Soziale Netzwerke und ihr Einfluss auf Migrationsentscheidungen. Essay zum Buch "Soziales Kapital als Ressource im Kontext von Migration und Integration" von Sonja Haug


Essay, 2015

12 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Soziale Netzwerke und Migrationsentscheidungen
2.2 Die Makroanalyse
2.3 Migrationsstatistik

3. Gründe für die Migrationsentscheidung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Artikel aus Büchern
5.2 Zeitungsartikel
5.3 Internetquellen

1. Einleitung

Im Seminar „Soziale Netzwerke. Theorie und Anwendungen“ am 11.12.2014 an der Leibniz Universität Hannover diskutierten wir einen Auszug aus Dr. Sonja Haugs Buch „Soziales Kapital als Ressource im Kontext von Migration und Integration“ (S. 85-111). Dabei ging es um die Rolle von sozialem Kapital in der modernen Gesellschaft. Die Autorin hat die Konzepte des sozialen Kapitals sowie deren empirische Umsetzung vorgestellt. Ich möchte in diesem Essay die Informationshypothese von Frau Dr. Haug empirisch beweisen. Dabei soll versucht werden, die Probleme der Migration und Gründe für eine Migration zu erschließen. Es ist jedoch zu beachten, dass in der empirischen Sozialforschung die Hypothesen den Status einer Annahme besitzen, die üblicherweise nach dem deduktiv-nomologischen Modell überprüft wird. Dabei werden beobachtete Daten auf die Hypothese angewendet und es wird untersucht, ob die Hypothese und die beobachteten Ereignisse übereinstimmen. Entweder wird die empirische Hypothese als Ganzes bestätigt oder widerlegt. Bei der Überprüfung der Hypothese können lediglich die Fakten der Vergangenheit bis zur Gegenwart herangeholt werden. Aussagen über die Zukunft auf Grundlage einer Hypothese sind somit möglich, aber nicht verifizierbar. Erst wenn diese Informationshypothese bewiesen wird, lässt sich zeigen, inwieweit soziale Netzwerke eine Migrationsentscheidung beeinflussen. Leitfragen meines Essays sind: Inwieweit beeinflusst soziales Kapital am Zielort eine Migration? Welche Gründe veranlassen einen Menschen dazu, in einem anderen Land zu arbeiten? Dabei werde ich mich auf eine Zeitperiode von 2011 bis 2013 beschränken, da der Einwandereranteil in dieser Periode am höchsten war. Durch eine empirische Auswertung verschiedener statistischer Daten könnte man die Rolle von Netzwerken im Kontext von Migration in Deutschland bestätigen oder falsifizieren.

2. Hauptteil

2.1 Soziale Netzwerke und Migrationsentscheidungen

Die soziale Netzwerke lassen sich als eine Menge von Individuen, Institutionen oder Organisationen und Beziehungen zwischen diesen Elementen definieren. Die soziale Netzwerke bieten vielfältige Vorteile für Migranten. Ein ganz wesentlicher Vorteil von sozialen Netzwerken ist die Entstehung des Sozialkapitals. Durch die Einbindung in soziale Netzwerke (Migrantennetzwerke) wird die soziale Kapital gebildet. „Soziales Kapital wird als individuelle Ressource, die durch Einbindung in soziale Netzwerke entsteht, aufgefasst“ (Burt 1992, Coleman 1990, Flap 1991, Portes 1995a, Kap. 4). „Dabei wird angenommen, dass das Eingebettetsein in dichte soziale Netzwerke, das darin entstehende Vertrauen und die gegenseitigen Unterstützungsleistungen ein hohes soziales Kapital für die Einzelnen darstellen. Die sozialen Beziehungen können dazu verwendet werden, vielfältigen Nutzen daraus zu ziehen, so z. B. in Form von Unterstützungsleistungen oder der Vermittlung von Wohnungen, Arbeitsplätzen oder anderen Erleichterungen des Alltagslebens“ (Haug 2004, S. 222). Dies trägt in erheblichem Maße dazu bei, dass viele Menschen emigrieren. Migrantennetzwerk wird dadurch immer größer. Migrantennetzwerke sind Basis für kommunikative Strukturen zwischen Migranten und Nicht- Migranten im Herkunfts- wie im Zielgebiet. „Transnationale Gemeinschaften stellen eine Quelle für soziales Kapital sowohl für Migranten als auch für Nicht-Migranten dar“ (Gold ring 1996, S. 83). Ein soziales Netzwerk kann entweder stark oder schwach sein. Indikatoren dafür sind die Netzwerkdichte und Netzwerkarmut. Bei der Netzwerkdichte handelt es sich um eine Messgröße der sozialen Netzwerkanalyse. „Dichte ist definiert als das Verhältnis der vorhandenen Beziehungen zur Anzahl maximal möglicher Beziehungen“ (Clausen 2007, S. 456). „Netzwerkarmut bezeichnet einen Mangel an sozialen Beziehungen, Kontakten, insbesondere von Freunden“ (Clausen 2007, S. 457). Der Begriff nimmt Bezug auf das soziologische Modell des sozialen Netzwerks, innerhalb dessen Netzwerkarmut einer geringen Netzwerkdichte entspricht. Je stärker die Beziehungen, desto mehr soziales Kapital. „In dichten Gemeinschaften entsteht darüber hinaus ein kollektives soziales Kapital, von dem alle Mitglieder durch die Zugehörigkeit zu dem sozialen Netz profitieren können. Dieser Aspekt des Kollektivgutes von sozialem Kapital innerhalb von ethnischen Gemeinschaften verstärkt den Nutzen und die Wahrscheinlichkeit des Einflusses von Netzwerken auf individuelle Entscheidungen. Soziales Kapital kann daher als individuell verfügbare Ressource und auch als Kollektivgut aufgefasst werden“ (Haug 2004, S. 222). Je besser die Einbettung eines Akteurs in ein soziales Netzwerk, desto stärker ist die Migrationsentscheidung. „Die Einbettung in soziale Netze kann starken Einfluss auf Migrationsentscheidungen haben“ (Boyd 1989, Choldin 1973, Harbison 1981, Ritchey 1976, Toney 1978). „Soziale und kulturelle Faktoren bestimmen dabei erstens, ob eine Migration stattfindet oder nicht, zweitens in welcher Form Migration stattfindet, d. h. ob sie permanent oder zirkulär ist, drittens die Auswahl des Zielortes und viertens die Erfahrungen der Migranten am Zielort“ (Haug 2004, S. 223). Dabei ist es besonders wichtig, dass man Migration als Begriff definiert. Eine einheitliche Definition von Migration ist aufgrund der höhen Komplexität des Begriffs nur schwer erfassbar. Je nach wissenschaftlicher Disziplin hat die Definition eine andere Schwerpunktsetzung. In diesem Essay ist die Disziplin die Soziologie. Diese legt einen Schwerpunkt auf die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Migration und untersucht Verhaltensweisen von Migranten und Einheimischen der Zuwanderungsgesellschaft. Als Migration oder Wanderung bezeichnet die Soziologie den dauerhaften Wechsel des Wohnortes von Menschen im geographischen oder sozialen Raum. Hier werde ich auf die erste Leitfrage eingehen. Meine Leitfrage lautet wie folgt: „Inwieweit beeinflusst soziales Kapital am Zielort eine Migration?“ Der nächste Schritt wird darin bestehen, dass ich Ihnen die Informationshypothese vorstelle. Die Informationshypothese von Dr. Haug besagt, dass „soziales Kapital“ am Zielort generell migrationsförderlich wirkt. „Leben Familienangehörige und Freunde an anderen Orten, so fordert dies erstens die Migrationsabsicht und richtet zweitens die Migration an diesen Ort, da die Lebensbedingungen (z.B. Arbeitsmöglichkeit) bekannt sind“ (Haug 2007, S. 91ff.). „Die Informationshypothese kann als Spezialfall der Erleichterungshypothese im Sinne einer Abschätzung der emotionalen Anziehung durch soziale Beziehungen am Zielort, der Reduzierung der Risiken und der Verfügbarkeit von Hilfe und Unterstützung betrachtet werden“ (Coombs 1978, S. 26). Wie das soziale Kapital auf eine Migration einwirkt, wird im weiteren Verlauf meines Essays analysiert. Der Begriff des sozialen Kapitals hat sich in den Sozialwissenschaften sehr stark etabliert. Das „soziale Kapital“ ist ein vielseitiger und nicht unumstrittener Begriff in den Sozialwissenschaften. Der Begriff „soziales Kapital“ wird auch in meinem Essay öfter vorkommen. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, genau zu definieren, welche Arten von sozialem Kapital existieren. „Der US-amerikanische Soziologe James Coleman definiert soziales Kapital als Gegenstück zum Humankapital“ (James Coleman 1988). „Soziales Kapitall ist eine Ressource, die sich aus Beziehungen in sozialen Netzwerken bzw. den Merkmalen einer Netzwerkstruktur ergibt und die Nutzen hervorbringt“ (Coleman, Burt 1988). Der französische Soziologe Pierre Bourdieu definiert soziales Kapital folgendermaßen: „Soziales Kapital gilt als Gegenstück zum kulturellen Kapital.“ „Das soziale Kapital ist eine individuelle Ressource, die aus den sozialen Beziehungen zu anderen Individuen abgeleitet wird“ (Pierre Bourdieu 1983). Diese Annahmen liegen meiner Untersuchung zugrunde. Da sich meine soziologische Untersuchung auf Migrationsentscheidungen bezieht, muss ich mich mit dem Thema Migrationsforschung auseinandersetzen. Der erste wichtige Ansatzpunkt der Untersuchung ist die kritische Migrationsforschung. „Bemerkenswert ist, dass kritische Migrationsforschung nicht einfach eine (distanzierte) Beschreibung von Migrationsverhältnissen ist, sondern soziale Wirkungen hat, die es in einer selbstreflexiven und gesellschaftlichen Perspektive zu befragen gilt“ (Mecheril, P., Thomas-Olalde: Migrationsforschung als Kritik? 2013, S. 59). Die Befragung migrationswissenschaftlichen Wissens auf seine erkenntnispolitischen Effekte hin verlangt, dass Migrationsforschung sich nicht von ihrem Untersuchungsgegenstand distanziert versteht. Vielmehr muss sie sich in ein Verhältnis zu ihren erkenntnispolitischen und sozialen Wirkungen setzen und ihr eigenes Involviertsein reflektieren. „So ist der Zugang zu bestimmten (sekundären) Ressourcen Voraussetzung, um an andere (primäre) Ressourcen heranzukommen“ (Cremer-Schäfer 2008, S. 85 ff.). Zum Beispiel sind die Ressourcen der Staatsbürgerschaft oder zumindest des Aufenthaltsrechtes Voraussetzung für den Zugang zu zahlreichen bürgerlichen, politischen und sozialen Rechten; oder der Zugang zu einem hilfreichen sozialen Netzwerk ist Voraussetzung für den Erwerb einer Lohnarbeit, einer Wohnung. Diese Überlegung ist für den weiteren Verlauf der Arbeit leitend. Die Informationshypothese von Frau Dr. Haug wird zeigen, dass der Zugang zu einem hilfreichen sozialen Netzwerk die Voraussetzung für den Erwerb einer Lohnarbeit ist. „Soziale Netzwerke am Zielort können sowohl die Kosten als auch die Risiken reduzieren und den erwarteten Gewinn aus der Migration erhöhen“ (Massey u. a. 1993, S. 448f.). Diese Gewinnerwartung aus der Migration verstärkt eine Migrationsabsicht. Im weiteren Verlauf wird auf eine Definition von Pierre Bourdieu kurz eingegangen. „Freundschaften, Familie, Kontakte zu Nachbarn oder am Arbeitsplatz erfüllen Funktionen, die mit Pierre Bourdieu als „soziales Kapital“ bezeichnet werden können. Darunter sind sämtliche materiellen Leistungen und Ressourcen zu verstehen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, soziales Kapital 1983, S. 190f.). Das Besondere am sozialen Kapital besteht aber in dessen Konvertierbarkeit in ökonomisches oder kulturelles Kapital. Der Kontakt zu den richtigen Leuten fördert die Arbeitskarriere. Bourdieus Konzept des sozialen Kapitals thematisiert allerdings keine marktfernen Leistungen von sozialen Beziehungen. Diese bilden neben den konvertierbaren Ressourcen die zweite wichtige Funktion sozialer Netzwerke. Emotionale Unterstützung in Gestalt von Zuneigung und Akzeptanz sowie die Möglichkeit der Kommunikation fördern die psychische Stabilität; die Einbindung in den Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis vermittelt ein Gefühl des Beheimatetseins.

2.2 Die Makroanalyse

Da ich auf verschiedene statistische Daten öfter zurückgreifen werde, muss ich mich in meinem Essay auf den makro-analytischen Forschungsansatz begrenzen, da statistische Daten sich auf die Globalität der Migration beziehen. Die Makroanalyse beschäftigt sich mit aggregierten Größen, mit Gruppen von Entscheidungssubjekten. Es existieren mehrere Ebenen davon. „Eine davon ist die Makro-Ebene, die Vernetzungsstruktur des Kollektivs der ethnischen Gemeinschaft (z.B. Einbettung in Verwandtschaftsnetzwerk und ethnisch homogene Gemeinschaft) und dies ergibt soziales Kapital. Formen des „sozialen Kapitals“, die auf der kollektiven Ebene ansetzen, Normen und wirksame Sanktionen, Herrschaftsbeziehungen, freiwillige Vereinigungen und zielgerichtete Organisationen“ (Coleman 1991). „Soziales Kapital wird somit als kollektive Ressource einer Gemeinschaft definiert“ (Putnam 1993, S. 167). „In der Migrationsforschung wird „soziales Kapital“ als Ressource von Migranten betrachtet“ (Portes/Sensenbrenner 1993). Im Buch „Soziales Kapital als Ressource im Kontext von Migration und Integration“ hat Frau Dr. Haug wesentliche Aspekte der Migration und der Integration erwähnt. Eine daraus folgende Kerndisziplin einer Migration- und Integration ist die Integrationsforschung. „In der Integrationsforschung wird „soziales Kapital“ als Ressource von Migranten und Migrantengemeinschaften analysiert“ (Portes 1998, Portes/Sensenbrenner 1993, Zhou/Bankston 1994, Sanders/Nee 1996). „Daraus lassen sich exakt vier Typen von sozialem Kapital ableiten: Werte, Solidarität, Reziprozität und Vertrauen“ (Portes 1995, S. 15). Um die Bedeutung sozialer Netzwerke bei der Migrations- bzw. Remigrationsentscheidung zu beschreiben, formulierte Ritchey (Ritchey 1976, S. 389) die Affinitäts-Hypothese, die Informationshypothese und die Erleichterungshypothese. In meinem Essay beschränke ich mich auf eine Hypothese, nämlich die Informationshypothese. Andere Hypothesen werden in meiner Untersuchung nicht berücksichtigt. „Aus den allgemeinen Implikationen der Netzwerkperspektive lassen sich eine Reihe weiterer empirisch testbarer Hypothesen ableiten. Insgesamt ist der Einfluss von sozialen Beziehungen auf Migration bei internationaler Migration stärker als bei Binnenmigration, da hier die besonders hohen Barrieren in Form von hohen Kosten und Risiken durch soziale Netzwerke reduziert werden“ (Massey u. a. 1993 S. 460f.).

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Details

Titel
Soziale Netzwerke und ihr Einfluss auf Migrationsentscheidungen. Essay zum Buch "Soziales Kapital als Ressource im Kontext von Migration und Integration" von Sonja Haug
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziale Netzwerke. Theorie und Anwendungen.
Note
2.0
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V1027251
ISBN (eBook)
9783346436290
ISBN (Buch)
9783346436306
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Netzwerke, Migrationsentscheidungen, Migration
Arbeit zitieren
Sergio Merz (Autor:in), 2015, Soziale Netzwerke und ihr Einfluss auf Migrationsentscheidungen. Essay zum Buch "Soziales Kapital als Ressource im Kontext von Migration und Integration" von Sonja Haug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1027251

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