Dürrenmatt, Friedrich - Der Richter und sein Henker


Seminararbeit, 2001

24 Seiten


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Inhaltsangabe

1. EINLEITUNG

2. DER DETEKTIVROMAN
2.1 ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DES DETEKTIVROMANS
2.2 ZUR GATTUNG: DETEKTIV- BZW. KRIMINALROMAN?
2.3 INHALTLICHE ELEMENTE DER HANDLUNG DES DETEKTIVROMANS

3. DER RICHTER UND SEIN HENKER
3.1 ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER RICHTER UND SEIN HENKER
3.2 ZUSAMMENFASSUNG UND ANALYSE DES ROMANS
3.3 DER ZUFALL BEI DÜRRENMATT

4. EINIGE ERZÄHLTECHNISCHE ASPEKTE
4.1 RÜCKWENDUNGEN
4.2 VORAUSDEUTUNGEN
4.3 DIE ERZÄHLSITUATION

5. SCHLUSSWORT

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit wird im Anschluss an das Mittelseminar „Literaturwissenschaftliche und fachdidaktische Kooperation“ mit dem Schwerpunkt „offener Leseunterricht“ verfasst.

Ich habe mich dafür entschieden, Friedrich Dürrenmatts Roman Der Richter und sein Henker zu analysieren. Der Entschluss kam zustande, weil ich mich im Hinblick auf den zweiten Teil der Arbeit, der geplanten Unterrichtseinheit, gerne mit einem Krimi auseinandersetzen wollte. Ich denke, dass ich dieses Thema gut einmal in meiner eigenen Deutschklasse durchführen kann. Somit fällt es einem auch leichter, den Stoff zu adaptieren.

Im ersten Teil werde ich versuchen, dem Leser das Genre des Detektivromans näher zu bringen. Es geht dabei vor allem um die inhaltlichen Elemente eines Detektivromans. Ein spezielles Thema wird dabei der Zufall in Dürrenmatts Roman sein. Schliesslich werde ich mich dem Aufbau des Romans widmen und dabei auch versuchen, die vorher erwähnten inhaltlichen Elemente zu verifizieren.

Bei der Suche nach geeigneter Literatur für die Arbeit habe ich feststellen müssen, dass man den Detektivroman Der Richter und sein Henker auf äusserst viele Art und Weisen betrachten kann und dass es mir unmöglich sein wird, alles zu behandeln. Ich habe schliesslich eine Auswahl treffen müssen, so dass auch der Rahmen einer Mittelseminararbeit nicht gesprengt wird.

2. Der Detektivroman

2.1 Entwicklungsgeschichte des Detektivromans

Die Wurzeln des Detektivromans reichen bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. E.T.A Hoffmanns Roman Das Fr ä ulein von Scuderi kann hier als Beispiel aufgeführt werden. Als erster klassischer Detektivroman ist Edgar Allen Poes Erzählung Murders in the Rue Morgue zu betrachten. Die Hauptfigur, Auguste Dupin, steht für den intellektuellen, analytisch denkenden Detektiv, dem es dank seiner herausragenden kombinatorischen Logik gelingt, Verbrechen aufzuklären.

Dieser und andere Detektivromane befriedigen das Bedürfnis des Lesers nach einer Welt, in der die Gerechtigkeit siegt. Ferner möchte der Leser vermittelt bekommen, dass die „logisch-analytische Denkkraft des Menschen, ihn zum Beherrscher jeder nur denkbaren Kausalität erhebt.“1

Der Detektivroman liefert diesen Beweis und unterstreicht damit die Wirksamkeit von Technologie und rationalem Denken. Waldmann beschreibt den Detektiv als „rationalen Übermensch“.2 Durch die Aufklärung des Verbrechens gelingt es dem Detektiv, das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse wiederherzustellen.

Des weiteren aber sorgt die kunstvoll geordnete Welt des Detektivromans dafür, dass der Detektiv den Mörder überführen kann. Der Roman spielt in einer Welt ohne Zufall, einer Welt, die zwar möglich, aber nicht die G

ewöhnliche ist.

Im 20. Jahrhundert gelingt dem Genre auch in Deutschland der Durchbruch. Ausschlaggebend dafür sind Romane von Arthur Conan Doyle. Doyles Detektiv, Sherlock Holmes, arbeitet ähnlich wie Dupin. Agatha Christie und John Dickson Carr erreichen mit ihren Detektivromanen ähnliche Erfolge.

In den zwanziger Jahren entstehen in den USA Detektivromane, in denen gesellschaftliche Strukturen an Bedeutung gewinnen. Der Detektiv greift auch gewalttätig ins Geschehen ein, allerdings ohne seine Integrität zu verlieren. Hierzu heisst es bei Pasche: “Die Erzählungen und Romane Dashiell Hammets und Raymond Chandlers lassen deutlich werden, dass das Verbrechen tendenziell Teil einer undurchschaubar gewordenen Gesellschaft ist, Schuld und Unschuld nicht mehr eindeutig zwischen Opfern und Tätern verteilt werden kann.“3 Die Einteilung der Welt in das rein Gute und das rein Böse kann nicht mehr vorgenommen werden. Dürrenmatts Roman Der Richter und sein Henker lässt sich folglich eher in der Tradition dieser Werke verstehen.

2.2 Zur Gattung: Detektiv- bzw. Kriminalroman?

Die Bezeichnungen Kriminalroman beziehungsweise Detektivroman werden in der Alltagssprache für gewöhnlich synonym verwendet. Die Abgrenzung zwischen Detektiv- und Kriminalroman begründet sich in formalen Aspekten. Der Gegenstand des Detektivromans ist ein Mord. Selbstverständlich kann auch ein Kriminalroman einen Mord beinhalten. Die Unterscheidung liegt jedoch in der Erzählform. Richard Alewyn bringt dies auf folgende Formel:

Der Kriminalroman erz ä hlt die Geschichte eines Verbrechens, der Detektivroman die Geschichte der Aufkl ä rung eines Verbrechens. “ 4

Das bedeutet also, dass der Detektivroman erst nach geschehenem Verbrechen einsetzt und sich nur mit dessen Aufklärung befasst. Nach dieser Definition handelt es sich beim Richter und sein Henker eindeutig um einen Detektivroman. Die Verbrechen sind bereits begangen worden, nun geht es nur noch um ihre Aufklärung. In einem späteren Teil möchte ich gerne darlegen, inwiefern Der Richter und sein Henker ein typischer Detektivroman ist und dabei auch überprüfen, ob die inhaltlichen Elemente der Handlung eines Detektivromans, die unter 2.3 beschrieben werden, vorhanden sind.

2.3 Inhaltliche Elemente der Handlung des Detektivromans

Die tragenden inhaltlichen Elemente der Handlung des Detektivromans sind erstens das rätselhafte Verbrechen (der Mord), zweitens die Fahndung nach dem Verbrecher (den Verbrechern), die Rekonstruktion des Tathergangs, die Klärung der Motive für die Tat und drittens die Lösung des Falles und die Überführung des Täters (der Täter). An dieser Reihenfolge ist auch die Abfolge der Geschehnisse erkennbar. Verschiedene Ausprägungen des Detektivromans können erzielt werden, indem man die Fragen nach Täter, Tathergang und Motiv unterschiedlich akzentuiert.

Der Mord wirkt im Detektivroman als Rätsel. Er ist das zentrale Ereignis und hat doch nur auslösende Funktion. Er ist nicht als Verbrechen von Bedeutung, sondern als Anlass für die Tätigkeit einer Detektion. Wenn Mord als Rätselstellung intellektuelle Neugierde erwecken soll, so erscheint es als logisch, wenn seine Ausführung kompliziert und unwahrscheinlich ist. Auch die Situationen, in denen gemordet wird, sind hochgradig konstruiert.

Die komplizierte Konstruktion ist zugleich Gewähr dafür, dass das Verbrechen an den Tag kommt.

Dem Rätsel des Mordes stehen die Enträtselung des Tathergangs, des Motivs und die Feststellung des Mörders gegenüber. Dieser Vorgang der Fahndung (des Enträtselns) kann in seine inhaltliche Teilaspekte Beobachtung, Verhör, Beratung, Verfolgung und Inszenierung der Überführungsszene zerlegt werden, wobei diese Teilaspekte unterschiedliches Gewicht haben können.

Aufgrund von Beobachtungen und aufgrund von Verhören stellt der Detektiv seine Arbeitshypothese für die Ermittlung des Täters auf. Sie wird solange den neu ermittelten Tatsachen angepasst und verändert, bis sie sich als so stimmig erweist, dass sie verifiziert werden kann. Im Detektivroman werden sowohl Gegenstände als auch Personen beobachtet und beachtet. Denn alles kann Indiz oder Spur oder - um den englischen terminus technicus zu gebrauchen - „clue“ sein, auch Geräusche, oder Gerüche, oder Gebärden von Personen. Zum Indiz oder clue wird etwas freilich erst, wenn es sich durch eine kleine Abweichung aus dem gewohnten Rahmen bemerkbar macht. Solche Abweichungen werden nur von einem „Scharfsinnigen“ bemerkt. Er speichert sie solange in seinem Hirn, bis mehrere clues einen profunden Verdacht ergeben. Das sogenannte „fair play“, die Chancengleichheit von Detektiv und Leser bei der Arbeit des Enträtselns, ist entscheidend davon abhängig, dass der Erzähler die clues deutlich darstellt, das heisst Informationen, aus denen Schlüsse gezogen werden können, nicht verschweigt.

Das Verhör ergänzt die Beobachtung. Zeugen und Verdächtige werden danach befragt, wie sie sich in einer bestimmten Situation verhalten haben, was ihnen an ihr aufgefallen ist, usw.. Für den Erzähler bieten insbesondere die Verhöre die ideale Gelegenheit, falsche Fährten zu legen. So kommt es, dass der Leser die eine oder andere Person für schuldig hält, den wahren Mörder aber für unschuldig. Dies Letztere wird häufig durch das ‚falsche Alibi’ erreicht, mit Hilfe dessen der Schuldige der Aufmerksamkeit des Lesers entzogen wird. Für das fair play liegt hier ein kritischer Punkt, an dem es häufig scheitert. Denn die zusätzliche Information, die das falsche Alibi als brüchig erweist, ist oft nur dem schweigenden Detektiv bekannt, oder sie wird vom Erzähler so spät gegeben, dass der Leser während seiner Lektüre eine echte Chance des Enträtselns nicht hat. Das fair play wird dagegen strikt eingehalten, wenn ein falsches Alibi als falsch nur nicht erkannt wird (weder vom Leser noch von den Mitarbeitern des Detektivs noch möglicherweise auch zunächst von ihm selbst), weil aus den vom Erzähler gegebenen Informationen falsche Schlussfolgerungen gezogen worden sind. D. Sayers hat dies wie folgt formuliert:

„ Die richtige Methode ist so die Wahrheit zu sagen, dass der intelligente Leser dazu verleitet wird, sich selbst eine L ü ge vorzusetzen.5

In den Beratungen des Detektivs mit seinen Mitarbeitern oder der Polizei werden die Ergebnisse der Beobachtungen und Verhöre zusammengefasst und ausgewertet, wobei ein und derselbe Sachverhalt oft aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen und eingeschätzt wird. Für den Leser bietet die Beratung zwar eine Orientierungshilfe, sie verführt ihn aber auch, sich in die Irre leiten zu lassen und sich den Argumenten der dem Detektiv zur Seite stehenden Figuren anzuschliessen.

Eine Sonderform der Beratung ist das Zwiegespräch mit sich selbst. Hin und wieder führen es fast alle an der Fahndung Beteiligten und ziehen den Leser damit besonders wirksam in eigene Gedankengänge und zumeist falsche Fährten hinein.

Sind die Möglichkeiten, wer der Täter sein könnte, für den Detektiv so weit reduziert, dass weitere Zweifel ausgeschlossen erscheinen, so beginnt der letzte Teil der Fahndung, die Inszenierung der Überführungsszene. Da sie den Effekt einer Pointe herbeiführen soll, ist es folgerichtig, wenn der Detektiv als der vorläufig alleinige Besitzer der Wahrheit alle Notwendigkeiten hierzu selbst arrangiert oder aber Aufgaben ohne weitere Erklärungen delegiert. Meist wird der geschlossene Kreis, den alle Figuren des Romans von vornherein bilden, an irgendeiner Stelle neu gebildet. Alle Verdächtigen (oder jedenfalls die Hauptverdächtigen) werden zusammengeführt und mit den an der Aufklärung des Falles Beteiligten konfrontiert. Diese Zusammenführung verläuft deswegen ohne Aufwand, weil sich der Täter normalerweise nicht durch Flucht aus der Affäre zu ziehen versucht. Es entspräche nicht den Voraussetzungen des geheim geführten Duells zwischen Täter und Detektiv, wenn sich einer der Protagonisten der einscheidenden Situation entzöge.

Die Inszenierung der Überführungsszene mündet in den Schlussteil des Detektivromans, in dem der Täter öffentlich identifiziert wird. Zu den inhaltlichen Elementen dieses die Aufklärung des Mordes präsentierenden Teils gehört die zusammenfassende Rekonstruktion des Tathergangs aus der Sicht des Detektivs und die Rekapitulation seiner Ermittlungen. Liegen jedoch weder ein Geständnis des Täters noch unangreifbare Beweise für seine Täterschaft vor, so wird für ihn, der in der Szene anwesend ist, in die Rekapitulation der Ermittlungen eine Falle eingebaut. Sie ist so nahegelegt, dass sich der Mörder durch eine vom Detektiv provozierte unbedachte Äusserung vor Zeugen verrät. Ein folgendes Geständnis des Mörders, das jedoch nicht zur Regel gehört, kann dann zur Klärung noch unbeantworteter Fragen dienen. Als Fallensteller feiert der Detektiv seinen grössten Triumph. Denn das Risiko des Misslingens, das er bei blosser Zusammenstellung des Beweismaterials nicht einzugehen hat, fordert seine Geschicklichkeit noch einmal eindrucksvoll heraus und trägt ihm die Bewunderung der Mitspieler und des Lesers ein. Der Triumph des Detektivs am Schluss des Romans beleuchtet zugleich die Rolle, in die hier der Leser gedrängt wird. Während der ganzen Fahndung zum Mitdenken stimuliert, wird ihm in der Schlussszene die Vergeblichkeit seiner Bemühungen bescheinigt. Hier muss er erstaunt all das zur Kenntnis nehmen, worauf er selbst nicht gekommen ist. Die Ruhe, die der Leser durch die Auflösung des Rätsels und die Wiederherstellung des Zustands gewinnt, empfängt er vom Detektiv wie ein Geschenk. Nicht also nur der Anreiz zur Aktivität des Mitdenkens, sondern auch das Vergnügen der Verblüffung sind die Unterhaltungseffekte, die von der Handlung des Detektivromans ausgehen.

3. Der Richter und sein Henker

3.1 Entstehungsgeschichte Der Richter und sein Henker

Der „Schweizerische Beobachter“ beauftragte Dürrenmatt, den zu Beginn seines schriftstellerischen Schaffens akute finanzielle Sorgen plagen, einen Fortsetzungsroman für die Zeitung zu schreiben. So entsteht Der Richter und sein Henker, der in acht Folgen vom 15.12.1950 bis zum 31.3.1951 erscheint.

Stellen wir uns die Frage nach der Inspiration, die Dürrenmatt für diesen Roman hatte, so müssen wir erkennen, dass mehrere Möglichkeiten möglich sind. Der Schweizer Rundfunk sendete damals die Hörspielserie Inspektor W ä ckerli, Es wäre möglich, dass Dürrenmatt sich davon inspirieren liess. Eine weitere Möglichkeit bestände in den Detektivromanen von Friedrich Glauser um den Polizeimeister Studer. Allerdings wird dies von Dürrenmatt selbst zurückgewiesen, der behauptet, Glausers Detektivromane zur Entstehungszeit seines eigenen Romans nicht gekannt zu haben.

Dürrenmatt selbst hat einen weiteren, interessanten Aspekt genannt, der ihn zum Schreiben von Detektivromanen animierte:

„ Wie besteht der K ü nstler in einer Welt der Bildung, der Alphabeten? Eine Frage, die mich bedr ü ckt, auf die ich noch keine Antwort weiss. Vielleicht am besten, indem er Kriminalromane schreibt, Kunst da tut, wo sie niemand vermutet. Die Literatur muss so leicht werden, dass sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig. “ 6

Dieses Zitat verweist darauf, dass der Autor bewusst diese Gattung gewählt hat. Dadurch erreicht er ein grosses Lesepublikum, dem er im Gewand des Detektivromans seine gesellschaftskritischen Überlegungen präsentieren kann. Dies hat zur Folge, dass es ihm möglich ist, einerseits seinen Lebensunterhalt zu verdienen und er andererseits dazu in der Lage ist, seinen moralischen und gesellschaftlichen Themen in grösserem Rahmen Ausdruck zu verleihen.

3.2 Zusammenfassung und Analyse des Romans

In diesem Teil der Arbeit möchte ich dem Leser eine kurze Zusammenfassung des Romans Der Richter und sein Henker geben und diesen gleichzeitig aufgrund der in 2.3 genannten inhaltlichen Elemente der Handlung eines Detektivromans untersuchen.

Der Roman beginnt auf einer einsamen Landstrasse, wo der Polizeileutnant Ulrich Schmied in seinem Wagen tot aufgefunden wird. Wir haben also wie unter 2.3 beschrieben ein „rätselhaftes Verbrechen“. Somit handelt es sich also um einen Detektivroman, wie an früherer Stelle schon festgestellt wurde. Die Tat wurde bereits begangen.

Kommissar Bärlach, Schmieds ehemaliger Vorgesetzter, übernimmt den Fall und unter dem Vorwand, ihm etwas nachschicken zu müssen, lässt er sich von der Hausherrin in die Wohnung des Junggesellen führen. Von dort nimmt er eine Mappe mit, deren Inhalt dem Leser jedoch vorerst vorenthalten wird. Der Kommissar hat von Anfang an einen Verdacht, den er nicht einmal Tschanz, einem jungen vielversprechenden Kriminalisten, den er zu seiner Unterstützung herbeizieht, mitteilt.

Die Fahndung nach dem Verbrecher hat also begonnen. Nun wird versucht, den Tathergang zu rekonstruieren und eine Erklärung für die Motive zu finden.

Durch eifrige Recherchen kommt Tschanz bald dahinter, was Schmied überhaupt in Lamboing, der Ort, wo der Tote gefunden wurde, zu suchen hatte. Schmied nahm dort immer an vornehmen Gesellschaftsabenden teil, noch dazu unter falschem Namen. Aus dem Terminkalender Schmieds geht hervor, dass er an diesem Abend wieder geplant hat, an einem so besagten Abend teilzunehmen. Diese Abende sind jeweils mit „G“ in seiner Agenda vermerkt. Schnell wird ausfindig gemacht, dass es sich bei „G“ um einen gewissen Gastmann handelt. In dessen Villa kommt es zu einem Vorfall. Bärlach wird von einem Hund angegriffen und durch einen Schuss von Tschanz aus dessen Waffe gerettet. Erst viel später erfährt der Leser, dass dies von Bärlach so geplant worden war. Wir haben es also schon hier zum ersten Mal mit dem „schweigenden Detektiv“ zu tun. Das sogenannte „fair pla y“, die Chancengleichheit von Detektiv und Leser, wird nicht eingehalten.

Die Verwirrung des Lesers erreicht dann den Höhepunkt als sich herausstellt, dass Bärlach Gastmann kennt. Die beiden treffen in Bärlachs Wohnung aufeinander, als Gastmann im Begriff ist, die Akte Schmieds zu entwenden. Folgende Geschichte enthüllt sich: Bärlach und Gastmann sind Erzfeinde. Sie kennen sich seit über vierzig Jahren. Damals wettete Gastmann, dass er Verbrechen begehen könne, ohne dass man sie ihm nachweisen könne. Von da an bleibt beider Leben auf merkwürdige Weise - in einer Art Gegenläufigkeit - miteinander verbunden. Gastmann erinnert Bärlach dann noch einmal daran, dass er nur noch ein Jahr zu leben habe und sich beeilen müsse, wolle er ihm noch etwas nachweisen.

Obwohl Bärlach sich nichts sehnlicher wünscht, als Gastmann ein Verbrechen nachzuweisen, weiss er, dass Gastmann nichts mit dem Mord an Polizeileutnant Ulrich Schmied zu tun hat. Diese Tatsache wird dem Leser wiederum verschwiegen. Der Leser geht immer noch davon aus, dass Gastmann Schmieds Mörder ist.

Dann wird ein Mordanschlag an Kommissar Bärlach verübt, den aber mit etwas Glück überlebt. Bärlach weiss, wer den Anschlag verübt hat:

„ Aber wenn ich ihn auch nicht sah, kaum seinen Atem h ö rte, ich weiss, wer es gewesen ist. Ich weiss es; ich weiss es.7

Das einzige Indiz, das er dem Leser gibt, sind ein paar braune Lederhandschuhe. Sie lassen dann einige Seiten später den Leser wissen, dass Gastmann Bärlach umbringen wollte. An dieser Stelle wird der Leser ein weiteres Mal in die Irre geführt, denn nun scheint es klar zu sein, dass Gastmann der Mörder Schmieds ist. Und weil Bärlach ihm auf die Schliche gekommen ist, hat er versucht ihn umzubringen.

Bärlach will sich von diesem Schock etwas erholen und fährt für einige Tage nach Grindelwald. So steigt er an dem Tag in das Taxi, das er bestellt hat und in dem zu seiner Verwunderung Gastmann und seine zwei Diener sitzen. Gastmann verspricht Bärlach, dass er ihn töten werde. In sicherer Voraussicht verspricht jedoch Bärlach Gastmann, dass dieser den heutigen nicht überleben werde, da er ihn zum Tode verurteilt und den Henker, den er für ihn ausersehen habe, noch heute zu ihm kommen werde.

Und so geschieht es auch. Tschanz erschiesst noch am selben Tag Gastmann und seine Diener. Man glaubt Tschanz, dass es Notwehr war, da man die Mappe Schmieds bei Gastmann findet. Der Fall scheint gelöst.

Doch nur einer kennt die Wahrheit: Bärlach. Er lädt Tschanz bei sich ein und gesteht ihm seinen Verdacht. Tschanz ist der Mörder Schmieds und Bärlach hat es immer gewusst. Er begreift, dass er dem Alten in die Falle gegangen ist.

Bärlach hatte Schmied zum Henker für Gastmann auserkoren. Doch Tschanz, der immer im Schatten Schmieds stand, erschoss Schmied in seinem Streben nach Anerkennung und Erfolg. Tschanz musste Gastmann den Mord beweisen, um nicht selbst in Verdacht zu geraten. Und so spielte Tschanz ungewollt die Rolle Schmieds zu Ende: den Henker Gastmanns. Die Überführungsszene wurde also von Bärlach als alleinigem Besitzer der Wahrheit inszeniert. Und dies entspricht auch ganz den Voraussetzungen des geheim geführten Duells zwischen Täter und Detektiv, dass sich nämlich keiner der Protagonisten der entscheidenden Situation entzieht.

Wie schon in 2.3 erwähnt wird dem Leser, schon während der ganzen Fahndung zum Mitdenken stimuliert, in der Schlussszene die Vergeblichkeit seiner Bemühungen bescheinigt. Er muss erstaunt all das zur Kenntnis nehmen, worauf er selbst nicht gekommen ist.

Die komplizierte Konstruktion ist also zugleich Gewähr dafür, dass das Verbrechen an den Tag kommt. Bärlach weiss Bescheid und befiehlt Tschanz zu gehen. Er will keinen mehr richten. Am nächsten Tag wird Tschanz tot aufgefunden, von einem Eisenbahnzug erfasst.

3.3 Der Zufall bei Dürrenmatt

Der Zufall spielt bei Dürrenmatt eine grosse Rolle. In Der Richter und sein Henker ist der Zufall sowohl bei der Verbrechensaufklärung behilflich als auch an der Auseinandersetzung zwischen Gastmann und Bärlach beteiligt.

Ausgangspunkt für die Entwicklung kaum me hr „logisch“ gesteuerter Erscheinungen und Prozesse in den von Dürrenmatt thematisierten Situationen sind in der Regel ungewöhnliche, zugespitzte und die Grenzen der Wirklichkeit bereits deutlich berührende, wenn nicht überschreitende Anlässe bzw. Zufallsfügungen. Akte der Gewalt, die sich nahezu eigengesetzlich entfalten, werden also begleitet und gestützt durch Konstrukte des Zufalls, und Dürrenmatt gestattet sich, empirisch Nachweisbares auszusetzen und den geplanten Zufälligkeiten mehr und mehr Spielraum zu lassen, so dass zwangsläufig labyrinthische Ausweglosigkeiten entstehen. Auf eine verkürzte Form gebracht, lässt sich das Charakteristische des Romans mit dem Begriff der geschehensbestimmenden „Ä sthetik des Zufalls “ (Knapp 1991) beschreiben.

Schliesst man von der Kette der Zufälligkeiten, die Bärlach in Der Richter und sein Henker begünstigen, auf die Verlierer, dann offenbart sich ein einfacher, wiederkehrender Mechanismus in Dürrenmatts Handhabung des erwähnten ästhetisch- strukturellen Mittels „Zufall“, um seine Intentionen als Autor zu realisieren. Was im einen Falle hilfreich in Erscheinung tritt, muss im anderen Falle vernichtende Auswirkungen haben. Nahezu alle Zufälle unterstützen Bärlachs Beweisführung und lassen ihn trotz gelegentlicher höchs ter Gefährdung heil aus allem herausgehen.

Nun zu einigen spezifischen Stellen im Text.

Zunächst findet Bärlach zufällig eine Patronenkugel am Tatort. So antwortet Bärlach auch selbst auf die erstaunte frage Clenins, wie er das gemacht habe:

„ Das ist Zufall “ , sagte B ä rlach und sie gingen nach Twann hinunter. 8

Beim ersten Besuch bei Gastmann wird Bärlach von einem Hund angegriffen, der von Tschanz erschossen wird. Auch dies kann als Zufall betrachtet werden, auch wenn der Kommissar es geplant hatte. Dennoch musste das Tier nicht zwangsläufig von Tschanz erschossen werden. Dieses Zusammenspiel des Zufalls ermöglicht es Bärlach, die Kugeln miteinander zu vergleichen und letztlich Tschanz zu überführen. Tschanz Ende ergibt sich ebenfalls eher zufällig. Er verunglückt tödlich auf der Flucht. Es ist allerdings auch möglich, davon zu sprechen, dass er sich aufgrund der Enthüllungen Bärlachs das Leben nimmt.

Allerdings ist es bemerkenswert, dass alle handelnden Personen dem Zufallsprinzip unterworfen sind, während sich Bärlach diese Zufälle zu Nutze machen kann, sie sogar vorherzusehen scheint.

Knapp konstatiert daher, dass:

„ der Zufall derart in D ü rrenmatts erstem Detektivroman weit ü ber sich selbst hinaus w ä chst und indirekt wieder zu einer Regelhaftigkeit, jener stillschweigend vorausgesetzten Teleologie, ger ä t, die zu den Grundlagen der Gattung geh ö rt. Indem der Autor dem Element des Zuf ä lligen Einlass in die Gattung gew ä hrt, es aber paradoxerweise zum Helfershelfer der gattungsbedingten Planm ä ssigkeit macht, erf ü llt er die Form des Detektivromans auf unkonventionelle Weise und stellt sie zugleich ironisch in Frage. “ 9

Besonders auffällig ist weiterhin, dass auch die Auseinandersetzung zwischen Gastmann und Bärlach durch einen Zufall ihren Lauf nahm. Zufällig haben sich die beiden in Istanbul getroffen und aus einer Laune, einem Einfall heraus eine Wette abgeschlossen. Bärlachs These war, dass der Zufall jeden Verbrecher zur Strecke bringen müsste, da dieser sich nicht gegen alle Zufälle absichern könnte. Gastmann hingegen meinte, dass gerade der Zufall dafür sorgen würde, dass die meisten Verbrechen ungeahndet, wenn nicht sogar ungeahnt, bleiben würden. Als Beweis für seine These tötete er vor den Augen Bärlachs einen deutschen Kaufmann. Bärlach konnte Gastmann die Tat nicht nachweisen. In den folgenden Jahren kreuzten sich die Wege der beiden Kontrahenten immer wieder, ohne dass Bärlach Gastmann jemals ein Verbrechen nachweisen konnte. Die Wette selbst hat also auch den Zufall zum Gegenstand.

Der Zufall, dass ausgerechnet Tschanz Schmied umbringt, kommt Bärlach doch sehr gelegen. Dadurch dass Tschanz versuchen muss, den Mord zu verdecken und Gastmann, Bärlachs Erzrivale, deswegen unter Mordverdacht gerät, ist für den Kommissar ein grosser Vorteil. Er nähert sich der Vernichtung Gastmanns so sehr viel schneller, nämlich durch Tschanz als seinem Henker und Mörder von Gastmann. Hätte Tschanz Schmied nicht umgebracht, so müsste er wahrscheinlich noch lange warten, bis er Gastmann etwas hätte nachweisen können. Zeit, die er durch seine Krankheit nicht hat.

Dadurch, dass der Zufall sowohl zum Gestaltungsprinzip als auch zum eigentlichen Auslöser der Handlung erhoben wird, erhält er eine ebenso ästhetische wie strukturelle Zentralfunktion. Dies könnte nahe legen, dass Dürrenmatts Detektivromane, zumindest von ihrer Intention her, als Aufhebung und Überwindung der Gattung angelegt sind. Der Richter und sein Henker steht durch die Rolle des Zufalls wie es Pasche ausdrückt:

„ quer zu den traditionellen Kriminalromanen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die als quasi-mathematisches Denkspiel durch ein festes System von Regeln definiert sind - Regeln, die ein faires Verh ä ltnis zwischen Autor und Leser gew ä hrleisten sollen und zum Teil sogar als fixe Regelkataloge von Kriminalautoren ver ö ffentlicht wurden. “ 10

Der Zufall nimmt dem Leser die Illusion, der Verbrecher habe schliesslich der Logik und dem Spürsinn des Detektivs nichts mehr entgegenzusetzen. Dennoch deutet der Schluss des Detektivromans an, dass letztlich doch die Vernunft und Planung über das Prinzip des Zufalls siegt. Schliesslich sind alle Pläne Bärlachs aufgegangen. Und auch wenn die Rolle des Zufalls ambivalent zu betrachten ist, so erscheint die Erzählung möglich und in sich schlüssig.

4. Einige erzähltechnische Aspekte

In diesem Kapitel möchte ich auf die wichtigsten erzähltechnischen Merkmale im Roman Der Richter und sein Henker und auf deren Funktion eingehen. Dabei stütze ich mich auf die erzähltechnischen Erläuterungen von Jochen Vogt.11

4.1 Rückwendungen

Beim Lesen des Romans Der Richter und sein Henker wird einem vor allem eines immer wieder bewusst: Der Roman ist keineswegs chronologisch aufgebaut. Die ursprüngliche Abfolge der Geschehnisse wurde umgestellt, wie es für einen Roman, in dem es um die Aufdeckung eines Verbrechens geht, typisch ist.

Der Roman beginnt mit dem Fund der Leiche Schmieds. Wir sind in der Gegenwart. Der Fall wird Schmieds Vorgesetztem, Kommissar Bärlach übergeben. Da wird dem Leser zum ersten Mal etwas über dessen Vergangenheit erzählt:

„ B ä rlach hatte lange im Ausland gelebt und sich in Konstantinopel und dann in Deutschland als bekannter Kriminalist hervorgetan. Zuletzt war er der Kriminalpolizei Frankfurt am Main vorgestanden, doch kehrte erschon dreiunddreissig in seine Vaterstadt zur ü ck. (...) dies aber erst f ü nfundvierzig. “ 12

Hier haben wir jetzt eine sogenannte Rückwendung, oder auch Analepse genannt. Sie lässt sich definieren als „Unterbrechung der fiktiv- gegenwärtigen Handlungsfolge und Einschub von Ereignissen, die schon früher stattgefunden haben und jetzt nachgetragen werden.“ (Vogt, S. 119). Rückwendungen sind meist von ergänzender Natur und werden dementsprechend knapp gehalten.

Dem widerspricht die Szene, die wir etwa in der Hälfte des Romans antreffen, nämlich die Unterredung zwischen Bärlach und Gastmann, wo der Leser erfährt, dass die beiden sich kennen. Vor vierzig Jahren haben sie eine Wette abgeschlossen:

„Ü ber vierzig Jahre sind es her “ , begann der andere [Gastmann] von neuem zu reden, „ dass wir uns in irgendeiner verfallenen Judenschenke am Bosporus zum erstenmal getroffen haben. (...) O ich liebe es, an diese Stunde zu denken, die dein Leben und das meine bestimmte! “ 13

Der Leser erfährt an dieser Stelle, wie sich die beiden kennen gelernt haben und wie es zu dieser Wette gekommen ist, die ihrer beiden Leben von diesem Zeitpunkt an begleitete. Anders als beim ersten Beispiel treffen wir die Rückblende hier in Form der direkten Rede an. Gastmann spricht zu Bärlach und lässt die vergangene Zeit Revue passieren.

Eine weitere Form einer Rückwendung finden wir am Schluss des Romans, als Tschanz feststellen muss, dass Bärlach den wahren Täter, nämlich ihn, kennt:

„ Hast du es noch immer nicht begriffen, Tschanz “ , sagte er endlich, „ dass du mir deine Tat schon lange bewiesen hast? Der Revolver stammt von dir; denn Gastmanns Hund, den du erschossen hast, mich zu retten, wies eine Kugel vor, die von der Waffe stammen musste, die Schmied den Tod brachte: von deiner Waffe. “ 14

So geht es denn auch weiter und Bärlach klärt Tschanz auf, wie er ihm auf die Schliche gekommen ist und ihn zum Henker von seinem Erzrivalen Gastmann gemacht hat. Der Leser erfährt hier zwar erst, dass Tschanz Schmieds Mörder ist, aber der Rest ist dem Leser bekannt und es fällt einem wie Schuppen von den Augen, als man erkennt, wie Bärlach das alles arrangiert hat.

Diese Rückwendungen helfen dem Erzähler, dass seine Geschichte spannend bleibt. So werden doch dem Leser nicht schon zu Beginn des Romans alle Details verraten und der wahre Mörder wird erst am Schluss, wie es sich für einen Detektivroman gehört, entlarvt.

4.2 Vorausdeutungen

Im Roman Der Richter und sein Henker finden wir auch einige Vorausdeutungen. Sie beziehen sich vor allem auf Bärlachs Operation und seine Angst, Gastmann nicht mehr überführen zu können.

Die Vorausdeutungen, auch Prolepse genannt, nimmt nach Vogt:

„ ... einen sp ä teren Punkt innerhalb der erz ä hlerischen Chronologie vorweg (intern) und greift ü ber deren Endpunkt hinaus (extern). Damit ist nat ü rlich keineswegs garantiert, dass ein bestimmtes Ereignis dann auch wirklich eintritt. Auch die aufs Ende der Erz ä hlung gerichtete Spannung bei der Lekt ü re wird durch diese h ä ufig ungenauen oder nur anspielenden Verweise nicht gemindert, sondern in aller Regel verst ä rkt. “ 15

Ich möchte nun einige Stelen im Text zitieren, die die Vorausdeutungen veranschaulichen sollen. Wie schon erwähnt handelt es sich bei den ersten Textbeispielen um Bärlachs Krankheit. Wir treffen eine solche Szene beim ersten Zusammentreffen Bärlachs und Gastmanns, wo der Leser auch erfährt, dass sich die beiden schon lange Zeit kennen:

„ Ich h ö re nie auf, dich zu verfolgen. Einmal wird es mir gelingen, deine Verbrechen zu beweisen. “

„ Du musst dich beeilen, B ä rlach “ , antwortete der andere. „ Du hast nicht mehr viel Zeit. Die Ä rzte geben dir noch ein Jahr, wenn du dich jetzt operieren l ä sst. “

„ Du hast recht “ , sagte der Alte. „ Nur noch ein Jahr. Und ich kann mich jetzt nicht operieren lassen, ich muss mich stellen. Meine letzte Gelegenheit. “ 16

Bärlach gibt Gastmann hier klar zu verstehen, dass er nie aufhören wird, ihn zu verfolgen und dass ihn momentan nicht einmal seine lebensbedrohende Krankheit und die notwendige Operation davon abhalten werden.

Eine zweite Szene finden wir als Bärlach seinem Arzt Doktor Hungertobel einen Besuch abstattet:

„ ...wir m ü ssen dich innert drei Tagen operieren. Es geht nicht mehr anders. “

„ Ich f ü hle mich wohl wie nie. “

„ In vier Tagen wird ein neuer Anfall kommen, Hans “ , sagte der Arzt, „ und den wirst du nicht mehr ü berleben. “

„ Zwei Tage habe ich also noch Zeit. Zwei Tage. Und am Morgen des dritten Tages wirst du mich operieren. Am Dienstagmorgen. “ 17

Nach dem Besuch weiss Bärlach also, dass er nur noch zwei Tage Zeit hat, um Gastmann zu überführen. Auch dem Leser wird bekannt gegeben, dass es nur noch zwei Tage dauert, bis man den Mörder stellt.

Eine weitere Szene, die ein gutes Beispiel liefert für eine Vorausdeutung finden ein bisschen weiter vorne, als Bärlach Tschanz mitteilt, dass er eine Ahnung habe, wer der Mörder sein könnte.

Tschanz schaute dem Kommiss ä r aufmerksam ins Gesicht, z ü ndete sich eine Zigarette an und sagte z ö gernd: „ Herr Doktor Lutz sagte mir, Sie h ä tten einen bestimmten Verdacht. “

(...)

„ Sehen Sie “ , antwortete B ä rlach langsam. Ebenso sorgf ä ltig jedes Wort ü berlegend wie Tschanz, „ mein Verdacht ist nicht ein kriminalistisch wissenschaftlicher Verdacht. Ich habe keine Gr ü nde, die ihn rechtfertigen. Sie haben gesehen, wie wenig ich weiss. Ich habe eigentlich nur eine Idee, wer als M ö rder in Betracht kommen k ö nnte; aber der, den es angeht, muss die Beweise, dass er es gewesen ist, noch liefern. “

„ Wie meinen Sie das, Kommiss ä r? “ fragte Tschanz.

B ä rlach l ä chelte: „ Nun, ich muss warten, bis die Indizien zum Vorschein gekommen sind, die seine Verhaftung rechtfertigen. “ 18

Der Leser erfährt an dieser Stelle, dass der Kommissar mehr weiss als er und auch mehr als Tschanz. Man darf also annehmen, dass da noch etwas auf einem zukommt. Ausserdem spricht Bärlach Indizien an, die noch gefunden werden müssen.

Mit solchen Vorausdeutungen kann der Erzähler Spannung erzeugen und den Leser motivieren weiterzulesen. Der Wille des Lesers weiterzulesen hängt weit mehr davon ab, was er erzählt bekommt als davon, was er herausfinden will. Je mehr der Leser also weiss, je mehr Vorausdeutungen der Erzähler ihm gibt, desto mehr möchte er noch erfahren.

4.3 Die Erzählsituation

Grosse Teile des Romans Der Richter und sein Henker bestehen aus Dialogen in direkter Rede: Bärlach und Tschanz, Bärlach und Gastmann, Bärlach und Doktor Lutz, Bärlach und sein behandelnder Arzt Doktor Hungertobel. Der Erzähler, Dürrenmatt zieht sich also wie in einem Drama hinter seine sprechenden Figuren zurück. So erhält der Leser praktisch alle Informationen in Dialogen. Ziemlich zu Beginn des Romans finden wir eine Stelle, wo Bärlach seinen Kollegen Blatter beschreibt.

„ Wenn es auch schon gegen f ü nf ging, beschloss B ä rlach doch noch an diesem Nachmittag nach Twann zum Tatort zu fahren. Er nahm Blatter mit, einen grossen aufgeschwemmten Polizisten, der nie ein Wort sprach, den B ä rlach deshalb liebte, und der auch den Wagen fuhr. 19

Diese Art von wertendem, kommentierendem Erzählen nennt man „auktoriales Erzählen“20. Der erzählerische Blickwinkel ist beim auktorialen Erzählen zwar weder räumlich noch zeitlich eingeschränkt, doch im Richter und sein Henker tritt der Erzähler nie markant aus der Handlungsgegenwart hinaus. Würde er dies tun, und uns zum Beispiel bereits im Voraus in bevorstehende Ereignisse einweihen, so würde der Roman seine ganze Spannung verlieren. Man könnte dann nicht mehr von einem Detektivroman sprechen. Somit ist auch klar, dass im Text nur sehr wenige solcher auktorialen Stellen zu finden sind.

Nicht sehr zahlreich sind auch die Passagen, wo der Leser Einblick in Bärlachs Gedanken erhält und die Dinge durch seine Augen sieht. Eine solche Stelle finden wir, als Bärlach den Tatort aufsucht:

„ B ä rlach trat an den Strassenrand und sah nach Twann hinunter. Nur Weinberge lagen zwischen ihm und der alten Ansiedlung. Die Sonne war schon untergegangen. Die Strasse kr ü mmte sich wie eine Schlange zwischen den H ä usern, und am Bahnhof stand ein langer G ü terzug. 21

In dieser Textstelle scheinen wir die Weinberge und die Ansiedlung, die Strasse und den Bahnhof durch Bärlachs Augen zu sehen. „ Pers ö nliche Z ü ge “ 22 des Autors sind nicht mehr auszumachen und der Leser gewinnt so den Eindruck einer erzählerischen Objektivität. Diese epische Präsentationsweise nennt man „ personale Erz ä hlform “ 23 . Durch sie ermöglicht uns der Autor, uns in Bärlach hineinzuversetze n und die Aussicht durch seine Augen zu sehen.

5. Schlusswort

Ich habe in der Einleitung geschrieben, dass ich für diese Arbeit eine Auswahl treffen musste, in Bezug auf die zu behandelnden Themen. Diese Auswahl ist mir sehr schwer gefallen. Und auch im nachhinein muss ich mir sagen, dass es da noch viel zu schreiben gegeben hätte. Aber wie schon gesagt, muss man an einem Punkt eine Auswahl treffen, und das habe ich gemacht.

Anhand der inhaltlichen Element kann man beim Roman Der Richter und sein Henker ganz klar von einem Detektivroman sprechen. Der Text überfüllt vielmehr die Erwartungen an das Genre. Er bleibt nicht nur vordergründig an der Oberfläche des Geschehens, sondern dringt tiefer in die existentialistische, moralische und gesellschaftliche Fragestellung ein, ohne dabei die klassische Form aufzuheben. Auch wenn die Rolle der Zufälle ambivalent zu betrachten ist, so erscheint die Erzählung doch möglich und in sich schlüssig.

Ich habe beim Verfassen der Arbeit auf jeden Fall sehr viel gelernt sowohl über das Genre des Detektivromans, als auch über Friedrich Dürrenmatts Roman Der Richter und sein Henker. Ich freue mich auch schon sehr darauf, dieses Thema in meiner Klasse zu behandeln.

6. Literaturverzeichnis

Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. - In: ders. Probleme und Gestalten. Essays. Frankfurt/M.: Insel 1974

Dürrenmatt, Friedrich: Der Richter und sein Henker. Einsiedeln, Zürich, Köln: Benziger Verlag 1958 (berechtigte Lizenzausgabe des Buchclub ex libris Zürich

Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme (1955), in: Gesammelte Werke, Bd. 7, Zürich 1991

Kästler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt. Der Richter und sein Henker. Der Verdacht. Königs Erläuterungen. Hollfeld: C. Bange Verlag 1998

Knapp, Gerhard P.: Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Frankfurt/M.: Diesterweg 1991

Nusser, Peter: Der Kriminalroman. Stuttgart: Metzler 1980

Pasche Wolfgang: Interpretationshilfen. Friedrich Dürrenmatts Kriminalromane. Stuttgart: Klett 1997

Poppe, Reiner: Friedrich Dürrenmatt. Der Richter und sein Henker. Analysen und Reflexionen. Hollfeld: Joachim Beyer Verlag 1989

Spycher, Peter: Friedrich Dürrenmatt. Das erzählerische Werk. Frauenfeld: Huber 1972

Vogt, Jochen: Der Kriminalroman. Poetik, Theorie, Geschichte. München: Fink 1998

Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Opladen: Westdeutscher 1990

[...]


1 Knapp, Gerhard P.: Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Frankfurt/M.: Diesterweg 1991

2 Waldmann, Günter: Kriminalroman - Antikriminalroman. Dürrenmatts Requiem auf den Kriminalroman und die Antiaufklärung. - In: Der Kriminalroman I. Zur Theorie und Geschichte einer Gattung. Hrsg. von Vogt, Jochen. München: Fink 1971

3 Pasche, Wolfgang: Interpretationshilfen. Friedrich Dürrenmatts Kriminalromane. Stuttgart: Klett 1997

3 Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. 1968. In : Vogt, Jochen (hrsg.) : Der Kriminalroman. Poetik, Theorie, Geschichte. München: Wilhelm Fink 1998

5 Aus: Sayers, D.: Vorwort zu ‚Great Short Stories of Detection, Mistery and Horror’. London 1928 (deutsch in: P. G. Buchloh/ J. P. Becker, Der Detektiverzählung auf der Spur. Essays zur Form und Wertung der englischen Detektivliteratur. Darmstadt 1977)

6 Dürrenmatt, Friedrich: Theaterprobleme (1955), in: Gesammelte Werke, Bd. 7, Zürich 1991 9

7 Dürrenmatt, Friedrich: Der Richter und sein Henker. Einsiedeln, Zürich, Köln: Benzinger 1958 (berechtigte Lizenzausgabe des Buchclub ex libris Zürich)

8 Dürrenmatt S. 17

9 Knapp 1991

10 Pasche 1997

11 Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Opladen. Westdeutscher 1990

12 Dürrenmatt S. 7/8

13 Dürrenmatt S. 78

14 Dürrenmatt S. 138

15 Vogt S. 123

16 Dürrenmatt S. 77

17 Dürrenmatt S. 109

18 Dürrenmatt S. 23

19 Dürrenmatt S. 15

19 Vogt S. 58

21 Dürrenmatt S. 17

22 Vogt S. 51

23 Vogt S. 50

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Dürrenmatt, Friedrich - Der Richter und sein Henker
Hochschule
Universität Basel
Veranstaltung
Mittelseminar
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V103025
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dürrenmatt, Friedrich, Richter, Henker, Mittelseminar
Arbeit zitieren
Andrea Schmidlin (Autor), 2001, Dürrenmatt, Friedrich - Der Richter und sein Henker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103025

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