Goethe, Johann Wolfgang von - Iphigenie auf Tauris - Vergleich mit Büchners Woyzeck


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

4 Seiten, Note: 13 Punkte


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Gliederung:

A. Goethe und Büchner - Zwei vollkommen verschiedene Schriftsteller

B. Vergleich der Textauszüge
1. Komposition der Dramen
2. Zeitliche Darstellung
3. Schauplatz
4. Personal
5. Sprachliche Gestaltung
6. Dargestelltes Menschenbild

C. „Geschlossene Form“ - „Offene Form“

Johann Wolfgang von Goethe und Georg Büchner sind zwei von Grund auf verschiedene Autoren, obwohl sie fast in dieselbe Zeit einzuordnen sind. Beide haben aber eine vollkommen andere Auffassung ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Während Büchner ein revolutionärer, politisch engagierter Autor war - er verfasste z.B. den Hessischen Landboten – war Goethe zwar politisch interessiert, drückte dies aber in seinen Werken nicht aus.

Außerdem sind beide in verschiedene Literaturepochen einzuordnen: Goethe gehört dem Sturm und Drang und der Klassik an, Büchner dagegen dem Realismus, genauer gesagt dem Vormärz.

Die beiden vorliegenden Werke, „Iphigenie auf Tauris“ von Goethe und „Woyzeck“ von Büchner, weisen deshalb gravierende Unterschiede auf. Im Folgenden werden diese anhand ausgewählter Szene („Iphigenie“: 4. Aufzug, 4. Auftritt; „Woyzeck“: Zimmer, Freies Feld) aufgezeigt.

Sehr auffällig ist der unterschiedliche Aufbau beider Stücke.

„Iphigenie“ folgt der klassischen Komposition: Es gibt eine einzige Handlung, die kontinuierlich verläuft. Die Personen werden in der Exposition vorgestellt und der Leser wird in die Handlung eingeführt. Die Handlung steigt dann an bis zum Höhepunkt und fällt schließlich zum Schluss wieder ab. In der vorliegenden Szene befinden wir uns in der fallenden Handlung, der Höhepunkt, die Heilung Orests ist bereits vorüber. Außerdem liegt hier als gliedernde Einheit der Akt vor.

Im Gegensatz dazu finden wir in „Woyzeck“ mehrere komplementäre Handlungsstränge, die nicht kontinuierlich verlaufen; sie werden uns nur in Ausschnitten gezeigt. Man nennt dies Blitzlichttechnik. So haben in unserem Fall die beiden vorliegenden Szenen nichts miteinander zu tun. Auch taucht man unvermittelt in die Handlung ein; es gibt also keine Exposition. Der Schluss tritt ebenfalls unvermittelt ein, so dass man durchaus von einem „offenen Schluss“ sprechen kann. Darüberhinaus gibt es keine Unterteilung in Akte, sondern nur in Szenen, die autonom sind und locker nebeneinander stehen. Man könnte die Szenenfolge durchaus ändern, ohne dass das Stück unverständlich wird.

In klassischen Stücken findet man die „dreifache Einheit“, zu der auch die Einheit der Zeit gehört; so auch in „Iphigenie“. D.h. die gesamte Zeit, die in dem Stück dargestellt wird, entspricht der tatsächlichen Spieldauer. Es gibt keine zeitlichen Brüche. Darüberhinaus spielt der Augenblick eine untergeordnete Rolle; im dargestellten Augenblick geschieht nichts, so sprechen Pylades und Iphigenie nur über bereits Geschehens und über Dinge, die noch geschehen werden, ohne eigentlich etwas zu tun.

In „Woyzeck“ dagegen zählt nur die reine Gegenwart; der Augenblick hat die Übermacht. Nur das, was gerade auf der Bühne geschieht, ist wichtig. Darüberhinaus ist die Zeitdauer unbegrenzt. Zwischen den einzelnen Szenen können nur wenige Stunden aber auch mehrere Tage liegen. Am vorliegenden Text ist z.B. nicht zu erkennen, wie viel Zeit zwischen den beiden Szenen verstrichen und was dazwischen geschehen ist. Auch haben die Szenen eine unterschiedliche Zeitqualität, d.h. manche Szenen dauern länger, andere dagegen sind ganz kurz.

Desweiteren wird im klassischen Drama auch die Einheit des Ortes beachtet. Es gibt nur einen einzigen Schauplatz, den „Hain vor Dianens Tempel“. Dieser Schauplatz aber ist neutral und unbedeutend. Die Bühne kann bei der Aufführung durchaus leer sein. Das Umfeld ist unbedeutend, so wie die Dingwelt; Gegenstände spielen keine Rolle.

Anders dagegen ist dies bei „Woyzeck“. Es gibt viele verschieden Schauplätze, die die Personen durchaus charakterisieren. Die Umgebung ist wichtig, die Dingwelt spielt mit. Das Umfeld kann aber auch zum Gegner werden, so wie in der vorliegenden Szene „Freies Feld“. Die Natur macht Woyzeck Angst. Auch Andres fürchtet sich (vgl. S. 6).

Außerdem unterscheidet sich das Personal im „Woyzeck“ sehr von dem in „Iphigenie“.

Am auffälligsten ist hier sicher die Personenzahl. In Goethes Drama treten lediglich fünf Personen auf. Alle haben denselben hohen Stand und sind gleichwertig. Die Personen sind mündig und deshalb im Stande ihre Situation zu reflektieren (vgl. V. 1640 ff.). Damit spielt sich die ganze Handlung im Inneren der Personen ab, es kommt zu inneren Konflikten. So ist Iphigenie beispielsweise hin- und hergerissen: Soll sie Thoas verraten und damit ihren Bruder retten, oder soll die ihren Bruder verraten und ihn damit töten (vgl. V. 1641-1644)?

Im Woyzeck dagegen treten völlig andere Personen auf. Erstens sind es sehr viel mehr; auch sehr viele Randpersonen kommen vor, die mit der eigentliche Handlung nichts zu tun haben. Außerdem gehören die Personen verschiedenen Ständen an. Woyzeck selbst zählt zu den armen Leuten (vgl. S. 5), zum Kleinbürgertum. Der Hauptmann dagegen ist besser gestellt, er hat einen besseren Posten inne und ist dadurch auch vermögender. Darüberhinaus tritt in diesem Stück auch noch ein Arzt auf. Es kommt also zu einem Machtgefälle zwischen den Personen, auch wenn die Unterschiede zwischen den Einzelnen in manchen Fällen nicht ganz so großsind. So ist der Hauptmann im Grunde genau so dumm wie Woyzeck („Moral, das ist, wenn man moralisch ist,...“; S. 4). Er sieht lediglich von oben auf Woyzeck herab, weil er Selbstbestätigung braucht, um zu sehen, dass er besser, tugendhafter ist als andere (vgl. S. 5). Darüberhinaus sind die Personen nicht mündig, nicht selbständig. Satt dessen sind sie abhängig voneinander, wie z.B. Woyzeck vom Hauptmann und vom Arzt.

Aus diesem unterschiedlichen Aufgebot an Personal in beiden Stücken folgt auch eine unterschiedliche sprachliche Gestaltung.

„Iphigenie“ ist im Blankvers geschrieben, wie es in der Klassik üblich war. Das ist ein fünfhebiger Jambus ohne Endreim. Dies zeigt bereits den gehobenen Stil des Werkes. Darüberhinaus ist „Iphigenie“ rhetorisch ausgefeilt: „Vernehm ich dich, so wendet sich, o Theurer, / Wie sich die Blume nach der Sonne wendet / Die Seele, von dem Strahle deiner Worte / Getroffen, sich dem süßen Troste nach.“ (V. 1619-1622). Diese Sprechweise wirkt äußerst unrealistisch; keine Person aus dem alltäglichen Leben würde so sprechen.

Unrealistisch ist auch der ausgeprägte hypotaktische Satzbau, wie er im obigen Textauszug ersichtlich ist. Auffällig ist auch der Nominalstil, den die Personen gebrauchen: „Ruhig / Erwarte du die Wiederkunft des Boten...“ (V. 1593 f.) Die Sprache ist also äußerst „künstlich“. Auffallend ist auch die enge Dialogführung: Der Dialogpartner nimmt oft etwas vorher Gesagtes als Stichwort auf und bezieht sich somit immer direkt auf das, was der Andere gesagt hat: „Pylades. Das ist nicht Undank, was die Not gebeut. / Iphigenie. Es bleibt wohl Undank; nur die Not entschuldigt.“ (V. 1645 f.) Außerdem ist hier der Dialog der Motor der Handlung, er treibt die Handlung voran: „Leb wohl! Die Freunde will ich nun geschwind / Beruhigen, die sehnlich wartend harren.“ (V. 1629 f.) Auch kommt es zu Duellsituationen zwischen den einzelnen Personen (vgl. V. 1647-1652). Dies ist jedoch nur möglich, weil die Personen gleichwertig sind und somit auch gegenhalten können.

Anders ist dies bei Büchners Drama. Woyzeck ist hier unterlegen; somit kann es gar nicht zu solchen Duellsituationen kommen. Woyzeck kann im Gespräch mit dem Hauptmann nicht dagegenhalten. Er ist intellektuell unterlegen und kann seine Gedanken nicht in Worte fassen. Er ist nicht im Stande überzeugend zu argumentieren. Dies ist aber nicht der einzige Gegensatz zwischen den beiden Stücken in der sprachlichen Gestaltung. Büchner möchte realistisch schreiben, die Personen sollen authentisch sein. Deshalb schreibt er auch nicht in Versen, sondern in Prosa und lässt seine Personen auch Dialekt und Umgangssprache sprechen: „Was’n Zeitverschwendung!“ (S. 4); „... ich hab’s noch nit so aus.“ (S. 5); „‘s ist so kurios still.“ (S. 6) Darüberhinaus ist der Satzbau überwiegend parataktisch. Wenn die Personen in Hypotaxe sprechen, dann ist diese sehr brüchig: „Wir arme Leut - Sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer kein Geld hat - Da setz einmal eines seinesgleichen auf die Moral in der Welt.“ (S. 5) Anders als in Iphigenie ist hier der Dialog auch nicht der Motor des Geschehens, die Konflikte ergeben sich nicht aus den Gesprächen.

Zuletzt lässt sich noch feststellen, dass in beiden Stücken ein vollkommen anderes Menschenbild dargestellt wird.

Iphigenie ist die Verkörperung der „schönen Seele“. Dieser Begriff geht auf Friedrich Schiller zurück, der ihn in seinem Schriftstück „Über Anmut und Würde“ verwendet. Der Mensch ist einerseits Vernunftwesen, andererseits Naturwesen, „kopfgesteuert“ und „triebgesteuert“. Wenn man beide Aspekte harmonisch miteinander in Einklang bringt, dann besitzt man eine „schöne Seele“. Die „schöne Seele“ hat keine Angst und lässt sich nicht von ihrem Selbsterhaltungstrieb beherrschen. Sie denkt darüber nach, welches Handeln am geeignetsten ist, ohne dabei ihren eigenen Vorteil in den Vordergrund zu stellen. Außerdem ist Iphigenie eine Person der Aufklärung, die nach Selbstbestimmung und Autonomie strebt. Allerdings sind dieser Freiheit Grenzen gesetzt durch die Moral: „Doch konnt‘ ich anders nicht dem Mann begegnen, / Der mit Vernunft und Ernst von mir verlangte, / Was ihm mein Herz als Recht gestehen mußte.“ (V. 1587-1590) Dieses Menschenbild, das Goethe uns hier vorstellt, ist ein Ideal, das nicht erreicht werden kann.

Anders ist dies bei Büchner. Wie oben bereits erwähnt, setzt er auf Realismus und Naturalismus. Büchner glaubt an die Determiniertheit des Menschen, d.h. das Leben der Menschen ist vorherbestimmt und der Einzelne kann nur im Strom mitschwimmen; diese Gedanken hält Büchner im sog. „Determinismusbrief“ fest. Somit kann es im „Woyzeck“ keine autonome, selbstbestimmte Figur geben. Statt dessen sind sie triebgesteuert, sie tun, was ihre Natur von ihnen verlangt: „Sehn Sie, wir gemeine Laut, das hat keine Tugend, es kommt einem nur so die Natur;“ (S. 5)

Beide Autoren verfolgen also mit ihren Werken unterschiedliche Ziele, was sich in deren Gestaltung äußert. Goethe und Büchner haben ein unterschiedliches Menschenbild. Sie lassen deshalb unterschiedliche Personen auftreten, die auch anders sprechen und vor anderen Schauplätzen erscheinen. Außerdem unterscheiden sich die Dramen beider Autoren in ihrer Komposition. In der Fachsprache hat man dafür zwei Begriffe eingeführt: Die Gestaltung, wie sie bei „Iphigenie auf Tauris“ auftritt, nennt man „geschlossene Form“ des Dramas, wie sie bei „Woyzeck“ auftritt, „offene Form“. Die beiden dargestellten Werke sind jeweils typische Vertreter dieser Gestaltungsformen.

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Details

Titel
Goethe, Johann Wolfgang von - Iphigenie auf Tauris - Vergleich mit Büchners Woyzeck
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
4
Katalognummer
V102734
Dateigröße
336 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iphigenie, Woyzeck, Goethe, Büchner, geschlossene Form, offene Form, schöne Seele
Arbeit zitieren
Elisabeth Prifling (Autor), 2001, Goethe, Johann Wolfgang von - Iphigenie auf Tauris - Vergleich mit Büchners Woyzeck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102734

Kommentare

  • Gast am 16.2.2003

    DANKE!!.

    Toll! Einfach super gemacht! DANKE!!!

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