Leistungsmessung an Schulen - Leitlinien des pädagogischen Handelns


Seminararbeit, 2000
14 Seiten, Note: 1

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

1. Vor- und Nachteile von Ziffernoten

2. Alternativen zu den gebräuchlichen Ziffernoten

3. Leitlinien des pädagogischen Handelns

1. Vor- und Nachteile von Ziffernoten

Wie jedes Prinzip haben auch die sogenannten Ziffernoten Vor- und Nachteile sowohl für Schüler und Lehrer als auch für Eltern. Zunächst einmal impliziert Notengebung Leistungsmessung. Diese kann sowohl mündlich als auch schriftlich erfolgen. In der Regel werden beide Arten der Leistungsmessung von den Schülern abverlangt. Am Ende eines jeden Schulhalbjahres werden die schriftlichen und die mündlichen Noten jedes Faches zu einer Note, der sogenannten Gesamtnote, zusammengefasst. Diese Art der Leistungsbeurteilung wird von der jeweiligen Lehrkraft ausgeführt und erfolgt in allen Klassen, Jahrgangsstufen und Schularten gleichermaßen. Die Klassen 1 und 2 der Grundschule, sowie z.B. die Waldorfschule, bilden dabei eine Ausnahme. Die Schüler erhalten hier nach jedem Halbjahr eine schriftliche Beurteilung über ihren Lernerfolg. Das ansonsten in Deutschland üblich verwendete Ziffernotensystem umfasst die Ziffernskala 1-6. Dabei sei zu erwähnen, dass in der Oberstufe des Gymnasiums eine Bewertungsskala von 15-0, das sogenannte Punktesystem, benutzt wird. Dieses bietet, im Gegensatz zu der Ziffernskala 1-6, die Möglichkeit die individuelle Leistung eines Schülers noch weiter zu differenzieren.

Doch warum wird die Leistung eines jeden Schülers mit Hilfe einer einzigen Ziffer ausgedrückt ? Ziffernoten haben die Eigenschaft, im Gegensatz zu einer z.B. schriftlichen Beurteilung, exakt1 und vor allem genau1 zu sein. Abhängig vom Sender und Empfänger können Wörter unterschiedlich gedeutet und interpretiert werden. Daher muss eine schriftliche Beurteilung nicht immer von Vorteil sein. Für Schüler und Eltern ist es aber von großer Wichtigkeit ihre erbrachte Leistung bzw. die ihrer Kinder richtig einschätzen zu können. Ein entscheidender Faktor für die einzelne Lehrkraft, welche zur Befürwortung von Ziffernoten beiträgt, ist sicherlich die Schnelligkeit1 und Leichtigkeit1 der Beurteilung. Mit dieser Aussage möchte ich den Lehrkörpern ganz sicher nicht mangelndes Interesse an einer sorgfältigen und ausführlichen Beurteilung ihrer Schüler vorwerfen. Ganz im Gegenteil möchte ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass bei mehreren zu unterrichtenden Klassen oder Kursen eine schriftliche Beurteilung, die eine Menge Zeit in Anspruch nimmt, nicht oder nur sehr schwer möglich wäre. Oftmals wird von Außenstehenden vergessen, dass das Unterrichtsvor- bzw. Nachbereiten ebenfalls eine sehr aufwendige Angelegenheit darstellt, sofern sie dementsprechend sorgfältig durchgeführt wird. Dazu kommen noch Korrekturarbeiten, Konferenzen und anderen organisatorische Dinge.

Ein Verzicht auf Note bedeutet für viele, überwiegend für Eltern, ein Verzicht auf Leistung1. Sie befürchten, dass ihre Kinder nicht ausreichend auf die sogenannte Leistungsgesellschaft vorbereitet werden2. Weiter geben die Ziffernoten, neben der Rückmeldung der individuellen Leistung an die Schüler und die Eltern, eine wichtige Rückmeldung an den Lehrer. Sie geben Auskunft über die Unterrichtserfolge und damit auch über die Qualität des Unterrichts. Es handelt sich bei Klausuren oder bei der Beteiligung am Unterrichtsgeschehen nicht grundsätzlich um eine Prüfung der Schüler. Weiter sollen Noten eine motivierende Funktion besitzen und die jungen Menschen dazu bewegen sich mehr mit dem Schulstoff auseinander zu setzen. Tun sie dies nicht, bekommen sie dafür eine dementsprechend schlechtere Beurteilung. Je nach Situation werden daher Ziffernoten, von Seiten der Schüler, als Belohnung oder Bestrafung angesehen. Noten ermöglichen ebenso eine einfache Anschauung eines sehr komplizierten Sachverhaltes,3 der für jeden verständlich ist. Auch wenn dieser Wunsch nach Verständlichkeit berechtigt ist, bleibt sich zu fragen, ob diese Art von Leistungsbewertung die Richtige ist. Unter Einbeziehung der pädagogischen Komponente sind sie das sicherlich nicht. Der Lernanreiz der Kinder und Jugendlichen durch die Beurteilung mit Zensuren, hemmt vielmehr die Neugierde und den Wissensdrang, den die Schule erwecken soll. Durch die Bewertung mit Noten, lernt wohl leider kaum ein Schüler „um der Sache selbst Willen“. Das Kind lernt nicht, weil es lernen will, sondern um gelobt zu werden bzw. um Strafe, d.h. eine schlechte Note, zu vermeiden. Das natürliche Lernbedürfnis, welches die Kinder in der 1. und 2. Klasse noch besitzen, geht dabei verloren. Wer ausschließlich durch Noten motiviert wird, legt ganz sicher am Ende seiner Schulzeit die Bücher zur Seite, weil diese Motivation nun für ihn wegfällt. Ein wichtiges Ziel von Schule ist aber sich selbst Bildung erwerben zu können und dies auch zu bejahen. Das gelingt aber nur bei jemandem, der Freude an der Sache selbst gefunden hat. Auch haben Ziffernoten negative Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler, indem sie einerseits Stolz, Überheblichkeit und falschen Ehrgeiz fördern, andererseits Neid und Minderwertigkeitsgefühle hervorrufen4. Das Streben nach guten Noten be- oder verhindert auch Prozesse des sozialen Lernens. Erfährt ein Kind, dass es wichtig ist, besser zu sein als die anderen, muss es lernen seinen Vorteil zu wahren und Konkurrenzverhalten aufzubauen. Anderen Mitschülern nicht zu helfen sichert manchmal den eigenen Vorteil5.

Zensuren bringen die Kinder in eine Leistungsrangfolge und fördern damit das rivalisierende Lernen. Der schulische Auftrag vom sozialen und solidarischen Lernen rückt daher in den Hintergrund und findet kaum Berücksichtigung. Die Schüler werden eher zu Einzelkämpfern ausgebildet als zum Teamwork. Aus Angst der Schüler den Leistungen nicht mehr gewachsen zu sein und schlechter abzuschneiden als andere Mitschüler, legen sie häufig Verhaltensweisen, wie Schwindel und Betrug, an den Tag. Der Spickzettel und das Abgucken gehören zum alltäglichen Schulalltag dazu. Weiter sei zu erwähnen, dass die Sorge um gute Zensuren ganz sicher Leistungshemmend und nicht Leistungssteigernd wirkt. Unter dem Aspekt dieser Betrachtungsweise kann wohl kaum noch von einer kindgerechten Förderung gesprochen werden. Ebenso muss man dazu sagen, dass die so scheinende objektive Ziffernote in dem Sinne aus mehreren Gründen gar nicht objektiv sein kann. Eine Note als solches gibt keine Auskunft darüber, welche Ursachen zu einem Leistungsversagen geführt haben. Lange Krankheit, mangelnder Fleiß, fehlende Intelligenz, schwere seelische Erschütterung oder ein ungünstiges soziales Umfeld bedeuten für den betroffenen Schüler alles das Gleiche: Eine schlecht Zensur oder schlimmsten Falls das Wiederholen der Klassenstufe. Weiterhin ist es gleichgültig, ob das Versagen einseitig war oder sich über die Gesamtheit der Fächer erstreckt hat. So muss ein Fremdsprachen unbegabter Schüler ebenfalls den Lernstoff in Mathematik wiederholen. Natürlich gibt es auch hier sogenannte Notenausgleichsgesetze, die aber dennoch meine vorherige Aussage nicht überflüssig werden lassen. Es fehlt bei einer Beurteilung nach Noten eine Begründung der Bewertung, eine Verweisung auf Hilfe oder anderweitige Vorschläge zur Verbesserung der Leistung des jeweiligen Schülers. Natürlich gibt es viele Lehrer, die bei der Rückgabe der Klausuren oder beim Besprechen von den mündlichen Noten, ihre Bewertung erläutern. Das ist sicherlich für die Schüler hilfreich, ändert aber nichts daran, dass die Zensur an sich eine Beurteilungsweise darstellt, die unter einem starken Informationsverlust leidet. Kurz gesagt besitzen Noten, neben einer disziplinarischen und einer Rückmeldefunktion, auch eine Auslesefunktion innerhalb der Schülergemeinschaft, welche die weitere Beschulung der Kinder bestimmt. Die Abstände zwischen den einzelnen Noten sind nicht interpretierbar. In der Sekundarstufe 2 wird dieser Umstand zwar durch das Punktesystem abgefangen aber nicht vollständig beseitigt. Schüler der 3. bis 10. Klasse müssen sich voll mit der Ziffernotenskala 1-6 begnügen. Das eigentliche Ziel, nämlich ihre eigene Leistung eigenständig und realistisch einschätzen zu lernen, wird ihnen dadurch nur erschwert möglich gemacht. Wie sollen sie lernen sich selbst einschätzen zu können, wenn sie keine Begründung für eine Bewertung bekommen ? Sie müssen wissen was sie gelernt habe und was nicht.

Ich möchte aber noch einmal auf das Problem der Objektivität von Ziffernoten zurückkommen. Jeder Mensch ist von äußeren Faktoren beeinflussbar, wobei dies natürlich bei dem Einen stärker als bei dem Anderen ausgeprägt ist. Ebenso verläuft diese Beeinflussung bei einigen Menschen mehr Unterbewusst als Bewusst ab. Als Leistungsfremde Faktoren werden z.B. Aussehen, Kleidung, Haltung, Ausdrucksvermögen und Auftreten bezeichnet. Ein Schüler, der sich vielleicht ungewöhnlich kleidet oder sich verbal nicht akzeptabel ausdrückt, hinterlässt bei einem Lehrer sicherlich einen anderen Eindruck, als ein Schüler der das Gegenteil verkörpert. Das liegt natürlich nicht an der Person des Lehrers im Allgemeinen. Wir alle kennen diesen hinterbleibenden Eindruck, wenn wir anderen Menschen gegenübertreten oder begegnen. Bei einer Leistungsbewertung kann es aber möglicherweise negative Auswirkungen haben, wenn der besagte Schüler zwischen zwei Zensuren steht. Dies sollte selbstverständlich nicht passieren. Ich wage es aber zu bezweifeln, dass dies in der Praxis nicht schon einmal vorgekommen ist.

Subjektive Fehlerquellen bei der Notengebung sind weiterhin6:

-Einfluss von Vor- und Zusatzinformation über den Schüler:

( Ist es ein Sitzenbleiber oder ein Spitzenschüler; aufmerksam oder unaufmerksam; fleißig oder faul ? )

-Einfluss von Sympathie und Geschlecht:

( Mädchen werden oftmals im Durchschnitt günstiger benotet, weil sie im Vergleich zu Jungen fleißiger, angepasster und ordentlicher sind. )

-Einfluss von Grundüberzeugungen:

( Z.B. Jungs sind mathematisch im höheren Maße begabt, als Mädchen; Lateinklassen sind besser als Französischklassen; Mädchen können Sprachen leichter erlernen etc. )

- Halo-Effekt und logischer Fehler: Bedeutet, wenn man von einem beobachteten Merkmal auf ein nicht beobachtetes schließt.

( Wer eine gute Heftführung besitzt ist auch ein guter Schüler; wer in Mathematik gut ist, ist auch in Latein gut etc.)

-Reihenfolge Effekt:

( Ein Schüler wird oftmals schlechter benotet, wenn z.B. in einer mündlichen Prüfung, ein guter Schüler vorher geprüft worden ist.)

Diese Aufzählung von subjektiven Fehlerquellen bei der Notengebung kommt natürlich nicht grundsätzlich bei jedem Schüler und in all der Fülle zum Ausdruck. Jeder Lehrkörper sollte sich allerdings bewusst sein, welchen Einflüssen er selbst unterworfen ist. Dies wäre der erste Schritt zu einer objektiveren Leistungsmessung.

In einer Schule, die junge Menschen auf ein Leben in einer Leistungsgesellschaft vorbereiten möchte, ist wahrscheinlich ein anderes Beurteilungsprinzip, als das der Ziffernote, kaum vorstellbar. Dennoch sollte sich die einzelne Lehrkraft bemühen, Leistungsmessung so objektiv und human wie möglich anzuwenden. Allein durch die unterschiedlichen Erziehungspraktiken des Elternhauses und den damit verbundenen Wertorientierungen, sowie ein unterschiedliches soziales bzw. ökonomisches Umfeld können dem Schüler das Erbringen schulischer Leistungen entweder erleichtern oder erschweren. Eine Ungerechtheit besteht folglich allein durch die ungleiche Ausgangslage der einzelnen Kinder oder Jugendlichen. Ein weiterer Faktor, der zur ungerechten Leistungsbewertung führt, ist also unbedingt zu vermeiden. Es darf an dieser Stelle auch nicht vergessen werden, dass für den Schüler der spätere Berufserfolg weitgehend vom Schulerfolg abhängt und aus dem Grund eher die Noten als das Wissen und die damit verbundene Neugierde im Vordergrund stehen. Eine dementsprechende Einstellung eines Schülers sollte daher, auch aus den Augen eines Lehrers, nachvollziehbar, wenn auch nicht akzeptierbar sein.

Es bleibt zu fragen, welche Alternativen zu der herkömmlichen Leistungsmessung dienen könnten, um den eigentlichen Sinn von Schule, die Neugierde am Wissen, anzustreben.

2. Alternativen zu den gebräuchlichen Ziffernoten

Um Schüler mit geringen Fähigkeiten den Konkurrenzkampf der Schule nicht als eine ständige Selbstwertbedrohung erleben zu lassen7, sondern ihnen stattdessen Hilfe anzubieten, wurde von vielen Pädagogen nach Alternativen zu den herkömmlichen Noten gesucht. Die geläufigste ist die schriftliche Beurteilung eines Schülers, wie man sie aus den Klassen 1 und 2 der Grundschule kennt.

Durch Leistungsbeurteilung werden im Verlauf der Schulzeit Handlungsbereitschaft, Lernfreude, Interessen und Werthaltungen aufgebaut, differenziert und stabilisiert8. Die Motivation zu einem verantwortungsbewusstem Leistungshandeln könnte mit dieser Art von Bewertung erreicht werden und folglich ebenso die Forderung an dem Interesse nach lebenslangem Lernen.

Diese Ergebnisse sind ganz leicht zu erklären. Das Beurteilungsschreiben wird, im Gegensatz zu Noten, für die Schüler durchschaubar, da in diesem Bezug auf den konkreten und individuellen Lernprozess eingegangen werden kann. Lernbereitschaft und Lernmotivation können dadurch gefördert werden. Zeigen sich trotz gleich bleibender Note Verbesserungen z.B. in der mündlichen Leistung, so besteht die Möglichkeit dies in dem Beurteilungsschreiben zu würdigen. Es gibt also hier nicht nur ein Entweder oder, sondern sehr viele Möglichkeiten der differenzierten Beurteilung des individuellen Schülers. Hinweise auf Stärken und Vorlieben, auf konkrete Leistungen und Beiträge zum gemeinsamen Unterrichtsgeschehen können, im Gegenteil zum Notenzeugnis, berücksichtigt werden. Von der Leistungsauslese- und Einstufung zu der Frage: Wo fehlt es dem Schüler ? Sachliche Erläuterungen, lobende, tröstende und ermutigende Anmerkungen können auch als Beurteilung des Sozial- und Arbeitsverhaltens in den Zeugnissen dienen. Diese Form von Leistungsmessung kommt in den Notenzeugnissen oftmals zu kurz. Nicht nur für Schüler, auch für Eltern wäre diese Art von Rückmeldung aufschlussreicher. Oftmals wird von ihnen die Ziffernote als Gütesiegel ihrer Erziehung und eigenen Intellektualität gesehen. Wir kennen das allgemein gültige, gesellschaftliche Vorurteil, dass Kinder von einem Ärzteehepaar grundsätzlich hervorragende Leistungen in der Schule bringen. Häufig überfordern Eltern ihre Kinder mehr als die Lehrer. Eine schriftliche Beurteilung über ihr Kind könnte vielleicht dieses Leistungsdruckdenken relativieren, da der Lernprozess und nicht die Endnote bei dieser Form von Zeugnis die oberste Priorität besitzt.

Eine weitere Möglichkeit der Leistungsbeurteilung könnte ein Beurteilungsbericht darstellen, der direkt an den einzelnen Schüler geschrieben wird:

Beispiel: Liebe Anna,

das letzte Halbjahr habe ich dich als eine sehr interessierte Schülerin erlebt u.s.w. Die letzten Wochen ist mir allerdings aufgefallen, dass es dir ein wenig Schwierigkeiten bereitet hat zu etc.

Hierbei ist allerdings zu beachten, dass die positiven Leistungen als erstes genannt werden, da sie ansonsten gegenüber den negativen an Bedeutung verlieren könnten. Extreme Leistungsänderungen oder Auffälligkeiten des Schülers sollten natürlich schon vor dem Ausstellen des Zeugnisses besprochen werden. Eine böse Überraschung darf die Beurteilung nicht darstellen. Dies gilt ebenfalls für das herkömmliche Zifferzeugnis. Durch schulische Fortbildungsseminare sollten sich Lehrer das Schreiben von Beurteilungen aneignen. Der Besuch dieser Seminare muss obligatorisch erfolgen. Es besteht ansonsten die Gefahr, dass man die Beurteilung ähnlich eines pseudo-psychologischen Gutachten verfasst.

Weitere Begründungen für eine Ablehnung der verbalen Beurteilung9:

- Wertung oder Diskriminierung durch die Beschreibung von Persönlichkeitseigenschaften
- Die Unmöglichkeit zu einer Beschreibung so vieler Schüler
- Verunsicherung der Eltern

Die Gefahr der Verunsicherung der Eltern könnte darin bestehen, dass Worte je nach der subjektiven Ansicht des Empfänger unterschiedliche aufgefasst werden. Diese Problematik habe ich schon auf der ersten Seite dieser Hausarbeit erwähnt.

Es sei auch in diesem Sinne zu überlegen, ob eine Leistungsbewertung, in welcher Form auch immer, Schüler nicht grundsätzlich daran hindert aus Neugierde am Wissen zu lernen. Manche Kritiker könnten sogar noch weiter in ihrer Argumentation gehen, indem sie behaupten, dass Schüler durch Leistungsbewertung ihren natürlichen Drang, Unbekanntes entdecken zu wollen, verlieren. Ich denke allerdings nicht, dass dies so ist. Kinder wollen, dass ihre Leistungen honoriert werden. Ebenso brauchen sie einen Anreiz, um kontinuierlich Leistung zeigen zu wollen. So lernen sie auch, dass Leistungen selbst verursacht werden und dass es gerecht ist, wenn unterschiedliche Leistungen auch unterschiedlich bewertet werden. Schulnoten haben folglich auch eine wichtige Sozialisierungsfunktion10. Es wird den Schülern bewusst, dass nicht alleine die gute Absicht, das Bravsein oder Sympathie und Liebe die Bewertung bestimmen, sondern einzig die Handlungsresultate10. Allmählich wird ihnen deutlich, dass nicht ihr Charakter beurteilt wird, sondern ihre Leistung. Diese Einsicht wird von ihnen benötigt und auch vorausgesetzt, wenn sie später einen Beruf ergreifen. Es ist eine wichtiges Ziel der Schule sie darauf vorzubereiten.

Neben den Vor -und Nachteilen der jeweiligen Bewertungsart bin ich persönlich zu der Entscheidung gekommen, dass das Mittelmaß, das heißt ein Kompromiss zwischen den drei Alternativen der richtige Weg ist, das pädagogische Bemühen des Lehrers sichtbar zu machen und gleichzeitig die kühle, autoritäre Form der Bewertung zu mildern. Die Möglichkeit der Leistungsbeurteilung bestünde in der Ergänzung der Ziffernote durch Kommentare bzw. verbale Zusätze. Dem Lehrer wird somit die Möglichkeit gegeben zwischen dem objektiven Leistungsansprüchen der Gesellschaft und den individuell gegebenen Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes zu vermitteln. Mit dieser Form von Leistungsbewertung wird Humanisierung der Schule nicht gleichgesetzt mit einer generellen Leistungssenkung. Es kommt sogar noch ein Bewertungsbereich hinzu, nämlich das des Sozialen und Affektiven. Somit könnten alle oben genannten Argumente, die für eine Bewertung nach Ziffernoten und für eine Bewertung nach einer verbalen Beurteilung sprechen, erfüllt werden. Schule würde dadurch humaner aber auch anspruchsvoller.

3. Leitlinien des pädagogischen Handelns

Humanere Schule hat nicht nur etwas mit der Form von Leistungsmessung zu tun. Es gibt einige Leitlinien, die berücksichtigt werden sollten, um das Wohlbefinden der Schüler zu steigern und somit auch ihre Leistungsfähigkeit. Die Faktoren, welche die Leistungen der Kinder beeinflussen können sind vielfältig. Nur wenige davon können von der Lehrkraft beeinflusst werden (z.B. Unterricht, Klassenleben, ermutigende Erziehung, vielleicht auch das Elternverhalten). Daher ist eine kräftige Mitgestaltung dieser einzelnen Bereiche von großer Wichtigkeit.

Der Lehrer sollte die Kinder am Unterrichtsablauf eines Schultages oder besser einer Schulwoche beteiligen. In vielen Schulen ist z.B. ein sogenannter Wochenplan eingeführt worden, mit dessen Hilfe sie an den einzelnen Tagen selbst bestimmen können, welche Aufgaben sie bearbeiten. Am Ende einer Schulwoche muss dieser allerdings abgearbeitet sein. Eine gute weitere Alternative ist, dass man Schüler bei der Wahl der nächsten Unterrichtssequenz mitentscheiden lässt. Somit können sie ihre Vorlieben mit in den Unterricht einbringen und zeigen folglich mehr Interesse am Schulalltag.

Nicht nur den Unterricht, sondern auch ihr Umfeld (u.a. Klassenraum, Schulhof, evt. Cafeteria) sollten Schüler mitgestalten. Nur so sind sie in der Lage sich mit ihrer Schule, in der sie schließlich die Hälfte des Tages verbringen, zu identifizieren und sich wohl zu fühlen. Dadurch steigt die Motivation und zwangsläufig ihre Leistung. Aus diesem Grund sollte man den Schülern die Planung des Klassenraumes und der Schule so weit wie möglich überlassen.

Für die Unterrichtsgestaltung und das Zusammenleben von Lehrer und Klassen- oder Kursgemeinschaft sollte folgendes gelten11:

- Überlegungen zur Unterrichtsplanung offen legen und begründen. Erklärungen abgeben, warum die Schüler dieses oder jenes lernen sollen.
- Schüler nach Varianten / Lösungswegen oder Ideen herausfordern. Manchmal trauen sie sich einfach nicht dieses los zu werden.
- Rechtzeitig ankündige, was in den nächsten Wochen und Monaten gelernt und bearbeitet werden soll. So können Schüler schon Material und Ideen zu der zukünftigen Unterrichtsequenz sammeln.
- Spielräume der Schüler für flexibles Lösen und Bearbeiten von Aufgaben offen lassen.
- Unterstützen beim Vorbereiten und Überstehen von Klassenarbeiten. Ebenso beim kooperativen Arbeiten untereinander. Das Konkurrenzverhalten untereinander soll somit eingeschränkt werden.
- Zeit für unterrichtliche Reflexionen lassen. Eine „Meckerstunde“ könnte dazu beitragen, dass Schüler und Lehrer gemeinsam Kritik am Unterrichtsgeschehen üben können.
- Die Verantwort für das Gelingen des Unterrichtes sollte den Schülern nicht vollständig abgenommen werden. Sonst besteht die Gefahr, dass die Kinder und Jugendlichen nur noch Konsumenten und Zuschauer von Unterricht sind.

Außerdem sollte der Lehrer sich ausführlich mit der Leistungsfähigkeit der Kinder in den einzelnen Altersstufen auseinander setzten. Es wirkt entmutigend, wenn Schüler vom Leistungsniveau her überfordert werden. Eine Unterforderung dagegen verhindert eine volle Leistungsentwicklung. Beides sollte daher aus pädagogischen Gründen vermieden werden. Über Könnenserfahrungen kann die Lernzuversicht gestärkt und die Leistungsfähigkeit entwickelt werden. In diesem Sinne spielt die Art der Würdigung von Leistung eine wichtige Rolle. Lob verteilt man am Besten differenziert. Oftmals reicht ein kleines Zunicken um zu zeigen, dass der Unterrichtbeitrag richtig war. Es besteht sonst die Gefahr der Lobermüdung. Weiterhin gibt es verschiedene Mittel und Arten die erbrachte Leistung zu würdigen. Dies können neben den verbalen auch mimische oder gestische Handlungen sein. Neben Noten auch Zeichen, welche vor allem in der Grundschule an Bedeutung finden. Die Kreativität des Unterrichtenden ist hier also im besonderen Maße gefragt. Die Leistungsbereitschaft der Schüler steigert sich dadurch, da diese wesentlich von ihrem Selbstwertgefühl, ihrem Selbstvertrauen und ihrer Erfolgszuversicht bestimmt wird12.

Außerdem sollte es selbstverständlich sein, dass Unterrichtsziele und Inhalte, Methoden und Arbeitsformen, die Materialien und Lernhilfen sinnvoll aufeinander abgestimmt werden, so dass Kinder lernen können. Das gleiche gilt natürlich auch für pädagogische Sensibilität und didaktisch-methodische Kompetenz. Aus diesem Grund ist die Wahl eines guten Schulbuches von so großer Wichtigkeit. Leider ist die Anschaffung eines neuen Lehrbuches mit einem großen Kostenfaktor verbunden und daher nur selten möglich. Die meisten Schulen besitzen, auf Grund der durchaus vorteilhaften Lehrmittelfreiheit, didaktisch-methodisch veraltete Lehrbücher. Um so notwendiger ist es, dass der Lehrer diese Misere durch seinen Unterricht ausgleicht. Geschieht dies nicht, so sinkt schnell die Motivation der Schüler.

Als weiterer Schritt zur humaneren Schule sollte die Lehrkraft die Schüler an der Notenfindung beteiligen. Der Beurteilungsvorgang wird für sie dann erst durchschaubar. Beide Parteien müssen sich mit den jeweils anderen Gesichtspunkten auseinandersetzen. Schüler lernen so Mitbestimmung und Verantwortung zu übernehmen. Lehrer lernen Schülern gegenüber Rechenschaft abzulegen und sich mit deren Vorstellungen auseinander zu setzten. Ebenso bekommen Schüler das Recht zur Gegendarstellung. Zur Entgültigen Notengebung kann eine Beratung innerhalb des Kollegiums hilfreich sein. Durch eine Zusammenarbeit der einzelnen Kollegen untereinander, wird die Objektivität der Note weiter verstärkt. Ebenso können zur Durchschaubarkeit den Schüler auch sogenannte Lernziellisten dienen, die vom Lehrer vor jeder Unterrichtssequenz ausgeteilt werden. Beurteilungsdimensionen sollten in allen Bereichen des Schullebens offen dargelegt werden. Das gilt auch für Prüfungen. Wann wird geprüft ? Wie viele Punkte werden für welche Aufgaben vergeben ? Wann gilt die Prüfung als bestanden ? Ebenso hängt von der Gestaltung der Prüfungssituation eine Verringerung der Ängste und eine damit verbundene Leistungssteigerung der Schüler ab. Eine sachliche und störungsfreie Atmosphäre dämpft die Aufregung der Prüflinge. Lehrer sollten daher auch nicht zu laut während einer Prüfung sprechen, sondern zu den fragestellenden Schüler hingehen und flüsternd mit ihm reden. Eine zu enge Zeitbegrenzung bewirkt ebenfalls Angst und Stress. In Übungsphasen des Unterrichts sollte vom Lehrer beobachtet werden, wie viel Zeit bei der Durchführung von Klassenarbeiten benötigt wird. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass gerader schwächeren Schülern eine schwierigkeitsstaffelnde Anordnung der Aufgaben im Test Mut machen kann. Die Aufregung wird sich auch bei ihnen legen, wenn sie merken, dass sie die Klausur anfangen können zu bearbeiten. Unsicherheit kann auch entstehen, wenn ein Lehrer ohne irgendeine Notwendigkeit den Schüler bei der Prüfung ins Heft schaut. Für die letzte Stunde vor der Klassenarbeit gilt, neuen Lehrstoff zu vermeiden. Besser sind dagegen sogenannte Frage- und Wiederholungsstunden. Damit der Schüler seine Leistung steigern kann, sollte sich der Lehrer um eine schnelle Rückgabe der Klausuren bemühen. Je länger die Prüfung her ist, desto schwerer wird es dem Einzelnen fallen, seine gemachten Fehler nachzuvollziehen. D.h. desto unwirksamer ist die Rückmeldung und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er seine Fehler in der Zukunft wiederholen wird. Damit dies nicht geschieht ist ebenso eine ausführliche Besprechung der Klausur von Nöten. Fehler, Irrtümer oder Missverständnisse müssen geklärt werden.

Doch nicht nur die Lehrer, sondern auch die Eltern sind bei Schulangst und Stress gefordert. Oftmals ist es gerade das Elternhaus, welches diese negativen Emotionen hervorruft. Kinder erkennen sehr schnell, dass Stolz, Freude, Ärger und Enttäuschung der Eltern von ihren Schulnoten abhängen. Die Gefahr hierbei liegt, dass die Bewertung, die für die Leistung einer Person gelten, auf die gesamte Person übertragen werden. Noten dürfen nicht als Tauschgeschäft für Liebe und Aufmerksamkeit erlebt werden. Vielleicht wären gemeinsame Lehrer-Eltern Schulungen und Seminare hilfreich, um humanerer Schulen bezüglich der Leistungsmessung zu schaffen. Die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern könnte dadurch gekräftigt werden. Eine Annäherung dieser beiden Fronten ist sicherlich wünschenswert.

Viele Schulen haben seit kurzer Zeit, mit der Unterstützung des jeweiligen Kultusministeriums, ihre Form der Leistungsmessung und Leistungsbeurteilung überdacht und sind dabei sie zu verändern. Sie sind zu dem Entschluss gekommen, dass Leistung nicht nur, wie bisher meist der Fall, produktorientiert gesehen werden kann, sondern auch einen prozessorientierten Anteil besitzt, der enorm vernachlässigt worden ist. Klassenarbeiten werden nun durch Hausarbeiten, Projektarbeiten und Präsentationen ersetzt und die Form des offenen Unterrichts, ebenso wie die Gruppenarbeit gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Ich bin der Meinung, dass dies eine Schritt in die richtige Richtung ist, da prozessorientiertes Lernen neben der fachlichen Kompetenz zusätzliche wichtige und angesehene Lernziele abdeckt. Selbständiges und kritisches Denken, intellektuelle Beweglichkeit, Leistungsfreude, Kooperationsfähigkeit, soziale Sensibilität, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit, sowie die Fähigkeit zur Selbstverantwortung werden gefordert und bei der Leistungsbewertung mit berücksichtigt13.

Literaturverzeichnis:

- Bartnitzky, Horst: „Umgang mit Zensuren in allen Fächern“ Bielefeld: Cornelsen Verlagsgesellschaft 1989
- Bovet, Gislinde und Huwendiek, Volker: „ Leitfaden Schulpraxis“ Berlin: Cornelsen Verlag 2000
- Gaude, Peter: „ Beobachten, Beurteilen und Beraten von Schülern“ Frankfurt a.M.: Diesterweg 1989
- Jürgens, Eiko: „ Leistung und Beurteilung in der Schule“ Sankt Augustin: Academia-Verlag 1992
- Olechowski, Richard und Rieder, Karin: „Motivieren ohne Noten“ Wien-München: Jugend und Volk Verlagsgesellschaft 1990
- Weiss, Rudolf: „Leistungsbeurteilung in den Schulen-Notwendigkeit oder Übel ?“ Wien-München: Jugend und Volk Verlagsgesellschaft 1989

[...]


1 „Motivieren ohne Noten“ von Richard Olechowski und Karin Rieder S. 45

2 „Motivieren ohne Noten“ von Richard Olechowski und Karin Rieder S. 62

3 „Beobachten, Beurteilen und Beraten von Schülern“ von Peter Gaude S. 72

4 „Motivieren ohne Noten“ von Richard Olechowski und Karin Rieder S. 19

5 „Motivieren ohne Noten“ von Richard Olechowski und Karin Rieder S. 18 4

6 „Leitfaden Schulpraxis“ von Bovet und Huwendiek S.250-252 6

7 „Motivieren ohne Noten“ von Richard Olechowski und Karin Rieder S. 155

8 „Motivieren ohne Noten“ von Richard Olechowski und Karin Rieder 7

9 „Leistungsbeurteilung in den Schulen-Notwendigkeit oder Übel?“ von Rudolf Weiss

10 „Leitfaden Schulpraxis“ von Bovet und Huwendiek S. 242

11 „Beobachten, Beurteilen und Beraten von Schülern“ von Peter Gaude S. 61

12 „Motivieren ohne Noten“ von Richard Olechowski und Karin Rieder S.122

13 „Leistung und Beurteilung in der Schule“ von Eiko Jürgens S. 14 13

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Leistungsmessung an Schulen - Leitlinien des pädagogischen Handelns
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V102830
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leistungsmessung, Schulen, Leitlinien, Handelns
Arbeit zitieren
Nadine Brinkmeyer (Autor), 2000, Leistungsmessung an Schulen - Leitlinien des pädagogischen Handelns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102830

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Leistungsmessung an Schulen - Leitlinien des pädagogischen Handelns


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden