Die Rolle von Gefühlen als Triebfeder des moralischen Handelns bei Kant und Schopenhauer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das moralische Gefühl in Kants Ethik
2.1. Guter Wille und Pflicht als konstitutive Begriffe für Kants Moralphilosophie
2.2. Das Phänomen der Achtung

3. Das moralische Gefühl in Schopenhauers Ethik
3.1. Hinführung und Prämissen für die Begründung der moralischen Triebfeder
3.2. Das Phänomen des Mitleids

4. Beurteilung beider Positionen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Ethik gibt es viele unterschiedliche Ansätze, wenn es darum geht, wie wir uns selbst dazu motivieren, moralisch (also in diesem Sinne gut) zu handeln. In den Ethiken von Arthur Schopenhauer und Immanuel Kant, mit welchen sich diese Arbeit beschäftigen wird, begegnet man dem Begriff der “moralischen Triebfeder”, welche jeweils auf einem bestimmten Gefühl basieren. Diese „moralischen Gefühle“ sind jedoch in der Art, wie sie in der jeweiligen Ethik behandelt werden und wie sie Einfluss auf unser Handeln haben, unterschiedlich. Daher wird sich die folgende Arbeit der Frage, inwiefern Schopenhauer sowie auch Kant auf Gefühle zurückgreifen, wenn sie moralisches Handeln erklären, widmen. Dazu sollte man zunächst kurz erklären, wie man den Terminus „moralisches Gefühl“ definiert. Im „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler findet man für moral sense folgenden Eintrag: “moralischer Sinn, Gefühl (der Billigung bezw. Mißbilligung) für das Gute und Schlechte, angeborenes oder social bedingtes und als Disposition ererbtes Sittlichkeitsgefühl, Sittlichkeitsbewußtsein, moralisches Urteilsvermögen.” (Eisler 1904, 693f.)

Durch moralische Gefühle sind wir also dazu fähig, moralische Urteile zu fällen, d. h. zu entscheiden, ob eine Handlung einen moralischen Wert hat oder nicht.

Um zu untersuchen, inwieweit Kant und Schopenhauer die Motivation zu solchen Handlungen durch Gefühle erklären und insbesondere auf welche Gefühle sie dabei zurückgreifen, muss man zunächst darauf eingehen, was sie jeweils als moralische Handlung definieren, also ihr Verständnis von Moral herausstellen. Dazu wird sich bei Kant auf einzelne Passagen der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”, in denen er die für seine Ethik maßgebenden Begriffe der „Pflicht“ und des „Guten Willens“ erläutert, sowie auf das dritte und vierte Kapitel der „Kritik der praktischen Vernunft”, in denen er letztendlich seine Annahmen der Existenz einer moralischen Triebfeder bzw. eines moralischen Gefühls weiter ausführt, fokussiert.

Bei Schopenhauer konzentriert sich die Arbeit auf den dritten Abschnitt seines Werkes „Über die Grundlage der Moral”, in denen er das Phänomen des Mitleids als moralische Motivation beschreibt. Schlussendlich werden beide Positionen beurteilt und dazu Stellung genommen, welches Phänomen einleuchtender für die Begründung von moralischem Handeln ist.

2. Das moralische Gefühl in Kants Ethik

Im folgenden Kapitel wird Kants Auffassung zur moralischen Motivation erklärt und herausgestellt, inwieweit er dafür Gefühle als Erklärung zulässt.

2.1. Guter Wille und Pflicht als konstitutive Begriffe für Kants Moralphilosophie

Fundamental für Kants Ethik sind die Begriffe des „Guten Willens“ und der „Pflicht“. Um sein Verständnis einer moralisch guten Handlung nachzuvollziehen, ist es daher wichtig, diese Termini im Vorhinein zu definieren.

Kant geht von einem seit jeher aktivem sittlichen Willen aus. Bereits im ersten Satz des ersten Abschnittes der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” beschreibt er das Hauptprinzip der Moralität in Form des guten Willens: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille". ( Kant: GMS A2 393.)

Zunächst gibt er aber keine exakte Erklärung, was der gute Wille sei, sondern beschreibt, worin er nicht bestehe. Die Talente des Geistes, wie beispielsweise Mut und Entschlossenheit, sind nur relativ gut, da sie zwar wünschenswert sein können, aber eben auch böse und schädlich, „wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll [...], nicht gut ist.” (ebd.) Ebenso relativ bewertet Kant die Glücksgaben, also Errungenschaften, wie Frieden, politische Freiheit, Gesundheit, Macht, Reichtum, Ehre etc. Diese sind nur dann gut, wenn sie zur Welt des guten Willens gehören, das heißt, wenn sie in seiner Gesinnung angestrebt werden. Die „Eigenschaften des Temperamentes” und die „Talente des Geistes”, die eigentlich als gut bewertet werden können, können in Anbetracht ihrer möglichen Folgen ihre Güte verlieren und in einem moralischen Sinne ,böse‘ werden (z. B. ist Intelligenz nicht gut, wenn sie für böse Taten eingesetzt wird). Der „Gute Wille“ hat hierbei eine bewertende Funktion. Durch ihn lässt sich feststellen, ob diese relativen Güter (wie zum Beispiel Gesundheit) wirklich gut sind. „Erst in seiner Perspektive [der des guten Willens] gibt es etwas relativ Gutes.” (Kaulbach 1998, S. 19)

Zusammenfassend kann man den „Guten Willen“ als den obersten Maßstab dessen, was als gut bezeichnet werden kann, definieren. Durch ihn wird jegliches Handeln zweckmäßig und er dient als Maß für das moralische Bewusstsein. Er ist allerdings nur unter der Voraussetzung gut, dass sein “Gutsein” nicht auf einem Zweckinhalt basiert, sondern auf der Form der Gesetzlichkeit des Sittengesetzes, des moralischen Gesetzes, auf welchem jede moralisch gute Tat basiert. Somit muss das Sittengesetz der Bestimmungsgrund eines jeden Handelns und Entscheidens sein. „Nicht durch den Erfolg, den er [der gute Wille] bewirkt, wird der Wert seines Handelns begründet, sondern durch seine Pflichtgesinnung.” (ebd.)

Hiermit kommt nun auch der Begriff der Pflicht ins Spiel, welcher konstitutiv für Kants Moralverständnis ist. Er steht im Zusammenhang mit dem des „Guten Willens , da die Pflicht aus seiner Perspektive heraus beurteilt werden kann (vgl. Kant: GMS A2 397). Eine Handlung geschieht nur aus Pflicht, wenn der Handelnde sie auch als Pflicht anerkennt. Handlungen, deren Bestimmungsgrund Neigungen sind, geschehen daher nicht aus Pflicht. Wenn man also beispielsweise eine Pflicht missachtet oder nur befolgt, weil man Angst vor den Konsequenzen der Nichtbefolgung hat, geschieht diese Handlung nicht aus Pflicht, sondern ist nur pflichtgemäß, da ihr Bestimmungsgrund nicht der eigentliche Charakter der Pflicht ist.

Darüber hinaus kann man auch aus Freude an der Pflicht handeln, was aber ebenfalls eine Handlung ist, die aufgrund einer Neigung geschieht und daher auch nur pflichtgemäß ist (vgl. Kaulbach 1998, S. 26). Das Handeln entspricht deswegen nicht dem moralischen Maßstab, den der gute Wille uns vorgibt. Dieser ist nur gut, wenn er selbst der Bestimmungsgrund ist und nicht passiv durch externe Determinanten bestimmt ist (durch eben diese Neigungen). Reines praktisches Handeln geschieht daher ausschließlich aus Pflicht. Nicht das, wozu man Neigungen verspürt liegt unserem Handeln als Bestimmungsgrund zugrunde, sondern der Pflichtcharakter der Pflicht. Es ist also nicht durch Empfindungen (wie z. B. Mitleid) motiviert. Ob bei diesem Handeln Freude bzw. Lust oder Widerwillen im Spiel sind, ist für den moralischen Wert der Handlung nicht relevant.

Mit dem Begriff der „Pflicht“ führt Kant ebenfalls den der „Achtung“ ein, welcher konstitutiv für seine Ausführungen zur moralischen Triebfeder sein wird. Den Pflichtbegriff fasst er folgendermaßen zusammen: „Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz”. (Kant: GMS A2 400)

2.2. Das Phänomen der Achtung

Um die Motivation zum moralischen Handeln aus Pflicht zu erklären, führt Kant das Phänomen der Achtung, welche man für das moralische Gesetz empfinden sollte, ein. Im dritten Hauptstück der „Kritik der praktischen Vernunft” geht er darauf genauer ein. Zunächst ist hier auch die Unterscheidung von Moralität und Legalität relevant. Eine pflichtmäßige Handlung ist demnach zwar legal, aber noch nicht moralisch. Damit eine Handlung einen moralischen Wert hat, muss sie aus Pflicht geschehen, wie ich auch im vorherigen Kapitel erläutert habe.

Das Wesentliche alles sittlichen Werts kommt darauf an, daß das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme. Geschieht die Willensbestimmung zwar gemäß dem moralischen Gesetze, aber nur vermittelst eines Gefühls, welcher Art es auch sei, das vorausgesetzt werden muß, damit jenes ein hinreichender Bestimmungsgrund des Willen werde, mithin nicht um des Gesetzes willen: so wird die Handlung zwar Legalität, aber nicht Moralität, enthalten. (Kant: KpV AA 72)

Jedes moralische Handeln wird dabei durch eine gewisse Triebfeder ausgelöst, wobei unter einer solchen Triebfeder „der subjektive Bestimmungsgrund des Willens eines Wesens verstanden wird, dessen Vernunft nicht schon vermöge seiner Natur dem objektiven Gesetze notwendig gemäß ist“ (ebd.).

Zusammengefasst ist diese Triebfeder also der subjektive Bestimmungsgrund des Willens. Da der Wille beim Handeln allerdings nicht von der Sinnlichkeit bestimmt werden darf (da das moralische Gesetz selbst den Bestimmungsgrund darstellen soll) und Gefühle bzw. Neigungen ebenso wenig eine sogenannte Triebfeder der moralischen Handelns sein sollten, stellt sich die Frage, worin eben diese Triebfeder für Kant besteht. Er verneint, dass die moralische Motivation bzw. die Triebfeder durch Gefühle ausgedrückt wird. Diese sind bei Vernunftwesen nämlich nicht unmittelbar handlungswirksam, es sind eher Neigungen in Verbindung mit diesen Gefühlen über Interessen und Maximen mit dem Handeln verbunden (vgl. Scarano, Nico 2011, 120). Daraus kann man schließen, dass Kant moralische Gefühle als Triebfeder des Handelns ablehnt. Für ihn handeln Vernunftwesen nach Gesetzen und daher kann die Triebfeder des menschlichen Willen nur das moralische Gesetz selbst sein (vgl. Kant: KpV AA 78f.). Mit der Achtung für dieses Gesetz führt er nun aber das eigentliche moralische „Gefühl” in diesem Sinne ein. Sie macht die Befolgung der Vorgaben des moralischen Gesetzes subjektiv notwendig, wenn der Handelnde die objektive Notwendigkeit des Gesetzes ebenso erkannt hat (vgl. ebd., 75). Ein Gegenstand dieser Achtung kann nur das Gesetz an sich sein, nicht jedoch die Neigungen: „Ebenso kann ich für Neigung überhaupt, sie mag nun meine oder eines anderen seine sein, nicht Achtung haben [...]”. (Kant: GdMS A2 400) Neigungen können also höchstens gewünscht oder begehrt werden.

„Eigentlich ist Achtung die Vorstellung von einem Werte, der meiner Selbstliebe Abbruch tut. Also ist es etwas, was weder als Gegenstand der Neigung noch der Furcht betrachtet wird [...]” (ebd., 402). Daher eignet sie sich für Kant als Triebfeder für moralisches Handeln, da nicht nur die intellektuelle Einsicht in das vom moralischen Gesetz Gebotene ausreicht, sondern es ein Gefühl (nämlich das der Achtung) braucht, um dieses Gesetz für das Individuum subjektiv notwendig macht: „Die Achtung fürs moralische Gesetz ist also die einzige und zugleich unbezweifelte moralische Triebfeder, so wie dieses Gefühl auch auf kein Objekt anders, als lediglich aus diesem Grunde gerichtet ist.“ (Kant: KpV AA 79). Dies führt letztendlich zu einigen Interpretationsschwierigkeiten, da Kant an einigen Stellen betont, dass die eigentliche Triebfeder für das moralische Handeln das moralische Gesetz selbst sei (ebd., 72), jedoch an anderen Stellen des dritten Hauptstücks das Gefühl der Achtung als dieselbe bezeichnet.

Im dritten Absatz der “Grundlegung der Metaphysik der Sitten” trifft er beispielsweise die Aussage, dass dieses moralische Gefühl die Grundlage dafür bereitstellt, dass vom Handelnden überhaupt Interesse an moralischem Handeln besteht. Er räumt allerdings auch ein, dass das moralische Gefühl der Gegenspieler der Vernunft sei und daher nicht konstitutiv für den Willen und seine Entscheidung. Nur, wenn ein Gefühl durch die Vernunft gewirkt ist, kommt ihm eine Relevanz für die moralische Verfassung des Willens zu (vgl. Kant: GdMS A2 460). In dieser Form (also wenn es durch die Vernunft gewirkt ist) wird es „Achtung“ genannt. „Achtung ist ein Gefühlszustand, der durch die Grundhandlung des Sich-Versetzens in die Welt der Freiheit und ihrer Gesetzgebung herbeigeführt wurde.” (Kaulbach 1988, S. 176) Dementsprechend handeln wir nur dann moralisch, wenn wir aus diesem moralischen Gefühl der Achtung vor dem moralischen Gesetz heraus handeln. Achtung fungiert als Triebfeder für den Willen, um aus Pflicht zu agieren. Mit der Einführung der „Achtung“ als moralisches Gefühl will Kant allerdings der Vernunft keinen Abbruch tun. Diese muss daher dem handelnden Bewusstsein das Gefühl vermitteln Lust an der Pflichterfüllung zu finden, also es zur Erfüllung der Pflicht zu motivieren (vgl. Kant: GdMS A2 460). „Das moralische Gefühl der Achtung vor dem Gesetz und das ,reine' Interesse an seiner Verwirklichung sind von der Vernunft durchgewirkte Triebkräfte des Willens.” (Kaulbach 1988, S. 179).

Zusammenfassend kann man folgende Definition für den Terminus der Achtung in Kants Moralphilosophie geben:

Achtung ist ein legitimes Motiv des Handelns, weil sie nicht nur eine vernunftfremde Regung des bloß subjektiven Gefühls, sondern ein vom objektiven Gesetz durchgewirkter und daher auf Selbst-Tätigkeit beruhender Zustand ist. Sie unterscheidet sich von anderen Gefühlen, welche einen pathologischen Zustand des Handelnden verraten, durch ihre Eigenschaft, ‘praktisch' zu sein. (ebd., S. 176)

Das moralische Gefühl spielt bei Kant also in dem Sinne eine Rolle, dass es den subjektiven Willen dazu bringt, Lust an der Erfüllung der Pflicht (also an der Einhaltung des moralischen Gesetzes des Gesetzes) zu finden. Der moralische Zwang wird also nicht durch die Vernunft, sondern das Gefühl der Achtung bewirkt. Sie ist die Triebfeder, die dem Willen die Kraft zur Ausübung der Pflicht geben soll.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Rolle von Gefühlen als Triebfeder des moralischen Handelns bei Kant und Schopenhauer
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V1026428
ISBN (eBook)
9783346428943
ISBN (Buch)
9783346428950
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralische Gefühle, Theoretische Philosophie, Kant, Schopenhauer, Moralphilosophie, El alcalde de Zalamea
Arbeit zitieren
Marie Brockmann (Autor), 2020, Die Rolle von Gefühlen als Triebfeder des moralischen Handelns bei Kant und Schopenhauer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1026428

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