01.2020 erscheint ein Artikel im Online-Portal des „Tagesspiegels“, der den Titel „Corona-Virus in China: Tödliches Neujahr“ (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/corona-virus-in- china-toedliches-neuiahr/25471598,html) trägt. Da bereits zwei Artikel des Tagessspiegels Eingang in die Feinanalyse finden und da erneut dieselben Diskursstränge aufkommen, wird dieser Artikel keiner Feinanalyse unterzogen.

Ebenso am 24.01.2020 erscheint der Artikel „So leben die Menschen in der abgeriegelten Stadt Wuhan“ (https://www.morgenpost.de/politik/article228238365/So-leben-die- Menschen-in-der-abgeriegelten-Stadt-Wuhan.html) im Online-Portal der „Berliner Morgenpost“. Dieser Artikel wird für eine Feinanalyse ausgewählt, da das chinesische System in diesem Artikel direkt kritisiert wird; der Diskursstrang der Legitimität der chinesischen Maßnahmen ist hier zu erkennen. Bereits im Titel ist erneut das dauerhaft benutzte Kollektivsymbol „abriegeln“ enthalten. Der Artikel spricht verschiedene Themen, wie z. B. die Quarantänemaßnahmen der Stadt Wuhan und das schnelle Errichten eines Krankenhauses ebendort an. Es wird in diesem Diskursfragment darauf eingegangen, dass „die streng zensierte Informationspolitik der Zentralregierung in Peking“ (ebd.) schuld daran sei, dass die chinesische Bevölkerung zu spät vom Ausmaß der Coronakrise erfahren habe und, dass die Regierung immer wieder beteuert, dass alles unter Kontrolle sei. Der Diskursstrang der Verbindung zur SARS-Pandemie kommt erneut auf: Zwar wird die chinesische Regierung dafür gelobt, dass es im Vergleich zum damaligen Umgang mit der SARS-Pandemie mehr Offenheit und Transparenz gebe, trotz allem wird im Artikel geschlussfolgert, dass sich durch eine Krise wie das Coronavirus zeige, dass das autoritäre System minderwertig und überholt sei: „Doch im Inneren zeigt sich, dass ein totalitäres System ohne freie Medien bei Transparenzfragen an seine Grenze kommt“ (ebd.). Hier ist deutlich zu erkennen, wie sich der Corona-Diskurs mit dem Politik-Diskurs verschränkt. Nicht nur die Regierung, sondern auch die Lokalbehörden in Wuhan werden offen kritisiert und als „geradezu naiv-optimistisch, wenn nicht gar fahrlässig“ (ebd.) bezeichnet, da noch am Sonntag, vier Tage vor der Quarantänemaßnahme Wuhans, ein Neujahrsbankett mit ca. 10.000 Familien organisiert worden ist. Gegen Ende des Artikels wird erneut betont, dass die chinesische Regierung früher hätte Maßnahmen ergreifen sollen, da bereits Anfang Januar einige Bewohner Wuhans im Internet über die Ausbreitung einer Lungenseuche berichteten, die jedoch „wegen des Verbreitens von Gerüchten“ (ebd.) verhaftet wurden. Im Diskurs ist somit, wie auch Meinhof beschreibt, zu erkennen, dass China „als haupt- oder alleinschuldig für die Pandemie“ (vgl. Meinhof 2020, S. 251) dargestellt wird.

Ebenso am 24.01.2020 erscheint der Artikel „Chinas Medien und das Virus: Die Grenzen der Zensur“ im Online-Portal des „Spiegel“ (https://www.spiegel.de/politik/ausland/medien-in-china-ueber-coronavirus-virale- berichterstattung-a-1f22719c-84f2-4765-a8a8-2cc6f283e5e5). Bereits in der Überschrift und in den ersten Zeilen des Artikels wird die Intention dieses Artikels deutlich: Eine Kritik am chinesischen Regierungssystem. Der zweite Satz im Artikel lautet wie folgt: „Die Zensur scheint überfordert, die Staatsmedien ringen mit der Frage, wie offen sie über das Coronavirus berichten sollen“ (ebd.). Dadurch wird darauf angespielt, dass die chinesischen Staatsmedien nicht daran gewöhnt sind, offen zu berichten und daher vor einer neuen, unbekannten Herausforderung stünden. Auch die grafische Gestaltung des Artikels verweist auf diese Intention: Unter der Überschrift ist ein Foto eingefügt, auf dem man patrouillierende chinesische Polizisten in Peking erkennen kann. Im Artikel wird auf das Kursieren von Videos etc. im Internet zur aktuellen Lage in Wuhan eingegangen; die chinesische Regierung käme aufgrund der Anzahl dieser Videos nicht mehr damit nach, all diese zu löschen: „Entweder schaffen es die Plattformen nicht mehr, sie zu löschen, oder sie haben es aufgegeben“ (ebd.). Es wird das Bild der in Angst lebenden chinesischen Bevölkerung vermittelt, die sich im regulären Falle nie ein eigenes Bild von Angelegenheiten machen könne:

Chinas Regierung steht vor einem Problem, das die staatliche Zensur sonst stets mit großem Aufwand zu verhindern versucht: Die Bürger machen sich selbst ein Bild von der Krise, die der Ausbruch des Coronavirus ausgelöst hat. So ruhig es kurz vor dem Neujahrsfest auf Chinas Straßen ist: Im Internet herrscht Panik (ebd.).

In diesem Artikel kommt erneut der Diskursstrang der Verbindung der Covid-19-Krise zu früheren Krisen auf, nur, dass es in diesem Falle nicht wie bereits gewohnt, die SARS- Pandemie, sondern die „extreme Luftverschmutzung im Winter 2012/2013“ (ebd.) ist. An dieser Stelle werden diese sehr unterschiedlichen Ereignisse mit verschiedenen Ursachen, Verläufen etc. gleichgesetzt und geschlussfolgert, dass, um in Zukunft zu wahrheitsgetreuen Berichten über stattfindende Ereignisse zu kommen, auch ein Wandel der Politik oder gar der Staatsform nötig sei. Die Kollektivsymbolik ist auch in diesem Artikel deutlich erkennbar: „Und so versucht die Propaganda, sich mit einer Masse an guten Nachrichten gegen die Welle der Videos zu stemmen, die aus Wuhan das Internet überschwemmen“ (ebd.). Durch diese Symbolik wird vermittelt, dass Wuhan bzw. das chinesische autoritäre Regime kurz vor einem Zusammenbruch stehe (vgl. Meinhof 2020, S. 245). Durch die chinesischen Behörden angegebene Fallzahlen werden im letzten Satz des Artikels angezweifelt: „Es hängt am Ende davon ab, ob die Zahl der Neuerkrankungen sinkt oder weiter steigt - und ob die Chinesen die Zahlen glauben“ (https://www.spiegel.de/politik/ausland/medien-in-china-ueber-coronavirus-virale- berichterstattung-a-1f22719c-84f2-4765-a8a8-2cc6f283e5e5). Es erscheint, als müsse die chinesische Bevölkerung vor dem eigenen politischen System und der Regierung beschützt werden und es daher zu einem Austausch dieses Regierungssystem kommen sollte, hier werden vor allem Bezüge zu Theorien des Orientalismus sichtbar.

Am 28.01.2020 erscheint der Artikel „Alle Strassen leer: Wuhan mutiert zur Geisterstadt“ (https://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/coronavirus-wuhan-mutiert-zur- geisterstadt-67609674.bild.html) im Online-Portal der „Bild“. Auf eine Feinanalyse dieses Artikels wird verzichtet, da er nur sehr kurz ist und keine detaillierten Aussagen trifft. Die Überschrift des Artikels beinhaltet jedoch ein weiteres Beispiel für Kollektivsymbolik, in diesem Fall gleich zwei Metaphern: Die Stadt Wuhan mutiere (in Anlehnung an das Coronavirus) zu einer Geisterstadt (einer verlassenen Stadt). Durch die Metapher der „Mutation“ wird die Stadt Wuhan selbst mit einem Virus gleichgesetzt und somit wird das Virus an das Anderssein Chinas gebunden (vgl. Meinhof 2020, S. 245), hier ist ein weiteres Othering-Element zu erkennen. Am 29.01.2020 erscheint ein weiterer Artikel im Online-Portal der „Bild“, dieser Artikel trägt den Titel „Vier bestätigte Fälle: So kam das Coronavirus zu uns“ (https://www.bild.de/bild-plus/news/inland/news- inland/eingeschleppt-von-einer-chinesischen-webasto-mitarbeiterin-so-kam-das-corona- vir-67649244,view=conversionToLogin.bild.html). Der Anlass für diesen Artikel ist ein weiteres diskursives Ereignis im Januar 2020: Am 27.01.2020 kommt es zum ersten Corona-Infektionsfall in Deutschland, ein Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto in Bayern infiziert sich, nachdem er Kontakt zu einer aus Shanghai angetroffenen Kollegin hat. Da dieser Artikel ein „Bild Plus“ Artikel ist und somit nur mit einem Abonnement gelesen werden kann, wird nicht auf den Text eingegangen; die grafische Gestaltung des Artikels ist jedoch sehr auffällig, weshalb dieser Artikel miteinbezogen wurde. Unter der Überschrift sieht man ein Foto, auf dem eine chinesische oder asiatische Familie am Esstisch zusammensitzend zu erkennen ist. Es handelt sich dabei um reale Personen, doch rechts sitzt eine animierte Person mit am Tisch (weshalb, ist unklar). Durch dieses Foto wird das Auftreten des Coronavirus und die anschließende weltweite Verbreitung in einen direkten kausalen Zusammenhang mit den „chinesischen Essgewohnheiten“ gestellt.

Der letzte, für die Feinanalyse gewählte Artikel trägt den Titel „Angst vor dem Coronavirus: Lebloser Mann liegt in Wuhan stundenlang auf dem Bürgersteig“ (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/angst-vor-dem-coronavirus-lebloser-mann- liegt-in-wuhan-stundenlang-auf-dem-buergersteig/25495756.html) und ist am 31.01.2020 im Online-Portal des „Tagesspiegel“ erschienen. Der Artikel berichtet davon, dass ein älterer Mann leblos auf einem Bürgersteig in Wuhan gefunden wird, ihm jedoch niemand hilft: „Die wenigen Passanten laufen an dem ganz in Schwarz gekleideten Toten vorbei, sie trauen sich nicht, sich ihm zu nähern“ (ebd.). Der Titel des nächsten Abschnittes lautet: „Das Krankenhaus ist nur einen Block entfernt“ (ebd.), wodurch erneut auf die ausgelassenen Hilfeleistungen hingewiesen wird. Dieser Artikel vermittelt den Eindruck, dass solch ein Ereignis ausschließlich in China auftreten könne und z.B. nicht in Deutschland. Die Kommentare unter dem Artikel verstärken diesen Eindruck, ein Kommentar lautet: „In China helfen die Menschen anderen nicht, das ist ja bekannt. Es interessiert sie nicht, wenn jemand in Not ist und sie vermeiden jede Situation, die wie immer geartete Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könnte. Zivilcourage ist in China nicht existent.“ (ebd., Verfasser: J.Feder). Es gibt jedoch auch einige kritische Stimmen von Nutzern, welche die Intention des Artikels erkennen. Wird in den vorigen Artikeln fast ausschließlich die chinesische Regierung kritisiert, ist es in diesem Artikel sogar die chinesische Bevölkerung; auch hier sind deutlich Othering-Elemente zu erkennen.

3. Quantitative Analyse

Die theoretische Basis der angewendeten quantitativen Analyse bildet das Kapitel „Der quantitative Forschungsprozess: Logik und Forschungsschritte“ in Nicole Burzans Werk „Quantitative Methoden der Kulturwissenschaften“. Bei einer quantitativen Analyse werden möglichst viele Ergebnisse gesammelt, um diese anschließend statistisch auszuwerten, wohingegen es bei einer qualitativen Analyse zu einer Untersuchung und interpretativen Auswertung von relativ wenigen Fällen kommt (vgl. Burzan 2005, S. 30). Nach Burzan ist es für den Forscher bei einer quantitativen Analyse wichtig, vor der Datenerhebung bereits festzulegen, was durch diese Analyse erreicht werden soll; durch einen linearen Forschungsablauf wird diese Forschungsfrage präzisiert und in ein gewähltes Instrument zur Datenerhebung umgesetzt, z. B. wie im Falle der folgenden Analyse, in einen Fragebogen (vgl. ebd., S. 25). Anschließend werden die Daten erhoben und ausgewertet, um z. B. zu erkennen, ob sich die eigene Hypothese bestätigen oder widerlegen lässt (vgl. ebd.). Dabei sei zu beachten, dass der Forschungsablauf systematisch ist und zur Beantwortung der Fragestellung führt, damit es nicht zu sogenannten „Datenfriedhöfen“ komme (vgl. ebd., S.25f).

Bei einer Befragung sei es zudem wichtig, dass „die Formulierungen der Fragen, ihre Reihenfolge und ebenso (in den meisten Fällen) die Antwortkategorien vorgegeben sind“ (ebd., S. 26); die Fragen sollten für alle Befragten gleich sein, damit es möglich ist, die Antworten miteinander zu vergleichen (vgl. ebd.). Um Missverständnisse zu vermeiden und der Deutungsoffenheit der gestellten Fragen entgegenzuwirken, sollten möglichst eindeutige Frageformulierungen verwendet werden (vgl. ebd.). Bei quantitativen Untersuchungen wird eine Hypothese oder sogar eine Theorie empirisch geprüft; der Ursprung dieser Hypothese ist bei solch einer Analyse weniger zentral; eine allgemeine These wird an Einzelfällen geprüft und durch diese Empirie kann diese These bestätigt oder widerlegt werden (vgl. ebd., S. 27). Daher sollten die untersuchten Fälle möglichst repräsentativ sein, um „einen möglichst hohen Allgemeinheitsgrad“ (ebd., S. 29) zu erreichen. Nachdem die Daten erhoben werden, kommt es zu einer Auswertung mit Hilfe von statistischen Verfahren, die durch „Tabellen, grafische Darstellungen, Prozentangaben, Mittelwerte und andere Maßzahlen“ (ebd., S. 28) visualisiert werden. Die Antworten von Einzelpersonen und individuelle Besonderheiten spielen bei einer quantitativen Analyse keine besondere Rolle, es geht vielmehr darum, Informationen über Regelmäßigkeit und Häufigkeitsanteilen zu erhalten (vgl. ebd., S. 29). Ein typischer Fragetyp der quantitativen Forschung richtet sich „auf das Ausmaß oder Häufigkeiten, z. B. wie sieht die Verteilung der Antworten Befragter auf die Ausprägungen eines Merkmals aus?“ (ebd., S. 30).

Burzan gibt zudem an, wie nach einer idealtypischen Übersicht die quantitativen Forschungsschritte auszusehen haben. Der erste Forschungsschritt ist die Präzisierung der Fragestellung oder des Problems, die vom gewählten Forschungsdesign abhängt (vgl. ebd., S. 32). Zu diesen Forschungsdesigns gehören z. B. die Deskription, der Hypothesentest und die Evaluation (vgl. ebd.). Bei der Deskription werden Phänomene beschrieben; beim Schritt der Präzisierung werden die Dimensionen des gewählten Themas gesammelt und geordnet, wodurch der Forscher eine konkretere Forschungsfrage formulieren kann (vgl. ebd.). Beim Hypothesentest hingegen „stehen von Beginn an ein theoretischer Ansatz sowie vermutete Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge im Vordergrund“ (ebd.); daher werden im Präzisierungsschritt keine Dimensionen geklärt, es gehe eher um die genauere Definition von theoretischen Begriffen im Forschungszusammenhang (vgl. ebd.). Der Begriff der Hypothese wird wie folgt definiert: „Behauptung über die Realität, die Dinge in einen (kausalen) Zusammenhang stellt“ (vgl. ebd., S. 34). Bei der Evaluation geht es um „die wissenschaftliche Bewertung von (Reform-)Maßnahmen, z. B. in Unternehmen (Arbeitszeitmodelle) oder in der Politik (z. B. zur Kriminalitätsbekämpfung)“ (ebd., S. 32); im Präzisierungsschritt werden „Ziele des zu bewertenden Programms“ (ebd.) herausgestellt. Burzan erklärt, dass es auch zu Mischformen, z. B. zwischen einer deskriptiven und einer die Hypothesen testenden Untersuchung kommen kann (vgl. ebd., S. 33).

Der zweite Forschungsschritt bei einer quantitativen Analyse ist nach Burzan die „Operationalisierung“ (vgl. ebd., S. 34). Nach der genaueren Formulierung der Forschungsfrage kommt es zur „Übersetzung“ dieser Frage für die folgende empirische Erhebung (vgl. ebd.). Eine geeignete Erhebungsmethode, wie z. B. eine Inhaltsanalyse wird gewählt und es wird überlegt, welche Indikatoren die Aspekte der Hypothese anzeigen (die Antwort auf eine Fragebogenfrage kann z. B. einen Indikator für „einen theoretischen Begriff aus einer Hypothese“ (ebd.) darstellen) (vgl. ebd.). Anschließend wird das eigentliche Erhebungsinstrument wie z. B. ein Fragebogen entwickelt (vgl. ebd., S. 35). Für einen Fragebogen z. B. sollten in diesem Schritt Fragen und Antworten formuliert und die Reihenfolge der Fragen festgelegt werden; auch die Auswahl von Befragten gehört zu diesem Schritt (vgl. ebd.) Die Operationalisierung sollte dem Forscher selbst bewusst sein, doch sollte er die Forschungsschritte auch für andere nachvollziehbar machen (vgl. ebd.). Der letzte von Burzan angegebene Forschungsschritt ist die „Durchführung und Auswertung“ (vgl. ebd., S. 36). Das jeweilige Instrument sollte demnach „unbedingt erst einen Vortest/Pretest durchlaufen“ (ebd.), da z. B. wichtige Kategorien übersehen werden können, erst nach diesem Test kommt es zu der Haupterhebung (vgl. ebd.). Bei der Haupterhebung wird heutzutage oftmals der Computer verwendet, auch die Auswertung der Daten erfolgt mit Hilfe diverser PC- Programme (vgl. ebd.). Durch die Auswertung soll die Forschungsfrage beantwortet werden; die Ergebnisse werden zusammen mit dem methodischen Vorgehen im Forschungsbericht dokumentiert (vgl. ebd.).

3.1. Anwendung einer Quantitativen Analyse

In diesem Teil der Hausarbeit wird die Methode der „quantitativen Analyse“ angewendet. Dabei ist zu bemerken, dass das Korpus in diesem Teil nicht dasselbe Korpus an Online­Artikeln von Zeitschriften der Kritischen Diskursanalyse ist. Für diesen Teil der Hausarbeit ist ein anderer Korpus erstellt worden, dabei handelt es sich um einen selbst entwickelten Fragebogen. Für die durchgeführte quantitative Analyse wird das Forschungsdesign des Hypothesentests gewählt, da „von Beginn an ein theoretischer Ansatz sowie vermutete Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge im Vordergrund“ (vgl. ebd., S. 32) stehen. Die Hypothese ist, dass die mediale Berichterstattung (in diesem Fall Zeitungsartikel) zu Beginn und während dem restlichen Verlauf der Coronakrise Stereotype und rassistisches Gedankengut gegenüber China und dessen Bevölkerung vermittelt. Hier wird also, wie es Burzan erklärt, eine Behauptung über die Realität aufgestellt, die Gegebenheiten in kausale Zusammenhänge stellt (vgl. ebd., S. 34). Des Weiteren wird angenommen, dass während der Coronakrise das chinesische Regierungssystem in den Medien stark kritisiert und eine Überlegenheit des westlichen, demokratischen Systems konstruiert wird, auch diese Behauptung wird durch die Analyse geprüft. Beim ersten Forschungsschritt der Präzision wird die leitende Forschungsfrage bei dieser quantitativen Analyse entwickelt, diese lautet: „Werden in der medialen Berichterstattung über die Coronakrise vermittelte Stereotype und Kritik an China und dessen Bevölkerung wahrgenommen und auf welche Weise wird die eigene Meinung und das eigene Verhalten dadurch beeinflusst?“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Das vermittelte Chinabild in der medialen Berichterstattung zur Coronakrise
Untertitel
Theorie und Anwendung Kritischer Diskursanalyse und quantitativer Analyse
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Kritische Methodologie
Note
2,3
Jahr
2021
Seiten
114
Katalognummer
V1025684
ISBN (eBook)
9783346424921
ISBN (Buch)
9783346424938
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inklusive 53 Seiten Anhang (Fragebögen)
Schlagworte
chinabild, berichterstattung, coronakrise, theorie, anwendung, kritischer, diskursanalyse, analyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Das vermittelte Chinabild in der medialen Berichterstattung zur Coronakrise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1025684

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