Der Corona-Lockdown in Deutschland als Beispiel für einen neuen Ansatz der Soziologie der Katastrophe

Warum die Arten der Einsamkeitserfahrung sich in der Isolation unterscheiden


Hausarbeit, 2021

27 Seiten


Leseprobe

Der inzwischen schon gegenwärtig scheinende Virus Covid-19, verursachte eine gesellschaftliche Veränderung. Plötzlich war dem alltäglichen Leben ein Ausnahmezustand entgegengesetzt, der es zum Schutze der Bevölkerung und der Mitmenschen erforderte, die Isolation und auch eine gewisse Einsamkeit und Abgeschiedenheit im öffentlichen und privaten Leben umzusetzen. Diese Einsamkeit und Abgeschiedenheit wurde institutionalisiert und formalisiert, um Infektionsketten unterbrechen zu können und eine Ansteckung von Mitmenschen unterbinden zu können. Der so genannte Lockdown trat im März 2019 in vielen Ländern in Kraft.

Selbstverständlich wurden nach der Verhängung des Lockdowns die ersten Berichte über eine Zunahme an Einsamkeit vorgelegt. Die geforderte Isolation und das eingeschränkte soziale Leben förderten Einsamkeit und Vereinsamung. Vereinzelt wurde gar von einer Krankheit der Einsamkeit gesprochen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich die einzelnen Einsamkeitserfahrungen, die Untersuchungsobjekte soziologischer Studien darstellen, individuell unterschiedlich ausprägen können. Anschaulich ist die von Yang erarbeitete Liste von Einsamkeitserfahrungen1, die im Rahmen ihrer Studien auf 20 verschiedene Arten der Einsamkeit erweitert wurde. Denn während in Deutschland die „Einsamkeit“ meist synonym mit „Allein-Sein“ in einem negativen Kontext verwendet wird, weiß das Englische die Einsamkeit zu unterteilen. „Solitude“ steht dort für eine Vielzahl von unterschiedlichen Erfahrungen, die jeweils unterschiedliche Implikationen haben können (in Abspaltung zur negativen „loneliness“). So unterscheiden sich beispielsweise Sehnsucht (Longing) und Spiritualität (spirituality)2 grundsätzlich voneinander, außer in dem Punkt, dass sie jeweils unterschiedliche Arten der Einsamkeitserfahrung darstellen. Dies sind nur zwei Beispiele von Einsamkeitserfahrungen, die jeweils auch unterschiedlich angenehm und wünschenswert für das Individuum sind. Auf die einzelnen Arten innerhalb der breiten Anzahl an Einsamkeitserfahrungen soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden, handelt es sich doch um ein grundlegenderes systematisches Problem, welches sich hier zeigt. Einsamkeit wird oft als negatives Phänomen empfunden und verallgemeinert. Das Empfinden und damit auch eine abschließende Bewertung von Einsamkeitserfahrungen zeigt sich aber nur in einer Berücksichtigung der Umstände, sowie einer Bilanzierung der Kosten und Nutzen von Einsamkeit3. Es ist also durchaus nicht sinnvoll Einsamkeit kategorisch als etwas Schlechtes abzutun. Schließlich ist beispielsweise das kreative schöpferische Potential, welches Künstler schon oft in heilsamen Einsamkeitserfahrungen vorgefunden haben, nicht zu unterschätzen. Auch Meditation und Spiritualität, welches in direkter Verbindung zu Einsamkeit steht, kann positive Effekte, wie beispielsweise eine verbesserte Selbstwahrnehmung herbeiführen.

Zum aktuellen Zeitpunkt, ein Jahr nach Einführung des ersten Lockdowns, ist der Lockdown in Deutschland immer noch die beliebteste Maßnahme zur Eindämmung des öffentlichen Infektionsgeschehens. Denn, während der erste Lockdown bis in den Sommer hinein eine Ansteckung mit der Atemwegsinfektion größtenteils abwenden konnte, sah man sich im Herbst bereits einem exponentiellen Anstieg der Ansteckungszahlen ausgesetzt. Es folgte eine erneute Phase des Lockdowns und auch aktuell wird über einen neuen Lockdown für den Frühling beraten. Das Virus stellt zwar immer noch eine Gefahr dar, die Impfstoffzulassungen lassen aber bereits auf eine Rückkehr zur früheren Normalität hoffen. Insbesondere als soziologisches Forschungsobjekt scheint der Lockdown ein großes Potenzial zu haben, um die aus einer besonderen Lage heraus entstandenen gesellschaftlichen Prozesse zu beleuchten und einordnen zu können. Eine Soziologie der Katastrophen gibt es bereits, die sich mit der Verbesserung von Maßnahmen beschäftigt, um besser auf folgende Katastrophen reagieren zu können.

Dabei konzentriert sich die herkömmliche Soziologie der Katastrophen eher auf einen Gegensatz zwischen der unberechenbaren Natur und der Kultur. Innerhalb dieses dynamischen Kräfteverhältnisses versucht der Mensch als Symbol der Kultur die Oberhand zu erlangen. Nicht zuletzt stützt dabei die Technologie die Anstrengung des Menschen sich der unberechenbaren Natur zu widersetzen oder sie zu kontrollieren.4 Allerdings findet dieses traditionelle Narrativ in der besonderen Situation einer unvorhersehbaren Pandemie nur schwer Anknüpfungspunkte. Zwar könnte man erneut auf eine herrschende Dualität zwischen Natur und Mensch verweisen, aber beispielsweise ein Vulkanausbruch oder ein Erdbeben verdeutlichen diese Beziehung besser als eine Pandemie, die ihre verheerende Wirkung mithilfe einer zeitbezogenen Dimension entfaltet. Viel eher sollten also die Maßnahmen, die getroffen werden, um die Ausbreitung einer Krankheit zu verhindern im Mittelpunkt stehen. Denn schützende Maßnahmen sollten verständlicherweise getroffen werden, wenn ein Virus das gesellschaftliche Zusammenleben bedroht. Die Ausgestaltung dieser Maßnahmen allerdings folgt keinem klaren Muster und ist flexibel ausgestaltbar. Entsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse der Bekämpfung, entsprechend kontrovers sind die Diskurse, welche Maßnahmen gewählt werden sollten, um der komplexen Situation zu begegnen.

Der Soziologe Raewyn Connell etwa betont, die Aufgabe einer Soziologie der Katastrophe sei eine Analyse zur Verbesserung des zukünftigen Managements von Krisensituationen. Die aktuelle Pandemie habe aber gezeigt, dass das Management und der Umgang mit der Pandemie selbst einen großen Teil zur Katastrophe beitragen.5 Er bescheinigt der Soziologie eine Schwäche im Umgang mit historischen Momenten, wie die Pandemie eine sei. Die gegenwärtige Soziologie könne die aktuelle Sachlage nicht adäquat erfassen. Stattdessen propagiert er eine neue Form der Soziologie. Diese müsse einen Weg finden die Grausamkeit und die Konsequenzen einer ungleichen Konzentration von Wohlstand und Macht abzubilden.6 Denn die Katastrophe sorge nur dafür, dass sich die ohnehin bereits vorhandenen Differenzen innerhalb einer Gemeinschaft noch verstärken würden. Daher müsse die neue Soziologie die Auswirkungen der Katastrophen auf die Gesellschaft, als eine Form des ursprünglichen Normalzustandes und nicht als davon losgelöstes Ereignis, betrachten. Die verheerende Wirkung der Katastrophe beschränke sich auf die Verdeutlichung der bereits vorhandenen Ungerechtigkeit.

Diese Hausarbeit verfolgt das Ziel, den Ansatz der neuen Soziologie der Katastrophen sowie die Einsamkeitserfahrung in Form einer Bilanz miteinander zu verbinden und exemplarisch anzuwenden. Diese beiden zentralen Ansätze bilden die theoretische Grundlage dieser Arbeit. Den Untersuchungsgegenstand soll dabei der erste Corona-Lockdown im Frühling/Sommer 2020 bilden. Die Arten von Einsamkeitserfahrungen scheinen sich zu unterscheiden, abhängig von der Berücksichtigung der Umstände, als auch von den Kosten und Nutzen der Einsamkeit. Dazu soll nun der Ansatz der neuen Soziologie der Naturkatastrophen hinzugefügt werden. Diese besagt, dass die Maßnahmen, die während einer Katastrophensituation getroffen werden, immer die Präferenzen der Herrschenden abbilden. Nun soll untersucht werden, welche Folgen die äußerst unübliche Maßnahme der flächendeckenden Isolation im Hinblick auf die Bewertung der Einsamkeitserfahrungen von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen hatte. Dazu werden die verschiedenen geschaffenen Rahmenbedingungen aufgezählt, um dann, mithilfe einer Ausdifferenzierung die Gruppe zu identifizieren, deren Bilanz der Einsamkeit durch die getroffenen Maßnahmen tatsächlich positiv ausgestaltet werden konnten.

Die Gliederung der Arbeit orientiert sich dabei an einem von Coplan/Bowker vorgestellten Modell (Figure 1.1 Emergent themes in the psychological study of solitude)7, welches die aus einer psychologischen Studie von Solitude entstehenden Themen in vier Unterthemen unterteilt. Diese gliedern sich zunächst einmal in „Underlying mechanisms“, also eine Analyse der Rahmenbedingungen unter denen Einsamkeit (Solitude) erlebt wird, und „Developmental timing“, also die Eigenschaften des Lebensabschnitts in denen sich das Einsamkeit (Solitude) empfindende Subjekt einordnen lässt. Weiterhin unterscheiden die Autoren zwischen Vorteilen von positiver Einsamkeit (Solitude) und Nachteilen negativ erlebter Einsamkeit (Solitude), wobei eine abschließende Bewertung für Coplan und Bowker immer eine Abwägung/Bilanzierung zwischen Kosten und Nutzen der Einsamkeit (Solitude) darstellt. Mithilfe dieser Teilbereiche soll die Darlegung der Rahmenbedingungen strukturiert werden, um eine zielgerichtete Ausdifferenzierung der profitierenden gesellschaftlichen Gruppe innerhalb einer komplexen Gesamtsituation zu veranschaulichen.

Underlying mechanisms of Solitude

Beginen wird diese Arbeit mit der Analysierung der Rahmenbedingung des Lockdowns. Diese lässt sich in die Kategorie der „underlying mechanisms for solitude“ einordnen. Dabei stellt sich besonders die Frage, ob die situative Rahmung eine selbst gewollte (sought-after) oder eine auferlegte (other-imposed) Isolation darstellt. Dies kann neben der Bilanzierung von Kosten und Nutzen aufschlussreich sein für eine Wertung der Einsamkeitserfahrung.8

In diesem Zusammenhang stellt der Lockdown, wie er im Sommer 2020 erlebt werden konnte, eine sehr paradoxe Art der Rahmung dar. Denn obwohl man zunächst von einer behördlich auferlegten Maßnahme zur Unterbrechung von Infektionsketten sprechen könnte, die Bevölkerung selbst wurde größtenteils auch zu ihrem eigenen Schutz aufgefordert das Haus nicht zu verlassen. Die äußeren Umstände, im speziellen die Bedrohung eines neuartigen Virus, sorgten also auch für die Rahmenbedingungen für eine selbst auferlegte Isolation. Das Interessante an der Maßnahme eines Lockdowns ist also, dass es paradoxerweise einen Kompromiss zwischen selbst gewählter und von außen auferlegter Isolation darstellt.

Durch die unklare Gefährdungslage der Bevölkerung, aber angesichts einer global zunehmenden Ansteckungsrate mit dem neuartigen Virus Covid-19, beschloss die deutsche Regierung (Deutschlands) Maßnahmen einzuleiten, um eine flächendeckende Ausbreitung des Virus zu verhindern. Neben der Einschränkung der Reisefreiheit wurde auch die sogenannte Lockdown-Maßnahme beschlossen, um die zwischenmenschlichen Begegnungen im öffentlichen Raum so stark wie möglich zu minimieren. Deshalb wurde eine vorübergehende Schließung jeglicher Geschäfte beschlossen, mit Ausnahme von Läden, die Waren des täglichen Bedarfs anboten. Lebensmittelläden sowie andere essenzielle Geschäfte wie Apotheken und Drogerien durften weiterhin geöffnet bleiben. Dafür mussten auch Anbieter von Unterhaltungsangeboten ihren Betrieb unterbrechen. Kinos, Theater, Museen und Clubs wurden geschlossen, um eine Vermeidung von großen Menschenmassen sicherzustellen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, wenn möglich zuhause zu bleiben. Das öffentliche Leben, mitsamt seinen Angeboten zur Unterhaltung oder Freizeit, wurde heruntergefahren. Selbst Büros und sonstige Arbeitsstätten, solange diese nicht essenzieller und systemrelevanter Natur waren, mussten die Anwesenheits-Pflicht ihrer Angestellten aussetzen. Stattdessen stiegen die meisten Unternehmen auf eine digitale Struktur um, die auch vom eigenen Wohnort aus erreichbar gemacht wurde. Darauf soll im nächsten Abschnitt noch einmal genauer eingegangen werden. Der Lebensmittelpunkt vieler Menschen wurde also durch Maßnahmen der Regierung auf ihren Wohnsitz verlagert. Die häusliche Sphäre war nun der Haupt-Aufenthaltsort der meisten Menschen. Durch die Tatsache, dass die von der Regierung angeordneten Maßnahmen also darauf abzielten, der Bevölkerung die Gründe und Möglichkeiten für einen Aufenthalt außerhalb des eigenen Wohnortes zu entziehen, kann man hier von einer fremd-auferlegten Isolation (other-imposed isolation) sprechen.

Gleichzeitig aber lassen sich auch Punkte finden, um die Einschränkung der Bevölkerung als selbst-auferlegte Isolation zu klassifizieren. Denn, während sich im Januar 2020 die Infektionslage noch auf die chinesische Stadt Wuhan zu beschränken schien, wurden die Berichte über Infizierte und Tote auch in anderen Ländern in den Folgemonaten gravierender und die Bedrohungslage für das Individuum schien sich zuzuspitzen. Dadurch, dass eine neue, bisher noch unerforschte Variante des SARS-Virus sich immer schneller auszubreiten schien und eine genaue Abschätzung der Tödlichkeit dieses Virus schwer auszumachen war, war es auch im Interesse jedes Einzelnen, sich nicht mit diesem neuartigen Erreger zu infizieren. Die Angst, sich mit diesem Virus, für das bisher noch kein erprobtes Heilmittel gefunden wurde, anzustecken, wuchs mit der Anzahl an Berichten über neue Länder, die Infizierte und Tote zu verzeichnen hatten. Dadurch stieg bei dem Teil der Bevölkerung, der die Bedrohung als gegeben annahm, die Bereitschaft sich von anderen zu isolieren und Distanz gegenüber seinen Mitmenschen zu wahren. Zu der von der Regierung empfohlenen Hygienemaßnahmen, wie dem Tragen einer Mund-Nasen-Maske, gesellte sich dann die Maßnahme des Lockdowns, die eine Ansteckung durch eine Minimierung von menschlichen Kontakten sicherstellen sollte. Eine grundsätzliche Möglichkeit in einer unsicheren Phase zu Beginn einer Pandemie potenzielle Ansteckungsmöglichkeiten zu minimieren, wurde von der Bevölkerung weitgehend begrüßt, wenn auch Einige Kritik an der Verhältnismäßigkeit äußerten. Es lässt sich also beinahe eine Form der selbst-auferlegten Isolation (self-imposed isolation) beobachten, da die von der Regierung auferlegten Maßnahmen sich im Wesentlichen mit den Interessen der Bevölkerung deckten. Die getroffenen Einschnitte ins öffentliche Leben stellten eine Minimierung von potenziellen Ansteckungsmöglichkeiten, die innerhalb der Bevölkerung vermieden werden wollten, dar. Auch wenn das bedeutete auf die gewohnten sozialen Kontakte verzichten zu müssen.

Dieser paradoxe Umstand, also die Angleichung von den beiden Formen der Isolation, der Selbst- und der Fremd-auferlegten, lässt sich auf grundlegende psychologische Dynamiken zurückführen. Hierbei handelt es sich um die „social approach and social avoidance motivations“. Diese stellen lediglich die dichotomen psychologischen Motivationen im Umgang mit einer sozialen Situation dar.9 Die beiden grundlegenden Herangehensweisen lassen sich grob als Kontaktaufnahme oder aber Kontaktvermeidung zusammenfassen. Diese beiden Beweggründe im Umgang mit einer sozialen Situation lassen sich leicht in einen evolutionären Kontext bringen. Denn während eine Kontaktvermeidung den Selbsterhaltungstrieb des Menschen und die Vorsicht vor unbekannten Situationen repräsentiert, ist eine Kontaktaufnahme mit dem Gesellschaftstrieb des Menschen und seiner sozialen Bindungsfähigkeit verknüpft.

Diese Motivationen, in Bezug auf soziale Situationen, sind eng verknüpft mit der Abwägung von Kosten und Nutzen einer Einsamkeitserfahrung, wie sie von Coplan/Bowker vertreten wird. Tatsächlich lassen sie sich auch bei einer Analyse der vorgestellten paradoxen Situation der Isolation verwenden. Während der menschliche Gesellschaftstrieb im Normalfall eine Kontaktvermeidung verhindern würde und auch im normalen öffentlichen Leben soziale Situationen die Norm darstellen, sorgt bei der unklaren Situation und der Bedrohung durch eine Krankheit der Selbsterhaltungstrieb des Menschen für eine Kontaktvermeidung zum Selbstschutz und damit für einen Zustand selbstgewählter Isolation. Damit ergänzt die eingeführte Maßnahme des Lockdowns letztlich nur die Absicht der Kontaktvermeidung und legitimiert diese somit in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext. Eine Normalisierung des psychologischen Verlangens der Kontaktvermeidung und eine Minimierung an Kontakten ist hier der Schlüssel, um eine einheitliche Antwort auf die bedrohliche Situation zu finden. Dadurch, dass die Isolation normalisiert und durch äußere Maßnahmen auch umgesetzt werden konnte, lässt sich die Effektivität des ersten Lockdowns bis zum Sommer erklären.

Besonders zu beachten ist die Normalisierung der Selbstisolation auch deshalb, weil sie nicht den Normalzustand darstellt. Das dynamische Verhältnis zwischen den beiden Herangehensweisen an eine soziale Situation prägt normalerweise den Charakter des Individuums. Dabei überwiegt oft eine der beiden Motivationen. Eine ausgeglichene Balance zwischen diesen beiden Herangehensweisen stellt eher eine Ausnahme dar. Denn ein erhöhter ausgeglichener Zustand der psychologischen Dynamik weist meist auf ein erhöhtes Risiko für Angststörungen (anxiety) hin.10 Hier stehen beide Leitmotive sozialer Interaktion aber in einem starken Widerspruch zueinander. Wenn die Situation sozialer Interaktion nicht richtig eingeschätzt wird, etwa wenn Situationen im Vorfeld als neuartig und unvorhersehbar eingestuft werden, kann eine Hemmung (inhibition) auftreten. Wenn der erforderte Impuls einer Kontaktaufnahme sich nicht durchsetzen kann, weil aus verschiedensten Gründen eine Präferenz für die Kontaktvermeidung besteht, dann kommt es zu einer Hemmung des Akteurs. Gründe für eine Präferenz der Kontaktvermeidung können natürlicher Art, also etwa gefürchtete negative Konsequenzen bei Kontaktaufnahme sein, sie können aber auch mit einer gestörten Entwicklung bei Heranwachsenden zusammenhängen, beispielsweise wenn bestimmte soziale Fertigkeiten nicht ausgebildet oder erprobt wurden. Auf das Thema einer gestörten Entwicklung bei Heranwachsenden wird in dieser Hausarbeit an anderer Stelle ebenfalls noch einmal genauer eingegangen. Festzuhalten ist also, dass die zugrunde liegenden psychologischen Beweggründe für eine Isolation durch die unklare pandemische Lage in so einem Maße gegeben waren, dass sich zumindest der erste Lockdown teilweise, wie eine selbst-gewählte Isolation anfühlen konnte, wodurch mögliche negative Konsequenzen für die Einsamkeitserfahrung erst einmal ausgeräumt wären.

Nachdem nun die erste Phase des Lockdowns untersucht wurde, soll dieser Abschnitt kurz auf die Veränderung der psychologischen Umstände in den anschließenden zwei Phasen des Lockdowns eingehen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, Anfang Mai 2021, lassen sich drei dieser Lockdown-Phasen einteilen, in denen die Effektivität der Maßnahme stark variierte, obwohl diese sich in ihrer Ausgestaltung nicht wesentlich veränderte. Nach dem ersten Lockdown und einer zwischenzeitlichen Lockerung der Maßnahmen im Sommer, in dem sich die Infektionslage zunächst entspannt hatte, die so genannte „zweite Welle“, also eine erneute Zuspitzung der Infektionszahlen, folgte. Durch die zwischenzeitliche Lockerung der Maßnahme in den Sommermonaten, beruhigte sich die Angst und der Drang der Menschen Kontakte zu vermeiden. Auf die erneut steigenden Zahlen reagierte die Regierung in Deutschland dann allerdings mit altbewährten Methoden, nämlich einem erneuten Lockdown. Dabei waren in der Zwischenzeit bereits viele wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Verhalten dieses Virus durchgeführt worden. Während also die wissenschaftlichen Erkenntnisse und auch die Einordnung der Gefährdung des Virus eine klare Faktenlage und eine Besänftigung der individuellen Ängste zur Folge hatte, reagierte die Politik mit derselben Maßnahme, die bei einer anfänglichen Unklarheit der Gefährdung angebracht war. Der individuelle psychologische Drang der Kontaktvermeidung war allerdings unter anderem durch wissenschaftliche Erkenntnisse nun nicht mehr so stark, als dass eine selbst gewählte Isolation die optimale Lösung dargestellt hätte. Es wurde nun also deutlich mehr Kritik an der Maßnahme geäußert, da nun die Isolation einen deutlich stärkeren fremd-auferlegten Charakter angenommen hatte. Dies soll nur einen Einblick in die weiteren Entwicklungen geben. Zwar hatte die Maßnahme des zweiten Lockdowns einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen, insgesamt gesehen war sie aber nicht so effektiv, wie der erste Lockdown zu Beginn der Pandemie. Auch aktuell laufen Diskussionen, ob ein erneuter Lockdown nicht der richtige Schritt wäre, um auch 1 Jahr nach Beginn der Pandemie auf erneut steigende Fallzahlen in einer „Dritten Welle“ zu reagieren. Während Virologen für solch eine Maßnahme plädieren, wird allerdings die Kritik am Management der Pandemie immer größer. Dies soll lediglich einen Denkanstoß geben, ob aus psychologischer Sicht, mit Blick auf ein stetes Abwägen von Kontaktaufnahme und Kontaktvermeidung eine weitere Periode vollständiger Isolation eine sinnvolle Maßnahme darstellt. Denn die Interessen haben sich inzwischen so entwickelt, dass die Maßnahmen für die meisten nur noch eine fremd-auferlegte Isolation darstellt, die sie davon abhält, die für Menschen natürliche Gesellschaftlichkeit, auszuleben.

Developmental timing effects of Solitude

Ein weiterer Teilbereich der sich durch die methodische Gliederung mithilfe der Theorie von Coplan/Bowker ergibt, ist das so genannte Developmental Timing. Die Autoren gehen hier auf die Entwicklungsstufe, bezogen auf Alter und Reife des Subjektes ein. Dabei stellen sie fest, dass ein Unterschied zwischen der Auffassung von Einsamkeit zwischen verschiedenen Entwicklungsphasen besteht. Während eine vorherrschende Einsamkeit während der Kindheit negative Auswirkungen haben kann, wird Einsamkeit und Privatsphäre im weiteren Verlauf des Erwachsen-werdens plötzlich zunehmend wertgeschätzt.11

Der Text von Bowker et al.12 bietet eine gute Übersicht und verbindet viele verschiedene Studien über die Auswirkungen von negativen Einsamkeitserfahrungen auf Heranwachsende. Denn, während im weiteren Verlauf des Erwachsen-Seins die Privatsphäre zunehmend wichtiger wird, ist bei Heranwachsenden ein ausgeprägtes Sozialleben eine Voraussetzung um entsprechende Umgangsformen und soziale Fertigkeiten/Fähigkeiten in umfangreichem Maße auszubilden.13

Mithilfe der emerging adulthood theory14 kann man die besonderen Umstände der Zeitspanne beschreiben. Denn es handelt sich in der Entwicklungsphase des Heranwachsens (emerging adulthood) um eine Phase, in der die jungen Menschen den Prozess hin zu einem autonomen eigenständigen Individuum beginnen, welches imstande ist, eigenständige Entscheidungen zu treffen und sich für seine Taten zu verantworten. Während der Prozess innerhalb dieser Entwicklungsphase individuell erfahren werden muss, ähneln sich die Umstände, die diese Zeit charakterisieren. So werden nicht nur die eigene Identität, wie auch alternative Möglichkeiten erforscht, sondern es herrscht auch insgesamt eine große Unsicherheit und Unbeständigkeit der äußeren Umstände. Eine Phase also, in der eine soziale Zurückgezogenheit einer Erforschung möglicherweise im Weg stehen kann.

Die Studien zeigen, dass Heranwachsende, die während ihrer Entwicklung als sozial zurückgezogen eingestuft werden, im Gegensatz zur Vergleichsgruppe mit erworbenen sozialen Fertigkeiten mit mehr mentalen Krankheiten zu kämpfen haben. Als sozial zurückgezogen gelten dabei besonders die Individuen, die eine Einsamkeitserfahrung von mehr als 30% erlebt haben. Denn während eine Einsamkeitserfahrung in eben diesem Maße, durchaus eine positive Wirkung bei Heranwachsenden, etwa im Bereich der Persönlichkeitsausbildung haben kann, kann ein erhöhter Anteil bereits zu psychologischen Problemen führen. Dabei können auch bereits häufige Einsamkeitserfahrung in früher Kindheit die Entwicklung im späteren Alter beeinflussen, da in diesem Fall die Wahrscheinlichkeit für eine soziale Zurückgezogenheit im späteren Alter steigt.

Die Voraussetzung für ein stark ausgeprägtes Sozialleben sind also eine geringe Anzahl an Einsamkeitserfahrungen in der Kindheit, sowie in der Phase des Heranwachsens. Während sich die Quantifizierung eines Anteils von 30 % Einsamkeit in einer realen Lebenssituation wohl kaum nachverfolgen lässt, kann trotzdem festgehalten werden, dass eben gesteigerte Einsamkeitserfahrungen in der Kindheit sowie bei Heranwachsenden nicht nur psychologische Probleme verursachen können, sondern eben auch einen entsprechenden potenziellen Einfluss auf zukünftige Entscheidungen haben können. Gerade in der von den Autoren beschriebenen Zeitspanne ist aber insbesondere die Ausgestaltung der zukünftigen Berufsperspektive sehr stark von der Einflussnahme der Individuen abhängig. Eine Hemmung durch mögliche Nachteile des Alleinseins und der sozialen Isolation kann sich dann schädlich auf die allgemeine Lebenssituation auswirken. Insbesondere, wenn durch die Hemmungen sich ergebende Möglichkeiten nicht wahrgenommen werden können.

Ähnlich verhält es sich auch mit den Auswirkungen auf Ältere Menschen, denen schon länger eine Vereinsamung droht. Senioren sind in Pflegeheimen auf die dortigen Angebote zur Unterhaltung oder Besuche und Kontakte zu ihren Angehörigen angewiesen, um der zunehmenden Vereinsamung entgegenzuwirken. Nicht nur durch die in Deutschland herrschende demografische Entwicklung nimmt das Phänomen der Vereinsamung älterer Menschen immer stärkere Ausmaße an. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung noch weiter beschleunigt. Denn besonders ältere Menschen gehörten zur schützenswerten Risikogruppe für die Viruserkrankung Covid-19. Das zog einen höheren Aufwand zum Schutz nach sich, der gleichbedeutend war mit stärkerer Isolation. Die ohnehin wenigen sozialen Kontakte von älteren Menschen mussten also auf ein Minimum reduziert werden, welches eben zu einer stärkeren Vereinsamung führte. Allein das Pflegepersonal stand ihnen zur Interaktion zur Verfügung, ein Umstand, auf den im nächsten Abschnitt nochmal genauer eingegangen wird.

Es zeigt sich hier also, dass die Maßnahme eines Lockdowns, welche die Tendenz einer Vereinsamung durch vorgeschriebene Isolation weiter vorantreibt, eine negative Auswirkung sowohl auf die Einsamkeitserfahrungen von Heranwachsenden als auch von Senioren hat. Die Heranwachsenden werden durch die soziale Isolation in ihrer Erlernung sozialer Umgangsformen gehindert, welches sich möglicherweise in ihrem späteren Leben negativ beispielsweise auf ihren Karriereweg auswirken könnte. Die Senioren hingegen werden von ihren wenigen sozialen Kontakten isoliert und haben nur noch wenige alternative Möglichkeiten sich sozial auszutauschen, da auch ihre geringe technische Affinität nur wenig alternative Kommunikationsmöglichkeiten offenlässt. Dabei legen mehrere Studien einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der sozialen Kontakte und einer gesteigerten Gesundheit im hohen Alter nahe.15 Somit werden zwei große gesellschaftliche Gruppen von der Corona-Maßnahme des Lockdowns in eine Situation gebracht, in der die Rahmenbedingungen eine negative Einsamkeitserfahrung sehr wahrscheinlich machen. Weniger betroffen von der Maßnahme hingegen, sind diejenigen, deren Entwicklung bereits so weit abgeschlossen ist, dass sie die einschneidende Maßnahme als positiv empfinden, etwa wenn in einer späteren Entwicklungsphase die Einsamkeit als Privatsphäre schätzen gelernt wird, und ein vermehrter Bedarf danach besteht.

[...]


1 Vgl. Wang, Y. (2006). Culture and solitude: Meaning and significance of being alone. Unpublished master’s thesis, University of Massachusetts, Amherst. In: Averill, J. R., & Sundararajan, L. (2014) S. 96-97.

2 Im Folgenden wird zur Wahrung der Anschlussfähigkeit an die englischsprachige Einsamkeitsforschung der englische Ausdruck in Klammern hinter deutsche Fachworte gesetzt. So lassen sich missverständliche Formulierungen durch die Übersetzung vermeiden.

3 Vgl Bowker, J. C., & Coplan, R. J. (2014). S. 4.

4 Vgl. Kaven, C. (2020). S. 54-55.

5 Vgl. Connell, R. (2020). S. 5.

6 Vgl. Ebd. S. 5. (It would have to provide ways of thinking about the stony cruelty of global power centres and their regional avatars; about the toxic cascade of consequences from huge concentrations of wealth; […].).

7 Bowker, J. C., & Coplan, R. J. (2014). S. 4.

8 Vgl. Ebd. S. 6-7.

9 Vgl. Elliot, A. J., Gable, S. L., & Mapes, R. R. (2006). S. 380.

10 Vgl. Barker, T. V., Buzzell, G. A., & Fox, N. A. (2019). S. 6.

11 Bowker, J. C., & Coplan, R. J. (2014). S. 7-8.

12 Bowker, J. C., Nelson, L. J., Markovic, A., & Luster, S. (2013).

13 Die Autoren kritisieren zwar die methodische Inkonsistenz innerhalb der von ihnen präsentierten Studien, im Rahmen dieser Arbeit soll allerdings trotzdem auf diesen Aufsatz zurückgegriffen werden, da er viele, für diese Arbeit aufschlussreiche Studien, die im Wesentlichen zu ähnlichen Ergebnissen kommen, zusammenfasst.

14 Vgl. Arnett, J. J. (2000) In: Bowker, J. C., Nelson, L. J., Markovic, A., & Luster, S. (2013). S. 170.

15 Vgl. Pillemer, K., & Wethington, E. (2014). S. 243.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Corona-Lockdown in Deutschland als Beispiel für einen neuen Ansatz der Soziologie der Katastrophe
Untertitel
Warum die Arten der Einsamkeitserfahrung sich in der Isolation unterscheiden
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Soziologie der Isolation
Autor
Jahr
2021
Seiten
27
Katalognummer
V1030798
ISBN (eBook)
9783346432742
ISBN (Buch)
9783346432759
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corona, Lockdown, Isolation, Einsam, Einsamkeit, Soziologie, Katastrophe, Katastrophen, Katastrophensoziologie, Soziologie der Katastrophen, Solitude, Klassismus, New Sociology, systemrelevant, Neue Soziologie, Neuer Ansatz der Soziologie, Pandemie, Demokratie, Psychologie, Psychologie der Isolation, Coplan, Bowker, Handbook of Solitude, Minimalismus, Nothingness, sensory deprivation, Komfort, Mittelschicht, neue Mittelklasse, Reckwitz, Connell, Minimalismuskritik, floating tanks, Rückzug, Marxismus, Designtheorie, Privilegien, Corona Kritik, Merkel
Arbeit zitieren
Timotheus Meiß (Autor), 2021, Der Corona-Lockdown in Deutschland als Beispiel für einen neuen Ansatz der Soziologie der Katastrophe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030798

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