Rezension: Samuel P. Huntington "The lonely Superpower"


Hausarbeit, 2001

3 Seiten, Note: 1


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Rezension von Huntington, Samuel P.: The Lonely Superpower, in: Foreign Affairs, Vol. 78, Nr. 2/1999, S. 35-49

Nach einem Semester, in dem ich oft Motivationsprobleme hatte, bin ich sehr dankbar, ein Thema bearbeiten zu dürfen, das mich wirklich interessiert und mit dem ich mich gerne auch außeruniversitär beschäftige, vorgetragen von Samuel Huntington, der mir in weiten Teilen seines Artikels aus der Seele spricht.

Seit mindestens einem halben Jahrhundert wird die internationale Bühne von einem einzigen Akteur dominiert: den Vereinigten Staaten von Amerika. Washington ist machtpolitisch in der Lage, die Fäden hinter den Kulissen der wichtigsten multinationalen Organisationen zu ziehen. Wenn sich die Supermacht verweigert, kann eine kooperative Weltfriedensordnung nicht funktionieren. Die Vereinten Nationen werden daran gehindert, ihren Gründungszweck zu erfüllen. Die Supermacht definiert sich vor allem durch militärische Überlegenheit und weltweite Interventionsfähigkeit. Die USA befinden sich auch in der weltwirtschaftlichen und technologischen Führungsrolle. Aber womit ich und alle anderen Menschen auf der Welt Tag für Tag konfrontiert werden, ist die kulturelle Hegemonie, die sich in der weltweiten, durch amerikanische Medienkonzerne verbreiteten Attraktivität des "American way of life" zeigt. Über 40% des in Österreich und Deutschland gezeigten Fernsehmaterials stammt aus Hollywood. Dadurch wird sogar über harmlose Stürme in den USA in den Nachrichten berichtet, während eine andere Naturkatastrophe, etwa in Asien oder Afrika schon viele Todesopfer fordern muß, um hierzulande Erwähnung zu finden. Diese allseitige Vorherrschaft löst freilich zunehmend ablehnende Reaktionen aus. Samuel P. Huntington zitiert auf der Seite 42 einen britischen Diplomaten mit den Worten: "Nur in den Vereinigten Staaten liest man, die ganze Welt sehne sich nach amerikanischer Führung. Doch jenseits der USA liest man von der Arroganz und Einseitigkeit Amerikas." Ist den Bürgern dieses Landes, das der Welt ihre Gesetze diktiert, eigentlich bewusst, welche Last sie den anderen - und vielfach auch sich selbst - damit aufbürden? Sind sie darüber empört? Leisten sie Widerstand? Eine offen geäußerte Empörung ist schon insofern unwahrscheinlich, als die Supermacht zur Aufrechterhaltung ihrer Machtposition auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen ist. Eine Kombination von Indoktrinierung, die bereits an der Wiege beginnt, und selektiver Informationspolitik, helfen die amerikanische Vormachtstellung in der Welt abzusichern. Um ihre Rolle zu rechtfertigen, lässt die politische Führung ihre Mitbürger und den Rest der Welt unablässig wissen, dass die Existenz der USA für den Planeten ein unermesslicher Segen sei. Die USA haben einen unvergleichlich ausgeprägten Wille, politische und wirtschaftliche Grundwerte weltweit zu verbreiten. Ex-US- Außenministerin Albright meinte etwa: "Wenn wir Gewalt anwenden müssen, dann, weil wir Amerika sind. Wir sind die unverzichtbare Nation. Wir sind groß. Wir blicken weiter in die Zukunft." Es ist richtig, dass die USA als einzige Militärmacht wirklich global operieren können; dass ohne sie auf globaler Ebene wenig läuft; dass sie also zur "unverzichtbaren Nation" geworden sind, ohne deren Zutun kein Weltproblem gelöst werden kann. Trotzdem zeigt diese Aussage die Arroganz und den Chauvinismus der USA. Die USA sind der Chefarchitekt der politischen Weltordnung. Die zahlungskräftigen Industriestaaten haben auf die bedenkliche UN-Politik der Vereinigten Staaten bisher nicht mit eigenen Initiativen reagiert. Sie verstecken sich hinter dem knauserigen Hegemon. Die finanzielle Dauerkrise der Weltorganisation läßt sich auf diese Weise nicht beheben. Huntington äußert die Befürchtung, dass Washington nicht fähig ist zu erkennnen, dass es nicht mehr die unbestrittene dominante Rolle spielen könne, wie dies unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges der Fall war. Eine unkluge Demonstration der Überlegenheit beschwört die Gefahren antihegemonialer Allianzbildungen herauf. Auch die NATO-Verbündeten akzeptieren nur widerwillig einen Hegemonen, der Gehorsam einfordert. Der Hegemon verliert seinen moralischen Führungsanspruch, wenn er sich wichtigen völkerrechtlichen Vertragswerken verweigert. Nur wenn er sich selbst den Normen einer globalen Rechtstaatlichkeit unterwirft, kann er sie auch "Schurkenstaaten" abverlangen. Der weltpolitische Führungsanspruch beruht eben nicht nur auf Macht, sondern auch auf Autorität und Legitimität. Globale Probleme können auch durch einen mächtigen Hegemon nicht mehr bewältigt werden. Seine Kooperationsverweigerung provoziert die Kooperationsverweigerung anderer Staaten bei der Bearbeitung von Problemen, die ihn auch selbst betreffen. Die Bereitschaft zur Kooperation besteht aber nur dann, wenn alle Verhandlungspartner einen fairen Interessenausgleich erwarten können. Es wäre deshalb auch im aufgeklärten Eigeninteresse der USA, mehr auf partnerschaftliche Kooperation zu setzen und auf diese Weise Widerstände abzubauen, die ein hegemonialer Führungsanspruch unweigerlich aufbaut. Deshalb muss sich auch die "einzige Supermacht" in eine multilaterale Kooperationskultur einfügen und sich der von ihr mitgestalteten Rechtsordnung unterordnen. Andernfalls hat nicht nur die Welt mit den USA ein Problem, sondern auch die USA bekommen mit der übrigen Welt viele Probleme. Eine künftige Weltordnung kann nur dann dauerhaft sein, wenn sie auf die globale Zusammenarbeit der Weltregionen gegründet ist. Sie kann zwar nicht ohne oder gegen die USA geschaffen werden, aber diese können nur dann die konstruktive Rolle eines Chefarchitekten spielen, wenn sie zu einem "selbstbewussten Multilateralismus" zurückkehren und auf diese Weise global leadership praktizieren. Eine Kooperation mit Europa ist nicht nur das beste Gegengift gegen die "Einsamkeit" der amerikanischen Supermacht, sondern wäre ein wirksames Gegengift gegen den Antiamerikanismus. Aber zunächst muss sich Europa so organisieren, dass seine Stimme in der Weltpolitik Gewicht bekommt. Amerika ist auch deshalb so übermächtig, weil Europa und Asien noch so schwach sind. Amerika bezeichnet sich als "Führer der freien Welt". Im 21. Jahrhundert wird Amerika anerkennen müssen, dass es auch noch eine Welt ausserhalb seiner Grenzen gibt, deren Meinungen zur Kenntnis genommen werden muß. Huntington stellt auf der Seite 35 die Machtkonstellation der Unipolarität in Frage: "Es gibt jetzt nur eine einzige Supermacht. Aber dies bedeutet nicht, dass die Welt unipolar ist. Ein unipolares System hätte eine einzige Supermacht, keine bedeutsamen größeren Mächte und viele kleinere Mächte." Es gibt aber eine Reihe solcher "bedeutsamen größeren Mächte", zu denen sich neben den Mitgliedern der G8-Gruppe immer hörbarer China, Indien und Brasilien gesellen. Er bezeichnet das derzeitige Übergangsstadium von einem bipolaren zu einem multipolaren System nach einem nur kurzen "unipolaren Moment" im Gefolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion als "uni-multipolar". Lehrreich sind die Schlussfolgerungen, die Huntington aus der Analyse der weltpolitischen Mächtekonstellation zieht. Er hält das derzeitige Streben der politischen Entscheidungsträger und ihrer wissenschaftlichen Beraterstäbe nach einem "globalen Unilateralismus" im Eigeninteresse für kontraproduktiv. Die kooperationsfeindliche Supermacht laufe Gefahr, zur "einsamen Supermacht" zu werden, die als solche mehr verlieren als gewinnen könne. Er meint, dass imperiales Gehabe immer Gegenkräfte mobilisiert. Seine zentrale These und Antithese zum Unilateralisten Zbigniew Brzezinski lautet: Die "einzige Supermacht" brauche jetzt - und nicht erst nach Jahrzehnten - die internationale Kooperation, um nicht zu vereinsamen. Die USA sollten aufhören, so zu reden und zu handeln, als seien sie eine unipolare Supermacht. Sie sollten sich von der Illusion verabschieden, ein "gutmütiger Hegemon" zu sein, dessen Interessen und Werte mit denen der übrigen Welt übereinstimmen. Sie sollten stattdessen ihre Stellung als einzige Supermacht dazu nutzen, bei der Lösung globaler Probleme die Kooperation anderer Staaten zu gewinnen, um "selbstbewußten Multilateralismus" auszuüben. Huntington scheut sich nicht, die Selbst- und Fremdeinschätzung der USA als "gutmütiger Hegemon" in Frage zu stellen. Er zeigt auch Verständnis für die in der übrigen Welt weit verbreitete Kritik am weltpolitischen Hegemonieanspruch der "unipolaren Supermacht". Er belegt seine Zweifel am "gutmütigen Hegemon" mit einer Vielzahl von Beispielen einer Hegemonialpolitik, die ihre Interessen gegenüber der übrigen Welt mit gelegentlich rüder Machtpolitik durchzusetzen versucht, und gebraucht dabei berechtigt harte Worte. Vom Seerecht bis zum Kyoto-Protokoll, von der Konvention über Artenvielfalt bis zum Handelsembargo gegen Kuba, von den rabiaten Reformforderungen an die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds bis zum Internationalen Strafgerichtshof: Amerikanischer Unilateralismus ist allgegenwärtig. Die Verbündeten innerhalb der "OECD-Welt" und der NATO akzeptierten und forderten die Führungsrolle der USA, die ihnen Sicherheit versprach und nicht in imperialistischer Manier ausgeübt wurde. Deshalb erhielten die USA auch den guten Ruf der "ersten nicht-imperialistischen Supermacht", allerdings nicht überall in der Welt. Während sie gegenüber den Partnern in der G7 und in der NATO eine sanfte Hegemonie pflegten, kann ihr Politikstil gegenüber Lateinamerika durchaus als imperial bezeichnet werden. Das schlechte Vorbild macht Schule: Warum sollten sich die abgestiegene Großmacht Russland und die aufsteigenden Großmächte China und Indien anders verhalten? Die Supermacht ist unfähig, überall in der Welt den Frieden zu erhalten oder zu schaffen. Viele globale Konflikte entziehen sich militärischen Lösungen. Auch die Friedenssicherung muss multilateral organisiert werden, weil der militärisch übermächtige Hegemon weder fähig noch willens ist, überall zu intervenieren, wo sich die Anarchie ausbreitet. Dies liegt wohl auch an der Angst, wieder ein Debakel zu erleiden, wie etwa in Somalia, das wirtschaftlich und politisch für die USA kaum von Bedeutung ist. Terrorismus bereitet den Regierungen der Vereinigten Staaten und anderer Länder nicht zu Unrecht Kopfzerbrechen. Das rechtfertigt die enormen Mittel, die der Polizei und den Streitkräften für die Bekämpfung terroristischer Aktivitäten zur Verfügung stehen. Doch wo immer auf der Welt eine Widerstandsbewegung auftritt, die womöglich mit gewalttätigen und blutigen Mitteln agiert, wird das der amerikanischen Öffentlichkeit als "Terrorismus" verkauft, zumal wenn die Unterdrücker, gegen die sich der Widerstand richtet, Freunde oder Vasallen Washingtons sind. In den neunziger Jahren wurden auf diese Weise die Kämpfe der Libyer, Palästinenser, Kurden und vieler anderer Völker in Misskredit gebracht. Im Laufe der letzten fünfzig Jahre haben die US-Streitkräfte und ihre Mithelfer in Korea, Vietnam, Nicaragua, Irak und vielen anderen Ländern "Terroristen" mit Napalmbomben eingedeckt und massakriert. Die Amerikaner kennen nur schwarz oder weiss. Entweder gelingt es, die massgebenden Staaten der Welt an seiner Seite zu haben, Staaten, von denen selbstverständlich erwartet wird, dass sie Sitten und Gebräuche Amerikas übernehmen, oder aber es bestehen schwerwiegende Differenzen, bei denen mit Bedauern festgestellt wird, dass man diesen Staaten mit Misstrauen, also unfreundlich entgegentreten muss. Eine Anpassung Amerikas kommt nicht in Frage: Bekanntlich vertreten die USA ja den besten Zustand einer Gesellschaft, die weltweit ein Ideal darstellen soll. Entwicklung soll stattfinden, aber selbstverständlich nur bei den andern im Sinne einer Angleichung an das amerikanische Ideal. "America first"-Chauvinismus zeigt sich auch in der Energiepolitik der USA. Sie sind der größte Energieverschwender, verweigern sich aber allen Erkenntnissen über die Ursachen der drohenden Klimakatastrophe und der Einsicht, dass der American way of life eine ökologisch fatale Lebensweise ist. Die

Gefahren eines imperialistischen, missionarischen und verständnislosen Amerika für die Welt und für Amerika selbst sollte vermehrter von so kompetenter Seite wie von Samuel P. Huntington kommen. Warum sollten Europäer nicht ohne vorauseilenden Gehorsam und ohne Angst, des Antiamerikanismus bezichtigt zu werden, kritisieren, was Intellektuelle wie Huntington ohne Scheu, das eigene Nest zu beschmutzen, kritisieren? Sind Österreicher dazu verpflichtet, Kritik am "großen Bruder" zu unterdrücken? Was soll damit bezweckt werden? Wird unsere Untertänigkeit denn "belohnt"? Sofern Österreich von den USA überhaupt wahrgenommen wird, dann doch ohnehin mit Arroganz, was ein aktuelles Beispiel zeigt: Es bleibt weiter unklar, ob und wann Kurt Waldheim von der "Watchlist" gestrichen wird. Amerika wird nicht nur zunehmend und auf gefährliche Weise anmassend, sondern es bürdet seinen Bürgern und denjenigen anderer Nationen auch unerträgliche Kosten auf . Es bleibt abzuwarten, wie lange die Welt noch von den USA "regiert" wird.

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Details

Titel
Rezension: Samuel P. Huntington "The lonely Superpower"
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
3
Katalognummer
V102983
Dateigröße
331 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezension, Samuel, Huntington, Superpower
Arbeit zitieren
Martin Pelz (Autor), 2001, Rezension: Samuel P. Huntington "The lonely Superpower", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102983

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