Frauen als Zielgruppe im Wahlkampf der KPD. Eine ikonologische Bildinterpretation eines Wahlplakates von 1930


Hausarbeit, 2021

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritik
2.1. Äußere Kritik und vorikonographische Betrachtung
2.2. Innere Kritik und ikonographische Analyse

3. Wahlkampf der KPD um „werktätige Frauen" zur Reichstagswahl 1930 und ikonologische Bildinterpretation
3.1. Die „werktätige Frau" der Weimarer Republik
3.2. Die Frau als Wählerin des Reichstag
3.3. Wählerinnen der KPD 1930 und die kommunistische Frauenpolitik

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Vielen ist die Weimarer Republik durch den schulischen Geschichtsunterricht ein Begriff, als Synonym für eine Zeit politisch radikaler Kämpfe und als Sprungbrett für die nationalsozialistischen Faschistinnen zur Macht. Die Weimarer Republik steht jedoch für viel mehr: für das erste parlamentarische demokratische Staatssystem Deutschlands, einen kulturellen und gesellschaftlichen Aufschwung und auch für große Fortschritte bei der Emanzipation der Frau. Gesellschaftliche Prozesse, wie der hohe Grad an Industrialisierung in Deutschland, und die Folgen des ersten Weltkrieges zwangen die patriarchisch dominierte Gesellschaft das traditionelle Frauenbild aufzubrechen und Frauen neue Freiheiten und Möglichkeiten zu bieten. Frauen gewannen neue politische Macht und wurden für die Republik unverzichtbare Arbeitskräfte. Durch ihre soziale Stellung und ihr soziales Milieu wurde ihre Politisierung stark beeinflusst. Politische Parteien hatten neue Aufgaben, sie mussten die Themen der neuen Zielgruppen angehen und um diese weiblichen Wählergruppen werben.

Die KPD1 warb zur Reichstagswahl im September 1930 mit Hilfe von Wahlplakaten um die Stimmen der von ihr betitelten „werktätigen Frauen".2 Unter genauer Betrachtung des Wahlplakats stellt sich die Frage der Rechtfertigung, diese begrenzte Wählerinnengruppe anzusprechen. Warum sollte es lohnend sein nur die „werktätigen Frauen" anzusprechen und wie erfolgreich war diese Werbeaktion. Diese beiden Dimensionen, die Rechtfertigung und der Erfolg, werden in der Frage welchen Einfluss die im Wahlplakat umworbenen „werktätigen Frauen" auf das Wahlergebnis der KPD bei der Reichstagswahl 1930 hatten, zusammengefasst. Zum Abschluss dieser Arbeit wird diese Frage beantwortet werden können. Es ist davon auszugehen, dass der Wahlkampf der KPD zur Reichstagswahl 1930 um die „werktätigen Frauen" erfolgreich, sowie gerechtfertigt war.

Um die oben genannte Fragestellung abschließend beantworten zu können, wird zuerst das Wahlplakat der KPD zur Wahl 1930 vorikonographisch betrachtet, dann ikonographisch analysiert und im Anschluss ikonologisch interpretiert. Bei der ikonologischen Bildinterpretation wird damit begonnen, den auffallenden Terminus der „werktätigen Frauen" zu definieren, dabei werden unter anderem das Geschlechterbild und die Arbeitsfelder der Frauen dieser Zeit betrachtet. Um den politischen Einfluss der „werktätigen Frauen" bestimmen zu können, muss die politische Frau untersucht werden, die politische Partizipation und die Geschlechterverhältnisse bei Wahlen sind dabei besonders wichtig. Um das Verhältnis zwischen der umworbenen Wählerinnengruppe und dem Wahlkampf der KPD zu ermitteln, müssen als letzter Schritt in der ikonologischen Bildinterpretation die Frauenpolitik und das Wählermilieu der KPD beleuchtet werden. Abschließend wird in der Schlussbetrachtung versucht die Fragestellung zu beantworten.

Archivar*innen sind immer von ihrer Gegenwart geprägt, sodass öffentliche Archive erst in den letzten Jahrzehnten begonnen haben Quellen zum Thema Frauen in der Weimarer Republik systematisch zu sammeln und Vernachlässigungen auszugleichen. Seit den 1970er Jahren wurde dies auch schon von Privatarchiven gemacht. Die heutige Quellenlage ist stark verbessert.3 Die Forschung zu Frauen in der Weimarer Republik ist mittlerweile weit vorangeschritten, die Frauen- und Geschlechtergeschichte steht, auch aufgrund von aktuellen Defiziten und Errungenschaften, im Fokus der Öffentlichkeit. Dennoch ist die Literatur und Quellenlage zur Frauenpolitik der KPD spärlich. Die mäßig-gute Quellenlage und der heutige Forschungsstand werden es schwer machen, die Wahlen der Reichstagswahl in Bezug auf die Wählerinnen der KPD 1930 zu analysieren.

2. Kritik

2.1. Äußere Kritik und vorikonographische Betrachtung

Das vorliegende Wahlplakat ist ein Überrest aus dem Wahlkampf der KPD zur Reichstagswahl 1930. Die bewiesene Existenz und die zeitliche Übereinstimmung des Verantwortlichen des Wahlplakats, dem KPD-Funktionär und Mitglied des Reichstags Ernst Schneller4, und der Druckerei, dem KPD eigenem Unternehmen Peuvag5, beweisen die Echtheit des Plakats. Das Plakat ist in einer schlichten Farbkombination aus weiß, grau und rot gehalten. Auf der linken Seite sieht man in Grau eine Frau mittleren Alters, in einem knielangen Mantel, die auf einer Ziegelmauer vor drei Schornsteinen und einer Rauchwolke steht, dabei die linke Faust in die Luft streckend. Rechts neben der Frau sind lebensgroß in Rot Hammer und Sichel abgebildet. Auf der Ziegelmauer ist der Grafiker des Plakats Max Gebhard verewigt „ko-prop gebhard".6 Über dem Kopf der Frau steht in roter Schrift „werktätige Frauen", über dem Hammer „kämpft für uns!" und unter den Abbildungen „wählt Kommunisten Liste 4". Am unteren Rand des Plakats ist das Impressum angegeben: „Verantwortl.: Ernst Schneller, M.d.R., Berlin. Druck: Peuvag, Berlin. IV/7". Gerichtet an weibliche Wahlberechtigte, versucht die KPD mit diesem Plakat ihre Zielgruppe zu mobilisieren.

2.2. Innere Kritik und ikonographische Analyse

Zur Reichstagswahl vom 14. September 1930 ließ das Mitglied des Reichstages Ernst Schneller für die KPD vom kommunistischen Grafiker Max Gebhard ein Wahlplakat gestalten, das von der KPD eigenen Druckerei „Papiererzeugungs und -verwertungs A.G.", kurz „Peuvag", gedruckt wurde.7 Diese Quelle ist ein Überrest der politischen Mobilisierung in der Weimarer Republik. Das Wahlplakat ist eine Collage linkspolitischer und kommunistischer Symbolik. Die Zielgruppe des Wahlplakats wurde klar benannt: Werktätige Frauen. Eine dieser „werktätigen Frauen" wurde auf dem Wahlplakat im Vordergrund einer Industriefabrik, neben einem lebensgroßen roten „Hammer und Sichel"-Symbol abgebildet, sie streckt die linke Faust in die Höhe. Die erhobene Faust ist ein Erkennungszeichen linker politischer Gruppen und ein Symbol für Widerstand.8 Als selbstinszenierte Partei der Arbeiter, ist es offensichtlich, dass die abgebildete Frau eine Arbeiterin darstellen soll. „Hammer und Sichel" wurden als Parteiemblem kommunistischer Parteien nicht nur in Deutschland genutzt, das sowjetische Symbol soll die Arbeiterklasse darstellen, der Hammer steht für die Industriearbeiter und die Sichel für die Landarbeiter.9 Die Farbe Rot, die das Plakat prägt, ist schon seit dem 19. Jahrhundert die Farbe der Arbeiterbewegung und wurde auch von der KPD als Parteifarbe übernommen.10 Das Wahlplakat mit seinen klaren, offenen und deutlich kommunistischen Symboliken und Aussagen sollte eine weibliche, der sogenannten „Arbeiterklasse" angehörende Wählerschaft zum Wählen für die KPD bei den Reichstagswahlen 1930 beeinflussen. Die Reichstagswahlen vom 14. September 1930 kamen nach einem Verfassungsbruch der Regierung Brüning zustande, in dessen Folge das Parlament aufgelöst und Neuwahlen veranlasst wurden. Der Wahlkampf war geprägt durch die Weltwirtschaftskrise und die wachsende Massenarbeitslosigkeit im Deutschen Reich. Die großen Gewinner der Wahl waren die republikfeindlichen Parteien KPD und besonders die NSDAP11, sie kamen auf über 77 und 107 Mandate im Reichstag. Die politischen Kämpfe wurden immer öfter auf die Straßen und in die Säle getragen, die SPD12, die KPD und die NSDAP, sowie deren Paramilitärs der „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", der „Rotfrontkämpferbund" und die „SA" und „SS" standen sich feindlich gegenüber und hatten mehrere hunderttausend Mann zur Verfügung.13 Trotz des Frauenwahlrechts waren Frauen in der Politik stark benachteiligt, die Parteistrukturen waren männlich und wurden nur durch gesonderte Frauenorganisationen ergänzt, um Wählerinnen zu gewinnen.14 Die KPD versuchte zwar Wählerinnen zu gewinnen, war allerdings eine fast reine Männerpartei mit einem Frauenanteil von nur circa 16 Prozent.15 Dennoch versuchte die KPD mit diesem Wahlplakat „werktätige" Frauen anzusprechen, damit diese für die Partei und somit für eine „revolutionäre" Veränderung, für eine kommunistische Ideologie kämpfen, dies wird noch einmal in der Aussage deutlich „Kämpft mit uns!".

3. Wahlkampf der KPD um „werktätige Frauen" zur Reichstagswahl 1930 und ikonologische Bildinterpretation

3.1. Die „werktätige Frau" der Weimarer Republik

Das gesellschaftliche Bild der Geschlechterrolle der Frau veränderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachhaltig. Zwischen 1914 und 1919 wandelte sich aufgrund des ersten Weltkrieges die Vorstellung der klassischen Frauenarbeit. Seit Beginn des Krieges wurden Frauen verstärkt als Arbeiterinnen und Schreibkräfte beschäftigt. Dies verursachte einige Änderungen des gesellschaftlichen Werteverständnisses. Unter anderem die Zwänge der rollenspezifischen gesellschaftlichen Kleiderordnung, die besonders im Hinblick auf die Bewegungsfreiheit bei der Unterdrückung der Frau eine zentrale Rolle spielte, mussten durch die neuen Beschäftigungsmöglichkeiten gelockert werden. Der erste Weltkrieg wirkte als Katalysator auf die Frauenemanzipation. Zwar wurden Frauen nach dem Krieg zugunsten der männlichen Kriegsheimkehrer zu großen Teilen, durch die Demobilisierungspolitik der Weimarer Regierung a la Status quo ante bellum, aus ihren Berufen vertrieben, aber dennoch konnte der Prozess der veränderten Geschlechterrolle nicht rückgängig gemacht werden.16 So war es nicht mehr möglich, gänzlich auf die weibliche Arbeitskraft zu verzichten. Arbeitsfelder in denen Frauen zwischen 1919 und 1933 hauptsächlich beschäftigt wurden, waren die Industrie und Landwirtschaft, die Verwaltung, in der Unterhaltung und als Hausangestellte. In den Bereichen waren Frauen unter anderem als Arbeiterinnen, Sekretärinnen und Schreibkräfte eingestellt. Unentgeltlich mussten viele Frauen, oftmals neben ihren Jobs, auch als Ehefrauen und Mütter den Haushalt machen und waren zusätzlich, oftmals allein, für die Kindererziehung zuständig. Dies bedeutete eine Doppel- bzw. Dreifachbelastung für viele.17

[...]


1 Kommunistische Partei Deutschlands, folgend als KPD abgekürzt.

2 Siehe Anhang 1: Wahlplakat der KPD von 1930

3 Vgl. Ute Elbracht/ Esther-Julia Howell, Quellen zur Geschichte der Neuen Frauenbewegung im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. 2016. S. 365

4 Vgl. www.bundesstiftung-aufarbeitung.de: Biographische Datenbanken - Ernst Schneller (https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische- datenbanken/ernst-schneller, letzter Stand: 15.29 Uhr, 11.03.2021)

5 Vgl. www.bundesstiftung-aufarbeitung.de: Biographische Datenbanken - Otto Gäbel (https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische- datenbanken/otto-gaebel, letzter Stand: 15.32 Uhr, 11.03.2021)

6 Vgl. www.deutsche-digitale-bibliothek.de: Plakat der KPD zu den Reichstagswahlen am 14. September 1930 (https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/RNEH5XY5RN2FCHV5MFAZZ3PWZY5SAZ3X, letzter Stand: 15.35 Uhr, 11.03.2021)

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Bild, In: Roter Frontkämpferbund, Armeemuseum der DDR (Hrsg.). Dresden. 1984. S. 11

9 Vgl. Arnold Rabbow, dtv-Lexikon der politischen Symbole. München. 1970. S. 79

10 Vgl. ebd. S. 199

11 Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei, folgend NSDAP abgekürzt.

12 Sozialdemokratische Partei Deutschlands, folgend SPD abgekürzt.

13 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Reinhard Sturm, Die Zerstörung der Demokratie. 2011. (https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39537/zerstoerung-der- demokratie?p=all, letzter Stand: 14.38 Uhr, 13.03.2021)

14 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Kirsten Heinsohn, „Grundsätzlich" gleichberechtigt. 2018. (https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/weimarer-republik/277582/emanzipation, letzter Stand: 15.17 Uhr, 13.03.2021)

15 Vgl. Dirk Lau, Wahlkämpfe der Weimarer Republik. Mainz. 1995. S. 71

16 Vgl. Bonnie S. Anderson/Judith P. Zinsser, Eine eigene Geschichte. Frauen in Europa. (Bd. 2) Frankfurt am Main. 1995. S. 229 - 245

17 Vgl. Ulla Knapp, Frauenarbeit in Deutschland zwischen 1850 und 1933. (Teil 1) 1983. S. 54 - 81

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Frauen als Zielgruppe im Wahlkampf der KPD. Eine ikonologische Bildinterpretation eines Wahlplakates von 1930
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Institut für Gesellschaftswissenschaften und Theologie Seminar für Geschichte und Geschichtsdidaktik)
Veranstaltung
Einführung in das geschichtswissenschaftliche Arbeiten
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1032241
ISBN (eBook)
9783346419620
ISBN (Buch)
9783346419637
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weimarer Republik, KPD, Frauenwahlrecht, Frauenpolitik, 1930, Reichstagswahl, Wählerin, Wählerin der KPD, "werktätige Frauen", Wahlplakat
Arbeit zitieren
Lenny Kressel (Autor:in), 2021, Frauen als Zielgruppe im Wahlkampf der KPD. Eine ikonologische Bildinterpretation eines Wahlplakates von 1930, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1032241

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