Altamont - das Ende der Gegenkultur ?


Seminararbeit, 1999
16 Seiten

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Inhalt

Einleitung

a) Regest

b) Aufbau der Arbeit

Abschnitt I:
a) Thema der Arbeit
b.1) Ursprünge und Ziele der Gegenkultur
b.2) Ursprünge und Leserschaft des Rolling Stone

Abschnitt II
a) Das Festival
b.1) Die Hintergründe
b.2) Die Rolle der Drogen und des Rock’n‘ Roll
b.3) Die Rolle der Musikgruppen und Organisatoren

c) Die Rolle des Rolling Stone

Abschnitt III
a) Zusammenfassung
b) Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur

Einleitung

a) Regest

Die vorliegende Quelle ist ein Artikel aus dem Rolling Stone Magazin Nr. 50 vom

21. Januar 1970.

In ihm wird das Musikfestival besprochen und kommentiert, welches am 6. Dezember 1969 auf der Altamont Rennbahn in Kalifornien stattfand.

b) Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist in drei Abschnitte gegliedert.

Im ersten Abschnitt wird das Thema der Arbeit vorgestellt und die Leitfragen, unter denen die Quelle untersucht wird. Daran schließt sich eine Erläuterung der Begriffe Gegenkultur und Rolling Stone Magazin an.

Im zweiten Abschnitt werden zunächst die Ereignisse, die sich während des Festivals ereigneten kurz zusammengefaßt Im Folgenden sollen die Teile II.b.1 bis II.b.3 anhand der ersten Leitfrage untersucht werden und der Teil II.c anhand der zweiten Leitfrage.

Im dritten Abschnitt werden die Ergebnisse des zweiten Abschnittes zusammengefaßt und ein Resümee gezogen. Daran schließt sich das Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur an.

Abschnitt I

a) Thema der Arbeit

Das Thema der Arbeit ‚ Rolling Stone - ein Magazin und die Gegenkultur‘ soll unter der Fragestellung bearbeitet werden:

1) Was läßt sich über die Gegenkultur anhand der Ereignisse des AltamontFestivals aussagen ?

2) Welche Position bezieht das Rolling Stone Magazin angesichts der Ereignisse von Altamont ?

Zunächst sollen hier einige historische Aspekte skizziert werden, die sich mit

dem Phänomen Gegenkultur verbinden. Dies kann nur in sehr knapper und daher unvollständiger Weise erfolgen. Die historischen, politischen, soziologischen und psychologischen Dimensionen der Ereignisse, die in den 60‘ Jahren stattfanden, können im Rahmen einer solchen Arbeit bestenfalls angesprochen nicht aber vollständig dargestellt geschweige denn analysiert werden. Da es nicht Thema dieser Arbeit ist, zu klären, ob die Gegenkultur als eine eigene Kultur bezeichnet werden kann, erfolgt hier keine Definition und Diskussion des Kulturbegriffes. ‚Gegenkultur‘ wird im Folgenden als feststehender Begriff verwandt.

b.1) Ursprünge und Ziele der Gegenkultur

Die Ursprünge der Gegenkultur lagen in den Studentenbewegungen der 50’ und 60’ Jahre. Ein Großteil dieser Studenten kam aus gutsituierten euroamerikanischen Familien. In dem Gründungsmanifest einer dieser Studentenbewegungen, den Students for a democratic society (SDS), das in Port Huron, Michigan 1962 verfaßt wurde, heißt es unter anderem : „ Wir sind Teil dieser Generation, die, zumindest in bescheidenem Wohlstand aufgewachsen, nun die Universitäten bevölkert und mit Unbehagen die Welt betrachtet, die wir geerbt haben.“1

Sie und andere Studentische Organisationen engagierten sich zum einen mit den Bürgerrechtsbewegungen gegen die Ungleichbehandlung der Afroamerikaner. Daraus resultierten unter anderem diverse Protestmärsche, an denen bis zu 250000 Menschen teilnahmen.2

Zum anderen wandten sie sich gegen den vorherrschenden ‘American way of life’. D.h. sie lehnten es ab, mittels des amerikanischen Erziehungs- und Ausbildungssystems daraufhin konditioniert zu werden, den Anforderungen einer Leistungsgesellschaft zu genügen. Deren Hauptmerkmal war es, nach Ansicht der Studenten, die Konkurrenz und nicht das gemeinschaftliche Zusammenleben zu fördern. Die materielle Sicherheit, welche durch die Bereitschaft zur Ein- bzw.

Unterordnung in ein kapitalistisches System garantiert wurde, unter Verzicht auf Teilhabe an den Produktionsmitteln, empfanden sie als, „ distortion of values and social relations that pervaded American culture.“3

Ihr Ziel war eine Gesellschaft, die sich gründete auf ein größtmögliches Maß an Toleranz sowie die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit innerhalb der Gemeinschaft.4

Im Verlauf der 60’ Jahre wurden zwei große Tendenzen immer deutlicher:

Politisierung und Radikalisierung einerseits, indem zur Durchsetzung der Ziele auch Gewalt als legitimes Mittel angesehen wurde(vorher war Gewaltverzicht ein wesentlicher Bestandteil der Bewegungen). Vom SDS spalteten sich z.B. die ‘weathermen’ ab, die auch im Verdacht standen, an Bombenattentaten beteiligt gewesen zu sein.

Andererseits die Flucht aus und vor der Politik und den drängenden sozialen Problemen in eigene kleine Kommunen. Von den eben erwähnten ‘weathermen’ wurde diese Haltung beschrieben als, „ ,white skin privilege’ - that is the ability of white Americans to live off the oppression of other peoples and to avoid attempts to eliminate that oppression.“5In der Tat gab es in der Gegenkultur auch Randgruppen, die wie die Afroamericans alleine für ihre Emanzipation kämpfen mußten. So wurden Frauen, Homo- und Bisexuelle ,wie in der übrigen Gesellschaft, auch hier diskriminiert und diskreditiert und fanden Rückhalt und Unterstützung größtenteils nur bei sich selbst.6

Eine wichtige Rolle in der Gegenkultur kam der Musik und dem Drogenkonsum zu.

Sie waren Elemente, die die Gemeinschaft verbinden und das gemeinsame (Er)Leben fördern bzw. überhaupt erst ermöglichen sollten.

Dies ist nur eine kurze und auch unvollständige Einleitung dessen, was sich mit dem Phänomen Gegenkultur verbindet. Sie soll dazu dienen, das große Ziel der Gegenkultur vor Augen zu führen, die Bevölkerung Amerikas zum Umdenken zu bewegen, damit aus einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft eine Gemeinschaft gleichberechtigter Individuen wird.

b.2) Ursprünge und Zielsetzung des Rolling Stone

Der Rolling Stone wurde 1967 von Jann S.Wenner7in San Franzisco gegründet als ein Rockmagazin, „ [which] ‚is not just about music but also about the things and attitudes that the music embraces“‘8. Autoren waren unter anderem Hunter S. Thompsen, Joe Esterhas und Ralph Gleason, welche in den ersten Jahren den Stil der Berichterstattung wesentlich beeinflußten9.

Im Vorwort einer Zusammenstellung verschiedener RS-Artikel steht dann auch selbstbewußt: „Rolling Stone breaks the rules of journalism when lies need exposing and truths need to be uncovered. Its only standard is ‚truth and quality“‘10.

Obwohl am Anfang nur ein Rockmagazin unter vielen, hatte es 1969 schon eine Auflage von 75000 erreicht mit steigender Tendenz11. Es propagierte, daß, „Rock and Roll...is the only way in which the vast but formless power of youth is structured, the only way in which it can be defined or inspected.“12Indem es die Rockmusik als signifikantestes Merkmal der Gegenkultur herausstellte, trug es in einem erheblichen Maße dazu bei, Rockstars aufzubauen und ihnen die Aura des gottähnlichen zu verleihen13. Der Erfolg des Blattes läßt vermuten, daß die Leserschaft durchaus dafür empfänglich war. Diese bestnad zum Hauptteil aus Anhängern der Gegenkultur. So ergab es sich mit der Zeit, daß der Rolling Stone, bei steigender Auflage, „as the rock culture’s official mouthpiece“14, angesehen wurde.

Abschnitt II

a) Das Festival

Zunächst sollen die Ereignisse, die vor und während des Konzertes passierten, kurz zusammengefaßt und daran anschließend ein Blick hinter die Kulissen geworfen werden.

Das Konzertfestival fand am 6. Dezember 1969 auf der Rennbahn in Altamont statt und sollte der Abschluß einer Amerikatournee der Rockgruppe ‚Rolling Stones‘ sein. Statt der erwarteten 10000 Zuschauer kamen circa 300000 aus allen Teilen Amerikas, so daß die für maximal 80000 Leute ausgelegte Anlage15schon am Morgen des Konzerttages hoffnungslos überfüllt war. Auch völlig inadäquate sanitäre Bedingungen16wurden in Kauf genommen, um die in dieser Reihenfolge auftretenden Gruppen zu hören und zu sehen: Santana, Jefferson Airplaine, Flying Burrito Brothers, Crosby, Stills, Nash and Young, Rolling Stones, als Hauptattraktion, sowie Grateful Dead, die auch Mitorganisatoren waren. Als Ordner und Bühnenbewacher waren zum Preis von Freibier im Wert von 500$ die Hells Angels17 engagiert worden. Gewalt bestimmte von Beginn an das Geschehen: Schon während des Auftrittes der Jefferson Airplane, die die Hells Angels sogar aufforderten, auf die Bühne zu kommen, wurde deren Lead-Sänger von ihnen bewußtlos geschlagen, was jedoch nicht zum Abbruch des Musikstückes führte18.

Die Gewalttätigkeiten fanden ihren traurigen Höhepunkt beim Auftritt der Rolling Stones, die ihren Part, wahrscheinlich aus Show-Gründen19, mit etwa zwanzig Minuten Verspätung begannen: Ein 18jähriger Afroamerikaner namens Meredith Hunter wurde von einigen Hells Angels vor den Augen der Rolling Stones und des umstehenden Publikums erstochen. Nach kurzer Unterbrechung, innerhalb der der tödlich verletzte Mann hinausbefördert wurde, setzte die Gruppe ihr Programm bis zum Schluß fort. Die einzige Änderung des Ablaufplanes war, daß die Greatful Dead darnach nicht mehr auftraten.

Als Folge der Gewalttätigkeiten während des Festivals starben vier Menschen und unzählige wurden zum Teil schwer verletzt.

b.1) Die Hintergründe

Das Chaos des Festivals lag schon in seiner Planung begründet. Ursprünglich sollte es nicht in Altamont sondern, im Golden Gate Park‘- San Franzisco stattfinden. Nachdem dieser Plan fallengelassen werden mußte, verlegte man den Festivalort auf die Rennbahn am Sears Point nördlich von San Franzisco. Jedoch überwarfen sich die Rolling Stones mit ihrer Promotion-Firma, welche auch dem Besitzer der Rennbahn gehörte. Diese Meinungsverschiedenheiten führten ungefähr 24 Stunden vor dem angesetzten Konzerttermin zum Abbruch der Verhandlungen. Die Verantwortlichen für Altamont hatten demnach nur einen knappen Tag Zeit, alles für erwartete 100000 Menschen herzurichten. Daß überhaupt irgend etwas vorbereitet werden konnte ist vom Standpunkt der Logistik eine Meisterleistung.

Was keiner der Zuschauer wußte, war, daß die Rolling Stones dieses Massenspektakel nutzen wollten, um einen Film à la Woodstock drehen zu lassen, da sie mit letzterem konkurrieren wollten20. Die Verhandlungen um die Rechte am Film waren es auch, die inoffiziell zum Abbruch der Verhandlungen, Sears Point betreffend, führten.

Der Film war als Werbung für die friedliche Gegenkultur respektive - gemeinschaft und als Einnahmequelle für die Rolling Stones gedacht. In dem Film, der den Titel „Gimme shelter“ trägt, und der ca. drei Monate später veröffentlicht wurde ist nicht nur die Ermordung Meredith Hunters in aller Deutlichkeit zu sehen, sondern auch 300000 Menschen, die dieses nicht verhindern. Dies ist eine deutliche Demonstration des Mißverhältnisses zwischen dem Anspruch der Gegenkultur an eine Gemeinschaft, die Freiheit und die unbehinderte Entfaltung des Individuums als höchstes Gut zu erstreben und zu bewahren und der bitteren Realität: Es zeigt sich hier einmal mehr die Isolation des einzelnen Subjekts in der (hier: amerikanischen) Gesellschaft. Jonathan Eisen stellt dazu in seinem Buch ‚Altamont: Death of innocence in the Woodstock nation‘ fest: „Altamont was nothing in itself. It was not very special except to make people realize how similar we all are to the society we have no choice but to abhor...For many it destroyed in a few moments the dichotomies our people have been making with increasing relish, and sent them back to thinking about how alike, how close, and how reflective everyone is of everyone else, despite the hair, despite the acid, and the music.“21

b.2) Die Rolle der Drogen und des Rock ‘n‘ Roll

Um den letzten Teil des vorangegangenen Zitats richtig zu verstehen, muß etwas über den Stellenwert gesagt werden, den Drogen und Rockmusik in der Gegenkultur einnahmen:

In den 60‘ experimentierten fast alle Anhänger der Gegenkultur mit Drogen wie Marijuana und LSD und Methedrin. Prominente Vertreter der Gegenkultur wie Aldous Huxley, Timothy Leary und Allen Ginsberg bezeichneten sie als sogenannte „Weisheitsdrogen“ und „ dared to think that drugs could transform the world“22.

Mit ihnen sollten die Menschen lernen, die Welt mit anderem Augen zu sehen und ganzheitlich zu begreifen: „ LSD pointed to the holistic consciousness that would replace the analytical divisions of objective consciousness and the competitive individualism of American capitalism.“23Einer der bekanntesten Slogans der 60‘ stammte von dem schon erwähnten Timothy Leary, einem ehemaligen Psychologieprofessor: ‚Turn on, tune in, and drop out‘ Er bedeutete soviel wie, sein Leben in vollen Zügen zu genießen(was Drogen am besten zu garantieren schienen, neben Meditation und Ähnlichem), sich mit den Botschaften, der Literatur sowie der Musik der 60‘ zu befassen und sich nicht mehr den Zwängen der vorherrschenden Kultur zu unterwerfen, sondern auszusteigen.

In direkter Verbindung dazu stand die Musik. Der Rock’n’Roll, dessen Wurzeln in der Bluesmusik der Afroamericans lagen, vereinte die Anhänger der Gegenkultur durch seine rebellischen Texte , seine einfache Direktheit und nicht zuletzt durch seine Tanzbarkeit, die im weitesten Sinne die geistige Auflehnung mit einer körperlichen Erfahrung verband.24

Vor diesem Hintergrund stellen sich die Ereignisse des Festivals wie folgt dar: Wie aus dem Artikel hervorgeht, steigerte sich die Gewaltbereitschaft der Hell‘s Angels im Laufe des Festivals und des zunehmenden Drogenkonsums bis auf ein nicht mehr zu kontrollierendes Maß, was an der brutalen Art und Weise deutlich wurde, in der sie mit präparierten Billard-Queues gegen angebliche Störenfriede vorgingen.25Hierbei fällt auf, daß von einem Abebben der Gewalt während des Auftrittes der Flying Burrito Brothers zu lesen ist, die darnach jedoch an Heftigkeit, bis zum Mord, zunahm.

Bei den ca. 300000 Zuschauern des Konzerts führte der übermäßige Drogenkonsum offensichtlich zu einer verschreckten Apathie, wenn nicht gar Gleichgültigkeit. Auch mußten an die 700 Personen allein wegen dieses Drogenmißbrauchs in den wenigen Medizinunterkünften behandelt werden26.

Man kommt zu dem Schluß, daß die exzessive Gewalt eine mittelbare, wenn nicht gar direkte Folge dieses Drogenmißbrauchs und der Musik war .Das bedeutet, daß sowohl Drogenkonsum als auch die Musik ihre Wirkungen ins Gegenteil verkehrten und statt einer friedlichen Ausgelassenheit eine von Angst und Gewalt beherrschte Stimmung schafften.

b.3) Die Rolle der Musikgruppen und Organisatoren

Das Festival von Altamont war nicht das erste seiner Art. Schon seit Mitte der 60‘ fanden große und kleine Festivals statt, welche im Laufe der Zeit immer größere Formen annahmen. In den Jahren 1965 bis 1967 hatte sich in Haight Ashbury in San Franzisco eine Kultur entwickelt, die viele Ideen der Gegenkultur zu verwirklichen schien: „ Everything was pooled - money, food, drugs, living arrangements... the underlying ethic was that the hippies were all members of an extended family.“27.

Es gab z.B. freie Kleidung , freies Essen und freie Konzerte. Eines fand im Golden Gate Park statt, bei dem die Grateful Dead spielten, die Mitorganisatoren des Altamont Festivals. Durch die Presse verbreitete sich die Kunde von dieser Kommune in ganz Amerika. Die Folge war ein ungeheurer Zustrom von Neugierigen, der dazu führte, daß das Selbstversorgungssystem dieser ‚Hippie- Kommune‘ sehr bald zusammenbrach. Daher stellten damals schon einige das Ende der ‚Hippie-Kultur‘ fest, indem sie ‚Körper‘ des Hippie symbolisch begruben28. Eines der bekanntesten Festivals aller Zeiten war das Woodstock - Festival im August 1969 in Bethel New York. Ungefähr 400000 Leute erlebten für $18 trotz großer organisatorischer Mißstände ein Wochenende lang, in friedlichem Beieinander Jimi Hendrix, Janis Joplin, Grateful Dead, Jefferson Airplane und viele andere bekannte und verehrte Größen der Rockmusik29. Da das Festival ohne bemerkenswerte Gewalttätigkeiten verlief und durch die Presse im ganzen Land bekannt wurde, verbreitete sich unter den Anhängern der Gegenkultur ein Gefühl, daß das ersehnte Ziel einer neuen, friedfertigen Gesellschaft erreicht sei, oder zumindest in greifbarer Nähe.

Die Organisatoren des Altamont-Festivals, die Rolling Stones, wollten sich diese positive Stimmung zu Nutze machen und verkündeten, ihrerseits ein freies Festival zum Abschluß ihrer Amerikatour zu organisieren(s.o.). Aus der Quelle läßt sich jedoch ersehen, daß handfeste wirtschaftliche Interessen hinter diesem Projekt standen, von denen die Zuschauer erst im Nachhinein in der Presse erfuhren30.

Das Ganze entpuppte sich also als ein geschickter Marketingtrick , der sich der Gegenkultur und der Musik bediente, um sie als groß angelegte Werbefläche zu benutzen. Hier zeigte sich sehr deutlich, wie sehr der Kapitalismus, in Form der Musikindustrie die ursprünglich anti-kapitalistisch orientierte Gegenkultur durchdrungen hatte.

c) Die Rolle des Rolling Stone

Dem Rolling Stone, in dem der hier zugrunde liegende Artikel erschienen ist, gebührt das Verdienst, als einer der ersten über diese Vorfälle informiert zu haben31. In der übrigen Presse fand das Thema keine oder nur sehr marginale Beachtung.

Die Autoren und die in diesem Artikel zu Wort kommenden suchen die Schuld für die Vorkommnisse wahlweise bei den Örtlichkeiten, den schlechten Sound- Verhältnissen, den Hells Angels, den Veranstaltern und den Rolling Stones. Für die letztgenannten war dieses die erste offene Kritik, die ihnen in diesem Magazin zuteil wurde.

Die Vorkommnisse von Altamont führten jedoch nicht, wie man vielleicht

erwarten könnte, zu einem Boykottaufruf der Rolling Stones Konzerte. Vielmehr erschien in der Ausgabe vom 27.Dezember 196932noch eine sehr positive Plattenbesprechung des Albums „Let it bleed“ von Greil Marcus, einem der Autoren des Altamont-Specials. Die Musik hatte also einen höheren Stellenwert als Altamont-Desaster33.Die Tatsache, daß trotz der Ermordung Hunter’s eine durchaus positive Evaluation der musikalischen Qualität des Rolling Stones - Auftrittes erfolgt, macht deutlich, unter welchem Aspekt die Ereignisse jeweils betrachtet wurden. Eine Zerstörung des Mythos ‚Gegenkultur ‘ konstatierten die Autoren nicht:

„ The closest they came to making a judgment was to call it „perhaps rock and roll’s all-time worst day.“ But the rock culture’s leading paper could never quite get it together to say why it happened.“34 Noch deutlichere Worte findet George Paul Csicsery in seinem Artikel ‚Altamont, California‘.35

Er beschreibt nicht im Detail die Ereignisse während des Festivals sondern stellt fest: „ Altamont was a lesson in micro-society with no holds barred. Bringing a lot of people together used to be cool. Human be-ins, Woodstock, even a Hell’s Angel funeral, were creative communal events because their centre was everywhere. People would play together, performing, participating, sharing, and going home with a feeling that somehow the communal idea would replace the grim isolation wrought on us by a jealous competitive mother culture.

But at Altamont we were the mother culture. The locust generation come to consume crumbs from the hands of an entertainment industry we helped create. Our one-day microsociety was bound to the death-throes of capitalist greed.“ Auch in anderer Hinsicht wurde Kritik am Rolling Stone geübt: So wurde seine kapitalistische Ausrichtung gebrandmarkt als Grund für die kommerzielle Unterwanderung der Jugendbewegung durch z.B. Plattenfirmen und die damit einhergehende fortschreitende ‚Entpolitisierung‘: ‚In revolution there are no spectators, but in RS’s revolution nearly everyone is a spectator surrounding a few rock stars who arise electronically above a nation of groupies. A fitting advertisement to attract business !‘36

Daß der Rolling Stone kein „freies“ d.h. von Geld unabhängiges Magazin ist beweist vielleicht der auf den ersten Blick unwichtig erscheinende kleine Sachverhalt: In der amerikanischen Ausgabe des Rolling Stone ist im Altamont- Artikel zu lesen: „The looks on their faces read: ‚ I could stomp shit outa this fuckin‘ sissy so easy- I could snuff this motherfucker!“‘37und „...then a joint was passed up to Jagger and he asked for the tv lights to be shut off and then took a hit and passed the joint on.“38Diese beiden Stellen erscheinen nicht in der englischen Ausgabe des Rolling Stone, worin sich vielleicht die finanzielle Unterstützung desselben durch Mick Jagger widerspiegelt39. Auch die Tatsache, daß die Werbeeinnahmen des Rolling Stone Ende 1971 schon eine Höhe von circa 1 Millionen $ erreichen40unterstreicht diese Vermutung. Aller Kritik zum Trotz muß jedoch folgendes beachtet werden: Das Rolling Stone war und ist ein Musikmagazin und hat somit seinen Themenschwerpunkt nicht in der Gesellschaftskritik. Wenn von den Kritikern der damaligen Zeit vorgebracht wurde, daß das selbst ernannte offizielle Sprachorgan der Gegenkultur sich auch anderen Themen zuwenden und weniger kapitalistisch ausgerichtet sein sollte, so darf nicht vergessen werden, daß ein Großteil der Leser mit der Themenauswahl anscheinend zufrieden war, da ansonsten die Absatzzahlen wohl kaum gestiegen wären.

Andere Rockmagazine, wie zum Beispiel Sun/Dance41, trafen anscheinend nicht den Nerv des Großteils ihrer Zielgruppe und fanden entsprechend geringen Zulauf.

Behauptet man hingegen, der Rolling Stone hätte durch ein anderes weniger kapitalistisches und mehr an den politisch brisanten Themen orientiertes Konzept verfolgt und damit zur ‚Politisierung‘ der Jugend beigetragen, setzt man voraus, daß er trotzdem eine unverändert große Leserschaft angesprochen hätte42, was in den End 60‘ durchaus zu bezweifeln war, denn dann hätten andere Magazine wie das von Craig Pyes sicherlich durchschlagenderen Erfolg gehabt. Es sei noch angemerkt, daß diese einzelnen Magazine doch nur ums Überleben kämpfen mußten, weil die Konkurrenz untereinander sie zur Wirtschaftlichkeit zwang. Hier scheint Rolling Stone offensichtlich das erfolgreichste Konzept gehabt zu haben.

Waren es bei den Vertretern der Gegenkultur die Gesellschaft und die Starallüren der Rolling Stones, die im Zentrum der Kritik standen, so waren es die Musik und die Organisationsmängel, die das Festival betrafen bei den Autoren des RS.

Abschnitt III

a) Zusammenfassung

Die Strömungen, die unter dem Bergriff ‚Gegenkultur‘ zusammengefaßt werden, hatten die Veränderung der amerikanischen Gesellschaft zum Ziel und ihr Einfluß erstreckte sich auf fast die ganze Welt.

Die Ereignisse in und um Altamont stellten nicht das Ende der Gegenkultur dar. Vielmehr führten sie den geistigen Wegbereitern der Gegenkultur drastisch vor Augen, daß die sogenannte ‚Woodstock-Nation‘ nicht existierte und daß eine Verinnerlichung und Umsetzung der Ziele der Gegenkultur bei den Anhängern nicht in erkennbarem Maße vorhanden war.

Auch zeigte sich, daß der Einfluß von Drogen und Rock’n’Roll Musik auf die Menschen nicht nur positiv sein kann, sondern auch sehr negativ. Die Rolle der Musikgruppen, insbesondere der Rolling Stones, bei diesen Ereignissen, offenbarte deren grundsätzlich kapitalistische Ausrichtung und Abhängigkeit von der Musikindustrie. Am treffendsten ausgedrückt, hat es vielleicht Frank Zappa als er ein Album betitelte: „ We’re only in it for the money !“ 41 Sc.: CC&R, p.103. Für den Rolling Stone waren die Ereignisse die Konsequenzen einer u. a. aus Geldgier katastrophalen Organisation einer Massenveranstaltung. Er kritisierte jedoch nicht die Gegenkultur an sich und konstatierte auch nicht ein Scheitern der Gegenkultur gemessen an ihren Idealen.

Der Rolling Stone war nutznießender Bestandteil der Gegenkultur, da er aus ihr heraus entstand, durch sie bestand, ihr entwuchs und sich mit ihr dem übrigen Teil der Gesellschaft erfolgreich anpaßte.

b) Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur:

Quellenmaterial:

- Artikel ‚Let it bleed‘ vom 21. Januar 1970,Autoren Lester Bangs, Reny Brown, John Burks, Sammy Egan, Michael Goodwin, Geoffrey Link, Greil Marcus, John Morthland, Eugene Schoenfeld, Patrick Thomas and Langdon Winner , aus dem Rolling Stone No. 50 erschienen am 27. Januar 1970

- Artikel (LP-Besprechung) ‚Let it bleed‘, Autor Greil Marcus aus dem Rolling Stone No. 46 vom 27. Dezember 1969

- ‚Let it bleed - Die Rolling Stones in Altamont‘, hrsg. von Siegrfried Schober, Carl Hanser Verlag, 1970.

- Artikel ‚ Altamont, California‘ vom 8. Dezember 1969, Autor George Paul Csicsery, aus der New York Daily News, in ‚ The Penguin Book of Rock& Roll Writing‘, ed. by Clinton Heylin.

Sekundärliteratur:

- ‚counterculture and revolution‘, edited by David Horowitz, Michael P. Lerner, and Craig Pyes, Random House, NY, 1972.

- ‚The Best of Rolling Stone: 25 years of journalism on the edge‘, the editors of Rolling Stone, 1993.

- ‚The Rolling Stone Reader‘, compiled by the editors of Rolling Stone, ,Warner Pape rback Library Edition,1974.

- ‚REPORTING: The Rolling Stone Style‘, introduced by Paul Scanlon, Straight Arrow Publishers,Inc copyright, 1977,Anchor Press Edition, 1977.

‚ Rock Music in American Popular Culture - Rock’n’Roll Resources‘, B. Lee Cooper, Wayne S. Haney, The Haworth Press, Inc, 1995. ‚The Spirit of the Sixties - Making Postwar Radicalism‘, James J. Farrell, Routledge, 1997.

- ‚ The Unraveling of America - A History of Liberalism in the 1960s‘, Allen Matusow, Harper&Row,Publishers, New York, 1984.

- ‚ Underground press: die Untergrundpresse der USA als Bestandteil der New- Journalism-Phänomens‘, Hanns Peter Bushoff, Frankfurt am Main, Bern, New York, Lang, 1983.

‚Was wir wollten, was wir wurden‘, , Peter Mosler, hrsg. Inke Brodersen und Freimut Duve, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1988, p..283. · ‚ Das doppelte Selbstverständnis der amerikanischen Studentenbewegung‘,

Todd Gitlin und ‚ „ The Times They Are A Changin‘“ - Zur subkulturellen Dynamik der 68er Bewegungen‘, Jakob Tanner , in ‚ 1968 - Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft‘, hg von Ingrid Gilcher-Holtey, Sonderheft Nr. 17,aus der Reihe Geschichte und Gesellschaft, Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen,1998.

[...]


1Aus: ‚The Spirit of the Sixties - Making Postwar Radicalism‘, James J. Farrell, Routledge, 1997.

2 21. 10. 1967, Marsch auf Washington. Aus: ‚Was wir wollten, was wir wurden‘, , Peter Mosler, hrsg. Inke Brodersen und Freimut Duve, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1988, p..283.

3Aus: ‚counterculture and revolution‘, edited by D. Horowitz, M.Lerner, and Craig Pyes, introduction, p.x.

4‚ Das doppelte Selbstverständnis der amerikanischen Studentenbewegung‘, Todd Gitlin und ‚ „ The Times They Are A

Changin‘“ - Zur subkulturellen Dynamik der 68er Bewegungen‘, Jakob Tanner , in ‚ 1968 - Vom Ereignis zum Gegenstand der

Geschichtswissenschaft‘, hg von Ingrid Gilcher-Holtey, Sonderheft Nr. 17,aus der Reihe Geschichte und Gesellschaft, Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen,1998,p. 58.

5Aus: ‚counterculture&revolution‘, introduction, p. xiv.

6vgl.: ‚countercoulture&revolution‘:Beiträge von Kate Millett, Sexual Politics: A Manifesto for Revolution,p. 49, sowie Carl Wittman, A Gay Manifesto,p. 53.

7 Mehr Informationen zu Wenner in CC&R, p. 104.

8 Aus: „Best of Rolling Stone. 25 years of journalism on the edge“, edited by Robert Love, p.xi.

9 Ebd.: p.xii.

10 Aus: „The Rolling Stone Reader“, compiled by Editors of RS, p. 1.

11 Sc.: CC&R. p.104.

12 Ebd.: p. 105.

13 Ebd.: p. 107.

14 Ebd.: p.103.

15 Aus :RS No.50, Artikel about Altamont-Festival, p. 27.

16 Ebd.: p.20.

17 Aus dem Artikel geht hervor, daß es sich hierbei um das ‚Oakland chapter of Hell’s Angels‘ Chef Sonny Barger gehandelt hat. Page 23. Weitere Informationen und Hinweise auf weiterführende Literatur finden sich in: ‚Let it bleed- Die Rolling Stones in Altamont, hrsg. von Siegfried Schober, S.135f.

18 Aus: RS No. 50, Artikel about Altamont-Festival, p. 22.

19 Aus: RS No. 50, Artikel about Altamont-Festival, p. 31.

20 Page 22.

21 Aus.:‚Altamont: Death of innocence in the Woodstock nation‘, introduced and edited by Jonathan Eisen, Avon Books,1970.

22Aus: The Spirit of the Sixties - Making Postwar Radicalism‘, James J. Farrell, Routledge, 1997,p.209.

23Ebd. p. 210.

24Vgl.: Ebd. 213.

25Aus: RS No. 50, Artikel about Altamont-Festival, p. 21.

26 Aus: RS No. 50, Artikel about Altamont-Festival, p. 28.

27Aus: The Spirit of the Sixties - M aking Postwar Radicalism‘, James J. Farrell, Routledge, 1997,p.218.

28Ebd.: p. 221.

29Ebd.: p. 214.

30 Aus: RS No. 50, Artikel about Altamont-Festival, p. 26/31.

31Zitat: „ Zwei ‚Investigative Jourrnalism‘- Reportagen über die Manson-Familie und über das Altamont- Musikfestival hatten in Fachkreisen soviel Beachtung gefunden, daß Rolling Stone 1971 der ‚ National Magazine Award‘ verliehen wurde, eine Auszeichnung für die beste amerikanische Zeitschrift eines Jahres“, aus: ‚Underground press: die Untergrundpresse der USA als Bestandteil der New-Journalism-Phänomens‘, Hanns Peter Bushoff, Frankfurt am Main, Bern, New York, Lang, 1983.

32 Sc. :Kopie einer RS-Plattenbesprechung vom 27.Dezember, 1969, jedoch ohne Seitenangabe.

33 Sc.: RS-Artikel, p. 20.

34 Aus: CC&R, p. 124 mit einem Zitat aus RS No.51,vom 7.Februar 1970, p. 7.

35Artikel ‚ Altamont, California‘ vom 8. Dezember 1969, Autor George Paul Csicsery, aus der New York Daily News, in ‚ The Penguin Book of Rock& Roll Writing‘, ed. by Clinton Heylin.

36 Ebd.: p. 107/108.

37 Aus RS-Artikel, p. 23.

38 Ebd.: p. 27.

39 Sc.: ,Let it bleed‘, S.137.

40 Sc.: CC&R. p.106.

41 Sc.: CCR, p.103.

42 vgl.: ‚Underground press: die Untergrundpresse der USA als Bestandteil der New-Journalism-Phänomens‘, Hanns Peter Bushoff, Frankfurt am Main, Bern, New York, Lang, 1983, p.:16/17.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Altamont - das Ende der Gegenkultur ?
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V103037
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Altamont, Ende, Gegenkultur
Arbeit zitieren
Falk Rosenthal (Autor), 1999, Altamont - das Ende der Gegenkultur ?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103037

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