Gewalt für politische oder religiöse Zwecke. Lässt Gewalt sich legitimieren?


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffliche Abgrenzung
2.1 Der Gewaltbegriff
2.2 Religiöse Gewalt
2.3 Politische Religion

3 Diskussion Terrorismus als Folge von Politik, Religion und Gewalt

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wer sich mit der Thematik Gewalt im kulturellen Kontext beschäftigt, trifft zwangsläufig auf die Begriffe Religion und Politik. Dieser Zusammenhang ist nicht nur durch jüngste Ereignisse herzustellen, sondern hat bereits in ältesten Schriften, wie der Bibel, Fundament. Die Anwendung von Gewalt ist wohl eine der ältesten, wenn nicht sogar die älteste Methode zum Erreichen bestimmter Ziele, welche sich letztlich oft in Form von Krieg äußert. Dass Krieg nichts erstrebenswertes ist, sondern ein von Grausamkeit beherrschter Zustand, der stets vermieden werden sollte, ist wohl kein diskussionswürdiger Fakt. Doch trotzdem entstehen sie immer wieder – Kriege aus verschiedensten Gründen, mit unterschiedlichsten Zielen und mit diversen Rechtfertigungen, weshalb sie notwendig seien. Kriege mit politischen und religiösen Zwecken sowie die Verbindung dieser Begriffe werden in dieser Arbeit im Fokus liegen. Entsteht Gewalt durch das Zusammentreffen von Religion und Politik? Ist die Religion die Instanz, die Verantwortung für Ausübung von Gewalt, für das Herrschen von Krieg und Frieden trägt? Ist Gewalt bereits in den Religionen begründet? Oder gibt es sogar eine politische Religion, die zwangsläufig zu Gewalt führt?

Mit diesen Fragen wird sich die folgende Arbeit auseinandersetzen, indem zunächst eine Abgrenzung der Begrifflichkeiten mit den jeweils notwendigen Erläuterungen vorgenommen wird. Anschließend wird der Terrorismus als potentielle Folge des Zusammentreffens von Gewalt, Politik und Religion betrachtet und letztlich diskutiert, inwiefern sich Gewalt durch eine dieser Motive legitimieren lässt. Ob Gewalt ein unumgängliches Geschehen in der Gesellschaft ist oder ein lediglich zweckgemäßes Mittel von Politik und Religion, das durch bestimmte Hintergründe gerechtfertigt werden kann, soll in dieser Arbeit geklärt werden.

2 Begriffliche Abgrenzung

2.1 Der Gewaltbegriff

In den letzten Jahrzehnten wurde das Thema Gewalt zu einem immer größeren nationalen sowie internationalen gesellschaftlichen Problem. Es reicht vom privaten Rahmen, in Form von häuslicher Gewalt und Körperverletzung, über den schulischen Kontext bzw. den Arbeitsplatz, wo Mobbing eine immer häufige auftretende Art von Gewalt ist, bis hin zu gesellschaftlichen Ausschreitungen, deren Auswirkungen Terror und Krieg annehmen und damit von zerstörerischem Ausmaß sind. Als allgemein bekannte Gewaltformen gelten die psychische, physische, sexualisierte und mittlerweile auch strukturelle Gewalt, als Ausdruck für ungleiche Machtverhältnisse.1

Psychische ist wohl die am schwersten zu identifizierender Gewalt, da sie auf die seelische und emotionale Ebene abzielt. Dazu zählt Isolation und Ausgrenzung als soziale Gewalt, Drohung, Erpressung und Nötigung als Einschüchterung, Beschimpfung und Abwertung als Diskriminierung sowie Belästigung und Stalking. Mobbing ist hierbei eine sehr komplexe Art, da sie Elemente der psychischen sowie physischen Ebene enthalten kann.

Physische Gewalt umfasst sämtliche Formen des körperlichen Missbrauchs, wie schlagen, treten, mit Gegenständen bewerfen oder prügeln, verbrennen, mit Waffen attackieren bis hin zum Mordversuch bzw. Mord. Sofern sich diese Gewalt nicht auf die Person direkt, sondern auf ihr wichtige Gegenstände oder Personen richtet, wird dies als physische Gewalt mit psychischen Folgen bezeichnet. Auch Vernachlässigung zählt hierzu.

Sexualisierte Gewalt umfasst jegliche Form von Belästigung durch sexuelle Handlungen oder Äußerungen, bis zur Vergewaltigung, die gegenüber einem Kind oder einer Frau ausgeübt werden.

Eine Sonderform neben den personalen Gewaltarten stellt die Strukturelle Gewalt dar. Sie geht nicht direkt vom Täter aus, sondern ist die Folge von gesellschaftlichen Strukturen, die zu ungleichen Machtverhältnissen und damit ungleichen Lebenschancen führt.

Bei der Frage nach der Entstehung von Gewalt sind viele verschiedene Faktoren zu berücksichtigen, vor allem muss aber verstanden werden, dass die tatsächliche Ausübung eine Voraussetzung erfordert. Nämlich das Potential, andere zu verletzten, und selbst durch andere verletzt zu werden. Dieses Potential liegt in der menschlichen Natur, womit jeder Mensch ein gewisses Gewaltpotential innehat.2 Sie wird sogar als „Universalsprache“ bezeichnet3, da sie eine Art Kommunikation ermöglicht, ohne dass eine gemeinsame Sprache notwendig ist und Gewalt somit eine voraussetzungslose und allgemeine Verfügbarkeit besitzt. Das Ziel dieser Art von Kommunikation ist stets das gleiche – Demonstration von Macht und Überlegenheit, mit der Konsequenz der Unterdrückung des Schwächeren, wobei die Motive individuell sein können und für die Bewertung zu berücksichtigen sind.4

Die große Schwierigkeit liegt in der ständigen Verfügbarkeit von Gewalt5: Sie kann jedem zu nahezu jeder Zeit passieren und jeder kann zu nahezu jeder Zeit auf sie zurückgreifen. Nicht zuletzt durch diese Unberechenbarkeit ist die Bekämpfung von Gewalt von enormer Komplexität geprägt. Allein in der Formulierung „Gewalt bekämpfen“ steckt ein Paradoxon, das seine Sinnhaftigkeit in Frage stellt. Rene Girards mimetische Theorie bietet eine Erläuterung dessen:

Die menschlichen Gesellschaften können nur dann überleben, wenn sie in der Lage sind, dem Ausbreiten der Gewalt erfolgreich entgegenzuwirken. […] Durch einen gewaltvollen Akt, die Opferung eines Sündenbocks, kann die Gewaltspirale innerhalb der Gesellschaft unterbrochen werden und Frieden herstellen.6

Dies bedeutet, dass die zwangsläufig auftretende Gewalt, die durch die in der menschlichen Natur begründeten Gewaltbereitschaft auftritt, eingedämmt werden muss, bevor sie selbstzerstörerischen Charakter annimmt. Dass die Ausübung und Ausbreitung von Gewalt nicht akzeptabel, sondern etwas Abzulehnendes und moralisch Verwerfliches ist, stellt sich zudem auch durch die international anerkannten Menschenrechte als indiskutabler Fakt dar. Trotz dieser manifestierten Ablehnung gegenüber Gewalthandlungen scheint Gewalt ein unvermeidbares Mittel zu sein, um selbige aufzuhalten. Diese Wechselwirkung endet in der s.g. Gewaltspirale und steigert sich bis ans Äußerste, bis zum Kriegszustand. Dieser umfasst die maximale Anwendung von Gewalt, in der physische Gewalt durch das Mitwirken von menschlicher Intelligenz keine Grenzen in ihrer Zerstörung findet.7 Jede Partei gibt dabei der anderen das Recht zur Zerstörung und nimmt sich selbiges. Es entsteht ein Zustand, der sämtlichen Wertvorstellungen unserer Gesellschaft zuwiderläuft und in Anbetracht seiner Folgen keine vertretbare Rechtfertigung zu haben scheint. Dass es offenbar trotzdem legitime Gründe zur Kriegsführung gibt, zeigen Begriffe wie Religionskrieg, Heiliger Krieg und auch Gerechter Krieg. Sie verknüpfen Religion mit dem Einsatz von Gewalt und beinhalten bereits eine positive Aufwertung des Kriegszustandes. Doch stellen diese Begriffspaare nicht auch einen Widerstand in ihrer Bedeutung dar?

2.2 Religiöse Gewalt

Im Grundverständnis stehen Religionen8 in unserer Gesellschaft für Werte wie Nächstenliebe, Treue und Solidarität. Sie vermitteln Normen und Regeln, nach denen ein gutes Leben und eine friedvolle Gesellschaft funktioniert. Um diesen Regeln, bzw. Ansichten eines guten Lebens nachzukommen, fordern die Religionen verschiedene Formen der Durchsetzung. So kam es in der Geschichte zu grausamen Maßnahmen, wie beispielsweise den Inquisitionen oder dem Ablasshandel, die unzählige Opfer forderten. In jüngster Vergangenheit zählen Ereignisse wie der Nahost-Konflikt zu den Folgen religiös motivierter Gewalthandlungen. Die Grenze zwischen Religion und Politik ist dabei nicht immer klar zu definieren, jedoch soll zunächst Gewalt aus religiöser Motivation betrachtet werden. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung stellen religiöse Konflikte etwa ein Viertel aller kulturellen Konflikte seit 1945 dar.9 Daraus könnte geschlossen werden, dass Religion im Vergleich nur einen geringen Anteil zur Begründung von Konflikten beiträgt. Oder aber auch, dass sie ein unbestreitbares Konfliktpotential innehat.

Religion und Gewalt – ein Widerspruch oder eine untrennbare Kombination?

Nicht erst seit den Anschlägen der letzten Jahre treffen diese beiden Begriffe aufeinander. Bereits im Ursprung der Religionen ist von kriegerischen Handlungen und sogar Völkermorden die Rede, mit dem Ziel die eigene Religion zu verbreiten und Ungläubige zu überzeugen. Beispielsweise ruft Jesus in seiner Bergpredigt auf, seine Feinde zu lieben und auf Gewalt zu verzichten.10 Trotz dessen bringt er im Neuen Testament das Schwert auf die Erde, wenn gleich er seine Verwendung auch streng reglementiert.11 Schon hier wird deutlich, wie eng die Begrifflichkeiten miteinander verbunden zu sein scheinen, denn allein die Benennung von Feinden und der Besitz einer Waffe deutet auf Konfliktpotential hin. Die Frage, warum solche Dinge überhaupt existieren, wenn die oberste Priorität der Erhalt von Frieden ist, stellt sich an dieser Stelle nicht unberechtigt.

Ähnliche Widersprüche finden sich im Islam, der seit dem 11. September 2001 wohl primär in Zusammenhang mit Terror und religiösen Kriegen gebracht und sogar als Kriegsreligion bezeichnet wird. Auf der einen Seite bedeutet „Salam Alaikum“, die Grußformel der Muslime, nichts anderes als „Friede sei mit euch“. Wie auch in der Bibel ruft der Koran bedingungslos zur Einhaltung und Verbreitung von Frieden auf. Auf der anderen Seite ist nicht zu bagatellisieren, dass der Islam als besonders gewaltbereite Religion bekannt ist, nicht zuletzt durch den Djihad. Im Ursprung steht dieser Begriff für das Bemühen auf dem Wege Gottes, wurde aber bereits in den ursprünglichen Quellen als kriegerische Auseinandersetzung verstanden.12

Der Heilige Krieg ist eine dieser Entwicklungen, die das Paradoxon Gewalt und Religion beinhaltet. „Mit diesem Ausdruck [ist] speziell der Krieg gemeint, der aus religiösen Gründen und unter Bezugnahme auf den Glauben geführt wird.“13 Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass die unterschiedlichen Religionen für Gewalt verschieden anfällig sind, was aus ihrem individuellen Verhältnis zu Gewalthandlungen resultiert. Außerdem sind Aussagen zu Religionen meist sehr pauschal. Für ein Urteil über religiöse Gewalt ist immer eine weitläufige Betrachtung des Kontextes notwendig, da sie „immer mit wirtschaftlichen, ethnischen, politischen oder rechtlichen Konflikten einhergeht.“14

Wenn man an dieser Stelle auf die Theorie von Girard zurückgreift, kann die Religion eigentlich selbst nicht als Ursache für Gewalthandlungen gesehen werden, denn Gewalt sei im Menschen selbst verankert. Die Widersprüchlichkeit der religiösen Gewalt beinhaltet demnach auch den Standpunkt, dass die Religion die Funktion erfüllt, die Gewalt des Menschen zu binden und ihn möglichst davon abzuwenden. Dafür sprechen jegliche Aufforderungen an die Gläubigen, Gewalt abzulehnen und Nächstenliebe walten zu lassen. Man könnte annehmen, dass in den alten Schriften bereits um die Spirale, die die Anwendung von Gewalt mit sich bringt, gewusst wurde und diese durch die absolute Gewaltlosigkeit durchbrochen werden sollte.

Als möglicher Grund für s.g. Religionskriege wird von WissenschaftlerInnen der Monotheismus genannt.15 Durch ihn entstehe ein Exklusivitätsanspruch, welcher zwangsläufig zu Intoleranz führe. Andere Religionen werden als falsch angesehen und ihr Wahrheitsgehalt abgesprochen, was damit einhergeht, dass nur der eigene Gott der absolute und wahre ist.16 Es geschieht eine Ausgrenzung von allem abseits der eigenen Wahrheit. Die Anhänger einer Religion entwickeln so Unduldsamkeit und sehen es als ihre Aufgabe, Andersdenkende (Ketzer) von ihrem Gott zu überzeugen. Sofern dies abgelehnt wird, treten die Religionen in Konflikt. Häufig geschieht es an diesem Punkt, dass Worte des Gottes interpretiert werden und als Grund dienen, das Volk mit kriegerischen Mitteln zu bekehren, bzw. auszulöschen, sofern sie sich wehren. Hierfür sind sämtliche Kreuzzüge und Völkermorde in der Bibel exemplarische Beispiele. Toleranz scheint in einer monotheistischen Religion ebenso unmöglich zu sein, wie das Herrschen von Frieden in menschlichen Gesellschaften. Immerhin gibt es Krieg bereits, seit es auch Frieden gibt. Doch seit Jahrhunderten ist Religion nicht die einzig herrschende Instanz in Gesellschaften. Vor allem die Politik entscheidet in unserer heutigen Gesellschaft über den Zustand eines Landes, über Gesetze und Rechte. Sie muss also auch in der Entscheidung über Frieden und Krieg ebenfalls eine Rolle spielen. Doch in welchem Zusammenhang steht Politik mit Religion?

[...]


1 Aus: gewaltinfo.at: https://www.gewaltinfo.at/fachwissen/formen/strukturelle_gewalt.php. Um eine möglichst präzise und einheitliche Definition für die Arten von Gewalt anzubringen, wird sich hier auf eine einzelne Quelle bezogen, die vergleichsweise alle anerkannten Merkmale beinhaltet.

2 Vgl. Girard, Rene: Mimetische Theorie. In: Das Heilige und die Gewalt.

3 Neidhardt, Friedhelm. (1986): Gewalt – Soziale Bedeutungen und sozial- wissenschaftliche Bestimmungen eines Begriffs. Wiesbaden.

4 Aus Popitz, Heinrich (2004): Phänomene der Macht. 2. Auflage. Mohr Siebeck GmbH & Co. K. Tübingen.

5 S. Imbusch, Peter (2002): D er Gewaltbegriff. In Internationales Handbuch der Gewaltforschung. S. 22.

6 Vgl. Girard, Rene: Mimetische Theorie. In: Das Heilige und die Gewalt.

7 Vgl. Zinser, Hartmut (2015): Religion und Krieg. Wilhelm Fink, Paderborn. S. 48.

8 Unter Religionen werden hier die Weltreligionen zusammengefasst betrachtet. Diese Eingrenzung ist notwendig, um die für das Thema dieser Arbeit wesentlichen Punkte betrachten zu können und nicht auf jede Religion einzeln abstimmen zu müssen. Hierfür würde der Rahmen dieser Arbeit nicht ausreichen. Des Weiteren kommt es zu historischen Vergleichen, für die lediglich die Weltreligionen Relevanz besitzen.

9 Vgl. Kultur und Konflikt in globaler Perspektive. Die kulturellen Dimensionen des Konfliktgeschehens 1945-2007, S. 36-38.

10 Matthäus 5, 43-48; 26, 52.

11 Matthäus 10, 34-35; Lukas 22, 36.

12 Schlensog, Stephan (2002): Religion und Gewalt. Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 2.

13 Tessore, Dag (2004): Der Heilige Krieg im Christentum und Islam. Düsseldorf, S. 9.

14 Vgl. Gudehus, Christian; Christ, Michaela (Hrsg.) (2013): Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung. Stuttgart, Weimar. S. 67.

15 Siehe Schilm, Petra (2006): Die dunkle Seite von Religion. Das Religiöse und die Gewalt. Vortrag auf der Tagung „Selig sind, die Frieden stiften.“ Zum Verhältnis von Religion und Gewalt. Evangelische Akademie Baden. S. 4.

16 Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gewalt für politische oder religiöse Zwecke. Lässt Gewalt sich legitimieren?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V1030329
ISBN (eBook)
9783346439369
ISBN (Buch)
9783346439376
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gewalt, zwecke, lässt
Arbeit zitieren
Jenny Braun (Autor:in), 2018, Gewalt für politische oder religiöse Zwecke. Lässt Gewalt sich legitimieren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030329

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