Blobel, Brigitte - Rote Linien oder Suizid bei Kindern und Jugendlichen #


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

4 Seiten, Note: 1


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Buchvorstellung: „Rote Linien“ von Brigitte Blobel

„Die Oberärztin verschwindet. Jetzt ist Kitty allein mit dem Professor. Er lächelt immer noch. Er macht eine Schleife aus dem Rest der Mullbinde. „So“, sagt er, „das wär’s für dieses Mal. Wie oft hast du das schon gemacht?“ „Was?“, fragt Kitty. „Versucht dir das Leben zu nehmen.“ „Ich weiß nicht“, murmelt Kitty. „Das glaub ich dir nicht“, sagt der Professor, „das wissen sie immer alle ganz genau. Also wie oft?“ „Dreimal“, flüstert Kitty.

„Oh“, erschrocken presst die Schwester ihre Hand gegen den Mund. Der Professor wirft ihr einen vorwurfsvollen Blick zu und sie verschwindet lautlos aus dem Krankenzimmer.

„Dreimal?“, wiederholt der Professor sanft. Kitty nickt. Sie wendet den Kopf ab. Tränen laufen über ihr Gesicht. Auf einmal ist es ihr, als würde eine Welle von Selbstmitleid sie einfach wegschwemmen, wie Strandgut, das man am Ufer zurückläßt. Sie fühlt sich hilflos, ein Bündel Haut und Knochen, so sinnlos ihr Leben, so traurig und ohne Hoffnung. Sie fährt verlegen mit der Hand über die Augen. Aber der Professor drückt ihren Arm sanft herunter. „Tränen sind gut“, sagt er leise, „Tränen müssen sein. Weine es nur heraus, Kitty. Das ist gut.“Kitty muss daran denken, wie sie das erste Mal versucht hat sich umzubringen. Wie sie auf der Brücke gestanden ist über den Eisenbahngleisen. Eine Eisenbrücke. Es war Winter gewesen und das Eisen so kalt, dass sie Angst hatte, ihre Finger würden am Geländer festfrieren.“

Darf man sich das Leben nehmen?

Das ist nicht nur eine moralische oder ethische Frage. Man sollte vor allem darüber nachdenken, was einen Menschen dazu veranlasst darüber nachzudenken oder es sogar erfolgreich oder erfolglos zu versuchen?

Was veranlasst einen jungen Menschen dazu, einen Menschen in unserem Alter?

Einige Menschen denken häufiger über diese Fragen nach, andere weniger oft. Aber viele, wenn man nicht sogar sagen kann alle haben sich diese Fragen schon einmal gestellt oder sind in anderer Form mit diesem Thema, das in unserer Gesellschaft viel zu taburisiert ist, in Berührung gekommen. Aber was wissen wir eigentlich über Suizid und dergleichen? Aber was geht wirklich in so einen Menschen vor, der daran denkt sich das Leben zu nehmen oder es sogar versucht hat. Wir alle denken mal mehr und mal weniger über den Sinn des Lebens nach, aber deswegen hat man ja nicht sofort Suizidgedanken oder versucht sich das Leben zu nehmen. Wir beschränken uns mal nur auf Menschen in unserem Alter, Jugendliche, junge Erwachsene. In Deutschland ist Suizid die zweit-dritt häufigste Todesursache bei Jugendlichen. In Deutschland starben beispielsweise 1996 12225 Menschen durch Suizid; 795 waren jünger als 25 Jahre. Ein Jugendlicher, der daran denkt sich das Leben zu nehmen, befindet sich häufig in einer tiefen Lebenskrise, die mit inneren oder äußeren Konflikten verbunden ist und die man nicht selten auf Beziehungsstörungen in der Familie zurückführen kann. Nach außen, zu uns, gelangen häufig nur verschlüsselte, widersprüchliche und nicht ohne weiteres verständliche Signale. Zum Beispiel ziehen sich die jungen Menschen in sich zurück, brechen Freundschaften ab, gehen nicht mehr zur Schule, werden eß-oder magersüchtig. Auf diese Signale reagieren wir oft mit Unverständnis, fühlen uns vielleicht auch überfordert und wissen nicht, was wir tun sollen oder wie wir reagieren können. Häufig sehen unsere Reaktionen dann zum Beispiel so aus: “Reiß dich doch zusammen“ oder „Nicht nur dir geht es schlecht, andere Leute haben auch Probleme und jammern nicht so rum.“ Durch dieses Unverständnis, die zurückweisenden Reaktionen und die in uns vorhandene Angst über dieses Thema zu sprechen, fühlt sich der Jugendliche immer weniger in seinen Ängsten und Nöten ernstgenommem und verschließt sich immer weiter. Der Jugendliche schweigt lieber aus Angst, seine Umwelt noch mehr zu schockieren, wenn er über seine Angst und Verzweiflung spricht. Wir als Mitmenschen nehmen diese Signale vielleicht sogar sehr deutlich wahr, aber entweder trauen wir uns nicht offen darüber zu sprechen begründet in unserer eigenen Angst vor dem Tod oder wir glauben durch unser Schweigen am Besten helfen zu können. Der Selbstmordversuch ist dann scheinbar der letzte Weg um zuzeigen, daß man so nicht mehr weiter leben will oder kann. Der Selbstmordversuch ist für den Jugendlichen dann der letzte Weg, um auf sich aufmerksam zu machen und Hilfe zu bekommen. Diese jungen Menschen brauchen professionelle Hilfe. Aber was können wir als Freunde, Bekannte oder Mitmenschen tun?

Wichtig ist, dass über dieses Thema gesprochen wird. Das Dinge wie Suizid, Selbstmordversuch , selbstverletzendes Verhalten oder Eßstörungen offen auf den Tisch kommen und wir uns nicht schämen darüber zu sprechen. Wir können helfen, indem wir zuhören und Mut machen, den Schritt zur professionellen Hilfe zu gehen und Mut machen, diese in Anspruch zu nehmen.

Über dieses in unserer Gesellschaft viel zu taburisierte Thema gibt es viele wissenschaftliche, psychologische, häufig sehr komplizierte und schwer verständliche Sachbücher. Einen Roman jedoch, der wirklich anspricht und auch zum nachdenken anregt ist nur schwer zu finden. Häufig handeln diese Büchern dann von Personen mit denen sich Jugendliche nur selten identifizieren können oder es sind Aneinanderreihungen von autobiographischen, kurzen Lebensdarstellungen.

Kitty, die Hauptperson indem Buch „Rote Linien“ von Brigitte Blobel, war eigentlich immer eine gute Schülerin. Der Schulstoff viel ihr nur so zu, alle haben sie bewundert und Kitty war der Liebling der Klasse. Aber seit einigen Monaten ist das anders. Kitty fühlt sich in ihrer Haut nicht mehr wohl. Sie wird schlecht in der Schule und zieht sich zurück. Ihre ziemlich konservativen Eltern reagieren darauf mit Unverständnis und setzten sie mit Bestrafungen unter Druck. Doch dadurch wird alles nur noch schlimmer. Ihre Freunde wenden sich von ihr ab und niemand will mehr so richtig etwas mit ihr zu tun haben. Kitty geht nicht mehr zur Schule und versucht so ihrem inneren Druck auszuweichen. Dann lernt sie Sven kennen, dieser spricht Kitty vor der Schule an ,nachdem er sie bei Mc Donalds beobachtete hat, wo sie scheinbar bewegungslos vor sich hinstarrte , ohne sich durch irgendetwas beeinflussen zu lassen. Auch auf der Schulmauer saß Kitty wieder bewegungslos, vor sich hinstarrend und Sven wollte unbedingt herausbekommen, was mit ihr los sei. Mit diesem Gespräch beginnt für Kitty seit langen mal wieder eine Freundschaft und sie fühlt sich von Sven verstanden. Mit ihren Eltern kann Kitty schon lange nicht mehr reden und sie hat das Gefühl, als wenn ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fallen würde. Mit Hilfe von Sven packt sie eines Abends ihre Sachen und verlässt ihr Elternhaus fürs erste, um bei Sven zu wohnen. Dieser beginnt sich nachdem er die dünnen roten Linien auf ihrem Arm entdeckt hat und nachts bemerkt, wie sie sich die Arme aufkratzt, ernsthafte Sorgen zu machen und fühlt sich mit der Situation überfordert. Trotz ihres Versprechens Sven gegenüber, die Schule wieder regelmäßiger zu besuchen, verlässt Kitty diese am nächsten Tag schon nach wenigen Minuten, weil sie sich diesem Druck nicht gewachsen fühlt. Für Sven läuft an diesem Tag alles schief. In der Schule kann er sich nicht konzentrieren und als er sich mit einem Freund über Kitty unterhält, wächst seine Angst immer mehr und ihm wird immer mehr bewusst, das Kitty dringend professionelle Hilfe braucht. Doch woher bekommt sie diese? Wer kann Kitty wirklich helfen? Nachdem Sven erfahren hat, dass Kitty wieder nicht in der Schule war macht er sich sofort auf den Weg um sie zu suchen. Doch je länger er sucht, desto größer wird seine Wut. Als er schließlich völlig erschöpft zu Hause ankommt, will er erstmal nichts mehr von Kitty wissen und ist ziemlich enttäuscht von ihr.

Genau diese Situation in der Kitty sich befindet ist so eine Situation, wo junge Menschen nicht mehr weiter wissen, mit Schulverweigerung und selbstverletzendem Verhalten reagieren, unter einem enormen Druck stehen und möglicherweise versuchen sich das Leben zu nehmen. Häufig ist der Druck so groß, dass sie es allein nicht schaffen den Schritt zur professionellen Hilfe zu gehen. Freunde fühlen sich mit diesen Situationen völlig überfordert und wenden sich nicht selten völlig von dem Jugendlichen ab, aus Angst etwas falsch zu machen.

Auch Kitty versucht ihr Leben zu beenden und als Sven nach Hause kommt, liegt sie vor seiner Tür und bewegt sich nicht mehr. In Sven wächst die Panik, noch nie hat er einen Menschen gesehen der so aussah, wie Kitty jetzt. Dann sieht er das Kittys Arme völlig voller Blut sind, ohne wirklich zu wissen, was er tut, ruft er nach Hilfe. Ein Nachbar benachrichtigt den Notarztwagen und versucht zu helfen, während Sven völlig neben sich steht. Kitty wird ins Krankenhaus gebracht und nachdem man ihr das Leben gerettet hat, in die Kinder- und Jugendpsychiatrie verlegt. Als sie dort aufwacht, weiß sie zuerst gar nicht mehr, was überhaupt passiert ist. Nur langsam gewöhnt sie sich an ihr momentanes „Zuhause“ und an den Gedanken, dass sie wohl eine ganze Weile im Krankenhaus bleiben muss. Nur langsam verheilen ihre Wunden, die sie sich immer wieder blutig kratzt. Nur langsam kann sich Kitty an den Gedanken gewöhnen, dass sie hier über ihre Ängste und Probleme reden darf und das man ihr hier zuhört und versucht ihr zu helfen. Am Ende des Buches kann Kitty wieder ein wenig den Sinn in ihrem Leben sehen. Sicher wird es noch eine Weile dauern, bis sie wieder ganz gesund ist, aber hier bekommt sie die professionelle Hilfe, die sie braucht.

Für mich ist das ein ziemlich wichtiges Buch, weil es sich trotz seiner Naivität vor Allem im Hinblick auf die Darstellung der Kinder und- Jugendpsychiatrie, mit einem ernsten und sehr wichtigen Thema auseinandersetzt, das es gilt zu enttaburisieren. Es stellt einen klaren Gegensatz zu den vielen psychologischen Fachbüchern dar, ist leichter verständlich und trotzdem nicht niveaulos oder kitschig, trotz seiner äußeren Aufmachung, die eher an ein Jungmädchenbuch erinnert. Ich habe diese Buch schon vor einer Weile gelesen und noch heute ist es eines der wichtigsten Bücher für mich, da es mich dazu angeregt hat, mich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen und mich damit auseinander zusetzen. Wir sollten es uns zur Aufgabe machen mit offeneren Augen durch das Leben zu gehen. Doch dazu müssen wir unsere eigene Angst verlieren über den Tod zu sprechen. Ich finde es wichtig, über dieses Thema zu sprechen und auch Informationen darüber zu haben um angemessener als Freund, Bekannter oder Mitmensch reagieren zu können. Mit diesem Buch erhält man zwar nicht die Informationen, um eine Diplomarbeit oder dergleichen zu schreiben, aber es könnte ein Einstieg sein, um sich überhaupt mit diesem Thema auseinander zusetzen oder mit diesen Dingen in Berührung zu kommen. Es liegt an uns, den Mitmenschen, ob über Suizid oder Tod allgemein gesprochen wird oder ob man diese Themen mehr oder we niger geschickt übergeht. Wir sollten es uns zur Aufgabe machen in den bestimmten Situationen anders, besser zu reagieren. Wir sollten versuchen, die Signale wahrzunehmen und gegebenenfalls professionelle Hilfe suchen. Viele von uns laufen mit verschlossenen Augen durch die Welt und vielleicht kann dieses Buch, und wenn auch nur ein bisschen dazu beitragen, die Augen ein wenig zu öffnen und vielleicht regt es bei Gesprächen, Diskussionen, in größerer oder kleinerer Runde dazu an das Thema Suizid wahrzunehmen und zu erkennen, dass es auch an uns ist, dieses Thema zu enttabuisieren.

4 von 4 Seiten

Details

Titel
Blobel, Brigitte - Rote Linien oder Suizid bei Kindern und Jugendlichen #
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
4
Katalognummer
V103155
Dateigröße
330 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blobel, Brigitte, Rote, Linien, Suizid, Kindern, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Iris Bartenstein (Autor), 2001, Blobel, Brigitte - Rote Linien oder Suizid bei Kindern und Jugendlichen #, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103155

Kommentare

  • Gast am 17.5.2002

    Zum Nachdenken gebracht.

    Ich finde wie sie das Buch vorgestellt hat ist sehr gut. Das hat mich auch zum Überlegen gebracht,ich meine wie viele Jugendliche haben den Gedanken sich um zubringen. Aber ich finde dass das Buch auch sehr gut ist. Ich hab es nähmlich selber gelesen. Ich schreib jetzt selber eine Buchbeschreibug über dieses Buch und ich muss schon sagen respekt vor Iris Bartenstein so gut bekomme ich das bestimmt nich hin. ich werd aufjedenfall mein bestes geben.
    Gruß Saskja

  • Gast am 3.1.2008

    Cool.

    Ich muss eine GFS über dieses Buch und allgemein zum Thema ritzen halten...
    Mir hat dein Beitrag sehr geholfen...
    Danke ;)
    Gruß
    Ich

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Titel: Blobel, Brigitte - Rote Linien oder Suizid bei Kindern und Jugendlichen  #



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