Frisch, Max - Homo Faber - Inwieweit lassen sich in Homo Faber Ansätze einer Selbsterkenntnis des Protagonisten feststellen?


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

9 Seiten


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- Ausführung-

Max Frisch hat in seinem berühmten Werk, Homo Faber, wie schon in seinem Vorgänger,Stiller, das Problem der Identitätsfindung behandelt.Doch nachdem Stiller als ein Mensch porträtiert wird, der sich seiner Exzentrität mitten in einer exzentrischen Welt tief bewußt wird, wird in Homo Faber das Problem auf den Kopf gestellt.Antol Stillers Geschichte begann mit der Erkenntnis einer allgemeinen Personalitätsorientierung, die Walter Fabers hingegen endet damit.

Er kämpft zwar darum, seine alte Identität aufrechtzuerhalten jedoch lassen sich trotzdem Ansätze einer Selbsterkenntnis feststellen.[1]

Walter Faber will sich selbst als einen Techniker, der alles berechnen und der auch im Berufsleben als Ingenieur unentbehrlich ist, sehen.Dass sich der angeblich "sachliche" Technicker jedoch durch sein Wunschdenken zu elementaren Fehlern hinreissen lässt, macht einen Selbstbetrug Fabers und seine Blindheit gegenüber tatsächlichen Umständen, die durch die Natur oder auch durch das Schicksal verursacht sind, deutlich.Beides sind Faktoren, die Faber von vorneherein ablehnt.SeineAbneigung gegen alles unordentlichWuchernde, und gegen das Vegetative kommt in dem Leitmotiv des Rasierens, wie auf S.10/10 "(...)ich vertrage es nicht, unrasiert zu sein (...)", zum Ausdruck.Auch dass er nichts von Schicksal oder Fügung hält macht er gleich zu Anfang deutlich."Ich glaube nicht an Schicksal oder Fügung, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen."[2]oder "Mathematik genügt mir."[3]könnten fast als Lebensmotto des Techniker Fabers gelten.

Das Mathematik allein doch nicht reicht, zeigt zum Beispiel seine

Dissertation über den Maxwell`schen Dämon.Der Maxwell`sche Dämon ist ein Gedankenexperiment des britischen Physikers James Clark Maxwell(1831-79), des Schöpfers der modernen Elektrodynamik, das auf die Umkehrung der Entropie und die Schaffung eines Perpetuum mobile hinausläuft.[4]Der Entropiesatz schließt aber schon die Möglichkeit einer Abnahme der Entropie, also dem Maß der Unordnung von dem ausgegangen wird, dass es zwangsläufig zunimmt, da Unordnung ein wahrscheinlicherer Zustand ist als Ordnung, und die Existenz eines Perpetuum mobile aus.[5]Als Faber darüber siniert warum sich ein Fahrgestell wie ein Dämon verhalten solle kommt auch der Maxwell`sche Dämon, "der bekanntlich keiner ist"[6]zur Sprache.Denn die Umkehrung unumkehrbarer Prozesse und die Unsterblichkeit eines energieerzeugenden Apparats, also eines Perpetuum mobile sind gar nicht möglich.Es sei denn man hebt die Unordnung, die Unumkehrbarkeit und die Zeit auf.[7]Gerade dies entspricht Walter Fabers Wunschdenken.

Neben der Natur, der Unordnung und dem Schicksal möchte er auch nicht die Zeit und somit sein Alter wahrhaben.

Einen weiteren Fehler, einen Selbstbetrug Fabers, findet sich bei der Berechnung von Sabeths Geburtsjahr.Nachdem er sich die Daten zurechtlegte, bis die Rechnung wirklich stimmte[8],kommt er zu dem Schluß: " Sie konnte nur das Kind von Joachim sein!"[9]Hier trifft sehr gut das Urteil über den Ingenieur von Max Horkheimer : Der Ingenieur ist nicht daran interessiert, die Dinge um ihrer selbst willen zu verstehen, sondern im Hinblick darauf, dass sie geeignet sind in ihr Schema zu passen(...), zu.Faber sieht sich als solch einen Ingenieur und verhält sich als solch einer.Er meint alle Fakten getreulich wiederzugeben, doch in Wahrheit begeht er nicht nur mathematische Denkfehler sondern ist auch "blind" gegenüber dem Wesentlichem,vor dem er teilweise auch bewußt die Augen verschließt."Ich bin ein Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind.Ich sehe alles wovon sie reden sehr genau;ich bin ja nicht blind."[10]Dass er aber doch "blind" ist zeigt sich darin, dass er die Ähnlichkeit Sabeths mit Hanna erst gar nicht sieht.Auf S.72 versucht er seine Ahnungslosigkeit zu beweisen.Er konnte ja nicht wissen, dass das Mädchen mit dem rötlichen Roßschwanz, in das er garnicht verliebt war, seine eigene Tochter war.Der Gedanke bei ihrem Anblick "Ihr Hanna-Mädchen-Gesicht!"[11]zeigt jedoch, dass Walter Faber auf dem Schiff sehr wohl schon eine Ahnung hatte, doch ihre Ähnlichkeit mit Hanna ist ihm immer seltener in den Sinn gekommen, je vertrauter sie sich geworden sind.[12] Andere unangenehme Tatsachen verdrängt er sobald er sie gesehen hat.Nachdem der Kellner in einem Pariser Restaurant sich vergewissert, ob denn Herr Faber seinen Fisch wirklich mit Rotwein essen möchte, wird Faber richtig wütend, weil ihn dieser Kellner so unsicher machte[13]."Ich habe schließlich nicht nötig Minderwertigkeitsgefühle zu haben".[14]Gleich darauf flüchtet sich Faber in seine beruflichen Erfolge und in seine Weltläufigkeit ,um diese Situation, die ihm zeigt, dass er nicht überall mit seinem Wissen gefragt ist,schnellstmöglich zu verdrängen. Des weiteren versucht der Magenkrebskranke immer wieder Gedanken an seine Krankheit und seinen Tod zu verdrängen."(...)es war ein Schwindelanfall, nichts weiter, Schweißanfall mit Schwindel."[15]redet er sich ein nachdem er In der Toilette zusammengebrochen war.Auch das immer wieder auftretende Spiegelmotiv zeigt das Verdrängen der Krankheit von Faber.Im Roman befinden sich drei Spiegelszenen doch erst in der letztn mustert er sich genau und ausgiebieg."Die Diakonissin hat mir endlich einen Spiegel gebracht-ich bin erschrocken."[16]Wie in den beiden anderen Spiegelszenen versucht Faber auch hier noch einmal, die Erkenntnis der wahren Zusammenhänge zu verdrängen.Schon im dritten Satz ist er nur noch etwas erschrocken, dann wählt er eine Lage, in der er angeblich unverändert aussieht, und schließlich findet er:" Kein Grund zum Erschrecken, es fehlt mir nur an Bewegung und frischer Luft, das ist alles."[17].Wie in Houston und wie bei der schlafenden Erynnye versucht er den erschreckenden Effekt auf die Beleuchtung zurückzuführen.[18]

Ein weiteres Motiv des Romans, das den Leser an die tödliche Krankheit Fabers erinnert ist das Motiv des Todesboten Professor O.Wie Faber leidet auch Professor O. an Magenkrebs.Walter Faber beschreibt anschaulich das Aussehen des kranken Mannes "Sein Gesicht ist kein Gesicht mehr, sondern ein Schädel mit Haut darüber(...)"[19], doch er verdrängt Parallelen zu seinem Aussehen und Zustand.Bald nach seinem Erscheinen in Zürich stirbt der Professor für Elektrodynamik und spiegelt Fabers eigene Entwicklung voraus.Professor O.s Einladung zum Aperitif lehnt er ab da er lieber mit Sabeth in die Opera gehen will.Obwohl er todkrank ist, wendet sich Walter Faber dem Leben zu.Mit der Tatsache, dass er sich mit jemanden, der 30 Jahre jünger ist verabredet, zeigt sich dass er sowohl sein Alter, wie auch seine Krankheit und seinen nahen Tod verdrängen will.[20] Die Unzulänglichkeit seiner Denkweise beginnt er im zweiten Teil des Buches, das er "zweite Station" nennt, zu erkennen..Erst auf S.197, 7 merkt man, dass er Zweifel an der Richtigkeit seines Maxwell`schen Dämon hegt.Auch mit seiner Rechnung, "Sie konnte nur das Kind von Joachim sein!"[21]ist er sich auf S.142 "(...)wie vor zwanzig Jahren, fand ich, beziehungsweise vor einundzwanzig Jahren."nicht mehr so sicher.Erhat jedoch nur Zweifel an seiner Rechnung und die Wahrheit, dass Sabeth seine Tochter ist, muss im Hanna erst vor Augen führen. Als Faber nach Sabeths Tod seine Schuld erkannt hat, die darin liegt, dass er früher "blind" gegenüber den Zusammenhängen war, reagiert er wie Ödipus."Warum nicht diese zwei Gabeln nehmen, sie aufrichten in meinen Fäusten und mein Gesicht fallen lassen, um die Augen lozuwerden?"[22]Auch erkennt Walter Faber, dass sich sein allgemeines Frauenbild, in dem die Frau kein technisches Verständnis hat und somit gleich niederen Ranges ist, ändern muß.Schon Sabeths unübliches Verständnis und Interesse an Technik, das sich zeigt als sie mit Faber zusammen den Maschienenraum besichtigen möchte,[23]erstaunt ihn.Gegenüber Hanna zeigt er am Ende sogar Minderwertigkeitskomplexe als er erkennen muß, dass sie doch keine "Schwärmerin und Kunstfee"[24], sondern eine anerkannte Wissenschaftlerin.Sie ist eine starke Frau, die auf eigenen Füßen steht und keinen Mann zur Unterstützung oder gar zur Erziehung ihres Kindes braucht.Doch nicht nur in Bezug auf Hanna muß er sich eingestehen, dass er nicht unbedingt gebraucht wird.Wie schon bei Fabers Pariser Aufenthalt, "Die Konferez ging mich nichts an."[25], demonstriert der Bericht auch in Caracas, "Die Montage ging in Ordnung-ohne mich", die Entbehrlichkeit des Protagonisten bei eben der Arbeit, die er bislang mit seinem Leben identifizierte.

Auf Kuba scheint Fabers Haltung immer mehr zu bröckeln. Er schließt sich dem abschätzigen Urteil Marcels, dem Ruinen-Freund,über "The American Wy of Life"[26]an.Doch richtig deutlich wird er selbst mit seiner neugewonnenen Erkenntnis nicht, denn er zereisst den Brief "(...)weil unsachlich."[27]Er macht hier einen Rückzieher und verfällt wieder in seine alte Haltung.Am Ende derKubaepisode treffen wir jedoch noch auf eine weitere Erkenntnis, die er auch wirklich durchzieht , "Nur die Filme ließ ich zurück."[28].Er gibt zu, dass Hanna recht hatte,dass sowieso alles vergeht und nachher ist es auch nicht mehr als ein Film.Dass die Herstellung von Abbildungen das Vergehen nicht aufhält, vielmehr um so schmerzhafter ins Bewußtsein zu heben vermag, erlebt Faber in Düsseldorf.Man sieht die Bilder vom am Draht hängendem Joachim, aber man riecht nicht den Gestank und man spürt nicht die Hitze.Auffällig sind auf Fabers Kuba Reise die vielen Verben der Wahrnehmung.Er nimmt die Umgebung bewußter wahr." Mein eigener Schatten auf dem Meeresgrund:"[29]Dieses auffällig wiederholte Wort Meeresgrund signalisiert Fabers Bedürfnis, den Zusammenhängen in seinem Leben auf den Grund zu gehen.[30]Er hat die Vergänglichkeit seinens Lebens erkannt und scheint auf S.199, "Auf der Welt zu sein(...)Ewig sein:gewesen sein." ins Gegenteil seiner früheren Haltung zu verfallen, in den Lobpreis bloßen Lebens.Man kann sagen, dass es Faber auf seinen Reisen bewusst geworden ist, dass er sich mit seinem Leben auseinander setzen muss.Er stirbt im Bewusstein seiner Schuld und er hat erkannt, dass es zum wirklichen Leben gehört, den Tod zu akzeptieren.

Leider kommen diese Einsichten, die Faber zu einem neuen Leben geholfen hätten zu spät."Licht, das man mit dem Tod bezahlen müsste, aber sehr schön(...)"[31]Faber kommt erst über Sabeths Tod und in der Nähe des eigenen zu erleuchtenden Einsichten, die ihm ein erfülltes Leben schenken könnten.

Primärliteratur: Max Frisch:Homo

Faber.Ein Bericht.12.Auflage.Frankfurt a.M.:Suhrkamp 1957 Sekundärliteratur:

Arnold, Heinz Ludwig:Heft 47/48:Text + Kritik:Max Frisch.Dritte, erweiterte Auflage. 1983 Durm, Elisabeth:Max Frisch:Homo Faber.Interpretationshilfe Deutsch.Freising:Stark 1999 Müller-Salget, Klaus:Max Frisch:Homo Faber.Erläuterungen und Dokumente.1.Aufl.Stuttgart:Reclam.

[...]


[1] Michael Butler, S.20

[2] Homo Faber, S.22

[3] HF, S.22/12

[4] Klaus Müller-Salget, S.44

[5] K. Müller-Salget, S.45

[6] HF, S.197/7

[7] K. Müller-Salget, S.45

[8] vgl.HF, S.121

[10] HF, S.24

[11] HF, S.94

[12] vgl.HF, S.115

[13] vgl.HF, S.97

[14] HF,S97

[15] HF, S.11

[17] HF, S.172

[18] vgl.K.Müller-Salget, S.96

[19] HF, S.102

[20] vgl. E.Drum, S.32

[22] HF, S.192

[23] vgl.HF, S.86,87

[24] HF, S.47

[25] HF, S.103

[26] HF, S.175

[27] HF, S.177

[29] HF, S.176

[30] vgl.K. Müller-Salget

[31] HF, S.196

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Details

Titel
Frisch, Max - Homo Faber - Inwieweit lassen sich in Homo Faber Ansätze einer Selbsterkenntnis des Protagonisten feststellen?
Autor
Jahr
2001
Seiten
9
Katalognummer
V103223
Dateigröße
339 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frisch, Homo, Faber, Inwieweit, Ansätze, Selbsterkenntnis, Protagonisten
Arbeit zitieren
Lucia Feustel (Autor), 2001, Frisch, Max - Homo Faber - Inwieweit lassen sich in Homo Faber Ansätze einer Selbsterkenntnis des Protagonisten feststellen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103223

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