Minderheitenpolitik in Frankreich am Beispiel des Französischen Baskenlandes


Hausarbeit, 1996

23 Seiten


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1. Vorwort

Frankreich, das politisch als homogene, zentralistisch gesteuerte Nation auftritt, kann in Wirklichkeit wohl als Vielvölkerstaat bezeichnet werden. Innerhalb der Staatsgrenzen werden mehr Sprachen gesprochen als in jedem anderen west- oder mitteleuropäischen Land, noch zu Mitte des vorigen Jahrhunderts stellten die französischen „Muttersprachler“ eine Minderheit innerhalb Frankreichs dar. Es scheint mehr als gerechtfertigt, anhand dieser Situation von Vielsprachigkeit auch eine große ethnische Varietät anzunehmen. Allerdings hat Paris seit der Französischen Revolution, verstärkt ab 1830, eine rigorose Politik der „Französi- sierung“ betrieben, mit dem Ergebnis, daß diese Minderheiten sich einer schwie- rigen Situation befinden.

Verglichen mit der Politik anderer mehrsprachiger Länder wie etwa Spanien, Ita- lien oder dem Paradebeispiel Schweiz werden in Frankreich die sprachlichen Min- derheiten und ethnischen Gruppen in einem weit geringeren Maße an politischen Prozessen beteiligt, Sprachpolitik und -förderung sowie andere kulturpolitische Maßnahmen bedürfen oft privater Initiativen. Wenn sich auch die Situation seit den sechziger Jahren schrittweise verbessert hat, ist Paris noch weit davon ent- fernt, Korsen, Basken, Bretonen oder Okzitanen den Rang im politischen Alltag zuzugestehen, den sie verdienen.

Das französische Baskenland (Euskadi-Nord, Iparralde) kann als gutes Beispiel für dieses Problem dienen: einerseits nimmt es sprachlich eine Sonderstellung ein, unterscheidet sich also kulturell in hohem Maß von den anderen Minderheiten, die zum großen Teil zum romanischen Sprachgebiet zählen, andererseits bietet das spanische Baskenland im Süden eine gute Vergleichsmöglichkeit, ein Gegenbeispiel für Minderheitenpolitik.

2. Die Minderheitenpolitik in Frankreich am Beispiel des französischen Baskenlandes

2.1.Die Sprachen auf dem Gebiet des heutigen Frankreich

Um einen Anhaltspunkt zu finden, Frankreich ethnisch zu gliedern muß ein Kri- terium gefunden werden, das den Begriff „Volk“ oder „Volksgruppe“ rechtfertigt. Kriterien wie die Blutgruppe oder anatomische Merkmale können zwar als sekun- däre Indikatoren dienen, jedoch kommt hierbei sehr schnell der Begriff „Rasse“ ins Spiel, dessen Verwendung sich ja besonders in Deutschland verbietet. Außerdem sind diese Indikatoren nicht immer aussagekräftig, da sie sich durch äußere Ein- flüsse und biologische Prozesse verändern. Also bleibt als entscheidendes Merk- mal die Sprache. Dies schließt zwar auch die in Frankreich lebenden Araber, Por- tugiesen oder Asiaten ein, die genauso geschlossene Gemeinschaften darstellen; ihre Rolle soll aber außer acht gelassen werden, da sie nicht räumlich konzentriert auftreten und erst im Laufe der letzten Jahrzehnte eingewandert sind, also auf dem Gebiet des heutigen Frankreich nicht ursprünglich beheimatet sind.

Betrachtet man nun die Sprachen, die auf dem französischen Staatsgebiet gesprochen werden, ergibt sich folgendes Bild:

Abbildung in dieser 1234Leseprobe nicht enthalten

(nach: Geckeler, Dietrich und Wolf, Horst: Einführung in die französische Sprach-

wissenschaft, Berlin: Erich Schmidt, 1995, S. 32 - 36).

Diese große sprachliche Varietät war und ist der Grund für zahlreiche Konflikte und Separationsbestrebungen, die sich in politischem Engagement und Terroris- mus, vor allem in der Bretagne, auf Korsika und im Baskenland manifestierten. Die repressive Politik des Zentralismus war dabei kein Gegenmittel, sondern oft sogar einer der Auslöser solcher Gewaltakte. Jedoch muß dabei bemerkt werden, daß der Separatismus der Minderheiten Frankreichs sich in erster Linie auf kul- tur- und wirtschaftspolitische Forderungen beschränkt, Terrorakte sind die Aus- nahme und werden auch nur von einem geringem Teil der Bevölkerung befürwor- tet.

2.2. Das französische Baskenland

Das französische Baskenland stellt den nördlichen und kleineren Teil des Basken- landes (bask.: Euzkadi oder Euskal Herria) dar. Zusammen mit der alten Provinz Béarn bildet es das Departement Pyrénées-Atlantiques im äußersten Südwesten Frankreichs. Man kann Ipparalde („Nord-Baskenland“) folgendermaßen abgren- zen: Im Westen bildet der Atlantik, im Norden die Flüsse Gave de Mauléon und Adour, im Osten eine Linie von Pierre-St.-Martin über Esquiule nach Sauveterre- de-Béarn und im Süden die spanische Grenze die Grenzen. Das französische Bas- kenland besteht aus drei Provinzen:

1Guipuskoa, Alava, Biscaya Dieser Erfolg ist in erster Linie der engagierten Schulpolitik zu verdanken: seit Anfang der siebziger Jahre wurden sogenannteIkastolas(Schmiede des Wissens) eingerichtet, Kindergärten, in denen Unterricht auf Baskisch erfolgt. Ebenso wird in allen anderen Schularten, von der Grundschule bis zur Universität, die Mög- lichkeit angeboten, einen Teil des Unterrichts in Baskisch zu erteilen. Durch diese Maßnahmen konnte zum Beispiel im Labourd der Anteil der Schüler, die mindes- tens zur Hälfte auf Baskisch unterrichtet werden auf 60% gesteigert werden. Daneben werden Studiengänge in Baskisch an den Universitäten von Bayonne und Bordeaux angeboten, Abschlußprüfungen können zur Hälfte in Baskisch ab- gelegt werden. Auch die Veröffentlichung baskischer Bücher und Zeitschriften stieg rapide an, genauso wurden private Radiostationen wieGureIrratia,Irulegi- koIrratiaoderLapurdiIrratiagegründet und France 3 sendet täglich ein kurzes Programm in baskischer Sprache. Da jedoch Radio- und Fernsehstationen wie ETB 1 aus dem Süden zumindest in grenznahen Gebieten sehr gut empfangen werden können, greifen viele in erster Linie auf diese zurück. Nicht zuletzt müs- sen auch die vielen Veröffentlichungen baskischer Tonträger und die in letzter Zeit steigenden Software- und Internetangebote erwähnt werden.

Labourd (Lapurdi), die westlichste, liegt am Atlantik zwischen der Mündung der Bidassoa bei Hendaye und der der Adour bei Bayonne. Es umfaßt 750 km², die wichtigsten Städte sind Bayonne (Baïona), Biarritz (Miarritze) und Anglet (Angelu), diese bilden eine Ballungsraum von 105 000 Einwohnern, ungefähr 50% der Gesamtbevölkerung dieser Provinz.

Östlich davon findet sich die größte der drei Provinzen, die Basse Navarre (Nafarroa-Beherrea), ihre 25 000 Einwohner verteilen sich auf 1 260 km². Die wichtigsten Städte sind St.-Jean-Pied-de-Port (Donibane-Garazi), die ehemalige Hauptstadt der Provinz und Saint-Palais (Donapaleu).

Die östlichste der drei Provinzen, die Soule (Zuberoa), umfaßt 750 km² und ist mit

15 000 Einwohnern die bevölkerungsschwächste Provinz. Hauptort ist MauléonLicharre mit 3 800 Einwohnern.

2.2.1 Klimatische Charakteristika

Klimatisch läßt sich die Region in zwei Klimazonen einteilen: der Labourd und die Basse-Navarre herrscht ozeanisches Klima vor, in der Soule alpines Klima, also kann das Klima im Ganzen als humid oder semi-humid bezeichnet werden. Zwei für die jeweiligen Zonen typischen Klimastationen sind Biarritz an der Küste und Irouléguy in der Basse-Navarre; die Aufzeichnung der minimalen Durchschnittstemperaturen zwischen 1966 und 1980 ergibt folgendes Bild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach: Baskisches Kulturinstitut [Institut Culturel Basque/Euskal Kultur Erakundea]: Clés de la connaissance /Ezagupenaren giltzak, Ustaritz / Uztaritze 1994, Kap.4E )

Diese Zahlen lassen erkennen, daß die Region von einem milden Klima profitiert, dies liegt einerseits an der geographischen Breite (Teile der Côte Basque liegen südlicher als die Côte d’Azur) andererseits hat auch der warme Golfstrom entscheidenden Anteil an dieser Situation.

Die höchsten Niederschläge sind im Winter und Frühjahr zu verzeichnen, der Trockenste Monat ist der August mit ca. 50 mm Niederschlägen. Insgesamt sind 2500 bis 3000 mm/Jahr an Niederschlägen zu verzeichnen. Jedoch stellt auch hier zunehmende Trockenheit ein Problem dar: so blieben die Niederschläge im ersten Quartal 1997 um bis zu 30% unter dem Durchschnitt der Jahre 1961-90.

2.2.2. Die wirtschaftlichen Gegebenheiten

Was die Wirtschaftsstruktur des Baskenlandes angeht, scheint es ratsam zwischen der traditionellen Wirtschaft, die durch das Klima, den Boden und Bodenschätze bedingt ist, und der modernen Wirtschaft, die sich hier wie überall vor allem im tertiären Sektor entwickelt, zu unterscheiden.

Die Region ist nicht mit großen Bodenschätzen gesegnet, jedoch wurden früher Kupfer- und Silberminen ausgebeutet, deswegen existierten bis ins frühe zwa n- zigste Jahrhundert viele Schmieden und andere metallverarbeitende Betriebe. Schon 1289 erlaubte Edward I. von England, zu dessen Herrschaftsbereich das Land damals gehörte, die Errichtung von Schmieden. Heinrich II. von Frankreich wollte die Goldreserven im Labourd ausbeuten und aus dem Jahr 1555 ist die Schenkung einer Kupferschmiede durch Heinrich II. von Navarra an das Tal von Baïgorry beurkundet. Im 18. Jahrhundert entstanden zwei Zentren der Metallin- dustrie: Larrau in der Soule und Echeux in der Basse-Navarre produzierten vor allem Waffen wie Kanonen und Kanonenkugeln für die französische Marine und die Korsaren aus Bayonne. In Bidache, Arradoy, Bidarray und Sare wurde Ophit abgebaut. Auch finden sich hier Feldspat- und Kaolinvorkommen, die zur Porzel- lanherstellung gebraucht werden und zu den besten Frankreichs zählen.

Verglichen zur Land-, Vieh- und Fischereiwirtschaft jedoch spielen oben genannte Industrien nur eine untergeordnete Rolle: das Baskenland ist eine der wichtigsten Regionen Frankreichs, was Schaf- Pferde- und Geflügelzucht, Maisanbau und Milchwirtschaft betrifft. Spuren von Viehwirtschaft lassen sich in den Pyrenäen bis 2 500 v. C. nachweisen. Das baskische Wort für ‘reich’,aberats, bedeutet wört- lich ‘der, der eine große Herde besitzt’. Bis zum Anfang unseres Jahrhunderts führten die Viehwanderungen die Hirten und ihre Herden bis in die Landes und sogar bis Bordeaux. Dabei beschränkte man sich nicht auf bestimmte Tierarten, Milchkühe, Ziegen, Stuten und Schweine nahmen daran teil, vor allem jedoch Schafe, die immer noch das wichtigste Nutztier darstellen. Dabei unterscheidet man zwischen zwei Rassen,manech,die vor allem in der Milchgewinnung Ver- wendung finden undbasquaise, die als Wollproduzenten geschätzt werden.

Schon der „Guide du Pèlerin de Compostelle“, eine Wegbeschreibung aus dem Mittelalter für Pilger nach Santiago de Compostela, sprichtvon„einer Region, die arman Wein, Brot und Lebensmitteln aller Art ist, in der man dafür aberÄpfel, Apfelwein und Milch findet“1. Tatsächlich war Apfelwein einmal das „Nationalgetränk“ dieser Region, aber er verschwand genauso wie der Wein, der nur noch in einer einzigen Lage in Irouléguy angebaut wird.

Die Landwirtschaft nahm erst an Bedeutung zu, nachdem baskische Emigranten, die den Mais nach Europa brachten, der immer noch in großem Umfang angebaut wird. Er wird vor allem als Futtermittel für die Schweine- und Geflügelmast ver- wendet, jedoch spielen Maisprodukte auch eine große Rolle in der regionalen Kü- che, bekannt sind zum Beispiel diepastechs, Fladen aus Maismehl. Obwohl das Binnenland reich an Flüssen und Bächen ist, ist nur die Küstenfi- scherei von Bedeutung. Die Geschichte der baskischen Fischerei läßt sich in drei Perioden einteilen: anfangs wurden Wale gejagt, auf den ausgedehnten Fangfahr- ten gelangten die Fischer bis nach Schottland, Island, Spitzbergen und vor die Küste Neufundlands. Doch intensive Befischung verminderte den Walbestand, und der letzte Wal wurde 1686 in Biarritz gefangen. Die nächste Phase war die Befischung von Kabeljau und Sardine, damals umfaßten die Fangflotten 40 bis 80 Schiffe zwischen 100 und 300 Tonnen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war St.-Jean- de-Luz der wichtigste Sardinenhafen Frankreichs. Auch in der dritten Etappe, die der Thunfischfang darstellt, ist diese Stadt unter den wichtigsten Häfen Frank- reichs.

Die heutige Wirtschaft unterscheidet sich wenig von denen anderer Regionen Frankreichs, allerdings gehört das Baskenland zu den am wenigsten industrialisierten Regionen des Landes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die große Zahl der Berufstätigen im Dienstleistungssektor erklärt sich durch die große Bedeutung des Tourismus, die noch verdeutlicht werden wird. Da die Region industriell noch nicht in großem Umfang erschlossen worden ist, gibt es nur einige Beispiele zu nennen:

Am wichtigsten ist hier der Wirtschaftsraum Bayonne-Biarritz-Anglet, dort finden sich Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrt und dem High-Tech-Bereich, so ein Zulieferbetrieb des japanischen SONY-Konzerns mit 300 Arbeitsplätzen, diese Fabrik wurde im April 1994 von der deutschen Unternehmensgruppe Ruwel auf- gekauft. Diese Wirtschaftsregion wird in den nächsten Jahren weiteren Auf- schwung erhalten: das Programm Bayonne 2000, ein Wirtschaftsförderungspro- gramm, sieht die Errichtung eines Technologieparks vor, der verschiedenartige Industrien in die Regionen bringen soll, dabei werden vor allem ausländische Konzerne als Investoren erwartet. Auch traditionelle Industrien bleiben von Be- deutung: so erbrachten die Fischereiflotten von Hendaye und St.-Jean-de-Luz 1992 9 180 Tonnen Fischereiprodukte.

Der wichtigste Wirtschaftsfaktor in der Region ist aber nach wie vor der Fremden- verkehr: 1993 verfügte das Baskenland über 315 Hotels mit 7 469 Zimmern, 102 Campingplätze mit 13 592 Stellplätzen und 28 300 Ferienwohnungen und - häuser für 96 000 Personen. Biarritz ist der drittgrößte Badeort Frankreichs ge nauso wie die gesamte Côte Basque eine der Hauptfremdenverkehrsregionen des Landes ist.

2.3. Die Basken, ihre Sprache und ihre Kultur

Wenn es darum geht, Beschreibungen der Basken zu erhalten, ihre Vergangen- heit zu erforschen, findet man wenig Hinweise in ihrer eigenen Literatur. Die meisten Quellen stammen von den Völkern, die das Land besetzten, durchquerten oder wirtschaftlich ausbeuteten. So finden sich die meisten Berichte bei griechi- schen und römischen Autoren, Spaniern oder französischen Chronisten. Im Mit- telalter wurden die Basken als wildes und grausames Volk beschrieben, die römi- sche Geschichtsschreibung bezeichnet sie alsinquietivascones, sie rangierten im Bewußtsein des mittelalterlichen Europas auf der selben Stufe wie Araber, Hun- nen oder Sarazenen. Der schon zitierte Guide du Pèlerin beschreibt sie als „böse Wegelagerer“, die Pilger verprügelten, um „einen ungerechten Wegezoll zu fordern (...) Es ist ein Volk, das sich von allen anderen Völkern unterscheidet, sowohl in seinen Gebräuchen als auch in seiner Rasse,voller Bosheit, von schwarzer Farbe und häßlicher Visage, lasterhaft, gemein, heimtückisch, unehrenhaft, verdorben, wollüstig, trunksüchtig, erfahren in jeder Grausamkeit, wild und grausam, gottlos und grob, brutal und streitsüchtig, zu keinerlei Gutmütigkeit fähig, zu allen Lastern bereit...und in jeder Beziehung ein Feind unseres französischen Volkes. Für nur einen Sou, tötet der Navarre oder Baske einenFranzosen, wenn er Gelegenheit dazu hat.“2

Seit dem 16. Jahrhundert jedoch wandelt sich das Bild der Basken: Man bewu n- dert ihren Humor, ihre Gewandtheit und ihre Fröhlichkeit. Der venezianische Historiker Navagero schreibt 1528:

„Die Menschen dieses Landes sind sehr fröhlich, und auf jeden Fall das Gegenteilder Spanier, die alles nur sehr ernsthaft erledigen. Die Leute von hier wollen immer lachen, scherzen, tanzen, die Männer wie die Frauen“.3

Dieses Bild herrschte bis zur Französischen Revolution vor: Es gab ein Sprich- wort „rennen wie ein Baske“ und Voltaire beschrieb„diese Menschen, die am Fußder Pyrenäen leben oder vielmehr springen und die manVasquesoderVascons nennt“.4 Danach wurde vor allem zur Zeit der Romantik eine neues Bild der Basken kon- struiert. Sie waren die „edlen Wilden“, die schon in Rousseaus Philosophie be- schrieben wurden. Man sah sie als Träumer, melancholische Idealisten, die in alt- hergebrachten Sitten und Traditionen gefangen sind. Romane wie „Ramuntcho“ von Pierre Loti trugen viel zu diesem idealisierten Bild bei .Der intelligente, stolze und unabhängige Baske war wie geschaffen für die träumerischen Utopien der Romantik.

Im 20. Jahrhundert wurden die Basken als geduldig, gleichgültig und von einer unerschütterlichen Ruhe gegenüber den Widrigkeiten des Lebens beschrieben.

Aber wie sie auch immer beschrieben wurden, es ist bis jetzt nicht gelungen, das Rätsel um die Herkunft der Basken zu lösen. Es ist nur bekannt, daß sie eines der ältesten Völker Europas sind, das seit der Neusteinzeit beiderseits der Pyrenäen lebt. Ihre Sprache ist die einzige Europas, die keiner der bekannten Sprachfamili- en zuzuordnen ist.

Betrachtet man nun das Baskische, das in sechs Dialekte zerfällt, fällt zuallererst auf, daß es viele einsilbige Wörter besitzt:lur, ur, ortz, hartz, hortz, oin,bil, zain, gan, har(Erde, Wasser, Wolke, Wolf, Zahn, Fuß, versammeln, bewachen, gehen, nehmen). Dies läßt den Schluß zu, daß die Sprache schon von einer einfachen Kul- tur benutzt wurde, die keinen komplizierten Wortschatz kannte. Auch werden fast alle Wörter, die ein Messer oder sonst ein Schneidewerkzeug be- zeichnen, wiehaizkor(‘Beil’),haitzur(‘Hacke’),haichtur(‘Schere’) oderaiztto (‘Messer’) mit dem Wortaitzoderhaitzgebildet, das ‘Stein’ bedeutet, was ein weite- res Indiz für das Alter des Volkes und seiner Sprache darstellt. Hingegen finden sich in Gebieten wie Rechtsprechung, Staatswesen und Handel Lehnwörter aus dem Lateinischenwie lege, bake, gorputz, floreodererrege(Gesetz, Friede, Körper, Blume, König). Daneben finden sich Wörter aus dem Gaskognischen, Béarnischen, Französischen oder Spanischen. Diese Wörter gallo-romanischen Ursprungs, die erst seit etwa 1000 Jahren im Baskischen Verwendung finden, machen heute je- doch schon 80% des Wortschatzes aus.

Was Wortbildung, Grammatik und Syntax angeht, lassen sich auch einige Besonderheiten im Baskischen finden:

Mit dem Wortlur(‘Erde’) zum Beispiel werde so unterschiedliche Wörter wielur- ralde(Region),lursagar(Kartoffel),lurgile(Töpfer),lurgin(Landwirt) oderlurlan (Feldarbeit) gebildet. Auch die Grammatik ist interessant: Es werden sowohl No- mina, Pronomina, Adjektive und Infinitiv dekliniert. Maskulinum oder Femini- num gibt es nicht, jedoch variiert die Deklination nach der Anzahl, Singular, Plu- ral oder Indefinitum. Das Baskische verfügt über 12 Fälle. Verben haben einen passiven Charakter, d.h. ein Partizip gibt das Tempus an, Subjekt und Objekt werden durch Hilfsverben ausgedrückt. Bei der Syntax des Baskischen fällt auf, daß das Verb sich meist am Schluß des Satzes befindet, ihm voraus geht das Ele- ment, das die größte Wichtigkeit besitzt oder das der Sprecher für das wichtigste erachtet: Der Satz „Ein schönes Mädchen“ lautet baskisch:

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Auf die Frage „Was haben die Männer des Hause genommen?“ lautet die Antwort:

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Lautet die Frage jedoch: „Wer hat das Brot genommen?“ wird geantwortet

Abbildung in dieser Leseprobe 5nicht enthalten

Diese wenigen Beispiele sollen genügen, um die Komplexität des Baskischen zu verdeutlichen. Es unterscheidet sich auch in phonologischen und morphologi- schen Gesichtspunkten von allen anderen europäischen Sprachen. Die Philologie des Baskischen war und ist eine große Herausforderung für Linguisten. Im Laufe ihrer Erforschung wurden viele Theorien aufgestellt und verworfen: Sprachver- wandtschaften mit den Indianersprachen Nordamerikas konnten ebensowenig bewiesen werden wie Verbindungen zu kelto-iberischen oder Berbersprachen Nordafrikas. Einige Forscher wollen im Baskischen sogar die Sprache des sagen- haften Atlantis sehen. Am ehesten scheint noch die These einer Verbindung zu kaukasischen Sprachen vertretbar.

Das Leben der Basken in der Familie und der dörflichen Gemeinschaft wird sehr stark von den Sitten und Gebräuchen sowie von der Religion bestimmt. Das Zent- rum des sozialen Lebens stellt das Haus (etxea) dar, das immer nur an eine ein- zelne Person vererbt wird und das unter keinen Umständen verkauft werden darf. Dies bringt mit sich, daß die Erben zweier Häuser nie heiraten dürfen, da es für sie unmöglich wäre, beide Anwesen ordentlich zu führen. Auch dürfen zwei Besitz- tümer nicht vereinigt werden, um das soziale Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Die Revolution von 1789 und der Code Civil, der die Erbteilung vorschrieb, been- deten diese Tradition, was dazu führte, daß viele Erben auswa nderten, in ein Klos- ter eintraten oder unverheiratet blieben. Das Leben in einer althergebrachten Tradition bringt mit sich, daß auch die Toten eine Verehrung erfahren, die sich nur bei wenigen Kulturen findet: zuallererst befindet sich Friedhof immer in der Mitte des Dorfes, so daß jeder, der seinen täglichen Besorgungen nachgeht, über den Friedhof gehen muß. Er wird somit zu einem Element des täglichen Lebens wie die Kirche, das Gasthaus oder der Dorfplatz mit dem Fronton für das Pelo- taspiel. Jede Familienfeier findet ihren Höhepunkt im Totengedenken. Dieses Be- wußtsein, von den Nachkommen nicht vergessen zu werden, durch die zentrale Lage der letzten Ruhestätte an ihrem Leben immer noch teilzunehmen, macht einen unverkrampften und offenen Umgang mit dem Thema Tod, das sonst in den westlichen Kulturen eher tabuisiert wird möglich. Veyrin drückt es so aus:

„Seit langer Zeit auf seine letzte Stunde vorbereitet, im Bewußtsein, alles in seiner Macht stehende für das kommende Leben erledigt zu haben, sieht der Baske auch sein Ende in der tröstlichen Gewißheit kommen, nicht vergessen zu werden. Mitten im Herz seines Dorfes begraben, zwei Schritte von dem Platz wo man die Geräusche des Pelotaspiels hört, am Fußder Kirche, in der die Gesänge und Gebete der Le-benden tönen, weißer, daßer jeden Sonntag nach der Messe den Besuch der Be-wohner seines Hauses empfangen wird, die, von einer Generation zur anderen, kommen werden um sich für einen Moment vor dem Grab ihrer Toten zu versam-meln.“6

2.4. Bemerkungen zur Geschichte des französischen Baskenlandes

Die erste Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, ob die Basken die einzigen Überlebenden einer präindoeuropäischen Zivilisation Europas darstellen oder ob sie aus anderen Regionen Europas oder Asiens zugewandert sind. Archäo- logische Untersuchungen der Region haben nur den Beweis einer vorneusteinzeitlichen Ackerbaukultur in der Region erbracht, die als erste Europas Ackerbau und Jagd in einer Mischform betrieb. Außerdem wurden Hinweise auf eine Wan- derviehwirtschaft gefunden, die den Winter in Höhlen verbrachte und daß in die- ser Region zum ersten Mal in Europa Bronze verwendet wurde. Im Großen und ganzen jedoch beginnt eine genaue Geschichtsschreibung erst mit griechischen und römischen Chronisten. Poseidonius, Artemidorus und Strabo beschreiben sie als „vascones“, abgeleitet vom baskischeneuskaldunak, ‘die, die baskisch spre- chen’. Es finden sich hier schon Schilderungen von Städten der Region wiePom-peiopolis(Pamplona) undCalgurris(Calahorra). Jedoch kann man nicht sagen, daß die römische Eroberung des Baskenlandes unmittelbar der Galliens folgte, da die fruchtbaren Ebenen des Béarn und der Landes sowie Nordspaniens den Rö- mern wertvoller erschienen. Also spielte das Land während dieser Zeit nur eine untergeordnete Rolle als Verbindung zwischen Gallien und dem an Erzen reichen Spanien, die wenigen römischen Handelsposten,Carasa,ImusPyrenaeus(St.- Jean-Pied-de-Port) undLapurdium(Bayonne) beweisen dies. Auch andere Spuren römischer Besiedelung sind spärlich; sie beschränken sich auf wenige Münzfunde und Ausgrabungen wenigervillas, Landsitze reicher Patrizier. Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christus erfolgte eine Trennung der sogenanntenNovempo-pulanie(‘neun Völker’) vom übrigen Gallien, die 12 ehemalige römischecivitates umfaßte, ihre Sprache war mit dem Baskischen verwandt, was eine Verbindung mit diesem Volk nahelegt. Nachdem Bayonne zum Bischofssitz geworden war, trennte sich auch dieser Teil vom römisch besetzten Gallien. Unter den Westgoten wurde die Novempoulanie einfœderatus,ein Bündnispartner, obwohl Latein Ver- kehrssprache blieb und weiterhin die römische Rechtsprechung angewandt wurde. Ein weiteres bedeutendes Ereignis in der Geschichte des Landes war das Jahr 778, als Karl des Große den Befehl gab, die Mauern Pamplonas zu schleifen, um seine Macht zu demonstrieren. Dies führte zum Angriff auf die Nachhut seines Heeres, der im „Rolandslied“ zwar den Mauren zugeschrieben wird, in Wirklichkeit aber von den Basken durchgeführt wurde.

Danach wurde Bayonne von den Wikingern als Ausgangspunkt für ihre Raubzü- ge in der Aquitanien benutzt. Aber genau wie Römer interessierten diese sich viel mehr für den reicheren Béarn. Ihre Herrschaft endete 982, nachdem sie von Wilhelm, Fürst der Gascogne geschlagen wu rden.

In der Folge spielte Aquitanien im fränkischen Reich die selbe Sonderrolle wie schon zu römischer Zeit: seine Fürsten genossen relative Unabhängigkeit und um das Jahr 1000 formten sich hier, wie überall in Europa, die Fürstentümer, die später zu den baskischen Provinzen wurden.

Der Labourd war eine Grafschaft, 1130 von Alonso el Batallador, König von Navarra und Aragon erobert wurde, trotzdem aber unter aquitanischer Verwaltung blieb. Die Soule existierte als Grafschaft von 1023 bis 1307 und gehörte danach auch zum Königreich Navarra.

1120 kehrte die Basse-Navarre in den Besitz des Fürsten der Gascogne zurück. 1137 kam das Baskenland durch die Heirat Ludwig II. mit der Fürstin der Gas- cogne an Frankreich, diese heiratete nach ihrer Scheidung Henri Plantagenet, damit begann die englische Herrschaft über das Gebiet, die nach dem Hundert- jährigen Krieg beendet war, in dem Gaston, Graf von Foix, das Gebiet für Frank- reich zurückeroberte. Ab 1479 von den letzten Grafen von Béarn regiert, was gleichzeitig das Ende einer relativen baskischen Autonomie bedeutete, kam das Land nach der Heirat Heinrichs IV. Mit Königin Margot von Frankreich 1572 an Frankreich, die Basse-Navarre folgte 1530, nach der Trennung des Königreichs Navarra zwischen Spanien und Frankreich.

Noch zweimal wurde das Land zum Schauplatz europäischer Geschichte:

1659, als Spanien und Frankreich auf der Fasaneninsel bei Hendaye den Pyrenäenvertrag unterzeichneten und 1660, als Ludwig XIV. In St.-Jean-de-Luz die Infantin von Spanien, Isabella, heiratete.

Der nächste Einschnitt war die Revolution von 1789, die die Bildung der Depar- tements (das Baskenland wurde mit dem Béarn im Departement Basses-Pyrénées zusammengefaßt) und die Zentralisierung des Landes zur Folge hatte. Danach spielte das Land eine untergeordnete Rolle in der Geschichte, erwä hnenswert sind jedoch der Spanische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg, als die Bevölkerung den Widerstandskämpfern gegen Franco und Hitler aktive und passive Unter- stützung zukommen ließ.

2.5. Das Baskenland seit 1789

Die vielsprachige Situation Frankreichs brachte ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine rigorose Kulturpolitik mit sich, die eine Französisierung der nicht- französischsprechenden Regionen zum Ziel hatte, vor allem in Südfrankreich wurde diese Politik strikt verfolgt, die verwendete deutsche BezeichnungAn-schlussspricht in diesem Zusammenhang für sich. Baskisch war - wie alle anderen Sprachen - verboten, einzige Sprache im öffentlichen Leben, in den Schulen, bei Behörden und sogar in den Kirchen wurde das damals nur von einer Minderheit gesprochene Französisch. Damit blieb den Sprachen nur noch der Rückzug in das private Leben, da ihr Gebrauch in der Öffentlichkeit unter Strafe stand. Bis in die dreißiger und vierziger Jahre unseres Jahrhunderts hinein wurden Schüler, die in der Schule baskisch sprachen, bestraft, indem sie, wenn sie dabei ertappt wurden, einen Stock in der Hand halten mußten, den sie erst wieder abgeben durften wenn sie ein anderes Kind dabei erwischten, baskisch zu sprechen. Da Französisch zur „Nationalsprache“ werden sollte, wurde die Verwendung anderer Sprachen als re- volutionärer Akt angesehen, der den Staat gefährden sollte. 1833 stellte ein Schulinspektor in Mauléon (Basse-Navarre) fest:„Ich habe von den Lehrern den totalen Verzicht auf die baskische Sprache im Unterricht gefordert“7 und der Prä- fekt der Basses-Pyrénées forderte 1846:„Unsere Schulen im Baskenland haben speziell zur Aufgabe, Baskisch durch die französische Sprache zu ersetzen“8.Die Auswirkungen dieser Politik waren evident: die Gefahr eines Aussterbens der bas- kischen Sprache und Kultur. Jedoch wurde zu Anfang dieser Politik ein wichtiges Problem übersehen: noch 1872 waren zwischen 60 und 75% der Einwohner noch Analphabeten, die nicht einmal fähig waren, ihre eigene Sprache zu lesen und zu schreiben, von Französisch ganz zu schweigen. Diese rigorose Politik wurde bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts fortgeführt, noch unter de Gaulle wu r- den die ethnischen Minderheiten in Frankreich ignoriert, staatliche Mittel für kulturpolitische Maßnahmen wu rden nicht zur Verfügung gestellt. Parteien, die die Interessen dieser Minderheiten auf regionaler und staatlicher Ebene vertreten wollten, errangen oft nur wenige Sitze in den Kommunalparlamenten, wenn sie nicht ganz verboten wurden; ihre Wahlergebnisse bewegten sich oft nur im ein- stelligen Prozentbereich. Da für die Regierung in Paris damit das mangelnde Interesse von Okzitanen, Bretonen, Korsen oder Basken an ihrer Kultur und Mit- sprache in Angelegenheiten, die sie betrafen, offenkundig war, sah man auch kei- nen Handlungsbedarf. Dabei wurde jedoch übersehen, daß ja oft nur Angehörige der älteren Generationen ihrer eigentlichen Muttersprache überhaupt noch mächtig waren, da es keine korsischen oder baskischen Schulen gab und die Spra- che wenn überhaupt nur zu Hause erlernt werden konnte. Die Geschichte zeigte und zeigt jedoch immer wieder, daß die Sprache eines Menschen einen wesentli- chen Grundbestandteil seines Rechtes auf freie Entfaltung ausmacht: die Unter- drückung der Sprache, des wichtigsten Kommunikationsmittels zieht eine unmit- telbare Radikalisierung bis hin zu Nationalismus nach sich. Diese Entwicklung ließ auch in Frankreich nicht lange auf sich warten: zwischen 1960 und 1970 wandelte sich das Streben nach kultureller Freiheit immer mehr in eine Forde- rung nach nationaler Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. In der Bretagne, auf Korsika und im Baskenland gründeten sich Geheimbünde, Separatistenorga- nisationen und terroristische Untergrundbewegungen. Waren ihre Forderungen zuerst nur wirtschaftlicher Natur, etwa im Rahmen der EG gesicherte Preise für ihre Produkte und angemessene Beteiligung an dem von ihnen mit erwirtschafte- ten Wohlstand Frankreichs, erstrebten sie bald auch politische Autonomie und Freiheit und schreckten auch vor Terroranschlägen, Morden und Sabotageakten nicht zurück.

Anfangs jedoch beschränkte sich das Engagement auf die Erhaltung der Sprache, die Initiativen hatten zum Ziel, den Menschen ihre Kultur und ihr Erbe nahezubringen und sie dazu zu ermutigen, ihre Identität nicht weiter zu leugnen, sich nicht mehr zu schämen, Baske, Bretone oder Korse zu sein, wie es lange Zeit von Paris vorgegeben wurde.

So etwa die 1963 in Itxassou gegründete StudentenvereinigungENBATA(‘der Wind, der dem Sturm vorausgeht’). In der ersten Ausgabe ihrer gleichnamigen Zeitschrift findet sich ein „kleiner Katechismus unserer Bewegung“:

„Junger Baske, denke hierüber nach:

Verwechsle nicht zwei verschiedene Dinge, verwechsle nicht Heimat und Staatsangehörigkeit

-Deine Heimat (Aberria), das ist das Land, wo du geboren bist, wo alle deine Vor- fahren gelebt haben und gestorben sind

-Deine Heimat, das sind deine Gewohnheiten, eine Weise zu denken und zu füh- len, die dich von denen unterscheidet, die keine Basken sind

-Deine Heimat, das ist etwas, das du aus Gewohnheit liebst und worauf du stolz bist

-Deine Staatsangehörigkeit ist das Verwaltungssystem, von dem durch Geburt oder Entscheidung abhängig bist

-Deine Staatsangehörigkeit ist eine Notwendigkeit, da man sich in eine Gesell- schaft eingliedern muß

-Deine Staatsangehörigkeit gibt die einen Rahmen, eine Sicherheit für deine mo- ralischen und materiellen Interessen

-Deine Staatsangehörigkeit ist eine weniger tiefe, weniger intensive Wirklichkeit als deine Heimat

Das Ideal ist, daßStaatsangehörigkeit und Heimat sich decken

Das Ideal ist, daßdie Staatsangehörigkeit von der Heimat bestimmt wird

Das Ideal ist, daßsich Staatsangehörigkeit und Heimat gegenseitig unterstützen Das Ideal findet keine Berücksichtigung in unserem Fall des baskischen VolkesEs ist Zeit, daßdie Heimat die Staatsangehörigkeit bestimmt und nicht umgekehrt Es ist Zeit, daßdie baskische Heimat sich eine Staatsangehörigkeit gibt, nach ihrer Entscheidung und zu ihrem Nutzen Es ist Zeit, daßalle die kleinen Völker Europas, Hand in Hand, eine gemeinsame Staatsangehörigkeit durchsetzen, die im Dienst der vielfältigen Heimatländer steht“9

Im folgenden kümmerte sich die ENBATA vor allem um geflohene baskische Separatisten aus Spanien und setzte sich vor allem für die Pflege der baskischen Kultur ein. Sie nahm an Wahlen zu Kommunalparlamenten und zur Nationalversammlung teil, konnte aber nie mehr als 6% der Stimmen erringen. Sie wurde 1974 durch den Innenminister aufgelöst.

1959 wurde in Spanien die ETA (EuzkadiTaAskatasuna, ‘Das Baskenland und die Freiheit’)gegründet, eine Untergrundorganisation, die gewaltsam einen unab- hängigen Baskenstaat und die Vereinigung mit den Provinzen im Norden er- zwingen will. Nach ihrem Vorbild gründete sich Anfang der achtziger Jahre in Frankreich dieIparretarrak(‘ETA des Nordens’), die seitdem Anschläge vor allem in Touristenzentren an der Côte Basque verübt. Ihre Ziele sind dabei Fremden- verkehrsämter, Campingplätze, Hotels und Gebäude der öffentlichen Verwa ltung, vor allem solche, die den französischen Zentralismus repräsentieren, wie zum Bei- spiel Finanzämter. Ihr politischer Arm, Herri Taldeak, kann mit der spanischen Herri Batasuna verglichen werden, eine genauso radikale Partei, die im lin- ken/sozialistischen Lager angesiedelt ist. Hierzu kann allgemein bemerkt werden, daß der baskische Nationalismus allgemein von sozialistischer Prägung ist, die Ursache ist darin zu suchen, daß er in den Industrieregionen um Bilbao entstan den ist, wo Linksparteien seit jeher ihre Klientel hatten. Eine der Hauptursachen für die Separationsbestrebungen war ja auch die Tatsache, daß die reichen baski- schen Provinzen in Spanien wenig von dem dort erwirtschafteten Reichtum profi- tierten, der in erster Linie dazu verwendet wurde, das arme Südspanien zu stär- ken. Da jedoch die Basken in Frankreich vom Tourismus und dem französischen Staat immer profitierten, sind dort Nationalismus und Separatismus nicht so aus- geprägt wie im Süden.

2.6. Das Wahlprogramm von François Mitterand und der PS 1981

Nachdem schon 1945 der baskische Abgeordnete Jean Etcheverry-Ainchart in der ersten verfassunggebenden Versammlung nach dem Krieg ein baskisches Depar- tement gefordert hatte, das aber vielmehr eine Autonomieregion darstellen sollte machte dies die ENBATA 1967 erneut zum Thema ihres Wahlkampfes. Jedoch dauerte es bis 1976, bis eine „Vereinigung zur Gründung eines neuen Departe- ments“ gegründet wurde und 1980 die „Vereinigung der gewählten Mandatsträger für ein Departement Baskenland“ entstand. Diese Initiativen sahen jedoch ein baskisches Departement nur als Etappe auf dem Weg zur Unabhängigkeit und der Vereinigung mit dem Süden. 1981 machten die Sozialisten unter Mitterand dies auch zum Thema ihres Präsidentenwahlkampfes. In den „110 Vorschlägen für Frankreich“ ihres Wahlprogramms findet sich unter Nummer 54 die Formu- lierung „Die Dezentralisierung des Staates genießt Vorrang“, ein Sonderstatus für Korsika wird gefordert und „(...) ein baskisches Departement wird geschaffen wer- den“. In einem Brief an die Vorsitzenden der beiden oben erwähnten Organisatio- nen schrieb Mitterand:

„(...) ich kann gegenüber einer Initiative, deren Umfang Sie klar als‘Entwicklungdes Verwaltungsrahmens eines neuen Departements unter Respektierung der staatlichen Einrichtungen’definieren, nur aufgeschlossen sein.Übrigens bin ich Mitunterzeichner eines Gesetzesvorschlags, der von der Sozialistischen Partei am 18. Dezember 1980 eingebracht wurde und in die selbe Richtung zielte (...)“10

Eine Wahlrede vom 14. März 1981 folgte dem selben Tenor:

„Für die Sozialisten ist es klar: Seine Sprache und seine Kultur anzugreifen heißt, ein Volk im Innersten seiner selbst zu verletzen. Die Zeit für ein Gesetz der Spra chen und Kulturen Frankreichs ist gekommen, das ihnen eine wirkliche Existenz zuerkennt, die Zeit ist gekommen, ihnen die Türen der Schulen weit zuöffnen, regi-onale Radio- und Fernsehgesellschaften zu schaffen, die ihre Verbreitung erlauben, ihnen den ganzen Raum imöffentlichen Leben zuzugestehen, den sie verdienen“11Die Hoffnungen der französischen Basken wurden jedoch sehr bald enttäuscht:

aus Furcht, ein eigenständiges baskisches Departement sei zu anfällig für Unab- hängigkeitsbestrebungen aus dem Süden, fuhr die Regierung Mitterands sehr bald einen anderen Kurs. Innenminister Defferre erklärte in einem Interview 1982:„Die Situation im Baskenland ist eine heikle Situation. Die Schaffung eines baskischen Departements stellt keine Lösung dar.(...)Es istüberhaupt nicht sicher, ob die Schaffung eines baskischen Departements den Interessen der Basken selbst entspricht“12und wenig später erklärte er:„Die Frage eines baskischen Departe-ments stellt sich nicht.“13Neben der oft zitierten Angst vor der „Annexion“ eines baskischen Departements durch den Süden wurden auch wirtschaftliche Argu- mente vorgebracht: die Einrichtung eines neuen Verwaltungssystem sei zu teuer, außerdem lebe das Baskenland seit jeher auf Kosten des Béarn, seiner Nachbar- region. Seitdem hat keine französische Regierung mehr dieses Problem themati- siert, seit die Konservativen die Mehrheit in der Nationalversammlung und mit Chirac den Präsidenten stellen, scheint die Verwirklichung eines baskischen De- partements weiter entfernt denn je.

2.7. Kulturpolitische Maßnahmen von privater Seite

Nachdem nun auf Unterstützung von staatlicher Seite nicht mehr zu hoffen war, das Engagement für die Pflege baskischer Sprache und Kultur jedoch so groß wie noch nie und die Rahmenbedingungen durch die Dezentralisation seit den sechziger Jahren verbessert wurden, setzte eine Welle von privaten Initiativen ein. Dies hatte zur Folge, daß der Prozentsatz der baskischsprechenden Bevölkerung im Norden sogar den Süden überstieg:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Schlußbemerkung und Zusammenfassung

Zusammenfassend kann nun festgestellt werden, daß die französische Regierung entgegen vieler Wahlversprechen keine oder nur eine unzureichende Minderhei- tenpolitik führt. Vor allem die aggressive Französisierungspolitik des letzten Jahrhunderts hat das Überleben vieler Minderheitensprachen ernsthaft gefähr- det. So wird Bretonisch fast nur noch von der Landbevölkerung und den älteren Menschen gesprochen, Flämisch existiert praktisch nicht mehr, allein Sprachen die von einer großen Zahl gesprochen werden wie okzitanisch, korsisch oder deutsch, oder die ihr Überleben dem Engagement und der Beharrlichkeit vieler einzelner Politiker, Medienverantwortlicher oder kultur- und schulpolitischen Ini- tiativen verdanken wie das Baskische, befinden sich wieder im Aufschwung.

Allein die Tatsache, daß erst seit 1992 zweisprachige Wegweiser, aufgestellt wer- den, - und auch dies nur zögerlich - zeigt, das Frankreich noch weit davon entfernt ist, die große nationale Varietät im Land als Chance und schützenswertes Erbe zu begreifen.

So ist es nicht verwunderlich, wenn Basken, Korsen und Bretonen ihre Hoffnun- gen auf ein vereintes Europa setzen, in dem ihre Heimat nicht mehr eine Randla- ge sondern eine Brückenfunktion einnimmt. Die Zukunft scheint es besser mit diesen Völkern zu meinen als die Vergangenheit, in der sie allzu oft nur Objekt und nicht Subjekt der Geschichte waren.

4. Anmerkungen

5. Literaturverzeichnis

Bladé, Jean-François: Études sur l’orogine des Basques, Slatkine-Megariotis Reprints, Genf 1976

Conseil régional d’Aquitaine:

- Recensement général de la population de 1990, Bordeaux 1990

- Présentation de l’Aquitaine, Auszug aus: Jouve, A.; Stragiotti,P.; FabriesVerfaillie: La France des régions, Éditions Bréal, ohne Datum

Collins, Roger: The Basques, Basil Blackwell Ltd., Oxford 1986

Euskal Kultur Erakundea: Ezagupenaren Giltzak, Ustaritz 1994

Intxausti, Joseba: Euskara, la langue des Basques Éditions Elkar, Bayonne 1992 Rudel, Christian: Euskadi, une nation pour les Basques, Latitudes, ohne Ort, ohne Datum

Veyrin, Philippe: Les Basques, Éditions Arthaud, Paris 1947/1975 Le Figaro/économie, Ausgabe vom 05.09.1995

Le Monde, Ausgabe vom 05.04.1997

Giese, W.: Die Sprache der Basken, in: Merian: Die Gascogne und das Baskenland, 9/1965, S.82 ff., Hofmann & Campe Verlag, Hamburg 1965

[...]


1bisweilen als eigene romanische Sprache klassifiziert

2keine einheitliche Sprache, sondern Anhäufung von Dialekten

3wenn man das Korsische zum Italienischen rechnet, bleibt für letzteres fast kein Sprachraum mehr in Frankreich übrig

4einschließlich der Germanophonen in Lothringen

1In: Vevrin, Philippe: Les Basques, Editions Arthaud, Paris 1947/1975, S. 41: „pauvre en vin, pain et aliments de toutes sortes, mais on y trouve en compensation des pommes, du cidre et du lait“(Übers.

D. Autors)

2ebd., S.63: „(...)extorquer un injuste tribut(...) C’est un peuple différent de tous les peuples, et par ses coutumes et par sa race, plein de méchanceté, noir de couleur, débauché, pervers, perfide, déloyal, corrompu, voluptueux, ivrogne, expert en toutes violences, féroce et sauvage, malhonnête et faux, impie et rude, cruel et querelleur, inapte à tout bon sentiment, dressé à tous les vices... et de toute façon ennemi de notre peuple de France. Pour un sou seulement, le Navarrais ou le Basque tue, s’il le peut, un Français.“(Übers. d. Autors)

3ebd., S. 61/62: „Les gens de ce pays sont très gais et tout à fait le contraire des Espagnols qui ne savent rien faire si c’est n’’est gravement. Ceux d’ici sont toujours à rire, à plaisanter, à danser, les femmes comme les hommes“ (Übers. d. Autors)

4ebd., S.63: „Ces peuples qui demeurent ou plutôt qui sautent au pied des Pyrénées“(Übers. d. Au- tors)

5nach: Baskisches Kulturinstitut, Clés de la Connaissance, Ustaritz 1994, Kap. 6B

6Veyrin, S. 266: „Préparé de longue date à son heure drenière, conscient d’avoir mis autant de chan- ces que possible de son coté pour la vie future, le Basque voit aussi venir sa fin avec la consolante assurance qu’il ne sera pas oublié. Enterré au cœure même de son village, à deux pas de la place où claquent les pelotes, au pied de l’église où resonnent las chants et prières des vivants, il sait que, chaque dimanche, après les offices, il recevra la visite des ‘gens de la maison’(etxekoak’)qui, de génération en génération, viendront se recueillir un instant devant la tombe de leurs morts“ (Übers. d. Autors)

7 in: Intxausti, Joseba: Euskara, la langue des Basques, Editions Elkar, Bayonne 1992, S. 148: „J’ai exigé des instituteurs l’abolition entière de l’usage de la langue basque en classe“ (Übers. d. Autors)

8ebd., S.148:“Nos écoles en Pays Basque ont particulièrement pour objet de substituer la langue française au basque“ (Übers. d. Autors)

9in: Rudel, Christian: Euskadi, une nation pour les Basques, Latitudes, ohne Ort, ohne Datum, S.149/150: „Jeune Basque, réfléchis à ceci:Ne confonds pas deux choses différentes, ne confonds pas Patrie et Nationalité

- Ta Patrie (Aberria) c’est la terre où tu es né, où toue tes ancêtres ont vécu et sont morts

- Ta Patrie, ce sont tes habitudes, une manière de sentir et de penser, qui te font différent de ceux qui ne sont pas Basques

- Ta Patrie, c’est quelque chose que tu aimes habituellement et dont tu es fier...

- Ta nationalité, c’est le système administratif dont tu dépends par naissance ou par option

- Ta nationalité est une nécessité, car il faut s’intégrer dans une société

- Ta natinaqlité te donne un cadre, une sécurité pour tes intérêts materiels et moraux

- Ta nationalité est une réalité moins profonde, moins intime, moins intense que ta patrie L’idéal est que la nationalité et la Patrie se confondent.

L’idéal est la nationalité soit au service de la Patrie.

L’idéal est que la nationalité et la Patrie se soutiennent mutuellement L’idéal n’a pas son compte dans notre cas de peuple basque...

Il est temps que la Patrie dispose de la nationalité et non la nationalité de la Patrie.

Il est temps que la Patrie basque se donne une nationalitéde son chois et à son service.

Il est temps que tous les petits peuples d’Europe, la main dans la main, réalisent une nationalité commune au service de multiples patries“ (Übers. d. Autors)

10ebd., S.182: „(...)Je ne puis qu’être favorable à une initiative dont vous marquez clairement les limites comme ‘une évolution du cadre administratif d’un nouveau département dans le respect des institutions nationales.’ D’ailleurs, je suis co-signataire d’une proposition de loi déposée par le Prti socialiste le 18 décembre 1980 qui tendait au même but“ (Übers. d. Au tors)

11ebd., S.25: „Pour les socialistes, c’est clair: c’est blesser un peuple au plus profond que de l’atteindre dans sa langue et sa culture...Le temps est venu pour un statut des Langues et Cultures de France qui leur reconnaisse une existence réelle; le temps est venu de leur ouvrir grandes les portes de l’école, de créer des sociétés régionales de radio et de télévision permettant leur diffusion, de leur accorder toute la place qu’elles méritent dans la vie publique“ (Übers. d. Autors)

12ebd., S.183: „Le situation dans le Pays Basque est une situation très délicate. La solution ne sera pas fournie par la création d’un département basque...Il n’est pas du tout certain que la création d’un département basque soit conforme à l’intérêt des Basques eux-mêmes“ (Übers. d. Autors)

13 ebd., S.183: „La question du département basque ne se pose pas.“ (Übers. d. Autors)

22 von 23 Seiten

Details

Titel
Minderheitenpolitik in Frankreich am Beispiel des Französischen Baskenlandes
Autor
Jahr
1996
Seiten
23
Katalognummer
V103255
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minderheitenpolitik, Frankreich, Beispiel, Französischen, Baskenlandes
Arbeit zitieren
Matthias Traub (Autor), 1996, Minderheitenpolitik in Frankreich am Beispiel des Französischen Baskenlandes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103255

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