Eine grundlegende Feststellung gleich an aller erster Stelle: Die Sprachkritik existiert nicht. Wichtig aber auch problematisch ist, dass man unter dem Begriff ´Sprachkritik` verschiedene Vorstellungen einer wie auch immer gearteten Kritik an Sprache subsumieren kann. Es existieren also nur verschiedene Formen der Sprachkritik. Bei Schwinn findet sich eine minimale Definition von ´Sprachkritik`, die die Gemeinsamkeit aller Arten von Sprachkritik vereint; diese kann nur lauten:
Sprachkritik ist Kritik an Sprache mit Sprache.
Gemeinsam ist jeder Kritik an Sprache also, dass sie sich der Sprache bedient, um eben dieselbe zu kritisieren. Trotz dieses offensichtlichen Zirkelschlusses kann man nicht umhin, festzustellen, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als von einer Metaebene herab mit Sprache auf Sprache zu schauen. Eine sprachkritische Äußerung macht folglich von der metasprachlichen Funktion dadurch Gebrauch, dass etwas mit Sprache über Sprache ausgesagt wird, und sie gibt zusätzlich noch eine Bewertung desjenigen sprachlichen Gegenstands ab, über den die Aussage gemacht wird. Schiewe formuliert es in etwas anderen Worten: "Sprachkritik hat es mit dem Sollen von Sprache zu tun. Sie macht Aussagen darüber, wie Sprache ´aussehen` oder wie sie benutzt werden soll." Im Vergleich zur Sprachwissenschaft allgemein besteht der Unterschied darin, dass die Sprachkritik Bestehendes wertet, während die Sprachwissenschaft dies lediglich beschreibt.
Wie bereits erwähnt, ist Sprachkritik nicht gleich Sprachkritik. An dieser Stelle wird es notwendig, einen Überblick zu geben über all das was man unter Sprachkritik verstehen kann. Hierzu sollen zwei Autoren herangezogen werden, die sich bereits ausführlich mit dem Bereich ´Sprachkritik` befasst haben und dementsprechend die verschiedenen Arten differenziert und dargelegt haben. Heringers Versuch einer Systematisierung der Facetten der Sprachkritik soll den Anfang dieses einführenden, theoretischen Teils der Ausführungen zum Thema ´Sprachkritik` bilden, gefolgt vom Gliederungsvorschlag von Peter von Polenz.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gegenstandsbestimmung - Formen der Sprachkritik
2.1 . Formen der Sprachkritik nach Heringer
2.2. Formen der Sprachkritik nach von Polenz
2.3. Allgemeine Bemerkungen zur vorliegenden Arbeit
3. Der sprachkritische Weg ins 19. Jahrhundert
3.1. Joachim Heinrich Campe – Der französische Traum in Deutschland
3.2. Campes Sprachprogramm
4. Sprachkritik des 19. Jahrhunderts
4.1. Die erste Jahrhunderthälfte – Sprachkritik im Spiegel der Aufklärung
4.2. Die Situation des Bürgertums zu Beginn des 19. Jahrhunderts
4.2.1. Klassengesellschaft als Ursache für Sprachkritik
4.2.2. Die politische Öffentlichkeit in Deutschland
4.3. Carl Gustav Jochmann – Sprache und Öffentlichkeit
4.4. Die zweite Jahrhunderthälfte - Sprachkritik im Dienst sozialer Abgrenzung
4.5. Jacob Grimm und der Sprachverfallsmythos
4.6. Grundlegende Veränderungen im Gesellschaftssystem
4.6.1 Kommunikative Folgen des gesellschaftlichen Wandels
4.6.2. Die Verteidigung bildungsbürgerlichen Sprachkapitals
4.6.3. Entkonturierung des Bildungsbürgertums und Verbürgerlichung von Adel und Arbeiterschaft
4.7. Arthur Schopenhauer – Sprachskepsis und Sprachpessimismus
4.8. Friedrich Nietzsche – Sprachkritik als Begriffskritik
4.9. Friedrich ´Fritz` Mauthner – Erkenntniskritik und Ideologiekritik
4.10. Hugo von Hofmannsthal – (Ver-) Zweifeln an der Sprache
4.11. Pressekritik – Zeitungsdeutsch im und unter Druck
4.11.1 Ferdinand Kürnberger – Zeitungskritik im Zeitalter der Massenmedien
4.11.2. Karl Kraus – Der Nörgler
5. Anstelle eines Schlusswortes
6. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und die verschiedenen Ausprägungen der Sprachkritik im 19. Jahrhundert. Das zentrale Ziel besteht darin, den Wandel von einer aufklärerisch motivierten, demokratischen Sprachkritik hin zu einer erkenntnistheoretischen und schließlich einer sozial-defensiven oder pressekritischen Sprachbetrachtung nachzuzeichnen und die theoretischen Grundlagen der wichtigsten Vertreter zu analysieren.
- Systematisierung verschiedener Formen der Sprachkritik nach Heringer und von Polenz.
- Analyse des sprachpolitischen Einflusses von Joachim Heinrich Campe und Carl Gustav Jochmann.
- Untersuchung der Sprachkrise und der Sprachskepsis bei Schopenhauer, Nietzsche, Mauthner und Hofmannsthal.
- Darstellung der Pressekritik bei Ferdinand Kürnberger und Karl Kraus als Reaktion auf gesellschaftliche Phänomene.
Auszug aus dem Buch
3.2. Campes Sprachprogramm
Die Anfänge von Campes Spracharbeit lagen aus den oben erwähnten Gründen in Frankreich. Die Beobachtung, dass in Paris ein Mann oder eine Frau aus den unteren Schichten sich sprachlich auf ähnlichem Niveau wie die Gebildeten ausdrücken konnten, ließ ihn über die Zustände in Deutschland nachdenken. Grundsätzliche Kritik übten Campe und seine sprachkritischen Zeitgenossen wie beispielsweise Carl Gustav Jochmann an der einseitig schreibsprachlichen, akademischen und belletristischen Beschränkung der deutschen Sprache und am Fehlen einer mündlichen öffentlichen Sprachkultur. Campe bewunderte sowohl das Interesse des einfachen Mannes am politischen Zeitgeschehen als auch die öffentlichen Versammlungen, in denen jene neuesten politischen Ereignisse diskutiert wurden. In seinen Briefen aus Paris schrieb er:
" Mit Erstaunen bemerkte ich vor einigen Tagen, dass die Broschüre, die ein solcher Straßenclub von Wasserträgern, Savoyarden und anderem Pariser Pöbel sich vorlesen ließ, einer von den Entwürfen der ´Déclarations des droits des Hommes` war, welche einige Mitglieder der Nationalversammlung [...] drucken ließen. [...] Lastträger sich mit den Rechten der Menschheit unterhalten zu sehn, welch ein Schauspiel."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert Sprachkritik als Kritik an Sprache mit Sprache und führt in die Notwendigkeit ein, verschiedene Formen der Sprachkritik zu systematisieren.
2. Gegenstandsbestimmung - Formen der Sprachkritik: Erläutert die theoretischen Systematisierungsansätze von Heringer und von Polenz, um ein wissenschaftliches Verständnis für die verschiedenen Ausprägungen der Sprachkritik zu schaffen.
3. Der sprachkritische Weg ins 19. Jahrhundert: Analysiert Joachim Heinrich Campe als wichtiges Bindeglied, dessen politisch motiviertes Sprachprogramm den Übergang zur Sprachkritik des 19. Jahrhunderts markiert.
4. Sprachkritik des 19. Jahrhunderts: Bildet den Hauptteil der Arbeit, der die Entwicklungslinien von der Aufklärung über Sprachskepsis bis hin zur Pressekritik bei Autoren wie Kraus und Kürnberger detailliert nachzeichnet.
5. Anstelle eines Schlusswortes: Ein abschließendes Gedicht von Walter Helmut Fritz verdeutlicht die Problematik des Sprachgebrauchs aus einer literarischen Perspektive.
6. Literatur: Listet das verwendete wissenschaftliche Quellenmaterial auf.
Schlüsselwörter
Sprachkritik, Sprachgeschichte, 19. Jahrhundert, Aufklärung, Sprachskepsis, Sprachverfall, Öffentlichkeit, Pressekritik, Joachim Heinrich Campe, Carl Gustav Jochmann, Jacob Grimm, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Fritz Mauthner, Karl Kraus, Ferdinand Kürnberger.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen Überblick über die Geschichte der Sprachkritik im 19. Jahrhundert und beleuchtet, wie sprachkritische Ansätze von den Ideen der Aufklärung bis hin zur literarischen Sprachkrise der Moderne reichten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Verbindung von Sprache und Gesellschaft, das Entstehen einer politischen Öffentlichkeit, der Topos des Sprachverfalls sowie die Kritik an der Sprache der Medien und des Journalismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Wandel der Sprachkritik darzustellen, beginnend bei Campe als demokratischem Reformer bis hin zu Kraus, der die Sprachentfremdung in einer von Massenmedien geprägten Zeit scharf kritisierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und sprachhistorische Analyse, die auf der systematischen Auswertung fachwissenschaftlicher Literatur und der Untersuchung exemplarischer Texte bedeutender Sprachkritiker basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Rahmenbedingungen, bedeutende Akteure wie Grimm, Schopenhauer oder Nietzsche sowie die spezifische Rolle der Pressekritik durch Kürnberger und Kraus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Sprachkritik, Sprachkrise, politische Öffentlichkeit, Sprachverfall und der Zusammenhang von Sprachgebrauch und gesellschaftlicher Macht.
Warum spielt Joachim Heinrich Campe eine besondere Rolle?
Campe gilt als entscheidendes Bindeglied zwischen den sprachkritischen Bestrebungen vor und nach seiner Zeit, da er als Erster den politischen Aspekt in die deutsche Sprachkritik einführte.
Wie unterscheidet sich die Kritik von Karl Kraus von anderen Sprachkritikern?
Kraus übte keine abstrakte Erkenntniskritik, sondern eine sehr vehemente, praxisorientierte Kritik an der Sprache der Presse, die er für den Verfall von Denken und Moral verantwortlich machte.
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- Antje Leupold (Author), 2002, Sprachkritik im 19. Jahrhundert - Ein Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10283