Rezension von Ulrich Becks Werk "Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne"


Rezension / Literaturbericht, 2020

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Soziologe Ulrich Beck

2. Die moderne Gesellschaft als Risikogesellschaft

3. Einordnung des Werks in den soziologischen Theoriediskurs

4. Kritische Beurteilung desWerks

5. Literaturverzeichnis

1. Der Soziologe Ulrich Beck

Mit seinem 1986 erschienenen Werk „Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne“ hat Ulrich Beck eine soziologische Gegenwartsanalyse der kapitalistischen Gesellschaft im Deutschland des späten 20. Jahrhunderts vorgelegt.

Becks Werk erschien fast zeitgleich mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 und liest sich seit dem Reaktorunglück - laut Vorwort des Autors- „wie eine platte Beschreibung der Gegenwart“ (Beck 1986: S. 11). Jedoch wurde das Werk in seiner Rezeption gerade nicht als „platt“ bewertet, sondern der Begriff „Risikogesellschaft“ avancierte über die Grenzen der Soziologie hinweg zu einem geflügelten Wort der Gegenwartsbeschreibung. Ulrich Beck war seit und durch Erscheinen dieses Werks ein Akteur der wissenschaftlichen sowie der öffentlich­politischen Sphäre, in der er in diversen Funktionen1 mitwirkte. Beck stellte so einen wichtigen Vertreter und Kommunikator der öffentlichen Soziologie dar.

Fast 35 Jahre nach dem Erscheinen von „Risikogesellschaft“ rezensiert die vorliegende Arbeit das Werk und seine Thesen durch die Brille der aktuellen Gegenwart. Dazu wird zunächst ein inhaltlicher Überblick über das Werk gegeben, daran anschließend erfolgt eine Einbettung in den soziologischen Theoriediskurs. Abschließend wird das Werk hinsichtlich seiner Wirkung und Aktualität gewürdigt.

2. Die moderne Gesellschaft als Risikogesellschaft

Wie der Untertitel des Werks „Auf dem Weg in eine andere Moderne“ bereits auf-zeigt, vertritt Beck in seinem Werk die These eines sozialen Wandels der modernen Gesellschaft im ausgehenden 20. Jahrhundert. Diese „andere Moderne“ bildet die begriffliche Klammer für die drei Abschnitte, in die das Werk „Risikogesellschaft“ inhaltlich gegliedert ist. Teil I trägt den Titel „Auf dem zivilisatorischen Vulkan: Die Konturen der Risikogesellschaft“ (S. 24-112) und zeichnet den sozialen Wandel innerhalb der Moderne hin zur Risikogesellschaft nach. Teil II widmet sich der Thematik „Individualisierung sozialer Ungleichheit - Zur Enttraditionalisierung der industriegesellschaftlichen Lebensformen“ (S. 113-248). In diesem Teil analysiert Beck die Folgen der Risikogesellschaft auf den Vergesellschaftungsmodus der Gegenwart. Der dritte Teil fokussiert auf die „Generalisierung von Wissenschaft und Politik“ (S. 250-374), in dem Beck die Entgrenzung und Nebenfolgen der Risikoproduktion der politischen und wissenschaftlichen Sphären analysiert.

Den Ausgangspunkt der Überlegungen des Autors bildet die Annahme, dass es innerhalb der Moderne zu einem Bruch kommt, und zwar im Übergang von der klassischen Industriegesellschaft zur Risikogesellschaft. Die Risikogesellschaft ist dabei das Ergebnis eines umfassenden Prozesses reflexiver Modernisierung der Gesellschaft. Zwei Aspekte sind für diesen Einschnitt kennzeichnend.

Die erste Dimension bezieht sich auf die Bedeutung von Risiken für die Gesellschaft: Risiken sind dabei nach Beck keine „Erfindung der Neuzeit“ (S. 28), aber im Zuge des technisch-ökonomisch vorangetriebenen Wandels entsteht eine neue Art von Risiko (S. 26). Der sogenannte „Fortschritt“ produziert offensichtlich nicht (mehr) nur Reichtum und Wohlstand, wie es noch die Annahme der klassischen Industriegesellschaft war. Denn in der reflexiven Moderne werden die Nebenfolgen der kapitalistischen Industriegesellschaft sichtbar - die kontinuierliche Produktion von Risiken. Allerdings haben die im Zuge der Modernisierung der Moderne auftretenden Risiken eine spezifisch neuartige Qualität. Sie besitzen einen globalen Charakter, sind also nicht mehr lokal (bspw. nationalstaatlich) eingrenzbar. Es handelt sich um Risiken, die hinsichtlich ihres Schadenspotenzials nicht gänzlich erfasst werden können und die somit nicht vollumfänglich bewusst von Handelnden eingegangen werden (können) und denen auch handlungsunbeteiligte Menschen ausgesetzt sind. Die neuartigen Risiken der Gegenwartsgesellschaft können im Schadensfall katastrophale Ausmaße entwickeln - wie bspw. beim Reaktorunglück von Tschernobyl.

In der Konsequenz macht Beck einen Paradigmenwechsel bezüglich sozialer Ungleichheitslagen aus. Während in der von Mangel und materiellen Verteilungskämpfen geprägten klassischen Industriegesellschaft die Logik der Wohlstandsverteilung Individuen in die Kategorien „arm“ oder „reich“ einteilte, operiert die Risikogesellschaft mit ihrer ganz eigenen Logik: der Logik der Risikoverteilung. Dabei sehen sich alle Gesellschaftsmitglieder unabhängig von ihrer individuellen sozioökonomischen Position in der globalisierten Gesellschaft unsichtbaren und insbesondere ökologischen Risiken ausgesetzt: „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch“ (S. 48).

Die zweite Dimension der von Beck beschriebenen Risikogesellschaft betrifft den Vergesellschaftungsmodus der reflexiven Moderne. Dieser ist dem Autor zufolge durch Individualisierung geprägt.

Das Individuum wird aus traditionalen Sozialgefügen (wie etwa der sozialen Klasse oder der Familie) freigesetzt und wird selbst „zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen“ (S. 209). Dieser „historische Kontinuitätsbruch“ (S. 116) mündet in neuartigen individualisierten und pluralisierten Lebenslagen und -chancen. Einerseits ermöglicht der „Fahrstuhleffekt“, dass alle Gesellschaftsmitglieder eine materielle Verbesserung ihrer Lebenssituation erfahren. Andererseits sind sie im Zuge der Individualisierung selbstverantwortlich für ihre Entscheidungen - und den damit verbundenen Risiken. Damit werden soziale Ungleichheiten individualisiert und auf der Ebene des Risikos reproduziert.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Gesellschaft und Biographien strukturierenden Fixpunkte der Industriegesellschaft im Übergang zur Risikogesellschaft verdrängt werden. An ihre Stelle treten neue gesellschaftliche und biographische Risiken sowie Ungleichheiten. Zusammen mit den globalen Gefährdungslagen ergibt sich die soziale Dynamik der Risikogesellschaft.

3. Einordnung des Werks in den soziologischen Theoriediskurs

Becks Theorie der Gegenwartsgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts nimmt eine Makro-Mikro-Perspektive2 ein, indem sie mit dem Konzept der reflexiven Modernisierung einen kategorialen Wandel im Verhältnis von Gesellschaft und Individuum diagnostiziert, der sich im Modus der Individualisierung zeigt. Entsprechend Becks Modernisierungsbegriffs spiegelt sich der soziale Wandel auf allen gesellschaftlichen Ebenen wider, also auf der strukturellen Makro-, der institutionellen Meso- und der individualen Mikro-Ebene des Sozialen. Der strukturelle Wandel zeigt sich auf der Meso-Ebene von Organisationen etwa im Wandel von Arbeit(-sverhältnissen) und auf der Mikro-Ebene durch Einstellungs- und Lebensstilveränderungen von Individuen. Hier wird deutlich, dass Individualisierung nicht die Übertragung der Einstellungen und Werte von Individuen auf die strukturelle Makro-Ebene darstellt, sondern Mikro- und Makro-Ebene in Wechselwirkung aufeinander bezogen sind. Dementsprechend ist Individualisierung nicht mit Individualismus gleich zu setzen.

Da Beck mit seiner Theorie der reflexiven Modernisierung gesellschaftliche Veränderungen beschreibt und analysiert, kann er zu den Vertreter:innen der Theorien sozialen Wandels und insbesondere der Modernisierungstheorien, die den ökologisch bedingten, potenziell selbstgefährdenden Gehalt der kapitalistischen Moderne fokussieren, gezählt werden. Beck knüpft dabei mit seiner Modernisierungstheorie an Klassiker des soziologischen (Theorie-)Diskurses des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an. So wird etwa bei Karl Marx, Max Weber, Émile Durkheim und Georg Simmel Individualisierung als (mehr oder minder relevanter) Marker der sozialen Modernisierung verhandelt. Beck selbst konstatiert in „Risikogesellschaft“, dass „Individualisierung“ als Konzept nicht etwa erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist und bezieht sich dabei auch explizit auf Marx.

Nach Beck ist Marx „einer der entschiedensten Individualisierungstheoretiker“ (S. 131), da dieser Freisetzungsprozesse von Individuen beim Übergang von der Ständegesellschaft zur sowie in der kapitalistischen Industriegesellschaft feststellt. Jedoch kulminieren diese Freisetzungsprozesse bei Marx nicht in einer umfassenden Individualisierung, sondern münden für Arbeiter:innen in einer Kollektiverfahrung der proletarischen Verelendung und in der Folge in einer Solidarisierung der Einzelnen miteinander und letztendlich im Klassenkampf. Damit stellt sich für Marx die Frage der Individualisierung nicht weiter, da die Individualisierungsprozesse durch diejenigen der Klassenbildung aufgehoben werden.

Marx' Gesellschaftstheorie nimmt bei Becks Individualisierungsthese eine Doppelrolle ein: Einerseits ist sie Fundament der

Individualisierungsthese, die einen Bedeutungsverlust sozialer Klassen konstatiert, und damit gleichzeitig die Existenz sozialer Klassen als Vergesellschaftungsform und Kriterium sozialer Stratifikation anerkennt. Andererseits beschränkt Beck mit seiner These des „Fahrstuhleffekts“, d.h. der wohlfahrtsstaatlichen Überwindung kollektiver Verelendung, den Geltungsanspruch der marxistischen Theorie auf die Epoche der Industriegesellschaft vor der reflexiven Moderne. Er verkündet so das Ende der Analysekraft Marx' Theorie für die Wohlfahrtsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts. Die Risikogesellschaft verlangt also nach anderen Analyseinstrumenten als sie Marx für die frühbürgerliche Individualisierung der Industriegesellschaft entworfen hat.

[...]


1 So war Ulrich Beck unter anderem Mitglied der Ethikkommission „Sichere Energieversorgung", die von Bundeskanzlerin Angela Merkel 2011 in Folge der Nuklearkatastrophe von Fukushima eingesetzt wurde, um Vorschläge für den Übergang von der Atomenergie zu erneuerbaren Energien zu erarbeiten (vgl. Bundesregierung 2011).

2 Schemata wie das der Unterscheidung von Mikro-, Meso- und Makroebene von Gesellschaft sind weder analytisch noch empirisch unabhängig voneinander. Um die Wechselwirkungen zwischen den Ebenen, die so auch in „Risikogesellschaft“ thematisiert werden, begrifflich aufzuzeigen, wird Becks Perspektive in der vorliegenden Arbeit als Makro-Mikro-Perspektive begriffen.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Rezension von Ulrich Becks Werk "Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Theorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V1027278
ISBN (eBook)
9783346434326
ISBN (Buch)
9783346434333
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Risikogesellschaft, Ulrich Beck, Individualisierung, Habermas
Arbeit zitieren
Anna Mimikri (Autor:in), 2020, Rezension von Ulrich Becks Werk "Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1027278

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rezension von Ulrich Becks Werk "Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden