Goethe, Johann Wolfgang von / Plenzdorf, Ulrich - ein Vergleich der Novellen


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

4 Seiten, Note: 2+


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ANALYSE EINES POETISCHEN TEXTES

Fabian Rupprecht

Thema1: IMMER DIESELBEN LEIDEN?

Als im Jahre 1774 der erste Bestseller der neueren deutschen Literatur namens 'Die Leiden des jungen Werthers' vorerst anonym herauskam, löste es sofort eine 'Werther'- Epedemie aus. Es gab sowohl extreme Gegner als auch begeisterte Fans oder Nachahmer. In den späteren Jahren wurden viele Bücher über die Leiden des Werthers und sein Problem verfasst, welches darin besteht, daß er, ein im Grunde äußerst sensibler, allen Eindrücken offener Mensch, durch seine extreme Veranlagung zu Konfrontationen mit den herrschenden Moralvorstellungen und durch die, für ihn fatalen Personenkonstellationen und Umstände, schließlich sowohl psychisch, als dann am Ende auch physisch verendet. Allerdings kam keine der späteren Versionen oder Interpretationen an das grandiose Werk von Johann Wolfgang Goethe heran, denn dessen Werk ist auch ein sehr typisches für den Sturm und Drang und beinhaltet viele Merkmale dieser Epoche. Goethe lässt zum Beispiel Werther, den Protagonisten dieser Novelle, seine Gefühle durch Briefe ausdrücken. Auch spielt die Natur eine wichtige Rolle. Denn Werther entdeckt und beschreibt die Schönheit der Natur, die für ihn sehr bedeutend wird. Auch der 'plebejische' Zug ist vorhanden. Werther erwähnt immer wieder sein Missfallen am Adel und versucht sich gegen die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen aufzulehnen. Wie schon gesagt gab es viele Nachahmer und einer von ihnen war Ulrich Plenzdorf. Er schrieb eine Neuauflage dieser Novelle mit dem Titel 'Die neuen Leiden des jungen W.'.

Nun gilt es, einen Vergleich zwischen zwei wichtigen, wenn nicht sogar den zentralen Textstellen überhaupt, anzustellen.

1.)'Die Leiden des jungen Werther'

In dem Brief vom 16. Juni aus Goethes Drama 'Die Leiden des jungen Werther' erzählt der Protagonist von seiner Liebe zu einer gewissen Charlotte S.. Dies sieht man unter anderem daran, dass er in diesem Brief von Schwärmereien, wie zum Beispiel '...so viel Verstand, so viel Güte...' (S.20, Z. 25) und '...dir zu sagen, wie sie volkommen ist,...' (S.20, Z. 22/23) gar nicht mehr ablassen kann.

In diesem Brief geht es darum, wie sich Werther mit seiner Tänzerin und ihrer Base zu einem Ball auf dem Land begibt und auf deren Wunsch hin noch Charlotte S. in seiner Kutsche mitnimmt. Als sie dann im Hof der 'Mamsell Lottchen' (S. 22, Z. 16) noch eine Weile warten müssen und der junge Protagonist ein wenig herumläuft, sieht er eine Frau, die an kleine Kinder Brot verteilt und, dass sie es 'mit soviel Freundlichkeit' (S. 22, Z. 27) tut, schlug ihn sofort in seinen Bann. Später, auf dem Ball erfährt er, daß diese Frau Charlotte S. ist, und daß sie mit einem Albert verheiratet ist. Als dann während der Feier ein Gewitter aufzieht, begibt sich Werther mit Charlotte S., die er übrigens in seinem Brief oft nur als 'Lotten' (S. 28, Z. 3) bezeichnet, und einigen anderen Gästen in ein mit Läden und Vorhängen ausgestattetes Zimmer. Dort spielen sie ein Spiel, in welchem die Zuneigung beider füreinander zum Ausdruck kommt. Dann folgt der für Werther tränenreiche Abschied, weil er mit Gewißheit weiß, dass die Lotte vergeben ist.

2.)'Die neuen Leiden des jungen W.' und ein Vergleich

Der inhaltliche Verlauf des Briefes vom 16. Juni von Goethe und der desTextausschnittes aus Plenzdorfs 'Die neuen Leiden des jungen W.' sind fast genau identisch. Bei Plenzdorf ist Werthers Geliebte eine selbstständige Kindergärtnerin, die, wie bei Goethe, beim ersten Zusammentreffen der beiden, von einer Kinderschar umringt ist. Auch in dieser Novelle heisst die Frau Charlotte, allerdings nennt Werther, der hier Edgar heißt, sie, der moderneren Zeit entsprechend, 'Charlie'. Und der Protagonist hört nicht mehr auf, sie anzuhimmeln (Z. 17/18). Wegen eines Wandbildes besucht Charlie ihn später zu Hause und er versucht mit ihr zu flirten (Z. 119 ff). Dies ist die Parallelszene zu dem Spiel auf dem Ball während des Gewitters. Werther bekommt bei diesem Spiel selbst zwei 'Maulschellen' (S. 29, Z. 32), aber es macht ihm nicht viel aus, weil sie ja von 'seiner' Lotten sind. Später, bei Edgar zu Hause, fertigt er einen Schattenriß von ihr an und überlegt, ob er seine Liebe nicht offener zeigen solle. Dies lässt er aber bleiben, weil er sonst vielleicht Schellen von ihr bekommen könnte (Z. 128/129). Genau wie der 'echte' Werther wärend des Spiels. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Textstellen besteht im Schluss. Bei Goethe ist dieser tragisch und tränenreich, aber bei Plenzdorf heißt es im letzten Satz wortwörtlich: 'Und alle waren zufrieden.'.

In dem Text von Goethe handelt es sich anscheinend nur um einen Briefauszug, denn es fehlen Anrede, eine einleitende Passage und der Abschluss. Dies ist in Plenzdorfs` Text fast das genaue Gegenteil. Zuerst schreibt er eine Einleitung, die zum Hauptteil hinführen soll, und dann am Ende auch noch eine Schlusspassage. Allerdings wird der Text um den Werther, durch die stilistischen Schwankungen zwischen begeisterten, jedoch klar ausformulierten Betrachtungen, knappen, nur das Nötigste enthaltenden Berichten (S. 29, Z. 19-31) und unvollständigen, von Ausrufen unterbrochenen, nicht mehr aussprechbares andeutenden Sätzen (S. 30, Z. 13-25) lebendig und, vor allem, in hohem Maße authentisch.

Ein gewaltiger Unteschied tut sich allerdings auch in der Ausdrucksweise der zwei Protagonisten auf: Während sich Werther in, für die damalige Zeit, gewähltem Hochdeutsch ausdrückt, verwendet Edgar mehr die Umgangssprache, wie zum Beispiel: 'Kinder können einen ungeheuer anöden,...'

(Z. 3) oder 'Die Kindertanten...' (Z. 9). Doch dies rechtfertigt sich allein schon durch die im Titel erwähnten 'neuen Leiden' und so trägt diese neumodische Ausdrucksweise stark dazu bei, dass diesem Stück ein moderner Charakter verliehen wird.Ulrich Plenzdorf lässt seinen Helden Edgar seine Geschichte in der ihm eigenen Sprache der Jugendlichen zu der Zeit der Entstehung des Romans erzählen. Dieser Jargon ist ein Gegenentwurf zur Sprache der Erwachsenen. Er ist Ausdruck einerseits für die Ablehnung ihrer Normen, Werte und Verhaltensweisen und andererseits des Bedürfnisses der Jugendlichen nach einer eigenen Sprache, die die eigenen Gefühle und Gedanken am besten vermitteln kann. So distanzieren sich alle Jugendlichen, egal in welcher Zeit von der förmlichen Schriftsprache. Um das zu verdeutlichen lässt Plenzdorf Edgar in direkte Kommunikation mit dem Leser des Romans treten. Das bewirkt, dass der Leser ein fiktives Gespräch mit dem Protagonisten führt. Dies merkt man unter anderem an folgenden Beispielen, nämlich den Einschüben von Interjektionen, wie 'Das war’s doch!' (Z. 139) oder den Zusammenziehungen von Verben: 'krieg`s', 'nahm`s' (Z. 83, 88). Ab und zu neigt er auch zu einem etwas parataktischen Stil, das heißt zur Aneinanderreihung von Hauptsätzen. Typisch für ein Gespräch Edgars ist auch die permanente Bezugnahme auf den Gesprächspartner. Aus diesem Grund redet er den Leser manchmal mehr oder weniger salopp an: 'Das nicht, Leute!' (Z. 19/20). In dem anderen Roman ist Werthers Sprache gemäss eigenen Überzeugung möglichst natürlich und damit nahe an seinen Empfindungen. Er verwendet viele rhetorische Mittel. Doch sie dienen nicht einem Ausweis literarischer Bildung, sondern sind spontane Gefühlsäusserungen. Werther schreibt seine Briefe im Soziolekt, was durch seine Wortwahl deutlich wird. Dass er im Soziolekt schreibt ist auch von seinem sozialen Stand, dem gehobenen Bürgertum, ersichtlich. Auch übersetzt er Texte verschiedener Dichter wie zum Beispiel Homer, ein altgriechischer Dichter, was von guten Sprachkenntnissen zeugt.

Die Zeit, in der der Roman verfasst wurde, war eine Zeit der Gefühlskultur und ersetzt nicht die Aufklärung, sondern ergänzt sie, da die Dichter des Sturm und Drang durch ihre Erziehung zu sehr von den Denkstrukturen der Aufklärung geprägt wurden. Es regieren Gefühl und Leidenschaft anstatt Verstand und Vernunft. Unter anderem spielt die Naturverbundenheit eine große Rolle und man sieht zum Beispiel den Selbstmord als Weg zur Freiheit, nicht als Verbrechen, was natürlich auch eine neue Auffassung von Moral, Durchbrechen von Tabus und eine andere Geisteshaltung vorraussetzt.

In Plenzdorfs Roman ist Edgars Verhalten anders zu bewerten, denn als sich Edgar nach dem Vorfall im Betrieb der von ihm erwarteten öffentlichen Selbstkritik durch die Flucht nach Berlin entzieht, verdeutlicht er dadurch, dass sein Selbstbewusstsein und sein Anspruch auf Wahrung der persönlichen Würde sich nicht mit den Ansprüchen einer Gesellschaft vereinbaren lassen, die den Einzelnen ständig bevormundet, ihn unter Kotrolle haben möchte und in seinen Entfaltungsmöglichkeiten beschränkt. Allein schon dieser Grund reicht aus, um hervorzuheben, dass die zwei Romane vor einem völlig anderen Hintergrund und eventuell auch mit anderen Absichten geschrieben wurden. Allerdings sind vielleicht die Differenzen der Hintergründe nicht ganz so groß, wie man annehmen möchte, denn die Zeit des Sturm und Drang war eine Zeit der Auflehnung gegen gesellschaftliche Normen und gegen das System. Dies war in der DDR, wo Plenzdorf aufwuchs, auch nichts anderes. Einem Großteil der Bevölkerung gefiel nämlich die damalige Regierung auch nicht, woran man eventuell sieht, dass man auch schon aus den Hintergründen der Romane einige Parallelen zueinander ziehen kann.

Letztendlich kann man wohl einfach abschließend sagen, dass der Roman 'Die neuen Leiden des jungen W.' einfach eine Übertragung des Romans von Goethe in eine modernere Zeit ist. Ein Versuch, der sich unter vielen anderen behauptet hat, aber genauer betrachtet auch nur eine 'Kopie' von dem gelungenen Meisterwerk Goethes ist.

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Details

Titel
Goethe, Johann Wolfgang von / Plenzdorf, Ulrich - ein Vergleich der Novellen
Note
2+
Autor
Jahr
2001
Seiten
4
Katalognummer
V103225
ISBN (eBook)
9783640016044
Dateigröße
332 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Johann, Wolfgang, Plenzdorf, Ulrich, Vergleich, Novellen
Arbeit zitieren
Fabian Rupprecht (Autor:in), 2001, Goethe, Johann Wolfgang von / Plenzdorf, Ulrich - ein Vergleich der Novellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103225

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