Brecht, Bertolt - Maßnahmen gegen die Gewalt - Textvergleich mit Günter Kunert "Zentralbahnhof" und Franz Kafka "Vor dem Gesetz"


Bachelorarbeit, 2001

3 Seiten, Note: 1+


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Matthias Radtke

Vergleich dreier Texte:

1) Bertolt Brecht "Maßnahmen gegen die Gewalt"

2) Günter Kunert "Zentralbahnhof"

3) Franz Kafka "Vor dem Gesetz"

nach den Intentionen und Darstellungen des Gewaltmotives.

In der Kurzgeschichte von Bertolt Brecht "Maßnahmen gegen die Gewalt" beginnt er zuerst mit einer äußeren Geschichte, in dem Herrn Keuner, der auch als ,,der Denkende"(Z.1) bezeichnet wird, die Hauptfigur darstellt. Dessen Handlung wird durch eine innere Geschichte noch mal näher erläutert, wo der Herr Egge die Hauptrolle übernimmt. In der äußeren Geschichte geht es darum, wie Herr Keuner sich gegen die Gewalt, vor einem Publikum, ausspricht (Z.2).

Aber als ,,die Gewalt" hinter ihm auftauchte und zu ihm sagte: ,,Was sagtest du?" (Z.6), entgegnet er: ,,Ich sprach mich für die Gewalt aus."(Z.8). Danach fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Diese Frage beantwortete er mit der Aussage: ,,Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich mußlänger leben als die Gewalt" (Z.12- 14) und begann danach die Geschichte über den Herrn Egge zu erzählen.

Diese beginnt damit, dass bei dem Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, eines Tages ein Agent in die Wohnung trat. Dieser zeigte einen Schein vor, in dem geschrieben stand, dass ihm geh ören sollte jede Wohnung, in die er seinen Fußsetzte. Dazu kam noch, dass ihm jedes Essen geh öre nach dem er verlangte und jeder Mann ihm dienen müsste, den er sah (Z.17-26). Der Agent fragte ihm im Anschluß,,Wirst du mir dienen?"(Z.30). Darauf hin gehorchte der Herr Egge dem Agenten sieben Jahre lang, in dieser Zeit sprach er aber kein einziges Wort mit ihm. Nachdem der Agent gestorben war, schaffte er ihn aus der Wohnung, säuberte diese, atmete auf und beantwortete die zuvor gestellte Frage mit ,,Nein."(Z.39 -42)

Günter Kunerts Kurzgeschichte beginnt damit, dass ,,ein Jemand" ein ,,amtliches Schreiben" innerhalb seiner Wohnung findet(Z.1-3). In diesem Schreiben steht geschrieben, dass er sich in der Herrentoilette Nummer 18 des Zentralbahnhofs am 5. November, zwecks seiner eigenen Hinrichtung, einzufinden hat. Die Nichtbefolgung dieser Anweisung würde zur Folge haben, dass nach verwaltungsdienstlichen Verordnung eine Bestrafung angeordnet werden kann.(Z.7-15) Dieser solchermaßen Betroffene sucht nun Rat bei seinen Freunden, bekommt aber nur Kopfschütteln zur Antwort (Z.18-22). Danach begibt er sich zu einem Rechtsanwalt, dieser schlägt vor, eine Eingabe zu machen aber den Termin auf jeden Fall einzuhalten. Der Rechtsanwalt meint ,,Nichts werde so hei ßgegessen wie es gekocht wird".

Das Wort Hinrichtung ist bestimmt nur ein Druckfehler und damit sei in Wirklichkeit, wahrscheinlich nur Einrichtung gemeint. Man muss Vertrauen haben." (Z. 31-45) Daheim wälzt er sich schlaflos im Bett herum und hört dem summen einer Fliege zu und beneidet diese(Z.46-52). Am 5. Nov. betritt er pünktlich den Zentralbahnhof. Er geht in der Herrentoilette zu der benannten Kabine 18, würft eine Münze ins Schließwerk der Tür und tritt ein. Nun glaubt er immer fester daran, dass gar nichts passieren wird, und dass man ihn nur einrichten wird. Er hat Vertrauen zu dieser Überzeugung, schließt das Schloßzu und setzt sich hin. (Z.58-75) Eine Viertelstunde später, kommen zwei Toilettenmänner und ziehen einen Leichnam aus Kabine 18. Zum Schlußkommt noch die Anmerkung, dass ja jeder wußte, dass nie ein Zug den Bahnhof verlassen hatte oder eingefahren ist, obwohl oft Rauch angeblicher Lokomotiven über den Dächern zu sehen waren.

In der Kurzgeschichte ,,Vor dem Gesetz" von Franz Kafka geht es darum, dass ein ,,Mann vom Lande" zum Gesetz will. Vor dem Tor des Gesetzes angekommen findet er den ,,Türhüter" vor. Diese Beiden sind die Hauptfiguren Kafkas Kurzgeschichte. Der Mann vom Lande bittet um Einlas beim Türhüter, dieser gewährt ihm diesen aber nicht. Auf die Frage: ,,Ist es zu einem späteren Zeitpunkt möglich?", bekommt er vom Türhüter die Antwort: ,,Es ist möglich."(Z.1-8) Da das Tor zum Gesetz offen steht, versucht er in das Innere hineinzusehen. Daraufhin bekommt er vom Türhüter gesagt: er könne es versuchen, trotz seines Verbotes hineinzugelangen, aber die nächsten Türhüter seien noch mächtiger als er. Mit solchen Schwierigkeiten hatte der Mann vom Lande nicht gerechnet.

Als er sich den Türhüter näher betrachtete, entschloßer lieber zu warten bis er hineingelassen wird. Dort wartet er viele Tage und Jahre. In dieser Zeit unternimmt er viele Versuche um hinein zu kommen. Er versucht ihm mit allem zu bestechen was er hat. Der Türhüter nimmt zwar alles an aber hineinlassen tut er ihn trotzdem nicht. Zum Schlußwird der Mann alt, seine Augen werden immer schw ächer und um ihn herum wird es immer dunkler. Kurz vor seinem Tode, sammeln sich seine ganzen Erfahrungen, die er über die gesamte Zeit errungen hat, zu einer Frage zusammen, die er dem Tür-hüter jetzt stellt. Er fragt: ,,Alle streben doch zum Gesetz. Wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaßverlangt hat?" Der Türhüter antwortet: ,,Hier konnte niemand sonst Einlaßerhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schlie ße ihn."(Z.70-78)

In Brechts Geschichte sind die Hauptfiguren auf denen die Gewalt wirkt benannt, der Herr Keuner und der Herr Egge. Die die Gewalt ausüben, stehen als Synonyme für eine größere Gruppe. Wie die Gewalt, als die all umfassende Gewalt und der Agent, der als ausführendes Organ der Staatsgewalt steht. In Kunerts ,,Zentralbahnhof", ist die Person, auf die die Gewalt ausgeübt wird anonym. Es werden aber verschiedene Ausdrücke für diese Person verwendet, wie zum Beispiel ,,ein Jemand", ,,der solcherma ßen Betroffene", ,,der nur noch begrenzt Lebendige" oder ,,der zur Herrentoilette Beorderte".

Die Person, von der die Gewalt in dieser Geschichte ausgeht, wird hier nicht n äher genannt. Sie tritt nur in Form eines amtlichen Druckes, auf grauem, lapprigen Papiers, auf. Sie steht danach, im gesamten Text, nur als gro ßer, dunkler Schatten im Hinterkopf des Betroffenen da und wird nicht mehr erw ähnt. In Kafkas Geschichte, stehen die Namen der Hautfiguren, als Synonyme für einen Antragsteller, der auf die Bürokratie im allgemeinen trifft. So steht ,,der Mann vom Lande" für eine einfältige, Autoritätsgläubige, unwissende und gutgläubig dem Gesetz gegenüberstehende Person da. Der Türhüter vertritt den Staat (langer Arm des Gesetzes) und ist somit auch das ausführende Organ der Bürokratie, der den Antragsteller (der Mann vom Lande, der um Einlaßbittet) mit allen Mitteln davon abhält, sein Recht wahrzunehmen (zum Gesetz vorgelassen zu werden).

Bei Brechts Geschichte tritt die Gewalt aktiv auf. In der äußeren Geschichte droht sie, durch die Art der Frage, mit Gewalt. Wodurch sie eine Aussage des Herrn Keuners erzwingt, die aber seiner inneren Einstellung widerspricht. Mit dieser Aussage beweist er aber diplomatisches Geschick. Denn dadurch, dass er eine Aussage getroffen hat, die zwar nicht seiner Meinung entspricht, aber in diese Situation paßt, lässt die Gewalt von ihm ab. Bei der inneren Geschichte steht der Herr Egge der Gewalt, die durch die Person des Agenten auftritt, ganz passiv gegenüber. Er wehrt sich auf keiner Weise gegen diese Gewalt, die auf ihn einwirkt. Au ßer, dass er nicht mit ihr spricht. Erst als keine Gefahr mehr von ihr ausgeht, spricht er wider. Somit hat er die Gewalt überlebt, aber nur dadurch, dass er sich im richtigen Zeitpunkt ihr angepaßt und sich ihr nicht entgegen gestellt hat. In Kunerts Geschichte ist die Gewalt recht passiv. Sie lässt, der betroffenen Person ein Dokument zukommen, in der sie ihr Anliegen mitteilt. So bleibt die Gewalt im Hintergrund stehen und tritt nicht weiter in Erscheinung. Die Person, auf die Gewalt ausgeübt wird, versucht sich zwar irgendwie gegen diese Gewalt zu wehren, aber mehr schlecht als recht. In der ganzen Zeit, sind seine Versuche eher sehr passiv, denn so richtig versucht sie sich nicht gegen diese Gewalt zu wehren. Er lehnt sich zwar immer ein bißchen gegen sie auf, um den unausweichlichen Ende zu umgehen, scheitert aber immer wider an seiner eigenen Psyche.

Außerdem scheitern noch seine ganzen Taten um Hilfe, gegen diese Gewalt, zu erlangen, denn seine Umgebung hat ihn schon abgeschrieben oder hat angst ihm richtig zu helfen. Durch Kunerts getroffener Aussage wird deutlich, wie sich doch die Gewalt auf die Handlungen und das Schicksal einer einzelnen Person auswirken und somit dessen Leben beeinflußt kann. Die gewallt ausübende Person in Kafkas Geschichte ist der Türhüter. Die Art der Gewalt, die von ihm ausgeht, spiegelt sich darin nieder, dass er dem ,,Mann vom Lande" den Einlaßverweigert und somit das Tor zum Gesetz versperrt, was einer bürokratischen Hürde gleicht.

Diese Art der Gewalt stellt ein schwieriges Hindernis für den Mann vom Lande da, da es sich seinem Ziel entgegenstellt. Vor diesem Hindernis (dem Türhüter) kapituliert er, obwohl dieses Hindernis das leichteste in einer Reihe von verschiedenen Hindernissen auf dem Weg zu seinem Ziel darstellt und der Türhüter ihm sogar ermutigte es trotz seines Verbotes zu wagen, dieses Hindernis zu überwinden. So ist auch die uns bekannte Bürokratie ein Hindernis, was mit einigen Aufwand überwunden werden kann aber viele vor diesen Mühen, die aufgebracht werden müssen, abgeschreckt werden. So können sie ihr eigentlich zustehende Recht, nach dem Gesetz, nicht wahrnehmen und müssen mit dem weiter leben, was sie bis dahin erreicht haben.

Die Gemeinsamkeiten in den drei Texten kann man darin sehen, daßsie sich auf irgend eine Art und Weise mit der Gewalt im allgemeinen auseinandersetzen. Bei allen Texten sind die Personen, auf die Gewalt ausge übt wird Einzelpersonen und stehen somit irgendwie alleine da. Im Gegensatz dazu, sind die, von denen die Gewalt ausgeht, immer Vertreter einer Größeren Gruppe und haben dadurch auch viel mehr Macht ihre Handlungen durchzusetzen ohne nachgeben zu müssen. Sie können immer auf die Hilfe der Leute hoffen, die hinter ihnen stehen, was den Einzelpersonen nicht gewährt ist. Aber Brecht zeigt uns auch, daßman auch als Einzelperson, ohne Fremde Hilfe, die Gewalt überleben kann, indem man sich ihr, zum richtigen Zeitpunkt, anpasst und sich ihr nicht entgegenstellt. So etwas nennt man auch überlegtes Handeln.

Bei Kunert und Kafka hingegen, sind die Personen, auf die die Gewalt ausge übt wird, nicht in der Lage durch richtige Überlegungen sich der Gewalt zu entziehen. Sie gehen am Ende, an der Gewalt, zu Grunde ohne je etwas dagegen erreicht zu haben. Bei Brechts Hauptfiguren Keuner und Egge handelt es sich eher um psychisch starke Persönlichkeiten, die von sich überzeugt sind. Bei Kunerts ,,Betroffenen" und bei Kafkas ,,Mann vom Lande" ist die Persönlichkeit eher schwach ausgeprägt, denn sie haben keinen richtigen Willen sich gegen die auf sie auswirkende Gewalt zu wehren.

Das Resümee des Textes ist, wie Brecht in seiner Geschichte zeigt, daßman ganz gute Überlebenschancen hat, wenn man sich der Gewalt anpasst und sich ihr nicht entgegenstellt. Kunert zeigt uns eher, was mit einem Menschen passiert, wenn er kein großes Selbstvertrauen hat und außerdem dann noch keine große Hilfe von seinen Mitmenschen erhält, trotzdem er sie um Hilfe bittet. Durch so etwas wird dann eher noch das schon kleine Selbstbewußtsein noch kleiner oder im schlimmsten Fall zerbricht diese Person daran. Kafka zeigt uns, wie gro ßdoch der Respekt der Menschen vor den Leuten, die auf irgend eine Art und Weise das Gesetz vertreten oder mit diesem zu tun haben, ist und das auch nichts dieses Vertrauen ersch üttern kann. Wer nämlich das Gesetz hinter sich hat, hat mit gr ößter Sicherheit immer Recht.

Diese Beispiele sind aber nur einige, die zeigen wie man der Gewalt entgegen treten kann. Es gibt viele weiter Beispiele, wie man der allgegenwärtigen Gewalt entgegentreten kann. So gibt es immer eine b ürokratische Hürde, die überwunden werden muß. Oder trotz eines Hilfeschreis, steht man vollkommen alleine vor einem nicht zu überwindenden Hindernis und verzweifelt daran. Aber es gibt auch Menschen, die irgendwie die Gewalt immer überleben, in dem sie sich ihr anpassen oder sich vor ihr verstecken können. Diese Personen sind meist sehr psychisch starke Menschen, die dem großen Druck gewachsen sind, ansonsten würden sie unter diesem zusammen brechen.

3 von 3 Seiten

Details

Titel
Brecht, Bertolt - Maßnahmen gegen die Gewalt - Textvergleich mit Günter Kunert "Zentralbahnhof" und Franz Kafka "Vor dem Gesetz"
Note
1+
Autor
Jahr
2001
Seiten
3
Katalognummer
V102740
Dateigröße
337 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brecht, Bertolt, Maßnahmen, Gewalt, Textvergleich, Günter, Kunert, Zentralbahnhof, Franz, Kafka, Gesetz
Arbeit zitieren
Matthias Radtke (Autor), 2001, Brecht, Bertolt - Maßnahmen gegen die Gewalt - Textvergleich mit Günter Kunert "Zentralbahnhof" und Franz Kafka "Vor dem Gesetz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102740

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