In der Ethik gibt es viele unterschiedliche Ansätze, wenn es darum geht, wie wir uns selbst dazu motivieren, moralisch (also in diesem Sinne gut) zu handeln. In den Ethiken von Arthur Schopenhauer und Immanuel Kant, mit welchen sich diese Arbeit beschäftigen wird, begegnet man dem Begriff der “moralischen Triebfeder”, welche jeweils auf einem bestimmten Gefühl basieren. Diese „moralischen Gefühle“ sind jedoch in der Art, wie sie in der jeweiligen Ethik behandelt werden und wie sie Einfluss auf unser Handeln haben, unterschiedlich. Daher wird sich die folgende Arbeit der Frage, inwiefern Schopenhauer sowie auch Kant auf Gefühle zurückgreifen, wenn sie moralisches Handeln erklären, widmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das moralische Gefühl in Kants Ethik
2.1. Guter Wille und Pflicht als konstitutive Begriffe für Kants Moralphilosophie
2.2. Das Phänomen der Achtung
3. Das moralische Gefühl in Schopenhauers Ethik
3.1. Hinführung und Prämissen für die Begründung der moralischen Triebfeder
3.2. Das Phänomen des Mitleids
4. Beurteilung beider Positionen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer bei der Begründung moralischen Handelns auf Gefühle als Triebfedern zurückgreifen. Ziel ist es, die unterschiedlichen Konzepte der "moralischen Triebfeder" in beiden Ethiken herauszuarbeiten, kritisch zu beleuchten und deren Plausibilität in Bezug auf die menschliche Natur zu beurteilen.
- Die Funktion von "Guter Wille" und "Pflicht" als zentrale Säulen der kantischen Moralphilosophie
- Die Rolle der "Achtung" als einziges durch Vernunft gewirktes moralisches Gefühl bei Kant
- Egoismus als antimoralische Triebfeder versus das Mitleid als Grundlage altruistischen Handelns bei Schopenhauer
- Vergleichende Analyse der theoretischen Schwachstellen und Stärken beider Ansätze
- Kritische Reflexion über die Vereinbarkeit von Vernunft und Gefühl im moralischen Erkenntnisprozess
Auszug aus dem Buch
Das Phänomen der Achtung
Um die Motivation zum moralischen Handeln aus Pflicht zu erklären, führt Kant das Phänomen der Achtung, welche man für das moralische Gesetz empfinden sollte, ein. Im dritten Hauptstück der „Kritik der praktischen Vernunft” geht er darauf genauer ein. Zunächst ist hier auch die Unterscheidung von Moralität und Legalität relevant. Eine pflichtmäßige Handlung ist demnach zwar legal, aber noch nicht moralisch. Damit eine Handlung einen moralischen Wert hat, muss sie aus Pflicht geschehen, wie ich auch im vorherigen Kapitel erläutert habe.
Das Wesentliche alles sittlichen Werts kommt darauf an, daß das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme. Geschieht die Willensbestimmung zwar gemäß dem moralischen Gesetze, aber nur vermittelst eines Gefühls, welcher Art es auch sei, das vorausgesetzt werden muß, damit jenes ein hinreichender Bestimmungsgrund des Willen werde, mithin nicht um des Gesetzes willen: so wird die Handlung zwar Legalität, aber nicht Moralität, enthalten. (Kant: KpV AA 72)
Jedes moralische Handeln wird dabei durch eine gewisse Triebfeder ausgelöst, wobei unter einer solchen Triebfeder „der subjektive Bestimmungsgrund des Willens eines Wesens verstanden wird, dessen Vernunft nicht schon vermöge seiner Natur dem objektiven Gesetze notwendig gemäß ist“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Begriff der moralischen Triebfeder und führt in die Fragestellung ein, wie Kant und Schopenhauer Gefühle zur Erklärung moralischen Handelns instrumentalisieren.
2. Das moralische Gefühl in Kants Ethik: Dieses Kapitel erläutert Kants Fokus auf Vernunft und Pflicht, wobei die "Achtung" als ein spezielles, vernunftgewirktes Gefühl eingeführt wird, das dem moralischen Gesetz subjektive Notwendigkeit verleiht.
2.1. Guter Wille und Pflicht als konstitutive Begriffe für Kants Moralphilosophie: Hier werden die fundamentalen Begriffe des guten Willens und der Pflicht analysiert, die als Maßstäbe für eine rein moralisch gute Handlung dienen, losgelöst von persönlichen Neigungen.
2.2. Das Phänomen der Achtung: Der Abschnitt vertieft die Rolle der Achtung als notwendige Triebfeder, die den Willen zur Pflichterfüllung motiviert, ohne dabei eine "Gefühlsethik" im klassischen Sinne zu begründen.
3. Das moralische Gefühl in Schopenhauers Ethik: Schopenhauer wird als Gegenentwurf zu Kant positioniert, wobei seine Ablehnung normativer Ethik zugunsten einer auf menschlicher Natur basierenden Gefühlsmotivation dargestellt wird.
3.1. Hinführung und Prämissen für die Begründung der moralischen Triebfeder: Es wird erörtert, wie Schopenhauer den Egoismus als die primäre, antimoralische Triebfeder des Menschen identifiziert, die durch eine moralische Triebfeder überwunden werden muss.
3.2. Das Phänomen des Mitleids: Dieses Kapitel beschreibt das Mitleid als die zentrale moralische Triebfeder, die eine Identifikation mit dem Anderen ermöglicht und Handlungen erst einen echten moralischen Wert verleiht.
4. Beurteilung beider Positionen: In diesem Kapitel werden beide Ansätze einander gegenübergestellt, wobei insbesondere die Plausibilität von Kants abstraktem System und Schopenhauers Annahme des Mitleids als "Mysterium" hinterfragt werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Schopenhauers Mitleidstheorie trotz metaphysischer Schwierigkeiten lebensnäher erscheint als Kants streng rationales, aber widersprüchliches Modell.
Schlüsselwörter
Moralische Triebfeder, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Pflicht, Guter Wille, Achtung, Mitleid, Egoismus, Vernunft, Moralität, Legalität, Ethik, Altruismus, Handlungsantrieb, Moralphilosophie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die unterschiedlichen Ansätze von Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer bezüglich der Rolle von Gefühlen als Motivationsfaktoren für moralisches Handeln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das kantische Pflichtverständnis, der Begriff der Achtung, Schopenhauers Konzept des Egoismus sowie das Phänomen des Mitleids als moralische Triebfeder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, wie die beiden Philosophen den Antrieb zu moralischem Handeln erklären und welches Modell plausibler erscheint, um die menschliche Natur und moralische Motivation zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse zentraler Primärtexte wie Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" und Schopenhauers "Preisschrift über die Grundlage der Moral".
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Begriffe "Achtung" bei Kant und "Mitleid" bei Schopenhauer und prüft, inwiefern diese als Triebfedern für moralisches Handeln fungieren können.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Moralische Triebfeder, Pflicht, Mitleid, Guter Wille, Achtung und Egoismus charakterisieren.
Warum lehnt Kant "pathologische" Gefühle in der Moral ab?
Kant lehnt diese ab, weil sie für ihn auf Sinnlichkeit basieren und den Willen von äußeren Einflüssen abhängig machen, statt den Menschen autonom aus Vernunftgesetzen handeln zu lassen.
Warum hält die Autorin Schopenhauers Ansatz für plausibler?
Sie hält ihn für plausibler, da Schopenhauers Mitleidstheorie die gefühlsgeleitete Natur des Menschen stärker einbezieht, während Kants Theorie durch das abstrakte Konstrukt der Achtung widersprüchlich wirkt.
- Arbeit zitieren
- Marie Brockmann (Autor:in), 2020, Die Rolle von Gefühlen als Triebfeder des moralischen Handelns bei Kant und Schopenhauer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1026428