Erzählanalyse zu "La Forma de la Espada". Analyse der Erzählebenen


Essay, 2021

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erzählebene ersten Grades

3 Erzählebene zweiten Grades

4 Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

Auf Grundlage des Werks La forma de la espada von Jorge Luis Borges, welches von einem Irischen Kriegsveteran und seinen Erfahrungen im Krieg handelt, folgt nun eine Erzählanalyse. Da die Erzählung grundsätzlich zwischen einer Rahmen- und Binnenerzählung unterschieden werden kann, soll auch im Weiteren eine Unterteilung beider erfolgen. Dabei wird jeweils auf verschiedene Aspekte der histoire sowie discours Ebene eingegangen und im Anschluss mit Argumenten anderer narrativen Analysen auseinandergesetzt. In einem letzten Fazit möchten wir die Erzählung noch einmal global, auch im Hinblick auf die Autorintention betrachten.

2 Erzählebene ersten Grades

Schon gleich mit dem ersten Satz lenkt der Erzähler die Aufmerksamkeit auf die Narbe im Gesicht des Iren mit dem Spitznamen ,el inglés‘. Ohne große Umschweife beschreibt er detailliert die Figur ,el inglés‘, was somit insgesamt auf eine avantgardistische Erzählweise schließen lässt und die Figur auch schnell in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Dem Leser wird besonders im ersten Abschnitt eine furchteinflößend wirkende oder zumindest stark autoritäre Persönlichkeit vor Augen gehalten: „El dueño […] no quería vender“ aber: „he oído que el Inglés recurrió a un imprevisible argumento: le confió la historia secreta de la cicatriz […]“1 oder durch Bemerkungen wie: „Dicen que era severo hasta la crueldad […]“.2 Demütig gibt sich auch der Erzähler im Gesprächseinstieg mit dem Iren, indem er ihn versucht mit patriotischen Zuspruch zu schmeicheln: „procuré congraciarme con el Inglés; acudí a la menos perspicaz de las pasiones: el patriotismo. Dije que era invencible un país con el espíritu de Inglaterra [...]”.3 Dies deutet auf eine einschüchternde Wirkung hin, die er erst spät am Abend nach einigen Mengen Alkohol ablegen kann und sich schließlich überwindet die Geschichte der Narbe anzusprechen. Zu Beginn situiert sich die Erzählinstanz auch als Teil der Handlung, nimmt aber durch die vorwiegend berichtende Rolle eine vor allem passive Beobachterposition ein. Der erste Abschnitt noch in ausnahmslos berichtender Rolle, steigt er dann im zweiten auch selbst mit ein: „La última vez que recorrí los departamentos del Norte […]“.4 Demnach ist er nach Genette fortwährend ein eindeutig homodiegetischer Erzähler. Auch lässt die eingeschränkte Perspektive des Ich-Erzählers auf eine interne Fokalisierung schließen. Dies wird vor allem dadurch deutlich, dass er nur aus eigenen Erfahrungen und Erzählungen anderer berichtet, aber keine wissensüberlegene Position einnimmt. Er nutzt außerdem die typischen Techniken des Erzählerberichtes sowie der indirekten Rede, um seine persönlichen Vorkommnisse und die Erzählungen Fremder zu übermitteln: „Dicen también que era bebedor: […]“5 oder: „A los pocos minutos creí notar que mi aparición era inoportuna [...]”.6 Um die Ernsthaftigkeit des Iren bezüglich der Geschichte seiner Narbe hervorzuheben bzw. das Gefühl von Unmittelbarkeit zu verstärken, nutzt der Erzähler zum Ende hin die direkte Rede und zitiert die Figur im Wortlaut: „Le contaré la historia de mi herida bajo una condición: la de no mitigar ningún oprobio, ninguna circunstancia de infamia.“.7

3 Erzählebene zweiten Grades

Im weiteren Verlauf kommt es zu einem Übergang in eine weitere, einer sogenannten Binnenerzählung und zwar in die des Iren ,el inglés‘ bezüglich der Entstehung seiner Narbe. Ab hier nimmt auch die Figur ,el inglés‘ die Position des Erzählers ein. Die Stimme der Erzählerinstanz ist in diesem Abschnitt eine ganz besondere. Er ist nicht nur Teil der handelnden Figuren, also ein homodiegetischer Erzähler, sondern kommentiert sich implizit selbst, denn er ist wie sich zum Ende der Geschichte herausstellt die Person John Vincent Moon. Die Tatsache, dass der Ich-Erzähler des ersten Teils und auch der Ire selbst eigentlich ununterbrochen die Figur des Iren in den Mittelpunkt stellen, lässt ihn demnach als Protagonisten der gesamten Erzählung klassifizieren und wiederum die zweite Erzählinstanz genauer als einen autodiegetischen Erzähler einordnen. Die einleitenden Worte des Iren lassen auf einen traditionellen Erzählbeginn schließen, denn er beschreibt Ort und Zeit sowie Motiv für die kriegerische Auseinandersetzung im eigenen Land bevor er zur Handlung übergeht: „Hacia 1922, en una de las ciudades de Connaught, yo era uno de los muchos que conspiraban por la independencia de Irlanda [...]“.8 Durch den Einblick in die Gedankenwelt anderer Figuren, als auch der Überblick über die Gesamtsituation, kann man die Perspektive des Erzählers als eine mit Nullfokalisierung bezeichnen. Er hat den Einblick in die Gedankenwelt anderer deshalb, weil durch die Eigenkommentierung im scheinbar Fremden eine gewisse wissensüberlegene Position vorausgesetzt wird: „[…] Era flaco y fofo a la vez; daba la incómoda impresión de ser invertebrado […]“9 an anderer Stelle: „Para mostrar que le era indiferente ser un cobarde físico, magnificaba su soberbia mental […]“.10 Den Überblick des Erzählers über die Gesamtsituation nimmt man im ersten Abschnitt seiner Geschichte deutlich wahr, in der die Umstände des Bürgerkriegs und das Schicksal einiger seiner ehemaligen Kameraden detailliert beleuchtet werden: „De mis compañeros, algunos sobreviven dedicados a tareas pacíficas; otros, paradójicamente, se baten en los mares o en el desierto, bajo los colores ingleses [...]“.11 Die unterschiedlichen Arten der Redevermittlung während der zweiten Erzählung alternieren zwischen dem Erzählerbericht sowie der indirekten Rede, was im Endeffekt dazu dienen soll eine gewisse Nähe zum Geschehenen aufzubauen und somit den Spannungsaufbau zu beschleunigen. Es beginnt mit einem Erzählerbericht, nutzt dann aber in Einschüben die indirekte Rede wie: „Yo le dije que a un gentleman sólo pueden interesarle causas perdidas […]“12 oder: „Le dije que no se preocupara [...]”.13 Der Umstand, dass Moon leicht zögernd und verärgert auf die Frage nach der Geschichte seiner Narbe reagiert und außerdem sehr weit ausholt bevor er zur eigentlichen Ursache für die Entstehung der Narbe kommt, lässt die Schlussfolgerung zu, dass dieses Erlebnis ihn mit Unbehagen bzw. starken Schuldgefühlen erfüllt. Dieses Gefühl wird weiter verstärkt, indem er in der Geschichte von sich in der dritten Person wiedergibt, als wären es Taten eines anderen gewesen. Zudem spricht Moon zum Ende seiner Binnenerzählung den Ich-Erzähler aus der Erzählung ersten Grades direkt an und zwar mit dem Namen des eigentlichen Autors „Borges“. Dies lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich bei dieser Erzählung um ähnlich zugetragene Ereignisse im Leben von Borges handelt. In Anlehnung an Simunovic, kann man die Erzählung zweiten Grades, als die eigentlich zentrale Geschichte im Gesamtwerk betrachten.14 Diese dient in erster Linie als mittelbarer Träger von Informationen sowie der Überraschung und Enttäuschung des Lesers zum Ende hin.15 Simunovic führt hierzu auch den von Gérard Genette geprägten Begriff der ‚Metalepse‘ ein.16 Dieser beschreibt die Überschreitung der Grenzen zwischen Binnen- und Rahmenerzählung, um damit die ‚Agnorisis‘, also das Durchschauen der „wahren Situation“ zu erreichen.17 Vernachlässigt wird bei dieser Analyse hingegen die wesentliche Bedeutung der Figurencharakterisierung in der Binnenerzählung, als eine von Schuldgefühlen geplagte Erzählfigur.

Schließlich wird durch einen letzten Dialog zwischen Borges und Moon der Spannungsbogen aufgelöst. Erst durch einen indirekten Hinweis auf die Flucht nach Brasilien: „Cobró los dineros de Judas y huyó al Brasil […]“18 und den Verweis auf der Narbe in seinem Gesicht: „¿No ve que llevo escrita en la cara la marca de mi infamia?“19, als dann auch durch direkte Ansprache: „yo soy Vincent Moon“.20 Die Offenbarung seiner eigentlichen Identität John Vincent Moon zu sein, erklärt im Nachhinein ebenfalls, weshalb er zu Beginn den Besitzer der Länderrein zum Verkauf drängen konnte. Erst die Geschichte bewies die Skrupellosigkeit Moons und sorgte somit für die nötige Einschüchterung beim Besitzer. Die Technik den Leser langsam an die Wendung der Erzählung heranzuführen, wird nach McGrady mit dem Detektivgenre verglichen.21 Hierbei wird durch im Text implizite Hinweise die Möglichkeit eröffnet, den Ausgang oder zumindest ein überraschendes Moment zu erahnen, so auch in La forma de la Espada geschehen.22 Als Beispiel nennt McGrady einen geographischen Hinweis der von Borges gegeben wird.23 Die Tatsache, dass ‚el inglés‘ eigentlich Ire aus Dungarvan sei, solle erst einmal die Aufmerksamkeit beim Leser wecken.24 In der Geschichte von ‚el inglés‘ berichtet er von der Figur Moon aus der irischen Region Munster, in dieser wiederum befindet sich auch die Stadt Dungarvan.25 Folglich stammen beide aus der gleichen kleinen Region in Irland. Somit habe sich ‚el inglés‘ schon früh in seiner Geschichte verraten.26

[...]


1 Borges, Jorge Luis: “La forma de la espalda”, in: Ficciones (1987), p. 133-140, 133.

2 Ibid.

3 Ibid.134.

4 Ibid.

5 Ibid.133

6 Ibid.134.

7 Ibid.134-135.

8 Ibid.135.

9 Ibid.135.

10 Ibid.138.

11 Ibid.135.

12 Ibid.136.

13 Ibid.137.

14 Cf.Simunovic, Horacio G: „Gramática y discurso en “la forma de la espada” de Jorge Luis Borges”, in: Revista Sophia Austral, Vol. 18, No. 2 (2016), p. 63-79, 70.

15 Cf.Ibid.

16 Cf.Ibid.

17 Cf.Ibid.

18 Borges, Jorge Luis: “La forma de la espalda”, in: Ficciones (1987), p. 133-140, 139.

19 Ibid.140.

20 Ibid.

21 Cf.McGrady, Donald: „Prefiguration, Narrative Transgression and Eternal Return in Borges' "La forma de la espada" “, in: Revista Canadiense de Estudios Hispánicos Vol. 12, No. 1 (1987), p. 141-149, 142.

22 Cf.Ibid.

23 Cf.Ibid.143.

24 Cf.Ibid.

25 Cf.Ibid.

26 Cf.Ibid.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Erzählanalyse zu "La Forma de la Espada". Analyse der Erzählebenen
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
8
Katalognummer
V1030252
ISBN (eBook)
9783346430984
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkung der Dozentin: "Es erfolgt zunächst eine klare Unterteilung zwischen Rahmen- und Binnenerzählung. Sowohl die Erzählsituation der Rahmen- und Binnenerzählung werden richtig analysiert und es erfolgt eine gelungene Verbindung zu den Charakteristika des Spannungsaufbaus. Die Analyse der Charakterisierung der Figuren erfolgt gelungen und werden gut mit den Mitteln zur Spannungssteigerung verbunden."
Schlagworte
La forma de la espada, Erzählanalyse, Jorge Luis Borges, Borges, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Simon Sandleben (Autor), 2021, Erzählanalyse zu "La Forma de la Espada". Analyse der Erzählebenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030252

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