Dimensionen politischen Lernens im integrierten Sachunterricht


Skript, 2000

11 Seiten


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GLIEDERUNG

EINLEITUNG

1. WAS VERSTEHT MAN UNTER POLITISCHER BILDUNG ?
1.1 ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF „POLITIK“
1.2 DIE BEDEUTUNG DER POLITISCHEN BILDUNG IN DER GRUNDSCHULE
1.3 DIMENSIONEN POLITISCHEN LERNENS IM INTEGRIERTEN SACHUNTERRICHT

2. WARUM GEHÖRT „POLITIK“ IN DEN SACHUNTERRICHT? BEZÜGE ZU DEN RICHTLINIEN

3. WIE KANN MAN DIE DIMENSIONEN IM SACHUNTERRICHT ZUSAMMENFÜHREN?
3.1 BEGRÜNDUNG FÜR DAS ZUSAMMENFÜHREN
3.2 EIN LÖSUNGSVORSCHLAG AM BEISPIEL KRIEG

RESUMEE

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit einem Thema, welches in den letzten drei Jahrzehnten an Bedeutung und Interesse verloren hat. Ich möchte aufzeigen, dass politische Bildung von großer Relevanz für Grundschulkinder ist, da Politik Teil ihrer Lebenswelt ist. Das Aufgreifen dieser Lebenswelt ist Aufgabe der Schule und im speziellen des Sachunterrichtes. Durch die in dieser Arbeit vorgestellte Dimensionierung der politischen Bildung in sieben sog. Lernebenen soll deutlich werden, inwieweit Unterricht und vom Kind erlebte Realität politisch sind. In diesem Zusammenhang sollen die Möglichkeiten einer Integration von politischer Bildung in den Sachunterricht aufgezeigt werden. Es stellen sich die Fragen, was überhaupt in eine Unterrichtseinheit integriert werden soll, und wie diese Integration möglich ist. Da Sachunterricht von Problemstellungen ausgeht, müssen Fragen an ein Problem gestellt werden, um es mehrdimensional erschließen zu können. Desweiteren wird die feste inhaltliche Verankerung von politischer Bildung in den Richtlinien, vordergründig des Lehrplans Sachunterricht, aufgezeigt. Anschließend wird der Umgang mit politischer Bildung im Sinne der vorher geschilderten Dimensionierung als Unterrichtsprinzip erläutert. Abschließend veranschaulicht ein Lösungsvorschlag zu einer Dimensionierung eines konkreten Themenbeispiels die Herangehensweise an gesellschaftliche Phänomene im Sinne einer politischen Bildung.

1. WAS VERSTEHT MAN UNTER POLITISCHER BILDUNG ?

1.1 ANNÄHERUNG AN DEN BEGRIFF POLITIK

Der Politikbegriff darf nicht als ein objektiv vorhandenes Phänomen missverstanden werden, welches man nur beobachten müsse, um es exakt, ähnlich einer natürlichen Gegebenheit, definieren zu können. Er ist vielmehr ein Konstrukt, welches, je nach Definition, nach unterschiedlichen Gesichtspunkten und Vorverständnissen entworfen wird. So gibt es nicht den Politikbegriff, sondern lediglich einen Pluralismus an verschiedenen Politiken. Auch in der Fachliteratur wird Politik sehr verschiedenhaltig definiert. So wird in zahlreichen Definitionen Politik mit der Machtausübung des Staates und dessen Durchsetzung bestimmter Ziele im staatlichen Bereich, also Staathandeln, gleichgesetzt, welches dem Wohl der Gemeinschaft nutzen soll.

Lehmbruch dagegen definiert Politik als „gesellschaftliches Handeln“, welches dazu dient, „gesellschaftliche Konflikte über Werte verbindlich zu regeln“1. Er verdeutlicht mit dieser Definition, dass Politik von der Gesellschaft und nicht nur von einer bestimmten Gruppe ausgeübt wird, d.h. dass jeder Bürger in einem Staat direkt an Politik teilhat und sie auch beeinflussen kann (Wahlen, Gewerkschaften, Bürgerbegehren usw.). Desweiteren wird betont, dass Politik mit der Lösung von gesellschaftlichen Problemen und Konflikten zu tun hat.

Diese Definition umschreibt meiner Ansicht nach am ehesten unsere gegenwärtige Staatsform. Aufgrund dessen halte ich es für angebracht, sie als Grundlage für meine weiteren Ausführungen zu nehmen.

1.2 DIE BEDEUTUNG DER POLITISCHEN BILDUNG IN DER GRUNDSCHULE

Die politische Bildung in der Grundschule verlor seit den 70er Jahren immer mehr an Bedeutung, obwohl empirische Untersuchungen zur politischen Sozialisationsforschung gezeigt haben, „dass bereits Kinder im Vorschulalter die politische Umwelt wahrnehmen und politische Einstellungen ausbilden und damit für politischen Verhalten eine Grundlage gebildet wird“2,3. George und Prote weisen in diesem Sinne auf die besondere Bedeutung und Wichtigkeit politischer Bildung für Kinder im Grundschulalter hin. Demnach wüchsen Kinder in einem gesellschaftlich-politischen Kontext auf. Sie nähmen ihre politische Umwelt wahr und machten sich Gedanken über gesellschaftlich-politische Regelungen und Probleme. Das Bedürfnis der Schüler „nach Selbstverfügung und -gestaltung von schulischer und außerschulischer Lebenswelt“4 und seiner Befriedigung darf nicht außer acht gelassen werden und sollte im Unterrichtsprinzip der politischen Bildung verwirklicht werden. Da Politik also Teil ihrer Lebenswelt ist, machen Kinder sich zu diesem Thema in gleichem Maße Gedanken, wie zu anderen Dimensionen ihrer Realität5. Der Bedeutung politischer Bildung wird folglich aufgrund des direkten Lebensweltbezuges ein hoher Wert beigemessen.

Weiterführend machen George und Prote auf latente und nichtintendierte politische Sozialisationsprozesse im Unterricht aufmerksam6. Politik findet folglich auch, allerdings für den Lehrer oft unbewusst, in der Schule statt. Die Autoren halten es in diesem Zusammenhang für wichtig, mit der intendierten und manifesten politischen Sozialisation auf die Kinder korrigierend einzuwirken. Hierzu soll politische Bildung bereits bei Kindern im Grundschulalter praktiziert werden, damit die Kinder lernen, ihr aus bruchstückhaften politischen Informationen zusammengesetztes Weltbild kritisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln.

1.3 DIMENSIONEN POLITISCHEN LERNENS IM INTEGRIERTEN SACHUNTERRICHT

Politisches Lernen wird von Lehrern oft als ausschließlich soziales Lernen verstanden. Da Politik sich mit komplexen gesellschaftlichen Problemen und Konflikten beschäftigt (wie in 1.1 erwähnt) ist es nötig, auch andere Dimensionen in das politische Lernen mit einzubeziehen. Nach George und Prote lassen sich sieben Lernebenen unterscheiden, die als Grundlage für ein Integrationskonzept im Sachunterricht gelten können7:

- Eine Lernebene ist das soziale Lernen, deren Ziel einerseits die Identitätsbildung der Kinder, andererseits jedoch auch das Erlernen sozialer Verhaltensweisen, die für den Umgang mit anderen innerhalb, aber auch außerhalb der Schule förderlich sind. Dazu gehören Solidarität und die Fähigkeit zu Kooperation ebenso, wie ein gewaltfreier Umgang in der Schule.
- Daran lehnt sich das moralische Lernen an. Vorhandene Wert- und Normvorstellungen sollen den Kindern bewusst gemacht werden, um sie im Sinne einer autonomen Moral weiterzuentwickeln. Das moralische Lernen beinhaltet u.a. die Infragestellung erlernter Rollen in Verbindung mit den dazugehörigen Legitimationen und das Abwägen zwischen Egoismus und dem Engagement für andere. Desweiteren sollen Kinder gesetzliche Regelungen akzeptieren, jedoch auch kritisch hinterfragen und die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit als Norm für politisches Handeln reflektieren.
- Ö konomisch gesellschaftliches Lernen bezieht sich auf das Erlernen elementarer Formen sozialwissenschaftlichen Denkens und Arbeitens. Die Kinder sollen sich ihr vorhandenes Verständnis von gesellschaftlicher Umwelt bewusst machen und es weiterentwickeln. Bei der Behandlung gesellschaftlicher Probleme und Konflikte, möglichst aus ausgewählten Bereichen (Familie, Medien, Einkommen, Konsum, Freizeit usw.), die schrittweise bearbeitet werden sollen, soll die individuelle ebenso wie die gesellschaftliche Ebene miteinbezogen werden.
- Politische Bildung zielt auf die Entwicklung politischer Mündigkeit und die Vermittlung der Prinzipien von Demokratie und Menschenrechten in der Gegenwart ebenso wie in der historischen Entwicklung. Das vorhandene politische Weltbild und politische Orientierungen sollen bewusst gemacht und weiterentwickelt werden. Die Kinder sollen sich mit politischen Dimensionen gesellschaftlicher Regelungen genauso wie mit Problemen aus ihrer individuellen Alltagswelt auseinandersetzen, wie z.B. einer Interessenwahrnehmung und Durchsetzung, die über die individuellen Bedürfnisse hinausgeht oder das Respektieren von Mehrheitsentscheidungen.
- Historisches Lernen bezieht sich auf die Erkenntnis, dass, und inwiefern, sich Vergangenes auf die Zukunft auswirkt, und dass die Gesellschaft durch Handeln veränderbar ist. Der Fortschritt, der in der Geschichte durch die Menschen erreicht worden ist, soll ebenso aufgezeigt werden, wie gesellschaftsbedingte Zerstörungen (Umwelt) oder Kriege. Den Kindern soll Erkenntnishilfe bei der Behandlung aktueller Probleme (Migration, Ausländer, Asylbewerber) durch die Vermittlung historischen Hintergrundwissens gegeben werden.
- Geographisches Lernen beinhaltet, neben dem Einfluss des Wohnumfeldes des Kindes auf seine Entfaltungsmöglichkeiten und Grenzen, auch die verschiedenen Kulturen in anderen Ländern in Abhängigkeit von ihrer jeweiligen geographischer Lage. Kinder sollen die Konsequenzen menschlichen Handelns auf geographische Räume begreifen und die Möglichkeit einer Erweiterung von Raumerfahrung durch Reisen und Medien erkennen. Ziel ist es, durch die kindlichen Erfahrungen von sich selbst und seiner Umwelt das Verständnis von Wirklichkeit zu strukturieren.
- Naturwissenschaftlich-technisches Lernen bezieht sich auf die Erfahrungen, die Kinder von Natur und Technik haben. Sie sollen lernen, wie sich dieser Bereich auf das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen auswirkt. Naturphänomene sollen ebenso wie technische Produkte und Methoden verstanden, erforscht und durch eigene Konstruktionen ergänzt werden. Durch diese Aneignung naturwissenschaftlicher und technischer Kenntnisse soll sich eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten ergeben.

Mit der Integration (siehe Kapitel 2 und 3.1) dieser sieben Lernebenen soll nach George und Prote eine Basis für politisches Denken und Handeln geschaffen werden, welche den Kindern helfe, sich bewusst zu machen, dass die Bedingungen ihres Lebens die Ergebnisse menschlichen Handelns seien. Durch diese Erkenntnis sähen die Kinder die Möglichkeit, bestehende Institutionen zu verändern und Probleme auf verschiedene Weisen zu lösen. In diesem Zusammenhang müssten sie wissen, dass sie die EntscheidungsträgerInnen ihrer zukünftigen Welt sind8.

2. WARUM GEHÖRT „POLITIK“ IN DEN SACHUNTERRICHT ? BEZÜGE ZU DEN RICHTLINIEN

Eine hohe Bedeutung der politischen Bildung in der Grundschule, wie in Abschnitt 1.2 erläutert, wird auch beim Lesen in den Richtlinien für die Grundschule des Landes Nordrhein-Westfalen deutlich. Gleich im 1. Abschnitt wird als generelle Aufgabe der Grundschule auf die Bedeutung des Erlernens sozialer Verhaltensweisen, einhergehend mit der Bereitschaft zu sozialem Handeln und zu zwischenmenschlichem Umgang hingewiesen9.

Betrachtet man nun im Besonderen den Lehrplan Sachunterricht, ergeben sich zahlreiche indirekte Begründungen dafür, Politik in den Sachunterricht miteinzubeziehen, d.h. Politik oder politische Bildung wird nicht direkt als Unterrichtsinhalt angegeben. Vielmehr finden sich implizit inhaltliche Übereinstimmungen mit Lehmbruchs Definition von Politik und Georges und Protes sieben Lernebenen. Der Sachunterricht hat z.B. die Aufgabe, „Kindern Hilfe bei der Erschließung ihrer Lebenswirklichkeit zu geben“, ihre Erfahrungen aufzugreifen und diese zu klären, um sie dann in schlüssige Zusammenhänge zu bringen, und die Kinder zu selbständigem Handeln zu erziehen10. Ebenso wird in diesem Zusammenhang auf die Gelegenheit, aktuelle Probleme im Sachunterricht aufzugreifen, wie u.a. „Krieg und Frieden“, „konkurrierende Normen und Werte“ und „das Zusammenleben mit ausländischen Mitbürgern“, hingewiesen.

Der Abschnitt 1.1 des Lehrplans Sachunterricht bezieht sich auf das Veranschaulichen der Auswirkungen menschlichen Handelns auf die natürliche und künstliche Umwelt und auf geistige und kulturelle Güter und Werte, mit der Absicht, Solidarität und Mitmenschlichkeit zu entwickeln. Desweiteren sollen Kinder Empathie entwickeln und lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen11. Diese Eigenschaften werden einerseits in Georges und Protes inhaltlicher Darstellung der Lernebenen als Bestandteile der politischen Bildung benannt, andererseits sind sie auch in Lehmbruchs Definition von Politik impliziert(„gesellschaftliches Handeln“) (Abschnitt 1.3). Weiterhin sollen die Kinder u.a. Fragen nach Sinn und Bedeutung sozialer Phänomene stellen und zu sachgemäßem Problemlösen und -finden angeregt werden. Dadurch entwickle sich ihre Handlungsfähigkeit weiter und ermögliche ihnen, „ihre Lebenswirklichkeit mitzugestalten, sich ihr nicht nur anzupassen“12. Auch dieser Aspekt findet sich als zentraler Punkt der Integration der sieben Lernebenen in Georges und Protes Darstellung wieder13.

Der Abschnitt „Handlungsorientierung“ beinhaltet ebenfalls zahlreiche Übereinstimmungen zu Inhalten Georges und Protes Lernebenen. So sollen u.a. Objekte und Räume erkundet, die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung gestärkt und die Funktion von Regeln bewusst gemacht werden. Auch im folgenden Abschnitt 3.2 des Lehrplans wird der Aspekt der sozialer Verantwortung erwähnt14. Lehmbruch spricht in diesem Zusammenhang von „gesellschaftlichem Handeln“, zu dem man nur fähig sein kann, wenn man soziale Verantwortung übernimmt und sich der bestehenden Regeln in der Gesellschaft bewusst ist.

Im Sinne des geographischen Lernens sollen außerschulische Lernorte aufgesucht werden, wo Möglichkeiten des gemeinsamen Handelns gegeben werden. Die Kinder sollen klare Vorstellungen von der Umgebung ihres Heimatraumes gewinnen und Einblicke in räumliche Zusammenhänge bekommen.

Als Aufgabenschwerpunkte werden für die 3. und 4. Klasse das „gezielte Herausarbeiten umfassenderer Zusammenhänge und Beziehungen der natürlichen, technischen und sozialen Phänomene der Lebenswirklichkeit“15 genannt. Schon in der ersten Klasse bezieht der Aufgabenschwerpunkt „Ich und die anderen“ politische Vorstellungen nach Lehmbruch und auch George und Prote mit ein. Das Kind soll sich „eigener Einstellungen, Verhaltensweisen, Interessen usw. bewusst werden, Rücksicht auf andere nehmen und bei auftretenden Konflikten nach gewaltfreien Lösungen suchen“16. In den folgenden Schuljahren finden sich ebenfalls zahlreiche von George und Prote erwähnte politische Aspekte. So sollen Kinder ihre natürliche und gestaltete Umwelt kennen lernen und „Eingriffe in die Umwelt auf mögliche Folgen für Menschen, Tiere und Pflanzen bedenken“17. Desweiteren soll Wissen über Vergangenes vermittelt werden, um Beziehungen und Veränderungen zwischen früher und heute herzustellen.

Zusammenfassend wird offensichtlich deutlich, dass im Lehrplan Sachunterricht zahlreiche Ansätze zur politischen Bildung zu finden sind. Nachfolgend stellt sich das Problem, ob es sinnvoll ist, die von George und Prote dargestellten Dimensionen zusammenzuführen, anstatt sie einzeln, getrennt voneinander abzuarbeiten. Im folgenden Abschnitt werde ich versuchen, das Zusammenführen der Dimensionen zu begründen, um es anschließend an einem Beispiel zu verdeutlichen.

3. WIE KANN MAN DIE DIMENSIONEN IM SACHUNTERRICHT ZUSAMMENFÜHREN?

3.1 BEGRÜNDUNG FÜR DAS ZUSAMMENFÜHREN

Wie beschrieben, behandelt auch der Lehrplan inhaltliche Aspekte der von George und Prote vorgestellten Dimensionen, und zwar oftmals in der Form, dass bestimmte inhaltliche Schwerpunkte, wie z.B. „Ich und die anderen“ nur einzelne Lernebenen, in diesem Fall das „soziale Lernen“ abdecken. Die Welt soll von den Kindern als Ganzes wahrgenommen werden, und die Aufgabe des Sachunterrichtes ist es, die Vielfalt der Bezüge zu erarbeiten. Zusammenhänge müssen und ausdifferenziert und strukturiert werden, um einen ganzheitlichen Weltbezug zu schaffen. Kinder sollten verschiedene Aspekte/Dimensionen zu gesellschaftlichen Problemen kennen lernen. Viele dieser Problemstellungen und gesellschaftlichen Phänomene lassen sich nur durch das Wissen über moralische Werte, gesellschaftliche Regelungen, die geographische Lage und den historischen Hintergrund erschließen. Ein ganzheitlicher Zusammenhang kann nur durch eine Miteinbeziehung aller für das Problem relevanter Dimensionen erarbeitet werden, so dass die Kinder über einen Sachverhalt differenziert und fundiert urteilen können. Köhnlein unterstreicht die Bedeutung dieses ganzheitlichen Zusammenhangs mit der Aussage: „Sachunterricht darf nicht eindimensional gesehen werden.“18.

Ausgehend von dem zu behandelnden Problem können die Kinder inhaltlich auf die verschiedenen Dimensionen bezogene Fragen an das Problem stellen. Dadurch, dass der Sachunterricht problemorientiert sein soll, ergibt sich die Möglichkeit, die Themen mit allen dazugehörigen Dimensionen der politischen Bildung zu erfassen. Damit ist die Vorraussetzung für ein ganzheitliches Lernen gegeben.

3.2 EIN LÖSUNGSVORSCHLAG AM BEISPIEL KRIEG

In dem Lehrplan für den Sachunterricht wird als ein aktuelles Thema „Krieg und Frieden“19 genannt. Anhand dieses Beispiels werde ich konkret auf die verschiedenen Dimensionen der politischen Bildung eingehen und einen Lösungsvorschlag zur Einbeziehung aller Dimensionen geben.

Die soziale Lernebene wird abgedeckt, wenn man z.B. fragt „Wie könnte man diesen Konflikt gewaltfrei lösen?“ oder „Wie fühlen sich die Betroffenen in dieser Situation? Kann ich ihnen evtl. helfen?“. Aus moralischer Sicht fragt man sich „Ist es richtig Menschen zu töten, um meine Ziele durchzusetzen?“ oder „Sollte ich überhaupt Gewalt anwenden?“. Aus ökonomisch-gesellschaftlicher Sicht ergibt sich die Frage nach den Konsequenzen des Krieges für einzelne und vor allem für die Gesellschaft, und in welchen Schritten es überhaupt zu diesem Konflikt gekommen ist. Politisch kann man hinterfragen „Wie kann die Regierung überhaupt ihre Macht und Herrschaft durchsetzen?“ und „Verstoßen in dieser Krisenregion die Kriegführenden gegen die Menschenrechte?“. Die evtl. historischen Ursachen des Konfliktes könnten durch Fragen nach den historischen Hintergründen des Landes oder der Kriegsgegner geklärt werden. „Was bedeutet dieser Krieg mit seiner nach sich ziehenden Zerstörung für das Wohnumfeld und die Lebensqualität der Betroffenen?“ und „Werden die Bedingungen der Betroffenen durch das Klima vielleicht erschwert?“ wären Fragen aus dem geographischen Bereich. Aus naturwissenschaftlich-technischer Sicht ist es wichtig zu fragen „Welche Auswirkungen hat der Einsatz der Waffen auf Flora und Fauna?“ und „Gibt es technische Möglichkeiten die Leute evtl. zu schützen?“.

Ich denke an diesem Beispiel wird deutlich, wie viele Zugangsmöglichkeiten es zu einem Problem gibt, und wie unabdingbar jede einzelne Dimension ist, um komplexe Sachverhalte ganzheitlich und strukturiert mit ihren Ursachen und Konsequenzen erfassen zu können.

RESUMEE

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die politische Bildung im Sachunterricht und überhaupt in der Grundschule erstens fast unumgänglich ist und zweitens, auch dementsprechend häufig als Erziehungsziel in den Richtlinien und den Aufgabenschwerpunkten des Sachunterrichtes formuliert wird. Weitergehend könnte man über die Gründe für eine Stagnation der Fachdiskussionen über politische Bildung in der Grundschule diskutieren.

Die Umsetzung dieses Unterrichtsprinzips der politischen Bildung gestaltet sich aufgrund der Komplexität vieler Themen und der begrenzten Unterrichtszeit sicherlich schwierig, dennoch sollte man sich als Lehrer dieses Prinzips und seiner Bedeutung für die weitere Entwicklung von Grundschulkindern bewusst sein. Dies sollte einen als Lehrer vor der Gefahr bewahren, einen allzu einseitigen und damit eindimensionalen Unterricht zu gestalten. Ich denke auch, dass die Dimensionierung gesellschaftlicher Probleme sehr hilfreich für Lehrer sein kann, um sich auf einen guten Unterricht im Sinne des Lehrplans Sachunterricht vorzubereiten. In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf das sehr anschauliche sog. „didaktische Netz“ von Joachim Kahlert verweisen20.

LITERATURVERZEICHNIS

George, Siegfried & Prote, Ingrid (Hrsg.) (1996). Handbuch zur politischen Bildung in der Grundschule. Schwalbach/Ts.

Götz, Margarete (1994). Politische Bildung im Sachunterricht der Grundschule. In: Duncker, Ludwig & Popp, Walter (Hrsg.). Kind und Sache (S. 117-129). Weinheim und München.

Kahlert, Joachim (1994). Ganzheit oder Perspektivität? Didaktische Risiken des fachübergreifenden Anspruchs und ein Vorschlag. In: Lauterbach u.a. (Hrsg.). Curriculum Sachunterricht, a.a.O., S. 71-85.

Kaiser, Astrid (1997). Einführung in die Didaktik des Sachunterrichts. 4. Aufl.. Hohengehren.

Köhnlein, Walter (1996) Leitende Prinzipien und Curriculum des Sachunterrichts. In:

Glumpler, Edith & Wittkowske, Steffen (Hrsg.): Sachunterricht heute. Zwischen interdisziplinärem Anspruch und traditionellem Fachbezug (S. 47-76) . Bad Heilbrunn.

Lehmbruch, Gerhard (1968) Einführung in die Politikwissenschaft. 2., veränderte Aufl.. Stuttgart.

Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein Westfalen (1997).

Richtlinien für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Sachunterricht.

Frechen.

Richter, Dagmar (1993). Politische Bildung im Sachunterricht. In: Richter, Dagmar

(Hrsg.) Grundlagen des Sachunterrichts. Lebensweltliche und

fächerübergreifende Aspekte in fachdidaktischer Perspektive (S.143-151) . Oldenburg.

[...]


1 Lehmbruch, 1968.

2 Vgl. Beck, 1988, S. 403; vgl. Ackermann, 1980, S. 70,75, zit. nach: George, Prote, 1996, S. 5.

3 Vgl. auch: Götz, 1994, S. 117.

4 Richter, 1993, S. 143.

5 Vgl. George, Prote, 1996, S. 4.

6 Vgl. George, Prote, 1996, S. 4.

7 Vgl. George, Prote, 1996, S. 7-11.

8 Vgl. George, Prote, 1996, S. 11.

9 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 9.

10 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 21.

11 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 22.

12 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 23.

13 Vgl. George, Prote, 1996, S. 9,11.

14 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 24.

15 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 27.

16 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 28.

17 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 29.

18 Köhnlein, 1996, S. 50.

19 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, 1997, S. 21.

20 Vgl. Kahlert, 1994, S. 84.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Dimensionen politischen Lernens im integrierten Sachunterricht
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Hauptkurs: Didaktik der Gesellschaftslehre
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V102701
ISBN (eBook)
9783640010813
Dateigröße
361 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Referatsausarbeitung
Schlagworte
Dimensionen, Lernens, Sachunterricht, Hauptkurs, Didaktik, Gesellschaftslehre
Arbeit zitieren
Christian Tappeser (Autor:in), 2000, Dimensionen politischen Lernens im integrierten Sachunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102701

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