Japans aktuelle Geldpolitik. Blaupause für die Europäische Zentralbank in der nächsten Krise?

Ein Vergleich der Geldpolitik der japanischen Zentralbank mit der Geldpolitik der EZB


Bachelorarbeit, 2019

36 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konventionelle vs. Unkonventionelle Geldpolitik

3. Der grundsätzliche Mechanismus von Quantitative Easing

4. Entwicklung der Geldpolitik Japans im Kontext der Wirtschaftsgeschichte
4.1 Inflationskrise
4.2 Vermögensblase
4.3 Das verlorene Jahrzehnt
4.4 Die zweite Weltwirtschaftskrise

5. Die aktuelle Geldpolitik der Bank of Japan
5.1 Staatsanleihen
5.2 ETF und J-REIT
5.3 Commercial Paper und Unternehmensanleihen
5.4 Negativer Einlagenzinssatz
5.5 Maßnahme zur Bereitstellung von Geldmitteln
5.6 Verpflichtung zur Überschreitung der Inflation

6. Die Geldpolitik der EZB im Vergleich zu der der BOJ
6.1 Anleihenkaufprogramm
6.2 Einlagezinssatz
6.3 Kreditvergabe / Geldmittelbereitstellungsmaßnahmen

7. Ausgangssituation für eine Ausweitung der Geldpolitik der EZB

8. Ausweitung des Anleihekaufprogramm
8.1 Qualitative Ausweitung durch ETF-Käufe
8.1.1 Legalität von ETF-Käufen
8.1.2 Mögliche ETF Käufe
8.1.3 Effektivität von ETF-Käufen
8.2 Qualitative Ausweitung durch REIT-Käufe
8.3 Quantitative Ausweitung
8.3.1 Legalität der quantitativen Ausweitung
8.3.2 Effektivität der quantitativen Ausweitung

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Whatever it takes“

- Mario Draghi (2012)

„Whatever it takes“

- Haruhiko Kuroda (2013)

Der Zentralbankchef der Eurozone sowie der japanische Zentralbankchef sprachen diese berühmten Worte aus. Sie versprachen damit, alles zu tun, was nötig wäre, um die Preisstabilität nach der Weltwirtschaftskrise 2008 wiederherzustellen. Die konventionellen Methoden zeigten keine Wirkung, weswegen eine unkonventionelle Geldpolitik angewandt wurde. Sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die japanische Zentralbank (Bank of Japan) nutzten expansive geldpolitische Maßnahmen, bekannt als Quantative Easing, um die Wirtschaft anzuregen und eine Inflation von zwei Prozent zu erreichen. Dabei leitete die Bank of Japan weitreichende Schritte wie den Kauf von Exchange Trade Funds ein und nahm somit aktiv teil am inländischen Aktienmarkt.

In dieser Thesis wird die folgende Frage erörtert: Kann die aktuelle Geldpolitik Japans als Vorbild für die Handlungen der Europäischen Zentralbank dienen, bei dem Eintreten der nächsten Wirtschaftskrise? Für das Beantworten der Frage, wird als erstes zwischen konventioneller und unkonventioneller Geldpolitik unterschieden und der Mechanismus Quantitative Easing erklärt. Darauffolgend wird die Entstehung der japanischen Geldpolitik betrachtet und anschließend die aktuelle Geldpolitik ausführlich dargelegt. Dabei wird die Zeitspanne von 2018 bis einschließlich Januar 2019 berücksichtigt. Anschließend werden die geldpolitischen Instrumente der EZB mit den Instrumenten der BOJ verglichen, um herauszufinden, welche Maßnahmen der Bank of Japan bisher noch nicht von der EZB angewandt werden. Für einen besseren Vergleich werden Eurowerte in Yen umgerechnet, mit dem aktuellen Wechselkurs. Schlussendlich wird untersucht, ob die Anwendung der Maßnahmen rechtlich durchführbar wäre und effektiv zur Bekämpfung eines Wirtschaftsabschwungs beitragen könnte. Diese Thesis geht von der Annahme aus, dass Deflation langfristig negativ wirkt und daher von Notenbanken zu bekämpfen ist.

Die nächste Weltwirtschaftskrise wird nicht abwendbar sein, deswegen stellt sich die Frage, welche Reaktionsmöglichkeiten der Europäischen Zentralbank bleiben, wenn Staatsanleihekäufe durch Quantitative Easing (QE) nicht mehr ausreichen, um den Euro zu retten.

2. Konventionelle vs. Unkonventionelle Geldpolitik

Weltweit verfolgen Zentralbanken (ZB) die gleichen Ziele. Durch die jeweilige Geldpolitik soll für eine wachsende Wirtschaft, stabile Preise, eine Inflation von meistens 2 % und stabile Wechselkurse gesorgt werden.1

Um diese Ziele zu erreichen, verfügen die Zentralbanken, in diesem Fall die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan, über verschiedene geldpolitische Instrumente. Der Leitzins und die Refinanzierungskredite sind die wichtigsten herkömmlichen Steuerinstrumente der ZB. Geschäftsbanken (GB) können sich bei der ZB Geld leihen und zahlen dafür einen Leitzinssatz. Je geringer der Leitzins, desto günstiger kann die GB Geld verleihen und desto weniger Zinsen zahlt sie für von den Bankkunden eingelagertes Geld. Dies wiederum wirkt sich auf die Höhe der Investitionen und des Konsums aus. Bei niedrigen Zinsen verursachen Investitionen und Konsum geringe Kosten und steigen entsprechend. Durch die Finanzkrise 2008 wurde diese Wechselwirkung unterbrochen. Die Banken misstrauten den Kreditnehmern und senkten trotz niedrigem Leitzins ihre Zinsen nicht, außerdem war auch die Nachfrage nach Krediten gering. Dadurch verringerte sich sowohl in Japan als auch in Europa das BIP deutlich. Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, benutzten beide ZB neue und somit unkonventionelle geldpolitische Instrumente. Japan hatte schon zuvor eine unkonventionelle Geldpolitik verfolgt, wie im nachfolgenden Abschnitt genauer erläutert wird. Die bekannteste unkonventionelle Maßnahme ist Quantitative Easing.2

3. Der grundsätzliche Mechanismus von Quantitative Easing

Quantitative Easing hat das Ziel, dem Markt günstige Kredite anzubieten, wodurch Konsum und Investitionen steigen, was wiederrum zu einer Preissteigerung führen soll. Banken haben nach der Krise von 2008, aufgrund eines niedrigen Leitzinses, ihre Bilanzsumme stark erhöht, vor allem mit dem Kauf von Staatsanleihen (SA). Die Zentralbank kauft diese Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt mit, von der Zentralbank geschaffenem, Geld. Durch die gesteigerte Nachfrage steigen die Preise der Staatsanleihen, wodurch wiederum die Renditen gesenkt werden. Aufgrund der niedrigeren Renditen lohnt es sich für Geschäftsbanken nicht mehr, Staatsanleihen zu kaufen, sondern diese zu verkaufen. Die dadurch gewonnene Liquidität soll in Form von Krediten mit niedrigen Zinsen an den Markt weitergegeben werden.3 QE muss sich nicht nur auf den Kauf von Staatsanleihen beschränken, wie im Folgenden aufgezeigt wird.

4. Entwicklung der Geldpolitik Japans im Kontext der Wirtschaftsgeschichte

4.1 Inflationskrise

In den siebziger Jahren fand eine weltweite Inflationskrise statt, die auch Japan traf. Ursache hierfür war die Aufhebung des fixen Umtauschkurses zwischen Gold und dem US-Dollar (USD) durch Präsident Nixon im Jahr 1971, auch bekannt als der Nixon Shock. Im Zuge dessen übten die USA starken Druck auf Japan aus, ihren Leistungsbilanzüberschuss zu senken. Die japanische Regierung entschied sich, von April 1971 bis Anfang 1973 Konsum und Investitionen durch expansive Geldpolitik zu steigern und somit den Überschuss zu mindern. In Verbindung mit der ersten Ölpreiskrise stieg die Inflation und erreichte 1974 ihren Höhepunkt. Diese sogenannte wilde Inflation brachte eine Wende im Denken der Bank of Japan und auch der japanischen Bevölkerung.4

4.2 Vermögensblase

Während der achtziger Jahre entstand durch konstanten starken Anstieg der Aktien- und Immobilienpreise eine Vermögenspreisblase, die mutmaßlich durch die lockere Geldpolitik der BOJ verstärkt wurde. Diese hatte den Zweck, den Leistungsbilanzüberschuss (LBÜ) zu senken und eine Yen-Aufwertung zu verhindern, ohne steuerliche Anreize zu bieten. Als die BOJ zwischen 1989 und 1990 den Leitzins mehrfach erhöhte, verlor der Nikkei innerhalb eines Jahres um die Hälfte seines Werts.5

4.3 Das verlorene Jahrzehnt

Nach dem Platzen der Blase folgte das sogenannte verlorene Jahrzehnt (1990-2010), was auch oft noch auf das nachfolgende Jahrzehnt bezogen wird. Geplatzte Hausdarlehn schwächten das japanische Bankensystem stark, die Nachfrage nach Krediten sank und Banken verliehen nur zurückhaltend Geld. Trotz einer Senkung des Leitzinses durch die BOJ sank die Inflationsrate jährlich.6 1995 wurde eine Deflationsrate von -0,1 % erreicht.7

Zwischen 1997 und 1998 gingen drei große japanische Finanzinstitute insolvent, woraufhin die BOJ zwischen 1999 und 2000 erstmals eine Null-Zins-Politik implementierte.8 Zusätzlich wurden mehrere unkonventionelle geldpolitische Instrumente eingeführt: Die Ausweitung des Umfangs von Rückkaufvereinbarungen mit Wertpapieren, die Aufnahme von Asset Backed Securities (ABS) und Unternehmensanleihen als zentralbankfähige Sicherheiten sowie die Refinanzierung von Privatbankkrediten.9

Als 2000 die IT-Blase in den USA platzte, verringerte sich das japanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) in zwei Jahren um 773 Mrd. USD.10 Vor diesem Hintergrund führte die BOJ 2001 weitreichende monetäre Lockerungsmaßnahmen ein, später bekannt als Quantitative Easing Policy. Auch wenn Japan heute für eine stark expansive Geldpolitik bekannt ist, war der Schritt zur unkonventionellen Geldpolitik ein Bruch mit der damaligen Einstellung der BOJ-Mitglieder, die noch von der Inflationskrise der 70er Jahre geprägt waren.11 Der Fokus verlagerte sich vom Leitzins als Haupteinflussmittel der Zentralbank auf die Finanzwirtschaft auf die Höhe der Saldoforderungen auf den Notenbankkonten. Die neue Geldpolitik setzte sich aus drei zentralen Komponenten zusammen: Erstens wurden Geschäftsbanken mit Liquidität geflutet, dabei erhöhte die BOJ ihr Leistungsbilanzsaldo von 4 Bill. Yen auf 30 bis 35 Bill. Yen, diese Summe wurde von 2003 bis 2006 gehalten. Zweitens wurde die Erwerbsmenge von langfristigen Staatsanleihen von 0,4 Bill. Yen im Monat auf 1,2 Bill. Yen hochgestuft, um die Rendite der Staatsanleihen zu senken, Investitionen in den Markt somit attraktiver zu machen und ein Signal für zukünftig niedrige Zinsen zu setzen.12 Die BOJ kaufte außerdem Aktien von Unternehmen, von denen auch jap. Banken Aktien besaßen.13 Drittens verpflichtete sich die BOJ, so lange Liquidität zuzuführen, bis der Kern­Verbraucherpreisindex (VPI) und der prognostizierte VPI für einen längeren Zeitraum bei mindestens 0 % lagen.14 Ende 2005 wurden im Sinne der BOJ alle Kriterien erreicht und es stiegen Befürchtungen, dass sich erneut eine Vermögensblase bilden könnte, woraufhin Anfang 2006 die Quantitative-Easing­Policy beendet wurde und der Fokus sich wieder auf den Leitzins verlagerte. Es wurde ein Einlagezinssatz von 0,25 % festgelegt.

4.4 Die zweite Weltwirtschaftskrise

Die Weltwirtschaftskrise destabilisierte die japanische Wirtschaft ab Mitte 2008 drastisch. Als erste Reaktion senkte die BOJ den Einlagenzins auf 0,3 %, drei Wochen, nachdem bereits EZB und Federal Reserve System (FED) ihre Leitzinsen gesenkt hatten. Der japanische Aktienindex fiel innerhalb eines Monats um 42 %, woraufhin die Zentralbank als lender of last resort agierte. Als kurzfristige Methode, um Liquidität in den Markt zu pumpen, kaufte die Zentralbank Commercial Papers (CP) und Asset Backed Commercial Papers (ABCP) von Privatunternehmen. 2010 führte die BOJ mehrere zeitgebundene QE-Maßnahmen durch. Darunter fallen die Senkung des Leitzinses auf 0,1 bis 0 % und der Verkauf von Vermögenswerten wie Exchange Traded Funds (ETF) und Unternehmensanleihen.15 Aufgrund der gezeigten Unsicherheit der BOJ gegenüber der eigenen Geldpolitik konnte keine langfristige Wirtschaftsstabilität erzielt werden.16

Im März 2011 erlebte Japan durch die Nuklearkatastrophe von Fukushima einen weiteren Schock. Die Gesamtkosten werden auf 70 Bill. Yen geschätzt.17 Die BOJ reagierte mit einer Ausweitung des Wertpapierkaufprogrammes und einem Darlehnsprogramm für betroffene Finanzinstitute.18 2012 wurde Shinzo Abe zum neuen jap. Premierminister gewählt. Abe strebte eine expansive Geldpolitik an, um einen Konjunkturaufschwung zu bewirken.19 Er ernannte Kuroda Haruhiko als neuen Zentralbankchef, der bis heute im Amt ist.20 Noch vor der Ernennung von Haruhiko legte die BOJ ein Inflationsziel von 2 % fest und führte für die Durchsetzung Quantitative und Qualitative Easing (QQE) ein. Analog zum ersten QE-Programm fand eine Ausweitung der monetären Basis durch den Ankauf von langfristigen japanischen Staatsanleihen statt. Zusätzlich erfolgte der Ankauf von ETFs und Japan Realestate Investment Trusts.21

Von 2012 bis 2015 stieg die Inflationsrate von -0,1 % um 2,9 Prozentpunkte22, das BIP sank von 6,2 Bill. Yen auf 4,4 Bill. Yen23 und der Nikkei 225 stieg von 8.422 Punkten auf 19.504 Punkte.24 Anfang 2016 führte die BOJ weitere monetär­expansive Maßnahmen durch. Seit 2015 stieg die jährlich-, durchschnittliche Inflationsrate nicht über 1,2 %25 und liegt aktuell bei 0,2 %.26 Eine genauere Beschreibung der QQE-Politik folgt im nächsten Abschnitt.

5. Die aktuelle Geldpolitik der Bank of Japan

Das Hauptziel der japanischen Geldpolitik besteht weiterhin darin, das Inflationsziel von 2 % zu erreichen. Dafür wird Quantitative und Qualitative Easing durchgeführt, wodurch die Geldbasis jährlich um 80 Bill. Yen ausgeweitet werden soll. Das Rahmenprogramm des QQE setzt sich aus einem Programm zum Kauf von Vermögenswerten, der Einführung eines negativen Einlagezinssatzes, Maßnahmen zur Bereitstellung von Geldmitteln und der Verpflichtung zur Überschreitung der Inflation zusammen. Aufgrund des Board-Meetings vom Januar 2019 kann davon ausgegangen werden, dass die aktuelle Geldpolitik noch längerfristig bestehen bleibt.

Das Programm zum Kauf von Vermögenswerten bezieht sich auf den Kauf von japanischen Staatsanleihen, ETFs und japanischen Real Estate Investment Trusts (J-REITs) sowie den Erhalt der Saldoforderungen von Commercial Papers und Unternehmensanleihen.27

5.1 Staatsanleihen

Die BOJ strebt durch den Kauf von SA eine Rendite von 0 % für zehnjährige SA an. Jährlich beläuft sich die Höhe der Käufe auf 80 Bill. Yen, die Bank passt diese Höhe allerdings flexibel an die Marktgegebenheiten an.28 Es handelt sich um Anleihen mit einer Laufzeit von zwei bis 40 Jahren mit fester, variabler oder an Preisindizes gebundener Verzinsung. Als Kaufmethode werden konkurrenzfähige Auktionen genutzt, bei denen der Preis durch die Nachfrage bestimmt wird. Im Fall einer plötzlichen Zinssteigerung hält sich die BOJ die Option offen, durch das Festpreisverfahren SA zu erwerben.29 Die SA werden zu Renditen von -0,007 bis 0,021 % bezogen, wobei Treasury Bills allgemein zu höheren Renditen eingekauft werden.30 Aktuell, im Januar 2019, besitzt die BOJ Staatsanleihen in Höhe von 470 Bill. Yen.31 Das macht fast das Doppelte der Höhe der US-Treasury Securities im Besitz der FED32 und über 40 % der gesamten japanischen Staatsanleihen aus.33

5.2 ETF und J-REIT

Durch das Programm zum Kauf von Vermögenswerten erwirbt die BOJ ETFs am Sekundärmarkt. Exchange-Traded Funds sind Fonds, die aus Aktien bestehen, die einen Aktienindex möglichst genau nachbilden sollen. ETFs werden wie Aktien gehandelt und passiv verwaltet.34 Die BOJ erwirbt somit indirekt Aktien, wird dadurch aber kein stimmberechtigter Anteilseigner, da die Stimmrechte den ETF- Anbietern vorbehalten sind.35 Seit August 2018 passt die Japanische Zentralbank die ETF-Käufe so an, dass die Saldoforderung jährlich um 5,7 Bill. Yen steigt. Davon beziehen sich 1,5 Bill. Yen auf ETFs, die entweder den Tokio Stock Price Index, den Nikkei 25 oder den JPX-Nikkei Index 400 nachbilden, und 4,2 Bill. Yen auf ETFs, die den TOPIX nachbilden.36

Hinzu kommen Käufe von japanischen Real Estate Investment Trusts, die ein Immobilienvermögen umfassen, das in öffentlich gehandelte Anteile aufgeteilt wird. Die meisten REITs spezialisieren sich auf einen bestimmten Immobiliensektor, zum Beispiel Einzelhandelsimmobilien oder Wohnimmobilien. Es gibt allerdings auch REITs, die ein im Immobilientyp diversifiziertes Portfolio besitzen.37 Für den Kauf durch die Zentralbank müssen die Investmentfonds dem förderungswürdigen Sicherheitsstandard entsprechen. Auch muss der J-REIT mindestens 200 Tage im Umlauf sein und ein jährliches Gesamtvolumen von 20 Bill. Yen an der Börse aufweisen.38 Jährlich wird eine Bilanzsteigerung von J-REIT im Wert von 90 Mrd. Yen vorgenommen.39 REITs oder ETFs bieten durch die hohe Diversifikation eine starke Risikostreuung und werden deswegen von risikoaversen Investoren wie beispielsweise Pensionsfonds bevorzugt.40

Bei den ETF- oder J-REIT-Käufen wird wie folgt vorgegangen. Die Zentralbank bestimmt einen Treuhänder. Der Treuhänder ist eine Bank, die ein Bankkonto bei der BOJ besitzt. Die Zentralbank erstellt einen Fond, von dem die GB das Treuhandvermögen, die ETFs und J-REITs kauft. Der Preis des Indexfonds ist der Durchschnittspreis gemäß dem Volumen der Aktien. Maximal 10 % des Marktvolumens des jeweiligen J-REITs dürfen von der BOJ gekauft werden, für den Kauf von ETFs gibt es keinen festen Maximalwert. Durch den Kauf von J-REITs werden auch Stimmrechte über ihre Verfügung erworben. Es ist in den wesentlichen Konditionen der J-REIT-Käufe festgelegt, dass diese Stimmrechte so ausgeübt werden sollen, dass der wirtschaftliche Vorteil der Aktieninhaber inklusive der BOJ gesteigert wird. Die BOJ hält sich die Option offen, ETFs oder J-REITs unter bestimmten Bedingungen zu verkaufen. Dadurch entsteht die Möglichkeit, die Vermögenswerte bei bestehender Nachfrage zu angemessenen Preisen zu verkaufen, ohne die Stabilität des Marktes zu gefährden.41 Derzeit besitzt die BOJ ETFs im Wert von insgesamt 24 Bill. Yen und 504 Mrd. Yen an J-REITs.42 Damit ist die BOJ 78-prozentiger Anteilseigner des gesamten japanischen ETF-Marktes.43

Zuzüglich zu dem oben beschriebenen ETF- und J-Reit-Kaufprogramm gibt es auch Käufe von ETFs zur Unterstützung von Unternehmen, die initiativ in Human- und Sachkapital investieren. Diese ETFs dürfen nur Aktien umfassen, die bestimmten Kriterien entsprechen. Die wichtigsten Kriterien sind im Folgenden zusammengefasst. Das ETF-Portfolio muss sich aus Aktien von Unternehmen mit hohen Kapital- oder Forschungs- und Entwicklungsausgaben sowie steigenden Ausgaben für das Humankapital zusammensetzen. Das Humankapital kann durch Lohn- und Gehaltserhöhungen, einen Zuwachs an Angestellten oder Karriereförderung sowie weitere Maßnahmen gesteigert werden. Durch die Kapitalsteigerung muss in den Unternehmen unter Berücksichtigung der Branchenbedingungen zusätzlich auch Wachstumspotential erkannt werden.44 Im Portfolio dürfen keine Unternehmen mit schwacher Bonität enthalten sein. Der ETF muss die gleiche Marktbeständigkeit wie J-REITs aufweisen und es muss eine Grundgesamtheit von mindestens 100 Komponenten vorhanden sein.45 Schließlich muss es sich um einen diversifizierten ETF handeln, der sich auf keine Industrie spezialisiert und den Nikkei 225 verfolgt. Maximal 50 % der jeweiligen ETF-Anteile dürfen akquiriert werden.46 2018 wurden im Rahmen dieses Kaufprogramms ETFs im Wert von 29,4 Bill. Yen erworben.47

5.3 Commercial Paper und Unternehmensanleihen

Der Saldo von Commercial Papers im Wert von 2,2 Bill. Yen und 3,2 Bill. Yen an Unternehmensanleihen soll gehalten werden.48 Dafür werden monatlich CP im Wert von 200 Mrd. bis 300 Mrd. Yen und Unternehmensanleihen im Wert von 50 Mrd. bis 75 Mrd. Yen gekauft. Je nach ihrer Art müssen die Wertpapiere bestimmte Kriterien, wie beispielsweise eine Bewertung von AA, erfüllen. Im Besitz der BOJ dürfen sich maximal 100 Mrd. Yen und 25 % der CP oder Unternehmensanleihen eines Unternehmens befinden.49 2018 bezog die BOJ Unternehmensanleihen mit negativen Renditen von bis zu -0,2 %.50

5.4 Negativer Einlagenzinssatz

Zur Verstärkung der QQE-Maßnahmen verwendet die BOJ einen negativen Einlagenzins von -0,1 % auf die gesetzlich vorgeschriebenen Konten der Geschäftsbanken bei der BOJ. Um einen starken Rückgang der Bankeinnahmen zu verhindern und eine weitere Kreditaufnahme anregen zu können, wurde zusätzlich ein 3-Tier-System eingeführt. Demnach wird das Konto einer Geschäftsbank in drei Teile aufgeteilt, die unterschiedlich gezinst werden. Der erste Teil ist die Basisbilanz und hat mit 210 Bill. Yen den größten Umfang. Diese Summe ist seit der Einführung auf der gleichen Höhe geblieben. Sie beinhaltet die durchschnittliche Saldoforderung des Jahres vor der Einführung des Systems (2015) abzüglich der gesetzlich vorgeschriebenen Einlagenreserve. Tier 2, die Macro-Add-On-Bilanz, hat einen schwankenden Umfang von ca. 135 Bill. Yen.51 Dieser Teil wird durch einen Vergleichsmaßstab ermittelt, der alle drei Monate neu berechnet wird. Aktuell beträgt der Vergleichsmaßstab 31,5 % der Gesamtbilanz.52 Die Reserven und die Summe aus den Kreditprogrammen der BOJ, die im nachfolgenden Abschnitt besprochen werden, sind in der Macro-Add-On-Bilanz enthalten. Der letzte Teil wird aus der Gesamteinlage der Geschäftsbank abzüglich der Basiseinlage und der Macro-Add-On-Bilanz ermittelt. Hier wird ein negativer Zinssatz von -0,1 % verwendet.53 Die sogenannte Policy-Rate-Bilanz hat einen durchschnittlichen Umfang von 10 Bill. Yen, der allerdings laut einer Bestimmung im Juli 2018 gesenkt werden soll, die genaue Summe wurde bisher noch nicht veröffentlicht.54

Die Anpassung des Vergleichsmaßstabs des Tier 2 erfolgt, um zu verhindern, dass die Belastung des negativen Zinses auf die Policy-Rate-Bilanz zu stark wird. Durch die Ausweitung der Geldbasis würde sonst der Umfang der Policy-Rate-Bilanz deutlich wachsen.55

5.5 Maßnahme zur Bereitstellung von Geldmitteln

Die BOJ hat ein Loan-Support-Programm eingerichtet, um die Kreditvergabe der Banken zu steigern und das Wirtschaftswachstum zu stärken. Im Januar 2019 wurde die Verlängerung des Loan-Support-Programms beschlossen, diese Maßnahme ist noch bis Juni 2024 effektiv, wobei aktuell nur bis März 2020 neue Kredite beantragt werden können.56 Es werden Kredite mit einer Laufzeit von 5 Jahren mit einem 0 %-Zins57 an Finanzinstitutionen mit einem Konto bei der BOJ vergeben. Das Loan-Support-Programm setzt sich aus verschiedenen Kreditprogrammen zusammen.58 Die Kredite werden unter bestimmten Konditionen vergeben, die dazu führen sollen, dass die Geschäftsbanken das Geld an den Markt weiterverleihen oder investieren. Beispielsweise wird die Höhe des Kredites durch das Fund­Provisioning Measure to Stimulate Bank Lending-Programm unter Einbezug der Höhe, der durch die Geschäftsbank an den Markt vergebenen Kreditsumme berechnet.59 Aktuell beträgt die ausgestellte Kreditsumme 46 Mrd. Yen.60

[...]


1 Vgl. Andreas o.J., S. 2-3.

2 Vgl. Schwäbe 2013, S. 1-3.

3 Vgl. European Central Bank o.J., S. 1-7

4 Vgl. Park et al. 2018, S. 65-75 (Pos. 1492-1595).

5 Vgl. Okina et al., S. 424-441.

6 Vgl. Park et al. 2018, S. 78-82 (Pos. 1665-1683).

7 Vgl. International Monetary Fund 2019, S. 1.

8 Vgl. Park et al. 2018, S. 134-136 (Pos. 2870-2886).

9 Vgl. Bank of Japan 2001, S. 2-4

10 Vgl. World Bank 2017, S. 1.

11 Vgl. Park et al. 2018, S. 162-163 (Pos. 2924-2965).

12 Vgl. Maeda et al. 2005, S. 2-10.

13 Vgl. Park et al. 2018, 162-164(Pos. 2983-2999).

14 Vgl. Shirai 2013, S. 3.

15 Vgl. Bank of Japan 2010b, S. 1-2.

16 Vgl. Park et al. 2018, S. 145-150 (Pos. 3084-3235).

17 Vgl. o.V. 2017, S. 1-2.

18 Vgl. Bank of Japan 2011, S. 1

19 Vgl. Fackler 2012, S. 1-2.

20 Vgl. Bank of Japan 2018a, S. 1.

21 Vgl. Bank of Japan 2013, S. 1-2.

22 Vgl. International Monetary Fund 2019, S. 1.

23 Vgl. World Bank 2017, S. 1.

24 Vgl. o. V. 2018a, S. 1.

25 Vgl. International Monetary Fund 2019, S. 1.

26 Vgl. Statistics Bureau, Ministry of Internal Affairs and Communications 2019, S. 1.

27 Vgl. Bank of Japan 2019d, S. 15-20.

28 Vgl. Bank of Japan 2018i, S. 1.

29 Vgl. Bank of Japan 2018d, S. 1-2.

30 Vgl. Bank of Japan 2018b, S. 1.

31 Vgl. Bank of Japan 2019b, S. 1.

32 Vgl. Federal Reserve System 2019, S. 1.

33 Vgl. Sudo und Tanaka 2018, S. 4.

34 Vgl. Gentner o.J., S. 1.

35 Vgl. Altmann 2018, S. 1.

36 Vgl. Bank of Japan 2018e, S. 1.

37 Vgl. o.V. 2016a, S. 1-2.

38 Vgl. Bank of Japan 2017b, S. 1.

39 Vgl. Bank of Japan 2018i, S. 1.

40 Vgl. Schweigert 2015, S. 4.

41 Vgl. Bank of Japan 2017b, S. 1-2

42 Vgl. Bank of Japan 2019b, S. 1.

43 Vgl. Kihara 2018, S. 2.

44 Vgl. Bank of Japan 2016a, S. 3.

45 Vgl. Bank of Japan 2016a, S. 2-5.

46 Vgl. Bank of Japan 2017c, S. 1.

47 Vgl. Bank of Japan 2018f, S. 1.

48 Vgl. Bank of Japan 2018h, S. 2.

49 Vgl. Bank of Japan 2017a, S. 2-3.

50 Vgl. Nakamichi 2018, S. 2

51 Vgl. Bank of Japan 2018c, S. 41-43.

52 Vgl. Bank of Japan 2018g, S. 1.

53 Vgl. Bank of Japan 2018b, S. 41-43.

54 Vgl. Bank of Japan 2018j, S. 2.

55 Vgl. Bank of Japan 2016c, S. 1.

56 Vgl. Bank of Japan 2019a, S. 1-13.

57 Vgl. Bank of Japan 2018k, S. 1.

58 Vgl. Bank of Japan 2019f, S. 1-2.

59 Im Folgenden, soweit nicht anders angegeben, vgl. Bank of Japan 2019e, S. 1-2.

60 Vgl. Bank of Japan 2019b, S. 1.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Japans aktuelle Geldpolitik. Blaupause für die Europäische Zentralbank in der nächsten Krise?
Untertitel
Ein Vergleich der Geldpolitik der japanischen Zentralbank mit der Geldpolitik der EZB
Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
36
Katalognummer
V1031433
ISBN (eBook)
9783346433831
ISBN (Buch)
9783346433848
Sprache
Deutsch
Schlagworte
EZB, Geldpoliti, Japan, Finanzkrise, VWL, Zentralbank, ETF, REIT, BOJ, Bank of Japan, Staatsanleihen, Weltwirtschaftskrise, Zins, Leitzins, Anleihen, BWL, Finanzpolitik, Bachelor, Quantitative Easing, Inflation, Deflation
Arbeit zitieren
Leoni Wintermantel (Autor:in), 2019, Japans aktuelle Geldpolitik. Blaupause für die Europäische Zentralbank in der nächsten Krise?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031433

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