Phantastische Elemente in der Kinderbuchreihe "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren

Eine Betrachtung des Motives des fremden Kindes


Hausarbeit, 2021

20 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

2. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Versuche einer Definition
2.2 Die phantastischen Welten von Maria Nikolajeva
2.3 Themen und Motive in der Phantastik

3. Phantastische Elemente in Astrid Lindgrens Kinderbuchreihe Pippi Langstrumpf
3.1 Analyse des Zwei-Welten-Modells
3.2 Das Motiv des fremden Kindes

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung in die Thematik

Astrid Lindgrens phantastische Kinderbuchreihe Pippi Langstrumpf, welche ab 1945 in Schweden veröffentlicht und kurz danach in viele Sprachen übersetzt wurde, im Jahr 1949 unter anderem auch ins Deutsche, handelt von einem Mädchen, namens Pippi Langstrumpf. Ihre Geschichte wird in den drei Bänden Pippi Langstrumpf (1945), Pippi Langstrumpf geht an Bord (1946) und Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land (1948) erzählt. Die neunjährige, selbstbewusste Pippi fällt einem durch ihre besondere Kleidung, die vielen Sommersprossen auf der Nase und die roten Harre, die sie zu zwei abstehenden Zöpfen geflochten hat, sofort auf (vgl. Lindgren 1945, 12 f.). Sie lebt allein in der Villa Kunterbunt und besitzt einen Koffer voller Goldstücke, der ihr finanziell alle Freiheiten erlaubt (vgl. ebd., 91). Zudem verfügt sie über eine scheinbar unerklärliche, übernatürliche Körperkraft und besitzt ausgesprochen viel Mut, weshalb sie glücklich und ohne Ängste durchs Leben spaziert. Pippi hat ein eigenes Pferd und das Äffchen Herr Nilsson. Gemeinsam mit ihren Freunden Tommy und Annika erlebt sie zahlreiche Abenteuer und bringt die Menschen durch ihr ungewöhnliches Verhalten entweder in negativer oder positiver Hinsicht zum Staunen.

Der Hausarbeit liegt die Fragestellung „Wie wird das Motiv des fremden Kindes in Astrid Lindgrens Kinderbuchreihe Pippi Langstrumpf umgesetzt ?“ zugrunde. Die Geschichte von Pippi Langstrumpf hat bereits viele Auszeichnungen bekommen, wurde in über 70 Sprachen übersetzt und über 66 Millionen Mal gelesen (vgl. Badische Zeitung 2015). Die Behandlung des Werkes ist von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung, da es zu den bekanntesten Lektüren der Kinder- und Jugendliteratur gehört und vielfach im Deutschunterricht eingesetzt wird. Das Motiv des fremden Kindes zeichnet sich beispielsweise auch durch die Androgynität jener Figur aus. Die Gender-Debatte wird immer wichtiger und Pippis Figur stellt ein gutes Beispiel dafür dar, über dieses Thema zu diskutieren und Geschlechterbilder grundsätzlich zu überdenken. Es ist also von wissenschaftlichem Interesse, die renommierte Kinderbuchreihe Pippi Langstrumpf hinsichtlich des Motives des fremden Kindes zu untersuchen.

Um diese Hausarbeit umfassend beantworten zu können, wird zuerst ein Versuch der Definition von Phantastik angeführt, sowie das Zwei-Welten-Modell von Maria Nikolajeva erläutert. Darauffolgend werden Themen und Motive in phantastischen Erzählungen aufgezählt. Auf der Grundlage dessen wird zunächst geklärt, ob bzw. warum es sich bei der Erzählung von Pippi Langstrumpf um eine phantastische Geschichte handelt und wie sie in das Zwei-Welten-Modell eingeordnet werden kann. Danach wird näher darauf eingegangen, wie das phantastische Motiv des fremden Kindes in Pippi Langstrumpf umgesetzt wird. Die Erkenntnisse der Analyse werden abschließend im Fazit als zusammenfassende Schlussfolgerung aufgeführt.

2. Phantastische Kinder- und Jugendliteratur

2.1 Versuche einer Definition

Es gibt viele Definitionsversuche der literarischen Phantastik, die sich jedoch mitunter durchaus widersprechen und sehr verschieden sind. Deshalb ist es schwer, eine einheitliche und klare Definition aufzustellen.

An dieser Stelle werden die Definitionen von Carsten Gansel und Birgit Patzelt angeführt, da sie am ehesten auf das im weiteren Verlauf analysierte Kinderbuch Pippi Lang- strumpf angewendet werden können und zudem die neuesten Definitionsvorschläge darstellen.

In der Kinder- und Jugendliteraturforschung ist man sich einig, dass Literatur erst dann dem Genre der Phantastik zugeordnet werden kann, wenn „die phantastischen Elemente zu einem dominanten, die Gesamtstruktur eines literarischen Textes prägenden Merkmal werden“ (Rank 2011, 171). Phantastische Elemente müssen demnach die Figuren, Handlungen, Gegenstände oder Strukturen des Textes bestimmen.

Für Carsten Gansel ist ein zentrales Merkmal der Phantastik, dass Figuren, Handlungen, Ereignisse und Räume geschaffen werden, „die einen Bruch mit dem historisch jeweils gültigen Realitätsbegriff darstellen“ (Gansel 2010, 131) können. Dies bedeutet, dass in phantastischen Erzählungen „die Grenzen der Logik und damit der empirischen Wirklichkeit nach Belieben“ (Weinkauff/Glasenapp 2018, 100) durchbrochen werden können.

Birgit Patzelt hat das Genre etwas enger gefasst und vertritt die Auffassung, dass Figuren in phantastischen Erzählungen in der real-fiktiven Welt mit übernatürlichen Phänomenen konfrontiert werden und diese Übernatürlichkeit die Geschichte grundsätzlich prägt (vgl. ebd., 100). Das Auftreten dieser ungewöhnlichen Sache erfährt jedoch eine logische Erklärung.

2.2 Die phantastischen Welten von Maria Nikolajeva

Die russisch-schwedische Anglistin Maria Nikolajeva hat, in Bezug auf Definitionen der Phantastik, die von einem Zwei-Welten-Modell ausgehen, ein Erklärungsmodell entwickelt, das auf die Kinder- und Jugendliteratur angewendet werden kann (vgl. Nikolajeva 1988 und Lange 2016, 175 f.).

Nikolajeva stellt zunächst fest, dass folgende drei Grundmerkmale in der Geschichte vorhanden sein müssen:

1. die Anwesenheit von Magie
2. die Verletzung von Naturgesetzten
3. und das Gespür für das unerklärliche Wunder.

Des Weiteren müssen zwei Welten, nämlich eine primäre (reale) und eine sekundäre (nicht reale) Welt nach eindeutigen Gesetzmäßigkeiten aufeinandertreffen. Diese zwei unterschiedlichen Welten können in verschiedenen Bezügen zueinanderstehen.

Erstes Modell: Bei der „geschlossenen Welt“ steht die Sekundärwelt mit der realen Welt nicht in Kontakt. Die Handlung spielt sich ausschließlich in einer phantastischen Welt ab, woher ebenfalls die Akteure entstammen. Als Beispiel kann hier J.R.R. Tolkiens bekanntes Jugendbuch Der kleine Hobbit angeführt werden.

Zweites Modell: Bei der „offenen Welt“ existieren Primär- und Sekundärwelt nebeneinander, sind jedoch voneinander räumlich oder zeitlich getrennt. Meistens wird der Übergang, also die Schwelle zwischen den beiden Welten dargestellt. Eine „offene“ Welt ist in J.K. Rowlings berühmten Jugendbuch Harry Potter wiederzufinden.

Drittes Modell: Im Modell der „implizierten Welt“ ist die phantastische Welt fester Bestandteil der realen Welt und muss deshalb nicht direkt als eine Sekundärwelt dargestellt sein. Sie wird durch das Vorhandensein einer einzelnen Figur mit einer Übernatürlichkeit oder eines magischen Gegenstandes bzw. Motivs deutlich. Hierzu zählt beispielsweise Paul Maars Geschichte vom Sams, der als eben diese besondere Figur fungiert.

Es muss an dieser Stelle jedoch angemerkt werden, dass es phantastische Erzählungen gibt, besonders in der modernen Kinderliteratur, die nicht eindeutig zugeordnet werden können, sondern auch Merkmale aller drei Modelle aufweisen können (vgl. Weinkauff / Glasenapp 2018, 104 f.).

2.3 Themen und Motive in der Phantastik

Ein phantastischer Text kann an bestimmten Themen und Motiven erkannt werden. Göte Klingenberg hat die Definitionen dieser Kategorisierungen bereits Ende der 1960er Jahre aufgestellt. Im Folgenden werden wichtige Themen und Motive in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur aufgeführt, welche von Emer O’Sullivan überarbeitet wurden (vgl. O’Sullivan 2003, 11 ff.). Das Motiv des fremden Kindes wird hierbei sehr deutlich betrachtet, da im weiteren Verlauf Pippi Langstrumpf hinsichtlich diesen Motives analysiert wird.

Das Motiv der phantastischen Schwelle wird oft in phantastischen Erzählungen verwendet. Hierbei dient die Schwelle im vorher angeführten zweiten Modell Nikolajevas als Tor zwischen der Alltagswelt und der offenen Sekundärwelt. O’Sullivan bezeichnet sie auch als „Schleuse“ oder „Umsteigepunkt“ (ebd., 12). Diese Schwelle verbindet also die zwei Welten miteinander und kann in unterschiedlicher Weise auftreten. Sie kann entweder dauerhaft oder nur temporär vorhanden sein, sie kann sich durchgehend auf denselben Gegenstand (bzw. dieselbe Handlung) beziehen, oder immer wieder wechseln. In J.K. Rowlings Kinderbuchreihe Harry Potter ist eine solche Schwelle beispielsweise die Zughaltestelle am Gleis 9 ¾, in der die Zauber*innen aus der Muggel- in die Zauberwelt gelangen.

Die Reise ist ein Motiv, welches eng mit der phantastischen Schwelle zusammenhängt, da die Figuren mit Hilfe jener Schwelle zwischen Primär- und Sekundärwelt reisen können. Drei Modelle können hierbei unterschieden werden. Zum einen sind lineare Reisen möglich, was bedeutet, dass die Schwelle nur einmal in eine Richtung überwunden wird, meist von der Alltagswelt in die Phantasiewelt. Zirkuläres Reisen meint eine Reise in die sekundäre Welt und wieder zurück, wohingegen beim schleifenförmigen Reisen zwischen den beiden Welten beliebig oft hin und her gereist werden kann.

Träume sind ebenfalls zentrale Themen in der Phantastik. Zudem können auch das Motiv des Reisens bzw. der phantastische Schwellenübergang zwischen Alltags- und Phantasiewelt innerhalb eines Traumes stattfinden. Der Traum kann verschiedene Formen annehmen und unterschiedliche Funktionen erfüllen. Einerseits können Figuren im Traum gewisse Phantasien und Wünsche ausleben, die in der realen Welt nicht möglich wären, da im Traum Naturgesetze vernachlässigt werden können. Andererseits kann der Traum auch als ein Albtraum auftreten, in dem die träumende Figur mit ihren Ängsten konfrontiert wird.

In phantastischen Erzählungen werden u.a. Spiegel, wie auch Augen, Gläser oder Brillen dafür verwendet, eine andere Welt mit verborgenen Figuren, Orten oder Gegenständen sichtbar zu machen. Auch hierbei gibt es viele verschiedene Einsatzmöglichkeiten dieses Motives. Beispielsweise kann der Spiegel auch als phantastische Schleuse dienen oder als Kommunikationsmedium mit Figuren aus der phantastischen Welt.

Auch verlebendigte Gegenstände sind häufiger Bestandteil der Phantastik. Vor allem in der kinderliterarischen Darbietung bildet das Motiv einen direkten Anknüpfungspunkt an die Alltagswelt der kindlichen Leser*innen, wenn es sich um verlebendigtes Spielzeug handelt. Jedes Kind besitzt Spielzeug und beim Spielen findet ebenfalls oft der Prozess der Verlebendigung des Spielzeuges statt. Beispielsweise wenn der Teddybär als lebendiger Freund behandelt wird. Aus diesem Grund sind meist Kinder diejenigen, die die Existenz einer sekundären Welt anhand des verlebendigten Kinderspielzeuges bemerken, wohingegen Erwachsenen diese phantastische Welt im Verborgenen bleibt. Auch deshalb, weil das Spielzeug oft in der Gegenwart von Erwachsenen erstarrt und wieder zu normalem Spielzeug wird. Eine andere Variante in der Umsetzung dieses Motives ist es, aus der Perspektive der lebendigen Spielzeuge zu erzählen. Einerseits kann das Spielzeug im Kontakt mit dem Menschen stehen bzw. sich diesen Kontakt wünschen oder allein in seiner eigenen Welt leben und agieren.

Wenn es sich bei diesen verlebendigten Spielzeugen um mehrere Spielzeugfiguren handelt, die wie menschliche Figuren leben, wird von einer Miniaturgesellschaft gesprochen, welches ein weiteres Motiv der Phantastik darstellt. Diese Miniaturgesellschaften existieren oftmals abgeschottet und unbemerkt neben der menschlichen Gesellschaft. Sie können als Miniaturabbild der Gesellschaft fungieren oder als Projektionsfläche kindlicher Imagination, Sorgen oder Nöte dienen.

Ein weiteres häufig vorkommendes Motiv in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur ist das Auftreten von Hexen und Zauberern, die sofort das Dasein von etwas Magischem verdeutlichen. Diese Figuren können sowohl in der primären echten Alltagswelt vorkommen als auch in der sekundären phantastischen Welt. Besonders Hexen werden in kinderliterarischen Erzählungen meist verharmlost, lustig und komisch dargestellt. Oft treten sie auch als kindliche Figur auf und bieten somit ein gewisses Identifikationspotential für die Leser*innen. Zauberer agieren in phantastischen Geschichten meist als Erwachsene Figuren und können ihre Zauberkräfte für etwas Gutes oder Böses einsetzten. Als ein Beispiel hierfür kann J.K. Rowlings Kinderbuchreihe Harry Potter dienen, bei der die „guten“ Zauberer wie beispielsweise Dumbledore gegen die „Bösen“ z.B. Voldemort kämpfen. Hierbei ist es jedoch so, dass auch Kinder wie u.a. Harry Potter und nicht nur Erwachsene mit Zauberkräften ausgestattet sind.

Zuletzt findet auch das Motiv des fremden Kindes in phantastischen Erzählungen Gebrauch. Das Motiv wurde durch das namensgebende Märchen Das fremde Kind (1817) des deutschen Schriftstellers E.T.A. Hoffmann etabliert. Hoffmanns Märchen wurde noch im 19. Jahrhundert in viele Weltsprachen übersetzt und somit international bekannt (vgl. Kümmerling-Meibauer 1997, 33). Seitdem wurde das Motiv von anderen Autoren in verschiedensten Sprachen immer wieder aufgegriffen und ist mittlerweile in vielen modernen phantastischen Kinderliteraturen zu finden.

Es handelt sich hierbei ebenso um eine Figur, welche durch ihre „geheimnisvolle Herkunft, die Elternlosigkeit [die fremden Kinder sind Halb- oder Vollwaisen, haben somit keinen Vormund und sind auf sich allein gestellt], das unbestimmte Alter, das androgyne Wesen, ein auffälliges äußeres Erscheinungsbild, besondere Fähigkeiten (fliegen können, besonders stark sein) und ihr Verzicht auf das Erwachsenwerden“ (O’Sullivan 2003, 17) gekennzeichnet ist. Weitere Eigenschaften, die diese fremden Kinder gemeinsam haben, sind eine „ungewöhnliche Namensgebung“, sowie eine „Dreiteilung der Lebensbereiche in das Reich des fremden Kindes, die unmittelbare Umgebung und die weite, feindliche Welt“ (Kümmerling-Meibauer 1997, 33). Der „fehlende Schulbesuch“ und die „Freundschaft mit anderen Kindern, häufig mit einem Geschwisterpaar“ (ebd., 1997, 33) sind weitere Merkmale. Phantastische Geschichten, in denen das Motiv des fremden Kindes verwendet wird, können meist dem dritten Modell nach Nikolajeva zugeordnet werden. Die phantastischen Elemente treten in der implizierten Welt dadurch auf, dass beispielsweise eine einzelne Figur, hier das fremde Kind mit einer Übernatürlichkeit ausgestattet ist. Der Ort der Handlung ist somit die echte Alltagswelt, in welche dann das fremde Kind, scheinbar aus einer sekundären Welt, in Erscheinung tritt.

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Details

Titel
Phantastische Elemente in der Kinderbuchreihe "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren
Untertitel
Eine Betrachtung des Motives des fremden Kindes
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Kinder- und Jugendliteratur nach 1945
Note
1,3
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1031133
ISBN (eBook)
9783346432896
ISBN (Buch)
9783346432902
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fremdes Kind, Pippi Langstrumpf, Phantastik, phantastische Elemente, Astrid Lindgren, Motiv
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Phantastische Elemente in der Kinderbuchreihe "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031133

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