Das Berufsbild der Hebammen im Mittelalter

Die Darstellung der Tätigkeit von Hebammen vor dem Hintergrund des Arzneibuches Ortolfs von Baierland und des Buches der Natur Konrads von Megenberg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung
1.2 Vorgehensweise

2 Ortolf von Baierland und Konrad von Megenberg
2.1 Kurzbiografien
2.2 Medizinische Bücher
2.3 Textstellenvergleich

3 Die Rolle der Hebammen im Mittelalter
3.1 Bezüge zu den Texten
3.2 Hebamme als Beruf

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Einführung

„Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt. Und einer, der in seiner langen Geschichte fast ununterbrochen angegriffen, unterdrückt und instrumentalisiert wurde - aber immer auch bewundert, mythologisiert, gefürchtet. Die Geschichte der Hebammen ist die Geschichte eines jahrtausendealten Wissens. Und eines jahrtausendealten Kampfes.“1

So fängt Charlotte Frank ihren Artikel „Als Heilige verehrt, als Hexen verteufelt“ vom 29.07.2012 in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung an. Indem sie den Alltag einer modernen Hebamme als Rahmen nimmt, stellt die Autorin die Geschichte dieses Berufstandes im Wandel der Zeit vor. Sie schreibt: „Es gibt wenige Berufe, deren Kunde so früh so ausführlich beschrieben wurde.[…] Es mussten aber erst die Griechen und Römer kommen, damit die Geburtshilfe nicht mehr von Spekulation, Meditation und Sternenglauben geprägt wurde, sondern erstmals von kritisch-sachbezogenem Denken.“2

Was das Mittelalter betrifft, so unterliegt der Beruf der Hebamme verschiedenen Einwirkungen und Einflüssen, wobei die katholische Kirche hier eine bedeutende Rolle einnimmt. So heißt es weiter im Artikel, es gehörte u.a. zu den Aufgaben der Hebammen: „[…] alle Neugeborenen persönlich zur Taufe zu bringen und im Fall eines Kindstods unter der Geburt die Nottaufe vorzunehmen. Waren sie zu einer Ledigen gerufen, mussten sie die Abstammung des Neugeborenen ausforschen und melden. Und holten sie ein behindertes Kind zur Welt, hatten sie die Mutter anzuzeigen.“3

Doch wie haben wir uns den Beruf der Hebamme im Kontext des Mittelalters vorzustellen? Wie steht es um unser Wissen über die Schwangerschaft und Geburt in der damaligen Zeit?

Da diese Epoche mehrere Jahrhunderte umfasst, stellt sich sicherlich auch die Frage nach den Veränderungen bzw. der Entwicklung dieses Berufsstandes im Laufe der Zeit. Wie wird der Hebammenberuf im Vergleich zu anderen medizinischen Berufen eingeordnet? Wie steht es bspw. um solche thematischen Felder wie Kirche und Hexenverfolgung?

Diesen und weiteren Fragen wird es in der vorliegenden Arbeit anhand der Quellen sowie der Fachliteratur ausführlich nachgegangen.

1.2 Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit setzt sich aus zwei Schwerpunkten zusammen. Um den Beruf der Hebamme im Mittelalter aus literarischer Sicht darzustellen, bedarf es repräsentativer Texte, die direkt oder indirekt über die Geburt berichten. Dazu wurden das Arzneibuch4 Ortolfs von Baierland sowie das Buch der Natur Konrads von Megenberg ausgewählt.

Die Textstellen im Arzneibuch, die als Beispiele für die Analyse genommen wurden, sind die Kapitel 19-21 sowie das Kapitel 134. Aus dem Buch der Natur betrachten wir die Kapitel 45-48 des Buches I.

Die Hausarbeit ist in zwei Großkapitel unterteilt, die die beiden Schwerpunkte behandeln. Als erstes (Kap.2) werden die Kurzbiografien beider Autoren und danach ihre Bücher vorgestellt. Anschließend werden die entsprechenden Textstellen genauer betrachtet.

Im zweiten Themenkomplex (Kap. 3) geht es um die Rolle der Hebammen im Mittelalter, wobei der Abschnitt 3.1 eine Art Übergang von den vorgestellten Büchern zum Hebammenberuf darstellt. Zum Schluss werden die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst und ein Fazit gezogen.

Als Fachliteratur werden hauptsächlich die Arbeiten von Ortrun Riha, Britta-Juliane Kruse und Wolfgang Reddig konsultiert. Unterschiedliche Lexika und Internetquellen geben zusätzlich aufschlussreiche Informationen zum Bearbeiten des Themas. Die verwendete Ausgabe des Buches der Natur ist die von Franz Pfeiffer aus dem Jahr 1861, das Arzneibuch ist von Ortrun Riha, erschienen im Jahr 2014.

2. Ortolf von Baierland und Konrad von Megenberg

2.1 Kurzbiografien

Zum Verfasser des Arzneibuchs Ortolf von Baierland lässt sich nur schwer etwas anhand der Quellen feststellen, denn direkte Zeugnisse über sein Leben existieren nicht. Vermutet werden seine Lebensdaten zwischen 1220 und 1320. Lediglich durch die Herleitung aus seinen eigenen Aussagen im Arzneibuch oder durch andere Dokumente lassen sich einige Aussagen über ihn treffen.5 So wird in zwei Urkunden aus dem Jahr 1339 vermerkt, dass er nahe des Würzburger Doms in „einer spitaleigenen Liegenschaft“6 wohnhaft war. Seine Berufsbezeichnung lautete chirurgicus Herbipolensis, und vermutlich war er ein Arzt von hoher Reputation.7 „Ortolf verfügte sowohl über wundärztliche Kompetenz als auch über Lateinkenntnisse. Er hat vermutlich in Frankreich studiert, denn die von ihm gebrauchten Vorlagen sind typisch für den dortigen Schriftenkanon,“8 erklärt Ortrun Riha. Angenommen werden Salern oder Paris.9 Was jedoch seine Herkunft betrifft, so entnimmt man Informationen darüber aus den einleitenden Worten des Verfassers im Arzneibuch. Dort heißt es, dass „er gebürtiger Baier war (von Beierlant geborn) und therapeutisch in Würzburg wirkte (ein arzet in Wirzeburc).“10

Konrad von Megenberg, der das Buch von den natürlichen Dingen, bzw. das Buch der Natur, verfasst hat, wurde 1309 in Mäbenberg geboren und starb am 14. April 1374 in Regensburg.11 Als Siebenjähriger wurde er nach Erfurt geschickt, wo er die schulische Laufbahn einschlug. Seine Ministerialenfamilie war verarmt, und so bestritt Konrad seinen Lebensunterhalt, indem er seine Mitschüler unterrichtete.12 Der Weltgeistliche studierte in Paris, erlangte dort den akademischen Grad des Magister Artium und lehrte dort anschließen selbst. Im Jahre 1342 übernahm er die Leitung der Stephanschule in Wien, wo er die Verantwortung über das Schulwesen hatte. Sechs Jahre später zog er nach Regensburg um, wo er als ‚canonicus‘ und ‚scholasticus‘ tätig war und ab 1359 für vier Jahre die Position des Dompfarrers von St. Ulrich innehatte.13 Hier entstand auch sein Buch der Natur und andere literarische Schriften.14 Er verfasste sein umfangreiches Werk auf Deutsch und Latein, das breit gefächertes Spektrum seiner Interessen offenbart. „Dazu gehören hagiographische, theologische, philosophische und moralphilosophische Schriften, kirchenpolitische und kirchenrechtliche Werke, sowie sechs naturkundliche Bücher.“15

2.2 Medizinische Bücher

Die zu vergleichenden Textstellen, die die Geburt im weitesten Sinne beschreiben, sind den fachwissenschaftlichen bzw. medizinischen Büchern der Autoren Ortolf von Baierland und Konrad von Megenberg entnommen. Dabei ist es zu betonen, dass das Buch der Natur kein rein medizinisches Werk ist, wie es beim Arzneibuch Ortolfs der Fall ist. Die Abhandlung beinhaltet acht Bücher, von denen nur das erste sich mit den menschlichen Organen beschäftigt. Zudem stammt das Arzneibuch aus dem 13./ Anfang 14. Jhd., das Buches der Natur wird auf die Mitte des 14. Jhds. datiert. Die Kapitel I.45 – I.48 daraus beschreiben die Schwangerschaft und Geburt. Über dieses Themengebiet spricht Ortolf von Baierland in den Kapiteln 19-21 und 130-134 seines Arzneibuches. Die Kapitel 130-133 werden in dieser Arbeit nicht besprochen.

Doch bevor die betreffenden Stellen analysiert werden, muss geklärt werden, was die beiden Bücher in den Bereich der Medizin einordnet. Das Wort „medizinisch“ bedeutet: „Zum medizinischen Schrifttum zählen im Grunde alle Texte, die Gesundheit und Krankheit des Menschen zum Gegenstand haben, d.h. Texte zur Vorsorge, Untersuchung, Behandlung bis hin zur Prognose.“16 Auf die beiden ausgewählten Bücher bezogen trifft diese Beschreibung eindeutig zu. Im Folgenden wird dies anhand der Textpassagen verdeutlicht.

Über die Entwicklung der medizinischen Literatur des 13. Jhds. stellt Bernhard Schnell fest: „Aus den einfachen Formen des 12. Jahrhunderts entwickeln sich […] das ‚Kräuterbuch' und vor allem das ‚Arzneibuch', das von nun an eine dominierende Stellung im medizinischen Schrifttum einnimmt,[…].“17 Ferner stellt er Ortolfs Arzneibuch in eine Reihe mit solchen Werken wie dem Bartholomäus, dem deutschen Macer und dem Deutschen salernitanischen Arzneibuch, die er zu den „bedeutendsten Werke[n] der deutschen mittelalterlichen Medizinliteratur“18 zählt.

Da wir uns mit den beiden Büchern im 13. und 14. Jhd. befinden, muss die Humorallehre erwähnt werden. Die Vier-Säfte-Lehre war die vorherrschende Krankheitslehre im Mittelalter, die auf dem Verhältnis (Temperierung) der Flüssigkeiten im Körper basiert.19 Ortrun Riha erklärt: „Blut, Schleim, Gelbe und Schwarze Galle korrespondieren über die so genannten ‚Primärqualitäten‘ kalt-warm bzw. trocken-feucht mit den Elementen Feuer, Wasser, Luft, Erde.“20. Ortolf von Baierland und Konrad von Megenberg gehen in ihren Werken von dieser damals gängigen Vorstellung aus. Ortolf nutzt zusätzlich noch diagnostische Prinzipien, die in der heutigen Medizin Verwendung finden. Zu diesen zählen äußere Faktoren wie bspw. ungesunde Ernährung und Gewohnheiten, Verletzungen, Nebenwirkungen von Arzneimitteln oder auch das Wetter.21

Die Entstehungszeit des Arzneibuchs lässt sich ungefähr auf 1280-1290 festlegen.22 Dabei handelt es sich um ein Lehrwerk, das an Mediziner mit der Berufsbezeichnung „Wundarzt“ gerichtet war. Zur Intention Ortolfs erklärt Gundolf Keil: „Er hat vor, dem landessprachigen meister ein volkssprachiges Lehrbuch […] an die Hand zu geben, das möglichst umfassend aus dem internationalen Fachschrifttum […] berichtet und den Wissensstand moderner Schulmedizin an den deutschsprachigen Praktiker weitergibt.“23 Das Buch adressiert der Verfasser an Personen, die bereits medizinisch ausgebildet sind: Wundärzte, Chirurgen, Apotheker. Das vorhandene fachliche Wissen dieser Berufsgruppen setzt er voraus.24

Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland bezeichnet Keil, der als Spezialist für Ortolfs Werk gilt, als „sprachliches Kunstwerk“. Dieses „bietet präzise Nomenklatur bei einem kontrastiv-antithetischen Stil und zeigt von der Makrostruktur her eine Gliederung in drei Büchern zu je zwei Traktaten, denen sich auf drei weiteren Gliederungsebenen in übersichtlicher Fügung zusätzliche Texteinheiten unterordnen.“25 Dabei sind diese drei Bücher thematisch nach folgenden Bereichen aufgebaut: erst die humoralpathologischen Grundlagen, gefolgt von der Diagnostik sowie der Prognostik, und schließlich handelt das dritte Buch von den therapeutischen Behandlungsmöglichkeiten.26 Außer einem separaten Teil zur Drogenkunde findet man hier alle Themengebiete der Heilkunde des Mittelalters.27

Ortolf von Baierland bedient sich bei der Erstellung seines Buchs der unterschiedlichsten Quellen, die u.a. aus Salerno und Parma stammen.28 „Die jüngste […] ist das „Compendium medicinae", das der berühmte Lehrer der Medizin und Kanzler der Universität Montpellier Gilbertus Anglicus um 1240 verfaßte29 und das den Stand der Rezeption arabischen Wissens in Frankreich um die Mitte des 13. Jahrhunderts repräsentiert,“30 so Bernhard Schnell. Wenn man auf den mittelalterlichen medizinischen Wissensstand i.a. eingeht, so ist festzuhalten, dass dieser hauptsächlich arabische und antike Wurzeln aufwies.31 Für die Kapitel, die Gynäkologie betreffen und die hier analysiert werden, ist auf die lateinischen Quellen Ortolfs hinzuweisen. Kapitel 1-30 gehen auf Rhazes „Liber regius ad Almansoren“ zurück, bei den Kapiteln 74-140 konsultiert er Gilbertus Anglicus „Compendium medicinae“.32

Das Buch der Natur, oder das Buch von den natürlichen Dingen, verfasste Konrad von Megenberg in den Jahren 1348/1350. Dieses Werk stellt eine Übersetzung des ‚Liber de natura rerum‘ von Thomas von Cantimpré dar und wird als „ein umfassendes Kompendium des naturkundlichen Wissens“ bezeichnet.33

Welche Intention verfolgte der Verfasser mit seinem Werk, wenn wir seine Arbeit mit der Vorlage betrachten? Konrads eigenen Angaben zufolge, fügte er dem ursprünglichen lateinischen Text noch ein Drittel hinzu, „wobei weitere Redaktionen, andere Werke […] und eigene Beobachtungen hinzugezogen wurden.“34 Daraus kann man schließen, dass eine reine Übersetzung nicht in Konrads Absicht lag. Die Komprimierung bzw. die Umgestaltung und Erweiterung ergab schlussendlich ein Gesamtwerk von acht Büchern.35 Zu seinen zusätzlich verwendeten Quellen gehören bspw. der „Circa instans“ der Medizinschule von Salerno, Avicennas „Canon“ u.a. Werke.36

Konrad von Megenberg adressiert sein Buch der Natur vermutlich an Mitglieder der Stephansschule in Wien, jedoch auch an Geistliche.37 Auch von Laien erhielt dieses Werk großen Zuspruch.38 Konrad überarbeitete das Buch in den Jahren 1358 – 1362 erneut und fügte Quellen, wie das von Bartholomäus Anglicus stammende Buch „Liber de proprietatibus“, hinzu. „Schreiber- und Lesernotizen zeigen, daß v.a. die naturwissenschaftlich-medizinische Thematik des ‚Buches der Natur‘ auf Interesse gestoßen ist, und besonders die heilkundlichen Ausführungen rezipiert wurden.“39

2.3 Textstellenvergleich

Was schreibt Ortolf in seinem Arzneibuch zur Gynäkologie und Schwangerschaft? Im Kapitel „ Ob ein fraw ein kint trage “ gibt er Ratschläge, wie sich eine Frau zu verhalten hat und was sie vermeiden sollte, wenn sie schwanger ist. Meist ist hier jedoch von den Essgewohnheiten die Rede. Ortolf empfiehlt:

„[…] sie sol sich hütten vor pitter kost vnd das sÿ icht las, vnd vor vberigem springen vnd vor slegen an dem leib. Sie sol gut kost esen, die ir gut plut geb, als hüner vnd rephüner oder czickenfleisch.“ (Arzneibuch, 19)40

Auch sollte die Frau „ guten wein trincken “ (ebd.) und möglichst auf Arbeit verzichten bzw. diese reduzieren (Vgl. ebd.).

Die nachfolgenden zwei Kapitel gehen auf das neugeborene Kind sowie die Mutter ein. In dem für das Arzneibuch typischen anaphorischen Satzbau gibt Ortolf Anweisungen, was nach der Geburt zu tun sei. Den Schwerpunkt legt der Autor dabei auf die Ohren, die Nase und die Augen des Kindes:

„[…] so sol man im die oren offt zusammen drücken vnd sal im sein naszlocher vnd sein haubt dick mit warmen wasser twahen. Man sol im auch nit zu vil zu saugen geben, vnd allermeÿst so es vndewet vnd verlesset. Man sol im auch seÿne augen mit eÿnem tuch decken vnd vor dem licht hüten, daz es icht krancke augen gewÿnne vnd plint werde.“ (Arzneibuch, 20)

Für den Fall, dass das Neugeborene „ zu weich in dem leib“ (ebd.) sein sollte, empfiehlt Ortolf die Behandlung mit Pflaster „ von kümen vnd von rosen mit eÿn wenig essigs “ (ebd.)

Das nächste Kapitel geht näher auf die Mutter bzw. um das Stillen nach der Geburt ein. Hier findet man Ratschläge zur Hygiene, Verhalten sowie das Wohlbefinden des Kindes. Die Muttermilch wird hier am häufigsten erwähnt. So soll die Frau nicht stillen, wenn sie krank oder unsauber sei (vgl. Arzneibuch, 21).

Sie sol auch nit versalczner speÿsz essen vnd vnrein kost vnd sol guten tranck trincken. Sie sol auch nit pitter kost essen, wann daz thut den kindern we. Sie sol auch nit vnkeüsch sein, wann von der vnkeusch verwandelt sich dÿ milch. Sÿ sal auch nit zu veist oder zu mager sein etc.“ (ebd.)

Einen längeren Eintrag enthält das Arzneibuch für den Fall, „ daz ein fraw nit kint tregt “ (Arzneibuch, 134). Ortolf benennt zuerst den lateinischen Begriff für diesen Zustand (conceptionis impedimentum) und erklärt die möglichen Ursachen dafür. Ortrun Riha verweist für den gesamten Text des Arzneibuchs auf „das Fehlen gängiger Fachbegriffe: Er vermeidet so geläufige Ausdrücke wie Epilepsie, Melancholie, Tollwut (Rabies, Lyssa) und Hysterie (stattdessen fälschlich suffocacio matricis). Er spricht nirgends von Krebs (cancer) und ihm fällt auch das treffende Wort für ‚Nachgeburt‘ nicht ein: Statt wie andere medizinische Autoren z. B. von secundina, büschel oder afterburt zu sprechen, sagt er gepurt dy nach den kinden sal komen.41

Anstelle des Wortes Krankheit verwendet der Mediziner den damals gängigen Begriff „ sucht “.42 Ortolfs Annahme nach wird die Krankheit „ etwen von hicz, etwen von kelten, etwen von vbriger feuchtigkeit “ (Arzneibuch, 134) verursacht. Für alle diese drei Fälle beschreibt Ortolf in ähnlicher Weise, was zu dabei zu machen sei. Zuerst wird die Ursache benannt, gefolgt von der Anamnese, die die Farbe und die Konsistenz des Urins zeigt. Danach folgen die Behandlungsmöglichkeiten mit Kräutern (Bezeichnungen auf Latein) mit genauer Dosierung und anschließend die Ernährungsempfehlungen. Nehmen wir als Beispiel dieser Vorgehensweise die „ hicz “ und die „ dürre “.

„[…] so ist der haren rot vnd dünne vnd der mündt ist ir pitter vnd sÿ dürstet sere. So gib ir sÿropum violaceum ein pfund; gib ir sein alle tag dreÿ löffel vol mit dreÿ löffel vol warmes wassers. Darnach gib ir dÿaprunis oder dÿatragantum oder zuckarum violaceum vnd smirb sÿ mit oleo violaceo. Vnd gib ir feucht kost , als sweinepeÿn und zickenfleÿsch vnd iünges scheffens fleÿsch.“ (ebd.)

Im letzten Absatz dieses Kapitels spricht Ortolf von dem Fall, in dem „ dÿ gepurt, dÿ nach den kindern sal komen, nit kumpt “(ebd.) Hierfür schauen wir uns die empfohlene Behandlung mit Heilkräutern genauer an. Auf welche Wissensgrundlage greift er dabei zurück?

Ortolf rät zur Einnahme eines Lauchtrunks („ trunck lauchs “) und eines Saftes aus „ poleisz “ (ebd.), wobei letzteres Polei-Minze oder Flohkraut bedeutet43, und dessen lateinischer Name pulegium lautet.44 Zu den Wirkungen der Polei-Minze ist zu vermerken, dass die Pflanze leicht giftig bis giftig einzustufen ist und auch als Droge Verwendung findet. Was hatte also das Flohkraut in dem Rezept Ortolf zu suchen? Bei der Recherche zu Gift- und Heilpflanzen stellt man fest, dass Polei-Minze früher u.a. bei Menstruationsstörungen und Verdauungsbeschwerden verwendet wurde.45 In Bezug auf den in diesem Abschnitt beschriebenen Fall ist die Empfehlung Ortolf dadurch zu erklären, dass Polei-Minze in ihrer Heilwirkung gebärmutteranregend ist.46 Es ist außerdem bekannt, dass pulegium schon seit der Antike zur Verhütung sowie bei Abtreibungen eingesetzt wurde, letzteres allerdings häufig mit letalem Ausgang.47

Des Weiteren nennt Ortolf noch „ borragin safft “ sowie „ dÿptamen “, welches die Patientin „ mit warem wein “ einnehmen sollte (Arzneibuch, 134). Mit borragin ist Borretsch gemeint und dÿptamen steht für Diptam. Die Borretsch-Pflanze (lat. borago officinalis) wird bspw. schon von Constantinus africanus im 11. Jhd. erwähnt. In seinem Buch de gradibus liber beschreibt der Gelehrte ihre heilende Wirkung bei Herz- und Atemwegserkrankungen. Zusätzlich offenbart das Buch die positive Wirkung auf den Gemütszustand, wenn man die Pflanze in Wein eingelegt zu sich nimmt.48 Borretsch entfaltet seine Wirkung außer Melancholie und Herzschwäche auch bei äußerlicher Anwendung zur Wundheilung.49 Über die frühere Verwendung des Diptam (lat. dictamnus albus) erfährt man, dass es „eine geschätzte Heilpflanze [war] , und wurde vor allem in der Frauenheilkunde gerne verwendet. Selbst als Verhütungsmittel wurde der Diptam früher eingesetzt.“50

Dass die Verabreichung der Heilpflanzen in Wein oder als Trank von Ortolf vorgeschlagen wird, gibt Rückschlüsse über den damaligen Wissensstand, der aus früheren Erkenntnissen geschöpft wurde und auf den der Autor in seinem Buch zurückgreift. Wenn er über die Verabreichung von Arznei in flüssiger Form spricht, so nutzt er in seinem Buch grundsätzlich Begriffe wie „ tranck/getranck “, „ trunck “ oder „ sÿropum “.51 Im Kapitel „ Daz ein fraw nit kint tregt “ schlägt Ortolf als Behandlung auch ein „ wasserpad “ vor, was äußerem Temperaturausgleich dienen soll.52

Zu unterstreichen sind im gesamten Arzneibuch, wie auch in diesem Kapitel zu sehen, die Anweisungen, die Ortolf direkt an den behandelnden Arzt richtet. Dies geschieht durch die Verben „ gib “ und „ thu “ im Imperativ, was der Bedeutung nach mit dem Verb verabreichen gleichzusetzen ist.53 Außerdem finden wir hier auch ein Beispiel für den äußersten Fall, wenn keine Behandlung mehr zu helfen vermag. „ Jst aber es daz sÿ der sucht zu vil hat, so hilff ir als ich vor gelert habe.“ (Arzneibuch,134).

Ortrun Riha äußert sich dazu auf positive Weise: „Es ist sympathisch, dass Ortolf bei schwierigen Herausforderungen nicht aufgibt, sondern auch bei unheilbaren Leiden wenigstens symptomatische Maßnahmen ergreift.“54

[...]


1 https://www.sueddeutsche.de/leben/geschichte-der-hebammen-als-heilige-verehrt-als-hexen-verteufelt-1.1424326 (abgerufen am 25.01.2021)

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Im Folgenden werden das Arzneibuch, das Buch der Natur sowie alle daraus stammenden Zitate in Abgrenzung zur anderen Literatur kursiv hervorgehoben.

5 Vgl. Keil, Gundolf: Ortolf von Baierland (Würzburg), in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Bd. 7, Berlin u. a. 2., völlig neu bearbeitete Auflage 1989, Sp. 67.

6 https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Arzneibuch_des_Ortolf_von_Baierland (abgerufen am 21.02.2021)

7 Vgl. Verfasserlexikon, Ortolf, Sp. 67.

8 http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Arzneibuch_des_Ortolf_von_Baierland (27.02.2021)

9 Vgl. Verfasserlexikon, Ortolf, Sp. 68.

10 Ebd., Sp. 67.

11 Vgl. Wegner, Wolfgang: Konrad von Megenberg, in: Enzyklopädie Medizingeschichte, hg. von Werner E. Gerabek u.a. Berlin, Boston: De Gruyter 2011, S. 775.

12 Verfasserlexikon, Konrad, S. 221.

13 Vgl. Enzyklopädie Medizingeschichte, Konrad, S. 775.

14 Vgl. Steer, Georg: Konrad von Megenberg, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 5, Berlin 1989, Sp. 221.

15 Ebd.

16 Schnell, Bernhard: Die deutsche Medizinliteratur im 13. Jahrhundert, in: Eine Epoche im Umbruch, hg. von Christa Bertelsmeier-Kierst und Christopher Young. Berlin, New York: Max Niemeyer Verlag 2011, S. 251.

17 Schnell, Medizinliteratur, S. 261.

18 Ebd.

19 Vgl. Bergdolt, Klaus; Keil, Gundolf: Humoralpathologie. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 5, hg. von Robert-Henri Bautier und Robert Auity, München, Zürich: Artemis 1991, Sp. 211–213.

20 Riha, Ortrun: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300).Baden-Baden: Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV), 2. Auflage 2017 (=DWV-Schriften zur Medizingeschichte, Bd.15), S. 12.

21 Vg. ebd. S. 11f.

22 https://geschichtsquellen.de/werk/3849 (abgerufen am 27.02.2021)

23 Verfasserlexikon, Ortolf, Sp. 69.

24 Ebd., Sp. 69f.

25 Enzyklopädie Medizingeschichte, Ortolf, S. 1079.

26 Vgl. ebd. und Schnell, Medizinliteratur, S. 261.

27 Vgl. Riha, Mittelalterliche Heilkunst, S. 15.

28 Vgl. Enzyklopädie Medizingeschichte, Ortolf, S. 1079.

29 In Zitaten wurde die Originalschreibweise beibehalten, um den Lesefluss nicht zu unterbrechen.

30 Schnell, Medizinliteratur, S. 261.

31 Vgl. ebd, S. 264.

32 Vgl. Riha, Mittelalterliche Heilkunst, S. 19.

33 Vgl. Enzyklopädie Medizingeschichte, Konrad, S. 775, vgl. Verfasserlexikon, Konrad, S. 233.

34 Ebd.

35 Vgl. Hartlieb, Johannes: Konrad von Megenberg. Das Buch der Natur. Kräuterbuch. Einführung und Beschreibung der Handschriften von Gerold Hayer. München: Edition Helga Lengenfelder 1997, S. 10-12.

36 Vgl. Enzyklopädie Medizingeschichte, Konrad, S. 775.

37 Vgl. ebd. und Verfasserlexikon, Konrad, S. 233f.

38 Vgl. ebd.

39 Ebd.

40 Riha, Ortrun: Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland. Auf der Grundlage des von Gundolf Keil geleiteten Teilprojekts des SFB 226 zum Druck gebracht, eingeleitet und kommentiert (Wissensliteratur im Mittelalter 50), Wiesbaden 2014. Im Folgenden direkt im Text zitiert als: „Arzneibuch“ mit Angabe des Kapitels.

41 Riha, Ortrun: Die deutsche medizinische Fachsprache des Mittelalters am Beispiel des Arzneibuchs Ortolfs von Baierland (um 1300). Sprachgeschichte und Medizingeschichte, hg. von Jörg Riecke, Berlin, Boston: De Gruyter 2017, S. 90f.

42 Vgl. ebd, S. 86, siehe auch Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Mit den Nachträgen von Ulrich Pretzel. 38., unveränderte Auflage. Stuttgart: S. Hirzel 1992, S. 196.

43 Vgl. Lexer, S. 161.

44 Vgl. Marzel, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 3, Leipzig: S. Hirzel 1943, S. 162.

45 Vgl. Artikel über Poleiminze auf https://heilkraeuter.de/lexikon/poleiminze.htm (abgerufen am 25.02.2021).

46 Vgl. ebd.

47 Vgl. Roth, Lutz; Daunderer, Max; Kormann, Kurt: Giftpflanzen-Pflanzengifte. Vorkommen, Wirkung, Therapie, allergische und phototoxische Reaktionen. Mit Sonderteil über Gifttiere. 6. überarbeitete Auflage, Sonderausgabe. Hamburg: Nikol 2012, S. 612.

48 Vgl. Constantinus africanus. De gradibus liber. Druck Basel 1536, S. 348.

49 Vgl. Artikel über Boretsch auf https://heilkraeuter.de/lexikon/boretsch.htm (abgerufen am 25.02.2021).

50 Artikel über Diptam auf https://heilkraeuter.de/lexikon/diptam.htm (abgerufen am 25.02.2021).

51 Vgl. Riha, Fachsprache, S. 91.

52 Vgl. ebd.

53 Vgl. ebd.

54 Riha, Fachsprache, S.91.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Das Berufsbild der Hebammen im Mittelalter
Untertitel
Die Darstellung der Tätigkeit von Hebammen vor dem Hintergrund des Arzneibuches Ortolfs von Baierland und des Buches der Natur Konrads von Megenberg
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen)
Veranstaltung
Hauptseminar: Ortolf von Baierland
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
27
Katalognummer
V1031377
ISBN (eBook)
9783346437563
ISBN (Buch)
9783346437570
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hebamme, Mittelalter, Beruf
Arbeit zitieren
Katharina Kogan (Autor), 2021, Das Berufsbild der Hebammen im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031377

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