Die Arbeit widmet sich der Analyse des Zusammenhangs zwischen Geschlecht, Hausarbeit und Gesellschaftsordnung. Die These lautet dabei, dass Geschlecht ein Strukturierungsprinzip von Arbeit sowie der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft darstellt und mit sozialen Ungleichheiten verbunden ist. Wie Paare das Putzen, Kochen und Waschen untereinander aufteilen – all das sind vermeintlich private Angelegenheiten, gleichzeitig erfährt Haushaltsarbeit kaum die Bedeutung eines gesellschaftlich hoch relevanten Tätigkeitsbereichs. Neben der Unsichtbarkeit und der gesellschaftlichen Marginalisierung von Hausarbeit bildet die starke geschlechtsspezifische Kategorisierung einen Anlass diese soziologisch näher zu betrachten.
Zur intersubjektiven Nachvollziehbarkeit der Arbeit werden zunächst einige der zentralen Begrifflichkeiten dargelegt. Anschließend wird auf die historischen Wurzeln von Arbeit und Geschlecht im Sinne von vergeschlechtlichter Arbeit eingegangen sowie die Entwicklung dieses Zusammenspiels bis in den Industriekapitalismus nachvollzogen. Darauffolgend werden die Ausformungen von Arbeits- und Geschlechterverhältnissen in der neoliberalen Gegenwart betrachtet. Im Anschluss werden Ursachen für die bis in die Gegenwart anhaltende ungleiche Arbeitsteilung von Frauen und Männern im Privaten aus Handlungs- und Diskursperspektive dargelegt. Den Abschluss der Arbeit bildet ein Fazit zu den Haupterkenntnissen der Arbeit und zur Ungleichzeitigkeit von egalitärer Modernisierung und anhaltender sozialer Ungleichheit.
Die Sängerin Johanna von Koczian singt in ihrem Schlagerhit von 1977 "Das bisschen Haushalt macht sich von allein – sagt mein Mann" und thematisiert damit auf ironische Weise die Unsichtbarkeit und Geringschätzung der damals hauptsächlich von Frauen verrichteten Hausarbeit in Paarhaushalten. Über 40 Jahre später konstatiert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, dass der Anteil der unbezahlten Arbeit, die Männer im Haushalt übernehmen, seit den 1990er-Jahren größer geworden sei – allerdings herrscht auch in der Gegenwart keine paritätische Aufteilung der Hausarbeit hinsichtlich Inhalt und Zeitaufwand.
Inhaltsverzeichnis
1. „Das bisschen Haushalt“ – Einleitung
2. Geschlecht und Arbeit – Begrifflichkeiten und Vorbemerkungen
2.1 Geschlecht
2.2 Arbeit
2.3 Hausarbeit
3. Historische Ursprünge und Folgen geschlechtlicher Arbeitsteilung
3.1 Geschlechternormen und Arbeitsteilung in der Ständegesellschaft
3.2 Geschlechternormen und Arbeitsteilung in der kapitalistischen Gesellschaft
3.3 Von der Differenz zur Hierarchie: Geschlechtliche Arbeitsteilung und soziale Ungleichheit
4. (Haus-)Arbeit und Geschlechterverhältnis in der Gegenwartsgesellschaft
4.1 Neoliberale Restrukturierung von Arbeitsverhältnissen
4.2 Persistenz des Geschlechterverhältnisses
5. Erklärungsansätze für bestehende Ungleichheiten
5.1 De-Thematisierung von Geschlecht
5.2 Rhetorische Modernisierung der Geschlechterverhältnisse: Die Diskrepanz zwischen Diskurs und Praxis
5.2.1 Das Konzept der Rhetorischen Modernisierung
5.2.2 Uminterpretation von Ungleichheit
5.2.3 Individualisierung von Ungleichheit
6. Das Private ist (immer noch) politisch – Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Geschlecht, Hausarbeit und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, um aufzuzeigen, wie vergeschlechtlichte Arbeitsteilung als Struktur- und Ungleichheitsfaktor fungiert. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf egalitäre Partnerschaften und der anhaltenden ungleichen Verteilung privater Reproduktionsarbeit in der neoliberalen Gegenwart kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung vergeschlechtlichter Arbeitsteilung.
- Strukturelle Verknüpfung von privater Hausarbeit und Erwerbsarbeit.
- Analyse der "rhetorischen Modernisierung" als Vertuschungsmechanismus von Ungleichheit.
- Rolle von Geschlechternormen im "individualisierten Milieu".
- Politisierung privater Arrangements als notwendige Bedingung für sozialen Wandel.
Auszug aus dem Buch
5.2.1 Das Konzept der Rhetorischen Modernisierung
Wetterer konstatiert, dass die anhaltende Modernisierung des Geschlechterverhältnisses in der Gegenwart „durch Brüche, Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnet ist“ (Wetterer 2005: 75). Dies zeigt sich einerseits in der Diskrepanz des durch die Gleichheitsnorm modernisierten Alltagswissens über Geschlechterdifferenz, andererseits durch die veränderungsresistenten differenzierenden Strukturen des Geschlechterverhältnisses und der sozialen Praxis19. Es hat somit kein struktureller Wandel des Geschlechterverhältnisses stattgefunden, sondern lediglich eine „rhetorische Modernisierung“ dessen. Rhetorische Modernisierung bezeichnet das „Verschwinden der Ungleichheit aus den Diskursen, die um Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung kreisen, das Insistieren darauf, dass nicht normativ-geschlechtstypische Standards und tradierte Leitbilder, sondern die eigenen Entscheidungen das Handeln bestimmen“ (Wetterer 2003: 314).
Zusammenfassung der Kapitel
1. „Das bisschen Haushalt“ – Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Unsichtbarkeit von Hausarbeit und führt in die Fragestellung ein, ob Geschlecht ein Strukturierungsprinzip der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft darstellt.
2. Geschlecht und Arbeit – Begrifflichkeiten und Vorbemerkungen: In diesem Kapitel werden die zentralen Begriffe Geschlecht, Arbeit und Hausarbeit definiert und der Fokus auf heterosexuelle Paare des individualisierten Milieus eingegrenzt.
3. Historische Ursprünge und Folgen geschlechtlicher Arbeitsteilung: Das Kapitel analysiert den Wandel von der Ständegesellschaft zur bürgerlich-kapitalistischen Moderne und die damit einhergehende Entstehung der strikten Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre.
4. (Haus-)Arbeit und Geschlechterverhältnis in der Gegenwartsgesellschaft: Hier wird der neoliberale Wandel und das "Adult-Worker-Modell" betrachtet, wobei aufgezeigt wird, dass die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt nicht zu einer paritätischen Aufteilung der Hausarbeit geführt hat.
5. Erklärungsansätze für bestehende Ungleichheiten: Dieses Kapitel untersucht, warum trotz formaler Gleichstellung Ungleichheiten fortbestehen, wobei insbesondere die Konzepte der De-Thematisierung und der rhetorischen Modernisierung herangezogen werden.
6. Das Private ist (immer noch) politisch – Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine echte "Geschlechterrevolution" ausgeblieben ist und fordert eine politische Neubewertung der privaten Reproduktionsarbeit.
Schlüsselwörter
Geschlecht, Hausarbeit, soziale Ungleichheit, Kapitalismus, Geschlechterverhältnis, Arbeitsteilung, rhetorische Modernisierung, Neoliberalismus, Adult-Worker-Modell, Reproduktionsarbeit, Geschlechternormen, Individualisierung, private Sphäre, Erwerbsarbeit, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Geschlecht als Strukturierungsprinzip in der kapitalistischen Gesellschaft wirkt und warum unbezahlte Hausarbeit trotz gesellschaftlicher Fortschritte weiterhin ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Geschlechterverhältnis, die historische Entwicklung der Arbeitsteilung, neoliberale Arbeitsverhältnisse sowie Erklärungsansätze für die Persistenz häuslicher Ungleichheiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem egalitären Anspruch von Paaren im individualisierten Milieu und ihrer tatsächlichen alltäglichen Arbeitsteilung aufzudecken und zu zeigen, dass private Arrangements strukturell bedingt sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen sozialkonstruktivistischen Ansatz und eine Literaturanalyse soziologischer Theorien, um das Zusammenspiel von Arbeit und Geschlecht zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die neoliberale Restrukturierung im Postfordismus und Erklärungsansätze wie die rhetorische Modernisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Geschlechterverhältnis, Reproduktionsarbeit, Rhetorische Modernisierung, Kapitalismus, Strukturierung und Ungleichheit.
Was versteht man unter "rhetorischer Modernisierung" im Kontext dieser Arbeit?
Es beschreibt das Phänomen, dass Ungleichheit aus der Sprache und den Diskursen verschwindet, indem man behauptet, Entscheidungen seien rein individuell, obwohl sie weiterhin auf traditionellen Geschlechternormen basieren.
Wie unterscheidet sich die heutige Arbeitsteilung von der Ständegesellschaft?
Während in der Ständegesellschaft Produktions- und Hausarbeit eine räumliche und wirtschaftliche Einheit bildeten, führte der Kapitalismus zu einer strikten Trennung der öffentlichen Erwerbssphäre und der privaten Haussphäre.
- Quote paper
- Anna Mimikri (Author), 2020, Hausarbeit und Geschlecht im Kapitalismus. Egalität oder/und soziale Ungleichheit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1027268