Die Stunde der Kirche (1945)


Ausarbeitung, 1996

11 Seiten


Gratis online lesen

Gliederung:

0. Einleitung

1. Die Situation in Deutschland 1945
a) allgemein
b) Die Situation der Kirche

2. Das Selbstverständnis der Kirche

3. Der abgeleitete Anspruch aus diesem Selbstverständnis
a) allgemein
b) Verhältnis zum Staat

4. Die religiös-theologische Deutung der Gegenwart und Vergangenheit

5. Negative Auswirkungen des neuen Selbstbewußtseins
a) Haltung zur Entnazifizierung
b) Haltung zur eigenen Vergangenheit im 3. Reich

6. Abschließende Bemerkung und Vorschläge zur heutigen Sitzungsgestaltung

0. Einleitung

In Treysa konstituierte sich im August 1945 eine Kirche, die sich mit all ihrer Macht in die Gestaltung des öffentlichen Lebens und der politischen Gemeinschaft einmischen wollte (vgl. dazu Punkt 1 in dem Wort zur Verantwortung der Kirche für das öffentliche Leben). Das Erwachsen dieses Öffentlichkeitsanspruches läßt sich meiner Meinung nach auf zwei Faktoren zurückführen. Zum einen auf die faktisch hervorgehobene Position der Kirche im Nachkriegsdeutschland und zum anderen auf das positive Selbstverständnis dieser Kirche. Diese beiden Punkte möchte ich im folgenden entfalten.

1. Die Situation in Deutschland 1945

a) allgemein

Da wir in unserem Seminar schon oft über diese Situation gesprochen haben, gehe ich hier nur noch ganz kurz darauf ein.

Die allgemeine Lage in Deutschland war geprägt durch eine geistige und materielle Not. Die Bevölkerung war radikal desillusioniert. Ihre Ideale, Ideologien und Werte waren gescheitert, wodurch sich Hoffnungslosigkeit ausbreitete. Das alltägliche Leben wurde belastet durch Sorgen wie Wohnungsnot und Berufsverbot. Die Gesellschaft war durch die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen in Flußgeraten. Der Staat hatte aufgehört zu existieren. Überregionale Organisationen und Institutionen waren mit Ausnahme der Kirche zerstört.

b) Die Situation der Kirche

Die landeskirchliche Organisation und ihr Verwaltungsapparat funktionierte weitestgehend noch und konnte effektive Arbeit bis in die einzelnen Gemeinden hinein leisten.. Schon allein durch diese Sonderstellung gewann die Kirche an besonderer Bedeutung in Deutschland.

Hinzu kam, daßdie Alliierten in der Kirche die einzige Institution erkannten, die dem Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus getrotzt hatte. Daher sollte sie Verantwortung übernehmen bei der politischen Neuordnung Deutschlands und wurde auch dementsprechend von ihnen unterstützt.1

Der Kirche wuchsen damit neue Aufgaben und eine größere Verantwortung zu. So galt es materielle Hilfeleistungen in großem Stil zu organisieren und zu verteilen (führt zur Gründung des Hilfswerkes) oder auch durch internationalen Kontakte politischen Einflußin Westeuropa und USA auszuüben, um die Lage der Bevölkerung zu verbessern. Die Kirche wurde dabei zur einzigen Klammer des in vier Besatzungszonen aufgeteilten Landes. Die Übernahme quasi politischer Funktionen wurde zudem dadurch gefördert, daßParteien und Gewerkschaften nur zögernd und mit Auflagen zugelassen wurden und somit ein machtpolitisches Vakuum bestand, in das die Kirche teilweise gedrängt, teilweise nun aber auch mit viel Schwung eindrang.

2. Das Selbstverständnis der Kirche

Aufgrund dieser äußerer Bedingungen erwachte in der Kirche ein neues Selbstbewußtsein.

Sie verstand sich nun auch als die Wahrerin der nationalen Einheit und durchbrach durch ihre ausländischen Kontakte die internationale Isolierung Deutschlands. Gestützt wurde dieses neue Selbstverständnis dadurch, daßihre Institution die neuen Aufgaben gut bewältigte. Zugleich betrachtete die Kirche ihre eigene Vergangenheit im Nationalsozialismus im Gefühl des Triumphes. Der totalitäre Staat hatte es nicht geschafft, die Kirche zu überwältigen, weder durch Gleichschaltung noch durch die Zurückdrängung aus der Öffentlichkeit oder den Versuch ihrer Verächtlichmachung. Zudem herrschte das Gefühl, daßdie Kirche durch den Kirchenkampf zu einer einmütigen Glaubensgemeinschaft zusammengewachsen war. In ihrer positiven Selbstbeurteilung konnte die Kirche auch auf Traditionen bürgerlicher Widerstandskreise im 3. Reich zurückgreifen. So hießes am Anfang des Grundsatzprogramms des Kreisauer Kreises 1942: "Wir sehen im Christentum wertvollste Kräfte für die religiös- sittliche Erneuerung des Volkes, für die Überwindung von Haßund Lüge, für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenleben der Völker." Diese Traditionen besaßen vor allem deshalb Einfluß, weil führende Männer der Kirche im Nachkriegsdeutschland wie Wurm, Gerstenmaier, Dibelius ... eben mit diesen Widerstandskreisen in Verbindung gestanden hatten und daher eine personale Kontinuität hier bestand. Die Kirche sah sich nun als frei und unabhängig an. Zudem war ihrer Meinung nach die Bevölkerung nun wieder offen für die Wahrheit des Christentums, da ihr alle anderen angeblichen Wahrheiten weggebrochen waren. Aus diesem positiven Selbstverständnis heraus, wurde die gegenwärtige Situation von vielen als die "Stunde der Kirche" verstanden, die es zu nützen galt.

3. Der abgeleitete Anspruch aus diesem Selbstverständnis

a) allgemein

Aus dieser Selbsteinschätzung heraus wird verständlich, daßdie Kirche nun mit einem ungeheueren Öffentlichkeitsanspruch auftrat. Sie verstand sich als die Autorität schlechthin. Sie wollte nun verantwortlich mitreden und mitgestalten, wobei sie nicht einfach Gehör, sondern Gehorsam verlangte. Zu allen wichtigen Fragen, sollte ihre Meinung beachtet werden. Sie betrachtete sich als Wächterin über Recht und Sittlichkeit, die das Volk führen und unterweisen wollte. Ihre Aufgabe war es daher auch Mund und Anwalt des Volkes gegenüber den Besatzungsmächten zu sein. Nur sie konnte Sinn und Orientierung bieten und das war viel für die damalige Zeit.

b) Verhältnis zum Staat

Ihrer Meinung nach sollte der Staat nach Gottes Schöpferplan das Zusammen- leben und die Wohlfahrt der Menschen dieser Welt gewährleisten. Seine Aufgabe war es daher freiheitsschaffende und rechtssetzende Funktionen zu erhalten. Vom Einflußvon Parteien und Organisationen oder Gruppen sollte er aber frei bleiben; er sollte über ihnen stehen. Nicht eine parlamentarische- demokratische Institution sollte ihn kontrollieren, sondern die Kirche, denn das Streben nach Macht galt als die Triebfeder staatlicher Politik und diese "Dämonie der Macht" wie O. Dibelius in den "Prolegommena zu einer Neugestaltung der Staatsidee" 1948 schreibt, mußdie Kirche brechen. Die implizite Demokratiefeindlichkeit hatte sich von der Weimarer Republik über das 3. Reich bewahrt. Die Demokratie wurde abgelehnt, da sie nichtgläubigen Minderheiten ebenso Schutz und Entfaltung zusagte wie den Fürsprechern der Säkularisation. Die Ablehnung der Parteien ließsich aber praktisch nicht durchhalten, so daßes aus verschiedenen Gründen zur massiven Unterstützung der CDU kam. Besonders spielte Angst vor der Vereinigung von Sozialdemokraten und Kommunisten eine Rolle. An ihnen wurde der Klassenkampfgedanke abgelehnt, der zu einer Aushöhlung menschlicher Bindungen und schließlich eine Unterhöhlung der Gemeinschaft bedingt hatte, die Hitlers Aufstieg erleichterte. Diese Distanz zum Kommunismus wurde natürlich zum Problem für die Christen in der SBZ. Zugleich galt es aber mit der Unterstützung der CDU ein Wiederaufleben der Zentrumspartei zu verhindern, da sich Angst vor einer katholischen Majorisierung ausgebreitet hatte (Verhältnis in den Westzonen nun fast gleich, Reichsgebiet zuvor 60:40).

4. Die religiös-theologische Deutung der Gegenwart und Vergangenheit

Wie sah aber die religiös-theologische Deutung der Gegenwart und Vergan- genheit aus, die der Kirche eine derartig gewichtige Rolle in der Öffentlichkeit zusprach?

Die Gegenwart und die Vergangenheit wurde mittels der Säkularisationsthese interpretiert und verstanden. Der Begriff der "SÄKULARISATION" diente seit der Weltmissionskonferenz in Jerusalem 1928 zur polemischen Charakteristik der Neuzeit als eine Geschichte des Abfalls von Gott. Er umschloßalle Formen der Selbstvergötzung des Menschen bis zur totalen Dieseitigkeit des puren Materialismus. Mit der Französischen Revolution hatte der Säkularismus seine Herrschaft in Europa begonnen und seinen Höhepunkt im Nationalsozialismus und im Kommunismus erreicht. Er war die Wurzel allen Unheils, das über die Menschen gekommen war und hatte zu einem MASSENMENSCHTUM geführt, das den Aufstieg Hitlers begünstigt hatte. Daher galt die RECHRISTIANISIERUNG vielen Protestanten als Gebot der Zeit. Ziel mußte es daher sein, die Gesellschaft wieder mit christlichen Werten zu durchdringen.

5. Negative Auswirkungen des neuen Selbstbewußtseins

a) Haltung zur Entnazifizierung

In der Frage der Entnazifizierung schlug die Kirche vielerorts einen fragwür- digen Weg ein. So entwickelte sie ein außerordentliches Verständnis für Beamte, Offiziere und höhere Angestellte, die Anhänger des Nationalsozialismus gewesen waren und verteidigte so bewußt bürgerliche- mittelständische bzw. sozial-konservative Verhältnisse. Mittels der Säkularisationsthese wandte sich die Kirche gegen pauschale Ent- nazifizierungen ebenso wie gegen die alliierte Politik der Demontagen. Dabei geriet man leicht in die Gefahr die alliierte Politik in eine Linie mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu stellen. So heißt es in einem von Wurm entworfenen offenen Brief "An die Christen in England" im Dezember 1945: "Das deutsche Volk auf einen noch engeren Raum zusammenzupressen und ihm die Lebensmöglichkeiten möglichst zu beschneiden, ist grundsätzlich nicht anders zu bewerten als die gegen die jüdische Rasse gerichteten Ausrottungspläne Hitlers." 2

b) Haltung zur eigenen Vergangenheit im 3. Reich

Auch die Beurteilung der eigenen Vergangenheit war sehr fragwürdig. Im Ge- fühl des Triumphes über den totalitären Staat geriet der Gleichschaltungsversuch in den Hintergrund. Die Deutschen Christen galten als fremde, kirchenfeindliche Elemente, die in die Kirche eingedrungen waren. Die eigene Anfälligkeit des Kirchenvolkes und besonders der kirchenleitenden Elite gegenüber bestimmten Parolen des Nationalsozialismus wurde nicht gesehen. Der Nationalsozialismus galt entsprechend der Säkularisationsthese als der Gipfel des Geistes, gegen den man gekämpft hatte. Die Kirche wurde als oppositionell gegenüber ihm dargestellt. Lediglich ein quantitatives Scheitern der Kirche wurde zugegeben. Diese Haltung wurde unmittelbar nach Treysa am 19. Oktober 1945 in dem Stuttgarter Schuldbekenntnis gegenüber Vertretern des ÖRK ausgesprochen: "Mit gro ßem Schmerz sagen wir: Durch uns ist un- endliches Leidüber viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, da ßwir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."

Zwar waren die Vertreter des ÖRK von der Botschaft zutiefst erfreut, doch die Reaktion in Deutschland sah weitgehend anders aus. Hieran läßt sich die Schwierigkeit zeigen, in der damaligen Zeit von der eigenen Schuld zu sprechen. Das Schuldbekenntnis wurde als Zustimmung zu der von den Amerikanern verbreiteten Kollektivschuldthese verstanden, was die meisten Protestanten ablehnten. Schon einmal war in Versailles Deutschland die alleinige Kriegsschuld zugewiesen und damals hatte auch die Kirche sich gegen eine alleinige Kriegsschuld Deutschlands gestellt. So wies Wurm auch den Alliierten eine Schuld zu, indem sie gegen Hitler nicht früher eingegriffen hatten (Offener Brief 1947 zum Entnazifizierungsverfahren) und daher die Perspektive, daßHitler an der Macht bleiben würde, viele Menschen erst dazu gezwungen habe, jenem zu folgen. Im Angesicht der Demontagen, der Entnazifizierung, der Umsiedlungen und Vertreibungen im Sudetenland und den Ostprovizen wurde zudem ein weiteres Schuldigwerden der Alliierten gesehen, die eine einseitige Schuldanerkenntnis für viele ausschloß. Der Rat der EKD konnte sich vor der hereinbrechenden Kritik nur durch den Hinweis retten, daßdas Stuttgarter Schuldbekenntnis nicht politisch verstanden werden dürfe, sondern lediglich als "ein Wort von Christen an Christen...ein Wort unter Gott" (Bischof Meiser), in welchem man allein Gott und den christlichen Brüdern die Schuld bekannt habe, nicht aber den ehemaligen Kriegsgegnern.

Doch auch hier zeigt sich wieder eine bedenkliche Verharmlosung der eigenen Schuld. Trotzdem handelt es sich aber nach Greschat um ein großes Wort, weil die Männer von Stuttgart eine tiefgreifende Wandlung durchgemacht hatten, denn sie lösten sich erheblich von der Identifikation des Protestantismus mit dem Nationalismus, von der kritiklosen Ineinandersetzung von ev. Kirche mit den Belangen der dt. Nation (Greschat: "Im Zeichen der Schuld: 40 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis").

6. Abschließende Bemerkungen und Vorschläge zur heutigen Sitzungsgestaltungsgestaltung

Für mich zeigt sich hier das Bild einer dynamischen Kirche im Aufbruch, die gerade in der Euphorie der "Stunde der Kirche" aber auch Fehler begeht. Dazu möchte ich aber noch sagen, daßmir überhaupt erst bei der Ausarbeitung des Referates klar geworden ist, warum es damals für die Kirche schwierig war, über ihre Schuld zu sprechen. Vor dem Referat habe ich hier eigentlich ein sehr negatives Urteil über die Zaghaftigkeit der Kirche besessen. Negativ ist mein Urteil immer noch, doch denke ich, daßich das Handeln der Menschen von damals etwas besser verstehen kann.

Damit möchte ich zu den Vorschlägen für die weitere heutige Sitzungsgestaltung kommen:

- anstehende Rückfragen beantworten
- Auseinandersetzung mit den Quellen: was steht da drin, was wird bezweckt?
- Was ist von diesem Konzept von Kirche und Öffentlichkeit zu halten? Was ist davon auch heute noch erstrebenswert, was abzulehnen?

Veranstaltung: 50 Jahre Kirchenführerkonferenz in Treysa . Restauration oder Neubeginn ?

(WS 95/96) Fachgebiet: Sozialethik/Kirchengeschichte Dozenten: Prof. Dr. J. Chr. Kaiser und Prof. Dr. S. Keil Referent: Roland Dürmeier

Thema: Einführung in den zweiten Seminarblock zu "Kirche und Öffentlichkeit" durch Erläuterungen zu dem in Treysa 1945 geäußerten Kirchen- und Öffentlichkeitsverständnis.

Die Stunde der Kirche

Thesenreihe

0. In Treysa konstituierte sich eine Kirche, die viel stärker als zuvor auf das öffentliche und politische Leben einwirken wollte.

1. Die Kirche besaßinmitten des zerstörten Deutschland eine Sonderstellung (einzige funktionierende Institution, Vertrauen der Alliierten, internationale Kontakte, Klammer des aufgeteilten Landes).

2. In der Kirche erwachte ein neues Selbstbewußtsein (Bewältigung der neuen Aufgaben, "Triumph" gegenüber dem Nationalsozialismus, Überwindung der internen Streitereien, Anknüpfung an das positive Kirchenverständnis in Widerstandskreisen, Kirchen frei und unabhängig, Menschen nun bereit für die Wahrheit des Christentums Æ "die Stunde der Kirche".

3. Die Kirche vertrat einen ausgeprägten Öffentlichkeitsanspruch (a) Autorität, Wächterin über Recht und Sittlichkeit

(b) Kirche kontrolliert den Staat, Demokratiefeindlichkeit, CDU- Unterstützung

4. Die Vergangenheit und Gegenwart wurde mit der Säkularisationsthese gedeutet (Abfall von Gott, Massenmenschtum, Ziel: Rechristianisierung)

5. Die Kirche schlug z.T. einen fragwürdigen Weg ein:

(a) viel Verständnis für ehemaliger Anhänger des Nationalsozialismus

(b) nur quantitatives Scheitern ihrer Opposition gegen den Nationalsozialismus, Verharmlosung der eigenen Schuld

6. Bild einer dynamischen Kirche im Aufbruch, die aber in ihrer Dynamik an wesentlichen Dingen vorbeirennt bzw. davonrennt.

Erläuterungen zu den Quellentexten

1. "Ein Wort zur Verantwortung der Kirche für das öffentliche Leben"

Inhalt:

(1) Kirche mußstärker Einflußauf Öffentlichkeit und Politik nehmen (Lehre der Vergangenheit). Notwendig ist eine Durchsetzung der Grundsätze christlicher Lebensordnung ("dämonische Entartung" der Politik).

(2) Kirche wird aufgefordert, öffentliche Verantwortung zu übernehmen. Frage nach dem Verhältnis von Religion,Kirche und Politik mußdeshalb stärker bedacht werden.

(3) Einrichtung eines ständigen Ausschusses zur Klärung dieser Frage bei der EKD.

(4) Einrichtung von Laienarbeitskreisen auf Landeskirchenebene und in Großstädten. Geistliche Leitung durch die Pfarrer.

(5) Pfarrer sollen nur wenn unbedingt notwendig, in die politische Arbeit eingreifen

(6) Überparteilichkeit der Kirche gegenüber politischen und sozialen Gruppen. Wohlwollen gegenüber einer Partei mit christlichen Grundsätzen (=CDU).

(7) Eine Annäherung beider Konfessionen wird unterstützt. Gemeinsamer Kampf gegen Säkularismus. Wiederaufleben der Zentrumspartei soll verhindert werden. Vereinigung beider Konfessionen in einer gleichberechtigten christlichen Union.

(8) Der christliche Geist soll Einflußin der Presse gewinnen, um Gerechtigkeit, Versöhnung und Wahrhaftigkeit im öffentlichen Leben zu predigen.

Dieses Wort wurde von STELTZER3, HANS LILJE4 und Gerhard RITTER5 in Treysa formuliert. Aus Zeitmangel wurde der Text jedoch nicht verhandelt und beschlossen. Asmussen versandte diesen Text danach im Namen des Rates an die einzelnen Landeskirchen. Der Text ist also keine Erklärung der Treysaer Konferenz (Eschenburgh).

In diesem Text wird die Vorstellungen zu den Aufgaben der Kirche sichtbar, die ein großer Teil der verantwortlichen Kirchenleute damals hegte.

Nach Greschat (Kirche und Öffentlichkeit in der dt. Nachkriegszeit) ist das Hauptanliegen in diesem Wort die Empfehlung der entstehenden CDU. Daher wird die Verantwortung der Laien, der ökumenische Charakter der Partei betont. Es gilt, die Möglichkeit eines Wiederauflebens der Zentrumspartei zu verhindern (Angst vor einer kath. Majorisierung). Gefragt werden muß, wie sich dies aber zur im gleichen Text angesprochenen Überparteilichkeit verhält. Die Empfehlung der CDU ist auch von Barmen her zu hinterfragen (These VI), denn wird hier nicht das Wort und Werk des Herrn von der Kirche in den Dienst eigenmächtig gewählter Wünsche und Zwecke gestellt.

Allgemeines Ziel des Textes ist es, die Wahrung der christlichen Lebensordnung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens einzufordern.

2. "Ein Wort an die Gemeinden"

Beruht im wesentlichen auf formulierten Sätzen der Spandauer Synode der Berliner BK. Reichsbruderrrat übernahm sie in Frankfurt mit kleinen stilistischen Änderungen. Veröffentlichung wurde dann in Treysa beschlossen. Wurde sofort über Radio und Rundfunk verbreitet.

Hauptanliegen ist es, zu Trösten und die Möglichkeit eines Neuanfanges zu zeigen. Greschat kritisiert hier eine "schwärmerisch anmutende Überzeugung", wonach alle Probleme gelöst wären, wenn nur die Öffentlichkeit der Verkündigung gewährleistet sei.

Inhalt:

- Gott ließsein Zorngericht hereinbrechen und bewahrte aber auch die Menschen darin vor ihren totalen Ende (Klgl. 3,22)

- Versagen und Schuld der Kirche (Kanzlei entweiht, Gebete verstummt)

- Unrecht und Verbrechen in Deutschland

- Kirche übte Widerstand und widersprach. Volk wurde von der Kirche getrennt, wonach der Zorn Gottes kam

- Jetzt ist die Stimme der Kirche wieder hörbar.

- Jetzt ist die Kirche nicht mehr vom Volk getrennt. Es gilt die Kirche zu erneuern. Aufruf an das Volk, sich wieder Gott zuzuwenden.

- Zuspruch und Trost. Aufruf zur Barmherzigkeit und Enthaltung der Rache.

[...]


1 Vgl. hierzu die Rede von Major Crumm vom Alliierten Hauptquartier in Frankfurt bei der Eröffnung der Treysaer Konferenz. Söhlmann S11.

2 Vgl. Greschat "Zwischen.." S.109.Stählin in: Die Zeit nach 145 als Thema kirchl. Zeitgeschichte.

3 1885-1967 Mitglied des Kreisauer Kreises (Zum Tod verurteilt). Ober- bzw. Ministerpräsident von SchleswigHolstein 1945-47.

4 1899-1977 Oberlandeskirchenrat im Ev-Luth. Landerkirchenamt Hannover und Präsident des Centralausschusses für Innere Mission 1945. Ratsmitglied der EKD. Mitunterzeichner des Stuttgarter Schuldbekenntnisses. Landesbischof der Ev-Luth. Landeskirche Hannover (1947).

5 1888-1968 Eine der bedeutendsten Laienpersönlichkeiten des dt. Protestantismus. Freiburger Historiker. BG Mitglied, im Freiburger Widerstandskreis gewesen. Mitglied der Barmer Bekenntnissynode. Verfasser wichtiger Resolutionen von Treysa bis zur Amsterdamer Weltkirchenkonferenz 1948. Kirchenpolitischer Berater der EKD bis 1949. Wirkte entscheidend an der Bildung der heute noch bestehenden Kammer für öffentliche Verantwortung mit. Ve rtreter der Säkularisationstheorie.

10 von 11 Seiten

Details

Titel
Die Stunde der Kirche (1945)
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
50 Jahre Kirchenkonferenz Treysa. Restauration oder Neubeginn?
Autor
Jahr
1996
Seiten
11
Katalognummer
V103123
Dateigröße
353 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entnazifizierung, Nachkriegsdeutschland, Kirche, Säkularisation, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Roland Dürmeier (Autor), 1996, Die Stunde der Kirche (1945), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103123

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Stunde der Kirche (1945)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden