Die vorliegende Arbeit versucht, die Nebenaussagen der vorliegenden Vita im Hinblick auf drei Lebensbereiche des norischen Alltags auszuwerten. Welche Aufschlüsse gibt die VS (Vita Sancti Severini) in Bezug auf das christliche Leben, die Koexistenz mit den Germanen und die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den Donauprovinzen am Ende der Römerzeit?
Nach der Vorstellung des Forschungsstandes und der Diskussion der möglichen Verfremdung der Fakten durch Intentionen und Projektionen des Autors oder durch die Problematik hagiographischer Schriften im ersten Kapitel nimmt der zweite Abschnitt die Fragestellung in Angriff. Einleitend steht ein Überblick über die historische Entwicklung am Schauplatz der VS vom Beginn der Römerherrschaft bis zur Zeit Severins. Danach erfolgt eine Auswertung auf Basis einer Liste, in der weitgehend alle Textaussagen zur Leitfrage gesammelt und nach den Themenkreisen klassifiziert wurden. Das Fazit fasst dann das sich aus den Details ergebende Bild vom Leben in Ufernorikum zusammen.
Inhaltsverzeichnis
1. FORSCHUNGSSTAND
1.1 ÜBERBLICK ZUR VS FORSCHUNG
1.2 DIE VS ALS HISTORISCHE QUELLE
1.2.1 Der Hagiograph Eugippius und sein Werk
1.2.2 Parallelüberlieferungen
2. DER ALLTAG IM SPÄTANTIKEN UFERNORIKUM NACH DER VS
2.1 DIE HISTORIE DER DONAUPROVINZEN IM IMPERIUM ROMANUM
2.2 DIE AUSWERTUNGEN
2.2.1 Das christliche Leben
2.2.2 Die Germanen
2.2.3 Wirtschaftliches und soziales Zusammenleben
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Alltag in den spätantiken Donauprovinzen (Ufernorikum) basierend auf der Vita Sancti Severini des Eugippius, um trotz der hagiographischen Stilisierung historische Aufschlüsse über die Lebensbedingungen am Ende der Römerzeit zu gewinnen.
- Historische Rolle und Identität des Heiligen Severin
- Strukturen des christlichen Lebens und der Kirchenorganisation
- Koexistenz und Konflikte mit den germanischen Nachbarn
- Wirtschaftliche und soziale Verhältnisse unter veränderten Sicherheitsbedingungen
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Der Hagiograph Eugippius und sein Werk
Über die Person des Eugippius ist sehr wenig bekannt. Der um 460 geborene Sohn einer vornehmen römischen Familie, die möglicherweise in Ufernorikum gelebt haben könnte, ist sicher mit der Mönchsgemeinschaft des Severinsklosters nach Italien gekommen, wo diese mit Unterstützung der alten, von den Goten entmachteten Elite um den exilierten Ex-Kaiser Romulus Augustulus zwischen 492 und 496 in Lucullanum bei Neapel ein neues Kloster und ein Mausoleum für die Gebeine des Heiligen einrichten konnte. Spätestens 509 wählten ihn seine Klosterbrüder zum Abt. Gut überliefert sind seine Briefwechsel mit geistlichen Größen der Zeit, wobei sein letzter Brief von 532 auf einen Todeszeitpunkt kurz darauf deuten lässt.
Aufgrund der adressierten Personen verorteten ihn Geschichtswissenschaftler als römisch-national, pro-byzantinisch und als Parteigänger des unterlegenen Gegenpapstes Laurentius im akazianischem Schisma (498–519). Es ist jedoch unklar, inwieweit Eugippius sich wirklich politisch aktiv engagierte. Seine zwei weiteren Werke hatten rein theologische Inhalte, nämlich eine Sammlung von Augustinus Exzerpten und eine Mönchsregel, die Severins in der VS vorgelebten Verhaltensweisen als Normen spiegelt. Zu Abfassungsweise und Intention lieferte der Autor selbst Angaben in einem Briefwechsel mit dem römischen Diakon Paschasius, den er der VS als eine Art Vorwort voranstellte. Im Brief an Paschasius erläuterte Eugippius die Motivation für die Schrift, seine Quellen und seine Vorstellungen zum idealen Stil. Als Antrieb nannte er den Wunsch, die wunderbaren Taten Severins als Belehrung und Ansporn für die Nachwelt festzuhalten, also ein rein hagiographisches Ziel.
Zusammenfassung der Kapitel
1. FORSCHUNGSSTAND: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die bisherige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vita Sancti Severini und bewertet kritisch deren Eignung als historische Quelle.
1.1 ÜBERBLICK ZUR VS FORSCHUNG: Hier werden die wichtigsten Forschungsergebnisse zur Deutung des Werks und zur Identitätsfrage des Heiligen Severin zusammengefasst.
1.2 DIE VS ALS HISTORISCHE QUELLE: Dieser Abschnitt analysiert die Faktoren, die die faktische Aussagekraft der Vita bestimmen, wie die Person des Autors und die Verfügbarkeit von Parallelüberlieferungen.
1.2.1 Der Hagiograph Eugippius und sein Werk: Dieses Kapitel befasst sich mit dem Leben und der Intention des Autors Eugippius sowie seinem Ziel, eine hagiographische Lebensbeschreibung zu verfassen.
1.2.2 Parallelüberlieferungen: Hier werden weitere zeitgenössische literarische Quellen sowie archäologische Befunde zur Überprüfung der Aussagen der Vita herangezogen.
2. DER ALLTAG IM SPÄTANTIKEN UFERNORIKUM NACH DER VS: Dieser Teil leitet zur inhaltlichen Auswertung über, indem er den historischen Kontext der Region beleuchtet.
2.1 DIE HISTORIE DER DONAUPROVINZEN IM IMPERIUM ROMANUM: Ein Überblick über die historische Entwicklung der Donauprovinzen von der römischen Eroberung bis zur Spätantike.
2.2 DIE AUSWERTUNGEN: Hier werden die Ergebnisse der systematischen Analyse von 255 Aussagen der Vita hinsichtlich ihrer Verteilung auf verschiedene Themenkreise präsentiert.
2.2.1 Das christliche Leben: Dieses Kapitel untersucht die Organisation der Kirche und die tägliche religiöse Praxis der Bevölkerung.
2.2.2 Die Germanen: Eine Analyse der Berichte über germanische Stämme, unterteilt in die Aspekte Bedrohung, Kooperation und deren Eigenschaften.
2.2.3 Wirtschaftliches und soziales Zusammenleben: Dieser Abschnitt behandelt die Lebensumstände, die Sozialstruktur und die wirtschaftlichen Gegebenheiten der Provinzbewohner.
Schlüsselwörter
Vita Sancti Severini, Eugippius, Ufernorikum, Spätantike, Heiliger Severin, Christentum, Germanen, Rugier, Mönchtum, Wirtschaftsgeschichte, Sozialstruktur, Romanisierung, Noricum, Hagiographie, Völkerwanderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Alltag in den norischen Grenzprovinzen am Ende der Römerzeit unter Verwendung der Vita Sancti Severini als zentraler schriftlicher Quelle.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich primär auf das christliche Leben, die Beziehungen zu germanischen Nachbarstämmen und die alltäglichen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, aus dem hagiographischen Text Eugippius' neutrale Nebenaussagen herauszufiltern, um ein möglichst realistisches Bild der norischen Gesellschaft in der Spätantike zu rekonstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre Auswertung, bei der der hagiographische Text kritisch hinterfragt und mit archäologischen Befunden sowie anderen zeitgenössischen Quellen abgeglichen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einleitung zur Region, gefolgt von einer detaillierten Klassifizierung und Analyse der Aussagen zu Kirche, Germanen und Lebensumständen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Vita Sancti Severini, Ufernorikum, Spätantike, Christentum, Sozialstruktur und Germanenkontakte geprägt.
Welche Rolle spielt die Vita Sancti Severini als Quelle?
Sie gilt als nahezu einzige schriftliche Quelle für diese Region und Zeit, erfordert jedoch aufgrund ihres Charakters als Heiligenlegende eine kritische Analyse, um historische Fakten von theologischen Projektionen zu trennen.
Wie bewertet die Autorin das Zusammenleben mit den Germanen?
Es wird aufgezeigt, dass neben den in der Vita oft betonten Bedrohungen und Konflikten auch eine kooperative Nachbarschaft und ein reger Handelsverkehr mit germanischen Stämmen wie den Rugiern bestanden.
Wie veränderte sich die soziale Struktur der Provinzialen?
Durch den Druck der Germanen und den Wegfall der römischen Zentralgewalt wandelte sich die Gesellschaft zunehmend zu einer reinen Agrargesellschaft mit einer schwindenden Oberschicht und einer großen Zahl von Bauern und Flüchtlingen.
Warum war der Abzug der Romanen kein vollständig freiwilliger Akt?
Obwohl Eugippius den Abzug als „Exodus“ in ein gelobtes Land darstellt, zeigen die Analysen, dass die Entscheidung der Provinzialen, die Heimat zu verlassen, durch äußeren Zwang und den Zusammenbruch der Schutzstrukturen beeinflusst wurde.
- Arbeit zitieren
- Christa Gries (Autor:in), 2021, Die Vita Sancti Severini des Eugippius. Der Alltag am Ende der Römerzeit im Gebiet des späteren bayerischen Herzogtum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030979