Bachmann, Ingeborg - Gedichte - Gedichtinterpretationen zu 'Anrufung des Großen Bären' und 'An die Sonne'


Ausarbeitung, 2001

5 Seiten


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Seelhofer Udo 9806534

A 020 333

Gedichtinterpretationen zu „Anrufung des Großen Bären” und

„An die Sonne”

von Ingeborg Bachmann

1.„Anrufung des großen Bären“

„Anrufung des Großen Bären“ ist nicht nur der Titel des zweiten und letzten Gedichtbandes von Ingeborg Bachmann, sondern gibt auch einem darin enthaltenen Gedicht seinen Namen, welches als beispielhaft für Bachmanns lyrisches Schaffen angesehen wird. Es besteht aus vier Strophen unterschiedlicher Länge. Auffällig ist, dass sie immer kürzer werden, was auf eine Steigerung des Spannungsbogens und auf eine zunehmende Verdichtung thematischer und stilistischer Elemente hinweist. Die letzten zwei Strophen sind gleich lang. Der Aufbau hat keine erkennbare Struktur, daher kann man schlussfolgern, dass auch der Inhalt nicht exakt festlegbar ist. Die formelle Freiheit setzt sich ebenfalls auf anderen Gebieten durch: Haken- und Zeilenstil wechseln sich ab, und es gibt keinen Reim. In der ersten Strophe herrscht aber, mit zwei Ausnahmen (eins und acht), ein Trochäus vor, auch wenn die Hebungen und einheitlichen Kadenzen unregelmäßig sind.

Man kann das Gedicht in vier Sinnabschnitte anhand der vier Strophen einteilen:

1. Strophe:

„Der Große Bär“ wird von einem lyrischen Ich aber eventuell auch von einigen lyrischen Sprechern - wahrscheinlich Hirten - beschworen, die ihm fasziniert aber auch misstrauisch - schließlich ist er ja offensichtlich gefährlich - gegenüberstehen.

2. Strophe:

Er sieht die Welt als einen Tannenzapfen, der mit Menschen beschuppt ist, und mit dem er umgehen kann wie er will.

3. Strophe:

Das lyrische Ich fordert die Hirten auf zu spenden und gut zu einem Blinden zu sein, damit dieser den Bären nicht loslässt, auch die Schafe sollen gut gewürzt sein.

4. Strophe:

Es besteht die Möglichkeit, dass der Bär seine Drohung wahr macht, indem er die aus dem Paradies gestürzten Zapfen jagt, nachdem er sich losgerissen hat.

Die Perspektive erscheint zuerst unklar. In der ersten Strophe spricht ein lyrisches Ich zum „Großen Bären“. Es kommt in dem Personalpronomen „Wir“ (7) zum Vorschein. Hier ist es denkbar, dass mehrere Personen den Bären ansprechen, was der ersten Strophe den Charakter eines Gebetes gibt. Es sieht so aus, als ob eine Gruppe Betender gemeinsam den „Großen Bären“ beschwört herabzukommen. Theoretisch könnte „Wir“ sich aber lediglich auf die Hirten beziehen, die sich um die Herde sorgen. Es könnte dann auch nur ein Einzelner beten. Die Frage, ob sich hier eine allgemeine Beziehung zwischen den Menschen und einer außerweltlichen Macht oder um persönliche Empfindungen und Vorstellungen handelt, kann nicht klar beantwortet werden.

Die Personalpronomen „Deine“ (5), „Dir“ (8) und „Deinen“ (9) drücken für mich eine sehr enge Beziehung zwischen den lyrischen Rednern und dem „Großen Bären“ aus. Dieser ist für sie kein Unbekannter, sondern ein vertrauter Ansprechpartner, was wiederum zeigt, dass er für sie mehr als nur ein bloßes Sternbild ist.

In der zweiten Strophe redet der „Große Bär“, ausgedrückt durch das Personalpronomen „Ich“. Handelt es sich hier um seine Antwort ? Mit den Pronomen „Eure“ (12) und „Ihr“ (13) könnten die lyrischen Sprecher der ersten Strophe gemeint sein. Auch das Spiel mit der Welt („Ich reib´ sie, roll´ sie “, 14 - 18), was man als Ankündigung oder Drohung auslegen kann, vermag man durchaus als Entgegnung auf die Beschwörung verstehen.

Die Sicht der letzten beiden Strophen ist allerdings unklar, da es keinerlei Pronomina gibt, welche darüber Aufschluss geben könnten. Anscheinend werden, wie in der zweiten Strophe, wieder die beschwörenden Menschen der ersten Strophe angesprochen. Es ist denkbar, dass das lyrische Ich diesmal der blinde Mann ist, der von sich selbst in der dritten Person redet. Er warnt die Menschen und schafft es, den Bären irgendwie unter Kontrolle zu halten, in dem er ihn an der Leine hält. Die erste Zeile der dritten Strophe („Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht“ (19)) erinnert an die Propheten des Alten Testaments.

In der letzten Strophe wird die Wahrmachung der Drohung des „Großen Bären“ prophezeit.

Die Nomen „Nacht“ (1), „Wolkenpelztier“ (2), „Sternenaugen“ (3) und „Sternenkrallen“ (6) verweisen darauf, dass mit dem Bären zunächst das Sternbild des Großen Bären gemeint ist. Allerdings weisen andere Substantive, wie zum Beispiel „Augen“ oder „Pfoten“, „Krallen“ (5), „Flanken“ (9) oder „Zähne“, usw. auf einen realen Bären hin. Man kann also sagen, dass der „Große Bär“ ein Symbol für etwas anderes ist, eventuell eine mehrdeutige Chiffre. Im Kontext mit dem Titel ergibt sich eine interessante Sichtweise. Hier gibt es zwei Wirklichkeiten: Die eine mit dem Rufer auf der einen Seite, dort die andere, die ins Transzendentale weist, mit dem angerufenen, in weiter Ferne liegenden, fast unerreichbaren Sternbild des Großen Bären. Das Bild des wirklichen Bären lässt die Grenzen beider verschwimmen, da das Sternbild jetzt mit etwas Realem gleichgesetzt wird. Es verweist auf eine höhere Bildebene.

Wie wird unsere Welt in diesem Gedicht beschrieben ? Ein „Zapfen“ mit Menschen als „Schuppen“, „von den Tannen“ heruntergefallen. Die Tannen symbolisieren den Garten Eden, obwohl der Bezug des Relativsatzes in der letzten Verszeile unklar bleibt. Sie sind der Ursprung und das Ziel unserer Welt. Der blinde Mann erinnert mich an die mittelalterlichen, blinden Gaukler, die einen Bären als Attraktion hielten, und den vorbeigehenden Leuten drohten, ihn freizulassen, falls sie kein Geld „in den Klingelbeutel“ zahlen, oder nicht wenigstens „ein gutes Wort“ geben. Was aber heißt „Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht“ ? Die Gottesfurcht ist ein entscheidendes Element im Alten Testament. „Fürchtet euch nicht !“ sagt Jesus hingegen mehrmals im Neuen Testament, um Gott als liebenden Vater den Menschen näher zu bringen. Hier drückt sich vielleicht eine Skepsis gegenüber religiösen Wertvorstellungen aus. Resignation und ein Gefühl von Sinnlosigkeit kann man für mich deutlich aus diesem Gedicht herauslesen. Ein Motiv der inneren Zerrissenheit ist hier erkennbar: Einerseits die Überwindung religiöser Wertvorstellungen, andererseits die Suche nach dem Sinn und damit Gott.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass mir selten ein vieldeutigeres Gedicht als die „Anrufung des Großen Bären“ Bachmanns untergekommen ist, und das inhaltlich in weniger als dreißig Verszeilen so viel enthält.

2.„An die Sonne“

1. Strophe:

Im Einzelnen geht es darum, dass die Sonne das schönste und wichtigste aller Gestirne ist, und dass sie auch zu weit Höherem berufen ist, weil unser aller Leben jeden Tag an ihr hängt.

2. Strophe:

Diese Strophe teilt uns mit, dass die Sonne ihr Werk nie vergisst, und es auch regelmäßig immer beendet. Am Schönsten ist es im Sommer, wenn ein Tag an den Küsten vergeht und die Segel am Auge vorbeiziehen, bis der Betrachter müde wird.

3. Strophe:

Mit dieser Strophe wird meiner Ansicht nach ausgedrückt, dass ohne die Sonne alles, sogar die Kunst und die Natur, seine Schönheit verliert.

4. Strophe:

Hier geht es um die Vorfreude auf das wärmende Licht der Sonne.

5. Strophe:

Die Aussage dieser Strophe bedeutet, dass es im Prinzip nichts Schöneres gibt, als unter ihr sein und leben zu dürfen.

6. Strophe:

Die Aussage dieser Strophe ist, dass die Schönheit der Natur, die nur durch das Licht der Sonne lebensfähig ist, durch nichts zu überbieten ist.

7. Strophe:

Die Sonne kam mit ihrem Licht um den Umkreis zu sehen, das „Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands“. Dies bedeutet, dass sie mit ihren Strahlen jeden Winkel und sogar jeden Grashalm dieser Erde erreicht.

8. Strophe:

In dieser Strophe geht es nicht so sehr um die Sonne selbst, sondern um den Himmel und seine Schönheit. Die Autorin beschreibt das Schweifen ihrer Augen über den Horizont, und welches Glück sie dabei empfindet, die Natur in ihrer ganzen Schönheit betrachten zu dürfen.

9. Strophe:

Im Grunde genommen sagt die Autorin, dass sie es jetzt schon bedauert, die Sonne nicht ewig sehen zu können, da auch sie - wie wir alle - einmal sterben muss. Das wärmende Licht der Sonne nicht mehr zu sehen und zu fühlen, wäre für, sie meiner Meinung nach, auch der einzige beklagenswerte Verlust im Angesicht des Todes.

Interessant ist der Aufbau dieses Gedichtes: Die Zahl der Zeilen wird immer um eine Zeile weniger, bis man bei: „Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“ angelangt ist. Danach steigert sich die Anzahl wieder, bis wieder die fünf Zeilen der ersten Strophe erreicht sind. Das Licht der Sonne darf als Metapher für den lebensgenerierenden Aspekt der im Menschen korrespondierenden Einsichten gelten. Hier ist also keine wie auch immer geartete Abhängigkeit von einer göttlichen Instanz gemeint. In unserer Gemeinschaft muss die Humanität gefördert werden, der schöne Zustand einer friedlichen Welt ist zu verwirklichen, so wie die Sonne Leben spendet, um damit die Spirale der Zerstörung zu durchbrechen. Meiner Meinung nach ist diese Utopie vor dem Hintergrund der sinnlosen Gewalttätigkeit des Großen Bären zu lesen, welcher die dunkle und schreckliche Seite der Welt darstellt. Diese setzt sich über die Menschen hinweg, um zu begreifen, „welcher Erfahrung dieses Weltverhältnis abgerungen ist, dieser Preis eines menschlichen Lebens mit der abschließenden, unaussprechlichen Trauer über den `unabwendbaren Verlust´ der Augen“. Angesichts dessen, dass der Mensch in Geschichte und Gegenwart schon immer korrumpierbar war, setzt Ingeborg Bachmann beharrlich auf die alten Tugenden, Sehen und Rechtschaffenheit, Wahrheitsliebe und Gewissen, Erkenntnis und verantwortungsbewusstes Handeln. Diese unverbrüchliche Humanität wird in diesem Gedicht angesichts der Schönheit der Sonne besungen.

Die Lyrik von Frau Bachmann ist sehr vielschichtig. Sollte jemand noch ganz andere Aspekte in diesen Gedichten entdecken als ich, so spricht das nur für ihre Qualität. Deswegen, so denke ich, ist Ingeborg Bachmann eine der wichtigsten Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

QUELLENNACHWEIS:

Internet: http://members.tripod.de/Peter Meisel/Bachmann.htm#Interpretation http://www.ndh.net/home/berg/iblyrik.htm#baer

Buch: BEICKEN, Peter: „Ingeborg Bachmann“, zweite verbesserte Auflage, C.H.Beck´sche Verlagsbuchhandlung, München, 1988

5 von 5 Seiten

Details

Titel
Bachmann, Ingeborg - Gedichte - Gedichtinterpretationen zu 'Anrufung des Großen Bären' und 'An die Sonne'
Autor
Jahr
2001
Seiten
5
Katalognummer
V103280
Dateigröße
338 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine kurze Zusammenfassung
Schlagworte
Bachmann, Ingeborg, Gedichte, Gedichtinterpretationen, Anrufung, Großen, Bären, Sonne
Arbeit zitieren
Udo Seelhofer (Autor), 2001, Bachmann, Ingeborg - Gedichte - Gedichtinterpretationen zu 'Anrufung des Großen Bären' und 'An die Sonne', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103280

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