Eichendorff, Joseph von - Fortsetzung des "Taugenichts" in romantischer Manier


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
2 Seiten, Note: 15 Punkte

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Romantik-Text

Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohen Lindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säulen in ein prächtiges Schloß führte. Seitwärts durch die Bäume sah ich die Türme von Wien. Die Damen waren, wie es schien, längst ausgestiegen, die Pferde abgespannt. Ich erschrak sehr, da ich auf einmal so allein saß, und sprang geschwind in das Schloß hinein, da hörte ich von oben aus dem Fenster Lachen.

Wir schienen den ganzen Tag gefahren zu sein, denn es dämmerte bereits, und so konnte ich, als ich nach oben blickte, nichts weiter als die Silhouette zweier weißer Gestalten erahnen. Die hellen klaren Stimmen klangen sehr vertraut in meinen Ohren; so lag wohl die Vermutung nahe, dass sie jenen beiden reizenden Damen gehörten, deren fesselnde Erscheinung mich auch in meinen Träumen während der Kutschfahrt nicht mehr losgelassen hatte.

Ich ging voran, um die Gestalten erkennen zu können, obgleich mir dabei aufgrund der Blicke, die ich auf mir ruhen spürte - ohne sie jedoch erwidern zu können - , etwas unwohl zumute war. Doch zu neugierig und erregt war ich, als dass ich es nicht gewagt hätte, das Schattenbild zu erforschen. Vielleicht, so malte ich mir aus, erwarten mich die Damen bereits auf ihrer Kammer. Gar liebreizend und einladend stellte ich mir sie vor, in ihre weißen Kleider gehüllt, die sich wie ein Lufthauch auf ihre zarten Körper legten. In ihren geschmeidigen Gesten würden sie mich, umweht von den hüftlangen blonden Haaren, auf denen das goldene Rot des Abendhimmels schimmerte, einladen, ihnen Gesellschaft zu leisten. „Singe er ein Lied für uns!“, würden sie lachend bitten, und wie niemals zuvor war ich voll Dankbarkeit für dieses Talent, das es nun einmal mehr vermocht hatte, mich in eine solch günstige Lage zu versetzen. Denn durchaus war ich mir bewusst, dass ein Lied mit geistreichem Inhalt viel tiefer in die verborgenen Winkel des menschlichen Gemüts vorzudringen vermag, als bloße gesprochene Worte. Kaum konnte ich es erwarten, die beiden zu Gesicht zu bekommen; doch ach! Je näher ich kam, desto schwieriger fiel es mir, die Personen oben am Fenster zu fixieren, die ja doch nur als zarter Schein in der Dämmerung schimmerten. Gleichsam einem Gemälde, dessen Betrachtung eine gewisse Distanz voraussetzt, um die einzelnen Punkte und Striche zu einem Ganzen verschmelzen zu lassen, verschwamm die Silhouette zunehmens und zerfiel in mannigfaltige Flecken und Schatten. Als ich schließlich beinahe an der von Efeu umrankten Schlossmauer angelangt war, konnte ich nicht einmal mehr ausmachen, ob hinter dem Glas tatsächlich jemand stand oder ob lediglich das Rot des Horizonts, das die abendliche Landschaft durchsetzte, durch eine Spiegelung meine Sinne täuschte. Meine Phantasie, so stand für mich kurz darauf unzweifelhaft fest, hatte mir einen Streich gespielt, denn als ich ein paar Schritte zur Seite ging, fiel das geheimnisvolle Fenster in den Schatten der großen alten Linden des Schlossparks, so dass die Spiegelung des Lichtes aufgehoben war und jede Spur einer Gestalt vernichtet. Oder hatten sich die Damen etwa in die Mitte des Raumes zurückgezogen, um meinen neugierigen Blicken zu entweichen? Ich weiß nicht, wie lange ich bereits, in angenehmste Gedanken versunken, vor dem Fenster gestanden war, als auf einmal erneut Lachen und gedämpftes Plaudern an mein Ohr drang. Wie aus einem Traume erwachend, blickte ich mich um, konnte jedoch in dem Schatten der Bäume und Sträucher keine Quelle der Geräusche erkennen. Ich entschied mich, das Schloss zu betreten, da ich feststellte, dass die große Eisentür einen Spalt offenstand, durch den ein schwacher Lichtstrahl fiel. Verwundert, dass ich diesen nicht bereits vorher wahrgenommen hatte, stockte ich einen Augenblic k, ging dann jedoch zielstrebig und in der Hoffnung, den beiden Damen in ihrer entzückenden Art zu begegnen, durch das Portal. Ein Meer von flackernden Kerzen umgab mich in der nächsten Sekunde. Nachdem sich meine Augen an das seltsame Zwielicht aus Licht und Schatten gewöhnt hatten, versuchte ich, mich zu orientieren und eine Vorstellung vom Ausmaß des Raumes zu erlangen. Es schienen Hunderte oder Tausende von Flammen zu sein, die sich in unregelmäßigen Intervallen mal in diese, mal in jene Richtung neigten und ihre eigenen Schatten kreuz und quer über den Boden warfen. Merkwürdigerweise konnte ich nirgends, so sehr ich meine Augen auch anstrengte und zusammenkniff, eine Wand, eine Decke oder ein anderes Ende der Halle ausmachen, so dass sich die Lichterflut schier ins Unendliche fortzusetzen schien. Ich konnte mir dieses Mysterium nicht erklären, da ich hinter den Außenmauern des - zwar durchaus nicht kleinen - Schlosses niemals den Platz für eine solche Ausdehnung erwartet hätte.

Erst als ich es wagte, mich ein paar Schritte zu bewegen, kam ich dem Rätsel auf die Spur und hätte, wenn es mir die Ehrfurcht vor diesem geheimnisvollen und auch etwas unheimlichen Ort nicht verboten hätte, fast laut aufgelacht über meine kindliche Naivität: Der Raum war keinesfalls von unendlicher Weite, vielmehr waren seine Wände und die Zimmerdecke vollständig mit Spiegeln ausgekleidet, die durch die ständige Reflexion des Lichtermeers den Eindruck einer riesigen unfassbaren Fläche erzeugten. Wenn ich mich anstrengte, konnte ich in diesem Dämmerlicht ebenfalls mein eigenes Spiegelbild verfolgen, das vor, neben und über mir tausende Male meine Bewegungen ausführte.

Ich fing gerade an, Gefallen an dem Spiel mit Bewegung, Licht und Schatten zu finden, da bemerkte ich, dass ich nicht allein im Raum war. Ach, da waren sie wieder! Etwa sieben Schritte vor mir - oder war es hinter mir? Ich hatte durch die unzähligen Spiegelbilder die Orientierung und mein Raumgefühl verloren

- sah ich die beiden weißen Gestalten, die sich nun langsam durch den Raum bewegten. Sie schienen ihre weit ausladenden Kleider als Flügel zu gebrauchen, denn sie schwebten beinahe, so geschmeidig und sanft, voran; dabei jedoch auch so vorsichtig, dass sie den vielen Kerzen nicht zu nahe kamen und ihr Lichterspiel nicht durcheinander brachten.

So wie ich es zuvor in meiner Phantasie mir nicht schöner auszumalen wagte, bereitete mir der Kerzenschein, der auf ihren wallenden Haaren und auf dem hauchdünnen Stoff ihrer Kleider Widerschein fand, eine heimliche Freude und Sehnsucht. Und so, wie die tausend Lichter rings um mich brannten, wurde durch diesen Anblick, voll Anmut und Verführung, meine Liebe zu den beiden Geschöpfen entzündet. Mir war gar, als dränge der reine Duft ihrer seidigen Haut, umspielt von einem Hauch blumig- frischer Aromen edelster Parfums, bis zu mir heran, so dass ich ein euphorisches Seufzen kaum zurückhalten konnte.

Irgendetwas ganz Besonderes strahlten die beiden Traumwesen auf mich aus, denn wie hypnotisiert folgte ich ihren Bewegungen. Als ob ich meinen Verstand vor dem Schlosse zurückgelassen hatte, schritt ich durch die Halle, nur darauf bedacht, den beiden näher kommen und sie genauer betrachten zu können. Doch sie wichen mir immer wieder geschickt aus, und ich konnte in dem weißen Nebel ihrer Gewänder ihre Körper und Gesichter nur erahnen. Einige Male griff ich nach ihnen, doch alles was ich zu spüren bekam, war die kalte glatte Fläche eines Spiegels, dessen Bild mich getäuscht hatte.

Auf einmal jedoch schienen die Damen dem Spiel ein Ende setzen zu wollen. Sie hielten inne, öffneten eine mit bis dahin verborgen gebliebene Geheimtür hinter einem der Spiegel und gaben mir zu verstehen, ihnen zu folgen. Etwas irritiert wusste ich zunächst nicht, ob ich mich auf dieses Versteckspiel einlassen wollte, allerdings war meine Neugier größer als meine Vorbehalte, und so folgte ich den beiden, immer darauf bedacht, keine Kerze umzustoßen oder gegen einen Spiegel zu laufen. Langsam tastete ich mich in die Richtung, in der ich die beiden zuletzt gesehen zu haben glaubte, doch bis ich mich aus dem Spiegelkabinett befreit hatte, dauerte es noch eine ganze Weile.

Erleichtert trat ich ins Freie und fand mich auf einer Terrasse wieder, die scheinbar in den hinteren Teil des Schlossparks führte. Inzwischen stand der Mond strahlend und voll am Himmel und erleuchtete durch die großen Baumalleen hindurch die weitläufigen Wege. Es duftete nach Rosen und dem Harz der alten Bäume. Etwas weiter entfernt hörte ich einen Brunnen plätschern, auf dessen feine Wasserstrahlen das Mondlicht hüpfte. Von den beiden Gestalten jedoch, die mich auf so faszinierende Weise verzaubert hatten, war nichts mehr zu sehen, nicht einmal die geringste Spur zu erahnen. Obwohl mich eine nähere Bekanntschaft durchaus gereizt hätte, beschloss ch, mich nicht auf die Suche nach ihnen zu machen. Schließlich hatte ich für meinen momentanen Aufenthaltsort keinerlei Anhaltspunkt als die Kulisse der Stadt Wien.

Das Glück war mir hold, denn als ich mich gerade zu Fuß auf den Weg in die Stadt machen wollte, begegnete ich einem italienischen Händler, der allerlei Haushaltswaren und südländische Delikatessen auf seinem Wagen geladen hatte. „Wohin der Weg zu so später Stund‘?“ rief er mir im Vorbeifahren zu. „In die Stadt“, antwortete ich, nicht ohne Schmunzeln, da ich nicht vor gar zu langer Zeit eine ähnliche Frage gestellt bekam, an deren Folgen ich wohl noch oft mit Entzücken zurückdenken werde. „Italia?“ fragte er mich und forderte mich mit einer einladenden Geste auf, ihn zu begleiten. Ohne zu zögern sprang ich in Erwartung eines neuen Abenteuers auf. Mir war, als hörte ich ein leises, doch unbeschreiblich helles und klares Lachen, das vom Schloss her an mein Ohr drang.

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Details

Titel
Eichendorff, Joseph von - Fortsetzung des "Taugenichts" in romantischer Manier
Note
15 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
2
Katalognummer
V103346
Dateigröße
329 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein frei erfundener Text, der das erste Kapitel des "Taugenichts" von Eichendorff fortsetzt. Es sind über 30 romantische SChlüsselbegriffe und Bilder eingebaut.
Schlagworte
Eichendorff, Joseph, Fortsetzung, Taugenichts, Manier
Arbeit zitieren
Eva Köberlein (Autor), 2001, Eichendorff, Joseph von - Fortsetzung des "Taugenichts" in romantischer Manier, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103346

Kommentare

  • Gast am 3.11.2001

    Wirklich gut!.

    Dise Fortführung des 1. Kapitels ist so gut an die Sprach Eichendorffs angepasst, dass man meinen könnte, er habe es selbst geschrieben. Ein durchaus lesenswerter Beitrag!

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