Die Entwicklung der Stadtkultur Venedigs infolge des IV. Kreuzzuges


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

34 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

GLIEDERUNG

Die Entwicklung der Stadtkultur Venedigs infolge des IV. Kreuzzuges

I. Einleitung

II. Die Republik Venedig und die Staatenwelt des Mittelalters
a) Ausdehnung des venezianischen Einflussraumes bis 1204
b) Wachsendes Zerwürfnis mit dem byzantinischen Reich

III. Die Beteiligung von Venedig im IV. Kreuzzug

a) Der IV. Kreuzzug bis zur Eroberung von Konstantinopel

b) Eroberung und Bewertung der Einnahme Konstantinopels 1204 n.Chr.

IV. Veränderte Strukturen innerhalb Venedigs nach 1204
a) Veränderungen in der venezianischen Gesellschaft
b) Architektur
b.1) Die Fassade der Kirche von San Marco
b.2) Wandel im Baustil Venedigs
c) Einzelobjekte aus dem IV. Kreuzzug in Venedig
c.1) Reliquien und sakrale Objekte in Venedig bb) Wertgegenstände und Einzelobjekte in der Schatzkammer von San Marco

V. Gesamtergebnis
Anhang I
Anhang II
Anhang III
Anhang IV
Anhang V
Anhang VI
Anhang VII
Anhang VIII
Anhang IX
Anhang X
Anhang XI

Literaturverzeichnis

Quellen

Sekundärliteratur

Die Entwicklung der Stadtkultur Venedigs infolge des IV. Kreuzzuges

I. Einleitung

Betrachtet man in heutiger Zeit die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelmeerraumes im Hoch- und Spätmittelalter, ist vor allem eine wesentliche Bedeutung Venedigs als Handels und Kolonialmacht, primär im östlichen Teil des Mittelmeers leicht offensicht­lich.

Bis zum 13. Jahrhundert hatte sich Venedig, insbesondere durch die Herrschaft über Kreta, weitere wichtige Häfen der Ägäis und einer besonders starken Kolonie in Kon­stantinopel, als bedeutendste Handelsmacht der italienischen Halbinsel im östlichen Mittelmeer sicher etabliert1.

Noch im 11. und 12. Jahrhundert besaß Venedig vor allem Charakteristiken einer Regi­onal- bzw. Mittelmacht2. Neben dem eigenen Staatsgebiet kontrollierte Venedig vor allem Städte entlang eines schmalen Streifens entlang der dalmatischen Küste, wodurch es quasi die Kontrolle über die Adria als Handelsraum gewonnen hatte3. Außenpolitisch war man vor allem um Bewahrung einer neutralen Position im Verhältnis zu andern Mächten, vor allem aber dem westlichen und östlichen Kaisertum, bemüht4. Ein Ausbau von Handelsbeziehungen und Verbindungen erfolgte aber vor allem in den Raum des byzantinischen Reiches, so insbesondere in den Raum der Ägäis5.

Die Eroberung Konstantinopels durch den IV. Kreuzzug unter wesentlicher Federfüh­rung, des zu dieser Zeit herrschenden, venezianischen Dogen Enrico Dandolo markiert in diesem Zusammenhang nicht nur den deutlichsten Bruch mit bisherigen politischen Verhaltensnormen, vor allem dem Verhältnis zwischen Venedig und dem byzantini­schen Reich, sondern auch den Beginn einer massiven eigenen Expansion und Kolo- niegründung Venedigs in der Ägäis6. Der wesentliche Schritt eines Aufstieges Venedigs von einer bedeutenden Mittelmacht zu einer Großmacht nach damaligen Maßstäben erfolgte damit, verschiedenen Ansichten zufolge, vor allem Dank des IV. Kreuzzuges und der Eroberung Konstantinopels 1204 n. Chr.7.

Neben der kolonialen Expansion fanden auch innerhalb der Stadt Venedig selbst zu­nehmend Veränderungen statt, etwa indem neue Familien durch die Kolonien in erheb­lichem Maße zusätzlich Einfluss erlangten und nun in die politische Führung drängten8. Zudem sind aller Kenntnis nach auch erhebliche Mengen verschiedener Kulturgüter, etwa Kunstschätze oder Reliquien, als Teil der Gesamtbeute von angeblich 400.000 Silbermark, infolge des Kreuzzuges nach Venedig gelangt9. Bleibende Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Stadt Venedig durch die Eroberung Konstantinopels sind damit erkennbar, bleiben im Einzelnen aber fraglich.

Aus diesen Gründen werde ich im Verlauf dieser Arbeit klären inwieweit die weitere kulturelle und politische Entwicklung der Stadt Venedig speziell infolge der Eroberung der Stadt Konstantinopel im IV. Kreuzzug 1204 n.Chr. verändert wurde.

II. Die Republik Venedig und die Staatenwelt des Mittelalters

Bereits unter grober Betrachtung der Verwicklungen, welche zur Beteiligung Venedigs bei der Eroberung Konstantinopels 1204 n.Chr. geführt hatten, wird schnell ersichtlich, dass Venedigs und seine Interessen in vergleichsweise kurzer Zeit ein zusätzlicher Fak­tor im Kräftemessen verschiedener politischer Fraktionen im Mittelmeerraum geworden war.

a) Ausdehnung des venezianischen Einflussraumes bis 1204

Über die frühe außenpolitische Entwicklung Venedigs existieren kaum Belege und eine territoriale Ausdehnung über das zentrale Staatsgebiet, der Terraferma im unmittelbaren Umfeld der Stadt, erfolgten längere Zeit bis ca. zum 1. Jahrtausend kaum10. Venedig besaß damit außenpolitisch vor allem eine Rolle als Bindeglied für den Handel zwi­schen dem heiligen römischen Reich und dem byzantinischen Reich11. Zentraler Partner in der Außenpolitik war aber das byzantinische Reich12.

Ein prägender Faktor für die weitere Ausrichtung Venedigs als Handelsmacht im östli­chen Mittelmeerraum war in diesem Zusammenhang dann auch eine Goldbulle des by­zantinischen Kaisers von 1082 n.Chr., durch deren Privilegien Venedigs verstärkte Aus­richtung nach Osten erheblich begünstigt wurde13. Das byzantinische Reich befand sich zu diesem Zeitpunkt sowohl im Osten, durch seit einiger Zeit präsente Gruppen von Türken, als auch im Westen durch das ca. seit 1071 n. Chr. im Entstehen begriffene normannische Königreich von Sizilien unter erheblichem Druck14. Freundliche Bezie­hungen Venedigs zum neu entstandenen normannischen Königreich von Sizilien sind nicht ersichtlich und wesentliche Städte entlang eines schmalen Küstenstreifens von Istrien und Dalmatien bildeten aller Kenntnis nach bereits eine Einheit mit Venedig15. Das Hilfegesuch des byzantinischen Kaisers Alexios I Komnenos an Venedig bei einem Angriff des normannischen Herrschers Robert Guiscard auf die byzantinische Stadt Dyrrhachium an der Adriaküste um 1081 n.Chr. unter Versprechung einer Belohnung ist in diesem Zusammenhang nachvollziehbar16. Die normannische Armee wird in den Quellen jedenfalls als den örtlichen Verteidigern deutlich überlegen und alleine nicht kontrollierbare Bedrohung charakterisiert, die auch mit venezianischer Hilfe erst nach mehreren Kämpfen zurückgedrängt werden konnte17. Obwohl einige Inhalte der 1082 erlassenen Goldbulle, z. B. eine jährliche Goldspende aus der kaiserlichen Schatzkam­mer an alle Kirchen in Venedig, fraglich bleiben, gelten wesentliche Inhalte, vor allem die Zusicherung zollfreien Handels auf dem Gebiet des byzantinischen Reiches und der Ausbau einer venezianischen Handelsenklave innerhalb des Stadtteils Galata von Kon- stantinopel als gesichert18. Venedig hatte damit vorerst eine Monopolstellung für den gesamten Handel mit dem byzantinischen Reich und damit im weitesten Sinne auch dem östlichen Mittelmeerraum erlangt19.Für das weitere außenpolitische Handeln Ve­nedigs muss damit vor allem eine Erhaltung der Vorteile, die sie durch die Goldbulle 1082 erlangt hatten, bestimmend gewesen sein20.

Auch für die nachfolgende Zeit ist eine fortwährende Bedrohung byzantinischer Gebie­te, z. B. mit der vorübergehenden Besetzung der ägäischen Insel Korfu, durch das nor­mannische Königreich von Sizilien ersichtlich, weshalb auch ein Fortbestehen der Ver­bindung Venedigs mit dem byzantinischen Reich bei Gegenaktionen nachvollziehbar bleibt21. Durch eine Charakterisierung der Venezianer in byzantinischen Quellen als fähige Seefahrer und Handelsleute, derer das byzantinische Reich bedurfte, verweisen aber auch deutlich auf die Tatsache, dass die Venezianer den byzantinischen Raum vor allem als Händler vermehrt durchdringen konnten22. Eigene Ambitionen aus dem by­zantinischen Reich zum Ausbau des Handels sind für diese Zeit kaum ersichtlich23. Venedig konnte damit zunehmend zu einem gleichrangigen Partner des byzantinischen Reiches heranwachsen24.

Eine Veränderung dieses Verhältnisses von Venedig als Seehandelsmacht, dem byzan­tinischen Reich als Territorialmacht und dem normannischen Königreich als äußerem Usurpator erfolgte schrittweise vor allem ab dem Beginn der Kreuzzüge. Eine nennens­werte Beteiligung von Venedig selbst ist nur für die späte Phase des I. Kreuzzugs etwa um 1100 mit Entsendung einer stärkeren Flotte zur Hilfe bei der Eroberung von Städten um Jerusalem, z. B. Jaffa, das heutige Tel Aviv erkennbar25. Infolge dieser Aktionen soll Venedig aller Kenntnis nach der dritte Teil verschiedener Städte in Palästina als Handelsenklave zur Verfügung gestellt worden sein26. Der Gegensatz zum normanni- schen Königreich von Sizilien setzte sich aber im Verhältnis zu dem aus dem normanni­schen Königreich hervorgegangenen Fürstentum von Antiochia in Syrien fort27.

b) Wachsendes Zerwürfnis mit dem byzantinischen Reich

Die wesentlichste Veränderung für Venedig erfolgte damit in erster Linie durch das Eindringen neuer Handelsmächte, etwa Genua und Pisa, in den östlichen Raum des Mit- telmeers28. Durch diese sollte im Folgenden, unter anderem durch Niederlassungen der neuen Gruppen in Konstantinopel eine wachsende Konkurrenzsituation zu Venedig um die Gunst des byzantinischen Kaisers entstehen29.

Weiter verschärft wurde die Situation durch wachsende Spannungen zwischen Bürgern des byzantinischen Reiches und Venezianern, welche im Reich zunehmend als arrogant aufgrund ihrer rechtlichen Vorteile im Seehandel wahrgenommen wurden30. Eskalatio­nen dieser Spannungen sind bereits unter anderem in der angeblichen Entführung des kaiserlichen Schiffes durch Venezianer und der öffentlichen Verunglimpfung des by­zantinischen Kaisers Manuel Komnenos während der Belagerung der ägäischen Insel Korfu klar erkennbar31. Der vorläufige Höhepunkt der Spannungen ist aber in der gleichzeitigen Gefangensetzung aller Venezianer 1171 n.Chr. auf dem Gebiet des by­zantinischen Reiches durch Kaiser Manuel Komnenos nach einem angeblichen Überfall der Venezianer auf die genuesische Handelsenklave innerhalb Konstantinopels klar er- kennbar32. Eine in Reaktion aus Venedig entsandte Flotte musste bereits nach kurzer Zeit ohne nennenswerte Erfolge zurückkehren33. Zwar existieren bereits für 1175 n.Chr. Hinweise auf die Wiederherstellung eines relativen Friedenszustandes zwischen dem byzantinischen Reich und Venedig34. Eine Entspannung des zerworfenen Verhältnisses ist aber auch für die Zeit nach dem Tod des Kaisers Manuel Komnenos 1180 n.Chr.

nicht anzunehmen35. Insgesamt befand sich das Reich nach 1180 in einem Zustand inne­rer politischer Schwäche, durch mehrere Usurpatoren, die für sich verschiedene Teilge­biete in Anspruch zu nehmen versuchten36. Der Nutzen einer weiteren Anbindung Ve­nedigs an das byzantinische Reich als primärem Handelspartner stand damit vermehrt infrage37. Einzelnen Darstellungen nach war es nicht einmal in der Lage die vereinbarte Summe von 15 Kentenaren Gold als Entschädigung für die 1171 n. Chr. eingezogenen venezianischen Besitztümer zurückzuzahlen38. Auch wenn eine anfängliche Verschwö­rung Venedigs mit verschiedenen Teilnehmern des IV. Kreuzzuges, wie in einigen Quellen dargestellt, nicht anzunehmen ist, muss jegliches weitere außenpolitische Han­deln Venedigs vor allem auf die Absicherung seiner errungenen Stellung als Handels­macht abgezielt haben39.

III. Die Beteiligung von Venedig im IV. Kreuzzug

Da weder einer Verbesserung der unsicheren Herrschaftslage im byzantinischen Reich, noch eine sichere Wahrung venezianischer Handelsinteressen, etwa Zollfreiheit abseh­bar war, geriet Venedig vermehrt in Handlungsnot40. Die Annahme eines Beförde­rungsvertrages für Teilnehmer des aufkommenden IV. Kreuzzuges, bei dem es z. B. durch eigenmächtiges Abwandern vereinzelter Gruppen von Kreuzfahrern von Anfang an Organisationsprobleme gab, ist damit aller Kenntnis nach von Anfang an primär auf­grund venezianischer Eigeninteressen erfolgt41.

a) Der IV. Kreuzzug bis zur Eroberung von Konstantinopel

Das Schuldverhältnis der Kreuzfahrer nach Abschluss eines pauschalen Beförderungs­vertrages konnte damit, wie später etwa auch durch Papst Innocenz III erkannt, gezielt dazu eingesetzt werden, die von Venedig abfällig gewordene Stadt Zara einzunehmen42. Obwohl von den ursprünglichen Kreuzfahrern nur 10.000 - 12.000 Mann in der Flotte waren, muss die Gesamtstreitmacht vor allem aufgrund starker Eigenbeteiligung Vene­digs eine Gesamtstärke von mindestens 30.000 Mann auf ca. 250 Schiffen besessen ha- ben43. Sie stellte damit auch für große Städte eine Bedrohung dar. Für die weitere Be­wegung des Kreuzzuges nach Konstantinopel geht man aber davon aus, dass die Ent­scheidung hierzu erst bei Zara, durch Eintreffen des im Exil lebenden byzantinischen Prinzen Alexius IV gefallen ist44. Selbst verschiedene Quellen gehen von früheren Ver­abredungen aus45.

In der darauf folgenden Belagerung Konstantinopels ab dem 5. Juli 1203 konnte sowohl die Handelsstadt Galata, als auch das Hafenbecken und ein wesentlicher Teil des dem Meer zugewandten Mauerabschnittes Konstantinopels erobert und der amtierende Kai­ser Alexios III zur Flucht verleitet werden46. Eine Neuordnung interner Verhältnisse im Sinne Venedigs erfolgte aber nicht, da sich zuvor mit Alexius IV vereinbarte Bedingun­gen, etwa Bezahlung einer fast utopischen Summe Geldes, ohne Auflehnung der Bevöl­kerung gegen die durch das Heer inthronisierten Kaiser Isaak II und Alexios IV als un­erfüllbar erwiesen47. Die zweite Belagerung Konstantinopels unter dem vorübergehend neu eingesetzten Kaiser Alexios Dukas Murzuphlos ab dem späten Januar 1204 n. Chr. endete damit quasi unausweichlich mit der vollständigen Einnahme Konstantinopels durch das Heer des IV. Kreuzzuges48. Im weitesten Sinne wurden damit zwar veneziani­sche Handelsinteressen vorläufig sicher gestärkt, christlicher Einfluss auf den östlichen Mittelmeerraum durch die erhebliche Schwächung des byzantinischen Reiches und dem Ende des IV. Kreuzzuges sind aber eher geschwächt worden49.

b) Eroberung und Bewertung der Einnahme Konstantinopels 1204 n.Chr.

Die auf die Einnahme der Stadt folgenden Ausführungen zu Plünderungen in Konstan­tinopel sind in fast allen Quellen durchweg negativ. In Extrembeispielen gehen die Sol­daten des IV. Kreuzzuges dabei unter anderem sogar zügellos gegen religiöse Gefolg­schaften der Einwohner vor, die ihnen mit dem Ziel um Milde zu bitten entgegenzo- gen50. Durch gezielt gelegte Brände, die es sowohl bei der Einnahme der Stadt, als auch zuvor in der Zeitphase beider Belagerungen gegeben haben soll, müssen in der Stadt auch sonst erhebliche Schäden entstanden sein51. Des Weiteren sollen die Plünderungen zudem ausnahmslos bei allen gesellschaftlichen Gruppen der Stadtbevölkerung stattge­funden haben52. Die Kriegsbeute muss damit ebenfalls aus wertvoll erachteten Gütern aus allen Lebensbereichen aller Gruppen der Bevölkerung bestanden haben und auch etwa Kleidungsstücke oder Pferde beinhaltet haben53.

Stärkster Kritikpunkt sind aber die rücksichtslosen Plünderungen in den verschiedenen Kirchen Konstantinopels54. Charakterisierungen nach denen die Kreuzfahrer grobes Unvermögen bei der Einschätzung des Wertes bedeutender Objekte an den Tag gelegt und diese z. B. nur nach Menge verteilt haben sollen sind aber mit großer Wahrschein­lichkeit übertrieben55. Zerstörungen in Kirchen sind damit höchstens für fest verankerte Objekte, etwa in die Türen der Hagia Sophia eingelassene Verzierungen anzunehmen56. Andere Aspekte, unter anderem auch die Einschätzung des Gesamtwertes der bekannten Kriegsbeute auf 400.000 Silbermark, sind hingegen glaubwürdig57. Auch die Annahme, dass ein Viertel der offiziellen Kriegsbeute an das nach der Eroberung, in Nachfolge zur byzantinischen Herrschaft, entstandene, lateinische Kaiserreich fiel, erscheinen lo- gisch58. Unter Berücksichtigung der Abtretung eines Betrages der Kriegsbeute im Wert von 50.000 Silbermark durch die Kreuzfahrer an Venedig muss Venedig nach dieser Ansicht etwa 200.000 Silbermark, also die Hälfte der gesamten Kriegsbeute erhalten haben59. In anderen Fällen wird sogar davon ausgegangen, dass drei Viertel der gesam­ten Kriegsbeute an Venedig fielen60. Eine Sicherung der bedeutendsten Objekte durch Venezianer, die im Heer die beste Kenntnis von der byzantinischen Kultur besessen haben müssen, ist in diesem Zusammenhang naheliegend61. Auch für die übrigen Kreuzfahrer, insbesondere Franzosen, ist aber davon auszugehen, dass sie eine größere Menge wichtiger Objekte, etwa Heiligenreliquien wie Steine von heiligen Stätten oder bedeutende Herrschaftssymbole nach Hause brachten, evtl. auch, indem sie diese in Einzelfällen von der Verteilung zurückhielten62. Konkrete Beschreibungen zum Ab­transport einzelner Objekte finden sich in zeitgenössischen Quellen höchstens in gerin­gem Maße z. B. in fragwürdigen Darlegungen, dass Kronleuchter, Kelche, Kandelaber und der Altartisch der Hagia Sophia entfernt worden sein sollen63.

IV. Veränderte Strukturen innerhalb Venedigs nach 1204

Der konkrete Gewinn von Einzelobjekten ist damit aus zeitgenössischen Quellen zwar nur schwer zu ersehen. Andererseits liegen aber anderer Vorteile für Venedig, insbe­sondere dessen neu gewonnene Stellung als bedeutendste Kolonialmacht im Levanter- aum, doch klar auf der Hand64. In einem einzigen Schritt hatte Venedig damit einen erheblichen Bedeutungszuwachs im Verhältnis zu anderen politischen Mächten im öst­lichen Mittelmeer erhalten65. Venedig, welches vorher überwiegend versucht hatte sich außenpolitisch an das byzantinische Reich anzulehnen, fand sich damit also in einer vollkommen neuen Rolle als eigenständige Kolonialmacht wieder66. In diesem Zusam­menhang ist es damit nachvollziehbar, dass man auch innerhalb Venedigs die Bedeu­tung der eigenen Stadt aus einem neuen Blickwinkel sah und die eigene Stadt z. B. eher in einer Rolle als Nachfolger des byzantinischen Reiches statt als Alliierten begriff67. Auch für die folgende Zeiten, insbesondere etwa ab dem Zusammenbruch des lateini­schen Kaiserreiches von Konstantinopel und dem Wiedererstarken des byzantinischen Reiches ab 1261 n.Chr. ist eine Abkehr von diesem gewandelten Selbstverständnis nicht ersichtlich68. Eine verstärkte Untermauerung des gewandelten Selbstverständnisses in Venedig als koloniale Großmacht im östlichen Mittelmeer, etwa auf symbolischer Ebe­ne ist in diesem Zusammenhang naheliegend.

a) Veränderungen in der venezianischen Gesellschaft

Als unmittelbarste Folge der veränderten Rolle Venedigs als Handelsmacht nach dem IV. Kreuzzug ist vor allem zunehmender Wohlstand innerhalb der venezianischen Bür­gerschaft, primär aufgrund neu erschlossener Handelsmöglichkeiten im Levanteraum zu sehen. Die Bemühungen im z. B. Aufstieg begriffener Kaufleute zur politischen Partizi­pation sind damit nachvollziehbar69. Aber auch sonst sind unter anderem anhand des oft ungeklärten Status von Familien mit nur teilweise venezianischer Bürgerschaft, die aus weniger relevanten Gebieten nach Venedig kamen, Gefahren eines gesellschaftlichen Destabilisierungsprozesses erkennbar70. Vor allem in den Regelungen von 1297 n. Chr., die kurzzeitig neuen Familien den Zugang zum großen Rat, dem Hauptlegislativorgan erlaubte, ist in diesem Zusammenhang ein gewisser Anpassungsprozess an neue Um­stände zu beobachten71. Gerade aufgrund der nachfolgenden Festsetzung von Familien auf einer Liste mit Möglichkeit in den großen Rat zu gelangen wurde aber die bestehen­de Staatsform einer stark oligarchisch geprägten Republik gestärkt und stabilisiert72. Auch im weiteren Sinne konnte man aufgrund solch akribisch ausdefinierter Regelun­gen zum Zusammenleben der Bürger, vor allem etwa in Fragen des Bürgerrechtes bis 1324 n. Chr., ein immer stabileres Funktionieren der Gesellschaft sicherstellen73. Zu einem gewissen Grad ist damit sogar die insbesondere in späterer Zeit bekannte, aus­nehmend stabile Ordnung bürgerlichen Zusammenlebens in Venedig auf außenpoliti­sche Entwicklungen nach dem IV. Kreuzzug zurückzuführen.

b) Architektur

Als wesentliches, eindeutig überprüfbares Medium der Selbstrepräsentation ist es auch sinnvoll Gebäude und Architektur innerhalb Venedigs auf Veränderungen zu überprü­fen. Hinweise auf ein gewandeltes Selbstverständnis lassen sich bereits in den zwei durch Figuren besetzten Siegessäulen am Zugang zum Markusplatz, dem zentral gele­genen Versammlungsplatz der venezianischen Bürgerschaft, erkennen74. Trotz teilweise früherer zeitlicher Einordnung geht man etwa aufgrund stilistischer Hinweise davon aus, dass sie eher in der Zeit des frühen 13 Jhd. also in unmittelbarer Nachfolge zum IV. Kreuzzug entstanden sind75.

[...]


1 Procacci,Giuliano: Geschichte Italiens und der Italiener, Giuliano Procacci. Aus dem Italienischen übersetzt von Friederike Hausmann, Beck, München 1983, S. 40, (Im Folgenden: Procacci 1983, S. 40)

2 Karsten, Arne: Kleine Geschichte Venedigs, Beck, München 2008, S. 30 (Im Folgenden: Karsten 2008, S. 30)

3 Heller, Kurt: Venedig, Recht, Kultur und Leben in der Republik, Böhlau, Wien 1999, S. 78 (Im Folgenden: Heller 1999, S. 78)

4 Schaube, Adolf: Handelsgeschichte der romanischen Völker des Mittelmeergebietes bis zum Ende der Kreuzzüge, Oldenburg, München 1906, S. 6 (Im Folgenden: Schaube 1906, S. 6)

5 Heyd, Wilhelm: Geschichte des Levantehandels im Mittelalter, Band I, Olms, Hildesheim 1984, S. 146 (Im Folgenden: Heyd, Band I, 1984, S. 146)

6 Heller 1999, S. 787-789

7 Stromer, Wolfgang: Venedig und die Weltwirtschaft um 1200. Ein neues Bild, in: Stromer von Reichenbach, Wolfgang: Venedig und die Weltwirtschaft um 1200, Thorbecke, Sigmaringen 1999, S. 2,3 (Im Folgenden: Stromer 1999, S. 2,3)

8 Heller 1999, S. 78, 79

9 Stromer 1999, S. 3, vgl.: Villehardouin Geoffrey de: The Conquest of Constantinople, Kapitel 13 Absatz 4 (Im Folgenden: Villehardouin 13.4)

10 Karsten 2008, S. 23, 24

11 Schaube 1906, S. 16

12 Lane, Frederic C.: Seerepublik Venedig, Prestel Verlag, München 1980, S. 43,44 (im Folgenden: Lane 1980, S. 43, 44)

13 Brandes, Jörg-Dieter: Mare Venetiarum, die Ägäis im Mittelalter, Eudora, Leipzig 2008, S. 25 (Im Folgenden: Brandes 2008, S. 25)

14 Lane 1980, S. 57, 58

15 Schaube 1906, S. 14, 15

16 Lane 1980, S. 57, 58, vgl.: Anna Komnene: Alexias Buch IV, Kapitel 2, §1 und 2 (Im Folgenden: Alexias IV.2.1,2)

17 Alexias IV.2.1-5.9

18 Brandes 2008, S. 25, 26, vgl.: Alexias VI.5.9

19 Lilie, Ralph-Johannes: Der Fernhandel der Italiener und des byzantinischen Reiches am Vorabend des Vierten Kreuzzugs, in: Stromer von Reichenbach, Wolfgang: Venedig und die Weltwirtschaft um 1200, Thorbecke, Sigmaringen 1999, S. 159 (Im Folgenden: Lilie 1999, S. 159)

20 Schaube 1906, S. 223

21 Niketas Choniates: Die Krone der Komnenen, Buch I, Kapitel 4 Absatz 4 - Buch II, Kapitel 6, Absatz 7 (Im Folgenden: Choniates: Die Krone der Komnenen I.4.4 - II.6.7)

22 Heyd, Band I, 1984, S. 146, vgl.: Choniates: Die Krone der Komnenen V. 9.1

23 Heyd, Band I, 1984, S. 64, 65

24 Lilie 1999, S. 159

25 Lane 1980, S. 65

26 Ebd.

27 Heyd, Band I, 1984, S. 210, 211

28 Ebd., S. 146

29 Choniates: Die Krone der Komnenen VII.1.1

30 Karsten 2008, S. 45, vgl.: Choniates: Die Krone der Komenen V.9.1

31 Niketas Choniates: Die Krone der Komnenen II. 5.4

32 Norwich, John Julius: Byzanz, Band III: Verfall und Untergang 1072 - 1453, ECON-Verlag, Düsseldorf 1996, S. 154 (Im Folgenden: Norwich, Band III, 1996, S. 154), vgl.: Choniates: Die Krone der Komnenen V 9.2,3

33 Karsten 2008, S. 45, vgl.: Choniates: Die Krone der Komnenen V 9.2,3

34 Schaube 1906, S. 224, vgl.:Choniates: Die Korne der Komnenen V 9.4

35 Karsten 2008, S.46

36 Lilie 1999, S. 168, 169, vgl.: Nicetas Choniates: Abenteuer auf dem Kaiserthron, Die Regierungszeit des Isaakios Angelos, Buch III, Kapitel 1, Absatz 1- Buch III, Kapitel 2, Absatz 4 ( Im Folgenden: Choniates: Abenteuer auf dem Kaiserthron, Die Regierungszeit des Isaakios Angelos III.1.1-2.4)

37 Lilie 1999, S. 171

38 Nicetas Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Komnenos (Angelos) Buch III Kapitel 9, Absatz 1.2 (Im Folgenden: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Komnenos (Angelos), III.9.1,2)

39 Hellmann, Manfred: Grundzüge der Geschichte Venedigs, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1981, S. 69 (Im Folgenden: Hellmann 1981, S. 69) vgl.: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Komnenos (Angelos), III. 9.2-4

40 Schaube 1906, S. 258, vgl.: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Komnenos (Angelos), III.8.3

41 Schaube 1906, S. 258,259, vgl.: Villehardouin 3.3-4.4

42 Lane 1980, S. 72, vgl.: Register Innocenz III Nr. 7:18 (Im Folgenden: Reg. Inn. III 7:18)

43 Vrankic, Petar: Innocenz III, der vierte Kreuzzug und die Eroberung Zadars, in: Bruns, Peter: Vom Schisma zu den Kreuzzügen, Schöning, Paderborn 2005, S. 250 (Im Folgenden: Vrankic 2005, S. 250), vgl.: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Komnenos (Angelos), III.9.4

44 Madden, Thomas F.: Enrico Dandolo & the rise of Venice, John Hopkins University Press, Baltimore 2003, S. 148, 149 (Im Folgenden: Madden 2003, S. 148, 149)

45 Villehardouin 4.21-24, vgl.: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Komnenos (Angelos), III.9.5

46 Norwich, Band III, 1996, S. 205-207, vgl.: Villehardouin 8.2 - 9.22

47 Schaube 1906, S. 259, vgl.: Villehardouin 10.1 - 11.2

48 Norwich, Band III, 1996, S. 209-211, vgl.: Reg. Inn. III 7:152

49 Heller 1999, S. 778, vgl.: Reg. Inn. III 8:127 (128)

50 Niketas Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Dukas mit dem Beinahmen Murtzuphlos, Kapitel 3, Absatz 4 (Im Folgenden: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Dukas mit dem Beinahmen Murtzuphlos, 3.4)

51 Norwich, Band III, 1996, S. 212, vgl.: Villehardouin 10.20, 21, 12.20

52 Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Dukas mit dem Beinahmen Murtzuphlos, 4.5, vgl.: Niketas Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Schicksale der Stadt nach der Einnahme, Kapitel 3, Absatz 2 (Im Folgenden: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Schicksale der Stadt nach der Einnahme, 3.2)

53 Reg. Inn. III 7:152

54 Reg. Inn. III 8:127 (128), vgl.: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Dukas mit dem Beinahmen Murtzuphlos, 3.5,6

55 Norwich, Band III, 1996, S. 214, vgl.: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Regierungszeit des Alexios Dukas mit dem Beinahmen Murtzuphlos, 4.5, vgl.: Choniates: Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Die Schicksale der Stadt nach der Einnahme, 5.3

56 Die erste Novgoroder Chronik, Blatt 70, 70v (Im Folgenden: Nov. Chron. 70, 70v)

57 Karsten 2008, S. 52, vgl.: Villehardouin 13.3

58 Villehardouin 12.6

59 Ebd. 13.3

60 Reg. Inn. III 7:205

61 Karsten 2008,, S. 52

62 Epp, Verena: Historia Constantinopolitana, Der Vierte Kreuzzug aus der Sicht des Zisterziensermönches Gunther von Pairis (ca. 1150-1210 ?), in: Patzold, Steffen: Geschichtsvorstellun­gen, Bilder, Texte und Begriffe aus dem Mittelalter; Festschrift für Hans-Werner Goetz zum 65. Geburts­tag, Böhlau, Wien 2012, S. 205, 222, (Im Folgenden: Epp 2012, S. 205, 222) vgl.: Villehardouin 13.1

63 Nov. Chron. 70, 70v

64 Georgopoulou, Maria: Venice's Mediterranean Colonies, architecture and urbanism, Cambridge Uni­versity Press, Cambridge 2001, S. 229 (Im Folgenden: Georgopoulou 2001, S. 229)

65 Brucher, Günter: Geschichte der venezianischen Malerei, Band I: Von den Mosaiken in San Marco bis zum 15. Jahrhundert, Böhlau, Wien 2007, S. 23 (Im Folgenden: Brucher, Band III, 2007, S. 23)

66 Georgopoulou 2001 S. 229

67 Dale, Thomas E.A.: Cultural Hybridity in Medieval Venice, Reinventing the East in San Marco after the Fourth Crusade, in: Maguire, Henry: San Marco, Byzantium and the myths of Venice, Dumbarton Oaks Research Library and Collection, Washington 2010, S. 152 (Im Folgenden: Dale 2010, S. 152)

68 Georgopoulou 2001, S. 252

69 Heller 1999, S. 77, 78

70 Lane, Frederic C.: The Enlargement of the Great Council of Venice, in: Rowe, John Gordon: Florilegi- um historiale, essays presented to Wallace K. Ferguson, University of Toronto Press, Toronto 1971, S. 250 (Im Folgenden: Lane 1971, S. 250)

71 Heller 1999, S. 80, 81

72 Egg, Erich/ Hubala, Erich/ Tigler, Peter/ Timofiewitsch, Wladimir/ Wundram, Manfred: Reclams Kunstführer Italien, Band II, Reclam, Stuttgart 1965, S. 609 (Im Folgenden: Egg/Hubala et. al. Band II, 1965, S. S. 609)

73 Lane 1971, S. 259, 260

74 Vgl.: Anhang I

75 Hootz, Reinhardt/ Dellwing, Herbert: Kunstdenkmäler in Italien: Ein Bildhandbuch, Venedig, Stadt und Provinz, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974, S. 356 (Im Folgenden: Reinhardt/Dellwing, 1974, S. 356)

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Stadtkultur Venedigs infolge des IV. Kreuzzuges
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
34
Katalognummer
V1031798
ISBN (eBook)
9783346434012
ISBN (Buch)
9783346434029
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Venedig, Kreuzzüge, Stadtgeschichte, IV. Kreuzzug, San Marco, Reliquien, Architekturgeschichte
Arbeit zitieren
Gunnar Maier (Autor:in), 2013, Die Entwicklung der Stadtkultur Venedigs infolge des IV. Kreuzzuges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1031798

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