Protest und Risiko bei Ulrich Beck und Niklas Luhmann. Perspektiven auf soziale Bewegungen in der modernen Gesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

22 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Risiko der Gegenwart - Einleitung

2. Die Risikosoziologie Ulrich Becks
2.1 Von der Ersten zur Zweite Moderne: Die Risikogesellschaft
2.2 Risikobegriff bei Beck
2.3 Neue soziale Bewegungen in der Risikogesellschaft
2.3.1 Der Systemwandel des Politischen
2.3.2 Neue soziale Bewegungen als Arena der Subpolitik

3. Die Risikosoziologie Niklas Luhmanns
3.1 Die moderne Gesellschaft als soziales System
3.2 Risikobegriff bei Luhmann
3.3 Protestbewegungen im Gesellschaftssystem
3.3.1 Funktion von Protestbewegungen
3.3.2 Protestbewegungen als soziales System

4. Vergleich und Fazit
4.1 Vergleich der Gesellschaftsbeschreibungen und Risikobegriffe
4.2 Verhältnis von Risiko und soziale Bewegungen
4.3 Beck und Luhmann als Impulsgeber der Risiko- und Bewegungsforschung - Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Das Risiko der Gegenwart - Einleitung

Aktuell sind alltägliche Aktivitäten wie Einkaufen im Supermarkt, Restaurantbesu­che mit Freund:innen oder das Arbeiten im Großraumbüro potenziell gesundheits­gefährdend - denn mit der Corona-Pandemie ist quasi jegliche analoge Interaktion zwischen Menschen mit einem Gesundheitsrisiko verbunden. Für den verantwor­tungsbewussten individuellen, politischen und gesamtgesellschaftlichen Umgang mit diesen neuen Risiken im Jahr 2020 ist insbesondere das Wissen der Virologie relevant. Dies ist in Anschluss an Ulrich Becks Theorie der Risikogesellschaft nicht verwunderlich, denn die moderne Gesellschaft ist hochgradig abhängig von wissen­schaftlichem Spezialwissen, um Risiken einschätzen zu können und Gefahren von Ungefährlichem zu unterscheiden. Ulrich Beck stellt mit seinem Werk „Risikogesell­schaft“ (1986) die Analysetools für ein tiefergehendes Verständnis der aktuellen Pandemie als Risikolage der modernen Gesellschaft bereit. Vor diesem Hintergrund rekurriert der Historiker Adam Tooze auf Ulrich Beck auch als „the Sociologist who could save us from Coronoavirus“ (Tooze 2020). Neben Ulrich Beck stellt Niklas Luhmann einen wichtigen Wegbereiter der Risikosoziologie dar. Er widmet sich in „Soziologie des Risikos“ dem Phänomen des Risikos in der modernen Gesellschaft aus einer systemtheoretischen Perspektive.

Die vorliegende Arbeit will die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der risikotheo­retischen Ansätze Luhmanns und Becks mittels eines Vergleichs ihrer Perspektiven auf soziale Bewegungen in der modernen Gesellschaft erarbeiten. Der Fokus auf so­ziale Bewegungen ermöglicht den Vergleich der beiden Theorien wie durch ein Brennglas. Denn aufgrund ihres Systemstatus übernehmen sie bei Luhmann eine stabilisierende Rolle der Gesellschaft - während sie bei Beck eine prominente Rolle im Wandel politischer Steuerung spielen.

Auf Grundlage Becks Werk „Risikogesellschaft“ von 1986 werden zunächst seine Ge­sellschaftstheorie sowie sein Risikobegriff nachgezeichnet. Anschließend wird die Bedeutung sozialer Bewegungen in der Risikogesellschaft herausgearbeitet. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der Gesellschaftstheorie und dem Risikobegriff Luhmanns. Grundlage hierfür bilden seine Werke „Soziale Systeme“ (1984) und „So­ziologie des Risikos“ von 1991. Im Anschluss wird Luhmanns Konzeption von sozi­alen Bewegungen unter Rückgriff auf die von Kai-Uwe Hellmann zusammengestell­ten Arbeiten Luhmanns in „Protest“ (1996) dargelegt. Den Abschluss der Arbeit bil­det ein Vergleich der beiden Perspektiven anhand der Konzeption von Gesellschaft, Risiko und sozialen Bewegungen sowie ein Fazit zur Bedeutung Luhmanns und Becks für die Risiko- und Protestsoziologie.

2. Die Risikosoziologie Ulrich Becks

Mit seinem 1986 erschienenen Werk „Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine an­dere Moderne“ hat Ulrich Beck eine soziologische Gegenwartsanalyse der kapitalis­tischen Gesellschaft des späten 20. Jahrhunderts vorgelegt. Im folgenden Kapitel werden der Grundriss von Becks Gesellschaftstheorie und Gegenwartsdiagnose so­wie sein Risikobegriff dargelegt.

2.1 Von der Ersten zur Zweite Moderne: Die Risikogesellschaft

In seiner Theorie der Moderne beschreibt Beck die Risikogesellschaft als diejenige Gesellschaft, die sich im Übergang von der „Ersten Moderne“1 in die „Zweite Mo- derne“2 des Industriekapitalismus ausbildet. Die Basis Becks Ausführungen ist da­mit die Annahme eines Wandels der Gesellschaft, den er als einen „Bruch in der Mo­derne“ (Beck 1986: 13) versteht. Beck definiert zwei Aspekte als grundlegend für den Wandel zur Risikogesellschaft.

Die erste Dimension bezieht sich auf die Bedeutung von Risiken für die Gesellschaft: Risiken sind dabei nach Beck keine „Erfindung der Neuzeit“ (ebd.: 28), aber im Zuge des technisch-ökonomisch vorangetriebenen Wandels entsteht eine neue Art von Risiko (vgl. ebd.: 26). Der sogenannte „Fortschritt“ produziert offensichtlich nicht (mehr) nur Reichtum und Wohlstand, wie es noch die Annahme der klassischen In­dustriegesellschaft der Ersten Moderne war. Denn in der Zweiten Moderne werden die Nebenfolgen der kapitalistischen Industriegesellschaft sichtbar - die kontinuier­liche Produktion von Risiken: „In der fortgeschrittenen Moderne geht die gesell­schaftliche Produktion von Reichtum systematisch einher mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken“3 (ebd.: 25).

In der Konsequenz macht Beck einen Paradigmenwechsel bezüglich sozialer Un­gleichheitslagen aus.

Während in der von Mangel und materiellen Verteilungskämpfen geprägten klassi­schen Industriegesellschaft die Logik der Wohlstandsverteilung Individuen in die Kategorien „arm“ oder „reich“ einteilte, operiert die Risikogesellschaft mit ihrer ganz eigenen Logik: der Logik der Risikoverteilung.

Hieraus ergibt sich nach Beck eine Verschiebung im gesellschaftlichen Selbstver­ständnis: Die Risikogesellschaften sind "gerade keine Klassengesellschaften; ihre Gefährdungslagen lassen sich nicht als Klassenlagen begreifen, ihre Konflikte nicht als Klassenkonflikte" (Beck 1986: 49). Und weiter: „Der Traum der Klassengesell­schaft heißt: Alle wollen und sollen teilhaben am Kuchen. Ziel der Risikogesellschaft ist: Alle sollen verschont bleiben vom Gift.“ (ebd.: 65). Die Möglichkeit des Nicht­Betroffenseins existiert also nicht mehr. Alle Gesellschaftsmitglieder sind - unab­hängig von ihrer individuellen sozioökonomischen Position in der Gesellschaft - un­sichtbaren und insbesondere ökologischen Risiken ausgesetzt. Insoweit schreibt Beck den modernen Risiken eine egalisierende Wirkung zu: „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch“ (ebd.: 48). Jedoch steht im Kontrast zur generellen egalisie­renden Wirkung von Risiken die Entstehung neuer und globaler sozialer Ungleich­heiten innerhalb der Risikogesellschaft, in denen sich "Klassenlage und Risikolage überlagern" (ebd.: 54). Deutlich wird dies beispielweise an der Auslagerung der Pro­duktion von Gütern sowie der Müllentsorgung reicher Industrieländer des globalen Nordens in relational betrachtet arme Länder des globalen Südens4. Die neuen For­men sozialer Ungleichheit ergeben sich also „innerhalb der Risikobetroffenheit“ ar­mer Menschen bzw. Nationen (ebd.: 55). Risiken betreffen zwar Alle und Jede:n, je­doch je nach Risikolage und globaler „Klassenzugehörigkeit“ in unterschiedlicher (Un-)Mittelbarkeit und Härte.

Die zweite Dimension der von Beck beschriebenen Risikogesellschaft betrifft den Vergesellschaftungsmodus in Form von Individualisierung. Das Individuum wird aus traditionalen Sozialgefügen (wie etwa der sozialen Klasse oder der Familie) frei­gesetzt und wird selbst „zur lebensweltlichen Reproduktionseinheit des Sozialen“ (Beck 1986: 209). Dieser „historische Kontinuitätsbruch“ (ebd.: 116) mündet in neuartigen individualisierten und pluralisierten Lebenslagen und -chancen. Dabei ermöglicht einerseits der „Fahrstuhleffekt“, dass alle Gesellschaftsmitglieder eine materielle Verbesserung ihrer Lebenssituation erfahren.

Andererseits sind Individuen im Zuge der Individualisierung selbstverantwortlich für ihre Entscheidungen - und den damit verbundenen Risiken. Damit werden sozi­ale Ungleichheiten individualisiert und auf die Ebene des Risikos projiziert und dort reproduziert.

Jedoch bietet die Risikogesellschaft nach Beck dennoch die Chance, diese Individua­lisierung sozialer Ungleichheit zu überwinden und zwar durch einen Übergang zu einer „reflexiven Modernisierung“, in der sich die Gesellschaft ihres Strukturwan­dels und ihrer Risikoproduktion bewusst wird und einen verantwortungsvollen Umgang mit Risiken auf globaler Ebene realisiert.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Gesellschaft und Biographien strukturierenden Fixpunkte der Industriegesellschaft im Übergang zur Risikogesell­schaft verdrängt werden. An ihre Stelle treten neue gesellschaftliche und biographi­sche Risiken und Ungleichheiten. Zusammen mit den globalen Gefährdungslagen ergibt sich daraus die soziale Dynamik der Risikogesellschaft.

2.2 Risikobegriff bei Beck

Die Risiken der Zweiten Moderne haben eine spezifisch neuartige Qualität und zeichnen sich durch drei Merkmale aus. Erstens sind sie allgegenwärtig, denn ihre Ursachen und Folgen sind nicht mehr an einen einzigen, räumlich eingrenzbaren Ort gebunden. Sie besitzen damit einen globalen Charakter und unterlaufen das natio­nalstaatliche (Kompetenz-)Gefüge. Zweitens ist den Modernisierungsrisiken eine Unberechenbarkeit im wortwörtlichen Sinne zu eigen. In der Risikogesellschaft ist nur das Wissen um das Nicht-Wissen gesichert, denn es gibt keinen Konsens über die Anerkennung von Risiken und Gefahren und wie mit ihnen umgegangen werden soll. Das dritte Merkmal ist die hypothetische Unumkehrbarkeit von Risiken im Schadensfall, denn diese Schäden sind nicht wieder wett zu machen.

Das Verhältnis von Risikoproduktion und Risikobetroffenheit zeichnet sich vor al­lem dadurch aus, dass alle Individuen von Risiken betroffen sind - auch ihre Verur- sacher:innen und Profiteur:innen5. Dieses Phänomen benennt Beck als „Bumerang­Effekt“: „Modernisierungsrisiken erwischen früher oder später auch die, die sie pro­duzieren oder von ihnen profitieren“ (Beck 1986: 30).

Während die Logik der Reichtumsverteilung der Ersten Moderne sich in Kategorien von arm und reich wahrnehmbar materialisierte, haben die neuen Modernisie­rungsrisiken der Risikogesellschaft einen nicht wahrnehmbaren Charakter. Auch zu Schäden gewordene Risiken, wie radioaktive Verseuchung, Luft- oder Wasserver­schmutzung sind oftmals weder sicht- noch spürbar bzw. entfalten ihre Wirkung nur sukzessive. Deshalb neigt die Gesellschaft nach Beck dazu, trotz des bestehenden Wissens um spezifische Risiken, diese zu ignorieren. Dies wiederum bereitet Risiken einen besonders fruchtbaren Nährboden: „Das Ignorieren der sowieso nicht wahr­nehmbaren Risiken [...] ist der kulturelle und politische Boden, auf dem die Risiken und Gefährdungen blühen, wachsen und gedeihen.“ (ebd.: 59). Die Benennung von Risiken ist Aufgabe der Wissenschaft, denn Risiken existieren nur, wenn wissen­schaftliches Wissen um sie besteht. Folglich sind Modernisierungsrisiken das Ergeb­nis sozialer Definitionsprozesse (vgl. ebd.: 30). Wie schwer ein spezifisches Risiko wiegt, ob es als inakzeptabel oder tolerierbar gilt, ist eine Frage der gesellschaftli­chen Definition, was wiederum auf die Relevanz von Wissenschaft sowie der Wis­sensverbreitung durch (Massen-)Medien6 verweist.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Risikogesellschaft das Ergebnis ei­nes Strukturwandels innerhalb der modernen Gesellschaft darstellt. Die für sie de- finitorischen Risiken zeichnen sich durch Unsichtbarkeit, Allgegenwärtigkeit, Unbe­rechenbarkeit und hypothetische Unumkehrbarkeit der durch sie verursachten Schäden aus. Die neuen Risiken der Moderne haben einen „Bumerang-Effekt“, durch den alle Individuen - einschließlich der Verursachenden und Profitierenden - gleichermaßen von Risiken betroffen sind. Die neuen Risiken haben so eine sozial egalisierende Wirkung, da sie alle Individuen, unabhängig von deren sozialen Posi­tion im globalen Kontext, betreffen. Dadurch treten Klassenzugehörigkeiten und - konflikte in der Risikogesellschaft in den Hintergrund und werden von Risikolagen überdeckt. Traditionale Ordnungsformen wie Familie und soziale Klasse werden von Individualisierungsschub der Gesellschaft abgelöst. Damit einher geht auch eine Individualisierung von sozialer Ungleichheit, die auf der Ebene des individuellen Ri­sikos reproduziert wird. Das Verhältnis von Risiko und Politik verändert sich in der Risikogesellschaft, was Thema des nächsten Kapitels ist.

2.3 Neue soziale Bewegungen in der Risikogesellschaft

Ausgehend von Becks Gegenwartsdiagnose der Risikogesellschaft werden im fol­genden Kapitel die Funktionsweise und Rolle von neuen sozialen Bewegungen in der Politik der Risikogesellschaft nachvollzogen.

2.3.1 Der Systemwandel des Politischen

Unter dem Einfluss des verstärkten Gefährdungspotentials der Risikogesellschaft findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, dessen Motor laut Beck die „Selbstpoliti­sierung der industriegesellschaftlichen Moderne“ (Beck 1986: 300) ist. Es vollzieht sich ein „Systemwandel des Politischen“ (ebd.: 311) auf der begrifflichen, örtlichen sowie medialen Ebene von Politik als „Gestaltung und Veränderung von Lebensver­hältnissen“ (ebd.). Dieser Wandel mündet in einer „Entgrenzung von Politik“ (ebd.: 311) und vollzieht sich in kultureller und struktureller Hinsicht.

Auf der kulturellen Ebene entsteht eine „neue politische Kultur“ (ebd.: 304), in der außerhalb der politischen Institutionen Ansprüche auf politische Partizipation ent­stehen. Der kulturelle Wandel des Politischen bedeutet somit einen Machtverlust des institutionalisierten politischen Systems, d.h. von Parteien und Parlamenten als Steuerungszentrale des Politischen. Damit wird das vormals Politische unpolitisch - parallel zur Politisierung des vormals Unpolitischen: Entscheidungen werden nicht mehr nur in der institutionalisierten Politik getroffen, sondern vermehrt in Feldern der Subpolitik. Dieses Aufblühen von vormals Nichtpolitischem in Form von Subpo­litik markiert die strukturelle Ebene der Entgrenzung von Politik in der Risikoge­sellschaft (vgl. ebd.: 304 f.). Durch die Subpolitik nehmen kollektive wie individuelle Akteur:innen außerhalb des politischen Systems Einfluss auf die Gesellschaftsge- staltung7 (vgl. Beck 1993: 162). So zeitigt Subpolitik eminent politische Wirkungen, „indem sie die Regeln und Grenzen des Politischen verschiebt, öffnet, vernetzt sowie verhandelbar und gestaltbar macht“ (Beck 1997: 48). Dies bedeutet: „Genau die Ent­scheidungsbereiche, die im Industriekapitalismus im Windschatten des Politischen liegen [...] geraten in der reflexiven Risikomoderne in die Stürme politischer Ausei­nandersetzung“ (Beck 1997: 61f).

Subpolitik bricht somit mit der industriemodernen Vorstellung von Politik als aus­schließlicher Parteien- und Parlamentspolitik - und damit mit der scharfen Tren­nung von Politik und Nichtpolitik (vgl. Beck 1986: 303). Der kulturell bedingte Machtverlust institutionalisierter Politik begünstigt die Entwicklung der Subpolitik. Jedoch nehmen Vertreter:innen der Subpolitik das politische Institutionensystem als Zentrum politischer Entscheidungen wahr und nicht sich selbst. Entsprechend adressieren subpolitische Akteur:innen politische Parteien und Parlamente mit ih­ren Forderungen (Beck 1986: 307). Konkrete Beispiele für subpolitische Akteur:in- nen in der Corona-Gegenwart stellen bspw. Berufsverbände der Tourismusbranche, Forschungsinstitute wie das Robert-Koch-Institut und auch soziale Bewegungen wie die der „Corona-Gegnerinnen“ dar. Sie alle ringen in der Gegenwart um die Auf­merksamkeit politischer Institutionen für ihr Wissen bzw. ihre Forderungen. Ent­scheidend für die Politik der Risikogesellschaft ist also, dass trotz eines Systemwan­dels des Politischen auf kultureller und struktureller Ebene die Zuständigkeiten und Institutionen der Industriemoderne erhalten bleiben, während die Gestaltungs­macht aus dem Bereich der Institutionen in die Subpolitik abwandert. Dieses Ver­hältnis von Politik und Subpolitik wird im folgenden Kapitel anhand der neuen so­zialen Bewegungen und ihrer politischen Funktion in der Risikogesellschaft be­leuchtet.

2.3.2 Neue soziale Bewegungen als Arena der Subpolitik

Wie oben dargelegt, resultiert die kulturelle und strukturelle Ausdifferenzierung des politischen Systems in der Risikogesellschaft in einem Machtverlust institutio­nalisierter Politik zugunsten der Subpolitik.

Die neuen sozialen Bewegungen sind dabei eine der „Teilarenen kultureller und so­zialer Subpolitik“ (Beck 1986: 322) und sind eine außerinstitutionelle Ausdrucks­form der neuen politischen Kultur und Struktur. Die neuen sozialen Bewegungen rekrutieren ihre Durchschlagskraft auf der politischen Bühne also aus dem Macht­verlust der politischen Institutionen. Außerinstitutionell wirken sie dahingehend, dass sie gerade nicht die offiziellen Pfade der politischen Institutionen nutzen, um politische, technisch-ökonomische und andere soziale Entwicklungen zu beeinflus­sen. Mit dem erfolgreichen Vordringen ihrer Themen auf die politische Tagesord­nung demonstrieren sie jedoch nicht nur den Machtverlust der institutionalisierten Politik, sondern kompensieren diesen auch, da sie ihre Forderungen an eben jene Institutionen stellen. Soziale Bewegungen ersetzen somit nicht die herrschenden In­stitutionen, aber ändern die „ Qualität des Politischen“ (Beck 1993: 214, Hervorh. im Orig.). Diese Veränderung der Qualität des Politischen grenzt nach Beck die „neuen“8 von den „alten“ sozialen Bewegungen der Ersten Moderne ab.

[...]


1 Die Erste Moderne beruht nach Beck auf dem Paradigma der Industrialisierung und findet ihr Ende im ausgehenden 20. Jahrhundert, da der Modernisierungsprozess der Gesellschaft einen Wende­punkt erreicht hat, aus dem grundlegende Veränderungen für die gesellschaftliche Struktur und ih­ren Vergesellschaftungsmodus resultieren. Grund hierfür ist die Funktions- und Modernisierungslo­gik der Ersten Moderne selbst, da diese Logik zur Auflösung der gesellschaftlichen Existenzgrundlage führt (vgl. Beck 1996a: 58). Damit konterkariert die fortschreitende Modernisierung letztendlich das Paradigma der Industriemoderne und mündet in der Zweiten Moderne der Risikogesellschaft.

2 Beck benutzt die Termini „Zweite Moderne“ und „Risikogesellschaft“ synonym und in Abgrenzung zur „Ersten Moderne“ bzw. „Einfachen Moderne“ der Industrialisierung. Relevanter Unterschied zwi­schen der Ersten und Zweiten Modernen ist nach Beck die „Globalität“ der Zweiten Moderne, durch die Konflikte mit den Institutionen der Ersten Moderne, wie etwa dem Nationalstaat, provoziert wer­den.

3 Ein plakatives Beispiel für diese Produktion neuartiger Risiken ist die Stromproduktion mittels Atomenergie. Sie birgt u.a. das Risiko von nuklearen Unfällen, die sämtliches Leben bedrohen kön­nen.

4 Ein plakatives Beispiel hierfür ist der Export von Plastikmüll aus Staaten des globalen Nordens in asiatische Länder wie Indonesien, Indien und Malaysia: Die Nord-Staaten verbessern durch die Ex­porte statistisch ihre Umweltbilanz. Jedoch wird der Müll zumindest teilweise bei niedrigen Umwelt­standards verbrannt oder deponiert. Daraus resultieren globale ökologische Risiken in Form von Emissionen und Einsickern von Plastik und Schadstoffen in die Natur. Daneben leiden die Arbei- ter:innen und die lokale Bevölkerung jedoch direkt unter den freigesetzten Giftstoffen und der Ver­schmutzung von Luft, Boden und Wasser (vgl. Jedelhauser o.D.) Eine weiterführende kritische Ana­lyse dieses globalen Ungleichheitsverhältnis bietet u.a. Stephan Lessenichs Werk „Neben uns die Sint­flut“ (2016).

5 Risiken beinhalten im Kapitalismus gewinnbringende Aspekte - Beck bezeichnet diese als „big bu­siness“ (Beck 1986: 30). Aus kapitalistischer Perspektive stellen Risiken Bedürfnisse in unendlich verschiedenen Formen dar, die nie vollends gestillt werden können. Dementsprechend werden Risi­ken als profitable Bedürfnisse genutzt. Sicherheit stellt ein Grundbedürfnis der Menschen dar, zu dessen Befriedigung immer mehr unsicherheitsreduzierende Produkte auf den Markt gebracht wer­den, bspw. technologisch ausgeklügelte Alarmsysteme. Bei solchen vermeintlich risikoreduzieren­den Produkten treten aber wiederum neue Risiken auf, wie etwa das mögliche technische Versagen einer Alarmanlage. Es entstehen also immer neue Risiken im Zuge der Reduktion von Risiken. Von diesem Kreislauf profitiert die kapitalistische Wirtschaft.

6 Erst durch die Definition von Risiken durch die Wissenschaft werden diese als solche für die Gesell­schaft erkennbar (vgl. Beck 1986: 30). In der Verwissenschaftlichung von Risiken zeigt sich auch die veränderte Logik der Risikoverteilung, ihre Latenz wird durch die Definition als Risiken aufgehoben. Nur wenn das Bewusstsein für Risiken da ist, können diese „verkleinert oder vergrößert, dramati­siert oder verharmlost werden“ (ebd.). Dabei kommt den Massenmedien eine entscheidende Funk­tion zu. Da sie die Individuen über Zivilisationsrisiken informieren, sind sie prinzipiell in der Lage, die Risikowahrnehmung in der Öffentlichkeit zu beeinflussen (vgl. ebd: 320).

7 Dies kann generell in Abhängigkeit des Politikverständnisses als Demokratisierungsschub und/oder als Schub einer De-Demokratisierung angesehen werden. Folgt man Becks Verständnis von Politik als Einfluss auf Lebensverhältnisse, muss diese Pluralisierung von politischen Akteur:innen als Demokratisierungsschub gewertet werden.

8 Mit dem Begriff „neue soziale Bewegungen“ werden nach Schroer (1997: 122) die sozialen Bewe­gungen bezeichnet, die sich seit den 1970er Jahren in Westdeutschland formierten. So etwa die Stu­dentenbewegung, die Anti-Atomkraft-Bewegung und die neue Frauenbewegung. Abgegrenzt werden sie von den alten sozialen Bewegungen, für die die Arbeiter:innenbewegung prototypisch steht. Es ist umstritten, ob der Begriff der neuen sozialen Bewegungen auch auf die Bürger:innenbewegung in der DDR angewandt werden kann, da deren Ziel die Anerkennung demokratischer Rechte war, wäh­rend in der BRD demokratische Teilhabe Grundlage und Vehikel der Bewegungen war (vgl. Rucht 2003: 422 f.). „Risikogesellschaft“ erschien 1986, und thematisiert die demokratische Moderne. Dem­entsprechend müssen Becks Überlegungen zu den neuen sozialen Bewegungen als Analyse westdeut­scher neuer sozialer Bewegungen verstanden werden.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Protest und Risiko bei Ulrich Beck und Niklas Luhmann. Perspektiven auf soziale Bewegungen in der modernen Gesellschaft
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Theorien
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V1027281
ISBN (eBook)
9783346434302
ISBN (Buch)
9783346434319
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beck, Luhmann, Risiko, Protest, Systemtheorie, Reflexive Moderne
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Protest und Risiko bei Ulrich Beck und Niklas Luhmann. Perspektiven auf soziale Bewegungen in der modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1027281

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