Prävention und Intervention gegen sexualisierte Gewalt

Notwendige und mögliche Handlungen pädagogischer Fachkräfte in Institutionen


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist sexualisierte Gewalt an Kindern?

3. Folgen sexualisierter Gewalt
3.1 Kurzzeitfolgen
3.2 Langzeitfolgen

4. Zahlen und Fakten

5. Präventionsmaßnahmen in Institutionen
5.1 Tat begünstigende Strukturen reduzieren
5.2 Personalauswahl
5.3 Empfehlungen für die Praxis

6. Interventionsmaßnahmen in Institutionen

7. Schlussbemerkungen

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rund 43 Kinder in Deutschland werden täglich Opfer sexualisierter Gewalt. Doch was genau können pädagogische Fachkräfte in Institutionen unternehmen, um dem Leid der Kinder vorzubeugen und was muss getan werden, wenn es doch dazu gekommen ist? Diese Hausarbeit befasst sich mit dem Thema der Präventions- und Interventionsmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Institutionen wie Schulen, Vereinen und (teil-)stationären Angeboten der Jugendhilfe. Da dieses Thema noch häufig zu Überforderung und Sorge bei Fachkräften führt, ist es äußerst wichtig dieses gesellschaftliche Tabuthema näher zu beleuchten und Handlungsmöglichkeiten für pädagogische Fachkräfte aufzuzeigen.

Zu Beginn soll der Begriff der sexualisierten Gewalt genauer definiert und mögliche Folgen dargelegt werden. Zahlen und Fakten stellen dar, warum es so wichtig ist sich mit diesem Thema zu befassen, bevor anschließend Präventions- und Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

2. Was ist sexualisierte Gewalt an Kindern?

In der Fachliteratur sowie im Volksmund findet man viele verschiedene Begriffe, die sexualisierte Gewalt beschreiben. Am geläufigsten ist wohl die Bezeichnung sexueller Missbrauch. Da dieser schon seit Jahren in der Fachdebatte kritisiert wird, weil er fälschlicherweise zu der Annahme führt, es würde einen legalen „richtigen Gebrauch“ geben, werde ich in dieser Arbeit von sexualisierter Gewalt sprechen. Bundesjustizministerin Christiane Lambrecht (SPD) hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der am Mittwoch, 21.10.2020, von der Bundesregierung beschlossen wurde. Auch dieser sieht vor, die Straftatbestände des sexuellen Missbrauchs an Kindern durch den Begriff sexualisierte Gewalt zu ersetzen. Des Weiteren sollen Strafen verschärft und die Strafverfolgung erleichtert werden (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, online).

Doch was genau bedeutet sexualisierte Gewalt an Kindern? Günther Deegener (1998, S. 22) definiert diese wie folgt:

Zusammenfassend wird unter sexuellem Missbrauch von Kindern jede Handlung verstanden, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund seiner körperlichen, seelischen, geistigen oder sprachlichen Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Die Missbraucher nutzen ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um ihre eigenen Bedürfnisse auf Kosten der Kinder zu befriedigen, die Kinder werden zu Sexualobjekten herabgewürdigt.

Demnach ist nicht nur der Geschlechtsverkehr zwischen Erwachsenen und Kindern sexualisierte Gewalt, sondern auch sämtliche Handlungen, die vor oder mit einem Kind passieren. Hiermit sind zum Beispiel Exhibitionismus und Voyeurismus sowie das Zeigen pornografischer Inhalte gemeint. Sexualisierte Gewalt an Kindern ist immer mit einem Machtgefälle verbunden. Kinder sind angewiesen auf Liebe und Zuneigung und abhängig von ihnen Halt und Sicherheit gebenden Personen. Dies kann gerade in familiären oder familienersetzenden Kontexten zu fatalen Fehlinterpretationen der Kinder führen. Da sexualisierte Gewalt meist mit Manipulation einhergeht, passiert es häufig, dass Kinder die sexualisierten Handlungen fälschlicherweise als Zuneigung und Liebesbekundung interpretieren. Gerade Kinder, die im sonstigen Alltag wenig oder keine Liebe erfahren, sind hierfür anfällig. Deshalb ist die Prävention gerade in Einrichtungen der Jugendhilfe besonders wichtig, da hier häufig mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird, die in ihrer Vergangenheit wenig Aufmerksamkeit und Liebe bekommen haben und im Zweifel bereits schon Gewalterfahrungen sammeln mussten (Deegener 1998, S. 20-22)

3. Folgen sexualisierter Gewalt

Sexualisierte Gewalt kann verheerende Folgen haben. Moggi (2005, S. 94) teilt diese in zwei Kategorien ein. Einerseits die Kurzzeitfolgen, die unmittelbar bis mittelfristig nach dem Ereignis/den Ereignissen auftreten (er spricht hier von einer Latenzzeit von etwa 2 Jahren) und andererseits die Langzeitfolgen, welche entweder anhaltend vorliegen oder erst viel später auftreten können.

3.1 Kurzzeitfolgen

Die wohl offensichtlichsten und zuerst eintretenden Folgen sind die somatischen. Es kann zu „…Verletzungen im genitalen, analen und oralen Bereich, Schwangerschaften während der Adoleszenz [sowie] Geschlechtskrankheiten…“ (ebd.: S. 96) kommen.

Weitergehend können emotionale Reaktionen, wie Ängste, Phobien, Depression, Schuld- und Schamgefühle sowie Feindseligkeit entstehen. Auch kann es zu Vertrauenslosigkeit, sozialem Rückzug und einem niedrigen Selbstwertgefühl kommen (Deegener 1998, S.107) Ein unangemessenes Sexualverhalten in Form von ungehemmter Selbstbefriedigung, nicht altersgerechten sexuellen Beziehungen und sexualisiertem Verhalten (z.B. Worte und Gesten) kann auch Folge sexualisierter Gewalt sein (ebd.: S.107) Des Weiteren können Auffälligkeiten im Sozialverhalten entstehen. Dies bedeutet, dass möglicherweise Schulschwierigkeiten und aggressives Verhalten auftreten (ebd.: S.107) Psychosomatische Folgen, wie Ess- und Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen, die keine organische Ursache haben, ergänzen das vielfältige Bild der Kurzzeitfolgen (ebd.: S. 107).

3.2 Langzeitfolgen

Viele der oben genannten Kurzzeitfolgen können sich chronifizieren und somit zu Langzeitfolgen werden. Häufig haben Menschen, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit erfahren haben, im späteren Verlauf Schwierigkeiten mit vertrauensvollen Beziehungen. Es kommt zu Misstrauen und Unzufriedenheit, beziehungsweise Angst und Schmerzen in intimen Situationen. Des Weiteren kann eine Furcht und Feindseligkeit gegenüber einem bestimmten Geschlecht entstehen. Es folgen sozialer Rückzug, Passivität, Ängstlichkeit, bis hin zum Selbsthass. Letzterer führt häufig zu selbstschädigendem und selbstverletzendem Verhalten. Kinder, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, entwickeln möglicherweise im Erwachsenenalter eine Sucht oder Essstörung (ebd.: S.107f.).

Schwere psychiatrische Störungen sind nicht selten der Fall. Zu nennen sind hier Persönlichkeitsstörungen, die mit Impulsivität und emotionaler Instabilität einhergehen (z.B. Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung) und (generalisierte) Angststörungen (Moggi 2005, S.99).

Aber auch dissoziative Störungen sind häufig zu finden. Die Dissoziation ist eine körpereigene Bewältigungsstrategie, um extreme Stresssituationen bewältigen zu können. Der zeitweise Verlust kognitiver Fähigkeiten (z.B. in Form eines Blackouts) stellt einen wichtigen Schutzmechanismus dar. Doch was in der Vergangenheit überlebenswichtig war, stellt Menschen in der Gegenwart vor große Herausforderungen, wenn durch gewisse Schlüsselreize (sogenannte Trigger) die alten Schutzmechanismen des Körpers wieder hervorgerufen werden. Es kommt zu Schwierigkeiten Ort und Zeit zu erkennen, Gestik und Mimik können eingeschränkt sein oder es entsteht ein völliger Blackout (ebd.: S.99).

Zu guter Letzt leiden viele Betroffene an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Diese kennzeichnet sich durch das ständige Wiedererleben der Ereignisse in der Vergangenheit (Flashbacks, Intrusionen), bewusste Vermeidung von Situationen, die an damals erinnern und anhaltende Symptome erhöhten Erregungsniveaus. Betroffene sind sehr schreckhaft und können häufig schwer stillsitzen (ebd.: S. 99).

Abschließend muss gesagt werden, dass bei jedem Menschen Symptome unterschiedlich ausgeprägt beziehungsweise überhaupt vorhanden sein können. Ausprägung und Art der Folgen sind von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig. Umfeld, Kontext, persönliche Ressourcen sowie das Entwicklungsstadium beeinflussen in Kombination die Entstehung möglicher Folgen. So ist es in einigen Fällen durchaus denkbar, dass Menschen eine solch belastende Situation ohne weitere Schäden überleben (Moggi 2005, S. 94).

4. Zahlen und Fakten

Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst im Jahr 2019 15.936 Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern. So sind 2019 jeden Tag durchschnittlich 43 Kinder Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Hinzu kommen 12.262 Fälle im Bereich Kinderpornografie (Herstellung, Besitz und Verbreitung). Anzumerken ist hier, dass es sich lediglich um die Delikte handelt, die zur Anzeige gebracht wurden. Es ist von einer enormen Dunkelziffer auszugehen (Bundeskriminalamt 2020, S.1).

Etwa zwei Drittel der Betroffenen sind Mädchen (Tour41 e.V., online). Während der Großteil der Handlungen im familiären Kontext stattfindet (ca. 56%), sind Institutionen mit ca. 17% an zweiter Stelle gelegen. Dies ergibt der Bilanzbericht der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (2019-I, S. 35f.). Die Ergebnisse stellen die Verteilung von Institutionen wie folgt dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Großteil der Täter ist männlich, wobei bei weiblichen Opfern etwa 90% der Täter männlich sind. Bei männlichen Opfern etwa 75%. Während die über 50jährigen Täter*innen nur circa 10% darstellen, sind die unter 18jährigen mit mehr als einem Drittel deutlich in der Mehrzahl. Die Annahme, dass es sich überwiegend um Fremde handle, ist falsch. Diese machen nur etwa ein Viertel aus (Deegener 1998, S.34-37).

Aufgrund der wenig vorliegenden Studien, kann es allerdings zu Abweichungen kommen. So kann der Anteil männlicher Opfer durchaus größer sein. Die Angst vor gesellschaftlicher Verachtung und Aberkennung der gesellschaftlich definierten Männlichkeit dürften hierbei eine große Rolle spielen.

5. Präventionsmaßnahmen in Institutionen

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat 2011 Empfehlungen zur Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Institutionen herausgegeben. Einige der Punkte möchte ich im Folgenden aufgreifen. Diese können grob in drei Unterpunkte aufgeteilt werden. Tat begünstigende Strukturen reduzieren, Personalauswahl und Empfehlungen für die Praxis.

5.1 Tat begünstigende Strukturen reduzieren

Um einen Ort zu schaffen, der sicher ist, sind Strukturen zu reduzieren, die eine mögliche Tat begünstigen könnten. Klar ist, dass nie eine hundertprozentige Sicherheit bestehen kann, aber durch die im Folgenden geschilderten Maßnahmen kann das Risiko deutlich minimiert werden.

Wichtig ist es, offen und transparent über das Thema sexualisierte Gewalt zu sprechen und regelmäßige Fortbildungen anzubieten, damit das Personal eventuelle Frühwarnzeichen erkennen und im Falle einer geschehenen Tat adäquat handeln kann. Hierzu empfiehlt es sich bereits im Vorfeld einen Handlungsplan zu erstellen, der mit allen Mitarbeiter*innen besprochen wird und an einem Ort zu finden ist, der allen zugänglich und bekannt ist.

Um mögliche Anzeichen erkennen zu können, muss die Achtsamkeit des Personals geschult werden. Hier ist aber auch Vorsicht geboten. Die falsche Anschuldigung von sexualisierten Gewalthandlungen kann schwere Folgen mit sich bringen und den Ruf eines Menschen nachhaltig schädigen.

Des Weiteren muss die Konflikt- und Teamfähigkeit gefördert sowie regelmäßig das Leitbild der Einrichtung reflektiert werden. In diesem sollte das sogenannte „Null-Toleranz-Prinzip“ zu finden sein. Die Einrichtung nimmt hiermit eine klare Position ein und macht deutlich, dass sie sich geschlossen gegen sexualisierte Gewalt stellt und keine Handlung in diese Richtung toleriert wird.

Neben den hauptberuflichen Mitarbeiter*innen müssen auch die Ehrenamtlichen und Auszubildenden umfassend geschult werden. Teilnahme an Fortbildungen und frühzeitige Sensibilisierung schon während der Ausbildung sind nötig, um das ganze Personal an der Prävention und gegebenenfalls Krisenintervention beteiligen zu können (DJI 2011, S. 61-63).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Prävention und Intervention gegen sexualisierte Gewalt
Untertitel
Notwendige und mögliche Handlungen pädagogischer Fachkräfte in Institutionen
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V1032942
ISBN (eBook)
9783346439895
ISBN (Buch)
9783346439901
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prävention, intervention, gewalt, notwendige, handlungen, fachkräfte, institutionen
Arbeit zitieren
Maximilian Jaron Dilge (Autor:in), 2020, Prävention und Intervention gegen sexualisierte Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1032942

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