Hesse, Hermann - Der Steppenwolf - Voraussicht des 2. Weltkriegs


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
6 Seiten, Note: 1

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Hoesch, 11b

1. Deutsche Hausaufgabe abzugeben am 2. 04. 2001

Literarische Erörterung

Thema 2)

„Selten merkt einer, dass das Buch (Der Steppenwolf) außerdem von dem Krieg handelt, den 16 Jahre vorher mit jedem Jahr näher kommen sah...“ Diesen Satz schrieb Hermann Hesse 1943 in einem Brief an Herbert Lewandowski.

Weisen Sie diesen Ausspruch des Autors nach! Der zweite Weltkrieg ist eine extrem große, wenn auch negative Besonderheit in der deutschen Geschichte. Vielleicht ist es sogar weltweit das krasseste Beispiel, wie ein Staat von einem brutalen Regime überrollt wird und auf brutalste Weise allgemein akzeptierte Menschenrechte verletzt. Natürlich wird deshalb oft die Frage gestellt, ob diese Entwicklung nicht absehbar und verhinderbar gewesen wäre. Hermann Hesse bejaht dies wohl eindeutig in seinem Brief an Lewandowski, wenn er schreibt, sein Roman habe den Krieg frühzeitig kommen sehen. Bevor man das jedoch akzeptieren kann, gilt es, diesen Anspruch Hesses anhand des genannten Werkes nachzuweisen.

Bevor aber näher auf das Thema eingegangen werden kann, erscheint es sinnvoll, einige Informationen über den Autor und den Roman sowie eine kurze Inhaltsangabe voranzustellen.

Hermann Hesse ist wohl einer der bedeutendsten deutschen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. 1877 geboren, erlebt er den ersten Weltkrieg und die damit verbundenen starken gesellschaftlichen Veränderungen mit. Gleichzeitig erkennt er an seiner eigenen Person die Sinnlosigkeit der ihm von seinen Eltern vermittelten Bildung. Nach angefangen Theologiestudium entflieht er sogar aus dem theologischen Seminar. Er identifiziert sich damit mit vielen Zeitgenössischen Intellektuellen. Als freier Schriftsteller und Mitarbeiter verschiedener Zeitungen wehrt er sich gegen viele aufkommende Neuerungen, deren Konsequenzen er schon frühzeitig

vorhersieht. Er ist aber auch ein Mensch, der der neuen Gesellschaft sehr orientierungslos gegenübersteht.

In seinem Roman „Der Steppenwolf“, der 1927 erschienen ist, erzählt er, wahrscheinlich zum Großteil autobiographisch, von einem Intellektuellen namens Harry Haller, dem es ähnlich ergeht wie Hesse. Haller ist ein absoluter Außenseiter, der viele gesellschaftlichen Normen abgelegt hat. Er erkennt in sich „zwei Naturen, eine menschliche und eine wölfische“ (S. 55, Z. 12f).

Seine menschliche Seite macht ihn zu einem genialen geistigen Denker, der Literatur und Musik liebt, sich mit philosophischen Fragen beschäftigt und die Gesellschaft auf einem hohen Niveau einschätzen kann. So ist er auch ein Kriegsgegner, sieht die deutsche Mitschuld am ersten Weltkrieg (vgl. S. 105, Z. 18ff) ein und erkennt gleichzeitig die Vorbereitungen für einen zweiten großen Krieg (vgl. S. 152, Z. 4-32).

Das Wölfische Hallers verleiht ihm den sich selbst gegebenen Beinamen „Steppenwolf“. Es umfasst alles Triebhafte Hallers. So ist ihm nichts so wichtig wie seine Freiheit. Er setzt sich über viele Normen hinweg und will keine tatsächlich festen und tiefgründigen Beziehungen zu anderen Menschen eingehen. Der Wolf in Haller schafft aber gleichzeitig ein hohes Potential an Aggression und Kriegsbereitschaft.

Diese zwei Seiten Hallers kämpfen nun miteinander; sie können nie gleichzeitig auftreten und damit zu einer inneren Einheit Hallers führen.

Genau das führt zu einer Orientierungs- und Haltlosigkeit, aus der heraus er sich gerne auf ein Mädchen, Hermine, wohl eine Prostituierte, stützt, die er in einer Kneipe kennengelernt hat. Sie gibt ihm durch Liebe, Sex und später sogar Drogen einen neuen Lebenssinn, will ihn aber in sich verliebt machen mit dem merkwürdigen Ziel, sich von ihm umbringen zu lassen. Ihre endgültige Absicht Hallers gegenüber ist wohl, ihm Humor beizubringen und damit von seiner Steppenwolf- Problematik zu erlösen. Gegen Ende verlässt der Roman wohl die Realitätsebene. Haller wird in einem sog. „magischen Theater“ mit Bildern aus seiner eigenen Vorstellungskraft konfrontiert. Er durchlebt imaginär einen Krieg von Menschen gegen Maschinen und lässt sein gesamtes Sexualleben an sich vorbeiziehen. Schließlich bringt er tatsächlich Hermine um. Der Roman endet mit der Aussicht Hallers, eines Tages den oben erwähnten Humor zu erlernen und sich damit zu „heilen“.

Wie vielleicht schon ansatzweise aus dem Inhalt zu entnehmen, ist „Krieg“ wohl mit Sicherheit ein wichtiges Leitmotiv im vorliegenden Roman. So ist auch das Wesentliche des Romans nichts anderes als ein Krieg, nämlich der Krieg zwischen der menschlichen und der wölfischen Seite Hallers. Dies wird besonders deutlich im Steppenwolf- Tractat (vgl. S. 56, Z. 1- 26) und während dem Aufenthalt im magischen Theater, als Haller einer Vorstellung der „Steppenwolfdressur“ beiwohnt (vgl. S. 249-251). Aber Hesse weist auch ganz konkret auf den 1. Weltkrieg hin. Es ist Haller wichtig, dass viele „moderne“ Menschen „den Krieg nicht miterlebt“ (S. 103, Z. 16) haben. Auch weist er in einer Selbstreflexion auf sein eigenes Verhalten während des Kriegs hin. Er habe sich „nicht an die Wand stellen und erschießen lassen, wie es die eigentliche Konsequenz seines Denkens gewesen wäre“ (S. 167, Z. 21ff).

Darüber hinaus sagt Hesse an mehren Stellen des Romans den 2. Weltkrieg voraus. Am deutlichsten wird das in einem Gespräch mit Hermine (vgl. S. 150ff). Darauf soll jedoch erst an späterer Stelle eingegangen werden.

Es ist nun angebracht, einen kurzen geschichtlichen Überblick über die damalige Zeit zu geben.

Der Roman spielt wohl im Erscheinungsjahr, also 1927, im Höhepunkt der sog. „Goldenen Zwanziger“, und damit in einer Zeit zwischen den Weltkriegen, die von Umbruch und Neuerungen, gleichzeitig aber auch von der Suche nach Halt und Identität geprägt ist.

Zunächst soll auf die politische Situation erwähnt werden. Seit 1919 existiert die Weimarer Republik, die erste Demokratie in Deutschland. Das politische System ist instabil; es fehlt an geistiger Emanzipation der Bürger und an fähigen Politikern. Die letztendliche Folge dessen ist die Machtübernahme Hitlers und damit der zweite Weltkrieg. Betrachtet man den wirtschaftlichen Standpunkt, so lässt sich nach der Inflation von 1923 wieder eine erstaunliche Stabilität erkennen. Die Industrie ist zukunftsorientiert und bereit zur Innovation. Eine Folge dessen ist natürlich eine stake Rationalisierung.

Bei näherem Hinsehen muss man jedoch erkennen, dass bereits zu diesem Zeitpunkt die hohe Arbeitslosigkeit Unzufriedenheit bei der Bevölkerung schafft und eine Überproduktion schon die Weltwirtschaftskrise von 1929 andeutet.

Als letzten Punkt muss man noch die Bevölkerung betrachten. Auch hier wird der Umbruch deutlich. Existierende Gesellschaftsformen werden zum Großteil aufgelöst. Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands spricht man von einer Konsumgesellschaft. Große Teile der Bevölkerung sehen die Zukunft in Industrie und Technik. Aber es gibt auch Gegenbewegungen. Viele Menschen, besonders auch im Bildungsbürgertum, sehnen sich zurück zu Vorkriegszeiten, und suchen vergeblich nach Identität.

(nach „Illustrierte deutsche Geschichte“, herausgegeben von Hans Joachim Friedrichs) Im Folgenden soll nun versucht werden, tatsächlich aufzuzeigen, welche Gründe Hesse für einen in Kürze ausbrechenden Krieg nennt. Ein wichtiges Argument sind hierbei sicherlich die herrschenden Probleme in der Wirtschaft.

Haller, und damit natürlich auch Hesse, steht, wie an mehreren Stellen des Romans deutlich wird, der Industrie und der modernen Wirtschaftsform, die ja bereits erwähnt ist, sehr skeptisch gegenüber. Er spricht von einer „von Aktiengesellschaften ausgesogenen Erde“ (S. 34, Z. 12f) und später von „Macht und Ausbeutung“ (S. 167, Z. 25f). Damit weist er deutlich auf weitreichende Ausnutzungen sozial schwacher Schichten und besonders auch auf ein Fehlen umfangreicher sozialer Absicherungen von Seiten des Staates aus hin. Er merkt, dass die existierende Wirtschaftsform nicht aufgehen kann, sondern irgendwann zu Bruch kommen muss. Er ahnt die Weltwirtschaftskrise wohl bereits voraus. Schließlich deutet er gegen Ende des Romans deutlich auf einen nahen Krieg hin. Durch eine extreme Überproduktion von Maschinen bricht, wie oben erwähnt, im magischen Theater ein brutaler Kampf zwischen Menschen und Maschinen aus. Daraus wird eindrücklich deutlich, wie nah er einen durch wirtschaftliche Faktoren bestimmten Krieg sieht.

Ein weiterer, wohl noch weit bedeutsamerer Grund, der auf einen Krieg hinführt, ist die politische Passivität der Gesellschaft.

Diese ist laut Hesse wohl hauptsächlich durch das herrschende Konsumverhalten begründet. Hesse weist in dem Roman auf zahlreiche Merkmale der Konsumgesellschaft hin. So erwähnt er Theater und Kino, nennt auch Zeitungen und moderne Bücher (vgl. S. 40, Z. 12ff). Er spricht aber auch von der „Lust und Freude (...), die die Menschen (...) in den überfüllten Cafés bei schwüler aufdringlicher Musik, in den Bars und Varietés der eleganten Luxusstädte suchen, in den Weltausstellungen, auf den Korsos, in den Vorträgen für Bildungsdurstige, auf den großen Sportplätzen“ (S. 40, Z. 15ff). Dies alles seien „Massenvergnügungen“ (S.40, Z. 29), die wohl aus Amerika kommen (vgl. S. 40, Z. 29)). Besonders wichtig ist ihm auch das neu aufkommende Medium Radio, das „den Menschen nur dazu dienen werde, von sich und ihrem Ziel wegzufliehen und sich mit einem immer dichteren Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigtsein zu umgeben“ (S. 135, Z. 18ff). Das ist natürlich besonders interessant, da das Radio tatsächlich später von den Nazis zum Zweck der Manipulation durch ständigen Informationsfluss benutzt wurde.

Noch stärker wird die Bedeutung des Konsumverhaltens, wenn man bedenkt, dass die Entwicklung Hallers gerade dadurch bestimmt wird.

Tanz, Sex, Humor und Drogen rufen weitreichende Veränderungen in ihm hervor.

Für Hesse ist ganz klar, dass sich das Konsumverhalten der Gesellschaft auf ihre Denkweise auswirkt und den Widerstand gegen einen neuen Krieg extrem hemmt. In einem Gespräch mit Hermine sagt Haller, große Teile der Bevölkerung würden von Zeitungen „jeden Tag bearbeitet, ermahnt, zerfetzt, unzufrieden und böse gemacht, und das Ziel und Ende von dem allen ist wieder der Krieg, der nächste, kommende Krieg“ (S. 152, Z. 6ff). Darüber hinaus geht er davon aus, das jeder Mensch „in einer einzigen Stunde Nachdenkens“ (S. 152, Z. 12) erkennen müsste, dass sich ein weiterer Krieg anbahnt. Aber durch den Konsum übersättigt und sogar manipuliert will „keiner (...) den nächsten Krieg vermeiden, (will keiner) sich und seinen Kindern die nächste Millionenschlächterei ersparen“ (S. 152, Z. 13ff). Der Gesellschaft sei vieles „wurst und egal“ (S. 153, Z. 15), sie wartet lieber „bei einem Glas Bier die nächste Mobilmachung“ (S. 153, Z. 19f) ab.

Schließlich gibt auch Haller den Kampf gegen den Krieg auf, nachdem er sich dem Konsumverhalten der Gesellschaft angepasst hat. So beschließt er, sich für eine gewisse Zeit „nicht mehr um den Krieg (...) (zu) kümmern“ (S. 154, Z. 6), sondern lieber ein Grammophon, ein Sinnbild für die Konsumgesellschaft zu kaufen. Man erkennt spätestens daran sehr deutlich, wie stark die herrschende politische Passivität mit der Konsumgesellschaft zusammenhängt.

Das bedeutendste Argument Hesses für einen kommenden Krieg ist aber die fehlende Identität der Gesellschaft. Hesse zeigt in seinem Roman auf, wie innere Unruhen und Zerissenheiten zu einer großen Kampfbereitschaft und sogar Kriegslust führen.

Dazu sollen zunächst einmal diese Zerissenheiten dargestellt werden.

Sie beginnen zunächst ganz konkret bei einzelnen Menschen. Wie bereits angedeutet, ist zumindest der anfängliche Haller nur ein Beispiel für wohl eine Vielzahl von Menschen, zum Großteil Intellektuelle. Sie fühlen sich geteilt in zwei Seiten. Die eine Seite ist die menschliche. Sie umfasst das Geistige, die Wissenschaft, die Bürgerlichkeit und damit verbunden auch das Leben im Alltag und die Zufriedenheit. Dem gegenüber steht die wölfische Seite. Sie kennt nur das Triebhafte, einen Drang nach Freiheit, „eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Wut, irgend etwas kaputt zu schlagen“ (S. 35, Z. 21ff). Aber diese Gespaltenheit zeigt sich nicht nur in einzelnen Menschen, sondern auch in der Gesellschaft allgemein. Die menschliche Seite vertritt hier die Ordnung, die Arbeit, die Kultur und das Recht (vgl. S. 231, Z. 16f), schließlich auch die Industrie und speziell die Entwicklung von Maschinen. Dem Wölfischen entspricht dagegen die Natur , das Chaos, der Anarchismus (vgl. S. 231, Z. 15) und, als Gegenüber der Maschinen, der Mensch selbst.

Kommen wir auf die Zerissenheit einzelner Menschen zurück, so muss auffallen, dass sich eine Vielzahl von solchen Menschen in einem Gasthaus namens „Stahlhelm“ trifft (vgl. S. 204, Z. 10ff). Es heißt, der Stahlhelm sei eine „Zuflucht“ (S. 204, Z. 10) für diese Menschen. Beachtet man, dass es zur damaligen Zeit einen Bund von ehemaligen Frontsoldaten namens Stahlhelm gab, der als nationalistischer Gegner der Weimarer Republik gilt und der Stahlhelm in dem Roman eine Zuflucht für viele ist, so muss man deutlich erkennen, wie eng für Hesse die Verbindung von der fehlenden Identität zum Krieg ist.

Geht man aber auf die gesellschaftliche Zerissenheit ein, so muss man an die Vorstellung des Kriegs im magischen Theater denken. Denn dort endet genau diese Zerissenheit in einem Kampf zwischen Menschen und Maschinen, also der wölfischen und der menschlichen Seite. Der ständige innere Krieg der beiden Seiten endet in „Zerstörungs- und Mordlust“ (S. 232, Z. 3f). Er schafft „Verzweiflung an der Welt“ (S. 237, Z. 17) und Spaß am Töten (vgl. S. 237, Z. 17f). Der Krieg ist ein Ausleben von der Verzweifelten Suche nach Identität, er ist eine Folge eines ständigen Hin- und Hergerissenseins zwischen zwei unterschiedlichen Lebensansätzen. Somit bekommt der Kerngedanke des Buchs, nämlich die nun mehrfach und ausführlich erwähnte innere Gespaltenheit eines Menschen eine ganz neue Ausrichtung.

Ich denke, man kann anhand der dargebotenen Arbeit deutlich erkennen, dass Hesse mit seinem Anspruch, den Krieg vorausgeahnt zu haben, richtig liegt. Er erwähnt wirtschaftliche Aspekte, weist auf die politische Passivität seiner Zeitgenossen hin und beschreibt ausführlich das Fehlen von Identität. Abschließend lässt sich sagen, dass Hesse damit allerdings sehr einzigartig ist. Mir ist kein anderer Schriftsteller bekannt, der zu diesem Zeitpunkt mit so viel Bestimmtheit den 2. Weltkrieg vorausdeutet. Man muss mit großem Respekt feststellen, dass Hesse über eine hervorragend präzise Einschätzung seiner Zeit verfügt hat.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Hesse, Hermann - Der Steppenwolf - Voraussicht des 2. Weltkriegs
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V102998
Dateigröße
341 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hesse, Hermann, Steppenwolf, Voraussicht, Weltkriegs
Arbeit zitieren
Matthias Hoesch (Autor), 2001, Hesse, Hermann - Der Steppenwolf - Voraussicht des 2. Weltkriegs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102998

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