Massenkommunikation-Begriff, Funktion und Gruppeneinfluß


Hausarbeit, 2001
11 Seiten, Note: 1,6

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1. Massenkommunikation

1.1 Der Begriff Massenkommunikation und Massenmedien

Der Begriff „Massenkommunikation“ ist durch die Übernahme des angloamerikanischen „mass communication“ in die deutsche Sprache entstanden, ohne allerdings die wertbezoge- nen Implikationen des mitteleuropäischen Masse-Begriffs hinreichend zu berücksichtigen. In der konservativen Kultur- und Gesellschaftskritik galt seit Gustav Le Bons „Psychologie der Massen“ (1895) das Wort Masse als Synonym für Instinkthaftigkeit und irrationale Beein- flußbarkeit , sowie für den durch Industrialisierung und Urbanität verursachten Verlust von Individualität und Mitte. Von Orlege y Gassets wird in der Massenpsychologie (1930) die These der unsichtbaren oder latenten Masse vertreten. Das bedeutet, mit fortschreitender In- dustrialisierung weist eine Mehrheit der Menschen bestimmte Veränderungen auf, die schließ- lich zum „Massenmenschen“ im „Massenzeitalter“ führen. Dieser „Massenmensch“ soll sich durch Persönlichkeitsverarmung, Verschwinden von Selbstständigkeit, Verantwortungsbe- wußtsein und Initiative auszeichnen, so daß die öffentliche Meinung, die durch massenmedial verbreitete Propaganda entsteht, das Denken und Handeln des einzelnen Menschen bestim- men.1

Der Theorie der Massengesellschaft entsprach anfangs die Theorie des allmächtigen Wir- kungs- und Manipulationspotentials der Massenmedien. Sie ging davon aus. Daß die Indivi- duen nicht mehr durch Gruppenbindungen und angestammte, gemeinsame Wertsetzungen vor den Einwirkungen der Massenmedien geschützt seien, denn diese galten als bedenklich und antitraditionell. Die Bezeichnung „Masse“ im Terminus „Massenkommunikation“ soll weder explizit massenpsychologisch noch kulturkritische Assoziationen wecken, denn es soll damit auf die zu vermittelnden Aussagen an eine Vielzahl von Menschen hingewiesen werden.2 Nach Wright ist diese Vielzahl unüberschaubar, weil sie einen zahlenmäßigen Umfang hat, der es unmöglich macht persönlich von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Die Mas- se ist zudem auch noch heterogen und anonym.

In einer der ersten deutschsprachigen Darstellungen amerikanischer Massenkommunikations- forschung, in Gerhard Maletzkes „Psychologie der Massenkommunikation“ (1963), verwen- det er statt „Masse“ den Begriff „disperses Publikum“. Darunter sind einzelne Individuen, aber auch kleine Gruppen zu verstehen, die sich einem gemeinsamen Gegenstand, nämlich den aussagen der Massenkommunikation, zuwenden. Zwischen den Gliedern eines dispersen Publikums bestehen in der Regel keine zwischenmenschlichen Beziehungen, denn meist sind sie räumlich voneinander getrennt und voneinander getrennt, wobei sie jedoch dabei wissen, daß außer ihnen noch zahlreiche andere Menschen dieselbe Aussage aufnehmen. Schließlich sind disperse Publika noch vielschichtig inhomogen, das heißt sie umfassen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die unterschiedliche Interessen und Meinungen vertreten und deren Lebens- und Erlebnisweise sich oft erheblich voneinander unterscheidet. Zudem ist ein disperses Publikum unstrukturiert und unorganisiert.3

Es wird deutlich sichtbar, daß sich Massenkommunikation von der direkten interpersonalen Kommunikation unterscheidet, denn die kommunizierenden Partner begegnen einander nicht „face to face“ und es wird ein breiter Querschnitt der Bevölkerung und nicht eine bestimmte Person angesprochen. Maletzke spricht von einer indirekten Kommunikation, da üblicherweise auch noch eine räumliche Distanz oder eine raum-zeitliche Trennung zwischen Kommunikator (Sender der Nachricht) und Rezipient (Empfänger der Nachricht) vorhanden ist. Es fehlt der typische Rollen- und Positionstausch und ebenso fehlt sie direkte Rückkopplung zwischen Kommunikator und Rezipient , so daß die Kommunikation einseitig verläuft.

Laut Maletzke soll unter Massenkommunikation jener Pr0zeß verstanden werden, bei dem Aussagen öffentlich ( ohne begrenzte oder personell definierte Empfängerschaft), indirekt (bei räumlicher, zeitlicher oder raum-zeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern), und einseitig (ohne Rollenwechsel zwischen Aussagendem und Aufnehmendem) durch technische Verbreitungsmittel (sog. Massenmedien) an ein disperses Publikum vermittelt werden.4 Erst der Einsatz und die Existenz der Massenmedien ermöglicht Massenkommunikation. Alle Medien, über die durch Techniken der Verbreitung und Verfielfältigung mittels Schrift, Bild und /oder Ton optisch bzw. akustisch Aussagen an eine unbestimmte Vielzahl von Menschen vermittelt werden, gelten als Massenmedien.5

Der Massenkommunikationsprozeß ist ein Vorgang, in dem der oder die Kommunikatoren technische Vorrichtungen verwenden, um einer großen Anzahl von Menschen etwas zu ver- mitteln. Sie haben das konstante Ziel kommunikativen Handelns, nämlich Verständigung und damit Kommunikation herzustellen. Diese kann nur zustande kommen, wenn auch der Rezi- pient der Botschaft bereit ist zu verstehen und wenn beide Teile in gleicher Weise das Ziel der Verständigung verfolgen. Kommunikation kann also grundsätzlich stattfinden, muß es aber nicht notwendigerweise.6

2. Die Funktionen von Massenkommunikation

Nach Merton sind Funktionen eine gewisse Art von Wirkungen und bezogen auf Massenkommunikation rücken damit die Leistungen in den Mittelpunkt, welche die Massenmedien für das jeweilige Gesellschaftssystem erfüllen.7

Ein soziales System ist als ein System von Handlungen zu verstehen, denn es besteht nicht aus konkreten Personen, sondern nur aus konkreten Handlungen. Personen sind Aktionssys- teme eigener Art, „die durch einzelne Handlungen in verschiedene Sozialsysteme hineinge- flochten sind, als System jedoch außerhalb des jeweiligen Sozialsystems stehen. Alle Perso- nen, auch die Mitglieder sind daher für das Sozialsystem Umwelt.8 “ Der Mensch steht stets in Konfrontation mit der hochkomplexen, sich rasch verändernden Umwelt, die seiner Kontrolle entzogen ist. Er muß Leistungen erbringen und Aufgaben lösen, welche die Umwelt an ihn stellt und dies wiederum kommt der gesamten Gesellschaft zugute. Nicht alle Leistungen ei- nes sozialen Systems, die der Anpassung an Umweltveränderungen dienen, sind förderlich, weshalb man „funktionale“ und „dysfunktionale“ Leistungen unterscheiden kann. Funktional sind diejenigen Folgen eines sozialen Elements (z.B. eine Handlung), die die Anpassung eines gegebenen Systems an die Umwelt fördern; während diejenigen Konsequenzen, die die An- passung eines Systems beeinträchtigen bzw. mindern, als Dysfunktion bezeichnet werden.9

Wenn Funktionen des Massenkommunikationssystems in der heutigen westlichen Industrie- gesellschaft untersucht werden, geht es dabei um die Konsequenzen, die aus den kommunika- tiven Handlungen entstehen. Nach Ronneberger bedeutet Funktion diejenige „im wesentli- chen geistige Tätigkeit, die von sozialen Systemen in einer hochentwickelten und komplexen Industriegesellschaft darauf hin beurteilt wird, inwieweit sie ihren Bedürfnissen und Erwar- tungen gerecht wird ... Es ist jeweils zu fragen, auf welche Umweltsysteme sich eine journa- listische aussage bezieht, um daraus auf Art und Grad der Leistung schließen zu können.10

In den folgenden Abschnitten werde ich genauer auf die drei Funktionsarten eingehen, die in soziale, politische und ökonomische Funktionen unterteilt werden.

2.1 Soziale Funktionen

Alle Leistungen der Massenmedien, die sie im Hinblick auf die gesellschaftliche Umwelt als soziales System erbringen, gelten als soziale Funktionen.

Eine zentrale Leistung die erbracht wird und für das Zusammenleben der Menschen in indus- triellen Großgesellschaften notwendig ist, ist die Sozialisationsfunktion. In Industriegesell- schaften kann ein Kind nicht alle von ihm erwarteten Rollen von der primären Gruppe, also den Eltern oder den freunden lernen, denn die starke Differenzierung in der Wirtschaft und die Organisation in formellen gruppen, fordert andere Kenntnisse und Verhaltensweisen, de- ren Rollenmuster ein Kind zum großen Teil in den Aussagen der Massenmedien finden kann. Sei es, daß sie Vorstellungen von kulturgerechtem Menschsein dadurch vermitteln, daß sie durch Lern- und Bildungsstoffe zur Kultur erziehen, oder, daß sie infolge ihres breiten Unter- haltungsangebotes durch Kultur erziehen, indem sie Leitbilder prägen und/oder sozialen Wandel beeinflussen.11

Vier typische Sozialisatoren in der Massenkommunikation wurden von Ronneberger heraus- gearbeitet: Zunächst wird die jeweilige Redaktion der Presse, Fernseh- oder Rundfunkanstalt genannt. Ihre sozialisierende Kraft kommt aus der Regelmäßigkeit und Kontinuität der Pro- duktion, so daß etwas Gewohntes immer wiederkehrt. An zweiter Stelle werden die natürli- chen Personen, wie Kommentatoren, Kolumnisten und die Kommunikatoren in den audiovi- suellen Medien die Moderatoren, Sprecher und Showmaster genannt. Sie vermitteln dem Re- zipienten eine verstärkte Illusion der persönlichen Begegnung. Literarische Symbolfiguren bilden die dritte Kategorie und sind fester Bestandteil des Journalismus. Sie können als posi- tive oder negative Leitbilder auftreten und regen zur Identifikation und Nachahmung an. Gruppe Nummer vier bilden die Helden aus Kriminal- oder Abenteuerfilmen, die einen hohen Identifikationsgrad aufweisen.12

Massenmedien vermitteln vor allem Denkformen und Verhaltensweisen, die das Leben in komplex organisierten Gesellschaften überhaupt erst ermöglichen und außerdem der Erhal- tung und Weiterentwicklung dieser Systeme dienen. Das Vermitteln von Werten, Leitbildern und Normen dagegen ist in hohem Maße Aufgabe von Schule, Familie und Freundeskreis. Eine weitere Sozialfunktion der Massenmedien ist die soziale Orientierung. Die Medien ver- sorgen uns mit vielen Details, die uns das Zurechtfinden in unserer ständig größer werdenden Umwelt erleichtern. Laut Ronneberger helfen uns die Massenmedien „von der Bereitstellung der Güter und Dienstleistungen einer entwickelten Industriegesellschaft nützlichen Gebrauch zu Machen, den Mangel an primären sozialen Kontakten und Erfahrung auszugleichen und uns im Alltag zeit- und raumgerecht zu verhalten.“13. Es gibt viel weniger gemeinsam erlebte Ereignisse unter den Menschen in Industriegesellschaften, dafür ist der Anteil am Miterleben der Handlungen anderer Menschen sehr hoch. Massenmedien ermöglichen es uns wieder Gemeinsamkeit im Erleben und Handeln der Menschen zu sehen, da uns alle möglichen Erfahrungs-, Denk- und Handlungsweisen vorgeführt werden.

Als dritte soziale Funktion wird die Rekreationsfunktion aufgeführt. Das bedeutet, daß die Massenmedien Unterhaltungsprogramm bieten, das zur Zerstreuung und Ablenkung nach der erledigten Tagesarbeit dient. Sie können zur psychische Stimulierung oder Entlastung, sowie zur Entspannung und Erholung verhelfen. Die Unterhaltung heutzutage scheint vielfach Wertkriterien und kognitive Ansprüche zu ignorieren und allein auf Resonanz und Effekt zu setzen. Immer wieder haben sich gefällige Muster bewährt, mit denen Unterhaltung gemacht wird. Dies sind im wesentlichen Klatsch, Action, Sex, persönliche Schicksale mit vielen Ver- strickungen, Unfälle, Naturkatastrophen oder auch sehr sentimentale Geschichten.14 Trotz der befürchtenten Niveauverminderung finden aber auch Programme Anklang, die mit Unterhal- tung intellektuelle Herausforderung, Einfallsreichtum, Ironie und Humor verbinden. Was Un- terhaltung ist, bestimmt sich aus dem Ergebnis heraus. Für die einen ist es das Gefühl der Be- friedigung, Beruhigung oder sie kann ihnen sogar Nervenkitzel oder Angstlust bringen. Für andere gibt Unterhaltung Anstoß zur Imagination und Phantasiebildung. Rezipienten können mitleiden, sich stellvertreten Emotionswallungen und rückhaltlosen Gefühlsausbrüchen hin- geben, wenn die Szenarien dazu animieren und so empfunden werden. Unbestreitbar baut Unterhaltung bei den Konsumenten stark auf Emotionen und Affekten; kognitive Komponen- ten sind zwar involviert, aber selten dominant.

Die Integrationsfunktion wird als die vierte Funktion genannt. In einer differenzierten Gesell- schaft besteht ständig die Gefahr, des Auseinanderklaffens, so daß es eine wichtige Aufgabe der Massenmedien ist, Integration herzustellen und zu bewahren. Nach Maletzke hätten Me- dien dafür zu sorgen, „daß der Mensch über seinen eigenen Erfahrungshorizont (...) hinaus die Gesellschaft als Ganzes sieht und sich ihr zugehörig fühlt, sich mit ihr identifiziert“.15 Wenn die Programme versuchen Randgruppen zu berücksichtigen und auf deren Nöte eingehen, eine Vielfalt von Lebensformen und Anschauungen sichtbar machen, dann werden von den Medien bewußt Integrationsziele verfolgt. Das gilt auch, wenn sie Denk- und Verhaltensmuster, Status- und Rollenbilder anbieten, an denen sich die jungen Leute orientieren können.

2.2. Politische Funktionen

Alle Leistungen der Massenmedien, welche sie im Hinblick auf die gesellschaftliche Umwelt als politisches System zu erbringen haben, werden als politische Funktionen bezeichnet. Als zentrale Funktion der Medien in der Demokratie legt Ronneberger zunächst das Herstel- len von Öffentlichkeit fest. Öffentlichkeit wird von den Medien der Massenkommunikation heutzutage im wahrsten Sinne des Wortes „gemacht“. Sie entsteht und besteht in wesentlichen dadurch, daß Informationen via Massenmedien veröffentlicht, also öffentlich zugänglich ge- macht werden. In einer Demokratie können politische Entscheidungen nur getroffen werden, wenn diese Ausdruck des Willens der Bevölkerung sind. Willensbildung erfordert jedoch Klä- rung und Diskussion von Meinungen. „Durch das Öffentlichmachen ihrer Programme, Ab- sichten, Forderungen. Ziele treten alle, die am politischen Prozeß beteiligt sind, mit- und un- tereinander in Kommunikation.16 “ Im Idealfall entsteht demokratische Willensbildung aus der permanenten Diskussion der Gesellschaftsmitglieder, doch Kritiker sehen in der öffentlichen Darstellung von Politik dysfunktionale Element. Wir sind einer Informationsflut ausgesetzt, die sich auch als kontraproduktiv erwiesen hat, „denn über Erfolg oder Mißerfolg politischer Maßnahmen entscheidet immer weniger die Richtigkeit der Maßnahme an sich und immer mehr die Art ihrer öffentlichen Thematisierung (...) Die öffentliche Inszenierung wird zu ei- gentlichen Erfolgskriterium der Politik.“17.

Die Medien müssen der Vielfalt der vorhandenen Interessen und Meinungen zur Artikulation verhelfen und das Sprachrohr für alle demokratisch akzeptablen Parteien, Verbände und Interessenverbände darstellen. Den Massenmedien kommt dadurch eine Artikulationsfunktion zu. Sie stimmen unterschiedliche Standpunkte aufeinander ab und die jeweiligen Interessen müssen in der von den Medien geschaffenen Sprache artikuliert werden, so daß den Journalisten die Funktion des Vermittlers bzw. Übersetzers zugeschrieben werden kann.

Auch im hinblick auf das politische System gibt es die Sozialisationsfunktion. Angesichts des hohen Differenzierungsgrades der Gesellschaft ist das politische System unübersichtlich ge- worden. Politische Sozialisation bedeutet, daß politische Rollen wie z.B. Wähler, Parteimit- glied usw. transparent gemacht werden, denn nur so können Möglichkeiten und Chancen ak- tiver Teilnahme am politischen Geschehen sichtbar gemacht werden. Nicht zu trennen von der Sozialisationsfunktion ist die politische Bildungsfunktion der Medien. Bildung im demokrati- schem Sinn wird als die Fähigkeit definiert, „Informationen aufzunehmen und zusammenhän- gend zu verstehen“, so daß der Mensch schließlich zur Meinungsbildung befähigt ist.

Auch die Kritik- und Kontrollfunktion der Massenkommunikation ist eine wesentliche Leis- tung, die erbracht wird. Die Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft müssen die Fähig- keit und Möglichkeit zur Kritik an Machtträgern haben. Kritik in einer organisierten Gesell- schaft gibt es in Regierung, Opposition, Gewerkschaft, Unternehmer- und Interessenverbän- den, die sich gegenseitig kritisierten und auch seitens der Staatsbürger wird Kritik am Staat, Parteien usw. geübt. Von den Massenmedien wird diese Kritik als vielstimmiger Dialog dar- gestellt, und durch das Veröffentlichen, haben die Medien in gewissem Maße auch Kontrolle über kritisierte Zustände oder Vorgänge, denn es kann „die Veröffentlichung allein (oder die Angst davor) schon zu einer Verhaltensänderung führen, sonst allenfalls Sanktionen (Verur- teilung, Abwahl etc.) durch zuständige Gremien, die durch die Veröffentlichung aktiviert werden.“18 Damit die Medien ihre Kontrollfunktion erfüllen können , müssen sie unabhängig von gesellschaftlichen Machteinflüssen arbeiten und die Freiheit haben an alle Informationen zu gelangen, denn jede Informationsbehinderung schwächt die Demokratie, weil sie die Fä- higkeit zu der auf jedermann lastenden Mitverantwortlichkeit mindert. Nach Ronneberger müssen die Medien autonom, vielfältig und ausgewogen arbeiten, um ihre Funktionen erfüllen zu können19.

2.3. Ökonomische Funktionen

Alle Leistungen der Massenmedien, welche sie im Hinblick auf die Gesellschaft als ökonomisches System erbringen, gelten als ökonomische Funktionen.

Schon allein durch ihre bloße Existenz, ermöglichen die Massenmedien unmittelbare Kapitalverwertung (Gewinnerzielung), so kann direkt in massenmediale Betriebe investiert werden. Mittelbare Kapitalverwertung wird durch die von den Medien produzierten Inhalte erbracht und dort liegen die eigentlichen, weitreichenden Funktionen der Massenkommunikation, denn durch gedruckte oder gesendete Inhalte können Medien in Prozesse der Warenzirkulation und Mehrwertrealisation unterstützend eingreifen.20

Als zentrale ökonomische Funktion der Massenmedien gilt die sogenannte Zirkulationsfunk- tion. Sie beschreibt die unterstützende Aktivierung der Ware-Feld-Beziehungen, wodurch die Umschlagzeit der Waren verkürzt wird. Massenmedien wirken wie ein Motor des Wirt- schaftskreislaufes. Dies geschieht, indem Massenmedien als Werbeträger für Interessen des Einzelkapitals auftreten. Wirtschaftswerbung vermittelt Produktinformation im Rahmen einer „Mixtur aus Pseudo-Realität, Warenfetischismus, Prestigeideologie und ewiger Gaudi“21, wo- bei meist persöhnliche Bezüge auftreten. Hörfunk- und Fernsehanstalten animieren ihre Kon- sumenten, auch als Kunde tätig zu werden. Auf der anderen Seite, werden kapitalistische Pro- duktions- und Machtverhältnisse ideologisch durch Medieninhalte gefestigt. Nach Holzer erbringen die Medien hier noch ein „weiteres Bündel von Leistungen, mit denen sie das kapi- talistische Wirtschaftssystem stabilisieren: Wissensvermittlung, Sozialtherapie und Legitima- tionshilfe.“22 Um über die Entwicklung und Differenzierung informiert zu sein, braucht der Rezipient das Wissen, damit er entscheiden und handeln kann. Sozialtherapie ist notwendig, um für die Defizite und Einschränkungen, die die eigenen Zwänge kennzeichnen, Ent- lastungs- und Kompensationsmöglichkeit zu haben. Legitimationshilfe braucht man, um die eigene Situation zu deuten und die auftauchenden Ereignisse und Verhaltensweisen rechtfer- tigen und kritisieren zu können. Hinzu kommt, daß Massenmedien gesellschaftliche Tatbe- stände personalisieren, das bedeutet, daß sie „gesellschaftspolitische Themata vornehmlich als Probleme von Personen und deren psychischer Verfassung“23 darstellen. Dies geschieht vor allem in den audiovisuellen Medien, da sie mit Abbild- und Abfilmbaren Material arbeiten.

Ronneberger weist auf die Gefahr der Selektion hin, so daß weniger attraktiv gestaltbare Aussagen in den Hintergrund treten oder ganz entfallen.24

2.4. Information

Mit der Informationsfunktion soll noch eine weitere, sehr wichtige und zentrale Leistung der Massenmedien erläutert werden. Diese Funktion ist eine Leistung, die im Hinblick auf das soziale, politische und ökonomische System erbracht wird. Informationen sollen die Kennt- nisse und das Wissen des Empfängers erweitern und nur wenn eine Aussage uns etwas mit- teilt, daß wir noch nicht wußten, kann man von einer Information sprechen, so daß der Infor- mationsgehalt einer Botschaft vom bisherigen Wissensstand des Empfängers abhängt. Infor- mation kann durch zwei Wege vermittelt werden. Zum einen durch die Primärerfahrung, d.h. durch eigene Erlebnisse im direkten Umgang mit den „Dingen“ werden Informationen vermit- telt, oder zum anderen durch Kommunikation, in dem man sich über „Dinge“ verständigt, ohne direkten Kontakt zu ihnen zu haben.25 „Anstelle einer direkt zugänglichen, primär er- fahrbaren Wirklichkeit präsentieren uns die Massenmedien ständig neue „Wirklichkeiten“, die wir als sekundäre Erfahrungen längst zu akzeptieren gelernt haben.“26 Einen großen Teil der Erfahrungen erhält der moderne Mensch aus publizistisch vermitteltem Bild und Ton und wir sprechen nach Ronneberger diesen sekundären Erfahrungen mehr Authentizität zu, als unse- ren eigenen, da wir diese als einseitig und zufällig betrachten. Massenmedien verhelfen uns zu Informationen, die uns von allein gar nicht zugänglich wären und bringen uns Tatbeständen näher, die man meist nicht selbst erfahren hat und von deren Existenz man sonst nichts ge- wußt hätte, wodurch uns eine wichtige Orientierungsleistung geboten wird. Die sekundären Erfahrungen sind bedeutend für die öffentliche Debatte, politische Willensbildung, für die gesamtgesellschaftliche Integration, sowie für Prozesse der Kapitalverwertung.

3.Gruppeneinfluß auf die Medienwirkung

Mitglieds- und Bezugsgruppen und die in ihnen vertretenen Ansichten sind wichtige Determi- nanten der Wirkung von Massenmedien auf den einzelnen. Folgt man Secord & Backmann (1976) haben Gruppen drei Möglichkeiten, die Wirkung von Massenmedien zu beeinflus- sen.27

1. Einfluß auf Art und Intensität des Medienkonsums ist die Gruppenstruktur, so daß Grup- penmitglieder Informationen von außen aufnehmen und entsprechend ihren Einstellungen und Werten an andere Gruppenmitglieder weitergeben und dabei selektieren oder einige Aussagen blockieren und aus der Gruppe heraus lassen. Herrscht in einer Gruppe ein ho- her Kohäsionsgrad, besteht die Neigung, nur solche Informationen weiterzugeben, die kaum Dissonanzen hervorrufen, sodaß der Gruppenzusammenhalt nicht gefördert wird. Bestimmte Personen in der Gruppe, meist der Führer oder leitende Personen, versuchen darauf zu achten, daß nur erwünschte, d.h. “den Gruppenzielen, -werten und -normen ent- sprechende, durch die Medien vermittelte Informationen konsumiert werden“28. In Famili- en, Clubs, Freundeskreisen, religiösen und politischen gruppen ist das lesen bestimmter Zeitungen unerwünscht oder „leichte“ Fernsehunterhaltung wird als niveaulos diskredi- tiert. Oft erreichen als anspruchslos geltende Filme oder Serien in allen Bildungsschichten in der Bevölkerung hohe Einschaltquoten, obwohl sie gemeinhin als primitiv und seicht gelten und abgewertet werden in der öffentlichen, sowie privaten Diskussion. Aktuelles Beispiel liefert die umstrittene Serie „Big Brother“.

2. Zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit von verschiedenen Kommunikatoren und deren ge- sendeter Information, kann eine Gruppe Normen und Regeln erlassen. Besitzen die Kom- munikatoren Fachkompetenz wie z.B. Ärzte oder Juristen, oder sind es Sender mit legiti- mer Macht, z.B. Vorsitzende oder Präsidenten, wird ihnen meist ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zugestanden. Ebenso wirken auch Personen glaubwürdig, zumindest bei den Gruppenmitgliedern, „die gruppenkonforme Einstellungen, Werte und Ziele vertre- ten“29 und die in der Kommunikationsstruktur eine Schlüsselstellung besitzen, z.B. Predi- ger, Regierungs- und Verbandssprecher, denn sie verbreiten konsonante Information und filtern dissonante Informationen aus dem Medienangebot heraus und wandeln sie um und tragen so zum Erhalt und zur Verstärkung der vorherrschenden Gruppennormen bei.

3. Gruppen unterstützen die Aufnahme und Weitergabe bestimmter Einstellungen, die durch die Massenmedien vermittelt werden. Mitglieder einer Gruppe versichern sich gegenseitig ihre gemeinsamen Einstellungen und Überzeugungen, wodurch sie sich gegen die Auf- nahme und Übernahme konkurrierender Informationen und damit zusammenhängender Einstellungsänderungen schützen. Das Individuum möchte sich bestätigt sehen in seinen eigenen Einstellungen. Da man mit der Gruppenmeinung übereinstimmen möchte und versucht sich an ihr zu orientieren, entsteht besonders in kleinen Gruppen mit hohem Ko- häsionsgrad ein Druck zur „Gleichförmigkeit und Einheitlichkeit der Meinungsbildung“.30 Wird die eigene Mitgliedschaft oder die Gruppe selbst und die in ihr vertretenen Einstel- lungen und Werte sehr hoch bewertet, so verstärkt sich auch die Tendenz die eigenen Ein- stellungen und Wertvorstellungen noch radikaler und unnachgiebiger gegenüber Beeinflußungsversuchen zu vertreten. Dadurch wird dann auch die Glaubwürdikeit wider- sprechender Informationsquellen abgewertet.

Es ist keineswegs erforderlich, daß ein Mitglied einer bestimmten Gruppe angehört, um sich von den in ihr vorherrschenden Normen bei der Aufnahme medienvermittelter Information beeinflussen zu lassen. Nicht nur die Mitgliedsgruppe, sondern die Bezugsgruppe als soziale Einheit, von der das Individuum denkt, daß es „gemeinsame Interessen, Einstellungen und Werte mit ihr teilt, und die es deshalb als Grundlage für seine Selbsteinschätzung und Einstel- lungen“31 geben. Ist eine Bezugsgruppe für eine Person von starker Bedeutung und herrschen in dieser Bezugsgruppe klare und allgemein geteilte Meinungen und Themenbereiche vor, dann wird die Bezugsgruppe auch für die Aufnahme und Bewertung von Informationen aus diesen Themenbereichen bedeutsam.

[...]


1 vgl. Roland Burkart, Seite 165

2 vgl. Schulz 1971, in Burkart, Seite 165

3 vgl. Maletzke, in Burkart, Seite 166

4 vgl. Maletzke 1963, in Burkart, Seite 168

5 vgl. Maletzke 1963, in Burkart, Seite 168

6 vgl. Roland Burkart, Seite 171

7 vgl. Merton 1963, in Burkart, Seite 369

8 Niklas Luhmann 1972, Seite 24/25, in Burkart, Seite 370

9 vgl.Merton 1967, S. 195; in Burkart, Seite 371

10 Ronneberger 1979, S 130, in Burkart, Seite 372

11 vgl. Saxer 1974, in Burkart, Seite 373

12 vgl. Ronneberger 1971, in Burkart, Seite 374

13 Ronneberger 1971, S50, in Burkart, Seite 375

14 vgl. Kübler 1994, Seite 82

15 Maletzke 1984, S.139, in Burkart, Seite 377

16 Ronneberger 1974, S. 200, in Burkart, Seite 380

17 Münch 1991, S. 95, in Burkart, Seite 381

18 Dünser 1980, S. 41, in Burkart, Seite 385

19 vgl. Ronneberger 1978, S. 215, in Burkart, Seite 386

20 vgl Holzer 1973, S. 131, in Burkart, Seite 387

21 Holzer 1973, S. 133, in Burkart, Seite 387

22 Roland Burkart, Seite 388

23 Holzer 1973, S. 159, in Burkart, Seite 389

24 vgl. Ronneberger 1971, S. 42, in Burkart, Seite 389

25 vgl. Burkart, Seite 393

26 Schulz 1974, S. 156, in Burkart, Seite 394

27 vgl. A. Thomas 1992, S. 267

28 A. Thomas 1992, S. 267

29 A. Thomas 1992, S. 268

30 A. Thomas 1992, S. 268

31 A. Thomas 1992, S. 268

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Massenkommunikation-Begriff, Funktion und Gruppeneinfluß
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,6
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V102850
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Massenkommunikation-Begriff, Funktion, Gruppeneinfluß
Arbeit zitieren
Andrea Kibgies (Autor), 2001, Massenkommunikation-Begriff, Funktion und Gruppeneinfluß, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102850

Kommentare

  • Gast am 8.9.2001

    Hallihallohallöle.

    Hi Du!

    ich hab gerade mal eure Namen bei Lycos als Suche probiert,und siehe da, ich finde was!
    Sehr nette Arbeit übrigens!
    Wie geht es euch? Macht das studieren noch Spaß?
    Wann sehe ich euch mal wieder in MD?
    1000 Küsse

    Der blöde Behling

  • Gast am 22.9.2001

    Oh mein Gott!.

    ich glaubs ja nicht. da stöbert man - auf der suche nach einer hausarbeit, die man als die eigene ausgeben kann ;o) - nur mal so rum. und was findet man?? die andrea. süße, ich bin dafür, daß wir uns - na 6 monaten völliger kontaktlosigkeit - im coffee culture treffen und das letzte halbe jahr verbal aufarbeiten. grüß ana ganz lieb von mir. ich hoffe, es geht euch beiden gut. fühlt euch gedrückt, nadine

  • Gast am 30.5.2004

    Informationsreich.

    Ich habe die Arbeit eben gelesen. Ich habe viele interessante Informationen gefunden. Ich befasse mich selbst mit der Kommunikationon.

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