Haushofer, Marlen - Autobiographische Spuren(suche) in ausgewählten Werken von Marlen Haushofer


Facharbeit (Schule), 2000
48 Seiten, Note: Sehr Gut

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Ein Vorwort

Schon seit der 6. Klasse beschäftige ich mich mit dem Gedan- ken, eine FBA zu schreiben. Das Sommersemester 2000 verbrachte ich als Austauschstudent in den USA und stand während dieser Zeit in regem E-Mail Kontakt mit meiner Deutschprofessorin Mag. Susanne Hofbaur, wobei wir auch über die Möglichkeit, eine FBA als Teil der Matura zu verfassen, kommunizierten. Ohne sie und die Geset- zeslage wäre ich wahrscheinlich noch immer am Überlegen, doch im September 2000 musste ich mich schließlich entscheiden. Meinen einstigen Wunsch von einer fächerübergreifenden FBA gab ich bald auf, als ich die Schwierigkeiten der Themenfindung erkannt hatte. So entstand in Gedankenaustausch mit Frau Prof. Hofbaur mein Thema „Autobiographische Spuren(suche) in ausgewählten Werken von Marlen Haushofer“.

Zuerst war es meine Aufgabe, Werke auszuwählen, wobei anfangs nur klar war, dass ich „Die Wand“ und „Himmel, der nirgendwo en- det“ behandeln wollte. Während des Studiums ihrer Biographie wurde mir dann bewusst, dass die Autorin mir schon in früher Kindheit begegnet ist, nämlich durch die Bücher „Brav sein ist schwer“ und „Schlimm sein ist auch kein Vergnügen“; das waren auch die beiden Werke, die ich außer den oben genannten noch in meine FBA einbauen wollte. Es kam jedoch anders, als mir Frau Prof. Hofbaur in einem Gespräch über die Themenstellung riet, doch auch einen kürzeren Text einzubauen. So resultieren daraus also nun die vier Werke, die ich durchleuchten will: „Die Wand“, „Himmel, der nirgendwo en- det“, „Brav sein ist schwer“ und „Wir töten Stella“. Meine FBA be- inhaltet also ihr absolutes Meisterwerk, ihren autobiographischen Kindheitsroman, ein Kinderbuch und eine Novelle.

Die „Spurensuche“ schließlich darf man nicht mit Detektivar- beit vergleichen, denn – Gott sei Dank – hat Marlen Haushofer nicht einem Dieb gleich ihre Spuren zu verwischen versucht, son- dern sie offengelegt; sie schienen also nur so auf ihre Entdeckung zu warten. Eine Schwierigkeit jedoch sah ich darin, zu entschei- den, was nun wirklich autobiographisch war und was der Phantasie der Autorin entsprungen ist. Meist griff ich daher bei Unklarhei- ten zu Daniela Strigls Biographie über Marlen Haushofer, um nicht Gefahr zu laufen, Unwahrheiten zu verbreiten.

Schon nach den ersten Seiten bemerkte ich jedoch, wie schwer es sein würde, im Rahmen der Fachbereichsarbeit in Bezug auf die Länge zu bleiben; so musste ich immer wieder Abstriche machen und mit „roher Gewalt“ kürzen. Trotz allem genoss ich es endlich ein- mal „auf eigenen Beinen“ ein längeres Projekt durchzuführen, das wirklich voll und ganz meinem Interesse entspricht und gleichzei- tig einen Teil der Reifeprüfung zu erledigen.

Kurz möchte ich noch ein paar Worte zur Gliederung verlieren; als erster Teil ist naturgemäß eine kurze Beschreibung von Marlen Haushofers Leben abgedruckt, vor allem, damit der Leser meiner A- nalyse der autobiographischen Spuren folgen kann. Bei der Abfolge der Werkbearbeitungen habe ich lange überlegt und bin schließlich auf folgende Reihung gekommen: „Himmel, der nirgendwo endet“, „Die

Wand“, „Brav sein ist schwer“ und schließlich „Wir töten Stella“. Von Beginn an war mir klar, dass ihr autobiographischer Kindheits- roman an erster Stelle sein würde, schon allein der chronologi- schen Abfolge wegen, aber auch um einen Eindruck von der Kindheit der Autorin zu vermitteln, die ja prägend war für Marlen Hausho- fer. Bei der Wahl für Platz zwei gab es für mich zwei Möglichkei- ten, entweder „Die Wand“ oder „Wir töten Stella“. Sicher war ich mir nur, dass ich zwischen den beiden komplexen Werken „Brav sein ist schwer“ als kleine Auflockerung stellen möchte, und so „sieg- te“ „Die Wand“ schließlich der größeren Bekanntheit wegen. Den Ab- schluss bildet ein kurzes Kapitel über Gemeinsamkeiten in den vier Werken, sozusagen als kleines Resümee.

Eine kurze Einleitung

„Dieses ’Sich-nicht-wehren-Können’ ist das Leben“, so charak- terisiert Marlen Haushofer, deren Schaffen diese Fachbereichsar- beit zum Inhalt hat, die Existenz aller Dinge.

Doch wer ist sie, die großteils Unbekannte aus dem hintersten Winkel Österreichs? Sicher nicht ist sie eine hinterweltliche Landpomeranze, deren künstlerische Fähigkeiten höchstens für Kin- derbücher reichen. Auch keine vergrämte Einzelgängerin ist sie, die keinen Wert auf Beziehungen legt und die sich aus Arroganz selbst genug ist und schon gar keine Vorreiterin der Feministinnen und primitiven Emanzen, die blind ihrem völlig berechtigten Le- bensfrust in ihren Büchern Ausdruck verleiht und einfach generell gegen die Männerwelt hetzt.

Nein, Marlen Haushofer, sie ist eine der besten Schriftstelle- rinnen der österreichischen Nachkriegszeit, mit einem Talent, das zu ihren Lebzeiten leider nie ausreichend gewürdigt wurde. Sie hatte sprachliche Fähigkeiten, die über jedem Durchschnitt liegen und die Fähigkeit sich in ihre Figuren hineinzudenken. So schaffte sie es, komplexe Werke zu verfassen und dabei nicht in Steifheit zu erstarren, Kinderbücher zu schreiben für die Kinder selbst und in ihren Werken genau das zu erreichen, was sie wollte, ob das nun Betroffenheit, Erstaunen, Schrecken oder einfach Nachdenken ist. Die Anzahl ihrer Werke ist nicht erstaunlich oder umwerfend, doch bei ihr steht wahrlich die Qualität über der Quantität.

Es ist sicher richtig, dass man Marlen Haushofer mit Thomas Bernhard oder Ingeborg Bachmann auf eine Stufe stellen kann, aber der Vergleich sollte dort enden, wo die Unterschiede beginnen. Denn wohl ist das Können ähnlich, nicht aber die Schaffensweise und Intentionen; vor allem ihre Einfühlsamkeit und ihre Selbstkri- tik unterscheiden sie von anderen Autoren und lassen sie so ein- zigartig sein, sowohl als Mensch als auch als Schriftstellerin.

Eine Frau, die Zeit ihres Lebens von einem Schicksalsschlag in den nächsten geworfen wurde: von einer Kindheit ohne Mutterliebe über die zerstörte Jugend im Internat und die Tragödie der ersten Liebe bis hin zur unglücklichen Ehe, aus der sie sich nie befreien konnte. In Anbetracht dieser Umstände sieht man Marlen Haushofer bald anders, und ich hoffe mit dieser Fachbereichsarbeit wird ein Bild ihrer selbst gezeichnet, das ein wenig deutlicher macht, welch künstlerische Größe in Marlen Haushofer steckte.

1. Ein Menschenleben

Kurzbiographie

Diese Kurzbiographie habe ich in starker Anlehnung an „Marlen Haushofer – Die Biographie“ von Daniela Strigl, erschienen im Claassen Verlag, München, 2000 verfasst und einen Schwerpunkt auf die Kindheit der Autorin gelegt, da diese Zeit sehr prägend für sie war und ein Großteil meiner Analyse darauf aufbaut.

1.1. Die Kindheit

Geboren wird Marlen Haushofer als Marie Helen am 11. April 1920 in Frauenstein, Oberösterreich, als erste Tochter des Förs- terehepaares Heinrich und Maria Frauendorfer. Die Eltern, die erst ein Jahr zuvor geheiratet haben, kommen beide aus dem Gebiet um Steyr; Haushofers Vater hat noch zu Zeiten der Donaumonarchie eine berühmte Forstschule in Böhmen absolviert und nach siebenjährigem Dienst in der k.u.k. Armee - davon vier Jahre an Weltkriegsfronten in Russland und Südtirol - die Stelle als Förster im Effertsbach- tal angetreten. Maria Frauendorfer, geborene Leitner, soll, nach dem Willen ihres Vaters, der ebenfalls Förster war, nach Besuch einer Hauswirtschaftsschule auf dem elterlichen Hof den Haushalt führen. Sie tritt jedoch, anstatt ihm zu gehorchen, als Kammerzofe in den Dienst der Gräfin Colloredo. Mit Kriegsausbruch im Jahr 1914 beginnt sie in der „Steyr“-Waffenfabrik zu arbeiten. Maria Frauendorfer hat den Ruf einer strengen Frau, vor allem ihre scharfe Zunge fürchtet man im Dorf. Wahrscheinlich hat der lang- jährige Befreiungskampf aus den Händen des gewaltsamen Vaters Mar- lens Mutter diese Härte und Strenge verliehen, die sie auch bei der Erziehung ihrer Kinder anwendet. Schläge, mit Maß und Ziel eingesetzt, hält sie, zum Beispiel, für ein durchaus taugliches Erziehungsmittel.

Das Forsthaus, in dem Marlen Haushofer den größten Teil ihrer Kindheit verbringt, liegt im Effertsbachtal, ein enges Tal, in das von November bis März kein Sonnenstrahl fällt. Reichtum erlangte dieses Gebiet – neben der Eisenverarbeitung – durch riesige Wäl- der, wodurch auch der jeweilige Förster hohes Ansehen bei der Be- völkerung genoss. Marlens Vater erhält den Posten wohl durch ver- wandtschaftliche Beziehungen, aber er verdankt ihn auch dem Chaos der Nachkriegszeit. Die Jahre des Krieges haben den försterlosen Wald zu einem Paradies für Wilderer gemacht, es gilt nun also, diese anarchistischen Zustände so schnell wie möglich zu beseiti- gen. Allgemein sieht man Heinrich Frauendorfer als ruhigen, ausge- glichenen und vor allem humorvollen Mann, der bei der gesamten Dorfbevölkerung äußerst beliebt ist. In seinem Heimatdorf gilt der Förster auch noch in den Jahren der Ersten Republik als Statthal- ter der Obrigkeit, doch er nützt diese Autorität in keiner Weise aus.

Obwohl das äußerst lebhafte, quirlige Kind in ständigem Kon- flikt mit der Mutter steht, die kein Verständnis für Marlens Wesen

aufbringen kann, ist Marlen Haushofers Kindheit die glücklichste Zeit ihres Lebens; nicht ohne Grund nennt sie ihren autobiographi- schen Kindheitsroman „Himmel, der nirgendwo endet“. Schließlich wird das gespannte Verhältnis noch belastet, als der kleine Bruder Rudolf geboren wird, der dem Ideal der Mutter entspricht und als

„braves“ Kind eine gute Beziehung zu ihr aufbauen kann. Trotz der Eifersucht Marlens auf ihren Bruder ist das Verhältnis der Ge- schwister stets herzlich, vor allem genießt es die ältere Schwes- ter endlich einen Spielgefährten zu haben. Tief verletzt ist sie dennoch und wendet sich von der Mutter, deren gesamtes Interesse dem kleinen Rudolf gilt, ab, dem Vater zu. Mit ihm verbindet sie ein ausgesprochen inniges Verhältnis; doch der gutmütige und nach- giebige Vater trägt – wohl unabsichtlich – zur Verhärtung der Fronten zwischen Mutter und Tochter bei.

Als Marlen mit der Volksschule beginnt, kann sie schon lesen und schreiben; daher fällt sie nicht nur als Förstertochter unter den Kindern der Bauern auf, sondern auch durch ihre Begabung und Phantasie. Vor allem in Deutsch glänzt die spätere Schriftstelle- rin, und nur allzu oft wird sie für Aufsätze überschwänglich ge- lobt. Zusätzlich bildet sich Haushofer schon in diesen Jahren auf dem Gebiet der Literatur weiter; sie hat eine außerordentliche Leidenschaft für Bücher. Das Forsthaus ist da ein wahres Paradies für sie, Bücher gehören zum Alltag der Familie. Für Marlen ist es ein regelrechter Kampf um die Erlaubnis, diese zu lesen, denn vor allem ihre Mutter ist strikt dagegen, dem Kind das Lesen von Klas- sikern zu gestatten. „Erst“ vom achten Geburtstag an steht die Welt der Klassiker für Marlen offen, und sie verschlingt alles, von Schiller über Stifter bis Heine.

Trotz der exponierten Lage des Forsthauses kommen immer wieder Leute, die die Welt mitbringen: Neben Hausierern, herumziehenden Jägern und Fellhändlern verbringen auch viele erholungssuchende Gäste die Sommermonate in diesem gastfreundlichen Haus. Sicher ist, dass Haushofer schon in diesem Alter abgeschreckt wird vom typisch weiblichen Rollenbild, denn das Kind sieht jeden Sommer, wie sich die Mutter von früh bis spät im Haushalt verausgabt, nur um den Gästen zu dienen, dafür aber weder Lohn noch Dank erhält, während ihr Vater sich mit ihnen erholt. Marlen versteht ihre Mut- ter schon damals nicht, es ist daher anzunehmen, dass zu dieser Zeit schon Weichen gestellt werden für die Haltung der erwachsenen Haushofer gegen das vorherrschende patriarchalische System.

1.2. Die Jugend und deren Untergang im Internat

Als die zehnjährige Marlen 1930 in ein streng katholisches In- ternat in Linz eintritt, endet für sie ihre geliebte Kindheit ab- rupt und schmerzvoll. Von einem Tag auf den anderen ist das Mäd- chen getrennt von der Heimat, der Freiheit und hineingezwängt in die „Etikette“ des Schulklosters. Es hätte natürlich auch die Mög- lichkeit gegeben, die Ausbildung an einem Gymnasium in Steyr fort- zusetzen, doch wahrscheinlich ist es Maria Frauendorfer ein Anlie- gen, das Kind in ihrem Sinne katholisch erziehen zu lassen. Marlen

fühlt sich alleingelassen, selbst die zuhause verbrachten Ferien können ihr nicht mehr das Gefühl der Geborgenheit zurückgeben. Mit dem Verlust ihrer Kindheit verändert sich Haushofer zu einem ruhi- geren, weiblicheren Mädchen, obwohl es sicher nicht ihr Wunsch ist, bleibt ihr in den strengen, kargen Internatsjahren nichts, als sich still zu verabschieden von den wilden, schönsten Jahren ihres Lebens. So bleibt das Internat für Haushofer ihr ganzes Le- ben die Hölle auf Erden, ein Platz der Kälte und Härte. Doch die- ses einseitig gezeichnete Bild wird von ihren Schulkolleginnen nicht bestätigt. Nach deren Angaben war Marlen Haushofer zwar ru- hig und etwas verschlossen, doch in der Schule äußerst beliebt, niemand will von ihrem Heimweh und Unglück etwas gewusst haben. Sicher ist, dass die Schriftstellerin, die sich in ihrem späteren Leben stets als Atheistin sieht, mit dieser Gesinnung, wie so vie- le andere, im Nachhinein gegen die ultrakatholische Erziehung im Internat protestiert. Auch die ohnehin schwierige Zeit der Puber- tät verlebt die junge Marlen in den Zwängen der Klosterschule; ne- ben dem Problem nicht im Einklang mit dem eigenen Körper zu ste- hen, wird im Internat auch noch ein drastisch schlechtes Bild der Sexualität gezeichnet, die einer Sünde gleichgestellt wird. Ein so vernachlässigter Körper rächt sich nur allzu bald und beginnt Schwierigkeiten zu machen. Marlen, die ja neben diesem Problem auch noch an starkem Heimweh leidet, ist häufig krank, den trauri- gen Höhepunkt bildet eine Tuberkuloseerkrankung im Jahr 1933; da- mit erreicht Marlen, zwar wohl nicht direkt beabsichtigt, was sie will. Sie wird aus dem Internat genommen und setzt für ein Jahr aus. Im Frühjahr 1934, also kurz vor dem geplanten Neueintritt ins Internat, bekommt sie eine lebensbedrohliche Lungenentzündung, kann aber dennoch im Herbst des selben Jahres die unterbrochene Schullaufbahn fortsetzen. Doch trotz des langen Aufenthalts im al- ten Zuhause haben die Jahre der Krankheit an ihrer Substanz ge- zehrt. Die letzten Jahre im Internat bringen wenig Aufregendes, Marlen beginnt sich Freiheiten, die ihr nicht gegönnt werden, zu nehmen. Sie schleicht samstags oft heimlich aus dem Kloster, zu- sammen mit einigen Schulkolleginnen. Daneben besucht sie Vorstel- lungen im Theater und liebt Spaziergänge an der Donau.

Mit dem Einmarsch Hitlers in Österreich 1938 und den damit verbundenen Veränderungen ändert sich auch Haushofers Leben. Neben der Schließung ihres Internats und dem Wechsel in das Gymnasium der Kreuzschwestern, das als weniger konservativ gilt, geben die neuen Machthaber der jungen Marlen auch indirekt mehr Freiheit, zum Beispiel im ungezwungeneren Umgang der Geschlechter; war es Mädchen etwa bisher nur gestattet mit Röcken Skizufahren, so ist es nun kein Problem mehr, dabei auch Hosen zu tragen. Im Haus Frauendorfer steht man dem Nazi-Regime aber von Anfang an negativ gegenüber. Die christlich-soziale Einstellung, vor allem aber der gesunde Menschenverstand verbieten es Marlens Eltern sich einer solchen Politik unterzuordnen. Obwohl der nun im Staatsdienst ste- hende Vater sich nach außen hin anpassen muss, steht er von Beginn an in Opposition zum Nazi-Regime.

Ihr letztes Schuljahr bringt wenig Neues, die Matura besteht Marlen Haushofer mit glänzenden Leistungen, abgesehen von Mathema- tik. Sofort nach Ende ihrer Schulausbildung lässt sie sich zum Ar- beitsdienst verpflichten. Wie bei den Burschen ist es im Dritten Reich auch für Mädchen Pflicht, einen sechsmonatigen Zivildienst zu leisten. Dabei sollen junge Frauen, vorzugsweise am Land, bei den anfallenden Arbeiten helfen und so schon in ihrer Jugend zum „Wohl des Volksganzen“ beitragen. Obwohl Marlen sicher Aufschub oder Pflichtentzug erwirken könnte, etwa unter dem Vorwand, am el- terlichen Hof helfen zu müssen, ist sie eine der ersten Freiwilli- gen. Die Tage des Stubenhockens nach acht Jahren Internat sind ge- zählt. Sie sieht den Arbeitsdienst im fernen Ostpreußen als kleine Abenteuerreise. Neben der Haus- und Feldarbeit wird dort natürlich nicht auf ideologische Beeinflussung vergessen, doch darüber äu- ßert sich Marlen wenig in ihren Briefen an die Eltern, zum einen wahrscheinlich deswegen, weil sie deren Gesinnung kennt, zum ande- ren auch, weil sie diese „Lehrstunden“ nie allzu ernst nimmt. Vor allem die tolerante Haltung des Vaters spiegelt sich hier bei Mar- len wider, die den Antisemitismus nie versteht.

Was klar sein muss, Haushofer ist sicher nie im entferntesten nationalsozialistisch angehaucht; der Dienst im Arbeitslager ist nicht aus Überzeugung für das Regime abgeleistet worden, sondern, wie schon oben beschrieben, als kleines Abenteuer nach den stren- gen Jahren im Kloster. Neben all der Freiheit hat Marlen Haushofer während dieser Zeit eine Begegnung, die ihr Leben noch entschei- dend verändern wird. Sie verliebt sich in einen Studenten aus Dortmund, der ebenfalls Arbeitsdienst ableistet. Obwohl sie in ih- ren Briefen ständig nur von einem Flirt spricht, scheint sie sich doch mehr zu erwarten, da die beiden beschließen nach Beendigung des Dienstes in brieflichem Kontakt zu bleiben.

Als sie zu Beginn des Krieges 1939 wieder nach Hause kommt, erwartet sie eine Zeit des Ausspannens – sie wird von allen ver- wöhnt. Doch je mehr sie sich entspannt, desto träger wird sie, in den Nächten liegt sie oft wach und kann nicht schlafen, bei Tag jedoch ist sie so ermattet, dass sie nur vor sich hin dösen kann. Diese Symptome weisen ganz klar auf eine klinische Depression hin, die sie mehrere Wochen gefangen hält. Erst mit Beginn des Herbst findet sie ihre Energie wieder und beschließt, sobald als möglich ein Studium zu beginnen, um nicht neuerlich diesen depressiven Zu- ständen zu erliegen.

1.3. Wiener Jahre, eine Tragödie und die scheinba- re Rettung

Sie inskribiert also im Jänner 1940 an der Universität Wien Germanistik und Kunstgeschichte, daneben besucht sie auch Vorle- sungen in Geschichte, Philosophie und Psychologie. All diese Fä- cher sind natürlich ideologisch überfrachtet. Nationalsozialisti- sches Gedankengut wird praktisch in die Lehrmeinung jedes Stoffge- bietes integriert; doch auch hier bewahrt Haushofer ihre Neutrali- tät. Neben dem Studium bleibt ihr genügend Zeit, neue Freundschaf- ten zu schließen oder alte Schulkolleginnen, die ebenfalls in Wien studieren, zu treffen. Außerdem kommt aus heiterem Himmel der Stu- dent aus Dortmund zu Besuch, den sie im Lager in Ostpreußen ken- nengelernt hat. War es damals nicht mehr als ein Flirt, so funkt es jetzt so richtig. Dass Gert Mörth es mit der um vier Jahre jün- geren Marlen ernst meint, kann man daran erkennen, dass er schon im Oktober 1940 sein Studium in Wien fortsetzt – nur wenig später folgt die Verlobung. Im Dezember merkt die junge Frau, dass sie schwanger ist, doch nun folgt nicht die rasche Hochzeit, nein, im Gegenteil, die Beziehung geht in Brüche. Über die wahren Gründe kann man nur spekulieren, fest steht, dass die Beendigung von Mar- len ausgeht. So endet also Haushofers erste große Liebe in einem Trauma. Das streng katholisch erzogene Mädchen als unehelich Schwangere, das wäre für Haushofers Mutter nicht zu ertragen gewe- sen. Außerdem wäre das Image der Familie in ihrem Heimatort be- trächtlich gesunken, weswegen die werdende Mutter beschließt, die Schwangerschaft zu verheimlichen. Zur gleichen Zeit macht sie eine neue, glückliche Begegnung; zufällig lernt sie den bildhübschen Medizinstudenten Manfred Haushofer kennen, und die beiden verlie- ben sich Hals über Kopf ineinander. Doch je tiefer Marlen in diese Beziehung schlittert, desto schwerer bedrückt sie ihr Geheimnis. Schließlich eröffnet eine Freundin Marlens Manfred Haushofer, wie es um jene bestellt ist; dieser fällt natürlich aus allen Wolken, beendet jedoch nicht die Beziehung, sondern steht voll und ganz zu Marlen. Da die werdende Mutter ihren Eltern noch immer nichts von ihrer Schwangerschaft gesagt hat, fasst sie den Beschluss, bis zur Geburt des Kindes nach Bayern, zur Mutter einer guten Freundin zu gehen. Dort erblickt am 30. Juli 1941 der kleine Christian Georg Heinrich das Licht der Welt. Erst nach der Hochzeit im November 1941 offenbart Haushofer ihren Eltern, dass sie schon einen Sohn hat, lässt sie jedoch im Glauben, er sei Manfreds leibliches Kind. Anfang 1942 nehmen beide ihr Studium in Wien wieder auf; im selben Jahr zieht sich Manfred Haushofer ein Leiden zu, das ihn sein Le- ben lang beeinträchtigen wird. Aus einer verschleppten Angina ent- wickelt sich eine lebensgefährliche Herzmuskelentzündung, die bleibende Schäden hinterlässt. Neben allen Widrigkeiten hat diese Krankheit jedoch auch ihre guten Seiten; der junge Student wird für untauglich erklärt, muss so also den verpflichtenden Front- dienst nicht mehr ableisten. Nach einem Umzug nach Graz wird im März 1943 der zweite Sohn, Manfred, geboren, kurze Zeit später flüchtet die junge Familie, da die Gefahr von Bombenangriffen im- mer größer wird, ins Forsthaus im Effertsbachtal. Dort verleben die drei glückliche Monate, bevor Manfred, der noch im Krieg pro- moviert hat, eine Stelle in Graz annimmt. Jetzt erst beginnt Mar- len sich ernsthaft mit der Schriftstellerei zu beschäftigen, wobei sie anfangs fast ausschließlich für Wettbewerbe schreibt. Ihre erste Publikation in einem Grazer Wochenblatt ist eine Erzählung mit dem Titel „Die blutigen Tränen“. Schon in dieser Arbeit be- schäftigt sie sich mit Themen, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden, wie die Weigerung gegen das typische „Hausfrauendasein“, auch strickt sie schon autobiographische Inhalte in den Text ein.

1.4.Der Weg zur Schriftstellerin

Erst 1947, als die Haushofers, nachdem dem jungen Arzt eine Facharztstelle angeboten wird, nach Steyr umziehen, holen sie den jetzt sechsjährigen Christian aus Bayern zu sich. Ein traumati- sches Erlebnis für das Kind, das dadurch nicht nur die geliebte Ziehmutter verliert, sondern nun auch in eine Familie hineinge- zwängt wird, die Christian nie als seine eigene akzeptieren kann. Oft gibt es zwischen den Söhnen Streit, meist aus Eifersucht, und fast immer zieht Christian dabei den Kürzeren; auch der Stiefvater wird die beiden nie als gleichwertig betrachten. Kurz nach dem Um- zug werden Risse in der Ehe deutlich, man hat sich auseinander ge- lebt; der äußerst attraktive Arzt gleicht dieses Vakuum durch Af- fären aus. Marlen Haushofer ihrerseits sucht Ersatz in der Wiener Literaturszene, zwar gibt es wenige, die den jungen Autoren Gehör verschaffen wollen, doch vor allem zwei, die man durchaus als Ri- valen sehen kann, haben auf diesem Gebiet große Ambitionen: Her- mann Hakel und Hans Weigel. Hakel gründet 1948 unter der Schirm- herrschaft des PEN-Clubs eine Aktion zur Förderung junger Autoren; er veranstaltet Leseabende und vermittelt junge Schriftsteller, meist an Zeitungen, weiter. Unter anderem spricht auch Haushofer bei ihm vor, wodurch sie begrenzten Zugang zum Literaturmarkt er- hält; durch ihn gelingen ihr einige Publikationen in Zeitungen und Magazinen, wie zum Beispiel „Das Morgenrot“ oder „Der Staats- feind“. Die sichtlich vernachlässigte Haushofer, glücklich über die kleinen Erfolge, findet nicht nur einen Vermittler, sondern auch einen Liebhaber in Hakel; zwar lockert sich die Beziehung bald wieder, aber eine Freundschaft reicht noch lange über die Af- färe hinaus.

Im Jahr 1950 kommt es schließlich zu einem ersten, ernsthaften Versuch aus ihrem Eheleben auszubrechen. Ohne das Wissens anderer, lassen sich die Eheleute im Juni 1950 scheiden – durch Verschulden von Manfred Haushofer, wie es heißt – seine Affären sind inzwi- schen stadtbekannt. Doch den nächsten Schritt, nämlich auch eine räumliche Trennung vorzunehmen, verabsäumt Haushofer. Zwar wird sie von ihrem Bruder immer wieder dazu aufgefordert, endlich nach Wien zu ziehen, doch sie zögert diesen Umzug immer wieder hinaus, bis er völlig vergessen ist. Trotz aller Widrigkeiten lässt sich die Autorin nicht davon abbringen weiterzuschreiben. Eine ent- scheidende Wende bringt eine Einladung Hans Weigels, ihm Texte zu schicken. Er hat enormen Einfluss auf das damalige kulturelle Le- ben Österreichs, es heißt, ohne ihn geht wenig, gegen ihn aber gar nichts; mit seiner Hilfe gelingt es Haushofer ihr erstes Buch „Das fünfte Jahr“ zu veröffentlichen. So erscheint 1952 endlich ihr erstes Werk in Österreich, ein Jahr darauf erhält sie dafür sogar den „Kleinen Österreichischen Staatspreis“. Trotz aller Erfolge beginnt sie wieder, vor allem durch die private Belastung, an schweren Depressionen zu leiden; auf Weigels Drängen lässt sie sich auf eine Behandlung bei einem der bekanntesten Psychologen Österreichs, Viktor Frankl, ein. Ob er seine Logotherapie jedoch auch bei ihr eingesetzt hat, kann nicht beantwortet werden.

Mitte der Fünfziger sendet die Schriftstellerin Manuskripte ihres dritten Romans – die ersten beiden hat sie vernichtet, nach- dem Weigels Urteil darüber negativ ausgefallen war – an mehrere Verlage, offenbar will sie sich nicht mehr der Meinung eines Ein- zelnen unterwerfen. So erscheint im September 1956 endlich ihr erster Roman mit dem Titel „Eine Handvoll Leben“. Das Echo auf das Erstlingswerk ist beträchtlich, neben zahlreichen kleineren Blät- tern besprechen auch einige gewichtige Zeitungen ihr Werk, wobei das Urteil durchwegs positiv ausfällt. Zu etwa der gleichen Zeit beginnt die Autorin eine neue Affäre mit dem österreichischen Schriftsteller Reinhard Federmann. Auch er leidet unter einer un- glücklichen Ehe, kann sich jedoch nie zu einer Scheidung durchrin- gen, deswegen wird auch diese Beziehung nach kurzer Zeit beendet.

Vor allem ihre hausfraulichen Tätigkeiten und die Kinder sind für Marlen Haushofer ein ständiges Hindernis am Schreiben; zu ei- ner Freundin soll sie einmal bemerkt haben, dass sie, hätte sie gewusst, dass sie Autorin werden würde, nie Kinder bekommen hätte. Trotzdem ändert sie nichts an ihrer Lage, fährt sogar mit der Fa- milie auf Urlaub, die Scheidung scheint längst vergessen. Vermut- lich im November 1955 beginnt sie an einem ihrer Meisterwerke, der Novelle „Wir morden Stella“ - auf sie wird im weiteren Verlauf der Fachbereichsarbeit noch eingegangen – zu arbeiten; 1958 wird das Werk unter dem etwas abgeschwächten Titel „Wir töten Stella“ er- scheinen. Schon ein Jahr zuvor widmet sie sich einem neuen Roman („Die Tapetentür“), in dem sie, in Gestalt der Hauptfigur, einen Fluchtversuch aus dem bürgerlichen Leben unternimmt. Pressestimmen spenden ihr meist Beifall, doch findet sich auch einige Kritik am Werk, viele meinen eine gewisse Banalität zu finden.

Anfang 1958 setzt sie einen Schritt, der bei Eingeweihten auf größtes Unverständnis stößt; Marlen Haushofer heiratet ihren Ex- mann Manfred ein zweites Mal, vielleicht auch veranlasst durch die endgültige Beendigung ihrer Beziehung zu Federmann. Zwei Jahre später beginnt sie den Roman zu schreiben, der sie endlich aus der Mittelmäßigkeit heben wird: „Die Wand“, ihr absolutes Meisterwerk, das 1963 erscheint und neben stürmischer Begeisterung auch viel harte Kritik einstecken muss. Trotz der Perfektion dieses Romans, der in meiner Fachbereichsarbeit später noch behandelt wird, bleibt er zu Lebzeiten ein mäßiger Erfolg. Danach erscheinen eini- ge Kinderbücher, wie „Bartels Abenteuer“ oder „Brav sein ist schwer“, aber auch ein neuer Roman ist im Entstehen, die Kind- heitsbiographie „Himmel, der nirgendwo endet“. Gerade an diesem Werk merkt man deutlich, dass aus der lauten, trotzigen Marlen ei- ne stille, innerlich protestierende Haushofer geworden ist.

48 von 48 Seiten

Details

Titel
Haushofer, Marlen - Autobiographische Spuren(suche) in ausgewählten Werken von Marlen Haushofer
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
48
Katalognummer
V102742
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haushofer, Marlen, Autobiographische, Spuren(suche), Werken
Arbeit zitieren
Hofko Bernhard (Autor), 2000, Haushofer, Marlen - Autobiographische Spuren(suche) in ausgewählten Werken von Marlen Haushofer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102742

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