Die Identitätskrise des Osmanischen Reiches. Ein gescheiterter Versuch der "nation building"?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

14 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der osmanische Umbruch: vom Reich zum Nationalstaat
2.1 Reich – eine politökonomische Einheit mit kultureller Vielfalt
2.2 Multipluralismus des Osmanischen Reiches
2.3 Nationalstaat oder another man’s political prison

3 Die osmanische Identitätskrise: whose imagined community?
3.1 Islamismus und Säkularismus
3.2 Osmanismus und die türkische Identität
3.3 Und the voice & exit of the subaltern

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nationen seien „imagined communities“, so der bekannte Nationalismusforscher Benedict Anderson (1983: 49), weil „the members of even the smallest nation will never know most of their fellow-members, meet them, or even hear of them, yet in the minds of each lives the image of their communion.“ Wie die Geschichte von gescheiterten (failed states) und erfolgreichen nation building s zeigt, sind große Anstrengungen und Gewalt zumindest ideologischer Art erforderlich, um die Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft in den Köpfen der Menschen zu formen und das Konzept des Nationalstaats Realität werden zu lassen (vgl.: ebd.).

Das „lange 19. Jahrhundert“ (Kreiser 2003: 315) des Osmanischen Reiches (OR) war eine Epoche grundlegenden Wandels, mehr oder minder unmittelbar verbunden mit der Idee der Nation und des Nationalstaates und den damit einhergehenden Anstrengungen, Spannungen und Konflikten. Zum einen vollzog sich im 18. Jahrhundert eine Kehrtwende in der Politik der osmanischen Herrschaftselite. Die bislang verfolge Politik des Reiches (zum Begriff „Reich“ vgl. Wallerstein 2010), die mit dem Prinzip einer territorial politökonomischen Einheit mit soziokultureller Vielfalt (vgl. ebd.: 176f) eine überwiegend friedliche Koexistenz verschiedener Ethnien, Kulturen, Religionen und Sprachen ermöglichte, änderte sich wesentlich mit der Ära der Modernisierung (vgl. Karpat 2001: 328). Im Mittelpunkt des project of modernity, das auch von einer zunehmenden Anzahl modernistischer und islamistischer Intellektuellen vorangetrieben wurde, stand die Vorstellung von medeniyet, Zivilisation, die eng mit dem Konzept des Nationalstaates assoziiert war. Der Nationalstaat sollte einen soziopolitischen Rahmen bilden, in dem sich die Zivilisation entfalten kann, und somit „guide the nation to civilization“. Dementsprechend zielten auch die Tanzimat-Reformen (osmanisch: تنظيمات) von 1839-56 und zahlreiche weitere Bemühungen darauf ab, „the multiethnic and multilinguistic traditional Ottoman comity into a relatively homogeneous united political body” zu überführen (ebd.).

Vor diesem Hintergrund geht die vorliegende Arbeit der Frage nach, ob und inwieweit der Zerfall des Osmanischen Reiches auf eine nicht-bewältigte Identitätskrise infolge des gescheiterten Versuchs der nation building zurückzuführen ist. Theoriegeleitet wird im Kapitel 2 der Übergang von einer Politik des Reiches hin zu einer nationalstaatlichen Politik beschrieben. Im Kapitel 3 geht es dann um die Identitätskrise, die sich aus ebendieser nationalistischen Eine-Identität-Politik ergibt: „ whose imagined community?” ist dabei die Frage, die sich im Streit zwischen Islamismus und Säkularismus und zwischen Osmanismus und einer türkischen Identität stellt. Ein kurzes Resümee im Kapitel 4 beschließt die Arbeit.

2 Der osmanische Umbruch: vom Reich zum Nationalstaat

2.1 Reich – eine politökonomische Einheit mit kultureller Vielfalt

In Anlehnung an die Weltsystemanalyse vom US-amerikanischen Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein (1930-2019) lässt sich wie folgt zwischen Reich und Nationalstaat differenzieren: Ein Reich stellt ein soziales System dar, das sich durch eine gemeinsame Arbeitsteilung sowie eine politische Einheit definiert. Die Arbeitsteilung erfolgt in der Regel in Form von Tributzahlungen, Steuern und anderen Abgaben vonseiten der Untertanen und in Form von Schutz, Sicherheit und Bereitstellung von Infrastruktur vonseiten der Regenten. Eine geteilte Kultur und Identität wird aber nicht beansprucht, sodass eine, wenn auch stratifizierte, Koexistenz verschiedener Kulturen die Normalität darstellt (Wallerstein 2010: 176f).

Ein Nationalstaat hingegen erhebt den Anspruch, ein „ Minisystem“1 zu sein, dessen zentrale Merkmal eine geteilte, gemeinsame Kultur bildet. Ein solches Sozialsystem war eigentlich nur in Jäger- und Sammlergesellschaften oder in einfachen Agrargesellschaften zu finden und sei in der heutigen globalisierten Welt nicht mehr existent (vgl. ebd.). Seine heutige Existenz in nationalstaatlicher Gestalt – um mit Anderson zu sprechen – ist allerdings in der Imagination eines jeden Staatsbürgers von einer Gemeinschaft („ imagined community “) zu begründen, die eine beachtliche Sozialisationsarbeit voraussetzt. Dies erklärt auch die meist konflikthaften Auseinandersetzungen und aufwendige Mobilisierungsarbeit, die bei nation buildings zu beobachten sind (Anderson 1983: 49).

2.2 Multipluralismus des Osmanischen Reiches

In vielerlei Hinsicht basierte das Osmanische Reich auf einem multipluralen Fundament. In kultureller Hinsicht war das Reich von vielen verschiedenen Ethnien mit diversen Sprachen2 und Religionen3 bewohnt. Die Herrschaftselite berief sich zwar auf eine osmanische Identität, die aber bis zur Mitte des 19. Jh. in der Identitätspolitik des Reiches keine große Rolle spielte und sich lediglich auf den Anspruch auf Herrschaftsposten beschränkte. Dabei wurde in der Verwaltung oft auch das Leistungsprinzip zur Geltung gebracht, sodass viele Personen „nicht-osmanischer Abstammung“ in der Hierarchie weit aufsteigen konnten. Die Politik der Osmanisierung setzte erst später an (vgl. Karpat 2001: 335).

Außerdem stand eine ethnische Identitätspolitik und viele weitere Elemente der modernen Nationalität (nationhood) wie das Konzept des Vaterlandes, des Territoriums und der sprachlichen Identität zu vehementem Widerspruch zum Islam, der als einzige Kohäsionskraft des vielfältigen Reiches fungierte. Denn der Sultan hatte sich den Titel des Kalifen verliehen und als legitime Oberhaupt der islamischen Welt erklärt (Karpat 2001: 336). Dabei war der sunnitische Islam als die einzige Staatsreligion zwar exkludierend, was vor allem insbesondere am religiösen Einteilungsprinzip des Milet-Systems ersichtlich wird, das Nicht-Muslimen diverse gesellschaftliche Privilegien verwehrte und Sonderpflichten auferlegte (Masayuki 2016: 415ff). Er schloss aber auch alle anderen Identitätspolitiken aus, sodass die osmanische Gesellschaft in dieser Hinsicht pluralistisch blieb (vgl. Karpat 2001: 329).

Auch in wirtschaftlicher und administrativer Hinsicht war das Osmanische Reich4 durch Pluralismus gekennzeichnet. Das Reich verfügte zwar über eine zentralistische Verwaltung mit Istanbul als Zentrum. Sie konnte aber kaum Kontrolle auf periphere und weit entfernte Gebiete ausüben und beschränkte sich meist auf die Erhebung von Steuern. Die in der Regel türkisch-sprachigen Bürokraten (Vali, mutassarif) standen in den peripheren Regionen auch kaum in Kontakt mit den Einheimischen. Zudem wurde im Osmanischen Reich auch die „Gleichstellung aller osmanischen Untertanen“ proklamiert, die jedoch erst in der Tanzimat-Zeit eine Rechtsform annahm (vgl. Kreiser 2003:315, Masayuki 2016: 409f).

2.3 Nationalstaat oder another man’s political prison

Das pluralistische Fundament des Osmanischen Reichs geriet mit der Zeit jedoch in Konflikt mit einer Identitätspolitik, die dem nationalistischen Zeitgeist entsprechend auch eine kulturell-identitäre Einheit anstrebte. Ihren Beginn hat diese Politik in einem „sakralisierten Patriotismus“, der sich komplementär zum sunnitischen Islam auf den Kult der osmanischen Dynastie berief (Kreiser 2003:324).

Ein Nationalstaat setzt einen Staat und eine Nation voraus. Der osmanischen Führungselite ist die Modernisierung des Staatswesens (state building, state formation) im Sinne der europäischen Staaten mehr oder minder gelungen, sie scheiterte allerdings an der Nationsbildung. Der Begriff nation building bezeichnet „die (bewusste) Mobilisierung von Loyalität auf der Basis einer mehr oder weniger fiktiven ‚Nation‘ […] Die Nation ist keine natürliche oder immer schon da gewesene Einheit einer Gemeinschaft“ (Hirschmann 2016: 22). Idealtypisch gehören einer Nation alle Angehörige eines Volkes und auch nur die Angehörige dieses Volkes oder Kulturkreises an (ebd.).

In der Tanzimat-Zeit (1839-59), die mit dem Edikt von Gülhane eingeleitet wurde, sowie mit der ersten osmanischen Verfassung 1876 setzte Sultan Abdülmecid zwar auf eine Politik der Vielfalt, indem er den religiösen Gemeinschaften im Millet-System kulturell-religiöse und teilweise auch finanzielle und administrative Autonomie garantierte (Masayuki 2016: 415ff). Dies bereitete jedoch in zweierlei Hinsicht Nährboden für nationalistische Bestrebungen:

Auf der einen Seite hat das auf konfessioneller Basis und auf Druck von Russland, Frankreich und Großbritannien entstandene Millet-System (Masayuki 2016: 415f) dazu geführt, dass die Idee der Nation sich regional verbreiten konnte. Dies geschah jedoch nicht im Sinne einer osmanischen Nation, sondern im Sinne von diversen ethnonationalen Bewusstsein und Autonomiebestrebungen5. Mit diesem Problem waren de facto alle polyethnischen Reichen konfrontiert. Das Osmanische Reich war allerdings wegen seiner Kontrollschwäche besonders von diesen nationalistisch-separatistischen Problemen betroffen (Hanioğlu 2008: 51).

Auf der anderen Seite stand im Mittelpunkt der Reformen die europäische Idee der Gleichheit aller in einem Staat lebenden Menschen, was auch mit der Idee der Nation verbunden ist. Im Millet-System ging es zum einen um ein geregeltes Nebeneinander von Religionsgemeinschaften (Kreiser 2003:337) und zum anderen im Sinne der Französischen Revolution um „eine Rechtsschutzgarantie für Person und Vermögen aller Untertanen, ohne Ansehen von Rang und Herkunft“ (ebd.:316f).

Im Laufe der Zeit wurde jedenfalls die Idee des Nationalismus unter den osmanischen Eliten immer beliebter. Die traditionelle Vorstellung vom Vaterland, mit dem man früher seinen kleinen Geburtsort im Sinne hatte, entwickelte sich zu einer großen territorialen Einheit, beheimatet von den Mitgliedern einer Nation, die eine gemeinsame Kultur, Sprache und Geschichte teilten (Karpat 2001: 329). Vor diesem Hintergrund setzte sich im Osmanischen Reich ein Prozess der Osmanisierung in Gang, der anfangs jedoch keine gezielte Versuche beinhaltete, einen Staat auf der Basis der kulturellen Charakteristika der dominanten türkischen Gruppe zu gründen. Allmählich vermehrte sich aber das Interesse an einen solchen Staat (ebd.:335f).

Nach Appadurai (1990: 295f) geht jeder Versuch der Errichtung eines modernen Nationalstaates stets mit einer „cultural homogenization“ einher, die in erster Linie mit Verdrängen lokaler Kulturen und politischer Gemeinschaften verbunden ist. In diesem Sinne wäre auch ein osmanisierter oder türkisierter Nationalstaat „another man’s political prison“ in Bezug auf die im Osmanischen lebenden Minderheitsgruppen (vgl. ebd.).

[...]


1 Ein drittes von Wallerstein definiertes soziales System ist die Weltökonomie, deren einziges Merkmal eine ökonomische Arbeitsteilung bildet, ohne ein einheitliches politisches System und ohne eine gemeinsame Kultur (Wallerstein 2010: 176f).

2 Zu den im OR gesprochenen Sprachen zählen Türkisch, Kurdisch, Arabisch, Armenisch, Griechisch, Bulgarisch usw.

3 Sunnitischer, schiitischer und alevitischer Islam, diverse Konfessionen des Christentums und Judentum usw. hatten alle Anhänger im OR.

4 Nach Wallerstein (2010: 177) waren die europäische Reiche des 19. Jh. wie Frankreich oder Großbritannien „gar keine Reiche, sondern Nationalstaaten mit kolonialen Anhängseln, die im Rahmen einer Weltökonomie operierten.“

5 Die erste Revolte mit einem nationalen Charakter gegen die osmanische Schirmherrschaft war der Erste Serbische Aufstand von 1804 (Hanioğlu 2008: 51).

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Details

Titel
Die Identitätskrise des Osmanischen Reiches. Ein gescheiterter Versuch der "nation building"?
Hochschule
Universität Hamburg  (Asien-Afrika-Institut)
Note
1,0
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1030416
ISBN (eBook)
9783346434500
ISBN (Buch)
9783346434517
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Osmanisches Reich, nation building, Identität, Voice and Exit, Nation, Pluralismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Die Identitätskrise des Osmanischen Reiches. Ein gescheiterter Versuch der "nation building"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030416

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