Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Peru


Bachelorarbeit, 2020

48 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. EINLEITUNG

II. DEFINITION VON SPRACHPOLITIK

III. SPRACHPOLITISCHE SITUATION IN PERU
3.1 HISTORISCHER ABRISS
3.2 SPRACHEN IN PERU UND IHRE VERBREITUNG
3.2.1 SPANISCH
3.2.2 QUECHUA
3.2.3 AYMARA
3.3 DIE MEHRSPRACHIGKEIT IN DER VERFASSUNG
3.3.1 DER ARTIKEL 48UND DAS LEY NO . 29735 IN DER PERUANISCHEN VERFASSUNG
3.3.2 INSTITUTIONEN FÜR DEN SPRACHERHALT

IV. INDIGENE SPRACHEN IN DER PERUANISCHEN GESELLSCHAFT
4.1 INDIGENE SPRACHEN IN DER PERUANISCHEN KULTUR
4.2 Indigene Sprachen in den peruanischen Medien
4.3 Indigene Sprachen im öffentlichen Leben

V. INDIGENE SPRACHEN IN DEN BILDUNGSINSTITUTIONEN
5.1 DAS BILDUNGSMINISTERIUM UND DIE EDUCACIÓN INTERCULTURAL BILINGÜE (EIB) ALS POLITISCHE MAßNAHME FÜR MEHRSPRACHIGKEIT IN BILDUNGSINSTITUTIONEN
5.2 ENTWICKLUNG DER EIB IN DEN LETZTEN 10 JAHREN

VI. FAZIT

VII. BIBLIOGRAFIE

I. EINLEITUNG

Dass Peru ein Land reich an kultureller und sprachlicher Diversität ist, welches mit der Aufrechterhaltung derselben vor eine enorme Herausforderung gestellt ist, wird einem bewusst, wenn man sich mit der sprachpolitischen Situation des Landes genauer auseinandersetzt. Mit seinen 48 anerkannten Sprachen, die 19 Sprachfamilien angehören, existieren in Peru mehr als die Hälfte an Sprachfa­milien, die es in der europäischen Union gibt. Der Erhalt all dieser Sprachen bis in die Gegenwart bedeutet ein extrem besonderes und großes kulturelles Erbe für Peru, welches in der Geschichte des Landes, die viele Jahrhunderte lang durch die Eroberung durch das spanische Volk geprägt wurde, vernachlässigt und die Plurikulturalität statt als Errungenschaft eher als Belastung empfunden wurde. Auch heutzutage gibt es unter den Peruaner*innen weiterhin Diskrimi­nierung und Rassismus gegenüber anderen Sprachgemeinschaften und Kultu­ren. Jedoch ist man in der Politik bemüht, diese Negativität gegenüber der Diversität zu unterbinden und die Wertschätzung derselben zu fördern.

Die vorliegende Arbeit nimmt daher die peruanische Sprachpolitik in den Fokus, welche sich seit der Unabhängigkeit des Landes immer weiterentwickelt und gegenüber der Plurikulturalität und Mehrsprachigkeit geöffnet hat. Dabei spielt v.a.das Bildungssystem als konstitutiver Faktor für die Erziehung und die Iden­titätsfindung eine wichtige Rolle. Das Ziel der Arbeit ist es, einzuschätzen, in­wiefern die in der Verfassung verankerten Ideale der Sprachenvielfalt und Pluri- kulturalität der Realität gerecht werden und welche Maßnahmen eingeleitet wer­den, um die Umsetzung dieser Ideale zu unterstützen.

Dazu wird zunächst eine Definition vom Terminus der Sprachpolitik gegeben, erklärt, wie sie sich von dem der Sprachenpolitik differenziert und warum wäh­rend der Arbeit ersterer Begriff genutzt wird.

Um die Entwicklung zur aktuellen Sprachpolitik nachzuvollziehen, wird sich das darauffolgende Kapitel mit der Geschichte derselben, der Vorstellung der am meisten verbreiteten Sprachen, sowie den Artikeln der Verfassung, in denen die Aufrechterhaltung der indigenen Sprachen festgehalten wird, beschäftigen.

Die Arbeit fokussiert außerdem die Rolle der indigenen Sprachen in der perua­nischen Kultur, den Medien und dem öffentlichen Leben, um festzustellen, ob diese in der Verfassung vorgeschlagenen Regelungen und Maßnahmen der Realität entsprechen. Ein besonderes Augenmerk wird auf das Bildungssystem gelegt, da in der Auseinandersetzung mit der indigenen Muttersprache und Kul­tur, in der Erziehung der peruanischen Kinder und Jugendlichen, die Grund­steine für den interkulturellen Dialog gelegt werden.

II. DEFINITION VON SPRACHPOLITIK

Schlussendlich beschäftigt sich das Fazit mit der aus den vorherigen Punkten hervorgegangenen Relevanz der indigenen Sprachen und der Mehrsprachigkeit für die Bevölkerung und die Politik des Landes und fasst außerdem die Errun­genschaften und Fortschritte der Sprachpolitik zusammen.

Für die Auseinandersetzung mit den erwähnten Punkten wird sich, besonders in den Kapiteln über die indigenen Sprachen in der peruanischen Kultur und im öffentlichen Leben, vermehrt auf die Internetseiten der peruanischen Regierung und ihrer jeweiligen Instanzen bezogen, da diese die verlässlichsten Ergebnisse liefern, wenn es darum geht aktuelle Zahlen und Maßnahmen zu analysieren. Außerdem ist anzumerken, dass während der Arbeit bei der Beschäftigung mit den indigenen Sprachen v. a. auf die andinen Sprachen Quechua und Aymara referiert wird, da diese erforschter sind und von daher weitaus mehr Material verfügbar ist als für viele der amazonen Sprachen.

Um das auf das Thema der Sprachpolitik in Peru näher eingehen zu können, wird im Folgenden zunächst definiert, was Sprachpolitik ist, wie es vom Terminus der Sprachenpolitik abzugrenzen ist und was möglicherweise problematisch an diesen Definitionen ist.

Im Metzler-Lexikon für Sprache (2016, S. 638) findet man für beide Begriffe zwei unterschiedliche Einträge. Unter Sprachenpolitik findet man folgende Definition:

Während sich Sprachpolitik auf politische Maßnahmen innerhalb einer Einzelsprache bezieht (z. B. das Verbot bestimmter Wörter), richtet sich Sprachenpolitik auf das Ver­hältnis zwischen verschiedenen Sprachen. Strenggenommen machen alle Staaten (oder sogar dazu fähigen Gemeinwesen) Sprachenpolitik, z. B. indem sie entschei­den, in welcher Sprache sie kommunizieren, welche sie in ihren Bildungsinstitutionen lernen lassen usw., wenn auch diese Entscheidungen zumeist nicht Sprachenpolitik genannt werden (faktische gegenüber deklarierter Sprachenpolitik). Besonders deut­lich wird Sprachenpolitik in multilingualen Staaten, auch gegenüber sprachlichen Min­derheiten, und an internationalen Organisationen [...].

Für Sprachpolitik ist im selben Lexikon (S. 652) dieser Eintrag verzeichnet:

Sprachpolitik [ist] im Gegensatz zu Sprachenpolitik auf eine einzelne Sprache gerich­tet, ihre Wörter und Formen und deren Verwendung. Sprachpolitik versucht v. a., durch Verbot oder Vorschrift bestimmter Wörter und Wendungen das Bewusstsein der Sprecher zu beeinflussen; Sprachlenkung. Dies setzt eine entsprechende weitrei­chende Macht voraus (totalitäre Systeme, Kriegsrecht, Kontrolle des Sprachge­brauchs in bestimmten Domänen). S. war in Wirklichkeit zumeist nicht in gewünsch­tem Maße erfolgreich, zumindest nicht in der Beeinflussung des Denkens, weil einer­seits nur der öffentliche Sprachgebrauch wirksam kontrolliert werden kann und ande­rerseits die Denkmöglichkeiten nicht strikt an den Gebrauch bestimmter Wörter und Wendungen gebunden sind [...].

Der Unterschied von Sprachpolitik und Sprachenpolitik im Deutschen ist dement­sprechend, ob es um Maßnahmen geht, die sich auf eine einzige Sprache bezie­hen, oder auf die Organisation des Verhältnisses verschiedener Sprachen zuei­nander (cf. Marten 2016, 16).

Die Definition von Sprachenpolitik wäre also laut dieser Definition für diese Arbeit besser geeignet, da er umfassender ist, allerdings wird der Begriff der Sprachpo­litik aus verschiedenen Gründen beibehalten. Zum einen ist die „Vorstellung, Spra­chen bzw. Varietäten existieren streng getrennt nebeneinander, oft eine grobe Vereinfachung dessen ist, was Menschen mit Sprache wirklich tun." (Ibid.). Dass die beiden Begriffe Sprachpolitik und Sprachenpolitik getrennt voneinander exis­tieren, ist lediglich das Resultat jahrelanger Koexistenz in der deutschen Wissen- schaftstradition (cf. Ibid.). Zum anderen werden im Englischen sowie im Spani­schen die Begriffe als Language Policy und Polftica Lingüistica zusammengefasst und nicht voneinander differenziert. Auch im Deutschen wird inzwischen dazu ten­diert, sich vom Begriff der Sprachenpolitik loszulösen und lediglich den der Sprach­politik beizubehalten. Die Trennung der beiden Begriffe ist, wie schon vorher er­wähnt, kritisch zu betrachten, weil sie voraussetzt, dass Sprachen klar voneinan­der abzugrenzen sind (cf. Ibid.) „Eine Benennung sprach(en)politischen Handelns nur anhand der Frage, ob es sich um eine Sprache oder mehrere handelt, nimmt somit ein Ergebnis einer politischen Entscheidung bereits vorweg." (Ibid.). Von da­her kann man diesen Unterschied, wie er im Metzler-Lexikon vorgeschlagen wird, nicht verabsolutieren (cf. Blanke/ Scharnhorst 2007, 10).

Aufgrund dieser Einwände gegen eine begriffliche Abgrenzung von Sprachpolitik und Sprachenpolitik, wird in dieser Arbeit lediglich der Begriff der Sprachpolitik verwendet, der „jegliches politisches Handeln [umfasst], das Einfluss auf eine sprachliche Situation nimmt oder dies beabsichtigt." (OME-Lexikon, Uni Olden­burg).

III. SPRACHPOLITISCHE SITUATION IN PERU

Sprachpolitik ist dementsprechend ein Oberbegriff für die Aktivitäten, die sich po­litisch mit einer Sprache oder, im Falle Perus, mit mehreren verschiedenen Spra­chen auseinandersetzen. Bei dieser Betrachtung muss beachtet werden, dass Sprachpolitik keine rein linguistische Angelegenheit ist. Sie ist „in einen Komplex von sozialen, politischen, ökonomischen, religiösen, demographischen, erzieheri­schen und kulturellen Faktoren, kurz ins volle Menschenleben, eingebunden [...]." (Blanke/ Scharnhorst 2007, 10).

Die Sprachenfrage in Peru ist seit jeher ein aus der Politik des Landes nicht weg­zudenkender Teil. Die Vielfalt der indigenen Sprachen verlangt besondere Auf­merksamkeit in der Politik. Im Folgenden wird die Entwicklung der Sprachpolitik, von den Anfängen der Kolonisation durch die Spanier bis heute, beleuchtet sowie ein Überblick über die meistgesprochenen Sprachen in Peru gegeben. Außerdem erfolgt eine genauere Auseinandersetzung mit der Sprachgesetzgebung und den in der Verfassung vorzufindenden Rahmenbedingungen für die Sprachpolitik in einem Land, in dem, neben dem Spanischen, 48 indigene bzw. autochthone Spra­chen anerkannt werden.

3.1 HISTORISCHER ABRISS

Bevor Peru 1532 bis 1536 während der Schlacht von Cajamarca erobert wurde, war es ein dicht besiedeltes indianisches Herrschaftsgebiet, in dem sich das Im­perium der Inka, welches sich außerdem über Bolivien und Ecuador erstreckte, befand. Nach der Eroberung wurde dieser Kulturraum der Kern des spanischen Kolonialreichs. Die Zentren dieses Reichs waren México und Lima (cf. Berschin, Fernandez-Sevilla, Felixberger 2005, 97).

Hinsichtlich der Sprachenfrage wurden seitens des spanischen Staates eine Koexistenz der indigenen Sprachen und des Spanischen zunächst toleriert. Au­ßerdem hatte die geringe Verbreitung des Spanischen in der indigenen Bevölke­rung dazu geführt, dass viele Spanier Indiosprachen erlernt hatten. (cf. Id., 98) Eroberungszüge wurden meist mithilfe von Verbündeten aus der Indiobevölke­rung durchgeführt, was, um mit ihren Verbündeten kommunizieren zu können, Kenntnisse der Indiosprachen seitens der Spanier bedingte. Innerhalb der Kirche gab es im 16. Jahrhundert zwar die Forderung, dass die indigene Bevölkerung Spanisch lernen sollte, jedoch wurde die Missionierung in den indigenen Sprachen durch die Kirche befürwortet. (cf. Id., 101) Deswegen wurde ein quechua general erarbeitet, damit die heiligen, christlichen Schriften auch von der Inidiobevölke- rung rezipiert werden konnten. Die Provinzialkonzilien von México und Lima for­derten von den Missionsgeistlichen die Kenntnis dieser Sprache und übten auch

Druck auf diese aus, damit sie sie erlernten. Diese Politik behinderte jedoch die Verbreitung des Spanischen, da sie zu einer “Rassentrennung” im kirchlichen Le­ben führte. Dies hatte die Konsequenz, dass der Consejo de Indias (die oberste Kolonialbehörde und das wichtigste Verwaltungsorgan des spanischen Kolonial­reichs) seine Maßnahmen zur Hispanisierung Perus mit dem Mangel an Geistli­chen mit Sprachkenntnissen begründete. Auch wenn die Kenntnis der überwie­gend verbreiteten Indiosprachen (auch lenguas generales genannt) vorhanden war, gab es Probleme beim Übertragen des christlichen Inhaltes. Daher fand die Nutzung der spanischen Sprache in der Kirche immer mehr Befürworter (cf. Ibid). Außerdem wollte die spanische Krone der indigenen Bevölkerung durch die Ein­richtung von Schulen Kenntnisse der spanischen Sprache vermitteln, um die Christianisierung leichter zu gestalten und um den Indios zu ermöglichen, dass sie ihre Rechte vor Behörden vertreten konnten. Außerdem glaubten sie daran, dass eine Vermittlung ihrer Muttersprache die Zuneigung zu den Spaniern fördern würde. (cf. Ibid.)

Die Sprachpolitik der spanischen Krone erfolgte also mit dem Ziel der religiösen und sprachlichen Assimilation der Indigenen. Allerdings gab es keine wirkungs­vollen politischen Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen. Man hatte weder die nötigen finanziellen Mittel für ein Hispanisierungsprogramm, noch wollte man die Beziehung zwischen den Spaniern und den Indios gefährden, indem man Zwangsmaßnahmen einleitete. Seitens der indigenen Bevölkerung wurde eine ab­lehnende Haltung gegenüber den Spanier*innen und ihrer Sprache eingenom­men. Es gab Aufstände von den Indigenen, unter anderem 1780/81 unter dem letzten Inkakönig Tupaq Amaru, die diese Abwehrhaltung verdeutlichen. (cf. Ibid.) Diese Revolten wurden jedoch niedergeschlagen und gegen die Indigenen wur­den drastische Maßnahmen verhängt. (cf. Ibid.)

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Zielsetzung der Sprachpolitik geändert. 1770 wurde das Prinzip der sprachlichen Assimilation in die Reformgesetze auf­genommen. Daraufhin waren die Geistlichen nicht mehr dazu verpflichtet, die In­diosprachen zu erlernen und Spanisch sollte als Sprache der Verkündigung des Christentums genutzt werden. Man konnte nur unter der Voraussetzung, dass man nachweisen konnte, dass man das Spanische beherrschte, zum Priester ge­weiht werden und die zuvor eingerichteten Lehrstühle für Quechua in Lima fielen weg. Das eigentliche Ziel der spanischen Krone war die endgültige Auslöschung der Indiosprachen zum Vorantreiben der Hispanisierung des Landes (cf. Id., 100). Jedoch sah die Realität anders aus als die in der Gesetzgebung vorgeschriebenen Regelungen. Nur wenige Schulen zum Erlernen des Spanischen wurden einge­richtet und die Geistlichen, die den Unterricht durchführen sollten, vernachlässig­ten diese Aufgabe. Daher gab es sehr wenige Fälle, in denen eine sprachliche und kulturelle Assimilation tatsächlich stattfand. Besonders auf dem Land wurde die Mehrheit der indigenen Bevölkerung nicht von der Hispanisierung erfasst. Im 17. Jahrhundert gab es nur in Lima und seiner Umgebung Indigene, die Spanisch verstanden, da Quechua noch aktiv weiter genutzt wurde und es im Sprachver­halten keine große Veränderung zur vorkolonialen Zeit gab. Aufgrund dessen gab es auch gegen Ende der kolonialen Epoche nur wenige Indios, die Spanischkennt­nisse besaßen. Meist wurde das Spanische nur bei Kommunikationsschwierigkei­ten des alltäglichen Lebens genutzt, da angesichts der Mischung der verschiede­nen Sprachgruppen verstärkt ein Bedürfnis nach einer Verkehrssprache aufkam. Seit dem 18. Jahrhundert setzte sich dann in solchen Fällen auch immer wieder das Spanische durch. (cf. Ibid.)

Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts gab es weiterhin eine kritische Einstellung gegenüber der spanischen Kultur und Sprache seitens der indigenen Bevölkerung weiterhin fort. Die nationale Unabhängigkeit Perus von Spanien (1821) verstärkte den Wunsch, zumindest sprachlich eigenständig zu sein.

Unter der Militärregierung von Velasco Alvarado (1968-1975) wurde wieder eine neue Sprachpolitik eingeleitet, in der beide Kulturen wichtig für die Konstruktion der peruanidad, also der peruanischen Nation, sein sollten und damit auch die politische Gleichberechtigung einhergehen sollte. Die verbreitetste Indianerspra­che Quechua wurde 1975 mit dem Spanischen gleichgestellt, jedoch wurde diese Gleichstellung in der Verfassung von 1979 wieder zurückgenommen. Diese ge­stand den Indianersprachen nur noch eine regionale und funktionale Geltung als Amtssprache zu. Es wurde befürchtet, dass nach der Unabhängigkeit Perus ne­ben der politischen Trennung von Spanien auch die sprachliche Abspaltung folgen könnte. Die Befürchtung der spanischen Krone war, dass damit außerdem ein zu­rückgehender Einfluss Spaniens, sowie die geistige Orientierung an anderen Län­dern und auch der zunehmende Einfluss der Indiosprachen einhergehen würde (cf. Id., 30).

Die Grundidee des Gesetzes von 1975 war die Stärkung des Nationalgefühls durch die verstärkte Integration der Peruaner*innen. Jedoch wurde damit das Ge­genteil erreicht und verdeutlichte eher die großen Differenzen, die es zwischen Peruaner*innen und Spanier*innen gab. Innerhalb der spanischsprachigen Ge­meinschaft existierte kein Wunsch danach, eine indigene Sprache zu erlernen, eher danach, Kenntnisse über andere Fremdsprachen, wie Englisch, zu erwerben. Auf der anderen Seite merkten die Indios diese Veränderung in der Verfassung kaum, da sie sowieso mehr daran interessiert waren, Spanisch zu lernen, weil dies die Prestigesprache war. Außerdem waren sie eher um ihr Überleben besorgt, als sich mit linguistischen Fragen auseinanderzusetzen. Man kann zusammenfas­send festhalten, dass das Gesetz von 1975, mit dem Ziel der Anerkennung des Quechuas als offizielle Sprache, zwar ein positiver Versuch war, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, dieser jedoch zu diesem Zeitpunkt unrealistisch war. Auch in der heutigen Verfassung von 1993 haben die indigenen Sprachen bislang nur einen kooffiziellen Status (cf. Gugenberger 1997, 13).

Die Geschichte von Perus Sprachpolitik ist also bis in die Gegenwart von Höhen und Tiefen geprägt. Der Sprachkontakt zwischen den Einheimischen und den Spaniern erfolgte oftmals unter Dominanz und Unterdrückung. Die indigenen Sprachen stießen auf Seiten der eingewanderten Spanier auf Verachtung. Diese Stigmatisierung und Verachtung gegenüber der Indiobevölkerung führte dazu, dass die Indigenen selbst sich minderwertig fühlten, was ein konstitutiver Faktor für den Sprachwechselprozess war. Der Anteil der indigenen, monolingualen Be­völkerung geht zurück, da immer mehr Indios sich dazu entscheiden, zur Erleich­terung der Kommunikation die Hauptverkehrssprache Spanisch zu erlernen. Wei­tere Gründe für diese Entwicklung sind die zunehmende Einbindung der indiani­schen Siedlungsgebiete in das nationale Wirtschaftsleben und die durch die Über­bevölkerung und wirtschaftliche Not erzwungene Abwanderung der indigenen Be­völkerung in die städtischen spanischsprachigen Regionen. Auch die Modernisie­rung und Industrialisierung sowie die Massenmedien, die hauptsächlich spanisch­sprachig sind, spielen dabei eine wichtige Rolle (Ibid).

Somit steigt der Anteil der bilingualen Bevölkerung, was allerdings nur ein Über­gangsstadium zum spanischen Monolingualismus ist, weil die indigenen Sprachen zunehmend vom Aussterben bedroht sind (cf. Berschin/ Fernandez-Sevilla, Felix- berger 2005, 31). Mit dem Sprachwechsel ist gleichzeitig ein Kulturwechsel ver­bunden, da die Zugehörigkeit zu einer Sprache meist auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur festlegt. Daher sind nicht nur die Sprachen, sondern auch die Diversität der Kulturen in Peru vom Aussterben bedroht.

Die Sprachenfrage sowie die Gleichberechtigung der Indigenen, und der Integra­tion ihrer Kulturen in die peruanische Verfassung ist ein nationales Problem, wel­ches über die Hälfte der Bevölkerung betrifft und an dem auch heutzutage weiter­gearbeitet werden muss. Auf die aktuelle Situation, die gesetzlichen Rahmenbe­dingungen und wie sie in der Realität umgesetzt werden, wird an späterer Stelle eingegangen.

3.2 SPRACHEN IN PERU UND IHRE VERBREITUNG

Peru ist dadurch gekennzeichnet,ein mehrsprachiges Land, reich an unterschied­lichen Kulturen, zu sein. Von 32 Mio. Einwohner sind circa 45 % Indigene, 37 % Mestizen, 15% Weiße und 3 % Schwarze, Mulatt*innen und Asiat*innen (cf. Noll, 2019, 7). Obwohl 80 bis 87% der Bevölkerung Spanisch spricht, haben sich viele indigene Sprachen erhalten. Mehrere Jahrhunderte lang wurden diese als Dia­lekte bezeichnet und hatten dadurch einen "niedrigeren" Status als das Spani­sche. Inzwischen haben einige indigene Sprachen in der Verfassung einen koof- fiziellen Status erlangt. Dazu gehören Quechua, welches von 16,6% der Bevölke­rung gesprochen wird und Aymara, welches 2-3% der Peruaner beherrschen (cf. Id., 68f.). Diese gehören zu den 4 andinen Sprachen, welche zu zwei Sprachfami­lien, dem Aru und dem Quechua, gehören. Daneben gibt es 44 amazonische Sprachen, die auch als rechtskräftig gelten, da sie immer noch gesprochen wer­den und die 17 amazonen Sprachfamilien zugehörig sind. Aufgrund dieser sehr großen Menge an indigenen Sprachen wird im Folgenden jedoch nur ein Überblick über die drei am meisten verbreiteten Sprachen, Spanisch, Quechua und Aymara, gegeben.

Das Spanische in Peru bzw. in ganz Südamerika unterscheidet sich natürlicher­weise vom europäischen Spanisch. Es unterlag bzw. unterliegt bis heute dem Ein­fluss der indigenen Sprachen und hat sich eigenständig und unabhängig vom eu­ropäischen Spanisch weiterentwickelt (cf. Steckbauer 2000, 79). Beispielsweise lernten die ersten Eroberer, als sie auf die Antillen ankamen, Namen für ihnen unbekannte Früchte und Pflanzen von der dort einheimischen Bevölkerung. Ab diesem Zeitpunkt bereicherte sich die spanische Sprache mit indoamericanismos, welche für die Eroberer unbekannte Begriffe für bestimmte Objekte, Gewohnhei­ten oder Ideen waren. Auch aus dem Quechua gibt es einige Lehnwörter wie Al- paca, Coca, Mate, oder Condor. Als mit der Gründung der Real Academia die wichtigste normative Institution für die spanische Sprache geschaffen wurde, ver­öffentlichte diese das Diccionario de Autoridades, welches bereits 150 Amerika­nismen umfasste und damit auch die Relevanz des Einflusses der Indigenismen zeigt (cf. Id., 80).

Am speziellen Beispiel von Peru lässt sich feststellen, dass es während der Zeit der Eroberung wenig Sprachkontakt zwischen den sozialen und kulturellen Klas­sen gab und der sprachliche Einfluss daher auch gering war. Es ist deswegen anzunehmen, dass das Spanisch, was dort gesprochen wurde, eher dem europä­ischen Spanisch nahekam als dem der anderen südamerikanischen Länder (cf. Id., 84).

Außerdem war die castellanizacion, also der Prozess, der peruanischen Bevölke­rung die spanische Sprache zu lehren, das hauptsächliche Interesse der Sprach­politik. Aufgrund dessen gibt es auch bis heute wenige Studien über das Spani­sche in Peru. Jedoch lässt sich feststellen, dass das Resultat der jahrelangen Koexistenz und Zusammenleben der spanischen Sprache, des Quechua und an­deren indigenen Sprachen eine neue Varietät des Spanischen ist, die die andine sowie andere in Peru existierende Realitäten widerspiegelt. (cf. Id., 93)

Die weitverbreitetste, indigene Sprache Quechua wurde schon im Imperium der Inka, welches sich über das Andengebiet von Ecuador, Peru, Bolivien und Mittel­chile bis in den Nordwesten Argentiniens erstreckte, gesprochen. Genauer gesagt war es die Verwaltungs- und Handelssprache dieses Reiches, dessen Zentrum im Hochtal von Cuzco lag. Die Quechua-Sprecher*innen verteilen sich größtenteils auf den Andenraum, aber auch an einigen Orten des Regenwaldes in Kolumbien, Ecuador und Peru ist diese Sprache vorzufinden. Jedoch stellt Peru das Kernge­biet, in dem Quechua gesprochen wird, dar. Nach der peruanischen Verfassung hat Quechua den Status einer kooffiziellen Sprache. Außerdem gibt es, wie im Abschnitt über das Spanische in Peru schon erläutert, einige Entlehnungen aus dem Quechua, wie z. B. palta,Avocado'. (cf. Noll 2019, 68).

Nach der spanischen Eroberung war Quechua die lengua general, in der die Ein­heimischen missioniert werden sollten. „Los espanoles asumieron un rol im­portante en la reparticion del quechua, puesto que durante la conquista dicho idi- oma se convirtio en la lengua general de todas las tribus ind^genas." (Steckbauer 2000, 60). Die Relevanz des Quechua als meistgesprochene indigene Sprache hat sich v. a.während der Kolonialzeit herausgebildet, als die spanische Krone noch nicht das Ziel hatte, die indigene Bevölkerung sprachlich zu assimilieren. Dadurch, dass Quechua durch die damalige Unterdrückung der Sprache durch die spanischen Eroberer kein hohes Ansehen in Peru genießt, lehnen viele bilin­guale Peruaner ab, als Quechua-Sprecher*innen zu gelten. Sie präferieren es, monolinguale Spanischsprachigezusein, was zur Folge hat, dass viele von ihnen ihre Muttersprache vernachlässigen und nur noch auf Spanisch kommunizieren. Ein hoher Anteil derbilingualen Sprecher*innensprechen Quechua ausschließlich in der bäuerlichen Welt, im privaten Bereich und bei Folklore, während sie in An­gelegenheiten wie Politik, Wissenschaft, Kultur und Technik Spanisch verwenden und Quechua höchstens in hispanisierter Form nutzen.

[...] a pesar de la oficializacion del quechua hasta hoy se sigue necesitando el espanol para firmar cualquier contrato oficial [...], para hablar con el responsable de otro pueblo, para seguir cualquier estudio superior, para leer el horario de trenes, la boleta de la votacion o algun periodico. [...] una persona en el Peru, sin saber el castellano, se debe sentir limitada en su capacidad de integrarse en la sociedad perunana. (Steckbauer 2000, 52).

Auf der anderen Seite gibt es kaum spanischsprachige Peruaner*innen, die Quechua lernen. Das könnte dazu beitragen, dass, wenn diese Entwicklung so bleiben sollte, irgendwann ein spanischer Monolingualismus in Peru herrschen wird (cf. Ibid.).

Es existieren 37 Varietäten des Quechua, von denen 31 in Peru gesprochen wer­den. Außerdem ist es eine sehr dialektisierte Sprache, die grundsätzlich in zwei Gruppen aufgeteilt werden kann, der Dialekt in Nord-und Südperu auf der einen und der Dialekt in Zentralperu auf der anderen Seite. Diese beiden Dialekte sind sehr unterschiedlich. „Impressionistically, the difference between any Quechua A and any Quechua B dialect can be compared to the difference between Spanish and French." (Parker 1969, 66.). Auch aufgrund dieser verschiedenen Dialekte kommt es dazu, dass Quechua-Sprecher*innen untereinander vermehrt auf Spa­nisch kommunizieren. Die Dialekte sind meist so distinktiv, dass es leichter ist, auf das Spanische auszuweichen, als sich auf der Muttersprache zu unterhalten. „[...] muchos quechuahablantes [...] prefieren recurrir al castellano en vez de intentar comprenderse en su idioma comun a través de fronteras dialectales, las cuales también pueden constituir un obstaculo." (Gugenberger 1997, 133).

Der meist studierte und bekannteste Dialekt des Quechua ist der aus den Depar- tamentos Ayacucho und Cusco, weil er von den spanischen Eroberern damals zum Standard-Dialekt ernannt wurde und derjenige ist, der am diversifizierteste ist. Er wird auch an verschiedenen Universitäten unterrichtet. Allerdings muss man dabei anmerken, dass es keinen „besseren" oder „nobleren" Dialekt gibt. Man spricht deshalb auch nicht von einem Quechua general, welches für ganz Peru gilt, sondern impliziert mit der Bezeichnung Quechua immer alle bestehenden Va­rietäten und Dialekte der Sprache.

3.2.3 A YMARA

Nach Quechua ist Aymara die am meisten verbreitete indigene Sprache in Peru und hat ebenfalls einen kooffiziellen Status in der Verfassung von Peru. Heutzu­tage wird es von circa 2.200.000 Menschen gesprochen, die zum Volk der Aymara gehören. Ihr Einzugsgebiet erstreckt sich vom Süden Perus über den boliviani­schen Altiplano, südöstlich des Titicaca-Sees, bis in den Norden Chiles und den Nordwesten Argentiniens (cf. Noll 2019, 69).

Die Aymara-sprechenden Stämme richteten ihr Machtzentrum im 13. Jahrhundert im nördlichen Teil des Hochplateaus ein. Im 15. Jahrhundert wurden sie von den Inka beherrscht. Aymara und Quechua haben deswegen lange Zeit nebeneinan­der existiert. Aus diesem Grund überschneiden sich ihre Sprachgebiete teilweise und es bildeten sich dementsprechend bilinguale Zonen heraus. Aymara hat au­ßerdem nur wenige strukturelle Unterschiede und viele Gemeinsamkeiten mit dem Quechua (cf. O'Connor/ Muysen 2014, 143). Innerhalb der Sprache gibt es sehr wenige Varietäten oder Dialekte. Trotz einiger linguistischer Ähnlichkeiten zum Quechua weist alles auf eine Herkunft von zwei unterschiedlichen Sprachfamilien hin.

[...] the Aymaran languages are clearly set apart from Quechuan varieties as a group, but, at the same time, the structural distance between the northern varieties of Quechuan and those of most of Peru and Bolivia is larger than that between Aymaran and e.g. Quechua I. (Id., 149).

Eine Ähnlichkeit zwischen Quechua und Aymara ist also wie gesagt nicht von der Hand zu weisen, jedoch ist die Abstammung von derselben Sprachfamilie als un­wahrscheinlich nachgewiesen worden, da Quechua zur Quechua-Sprachfamilie und Aymara zur Aru-Sprachfamilie gehört.

So wie im Fall des Quechua stößt die Zweisprachigkeit mit Spanisch auch bei den Aymara-Sprecher*innen eher auf Ablehnung, es gibt immer weniger Tendenzen, Aymara an die nächstfolgende Generation weiterzugeben. Jedoch ist anzumer­ken, dass sich hier Bolivien und Peru unterscheiden. Besonders in den städti­schen Gegenden wird die Sprache als gefährdet eingestuft. Allerdings gibt es Aus­nahmen: In den ländlichen Gegenden von Puno, einem peruanischen Departa- mento an der Grenze zu Bolivien, wird Aymara weiterhin von allen Generationen gesprochen und deshalb in diesen Orten als vital eingestuft (cf. Noll 2019, 68f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Peru
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
48
Katalognummer
V1026406
ISBN (eBook)
9783346429049
ISBN (Buch)
9783346429056
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachpolitik, Spanische Linguistik, Peru, Mehrsprachigkeit, Indigenenrechte, Aymara, Quechua, Indigene, Spanisch
Arbeit zitieren
Marie Brockmann (Autor:in), 2020, Mehrsprachigkeit und Sprachpolitik in Peru, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1026406

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