Entwicklung der Tierrechte. Moralische Rechtfertigung für das Anerkennen von Rechten verschiedener Tiere


Bachelorarbeit, 2017

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Menschliche vs. Nichtmenschliche Person

3 Zur Entwicklung von Grundrechten für Tier
3.1 Fortschritte am Beispiel der Delfin
3.2 Moralische vs. Juristische Rechte

4 Voraussetzungen für das Erlangen von Grundrechte
4.1 Freihei
4.2 Körperliche Unversehrthei
4.3 Leben

5 Zur Problematik der Anerkennung von Grundrechten verschiedener Tiere

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

1 Einleitung

Als ich im Mai diesen Jahres den Loro Parque auf Teneriffa mit seinen vielseitigen Tierschutzprogrammen besuchte, faszinierte mich die Rettungsmaßnahme eines tauben und dadurch mehrfach an der Ostsee gestrandeten Orcas besonders und ich zweifelte an meiner strikten Abneigung gegenüber Tieren hinter Scheiben. Diese Geschichte machte mir Hoffnung, eine positive Sicht auf die Glasscheibe zu erhalten, doch je weiter ich durch den Park ging, desto mehr beschlich mich der Eindruck des kommerziellen Nutzens der Anlage – die Skepsis gegenüber des vermeidlichen Tierschutz-Gedankens wuchs.

Als ich den beeindruckenden Silberrücken hinter der Panzerglas-Scheibe erblickte, konnte ich mich zwischen Begeisterung für das Tier und Mitleid über sein Umfeld nicht entscheiden. Die Besucher standen vor seinem Gehege und fuchtelten wild umher, um die Aufmerksamkeit des gelassen fressenden Riesen auf sich zu ziehen. Auch ich war fasziniert von der Statur dieses Männchens und vor allem von der enormen Ähnlichkeit dieses Tieres mit mir selbst. Die Beobachtung seines Fressverhaltens musste lediglich unterbrochen werden, da die Delfin-Show näher rückte. Auch das Gehege der Löwen war scheinbar detailgetreu nachgebaut, das einzig Fehlende war die Möglichkeit, mehr als zwanzig Meter weit zu rennen. Die vielen Informationstafeln an den Gehegen boten einen Überblick über die angestrebte Zucht zur Arterhaltung der vom Aussterben bedrohten Tiere. Sie werden im Park gezüchtet, um die gezeugten Nachkommen wiederum in die Wildnis einzugliedern und die Zahl der Tiere zu erhöhen. Dieses Projekt zieht sich vom Silberrücken über den Löwen bis hin zu den Papageien und letztlich den Orcas und ich war mir sicher, dass dies eine löbliche und notwendige Strategie sei, um diese Arten zu schützen.

Nur wenige Meter weiter begann die Delfin-Show, die von stimmungsvoller Musik unterlegt war und Kunsttücke für helles Staunen im Publikum sorgten. Die Trainerin schwamm mit den Tieren, lies sich zu akrobatischen Figuren aus dem Wasser katapultieren und immer wieder „lächelten“ die Tiere ins Publikum. Ich war von der Bindung und der Zutraulichkeit begeistert, vor allem als ich nach der Show die Delfine in unmittelbarer Nähe vom Beckenrand sah. Als er dann unter dem Zuschauerraum verschwand, war ich sicher dass er auf dem Weg in sein riesig großes Becken ist, das ihm der Park gewiss ermöglichte.

Die darauf folgende Orca-Show mit dem geretteten Wal, der aufgrund seiner Taubheit allein durch Zeichensprache trainiert wurde, lies meine vorangegangene Begeisterung jedoch in ähnliches Mitleid wie gegenüber dem Gorilla verfallen. Zunächst ging ich davon aus, dass die kreisförmig angeordneten Becken lediglich der Show dienen würden und realisierte erst später, dass diese Pools den tatsächlichen Lebensraum-Ersatz für diese tonnenschweren Säugetiere darstellen sollen. Als ich zudem noch von dem im Park geborenen Orca-Kalb las, das als Show-Star vorgeführt wurde, verschärfte sich meine negative Einstellung zu Tieren hinter Glasscheiben und die sich mir stellenden Fragen dazu. „Das Lächeln der Delfine ist die größte Täuschung der Natur.“ 1

Als ich über die hohe Intelligenz von Delfinen las und das Leid, welches sie in Gefangenschaft eigentlich empfinden, wurde mir bewusst wie ignorant der Mensch gegenüber anderen Lebewesen ist und wohin seine Fehlinterpretation aufgrund von Unwissen führt. Dass sie in Indien bereits als nichtmenschliche Personen mit entsprechenden Grundrechten anerkannt wurden, begeisterte mich nach vielen negativen Artikeln sehr. Doch warum ist dieser Status nicht international anerkannt? Warum betrifft es nur Delfine und keine Menschenaffen? Was spricht gegen das Zuschreiben von Rechten bestimmter Tiere, können wir das mit unseren moralischen Prinzipien vereinbaren?

Aufgrund meiner eigenen Erfahrung und der fesselnden Recherchen, entwickelte ich das Bedürfnis, mich tiefgreifend mit diesem Thema und seinen verschiedenen Aspekten zu befassen und meine Fragen zu klären. Aus dieser persönlichen Motivation heraus entstand die folgende Arbeit, die sich mit der moralischen Rechtfertigung für das Anerkennen von Rechten verschiedener Tiere und der Problematik dahinter beschäftigt. Wie sich im Laufe der Recherchen zeigte, lassen sich verschiedene Tiere durch nichtmenschliche Personen konkretisieren, die den Schwerpunkt der Problematik um die Anerkennung von Rechten darstellen werden.

2 Menschliche vs. Nichtmenschliche Person

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist für das zu behandelnde Thema elementar und setzt eine entscheidende Annahme voraus – es besteht ein Unterschied zwischen beiden Spezies, sowohl hinsichtlich ihres Wertes, als auch ihrer Rechte. Hierbei ist es wohl keine Frage, dass der Mensch seine Spezies grundsätzlich als die wertvollere bzw. unter allen als wertvollste einstuft und eine Sonderstellung unter den Lebewesen einnimmt. Diese These mache ich an einem einfachen Beispiel deutlich: Wird ein Mensch von einem Hund gebissen und verletzt, wird dieser Hund vermutlich eingeschläfert, da er als gefährlich gelten würde. Schlägt jedoch ein Mensch einen Hund, sodass er für seine Verhältnisse ebenso schlimm verletzt wird, drohen dem Menschen keine weiteren Konsequenzen. Es ist also offensichtlich, dass der Mensch sein eigenes Wohl stärker schützt, als das anderer Tiere und somit auch sein Leben, das mit seinem Wohl einhergeht, als wertvoller einstuft. Unter dieser Voraussetzung sieht sich der Mensch als höchstes Lebewesen mit dem selbst zugeschriebenen Recht an, über Wesen anderer Arten zu entscheiden. Er kategorisiert die Tiere beispielsweise in Nutztiere, Haustiere oder wildlebenden Tiere, entscheidet, was eine artgerechte Haltung ist, ob dieses Tier als Nahrung genutzt und wie mit ihm umgegangen werden darf. Doch Klassifizierungen sind stets für jene von Vorteil, die sie aufstellen2 und liegen im Ermessen des Menschen, der voraussetzt, über die Spezies Tier entscheiden zu können und außerhalb der Kategorien zu stehen. Doch welche Eigenschaft berechtigt die eine Spezies über die andere zu entscheiden? Woran misst der Mensch seine Sonderstellung und seinen, im Vergleich zu anderen Lebewesen, größeren Wert?

Für die Beantwortung dieser Fragen gibt es verschiedene Ansätze, nach denen Tiere als Lebewesen ebenso verschieden eingestuft werden. Bei der Bearbeitung des Mensch-Tier-Verhältnisses gehe ich zunächst von der Evolutionstheorie Darwin's aus, der vor 150 Jahren bewies, dass der Mensch vom Affen abstammt. Nehmen wir dies als Grundannahme, muss sich der Mensch immer noch zu der Spezies Tier zählen, denn auch alle anderen Säugetiere werden zu den Tieren gezählt und können sich keiner Aufwertung erfreuen, obwohl auch sie sich aus anderen Arten entwickelt haben. Wichtig ist also nicht die Unterscheidung von Mensch und Tier, sondern ob der Mensch tatsächlich eine Sonderstellung gegenüber allen Tieren hat und womit er diese begründet.

Eine erste Erklärung für die Sonderstellung des Menschen ist sicher sein physiologischer Fortschritt, der unter Anderem in seinem aufrechten Gang sichtbar ist und ihn damit bereits abgrenzt.3 Doch diesen Fortschritt haben auch andere Spezies bereits erreicht, er muss sich also über seine körperlichen Merkmale hinaus unterscheiden. Worin genau er das tut, wird seit Jahren anhand verschiedenster Argumentationen diskutiert. Eine Annahme ist, dass es die höhere Intelligenz ist, die sich im Beherrschen einer Sprache äußert, die menschliche Lebewesen ausmacht. Ein anderes Kriterium ist das Selbstbewusstsein des Menschen und seine Fähigkeit, Vergangenes zu reflektieren und Philosophen nehmen unter Anderem an, dass es der Besitz einer Seele4 und das Denken an sich ist. Dass diese Aspekte den Menschen jedoch nicht zu einem einzigartigen Lebewesen machen, beweist die Forschung bereits seit mehreren Jahren. Nicht nur die genetische Übereinstimmung von 98% zwischen Menschen und Menschenaffen, auch die ähnlichen Hirnstrukturen5 und die unübersehbaren äußerlichen Gemeinsamkeiten sprechen für das Überdenken der Abgrenzung dieser beiden Spezies. Seit Jahrzehnten bringt man den Großen Menschenaffen6 erfolgreich die Gebärdensprache bei, sodass sie Konversationen mit ihren Pflegern führen können. Das Gorilla-Weibchen Koko antwortete zum Beispiel auf die Aussage „Sie ist ein Dummerchen.“ mit „Nein, ein Gorilla.“7, was neben ihrer Sprachfähigkeit auch ihr Selbstbewusstsein verdeutlicht.8 Das Orang-Utan-Weibchen Chantek fasste an ihre eigene Nase, als man ihr ein Foto von einem Gorilla vorlegte, der auf seine Nase deutete9. Sie hat damit gezeigt, dass sie den Inhalt von einem zweidimensionalen Bild transferieren kann und sich ihrer Körperteile bewusst ist. Die Schimpansin Tatu fragte von selbst nach dem „Bonbon-Baum“, den sie zum Erntedankfest an dem einen bestimmten Tag im Jahr vermisste10, was ihre Fähigkeit offenbart, in der Vergangenheit Erlebtes zu reflektieren. Diese Beispiele beweisen, dass Menschenaffen ebenfalls ein Selbstbewusstsein haben und in der Lage sind, Sprache zu erlernen, also ebenfalls zu „höherer Intelligenz“ fähig sind. Trotzdem werden sie im Vergleich zum Menschen als minderprivilegierte „non-human-animals“11 angesehen. Im Gegensatz dazu betrachten wir einen Säugling, der mit wenigen Wochen weder eine Sprache spricht, noch die Vergangenheit reflektieren kann selbstverständlich als Menschen, der die Sonderstellung inne hat. Nach den oben genannten Kriterien jedoch dürfte der Säugling nicht als Mensch gelten – in der Theorie. In der Praxis ist der Affe trotz der nötigen Eigenschaften kein Mensch, der Säugling trotz Nicht-Erfüllens schon. Dies ist meiner Ansicht nach zweierlei Gründen geschuldet. Zum Einen sind auch die physischen Merkmale, über den aufrechten Gang hinaus, für die Zuordnung eines Wesens zu einer Spezies entscheidend. Ein Pferd ist ein Pferd, wenn es wie ein Pferd aussieht, ein Affe ist ein Affe, wenn er aussieht wie einer und auch ein Mensch ist ein Mensch, wenn er so aussieht. Man muss darüber hinaus keine Forschungen über seine psychischen Kompetenzen anstellen, um diese Zuordnung machen zu können. Sonst wäre es nicht vertretbar, einen geistig behinderten Menschen oder einen Säugling zur Spezies Mensch zu zählen, da er die oben genannten psychischen Kriterien nicht erfüllen würde. Da dies jedoch außer Frage steht, müssen die physischen Merkmale ebenso entscheiden sein, wie die psychischen. Ein körperlich behinderter Mensch erfüllt beispielsweise nicht die psychischen, aber die physischen Kriterien und ist anhand dessen eindeutig ein Mensch.

Zum Anderen denke ich, dass das Besitzen der potenziellen Vorraussetzungen, alle nötigen Kriterien für die Spezies Mensch zu erfüllen, ein weiteres Kriterium sein muss. Einem Säugling muss zunächst einmal die Chance zur Entwicklung der notwendigen Voraussetzungen, ein Mensch zu werden, gegeben werden. Diese beiden Annahmen rechtfertigen nun, warum im allgemeinen Verständnis ein Säugling und ein behinderter Mensch zweifellos Menschen sind, jedoch nicht, warum es ein Affe nicht ebenso sein kann. Er erfüllt schließlich die potenziellen physischen und auch psychischen Vorraussetzungen dafür und ist zudem unser direkter Verwandter.12 Ich möchte hier nicht dafür argumentieren, dass der Affe ein Mensch ist. Ich möchte lediglich aufzeigen, dass die Annahme, dem Menschen stünde aufgrund der eben erläuterten Merkmale eine Sonderstellung gegenüber den Tieren zu, Lücken und Fehler hat. Denn so, wie alle Menschen gleich sind, sind es nicht automatisch auch alle Tiere. Es gibt signifikante Unterschiede, die einen Affen von einer Eintagsfliege und einen Menschenaffen von anderen Affen abgrenzen, die durch Forschungsergebnisse bewiesen sind, dass einige Tiere eine höhere Intelligenz besitzen, als andere. Es ist durchaus legitim, zwischen Mensch und Tier zu differenzieren, jedoch muss es dabei möglich sein, innerhalb der Spezies Tier eine Unterscheidung zu machen, die eine gewisse Abgrenzung zu anderen und wiederum eine Zugehörigkeit zur Spezies Mensch ermöglicht.

Die Begriffe menschliche und nichtmenschliche Lebewesen halte ich an dieser Stelle für die Unterscheidung für angemessener, da der Begriff Lebewesen auf die entscheidende Gemeinsamkeit verweist, dass beide grundsätzlich der selben Spezies angehören und das gleiche Potenzial besitzen, werde im Folgenden jedoch aufgrund der Länge Mensch und Tier analog benutzen. An dieser Stelle möchte ich auch die von Peter Singer angebrachten Begrifflichkeiten der menschlichen und nichtmenschlichen Person 13 einbringen. Diese setzen voraus, dass eine Person bestimmte Merkmale besitzen muss, die über jene für die Unterscheidung von Mensch und Tier hinausgehen. Da ich, wie bereits erläutert, davon ausgehe, dass der Mensch ein Tier ist, möchte ich mich nun bewusst der Frage „Was ist eine Person?“ widmen.

Wenn wir nach der Unterscheidung Peter Singers ausgehen, würde folgendes Problem entstehen: Lebewesen sind unterscheidbar in menschliche und nicht-menschliche Lebewesen. Die menschlichen Lebewesen werden wiederum unterteilt in menschliche Personen und die nicht-menschlichen Lebewesen in nicht-menschliche Personen. Doch was ist der Rest? Was sind die Menschen, die keine menschlichen Personen und die Tiere, die keine nicht-menschlichen Personen sind? An dieser Stelle fordert Singer, dass ebenso wie alle Menschen gleich sind, auch alle Tiere gleich sein müssen. Verallgemeinern wir jedoch alle nichtmenschlichen Lebewesen und gehen davon aus, dass menschliche die gleichen Voraussetzungen haben eine Person zu sein, wie nichtmenschliche Lebewesen, bedeutet dies auch, dass alle nichtmenschlichen Lebewesen die gleichen Voraussetzungen hätten. Dies anzunehmen wäre jedoch gegen die Fortschritte der Wissenschaft, die ich bereits beispielhaft dargestellt habe.14 Es ist bereits erwiesen, dass nicht nur Säugetiere gegenüber Fischen grundlegende Unterschiede in ihrer Intelligenz aufweisen, sondern auch Säugetiere untereinander. Diese vereinzelte Fähigkeit zur „höheren Intelligenz“ betrachte ich als entscheidendes Unterscheidungs-Kriterium innerhalb der Spezies Tier, woran die Unterscheidung zwischen nichtmenschlichen Lebewesen und „höheren“ nichtmenschlichen Lebewesen gemacht werden muss und widerspreche an dieser Stelle Singers Argumentation.

Somit kann sich ein Lebewesen innerhalb der Kategorie nichtmenschliches Lebewesen zu einer nichtmenschlichen Personen qualifizieren, wenn es über die entsprechende Fähigkeit, nämlich höhere Intelligenz, verfügt. Dabei reicht es nicht aus, dass das Potenzial zur Personwerdung vorhanden ist – es muss auch genutzt werden. Dies stellt ein Kriterium dar, um ein nichtmenschliches Lebewesen von einer nichtmenschlichen Person abzugrenzen, jedoch bringt es auch ein Argument dafür mit, dass ein von Geburt an schwerstbehinderter Mensch nicht als menschliche Person angesehen werden kann, da er das Potenzial nicht nutzt. Die strikte Unterscheidung ist also in sofern kompliziert, als dass innerhalb der menschlichen Lebewesen ebenfalls unterschiedliche Intelligenz, sowie Uneinheitlichkeit im Nutzen des Potenzials besteht. Da ich mich hier jedoch dem Status und den Rechten der Tieren widme, führe ich diese Problematik an dieser Stelle nicht weiter aus.15

Fest steht, dass es Kriterien geben muss, die ein Lebewesen über seine Zugehörigkeit zur Spezies hinaus zu einer Person machen. Bewusstsein, komplexes Verhalten (wozu auch das Sprachvermögen zählt), Soziales Lernen, Denken, Empfindungen und schließlich das Selbstbewusstsein machen den Menschen als besonders hoch entwickeltes Wesen aus und stellen laut Rechtsschutz die notwendigen Kriterien dar, als Person identifiziert zu werden.16 Diese Eigenschaft besitzen die menschlichen Lebewesen in jedem Falle, weshalb jeder Mensch automatisch auch eine Person ist. Doch all diese Kriterien konnten auch in den vorangegangenen Beispielen der Menschenaffen bewiesen werden, was trotzdem nicht auszureichen scheint, sie als nicht-menschliche Personen anzuerkennen. Als Grund dafür könnte man annehmen, ein Menschenaffe kann nur eine Sprache lernen, weil er es vom Menschen beigebracht bekommt. Doch auch dies kann ich mit dem Beispiel des Säuglings widerlegen, der ebenfalls nur Sprachen erlernen kann, in dem es ihm ein erwachsener Mensch beibringt. Vermutlich ist die einzige Eigenschaft, an der es dem Menschenaffen mangelt, dass er nicht der Gattung homo sapiens angehört. Dies scheint der einzige Punkt zu sein, mit dem wir unsere Sonderstellung begründen könnten, wenn er auch mehr willkürlich als argumentativ überzeugend ist, denn auch diese Kategorisierung ist vom Menschen selbst aufgestellt und kann damit kein objektives Merkmal darstellen.

Fakt ist, dass „Tiere[, die] die Voraussetzungen der „Nähe“ zur Person erfüllen, […] konsequenterweise als partielle Person geachtet werden [müssten]“17 und wir damit die moralische Pflicht haben, diesen nichtmenschlichen Lebewesen entsprechende Rechte zuzugestehen und sie zu schützen. Eine moralische Berücksichtigung steht ihnen allein aufgrund ihrer Empfindungsfähigkeit zu18 und findet auch in Form des Tierschutzgesetzes Anwendung. Inwieweit dieses jedoch ausreichend ist, wird in den folgenden Kapiteln untersucht.

3 Zur Entwicklung von Grundrechten für Tiere

Die strikte Unterscheidung zwischen dem bestehenden Tierschutzgesetz und den geforderten Tierrechten, den Grundrechten für Tiere, ist für den folgenden Inhalt besonders wichtig, da die Tierschutzrechte lediglich den Menschen zum Schutz des tierischen Lebens anhalten. Sie beinhalten problematische Lücken und stellen keine eigenen Rechte für die Tiere dar. Ich gehe davon aus, dass alle nichtmenschlichen Lebewesen grundsätzlich durch das Tierschutzgesetz geschützt werden, wie es auch allen menschlichen Lebewesen durch die Menschenrechte zukommt. Jedoch argumentiere ich dafür, dass innerhalb der nichtmenschlichen Lebewesen unterschieden werden muss und entsprechenden Arten über die Tierrechte hinaus auch einige Grundrechte der Menschen zustehen, weshalb eine differenzierte Anwendung beider Begrifflichkeiten unbedingt beachtet werden muss.

3.1 Fortschritte am Beispiel der Delfine

Überall auf der Welt werden Delfine in Delfinarien gehalten und für Unterhaltungs-Zwecke dressiert. Ihr Lebenssinn besteht darin, die Schaulustigkeit der Besucher zu stillen, in dem sie Kunststücke gegen Futter vorführen. Dabei wird die nachgewiesene Intelligenz aufgrund der hohen Komplexität ihrer Gehirne genutzt, die seit Jahren in der Forschung bekannt ist. Beobachtet man diese nichtmenschlichen Lebewesen, interpretiert man ihr Verhalten zunächst als heiter und lebensfroh, nicht zuletzt aufgrund ihres „Lächelns“. Man könnte annehmen, es ginge ihnen in Gefangenschaft gut und sie seien glücklich. Dass dies nicht der Fall ist, beweisen unzählige Dokumentationen und Wissenschaftler, die aufgrund von Beobachtungen feststellen konnten, dass diese Tiere in Gefangenschaft nur durch hohe medikamentöse Behandlung in den Becken überleben können und unter Depressionen, sowie gestörtem Verhalten leiden.19 Ein Beispiel, wie sich dieses Leiden äußert, bietet die Geschichte von Kathy, einem ehemaligen TV-Delfin für die Serie „Flipper“. Richard O'Barry ist der ehemalige Trainer der Delfin-Kuh und trainierte sie jahrelang in Gefangenschaft, bis sie in seine Arme schwamm, minutenlang unter Wasser die Luft anhielt und schließlich erstickte. Da jeder Atemzug bei Delfinen bewusst stattfindet und sie entscheiden, wann sie an die Oberfläche schwimmen, um Luft zu holen, kann dieses bewusste Nicht-Auftauchen als Selbstmord verstanden werden.20 Dieses traumatisierende Ereignis verursachte einen radikalen Wandel in Richard O'Barrys Leben – er ist heute einer der bekanntesten aktiven Delfinschützer, der eine eigene Tierschutzorganisation gründete und seit Jahren gegen die Delfin-und Walfang-Industrie arbeitet. Diese und auch andere Organisationen erzielten in den letzten Jahren bahnbrechende Erfolge, nicht zuletzt aufgrund der wissenschaftlichen Fortschritte, die die Forschung an diesen Tieren erlangen konnte.

So wurden Delfine in Toshima 2012 und in Indien 2013 als nicht-menschliche Bürger anerkannt, was den Schutz ihrer Rechte und Lebensbedingungen sichert.21 Die Debatte um die Personwerdung scheint in diesen Ländern durch die Delfine gewonnen zu sein, was bedeutet, dass es durchaus möglich sein muss, ein nichtmenschliches Wesen zu einer nichtmenschlichen Person zu erklären. Mit diesem Fortschritt, dem sich zwei weitere Länder angeschlossen haben, beginnt der Sonderstellung des Menschen unter allen Lebewesen dieser Erde ein Ende zu nahen. Doch was haben die Delfine, damit ihnen Rechte zugesprochen werden? Was haben diese nichtmenschlichen Lebewesen, was alle anderen nicht haben?

Das mögliche Argument für die Sonderstellung des Menschen, er würde sich als einziges Lebewesen selbst hinterfragen, ist mit dem selbst gewählten Freitod der Delfin-Kuh Kathy widerlegt. Die bewusste Verweigerung des Atmens deuten darauf hin, dass sie ihr Dasein in Gefangenschaft und ihren Zustand in Unzufriedenheit sehr wohl reflektieren konnte und ihrem Leben damit den Wert absprach. Sie handelte entgegen des Überlebensinstinktes, den jedes Lebewesen von Natur aus besitzt. Diese Tatsache grenzt die Delfine deutlich von anderen Lebewesen ab und nähert sie ein Stück weit dem Menschen. Doch soll diese Verhaltensweise nicht die einzige sein, die die Qualifikation zur nichtmenschlichen Person ermöglicht. „Delfine [zeigen] alle Formen von Intelligenz, die gewöhnlich gebraucht werden, um Tiere von Menschen zu unterscheiden.“22

Diese Formen von Intelligenz äußert sich, wie bereits in Kapitel 2 erläutert, anhand bestimmter Kriterien, die eine Person ausmachen. Diese Personenmerkmale möchte ich auf die Delfine anwenden, um zu untersuchen, ob sie tatsächlich als Person gelten müssen.

Das Bewusstsein dieser Tiere ist, nach Definition des Rechtsschutzes für nichtmenschliches Leben, allein damit bewiesen, dass sie eine komplexe Sinneswahrnehmung besitzen. Sie nehmen ihre Umwelt mit verschiedenen Sinnen bewusst wahr und reagieren entsprechend darauf. Weiterhin können sie auf ihre Umwelt mit dem Verfallen in eine bestimmte Stimmung reagieren und Emotionalität zeigen. Damit geht auch das komplexe Verhalten einher , welches eindeutig und nicht zuletzt am Gebrauch einer eigener Sprache erkennbar ist. Sie besitzen die Fähigkeit, sich selbst von anderen Individuen zu unterscheiden und entscheiden sich in Situationen für bestimmte Handlungen, innerhalb verschiedener Handlungsmöglichkeiten. Auch die dazugehörige instrumentelle Intelligenz ist bei Delfinen bereits nachgewiesen. Soziales Lernen kann in diesem Zusammenhang ebenfalls gezeigt werden, da sie sich Verhaltensweisen von anderen Lebewesen, beispielsweise vom Menschen, abgucken und imitieren. Sie können das Erlernte darüber hinaus innerhalb ihrer eigenen Spezies weiterleiten und sich nicht nur „unterrichten“ lassen, sondern auch gegenseitig „unterrichten“. Gedanken und Vorstellungen, zusammengefasst Denken, zählt ebenfalls zu den Kompetenzen der Delfine. Die Eigenschaft des Denkens impliziert die Tatsache, dass sie sich nicht allein von Instinkten leiten lassen, sondern Entscheidungen treffen, die einerseits auf Erfahrungen der Vergangenheit beruhen und andererseits zukunftsorientiert sind. Anhand des Freitodes von Kathy lässt sich beweisen, dass sie anhand ihrer Vergangenheit einschätzen konnte, wie ihre Zukunft womöglich verlaufen wird und diesbezüglich die bewusste Entscheidung trag, entgegen ihres Überlebensinstinktes, nicht zu atmen. Dieser Fall und die Aufnahmen, wie sehr eine Delfin-Mutter trauert, wenn sie von ihrem Jungen getrennt wird, beweist gleichzeitig, dass Delfine empfindende Lebewesen sind, die zu Emotionen wie Trauer und Leid durchaus fähig sind. Das Besitzen dieser Kompetenzen ist die wesentliche Voraussetzung für Autonomie. Der Delfin muss also folglich ein selbstbewusstes Lebewesen sein. Sollte dieses Beispiel nicht ausreichen, dürfte die Beobachtung, dass Kathy sich im Fernsehen selbst und einen anderen Delfin als fremd erkannte, Beweis genug für ihr Selbstbewusstsein und „[...]die Vorstellung von einer eigenen personalen Identität[...]“23 sein.

Delfine erfüllen also alle nötigen Kriterien, die ein Lebewesen zu einer Person machen. Welche Komplikationen bestehen nun noch, die Rechtssprechung als allgemein gültig durchzusetzen?

3.2 Moralische vs. Juristische Rechte

Bis auf vier Länder dieser Welt konnte noch keine Anerkennung der Personenrechte für Delfine gültig gemacht werden, obwohl sie nachweislich die Personenmerkmale erfüllen. Dies ist mehreren Ursachen geschuldet, von denen vor allem eine problematisch ist – moralische Rechte entsprechen nicht den juristischen. Mit Hilfe des folgenden Beispiels ist dieses Problem gut erkennbar.

Nach Argumentationen vieler Autoren steht einem Embryo aus moralischer Sicht ein Recht auf Leben zu. Dieser Ansicht schließe ich mich an, denn wie könnten wir das Gegenteil moralisch argumentieren? Das Leben eines Menschen beginnt zwangsläufig als Embryo, in diesem Stadium entwickelt eine Zelle das Potenzial, Merkmale zu erlangen, die ein Lebewesen zu einem Menschen machen. Würde man das Leben eines Embryos nicht schützen, und damit als nicht schützenswert erachten, müssten sich wiederum Gegenargumente finden lassen. Sind sie keine Menschen, weil sie sich nicht artikulieren können oder kein zeitliches Denken haben? Weil sie noch keine Empfindungen haben und Emotionen ausdrücken können oder weil sie keine Sprache sprechen? All diese Dinge, ich beziehe mich gern wiederholt auf dieses Beispiel, können auch teilweise bei einem schwerstbehinderten Menschen oder einem Koma-Patienten nicht nachgewiesen werden, trotzdem stehen ihnen laut Rechtssprechung Menschenrechte zu. Wenn das Stadium des Embryos, also das Stadium der „Menschwerdung“, nicht schon als schützenswert gilt, wie kann es dann bei schwerstbehinderten, bewusstlosen Menschen gerechtfertigt werden? Die Antwort ist aus moralischer Sicht denke ich einfach – es kann kein Unterschied gemacht werden, ihnen steht das selbe Rechte auf Leben und dem Schutz dessen zu.

[...]


1 Richard O'Barry in: „Die Bucht“. Dokumentarfilm.

2 Cavalieri, Paola/Singer, Peter (Hrsg.): Menschenrechte für die Großen Menschenaffen. S. 168 f.

3 Siehe Gruber, Malte-Christian: Rechtsschutz für nichtmenschliches Leben. S. 38 ff.

4 Ebenda. S. 77.

5 Ebenda. S. 42.

6 Zu ihnen zählen Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans.

7 Singer, Peter: Praktische Ethik. Übersetzung in Reclam, Ditzingen, 2. Auflage 1994. S. 149.

8 Weitere Belege dafür anhand des Beispiels „Koko“ in: Cavalieri, Paola/Singer, Peter (Hrsg.): a.a.O., ab S. 95 ff.

9 Ebenda S. 366.

10 Singer, Peter: a.a.O., S. 150.

11 Vgl. Ebenda S. 82.

12 Cavalieri, Paola/Singer, Peter (Hrsg.): a.a.O., S. 169 ff.

13 Vgl. Singer, Peter: a.a.O., S. 82 ff.

14 Siehe S. 4.

15 Weiterführende Literatur in Cavalieri, Paola/Singer, Peter (Hrsg.): a.a.O., S. 243 ff.

16 Vgl. Gruber, Malte-Christian: a.a.O., S. 77-91.

17 Ebenda S. 129.

18 Singer, Peter in Flury, Andreas: a.a.O., S. 135.

19Die Bucht“, Dokumentarfilm.

20 Ebenda.

21 Karlowski, U.: „Leben“ in Gefangenschaft – Delfine kann man nicht artgerecht halten!

22 Siehe: Indien erkennt Delfine als nicht-menschliche Personen an. [online].

23 Vgl. Gruber, Malte-Christian: a.a.O., Seite 89.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Entwicklung der Tierrechte. Moralische Rechtfertigung für das Anerkennen von Rechten verschiedener Tiere
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V1027020
ISBN (eBook)
9783346431479
ISBN (Buch)
9783346431486
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tierrechte, Moral, Tierethik, Nichtmenschliche Person, Personen, Peter Singer
Arbeit zitieren
Jenny Braun (Autor:in), 2017, Entwicklung der Tierrechte. Moralische Rechtfertigung für das Anerkennen von Rechten verschiedener Tiere, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1027020

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