Von der Utopie zur Wissenschaft? Ein Vergleich von frühsozialistischen Ideen mit dem Marxismus


Hausarbeit, 2021

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Frühsozialismus
2.1 Der Begriff Utopie
2.2 Die utopischen Systeme wichtiger Frühsozialisten
2.2.1 Henri de Saint-Simon
2.2.2 Charles Fourier
2.2.3 Robert Owen
2.3 Grundlagen frühsozialistischer Ideen

3. Grundsätze des Marxismus
3.1 Historischer Materialismus
3.2 Kritik an der politischen Ökonomie

4. Frühsozialistischer Einfluss in marxschen Theorien

5. Von der Utopie zur Wissenschaft?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1 Primärquellen
7.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Und doch hätten wir es, als es geschrieben wurde, nicht ein sozialistisches Manifest nennen können.“1 Diesen markanten Satz schrieb Friedrich Engels im englischen Vorwort des „kommunistischen Manifests“. Dadurch wollte er den Marxismus nicht nur von anderen Sozialisten abgrenzen, sondern auch als einen eigenständigen Entwurf darstellen. Angesprochen wurden vordergründlich die Frühsozialisten, die im Zuge der Industrialisierung und der Französischen Revolution mit ihren Ideen den Anfang des modernen Sozialismus einleiteten.2 Zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist es, die Kontinuitäten sowie Divergenzen der Frühsozialisten als ideelle Vorgänger mit den Ideen und den Theorien Marx und Engels zu untersuchen. Dabei deuten sich mehrere Schwierigkeiten an. Die einzelnen Vertreter der Frühsozialisten bildeten keine geistige Einheit, sondern divergierten in ihrem Leben und Werk stark.3 Deshalb soll in der ersten Hälfte dieser Seminararbeit eine grundlegende Analyse des Frühsozialismus und der charakteristischen Prinzipien und Methoden anhand ausgewählter Vertreter stehen, um überhaupt einen Vergleich anstellen zu können. Bevor der Einfluss frühsozialistischen Gedankenguts auf die marxschen Theorien untersucht werden kann, müssen auch die theoretischen Grundsätze des Marxismus aufgezeigt werden. Dies kann aufgrund des Umfangs dieser Arbeit nur skizzenhaft und mit Fokus auf für den Vergleich sinnvolle Aspekte geschehen. Zum einen ist das der „historische Materialismus“ und zum anderen die von Marx entwickelte politische Ökonomie. Die fundamentale Bedeutung der deutschen idealistischen Philosophie, vor allem des Dialektikers Hegel und des Materialisten Feuerbach, welche Marx und Engels aufgriffen und weiterentwickelten, muss in dieser Arbeit deshalb vernachlässigt werden.4 Die Fragestellung dieser Arbeit, welche die Theorien Marx‘ und Engels in eine Reihe mit den Frühsozialisten stellt und auf einen Vergleich abzielt, mag für manche als despektierlich gegenüber den Vordenkern des Marxismus erscheinen, da diese großen Wert darauf legten, ihren „wissenschaftlichen“ Kommunismus von den Utopien der Frühsozialisten abzugrenzen. Nach dem Vergleich bleibt deshalb nicht nur zu klären, wie erfolgreich Marx und Engels diese Abgrenzung konzipieren konnten, sondern auch, wie wirksam sie ihren Kommunismus mithilfe der Verwissenschaftlichung als revolutionär und neuartig veranschaulichen konnten.

2. Der Frühsozialismus

Trotz der Steigerung der Produktivität und eines greifbaren wirtschaftlichen Aufschwungs blieb die Armut im Zeitalter der Industrialisierung weiterhin bestehen.5 Während sich die zunehmenden Erträge vor allem bei einer kleinen Gruppe aus Unternehmern konzentrierten, bildete sich ein Proletariat aus Arbeitern, welches den gesellschaftlichen Halt verlor, da nicht nur die Arbeitsbedingungen sowie der Lohn unzureichend waren, sondern auch der Bezug zur Arbeit schwand.6 Der Frühsozialismus kann als Anfang des modernen Sozialismus gesehen werden und hatte seinen geistigen Ursprung in der Französischen Revolution.7 Nicht nur zeigte diese, inwieweit politische Ideen Realität werden konnten, sondern es wurden Gedanken von Gleichheit und Menschen- sowie Bürgerrechten in den politischen Diskurs eingebettet.8 Es stellte sich die Frage, wie eine Gemeinschaft aufgebaut sein musste, damit die Produktionssteigerung und Industrialisierung allen zugutekommen konnte.9 Im Vordergrund stand dadurch zwar die theoretische Ordnungskonzeption der Gesellschaft,10 der Frühsozialismus war allerdings keine geistige Einheit. Die einzelnen Vertreter des Frühsozialismus entwickelten verschiedene Utopien, anhand welcher sie theoretische Erkenntnisse zur Lösung realer Probleme ableiten wollten,11 weshalb dieser Sozialismus – in Anlehnung an Marx – auch als „utopischer“ bezeichnet wird.12 Der Begriff Utopie ist in seiner Deutung vielfältig. So verwendete Marx und Engels ihn mitunter zur Denunzierung der Frühsozialisten. Deshalb soll in diesem Gliederungspunkt zuerst der Begriff Utopie im politischen Sinn charakterisiert werden, bevor die frühsozialistischen Utopien anhand von Beispielen untersucht werden können.

2.1 Der Begriff Utopie

Im Sprachgebrauch ist der Begriff „Utopie“ oder „utopisch“ oft negativ konnotiert und wird verwendet, um etwas übersteigert oder als unmöglich zu beschreiben. Etymologisch setzt er sich aus den beiden griechischen Wörtern „ou“ für „nicht“ und „topos“ für „Ort“ zusammen und lässt sich damit als „Nicht-Ort“ übersetzen.13 Thomas Morus prägte den Begriff erstmals 1516, um einen politisch und gesellschaftlich Idealen Zustand zu schreiben.14 Er orientierte sich hierbei noch stark an Platons Politeia und dessen Entwurf eines optimalen Staates.15 Wird in dieser Arbeit von einer Utopie gesprochen, ist der von Saage definierte Begriff der politischen Utopie gemeint. Diese sind Fiktionen „innerweltlicher Gesellschaften“ und beziehen sich auf reale Institutionen oder sozio-politische Verhältnisse, denen man eine rationale, durchdachte und theoretische Alternative in Form einer Utopie gegenüberstellt. Dadurch sind Utopien immer zukunftsorientiert sowie auf der Grundlage weltlicher Möglichkeiten16 und dienen in diesem Sinn als Werkzeug, um Wunsch- oder Furchtbilder einer Gesellschaft zu zeigen.17 Dadurch geht jeder utopischen Idee eine fundierte Sozialkritik voraus, um reale Missstände aufzuzeigen. Diesen soll anschließend die Utopie entgegengestellt und daran normative Aussagen und Theorien abgeleitet werden.18 Diese Methodik, welcher sich die Frühsozialisten bedienten, steht damit also in Kontrast zu den negativen Deutungen, die mit dem Begriff der Utopie einhergehen können und sind damit gewollte „Nicht-Orte“, um Ideen zu entwickeln, welche die Gesellschaft zum Besseren verändern sollten.

2.2 Die utopischen Systeme wichtiger Frühsozialisten

Im Folgenden sollen drei der bedeutendsten Frühsozialisten vorgestellt und ihre Theorien erläutert werden. Henri de Saint-Simon kann als grundlegender Vordenker charakterisiert werden und Charles Fourier dient als ein weiterer prägender Vertreter aus Frankreich. Robert Owen veranschaulicht frühsozialistische Ideen in England. Wegen der sprachlichen und kulturellen Barrieren sind die bedeutenden Schulen der Frühsozialisten vorzugsweise in diesen beiden Ländern zu finden.19

Aufgrund des Rahmens dieser Arbeit müssen die behandelten Vertreter auf eine kurze Biografie und eine kompakte Zusammenfassung ihrer Theorien verkürzt werden. Anschließend sollen die zentralen Gemeinsamkeiten der frühsozialistischen Theorien zusammengefasst werden.

2.2.1 Henri de Saint-Simon

Henri de Saint-Simon wurde 1760 als zweites Kind eines französischen Adelsgeschlechts geboren. Er erhielt eine standesgemäße Ausbildung, zeigte sich aber schon früh durch die Konventionen und autoritäre Erziehung eingeengt.20 Seine militärische Laufbahn, die er nach seiner Volljährigkeit einschlug, ermöglichte es ihm, am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilzunehmen, wobei er sogar ein Kommando unter Washington innehatte.21 Schon während seiner Militärkarriere zeigten sich erste Indizien seiner utopischen Intentionen. So schlug er dem Vizekönig von Mexiko vor, einen „Panama-Kanal“ auszuheben22 oder brachte der spanischen Regierung die Idee vor, Madrid durch einen Kanal mit dem Atlantik zu verbinden.23 Während der Französischen Revolution gab Saint-Simon seinen Adelstitel ab24 und trat öffentlich als Patriot auf. Gleichzeitig bereicherte er sich an den Notverkäufen der Revolutionsregierung und wurde ein wohlhabender Geschäftsmann.25 Da er unter anderem26 auch zunehmend den geschäftlichen Überblick verlor, lebte Saint-Simon seit 1805 bis zu seinem Tod 1825 in Armut und vorwiegend mittels der Unterstützung von Mäzenen.27 Dadurch ergab sich ein umfangreicher Lebenswandel vom adligen Militär zu einem revolutionären Patrioten, zum großbürgerlichen Unternehmer bis hin zum Abstieg in die Armut. Seine Schriften publizierte er seit 1802 bis zu seinem Tod, was vermutlich auch unter dem Aspekt seiner finanziellen Not geschah.28 Die Grundlage seiner Theorie war die Erkenntnis, dass die feudale Gesellschaft in eine industriell-kapitalistische übergegangen wäre und diese industrielle Gesellschaft immer noch feudal regiert werden würde.29 Für ihn hat die Französische Revolution dieses Problem nicht behoben, sondern versagt.30 Darüber hinaus hat Saint-Simon erkannt, dass die alte Gesellschaft erst abgelöst werden musste, bevor eine neue Industriegesellschaft ihren Platz einnehmen konnte.31 Er stellte damit schon kurz nach 1800 ein Zukunftsbild auf, dass das Industriezeitalter beinhaltete32 und sprach davon, dass die Ordnung in einer solchen Gesellschaft nicht in der Vergangenheit, sondern nur in völlig neuen Ideen liegen könnte.33 In seiner Parabel aus dem Organisator kann man seine Zeitdiagnose erkennen.34 Es soll sich vorgestellt werden, dass die 30000 besten Industriellen35 Frankreichs auf einmal verschwinden würden. Saint-Simon schreibt: „Verlöre die Nation diese Männer, würde sie zu einem Körper ohne Seele […]“.36 Dem Gegenüber stellte er den Verlust der 30000 höchsten Würdenträger und reichsten Eigentümer der Nation. Ihr Verlust wäre nach ihm kein politisches Unglück, da diese - im Gegenteil zu den Besten - leicht zu ersetzen wären.37 Er stellte die Diagnose einer „auf den Kopf gestellten Welt“38 auf, in welcher die industrielle Klasse die höchste gesellschaftliche Relevanz haben sollte, aber nicht die politische Herrschaft besitzen würde. Diese Ambivalenz zwischen Industriellen, die sich durch Fleiß und Arbeitsfähigkeit auszeichnen, gegen eine Oberschicht, welche durch Faulheit, Aberglaube und Unfähigkeit stigmatisiert wurde, stellte die Ausgangslage der Utopien von Saint-Simon dar.39 Dadurch hatten nach ihm die Industriellen und ihre Helfer den Anspruch auf den höchsten gesellschaftlichen Rang.40 Um dieses Ziel zu erreichen, sind allerdings neue Strukturen notwendig. Die bedeutendsten Industriellen müssten sich zusammen mit den fortschrittlichsten Wissenschaftlern und ihren Entwicklungen formieren, um den unproduktiven Kräften die Macht zu nehmen.41 Ziel sollte eine nationale Industriepartei sein. Bestehend aus den Menschen die Arbeit verrichten, welche der Gesellschaft zu Gute kommt, denen, die direkt an der Produktion beteiligt sind und denen, die leitende oder finanzierende Aufgaben erfüllen.42 Nicht nur bei der politischen Umgestaltung, sondern auch bei der wirtschaftlichen Konzeption der Gesellschaft kann man beobachten, das Saint-Simons Utopie ein System der Fähigkeiten war.43 Nach ihm erreichte man den höchsten Grad der Gleichheit, wenn jeder seinen Fähigkeiten entsprechend einen Beitrag zur Produktion leistete und danach am Ertrag beteiligt wurde.44 Die steigende Produktivität bedeutete den Reichtum aller.45 Der Überfluss in der Industriegesellschaft sollte so groß werden, dass die Diskrepanzen zwischen Arbeitern und Unternehmern verschwinden würden.46 Dadurch entfiel für ihn der Faktor des Zwangs und der Unterdrückung vollständig aus der Gesellschaft. Polizei und stehende Heere könnten abgeschafft werden, um mehr Arbeitskräfte und Finanzmittel frei werden zu lassen und damit die Produktivität sowie das Glück aller Menschen zu fördern.47 In den späteren Schriften erkannte Saint-Simon das Proletariat nicht nur als neue Klasse innerhalb der Gesellschaft an, er wandte sich ihnen auch intensiv zu, um ihre Lage zu verbessern.48 Er gestand ihnen die Mündigkeit zu, eigenes Kapital zu verwalten,49 thematisierte in seiner Schrift über die Gesellschaftsorganisation die gleichberechtigte Stellung zwischen Proletariern und Eigentümern50 und stellte in seiner Schrift „Neues Christentum“ den industriellen Fortschritt in den Dienst der Verbesserung der Lebensbedingungen und Entfaltung:51

„Die ganze Gesellschaft soll auf die Verbesserung des moralischen und materiellen Daseins der ärmsten Klasse hinarbeiten; die Gesellschaft soll sich in der für die Erreichung dieses Ziels in angemessener Weise organisieren.“52

Saint Simon war damit nicht nur ein wichtiger Vordenker des modernen Sozialismus, der als erster die historische Bedeutung der Industrialisierung erkannte und die Idee aufstellte, diese könnte zum Wohlstand aller Klassen führen,53 sondern bediente sich dabei auch einer politisch-utopischen Methodik. Viele seiner Theorien waren sehr leicht angreifbar, aber man muss bedenken, dass er als erster einen industriellen Staat als Gesellschaftsmodell entwickelte und dadurch ein wichtiger „Stichwortgeber“ im Frühsozialismus war.54

2.2.2 Charles Fourier

Auch bei Fourier soll die Biografie auf ein Minimum und auf die für sein Werk wichtigen Aspekte begrenzt werden.55 Er wurde 1721 als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers geboren und durch die Bedingungen seines Erbes gezwungen, eine Kaufmannslehre zu absolvieren. 1793 wurde er in den Militärdienst berufen und all seine Waren sowie Vorräte beschlagnahmt, was ihn wirtschaftlich ruinierte und zwang bis 1815 als Handelsgehilfe in der industriellen Stadt Lyon zu arbeiten. Dort wurde Furier wesentlich geprägt, als er erstmals persönlich mit den Problemen der Industrialisierung wie Arbeitslosigkeit und Massenelend in Kontakt kam. Seine armen Lebensumstände fesselten ihn an den Beruf eines Kaufmanns. Zum Ausgleich begann er in mehreren Werken seit 1808 seine Utopien und Theorien zu publizieren.56 In seiner Zeitdiagnose erkannte er den Verfall zwischenmenschlicher Beziehungen und ordnete die momentane „Zivilisation“ äußerst kritisch ein.57 Diese war in seiner Auffassung die vierte Gesellschaftsordnung in der Geschichte und gekennzeichnet von „individueller Konkurrenz“ die einen „lügnerischen und individuellen Kampf“ antizipierte.58 Die Missstände, die er beobachtete, sind Bevölkerungsüberschuss, Armut, Entfremdung der Arbeiter von ihrer Arbeit und die Konzentration des Reichtums in der Ober- und Mittelschicht, aber auch Umweltverschmutzung, Zerstörung der Wälder und die Verschlechterung des Klimas fanden Einzug in seine Zeitkritik.59 Seine Naturphilosophie, welche aus heutiger Perspektive vor allem in Anbetracht des Klimas interessant erscheint, soll hier nur am Rande erwähnt werden, da sie wenig Sinnvolles zur Argumentation beitragen kann.60 Insgesamt konstatierte er eine verdrehte Welt, in der Produktion, Konsum, Umlauf und Verteilung nicht dem Wohl der produktiven Kräfte zu Gute kommen würde, sondern den Müßiggängern.61 Diese sind bei ihm nicht der Adel oder Klerus, sondern vielmehr diejenigen, welche Geldwirtschaft und Handel betrieben.62 Alle „sehen sich beherrscht […] durch den Kaufmann […] der dennoch nach seinen Belieben alle Triebfedern der Zirkulation lenkt und hemmt.“63 Die individuelle Freiheit des Marktes bedeutete für Furier Betrug gegenüber dem Konsumenten und Produzenten sowie Anarchie, worunter die Masse litt. Die Folgen wären Monopole, künstliche Überteuerung und Bankrotte.64 Die gesellschaftliche Entwicklung und die Möglichkeiten der Industrie waren für Furier nicht auf einer Stufe und das Individuum, das betrügt, um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, war das Problem. In seiner Schrift „Neue sozietäre Ordnung“ folgte er der utopischen Methodik, indem er die Organisation der idealen Gesellschaft der Zukunft entwarf.65 In seiner Utopie wird davon ausgegangen, dass die bestehende Ordnung deshalb nicht funktionieren würde, weil die Leidenschaften und Triebe gehemmt werden, statt sie zum Wohl der Gesellschaft zu nutzen.66 Dadurch konnten Privateigentum, Erbrecht und unterschiedliche Lebensstandards weiterhin existieren, da die Nachteile verschwinden sollten, sobald jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten würde und die Leidenschaften nicht mehr unterdrückt werden müssten.67 Im Zuge dessen kritisierte er auch die Unterdrückung der Frau in der bürgerlichen Ehe, welche die sexuelle Energie zurückhalten würde, die Furier in direkten Bezug zur Produktivität eines Menschen stellte.68 Diese Gemeinschaft wurde eine Art Genossenschaft, in der jeder Einzelne am Produkt der Arbeit aller beteiligt wurde. Dieses Verteilungsprinzip stützte sich auf die drei Fähigkeiten, die jedem Menschen innewohnten: Kapital, Talent und Arbeit. Da diese ähnlich gewichtet wurden, konnte jeder etwas zum Gemeinwesen beitragen und seinen Anteil beanspruchen.69 Dadurch konnte die kapitalistische Wirtschaft innerhalb der Gemeinschaft abgeschafft und durch eine Art Aktiengesellschaft ersetzt werden, in der jeder seine Fähigkeiten investieren konnte, um gemessen an dieser Investition an den Produkten beteiligt zu werden.70 Noch utopischer wurde Furier, wenn man die Art und Weise der Umsetzung einer solchen Gesellschaftsform betrachtet. Alle Industrie und Landwirtschaft sowie das Leben sollte in „Phalangen“ aus 1620 Personen organisiert werden, die architektonisch durchgeplant wurden und im Einklang mit der Natur stehen sollten.71 Aber auch das Leben, die Beziehungen, die Erziehung und die Ausübung der Arbeiten wurden von Fourier detailliert beschrieben.72 Durch die Mobilisierung der ungenutzten Arbeitskräfte, da alle bisherigen Müßiggänger jetzt produktive Arbeit leisteten, und die Verbindung vorher ungebundener Haushalte zu Assoziationen untermauerte er den Nutzen seiner Utopie.73 Diese einzelnen Phalangen sollten schließlich harmonisch zu einer Gesamtheit zusammenschmelzen, die durch „Arbeiterheere“ utopische Projekte – Furier nannte Kanäle als ein Beispiel74 - bewältigen könnten und Nationalstaaten und Kriege überflüssig machten.75 Der Übergang zu dieser Gesellschaft sollte friedlich und ohne Gewalt erfolgen, sobald die Menschen - nach einer Übergangsphase - die Vorteile der ersten Assoziationen erkannt hätten.76 Da Furier zu vielen fantastischen Auswüchsen innerhalb seiner Utopie neigte, kann man ihn leicht als bizarr verkennen.77 Seine sozialistische Utopie beinhaltete aber viele außergewöhnliche Aspekte. So sah er eine Umgestaltung der Gesellschaft nicht auf der Grundlage der Proletarier, sondern im Interesse aller Klassen.78 Darüber hinaus entwickelte Furier durch seine Theorien erste Ansätze einer Aktiengesellschaft sowie einer Produktivgenossenschaft und muss als ein Vordenker des Feminismus und der ökologischen Erneuerung gesehen werden.79

[...]


1 MEW 4, S. 580.

2 Ramm 1968, S. XII f.

3 Ramm 1975, S. 132.

4 Eine philosophische Grundlagenuntersuchung liefert Kolakowski 1977, S. 23-134.

5 Ottmann 2008, S. 133.

6 Ottmann 2008, S. 134.

7 Ramm 1968, S. XII f.

8 Ramm 1986, S. XVI.

9 Ottmann 2008, S. 134.

10 Ramm 1975, S. 132.

11 Saage 1991, S. 5.

12 Ramm 1968, S. XII.

13 Saage 1991, S. 1 f.

14 Franz 1987, S. 4.

15 Ottmann 2008, S. 23.

16 Saage 1991, S. 2 f.

17 Saage 2002, S. 4.

18 Saage 1991, S. 5.

19 Ramm 1975, S. 123.

20 Saage 2002, S. 11.

21 Saage 2002, S. 12.

22 Franz 1987, S. 24.

23 Franz 1987, S. 25.

24 Bruhat 1974, S. 113.

25 Saage 2002, S. 15.

26 Franz 1987, S. 19-58: Umfangreicher Überblick über das Leben von Henri de Saint-Simon.

27 Saage 2002, S. 17.

28 Saint-Simon (Hrsg. Lola Zahn) S. 92: Er musste alles verkaufen und in Armut leben, um sich die Druckkosten leisten zu können.

29 Meyer 1979, S. 97.

30 Saint-Simon (Hrsg. Lola Zahn) S. 339.

31 Saint-Simon (Hrsg. Lola Zahn) S. 194.

32 Saage 2002, S. 20.

33 Saint-Simon (Hrsg. Lola Zahn) S. 194.

34 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 83-86.

35 Gemeint waren nicht nur in der Industrie tätige, sondern auch alle anderen produktiven Kräfte wie zum Beispiel Ärzte, Seeleute, Bauern, Köhler, usw. Saint-Simon listet Beispiele auf.

36 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 84.

37 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 85.

38 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 115f.

39 Saage 2002, S. 22.

40 Bruhat 1974, S. 117.

41 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 115.

42 Bruhat 1974, S. 120.

43 Meyer 1979, S. 103.

44 Meyer 1979, S. 104.

45 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 104.

46 Saage 2002, S. 24.

47 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 98 f.

48 Bruhat 1974, S. 126.

49 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 92.

50 Saint-Simon, (Hrsg. Thilo Ramm), S. 97.

51 Bruhat 1974, S. 127.

52 Saint-Simon (Hrsg. Lola Zahn), S. 443.

53 Meyer 1979, S. 109.

54 Saage 2002, S. 33.

55 Franz 1987, S. 59-96 liefert eine genaue Beschreibung von Leben und Werk.

56 Saage 2002, S. 66.

57 Saage 2002, S. 70.

58 Fourier (Hrsg. Ramm), S. 201.

59 Saage 2002, S. 70.

60 Ottmann 2008, S. 140: Geht genauer darauf ein.

61 Bruhat 1974, S. 136.

62 Seine Schrift „Ein Fragment über den Handel“ bringt seine Verachtung zum Ausdruck.

63 Fourier (Hrsg. Ramm), S. 199.

64 Charles Fourier (Hrsg. Ramm), S. 200.

65 Saage 2002, S. 72.

66 Ramm 1975, S. 134.

67 Ramm 1968, S. 157.

68 Saage 2002, S. 80f.

69 Ramm 1975, S. 134.

70 Ottmann 2008, S. 140.

71 Ottmann 2008, S. 141-143: Experimente und das Scheitern dieser.

72 Meyer 1979, S. 82-94.

73 Saage 2002, S. 78.

74 Bruhat 1974, S. 141.

75 Saage 2002, S. 82.

76 Saage 2002, S. 84.

77 Bruhat 1974, S. 139f.: Z. Bsp. Kinderhorden innerhalb der Gemeinschaft die mit Freude schmutzige Arbeiten erledigen solle.

78 Meyer 1979, S. 70.

79 Ottmann 2008, S. 62.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Von der Utopie zur Wissenschaft? Ein Vergleich von frühsozialistischen Ideen mit dem Marxismus
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
28
Katalognummer
V1033141
ISBN (eBook)
9783346441287
ISBN (Buch)
9783346441294
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialismus, Frühsozialismus, Marxismus, Kommunismus, Utopie, utopischer Sozialismus, Historischer Materialismus, politische Ökonomie, Marx, Engels, Fourier, Owen, Saint-Simon
Arbeit zitieren
Adrian Karmann (Autor), 2021, Von der Utopie zur Wissenschaft? Ein Vergleich von frühsozialistischen Ideen mit dem Marxismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033141

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