Digitalisierungswettstreit zwischen der EU, den USA und China. Hintergründe, Chancen und politische Strategien im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Digitalisierung - Begriffserklarung

3. Kulturelle, politische und okonomische Hintergrunde
3.1 Charakteristika der EU
3.2 Unterschiede zu den USA und China

4. Europaische Digitalisierungsmaftnahmen
4.1 Intelligente und vernetzte Technologie
4.2 Finanzierung und Regulierung
4.3 Digitale, nachhaltige und offene Gesellschaft

5. Strategien in den USA und China

6. Europas Chancen neben den USA und China
6.1 Ein unabhangiger und europaischer Weg der Digitalisierung

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Prozess der Digitalisierung schreitet weltweit immer weiter voran und hat die Entwick- lungen der letzten Jahrzehnte wesentlich beeinflusst. Die Anwendung von vernetzten, di- gitalisierten und automatisierten Technologien bestimmt heutzutage maBgeblich unsere Wirtschaft und das gesellschaftliche Zusammenleben. Sichtbar wird dies vor allem durch Smartphones, neue digitale Geschaftsmodelle und die nahezu unbegrenzte Verfugbarkeit von Informationen durch das Internet.

Seit wenigen Jahrzehnten befinden sich die WirtschaftsgroBmachte der Welt, vor allem die USA, China und die Europaische Union in einem Wettlauf um neue digitale Er- rungenschaften, deren Ausbreitung und Etablierung in der Welt. Jede von ihnen hat un- terschiedliche kulturelle, wirtschaftliche und politische Hintergrunde und dadurch einen anderen Ansatz fur die Digitalisierung. Sie sind mit ihren Strategien, je nach Fokus, in ge- wissen Teilbereichen mehr oder weniger erfolgreich als ihre Kontrahenten, jedoch eint sie das Ziel der allgemeinen Effizienzsteigerung.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die europaische Digitalisierungsstrategie zu erortern, den Vorgehensweisen der USA und China gegenuberzustellen und einen Ausblick zu ge- ben. Zudem wird sich diese Hausarbeit mit folgender Forschungsfrage auseinanderset- zen: Welche Strategie verfolgt die Europaische Union bei der Digitalisierung und wie be- hauptet sie sich gegen die Konzepte aus den USA und China?

Um die momentanen Situationen in den USA, China und der EU nachzuvollziehen, werden zunachst die verschiedenen kulturellen Hintergrunde betrachtet. AnschlieBend werden die okonomischen und politischen Situationen und Beziehungen erlautert und daraufhin die unterschiedlichen Herangehensweisen beleuchtet. Im Hauptteil sollen spe- ziell die Bestandteile der europaischen Strategie und einige beispielhafte Vorhaben, wie kooperative Projekte, neue Verordnungen und Initiativen zur Digitalisierung dargestellt werden. Danach werden die US-amerikanischen und chinesischen Strategien der euro- paischen gegenubergestellt und die europaische Lage besprochen. Auf Basis des aktuel- len Stands und der Handlungsoptionen kann ein moglicher Weg fur die EU diskutiert wer- den, um sich als Vorreiter, bzw. mindestens auf Augenhohe zu etablieren.

2. Digitalisierung - Begriffserklarung

Cloud, Big Data, KI, digitale ID und Industrie 4.0. Diese Fachausdrucke tauchen in offent- lichen Diskussionen, Studien und Entwicklungsberichten immer haufiger auf und werden unter dem Begriff „Digitalisierung“ zusammengefasst.

Unter Digitalisierung wird allgemein die Umwandlung von analogen Informationen und Ablaufen in digitale Daten und Prozesse verstanden (vgl. Wolf/Strohschen 2018). Di- gitalisierung umfasst personalisierte Produkte, digitale Dienstleitungen und neue Markt- moglichkeiten. Sie verandert die Art der Kommunikation, unserer Mobilitat und die Politik. Es entwickeln sich Alternativen beim Konsum, bei der Arbeit und Sicherheit in der realen Welt, sowie im Netz. In beiden Bereichen andern sich auch unsere Infrastrukturen, hin zur einfacheren Vernetzung und dem Verkehr von Personen, Gutern und Daten. Effizienz in jeglichen Bereichen wird gesteigert und bisherige Strukturen ganzlich erneuert.

Seit mehreren Dekaden wird die Welt immer mehr von der Digitalisierung beein- flusst, in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Sie bringt viele Vorteile mit sich, wie in etwa die der Effizienzsteigerung und besseren Vernetzung, die sich jedoch unter passen- den Regulierungen entwickeln mussen. Neben den Vorteilen gibt es auch Kritik, wie etwa der Verlust von Arbeitsplatzen oder die Angst um die Sicherheit personlicher Daten, die in der Diskussion um die Digitalisierung benannt werden. Kurz gesagt: Digitalisierung durch- dringt (fast) alle Lebensbereiche, sie betrifft somit auf langere Sicht jeden von uns. Je nach vorherrschenden Voraussetzungen erfolgt Digitalisierung auf einem anderen Weg und mit einem anderen Ziel. So gleichen sich die EU, USA und China zwar, indem sie die Digitalisierung vorantreiben und die allgemeine Effizienz steigern wollen, die spezifischen Ziele und Herangehensweisen sind jedoch sehr unterschiedlich.

3. Kulturelle, politische und okonomische Hintergrunde

Der Prozess der Digitalisierung vollzieht sich je nach kultureller, wirtschaftlicher und politi- scher Lage in unterschiedlicher Art und Weise. Um zu verstehen welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, mussen die jeweiligen Voraussetzungen in einem Staat (USA, China) oder Bundnis (EU) beleuchtet werden. Zur kulturellen Unterscheidung eignen sich die In- dividualismus/Kollektivismus- und Unsicherheitsvermeidung-Dimension von Geert Hofste- de. Politisch sowie wirtschaftlich sind geschichtliche Beziehungen, momentane Positionen und zukunftige Orientierungen ausschlaggebend fur die jeweilige Digitalisierungsstrategie. Zudem spielt die Mentalitat der Bevolkerung und der Unternehmen eine wesentliche Rol­le, da schlussendlich sie es sind, die von den MaBnahmen der Regierungen betroffen sind und die Digitalisierung tragen.

3.1 Charakteristika der EU

Nach der Einordnung der europaischen Lander in den Kulturdimensionen von G. Hofstede und G. J. Hofstede (2006) ist zu erkennen, dass die EU in sich sehr unterschiedliche Kul- turen vereint. Dadurch kommen einige sehr unterschiedliche Einstellungen gegenuber der Digitalisierung zustande. Bei den Individualismus-Indexwerten fallt auf, dass Spanien, Deutschland oder die Niederlande sehr unterschiedliche Auspragungen dieser Dimension haben. Beispielsweise wird der Niederlande ein relativ hoher Wert (80), somit ein hoher Grad an Individualisierung zugeordnet, Deutschland liegt etwas darunter (67), wahrend Spanien mit einem niedrigeren Wert (51) klassifiziert wird (vgl. Hofstede/Hofstede 2006). In der europaischen Wirtschaft scheinen Lander mit hoherer Individualisierung besser ge- stellt, da sie einen hoheren Grad an allgemeiner Digitalisierung aufweisen.

Interpretiert man zudem die Dimension der Unsicherheitsvermeidung, nach der ein Land bezuglich der Risikobereitschaft und Furcht vor unbekannten Situationen eingestuft wird, so zeigt sich, dass europaischen Lander laut Hofstede und Hofstede (2006) durch- schnittlich eine starke Unsicherheitsvermeidung aufweisen. Nur die skandinavischen Lan­der furchten Unsicherheit weniger als die anderen Mitgliedsstaaten Europas. Dies zeigt sich auch am bisherigen Grad der Digitalisierung (vgl. Europaische Kommission 2020d). Aufgrund des hohen Durchschnittswerts der Unsicherheitsvermeidung ist die europaische Wirtschaft weniger risikofreudig und hat unter anderem deshalb weniger groBe Investitio- nen in Start-ups, vor allem im Vergleich zu den USA (vgl. Zinke et al. 2018). Eine einheitli- che Einordnung der EU mit allen Mitgliedsstaaten fallt aufgrund der verschiedenen Indizes bei den Dimensionen von Hofstede aus.

In Europa ist ein Wandel in der allgemeinen Einstellung der Bevolkerung gegen- uber der Digitalisierung zu erwarten, da sie starker prasent und von hoherem Nutzen sein wird (vgl. Europaische Kommission 2020g). Die Bevolkerung war die letzten Jahrzehnte eher desinteressiert und abweisend, aber vor allem die jungere Bevolkerung entwickelt eine offenere und Nutzen-orientierte Haltung. Zudem ist die Erarbeitung von Sicherheits- und Recyclingkonzepten, sowie deren transparente Gestaltung fur die EU-Burger*innen von Bedeutung (vgl. Europaische Kommission 2020d). Das Problem der wachsenden so- zialen Ungleichheit, der zunehmenden Veranderung der Arbeitsplatze in Richtung Digitali- sierung und der damit einhergehende Verlust anderer Berufsfelder sind langfristig zu lo- sen, um allgemeine Akzeptanz fur die Digitalisierung zu schaffen.

Aufgrund des Mehrebenensystems und der 27 verschiedenen Gesetzgebung ist die EU im Vergleich sehr komplex und trage, wenn es um einheitliche Beschlusse geht. Themen wie die (Fachkrafte-)Migration, die Attraktivitat der EU als Standort fur Unterneh- men und der Aufschluss weniger digitalisierter Lander sind akute Felder, mit denen sich die EU auseinandersetzen muss. Wie die Studie „International Digital Economy and So­ciety Index“ (IDESI) im Auftrag der Europaischen Kommission (2020f) zeigt, liegen die fuhrenden europaischen Lander teilweise vor den USA und China, dagegen sind die am wenigsten entwickelten Mitgliedsstaaten der EU weit abgeschlagen. Der IDES-Index misst die Konnektivitat, das Humankapital (digitale Kompetenzen), die Nutzung des Internets in der Bevolkerung, die Integration digitaler Technologie in Unternehmen und die Haufigkeit digitaler offentlicher Services. Es besteht in der EU vor allem Nachholbedarf in zwei Sek- toren: die Digitalisierung muss mehr in Businessbereiche integriert und die digitalen Kenntnisse mussen verbessert werden. Folgend ist der allgemeine Index abgebildet, der die unterschiedlichen Entwicklungen der EU, USA, China und anderer Staaten uber den Zeitraum der letzten Jahre darstellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In einem weiteren Fokus der EU, der Etablierung der europaischen Richtlinien im Sinne der Verbraucher*innen, zeigen sich einige Fortschritte. So z.B. die Aussage des Face- book-Grunders Mark Zuckerberg, dass sein Unternehmen die europaischen Datenschutz- regeln und Vorschriften zum Schutz der Privatsphare zum globalen Standard machen wol- le (vgl. Schiller 2018). In dieser Vorschrift werden 27 unterschiedliche Richtlinien der EU- Lander zu einer Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) zusammenfasst. Zudem gibt es weitere Errungenschaften auf europaischer Ebene, wie die Abschaffung der Roaming- Gebuhren oder die landerubergreifende Portabilitat audiovisueller Inhalte, z.B. eines Abonnements von Netflix (vgl. Dittrich 2018, 2).

Die Beziehung zu den USA reicht weit zuruck und ist durch diverse Abkommen und Partnerschaften essenziell fur das heutige Europa. Es ist aber auch eine gewisse Ab- hangigkeit Europas von den USA zu erkennen, nicht nur bei militarischen Fragen, sondern auch bei wirtschaftlichen Angelegenheiten. Im Gegensatz dazu hat sich die EU gegenuber China erst in den letzten 40 Jahren zunehmend geoffnet. Eine offenere aber auch for- dernde Haltung ist Strategie der EU, um Anteil an der wachsenden Wirtschaft durch Han­del und Investitionen zu erhalten. Trotz weitreichender Verflechtungen gibt es immer noch starke Kritik am chinesischen Modell, etwa an Praktiken wie dem Social-Credit-System und die damit einhergehende starke staatliche Uberwachung (vgl. Shi-Kupfer/Ohlberg 2019).

Eine Problematik zeigt sich bei der GroBe und Haufigkeit der Digital-Unternehmen in Europa, welche kurz- oder mittelfristig zwar Marktanteile in den eigenen Herkunftslan- dern gewinnen konnen, dann aber haufig durch US-amerikanische oder teilweise durch chinesische Unternehmen entweder vom Markt verdrangt oder vereinnahmt werden (vgl. Matthes 2020). So wurden erfolgreiche Unternehmen aus Europa, wie etwa Skype (Kommunikationsplattform), oder Minecraft (Videospiel) von Microsoft aufgekauft. Zudem ist in der EU auch die Fragmentierung des Binnenmarkts ein Problem, da sie in jedem Land differente Gebietslizenzen zur Folge hat, was es vor allem fur Start-ups beschwer- lich macht, neue Kundenstamme in weiteren Landern zu erschlieBen (vgl. Dittrich 2018).

Eine Studie der European Investment Bank (EIB) zeigt, dass vor allem die Klein- und Mittelstandsunternehmen (KMUs) in Europa noch weitaus weniger digitalisiert sind als die groBen Konzerne, auch im allgemeinen Vergleich zu den USA (vgl. EIB 2020). Das liegt an den kleineren Kapazitaten und geringeren Investitionen, sowie der geringeren Notwendigkeit fur effizientere Infrastrukturen bei kleineren Unternehmen.

3.2 Unterschiede zu den USA und China

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das Musterbeispiel, wenn es um individualisti- sche Gesellschaften geht. Der Punktwert der USA bezuglich der Individualisierung im Mo- dell von Hofstede erreicht 91, den hochsten Wert dieser Kategorie. Nach Hofstede sind individualistische Gesellschaften bei der Entwicklung stark auf die einzelne Person kon- zentriert und wollen die individuelle Freiheit in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft so wenig wie moglich einschranken. Zudem druckt Individualismus das AusmaB aus, in dem die Menschen eines Landes als Einzelpersonen handeln und inwiefern sie Eigenverant- wortung tragen (vgl. Hofstede/Hofstede 2006). Die Individualisierung und die damit ver- bundene Freiheit begunstigen im Zusammenhag mit der US-amerikanischen Wirtschaft die Entwicklung des Digitalen. Ein groBer werdendes Problem in den USA ist die zuneh- mend wachsende soziale Ungleichheit im Land, da jeder fur sein „individuelles Schicksal“ verantwortlich ist. Diese Ungleichheit wird durch die digitale Transformation noch ver- starkt, da z.B. Einzelhandler durch die zunehmende Marktmacht von Amazon und Co. nach und nach ihre Arbeit verlieren (vgl. Hermisson 2018). Zudem ist es fur armere Teile der Bevolkerung schwieriger an der Digitalisierung teilzuhaben, da oft kein dauerhafter Internetzugang oder Endgerate verfugbar sind. Hinzu kommt die in den armeren Gesell- schaftsschichten oftmals geringe Bildung und mangelhafte Moglichkeit zur Weiterbildung.

Auf unternehmerischer Seite sind vor allem in den USA einige der groBten Tech- Konzerne, auch GAFAM (G oogle, A mazon, F acebook, A pple und M icrosoft) genannt, an der Digitalisierung beteiligt. Bei der Akzeptanz und Integration von Digitalisierung sind US- Firmen den europaischen Firmen voraus, unter anderem weil die amerikanische Volks- wirtschaft einen hoheren Anteil an mittlerweile digitalen Dienstleistungen verzeichnet, als dies in der EU der Fall ist (vgl. Oswald/Krcmar 2018). Unterschiede von 5-20% beim Grad der Digitalisierung zwischen EU- und US-Firmen sind in einer Studie der EIB (2020) zu erkennen. In der IDESI-Studie wird zudem deutlich, dass die USA ein markant hoheres Humankapital mit digitalen Grundkenntnissen haben. Das bedeutet, dass der Prozentsatz der Bevolkerung, die bereits fortgeschrittene Kenntnisse oder sogar einen Abschluss in Informations- und Kommunikationstechnologie haben hoher ist, als die in den vergliche- nen Staaten. Des Weiteren illustriert die Studie, dass bei der Digitalisierung der offentli- chen Dienste und Nutzung der digitalen Services die USA deutlich uber dem europai- schen MittelmaB liegen (vgl. Europaische Kommission 2020f). Im gesamten Index haben die USA sogar die am weitesten entwickelten EU-Staaten uberholt und China ist bereits am EU-Durchschnitt vorbeigezogen.

Allgemein kennzeichnet sich die US-amerikanische Wirtschaft durch einen risiko- freudigen, innovationsfreundlichen und weniger regulierten Kapitalmarkt aus. Dadurch werden Innovationen und Transfer von Daten und Wissen auf dem einheitlichen Binnen- markt begunstigt. Der Datenschutz und das soziale System leiden zwar unter der Ver- wendung von personlichen Daten durch GroBkonzerne, jedoch stehen diese Nachteile im Hintergrund der wirtschaftlichen Wachstums-Politik.

Auf politischer und rechtlicher Ebene wird in den USA seit Kurzem uber soziale Sicherungssysteme, bundesweite Grundeinkommen und Besteuerung von Robotern dis- kutiert. Der Prozess der Digitalisierung kann nicht allein den groBen Konzernen uberlas­sen werden, da diese hart gegen Gewerkschaften und besseren Arbeitnehmerschutz vor- gehen. Dazu kommt, dass staatliche Regulierungen bezuglich Daten und deren Nutzung von Noten sind, um die Digitalisierung besser zu kontrollieren. Gerade beim Beispiel der USA sind Wahlmanipulation und das Erschaffen von Filterblasen (heiBt: begrenzte Infor- mationsbreite) gefahrliche Tendenzen (vgl. Hermisson 2018).

Kollektivistische Gesellschaften nach Hofstede und Hofstede (2006) verfolgen eine ganz andere, oft vom Staat vorgegebene Strategie. Sie greifen zunehmend in das Privat- leben der Bevolkerung ein und verstaatlichen haufig Unternehmen. Dazu kommt, dass die Menschen eher in festen, geschlossenen und umsorgenden Gruppen, wie in etwa Famili- en vereint sind und auch in bzw. mit diesen agieren. Der Erfolg der digitalen Technologien, wie etwa dem kontaktlosen Bezahlen per App, hangt stark mit der anpassungsfahigen Mentalitat der Chinesen zusammen (vgl. Sheng/icunet). So sind laut der Huawei-Studie knapp 60% der Befragten uberzeugt, dass die Digitalisierung neue Arbeitsplatze schafft und sogar mehr als 80% sehen die Auswirkungen des digitalen Wandels positiv (vgl. Noesselt et al. 2016). Auch beim Thema personliche Daten ist die chinesische Bevolke- rung aufgeschlossen, wenn sie nichts zu verbergen haben und es ihnen Vorteile bringt. Beispielsweise werden bei dem Social-Credit-System durch konstante Uberwachung „Punkte“ gesammelt, die es ermoglichen einen Kredit zu beantragen (vgl. Shi-Kupfer/Ohl- berg 2019).

Unter dem Staatschef Xi Jinping steuert China seit einigen Jahren weiter konstan- tes Wirtschaftswachstum und groBeren weltweiten Einfluss an. Diese Interessen, vor- nehmlich in der Binnenwirtschaft, werden von Chinas Regierung streng kontrolliert und bieten somit eine gute Grundlage fur staatseigene Unternehmen. Beispielhaft hierfur sind der (auBerhalb Chinas) umstrittene Konzern Huawei, welcher mittlerweile interkontinental an 5G- und Seekabel-Projekten beteiligt ist, das Internet-Unternehmen Tencent und der Online-Handel-Riese Alibaba (vgl. Shi-Kupfer/Ohlberg 2019). Unter anderem durch Antei- le an europaischen und amerikanischen Unternehmen und Kooperationen mit For- schungsinstitutionen kann China unkompliziert seine Interessen auch auBerhalb Chinas vertreten und neue Erkenntnisse einfach nutzen. Die Kooperation stellt sich bei der inter- nationalen Zusammenarbeit etwas problematischer dar, da Chinas protektionistische Poli- tik mit Informationen uber Wirtschaft und Politik des eigenen Landes im Vergleich zur EU um einiges zuruckhaltender ist.

Die tatsachlichen Interessen Chinas konnen nicht vollkommen erkannt werden. Nach Einschatzung der Neuen Zuricher Zeitung will China seinen Einfluss auf die globale Wirtschaft starken und europaische Infrastrukturen von chinesischen Unternehmen ab- hangig machen (vgl. Larsen/Maduz 2020). Vor allem weil das internationale System und seine Organisationen, wie die Vereinten Nationen (UN), die Welthandelsorganisation (WTO) oder der internationale Wahrungsfond (IWF) als „nicht praktikabel“ von der chine- sische Fuhrung angesehen werden, sind eigene Konzepte entwickelt worden, um Sicher- heitsallianzen durch Partnerschaften zu ersetzen. Daraus erhofft sich China auf den Prin- zipien des fruheren Premierministers Zhou Enlai aufbauen zu konnen und so gegenseitige Achtung der territorialen Integritat und Souveranitat, gegenseitige Nicht-Aggression, ge- genseitige Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, Gleichheit und Kooperation so- wie friedliche Koexistenz umzusetzen. (vgl. Eurasia Group/Vontobel 2019, 11)

4. Europaische DigitalisierungsmaBnahmen

Laut Europaischer Kommission (2020a, 4ff.) sind Daten die Lebensader der wirtschaftli- chen Entwicklung. Sie sind wichtige Ressourcen fur (teil-)digitalisierte Unternehmen, pro- duktivitats- und effizienzsteigernd bei der Entwicklung und Produktion personalisierter Produkte und essenziell bei der Erschaffung von kunstlicher Intelligenz (KI). Somit liegt in der Weiterverarbeitung und im Gebrauch der Daten der eigentliche Wert und bildet die Grundlage fur zukunftige Innovationsfahigkeit (vgl. Schiller 2018).

Die Vision der EU ist eine digitale, demokratische und nachhaltige Zukunftsgesell- schaft mit bereichsubergreifenden Strukturen fur einen europaischen digitalen Datenraum. AuBerdem hat die EU zum Ziel, die sicherste, agilste und attraktivste Wirtschaft zu er- schaffen und ihre Starken in der globalen Wirtschaft zu nutzen.

So mussen bei einer europaischen Digitalisierungsstrategie mehrere Faktoren be- achtet werden. Zum einen mussen die digitalen Dienste und Technologien im Sinne der Menschen agieren und dadurch die Sicherheit und Werte der EU gewahrleisten. Zum an- deren mussen auch die fairen Bedingungen in der Wirtschaft und Gesellschaft sicherge- stellt sein und Rucksicht auf die Umwelt genommen werden. Durch die Schaffung der no- tigen Infrastrukturen werden Unabhangigkeit und Sicherheit gewahrleistet und die euro- paischen Werte gefestigt und nach auBen vermittelt. Dazu wird eindeutig kommuniziert, dass die EU aufgeschlossen gegenuber jedem ist, der die europaischen Wertvorstellun- gen und Standards akzeptiert (vgl. Europaische Kommission 2020b, 2).

4.1 Intelligente und vernetzte Technologie

Mit einer starkeren Vernetzung arbeitet die EU auf eine bessere Interoperabilitat von EU- Behorden, einfachere Kommunikation zwischen Unternehmen und effizientere Nutzung der digitalen Technologien hin. Beim IDES-Index ist ein leichter Aufwartstrend zu erken- nen (siehe Abb. 1), jedoch unterscheiden sich die EU-Mitgliedsstaaten stark in den jewei- ligen Feldern und deren Entwicklungen (vgl. Europaische Kommission 2020f). Innerhalb der EU gibt es jedoch groBe Differenzen im Bereich der Infrastruktur und Einbindung der Digitalisierung in die Industrie. So sind die skandinavischen Lander um einiges fortschritt- licher als etwa sudostliche Mitgliedstaaten wie Rumanien oder Bulgarien. Wichtig ist, dass die EU vereint die Innovation vorantreibt, digitale Technologien verbreitet und kein Mit- gliedsstaat zuruckgelassen wird, um groBere Ungleichheiten und Abwendungen von der EU zu verhindern. Die Europaische Kommission zeigt sich zuversichtlich und geht bei der SchlieBung der Investitionslucke von 65 Milliarden Euro pro Jahr von einem moglichen BIP-Wachstum von bis zu 14% bis 2030 aus (vgl. Europaische Kommission 2020b, 5).

Die Grundlage fur automatisierte und vernetzte Strukturen kann die neue Mobil- funk-Technologie der funften Generation (5G) liefern. Dabei handelt es sich um eine Wei- terentwicklung des bisherigen Mobilfunk-Standards 4G. Die 5G-Anbindung ermoglicht im Vergleich zu 4G eine geringere Verzogerung bei der Datenubermittlung und Steuerung von Endgeraten in groBerem Umfang. Diese Technologie wird bereits in einigen Pilotpro- jekten angewandt. Die Deutsche Bahn setzt auf eigenstandig rangierende Zuge und Bosch hat Ende 2020 ein automatisiertes Lager mit selbststandiger Steuerung, Uberwa- chung und Wartung der Maschinen eroffnet. Obwohl bereits einige Firmen auf die neue Technologie setzen, herrscht noch uberwiegend Skepsis. Vor allem in Deutschland planen bisher nur knapp uber die Halfte der Unternehmen die Einfuhrung von 5G in den nachsten Jahren, dazu sind nur 28% der Topmanager von der neuen Technologie uberzeugt. Ent- gegen der vorherrschenden Skepsis kommt eine Studie im Auftrag des Telekommunikati- onskonzerns Nokia zu dem Schluss, dass durch den Einsatz von 5G der Weltwirtschaft bis 2030 eine Wertschopfungssteigerung von 6,5 Billionen Euro ermoglichen kann. Diese neue Schopfung wird in lokalen Bereichen eingesetzt, ist also fur die Maschine-zu-Ma- schine- bzw. Maschine-zu-Cloud-Kommunikation gedacht (vgl. Bonsch 2021). Um eine internationale und globale Vernetzung zu schaffen, muss sie durch digitale Netze und weitreichende Infrastrukturen erganzt werden.

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Digitalisierungswettstreit zwischen der EU, den USA und China. Hintergründe, Chancen und politische Strategien im Vergleich
Hochschule
Universität Passau  (Interkulturelle Kommunikation)
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
25
Katalognummer
V1030100
ISBN (eBook)
9783346443922
ISBN (Buch)
9783346443939
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digitalisierungswettstreit, china, hintergründe, chancen, strategien, vergleich
Arbeit zitieren
Gabriel Knapp (Autor), 2021, Digitalisierungswettstreit zwischen der EU, den USA und China. Hintergründe, Chancen und politische Strategien im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030100

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