Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

29 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

(I.)
Zum Geleit.

(II.)
Der Nationalsozialismus in diskursanalytischer Betrachtung - Ein Einstieg.

(III.)
Zur Einbettung des Begriffs der „verschleierten Gewalt“ in den faschistischen Diskurs.
(III.1.)
Zum Verständnis des Begriffs nach Pierre Bourdieu und Hedda Herwig.
(III.2.)
Die Rolle der Frau im faschistischen Diskurs als Form verschleierter Gewalt.
(III.3.)
Die Begrüßungsformel „Heil Hitler“ im faschistischen Diskurs als Form verschleierter Gewalt.

(IV.)
Weitere Formen verschleierter Gewalt im faschistischen Diskurs.
(IV.1.)
Adjektivische Verknüpfungen und Wortzusammensetzungen.
(IV.2.)
Der unmenschliche Akkusativ.
(IV.3.)
Der pathetisch-dramatisierende, militärische, antisemitische, derb-vulgäre, antiintellektuelle Sprachstil.
(IV.4.)
Sprichwörter und Redewendungen.
(IV.5.)
Die romantische Naturmetaphorik.
(IV.6.)
Der Mahnaufruf.
(IV.7.)
Das faschistische Massenlied.
(IV.8.)
Die Jugendliteratur.

(V.)
Schlusswort.

(VI.)
Literaturverzeichnis.

(I.)
Zum Geleit.

Die Arbeit „Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch“ gründet in ihrer linguistischen Forschungsliteratur zum einen auf einige Aufsatzpublikationen, die im Zuge einer regen Forschungsdiskussion in den 80er-Jahren in den Publikationsorganen „Diskussion Deutsch“ und „Muttersprache“ erschienen sind und zum anderen auf Victor Klemperer und Dolf Sternberger, welche für das Forschungsgebiet der Sprache im nationalsozialistischen Kontext anerkannter Pionierstatus zugesprochen werden kann. Neben der Verdichtung einiger Ergebnisse der sprachwissenschaftlich-sprachkritischen Analysen zum nationalsozialistischen Sprachgebrauch erfolgt eine Prüfung dieser Forschungsergebnisse auf ihre Belegkraft für Formen „verschleierter Gewalt“. Dabei wird der diskursanalytischen Zugang gesucht, dass heißt die anwendungsbezogene Untersuchung von Bedeutung und Wirkung des Sprachgebrauchs im sozialgeschichtlichen Kontext, wobei im Rahmen der thesenhaft argumentierenden Ausführungen die Begriffe Prägung und Funktionalisierung eine große Rolle spielen.

Darauf hingewiesen sei, dass der Prägungsbegriff synonym für einen über Reproduktion gesteuerten sozialen Lernprozess von Verhalten verwendet wird, der Funktionalisierungsbegriff im Kontext der und synonym für die Erfüllung der Gewalt verschleierungswirksamen Aufgabe, während der Gewaltbegriff im situativen wie generellen, personalen wie strukturellen, psychischen wie physischen, verschleierten wie unverschleierten Unterdrückungs- und Unterwerfungszusammenhang im nationalsozialistischen Gesellschaftssystem Anwendung findet.

Die Hausarbeit unterlässt wegen Prioritätensetzung die Eruierung der Forschungsentwicklung zum nationalsozialistischen Sprachgebrauch und ist als ein kleiner Einblick in Verschleierungsstrategien auf verschiedenen Diskursebenen der Gesellschaft im Nationalsozialismus aufzufassen.

(II.)
Der Nationalsozialismus in diskursanalytischer Betrachtung - Ein Einstieg.

Bekannter Vertreter der auf Michel Foucault[1] zurückgehenden Diskursanalyse für den Bereich des Nationalsozialismus ist Siegfried Jäger[2], Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Duisburg. Auch Doris Gorr[3] nutzt die Diskursanalyse in ihrer Dissertation für die Untersuchung nationalsozialistischer Sprachwirklichkeit, um Sprache im propagandistischen Funktionalisierungskontext auf folgender Definitionsbasis zu eruieren:

- „Diskurse sind Sprachereignisse, in denen sich das Bewusstsein und die Lebenspraxis einer Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Sie werden einerseits von den konkreten Rahmenbedingungen einer Gesellschaft strukturiert, aber sie haben andererseits auch die Macht, komplexe Handlungsstrukturen zu steuern, zu verändern, zu begünstigen und zu erzeugen.“

Der Diskursbegriff „[...] als Kategorie zur Beschreibung der Korrelation von Sprechen, Denken und Handeln in einer bestimmten Gesellschaft“[4] verweist auf Machtverhältnisse zwischen Sprache, Denken und Handeln, die von Jürgen Schiewe in einer auch von Gorr zitierten Definition mit ihren sozial eingebetteten Prägungseigenschaften definiert werden:

- „Man kann Sprache selbstverständlich als ein System arbiträrer Zeichen betrachten [...]. Man kann Sprache aber auch betrachten als ein fein strukturiertes Sozialgebilde, das mit dem Denken und unserer Auffassung von Wirklichkeit, unserer Ordnung der Dinge, in einem Zusammenhang steht. [...] Die Wirklichkeit kann das Denken und die Sprache prägen, das Denken kann die Sprache und die Wirklichkeit prägen, schließlich kann auch die Sprache die Wirklichkeit und das Denken prägen. Entscheidend für die Prägung ist die jeweilige sprachliche, individuelle und gesellschaftliche Konstellation, die Sprache und Wirklichkeit bilden.“[5]

Schiewes Schlussfolgerung, der Macht der Sprache durch ihre Prägungseigenschaften über Reflexion entgegenwirkend zu begegnen, indem man Wörter auf ihren Bedeutungsgehalt hinterfragt und die Wörter auf ihre Passung mit den von ihnen besetzten Objekten überprüft, veranlasst ihn zur Frage nach den Reflexionsmöglichkeiten und dem Reflexionspotential zur Zeit des Nationalsozialismus. Er argumentiert in diesem Zusammenhang mit dem Faschismuskonzept Adornos vom „autoritären Charakter“. Die durch Gewalt gestützte Macht der Autoritäten sei für die Lenkung der Menschen über Sprache funktionalisiert worden, ihr Machtfundament nicht unbedingt auf „Überzeugung“, sondern auf „Angst, Bequemlichkeit und Unwissen“ basierend und bauend.[6]

Ebenso wie Klemperer 1946[7], Schiewe 1998 und Jäger 2000[8] gebraucht als diskursanalytisches begriffliches Instrumentarium auch Gerhard Bauer 1988 den Begriff der Prägung, wobei er unter Beachtung gegebener Voraussetzungen die Prägung des gesamtgesellschaftlichen Diskurses auf den Faschismus über das Führerprinzip verdeutlicht:

- „Der vom Faschismus geprägte Diskurs“ gründet nach Bauer auf „[...] akute Unzufriedenheit von Millionen Opfern der Wirtschaftskrise; sie [die nationalsozialistische Bewegung] stützte sich auf den historisch tief eingewurzelten Hang der Deutschen zu gehorchen, sich ‚führen zu lassen’. [...] Das Angebot war zugleich die Vorschrift: Den Menschen wurde etwas geboten, was ihre Wünsche aufnahm, worin sie sich, womöglich zum ersten Mal, voll und laut ausdrücken konnte. Aber damit waren sie auch schon (untergeordnete) Glieder eines Sprachablaufs, der den deutschen Faschismus etablierte und sanktionierte. Sie wollten oftmals nur das ‚Natürliche’, Herkömmliche, Simple sagen, das gleiche wie früher. Dazu aber gab es mit einem Mal – vom Januar auf den März oder höchstens den Mai 1933 – nur noch die faschistisch besetzten Vokabeln, den Diskurs im Stil des neuen Staates. Sie fügten sich ein in das Gerede von ‚Heil’ und ‚Härte’, von ‚Rasse’ und ‚Nation’. Die Norm war nichts Unpersönliches, das machte sie besonders akzeptabel. Die Nazis hatten ihr eine ständig vorgezeigte Verkörperung gegeben, einen Dialogpartner idealen Zuschnitts, ihren herrlichen und unvergleichlichen ‚Führer’. In seiner Person ließ sich das sonst nicht so ganz Verständliche anschauen und gewissermaßen anfassen. Seitdem aber ließ sich kaum noch ein Handschlag tun, der nicht im Namen des Führers oder um seinetwillen geschah oder dessen Möglichkeit man nicht dem Führer verdankte.“[9]

Ebenso wie Schiewe führt Bauer ein so genanntes einfaches, unwissendes, geducktes

(Mitläufer-)Gemüt als Bedingung für die Prägung des gesellschaftlichen Diskurses auf den deutschen Faschismus an, wobei er zusätzlich die wirtschaftliche Notsituation kombinierend integriert – weil der Faschismus diese für eindimensionale Erklärungen („Dolchstoßlegende“, „Versailler Diktat“, „Verschwörung des internationalen Judentums“) bei eindimensionalen Lösungen („Heil [für und durch] Hitler“, „Volksgemeinschaft“, „großdeutsches Reich“) zum Zweck der emotionalen Vereinnahmung der wirtschaftlich in Not geratenen Menschenmassen über das Prinzip Hoffnung auf Erlösung durch einen starken Führer funktionalisiert. Bauer verdeutlicht über das Führerprinzip zum einen die Durchsetzung nahezu aller Diskursebenen, zum anderen den permanenten Wiederholungscharakter von in Sprache gefasster nationalsozialistischer Ideologie über die Begrüßungsformel ‚Heil Hitler’. Diese Permanenz der Transportierung des Führerprinzips rechtfertigt den Begriff der intendierten Prägung des gesellschaftlichen Diskurses und damit des menschlichen Verhaltens auf den faschistischen Diskurs, wie über etliche weitere Beispiele aus dem Alltag im Nationalsozialismus noch aufgezeigt wird.

(III.)
Zur Einbettung des Begriffs der „verschleierten Gewalt“ in den faschistischen Diskurs.

(III.1.)
Zum Verständnis des Begriffs nach Pierre Bourdieu und Hedda Herwig.

In dieser Arbeit werden im „sprachlichen Kontext“ Formen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs herauskristallisiert und als Diskurse verstanden, das heißt „im nicht-sprachlichen Kontext“[10] – in den nationalsozialistischen gesellschaftlichen Rahmen verortet. Über diese Kontextverknüpfung wird versucht, Formen nationalsozialistischen Sprachgebrauchs funktional als Formen verschleierter Gewalt begründend zu identifizieren. Untersucht man Wörter in ihrem Bedeutungsgehalt auf Gewalt, fallen folgende von H. G. Adler getroffene Unterscheidungen an:

- „Drei Gattungen lassen sich leicht hervorheben: 1. unverhüllte Wörter der Gewalt, die sofort und in jedem Zusammenhang in ihrer vollen Meinung verständlich sind wie etwa Mord oder brutal; 2. verhüllende Wörter der Gewalt, denen an sich keine grausame Bedeutung innewohnt oder doch nicht innewohnen müsste wie ohrfeigen für schlagen oder liquidieren für morden; 3. ehemalige Wörter der Gewalt, die heute nur noch oder überwiegend Harmloses ausdrücken wie die Mangel, mit der man die Wäsche rollt, oder radebrechen. Außer diesen drei Gattungen, zwischen denen es Übergänge gibt, müssen wir zwischen eindeutigen und mehrdeutigen Wörtern unterscheiden.“[11]

Analysegegenstand dieser Arbeit ist nicht nur die zweite Gattung, wie man voreilig annehmen kann. Da die Arbeit den diskursanalytischen und damit nicht den primär semantischen Zugang sucht, sind insbesondere auch Wörter der ersten Gattung in ihren diskursiven Wirkzusammenhängen als Formen verschleierter Gewalt fixierbar, was zunächst irritieren mag, aber im Laufe dieser Arbeit begründend dargestellt wird. Nun ist die Frage berechtigt, warum die Verhüllungsfunktion mit dem nationalsozialistischen Sprachgebrauch in Bezug gebracht wird. Hedda Herwig schreibt dieser in ihrer Publikation „Sanft und verschleiert ist die Gewalt...“ von 1992 keinen großen Raum zu:

- „Es ist meines Erachtens – [...] der Nationalsozialismus in seinen Anfängen und Höhepunkten der Machtergreifung und des Machtbesitzes keineswegs ein besonders interessanter Fall von Verschleierungsstrategie. Im Gegenteil: Zwar besaß er, wie alle demagogischen Unternehmungen, verschleierungsstrategische Elemente, in der Hauptsache aber verhießen das nationalsozialistische Programm oder Hitlers oder Goebbels’ Reden ganz klar und deutlich, zu wessen Vorteil und zu wessen Nachteil das NS-Regiment dienen sollte. [...]“[12]

Herwig spielt in ihrem Begründungsansatz auf die Wahl von unverhüllten Wörtern der Gewalt zur Polarisierung von „Ariern“ und „Juden“, einem „großdeutschen Reich“ und der „Ausmerzung des internationalen Judentums“ an. Doch Herwigs Schlussfolgerung, dass der nationalsozialistische Sprachgebrauch wegen seiner Fülle von Wörtern der Gewalt erster Gattung geringe verschleierungsstrategische Funktion hat, weil die Nationalsozialisten diese Funktion auch wegen des unverhüllten, akzeptiert und gefeierten diktatorischen Staatscharakters als Ausweichmanöver nicht benötigten, wie dies in „zivilisierten Demokratien“ notwendig ist, weil dort die „direkte und brutale Ausbeutung unmöglich ist“[13], kann – wie diese Arbeit belegen wird, als eine leicht widerlegbare Schlussfolgerung gewertet werden, da ihr auf die nationalsozialistischen Redefiguren beschränkter Begründungszusammenhang Perspektiven auf den Alltagsdiskurs ausschließt.

Der Titel Ihres Buches „Sanft und verschleiert ist die Gewalt...“

- „[...] ist Pierre Bourdieus Studie über die Kabylen, seinem ‚Entwurf einer Theorie der Praxis’, entlehnt, soweit er dort Verhaltens- und Definitionsstrategien, mit deren Hilfe ausbeuterische Herrschaftsverhältnisse verschleiert werden, als ‚sanfte Gewalt’ bezeichnet hat. Von eben solchen Strategien handle ich im folgenden, und zwar in pointierter Hervorhebung ihrer Eignung, das Erkenntnisvermögen von Menschen derart zu manipulieren bzw. außer Kraft zu setzen, dass Unrecht erst gar nicht als Unrecht bewusst werden kann. [...] Es wird vor allem zu zeigen sein, dass unser gegenwärtiger, alleralltäglichster Umgang unter dem Einfluss von Verschleierungsstrategien bzw. ‚Erkenntnisverhinderungsstrategien’ steht und dass unser geliebtes ‚Privatleben’, das wir als Hort des Schutzes vor politischen Machenschaften begreifen, insoweit geradezu dazu prädestiniert, auf politische Verschleierungsstrategien hereinzufallen.“[14]

Herwig nimmt Bourdieus „Entwurf einer Theorie der Praxis“ als Grundlage für die Verhaltensanalyse von Personen ihres sozialen Umfeldes, wobei sie die auch von Bourdieu identifizierte Rolle der Höflichkeitsnormen für die Schaffung und Stabilisierung von Ausbeutungsverhältnissen betont. Über den Begriff der Kompetenz wird im folgenden grob der Begründungszusammenhang zwischen Ausbeutung und Höflichkeit erläutert, da über ihn beispielhaft der Verschleierungsaspekt von Gewalt verdeutlicht werden kann. So identifiziert Herwig über die Höflichkeitsnormen des in-den-Mantel-Helfens und Feuergebens Verhaltensstrategien, die eine Entwertung der Kompetenz der Frau bei gleichzeitiger Unterordnung unter den Mann erreichen, da dieser – indem er über eine scheinbare Achtbarkeitserweisung der Frau die Rolle des Gebers einnimmt, sein Kompetenzpotential aufwertet, ein Schuldnerverhältnis erstellt und damit das Patriarchat stabilisiert. Dieser den Höflichkeitsregeln inhärente Herrschafts- und damit Ausbeutungscharakter mit der psychischen Folge der kontinuierlichen Selbstwertgefühlminderung der Frau, demaskiert die Gesten als Formen verschleierter Gewalt.

Dass der Mensch sich der Demaskierung von Verschleierungsstrategien widersetzt, weil er „narzistisch“ geleitet sein „illusionär gesetztes Ich-Ideal“ aufrechterhalten will und daher die Perspektive als Opfer und/oder Täter von Verschleierungsstrategien abwehrt, bewertet Herwig als ein die Durchschaubarkeit dieser Gewaltmechanismen verhinderndes „Problem“.

Das Bedürfnis des Menschen nach sozialer Zugehörigkeit und sein auf Verpflichtungsgefühlen aufgebautes schlechtes Gewissen verhindern zudem – so Herwig, auch wenn die Gesten als unangenehm empfunden werden, tendenziell den laut ausgesprochenen Widerspruch, fördern Anpassung und kappen damit die Möglichkeit für ein auch öffentliches Hinterfragen.[15]

Das Verständnis von verschleierter Gewalt nach Herwig wird nun für die argumentative Unterstützung meiner Gegenthese zu Herwig zunächst auf zwei Beispiele aus dem nationalsozialistischen Alltag übertragen und auf die Rechtfertigung dessen überprüft. Prüfgegenstände sind die Begrüßungsformel „Heil Hitler“ und die Rolle der Frau.

In den folgenden zwei Textabschnitten wird einleitend aufgezeigt werden, dass das Höflichkeitsritual und die Kompetenzaufwertung wie -abwertung im Kontext des sozialen Zugehörigkeitswunsches als verschleierungsstrategischen Elemente hohe Relevanz im nationalsozialistischen Alltag haben und herrschaftsstabilisierend wirken.

(III.2.)
Die Rolle der Frau im faschistischen Diskurs als Form verschleierter Gewalt.

Gorr arbeitet über Quellenmaterial heraus, wie über eine öffentliche Kompetenzaufwertung der traditionellen Frauenrolle ihre tatsächliche Kompetenzabwertung verschleiert wird:

- „Durch eine Suggestion der Partizipation am Werdegang des gesamten Volkes wird der Frau scheinbar eine Bedeutung zugedacht, die sie vorher nicht erfahren hatte. [...] Ihr Bedürfnis nach Sinnerfahrung und Anerkennung - auch in der jahrhundertelangen Tradition als Mutter – wird so instrumentalisiert. [...] Bei realer Ausschaltung der Frauen aus politischen Funktionen wird ihre häusliche Welt hier aufgewertet als Teil des Volkes; die mit dem häuslichen Leben verbundene Situation der Isolation und Konzentration auf die Familie sowie die wirtschaftlichen Nachteile werden schmackhaft gemacht, indem gerade dieses Leben als besonders bedeutsam für die Nöte des Volkes erscheint. [...] “[16]

Indem auf die Frau über die jährlich fest datierte Verleihung von „Mutterverdienstkreuzen“ feierlich ein öffentliches Rampenlicht für ihre mehrfach privat bewiesene Gebärfähigkeit gerichtet wird, indem über gezielte Frauenpropaganda die Frau in Gebärfunktion in politischen Reden und Zeitschriften als politisch „vollwertiges Mitglied und Bedeutungsträger der modernen Volksgemeinschaft“ charakterisiert wird, wird sie in den medialen und politisch-ideologischen Diskurs für den systemstabilisierenden Zweck fest verstrickt. Das über die Ehrung der Frau erstellte Verbindlichkeitsverhältnis drängt die Frau, wie auch bei Herwig formuliert, in die an das Verhältnis bindende Rolle der Schuldnerin, die dem Staat zu einem weiteren Kind verpflichtet ist.

Auf Basis dieser über die mediale Reproduktion gesicherten Gewöhnung an die traditionelle weibliche Rolle im Dienste des Staates über ihre öffentlich aufwertende Thematisierung ist die These gerechtfertigt, dass die tatsächliche private Isolation, die Abhängigkeit vom Mann und die Einschränkung der kognitiven Weiterentwicklung der Frau durch die Bindung an intellektuell nicht fordernde Aufgaben im Haus verschleiert wird. Fazit ziehend kann demnach mit der sich wiederholenden öffentlichen Kompetenzaufwertung eine Verschleierung des Ausbeutungsverhältnisses über die Strategie der Befriedigung von Zugehörigkeitsbedürfnissen und Bedürfnissen nach anerkannter Sinnstiftung konstatiert werden. Dass für die Bedeutungsschmälerung von Nachteilen zudem mit Euphemismen gearbeitet wird, welche die Frau in die Rolle der stillen, lächelnd Leidenden für das Wohl anderer, demütig Ertragenden und für dieses Leid zudem noch Dankenden drängen, zeigt das extreme Ausmaß der Funktionalisierung von verschleierter Gewalt, denn die emotionale Bestückung von Kräfte raubender Hausarbeit mit zufriedenem Eifer verschleiert den Ausbeutungscharakter der häuslichen Hingabe. Das abschließende Zitat aus dem Artikel „Dankeworte einer Frau“ – der nationalsozialistischen Zeitschrift „Das Buch für alle“ entnommen, macht prägnant die Ausbeutung der Frau durch ihr prägungsintendiertes Hineindrängen in die Rolle der Masochistin über den medialen Diskurs sichtbar, wobei ihre freudige Servilität als Kompetenzaufwertung vermarktet wird. Die mit der Versagung von Selbstansprüchen für Fremdansprüche verbundene Abwertung der Frau wird dadurch verschleiert:

- „Aus dem schlichten, stillen Tagewerk der Frau kommen diese Dankworte. Denn in diesem Tagewerk der Liebe und Fürsorge für den Gatten und die Kinder ist überall sinnfällig, was sich im Deutschland des Führers gewandelt hat. [...] Die Familie wurde als Keimzelle des Staates geschützt und die Mutter als Bewahrerin und Erzieherin des neuen Geschlechts geehrt. [...] Das war das Schwerste in der Vergangenheit, dass man fast den Glauben an die Zukunft verloren hatte. Man hastete am Tage mit seinen Mühen und Plagen und fragte bitter nach dem Wozu. Heute aber tut die Frau ihre Arbeit von früh bis spät mit heimlichem Lächeln, denn sie wirkt an ihrem Platz im kleinen Kreis für etwas Heiliges: für das Großdeutschland ihrer Kinder.“[17]

(III.3.)
Die Begrüßungsformel „Heil Hitler“ im faschistischen Diskurs als Form verschleierter Gewalt.

Im folgenden wird aufgezeigt, wie der Nationalsozialismus den Gruß als Höflichkeitsregel ideologisch anpasst und welche Folgen dies für den Grußprozess, das Subjekt und den gesellschaftlichen Diskurs hat. Dabei wird ein Schwerpunkt auf die Begründung dieses ja unverschleiert ideologischen Grußes als Form verschleierter Gewalt im Sinne Herwigs gelegt.

[...]


[1] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt 1974.

[2] Jäger, Siegfried: Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte. 5. Auflage. Duisburg 1994. (=DISS-Texte, 16).

[3] Gorr, Doris: Nationalsozialistische Sprachwirklichkeit als Gesellschaftsreligion. Eine sprachsoziologische Untersuchung zum Verhältnis von Propaganda und Wirklichkeit im Nationalsozialismus. Aachen 2000. (teilw. zugl. Duisburg Universitätsdissertation, 1999.)

[4] Gorr, Doris (2000): S. 44.

[5] Schiewe, Jürgen: Die Macht der Sprache: eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München 1998. S. 219.

[6] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998): S. 219.

[7] Vgl. Klemperer, Victor: LTI. Die unbewältigte Sprache. Aus dem Notizbuch eines Philologen. 3. Auflage. München 1969. S. 90 bis S. 92; S. 115; S. 129; S. 135; S. 190; S. 238. Anmerkung: Klemperer gebraucht den Begriff der Prägung in der Regel zur Charakterisierung der Wirkung von Wörtern, Phrasen, Versen und Spruchbändern auf das Denken, indem er diese als „einprägsam“ kennzeichnet, da sie sich leicht in das Gedächnis „einprägen“.

[8] Vgl. Jäger, Siegfried: Unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags vom 04.07.2000 an der Universität Bonn zur Veranstaltungsreihe ‚Wissenschaft im Nationalsozialismus’. Duisburg 2000. S. 1 bis S. 22.

[9] Bauer, Gerhard: Sprache und Sprachlosigkeit im „Dritten Reich“. Köln 1988. S. 58 bis S. 59. Vgl. auch Klemperer, Victor (1969) in Kapitel 33 zur „instinktbegabten Hammelherde“: Gefolgschaft. S. 239 bis S. 247.

[10] Vgl. Jäger, Siegfried: Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte. 5. Auflage. Duisburg 1994. (=DISS-Texte, 16). S. 35.

[11] Adler, H.G.: Wörter der Gewalt. In Muttersprache. 1965. Vol. 75. Heft 7-8. S. 214 bis S. 215.

[12] Herwig, Hedda, J.: „Sanft und verschleiert ist die Gewalt...“ Ausbeutungsstrategien in unserer Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg 1992. S. 291.

[13] Herwig, Hedda, J.: (1992): S. 9.

[14] Herwig, Hedda, J.: (1992): S. 9 bis S. 10. Vgl. Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main 1976.

[15] Herwig, Hedda, J.: (1992): S. 22 bis S. 29.

[16] Gorr, Doris (2000): S. 117.

[17] Dankeworte einer Frau. In: Das Buch für alle. Familienzeitschrift mit Versicherung. 1938. Heft 22. (o.S.). Zitiert aus: Gorr, Doris (2000): S. 118 bis S. 119.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (FB Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Sanft und verschleiert ist die Gewalt (Bourdieu)
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V10319
ISBN (eBook)
9783638167772
ISBN (Buch)
9783638641401
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formen, Gewalt, Sprachgebrauch, Sanft
Arbeit zitieren
Isabel Ebber (Autor), 2002, Formen verschleierter Gewalt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10319

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