Büchner, Georg - Lenz - Vergleich mit Keller, Gottfried - Heinrich - Vergleich dreier Roman(anfänge)


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

7 Seiten, Note: 1


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Gliederung

1. Aufbau einer Parallele zwischen Protagonist und erlebter Natur

2. Vergleichende Untersuchung dreier Textausschnitte von G. Büchner und G. Keller
2.1 Georg Büchner: „Lenz“ (1839)
2.1.1 Inhalt, Aufbau und Struktur
2.1.2 Perspektive, Zeitstruktur
2.1.3 Sprachlich-stilistische Mittel
2.1.4 Zusammenfassung in bezug auf den Aspekt des Romananfangs
2.2 Gottfried Keller: „Der grüne Heinrich“ (1854)
2.2.1 Inhalt, Aufbau und Struktur
2.2.2 Perspektive, Zeitstruktur
2.2.3 Sprachlich-stilistische Mittel
2.2.4 Zusammenfassung in bezug auf den Aspekt eines eventuellen Romananfangs
2.3 Gottfried Keller: „Der grüne Heinrich“ (1879)
2.3.1 Inhalt, Aufbau und Struktur
2.3.2 Perspektive, Zeitstruktur
2.3.3 Sprachlich-stilistische Mittel
2.3.4 Zusammenfassung in bezug auf den Aspekt des Romananfangs

3. Darstellung der Natur in den drei Texten

4. Übergang von der Romantik zum Realismus

Leistungskurs Deutsch

Übungs-KLAUSUR am 4.6.2001

Texterschließung

Durch alle Epochen hindurch kann man beobachten, wie Autoren die Charaktere ihrer Protagonisten näher bestimmen, indem sie zwischen deren Persönlichkeiten und der von ihnen erlebten Natur bzw. Umwelt Parallelen aufbauen. Besonders zu Beginn einer Erzählung oder eines Romans kann dies eine entscheidende Hilfe zur Interpretation und Identifikation mit dem Protagonisten bieten. In den drei vorliegenden Texten von Georg Büchner („Lenz“, 1839) und Gottfried Keller („Der grüne Heinrich“, 1854/1879) kann man durch die Darstellung der Natur und an den entsprechenden Reaktionen der jeweiligen Hauptperson Schlüsse über deren Innenleben anstellen.

Im ersten Exzerpt, dem Beginn der Erzählung „Lenz“ von Georg Büchner aus dem Jahr 1839, einem fiktionalen Text, wird die Wanderung des Protagonisten Lenz - gemeint ist der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz - durch das winterliche Gebirge beschrieben. Dabei wird in erster Linie die Natur geschildert: zunächst aus neutraler Sicht, später aus Lenz‘ persönlicher Perspektive. Gleichzeitig schildert der Autor dabei dessen Geisteskrankheit, indem er Lenz‘ Gefühle und seine besondere Weltanschauung wiedergibt.

Diese ersten 34 Zeilen des Erzählungsbeginns können in drei verschieden lange Abschnitte gegliedert werden:

Die ersten beiden Zeilen beschreiben zunächst in neutralem Stil, ähnlich einer Regieanweisung, die äußere Situation und die allgemeinen Umstände: Neben dem Datum werden fast stichpunktartig Schauplatz und Wetterverhältnisse angegeben.

In den Zeilen drei bis acht verlieren sich die Ausführungen in kleineren Details; außerdem erwähnt der Autor hier zum ersten Mal Lenz und seine gleichgültige Stimmungslage. Im letzten Satz findet der Leser eine Andeutung des verwirrten Geisteszustands des Protagonisten.

Den längsten Part bilden die Zeilen neun bis 34. Hier erfährt man nun Einzelheiten aus dem Innenleben von Lenz. Ein Gefühlschaos baut sich auf und findet in Zeile 29 in einer versuchten Umarmung des Alls seinen Höhepunkt. Danach ebbt die Unruhe langsam ab und ist schließlich vorbei. Die einzelnen Abschnitte bilden also offensichtlich drei verschiedene Ebenen, durch die der Autor die Leser Stück für Stück an die Hauptperson heranführt.

Der Erzählstil an dieser Stelle des Textes ist auktorial. Zunächst findet man zwar nur eine bloße Naturschilderung vor - von einer Wertung, einem Kommentar oder einem Eingreifen in den Text von Seiten des Erzählers ist nichts zu spüren; im weiteren Verlauf jedoch erfährt der Rezipient durch das Mittel der erlebten Rede Lenz‘ Gefühle und Empfindungen. Dieses Wissen spricht eindeutig für einen auktorialen Erzähler.

Die beschriebenen Ereignisse geben kein spezielles Ereignis wieder, vielmehr könnte man es als eine Art Schilderung des gesamten Zustandes interpretieren, die der Erzähler zusammenfassend darstellt. Für diese Zeitraffung spricht auch die Anmerkung „Aber es waren nur Augenblicke.“ (Z.32), die auf den nicht kontinuierlichen Fortlauf dieses Zustandes hinweist.

Bei den Ausführungen findet ständig ein Sprung zwischen Innen- und Außensicht statt. Im Vordergrund befinden sich natürlich die Gefühle, doch fügt der Autor immer wieder Nebensätze ein, die sich davon abheben. Sätze wie „Er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen“ (Z. 26) stehen so im Kontrast zu der Beschreibung von Lenz‘ Empfindungen („Es war eine Lust, die ihm wehe tat“ - Z. 29) oder zu Mischformen wie „er wühlte sich in das All hinein“ (Z. 28). Hier wird eine an sich äußere Handlung in Lenz‘ eigener Auslegung angeführt.

Der dreistufige Aufbau mit Steigerung zum Schluss spiegelt sic h auch bei der sprachlichen Analyse wider.

Während z.B. der Satzbau im ersten und zweiten Abschnitt noch parataktisch ist und sehr überschaubar wirkt, wird der Leser im dritten Teil von langen hypotaktischen Satzkonstruktionen fast überrollt. Der längste Part ohne Punkt erstreckt sich über 16 Zeilen (Z. 14-29). Er soll der wirren Gedankenflut in Lenz‘ Innerem Ausdruck verleihen und das atemberaubende Gefühl vermitteln.

Auch bei der Untersuchung der Wortwahl fällt diese Zuspitzung auf. Die ersten Sätze enthalten nur sehr wenig sprachliche Mittel. Erst ab Zeile vier fügt Büchner einige Adjektive und Adverbien ein, die eine träge und triste Stimmung aufbauen; so z.B. „schwer“, „feucht“, „grau“ (Z. 4), „träg“, plump“ und „gleichgültig“ (Z. 6). Um die Wirkung zu verstärken und somit gleichzeitig Lenz Gemütszustand darzustellen, werden einige Begriffe innerhalb dieses Satzes sogar wiederholt. Durch die Verben und Substantive dieser Passage kommt eine, fast absurd langsame, Dynamik ins Rollen, die einerseits das Hin und Her im Inneren der Hauptperson, andererseits die scheinbare Verzögerung und Verlangsamung der Vorgänge ausdrückt. Die Bewegung wird deutlich durch Worte wie „hinunterrieseln (Z. 3), „herabhängen“, „Himmel“ (Z. 4), „heraufdampfen“, (Z. 5) und „auf- und abwärts“ (Z. 7).

Im dritten Teil wird diese Langsamkeit zunächst durch eine große innere Unruhe abgelöst. Verben wie „drängen“ (Z. 9/11) und „suchen“ (Z. 11) sprechen dafür ebenso wie Konjunktivkonstruktionen, die Lenz‘ unerfüllbaren Wünschen Nachdruck verleihen: „Er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen“ (Z. 12/13). Der Größenwahn, der hinter diesem Drängen steckt, wird im weiteren Verlauf (Z. 21-26) abgelöst von einer anderen Art der Unruhe: nämlich in seinen von Verlustängsten durchzogenen Reaktionen auf Naturereignisse. Antithetisch werden Laute von „verhallendem Donner“ (Z. 17) und „Töne, die in wildem Jubel die Erde besingen“ (Z. 18) milderen Klängen wie „Wiegenliedern“ und „Glockengeläut“ (Z. 23) gegenübergestellt.

Auch durch die beschriebenen Farben wird die Kontrastierung deutlich: Das „helle, blendende Licht“ (Z. 20) wandelt sich in „tiefes Blau und leises Rot“ (Z. 24), in einen „lichtblauen See“ (Z. 23), es „glänzet und blitzt“ (Z. 26). „Wolken, die wie wilde, wiehernde Rosse heransprengten“ (Z.19), verwandeln sich in Lenz‘ anderem Seelenzustand zu „kleinen Wölkchen auf silbernen Flügeln“ (Z. 24/25). Büchner baut hier also geschickt eine Synästhesie aus Farben und Klang auf.

Auffällig sind natürlich die zahlreichen Bilder aus der Natur, mit denen der Autor seinen Text anschaulich macht und gleichzeitig eine Parallele zur Psyche des Protagonisten herstellt. Eine Besonderheit nimmt das Bild des nebelverhangenen Waldes ein, das zweimal auftaucht. Zuerst wird es in den Zeilen vier und fünf aus einer neutralen Beobachterperspektive geschildert; in den Zeilen neun und zehn erhält es dann durch die individuellen Sichtweisen von Lenz einen lebendigeren, fast personifizierten Anklang, also die Interpretation eines Geistskranken: nämlich, wenn der „Nebel die Formen verschlingt“. Auch der „Sturm“ tritt zweimal auf: einmal in der aufbrausenden, einmal in der milden Seite der Natur.

Büchner arbeitet außerdem mit vielen Vergleichen (Z. 11/17/23) und Personifikationen (Z.20), die beispielhaft für die rege Phantasie und geistige Verwirrung des Dichters Lenz stehen sollen: Durch die Anspielung auf die Suche nach verlorenen Träumen (Z.11) gelingt es ihm weiterhin, ein Beispiel für die beklemmende Suche der Hauptperson zu vermitteln.

Der vorliegende Auszug stellt den Anfang der Erzählung „Lenz“ dar. Da der Beginn eines jeden Textes im Geiste des Lesers eine unbewusste Entscheidung anregt, weiterzulesen oder nicht, kommt es vor allem in diesen ersten Zeilen darauf an, das Publikum zu überzeugen und neugierig zu machen. In diesem Fall geschieht dies, indem der Autor durch geschickte sprachliche und stilistische Mittel eine weitreichende Identifikation mit dem Protagonisten ermöglicht und bereits am Anfang eine Vorstellung des Ausmaßes der Geisteskrankheit gibt.

Büchner verwendet die Natur, ebenso wandelbar wie der Geisteskranke und vielfältig in den Interpretationsmöglichkeiten, als treffenden Bezugspunkt. Auf diese Weise gelingt es ihm, dass der Leser selbst die beklemmende Lage von Lenz, seinen psychischen Zwiespalt zu spüren bekommt und eine Art Mitgefühl entwickelt.

Der Autor spart mit Hinweisen zum weiteren Verlauf oder zum Grund der Wanderung. Wie bei einem Filmanfang stellt er die Eingangsszene einfach in den Raum, um sie wirken zu lassen. Die drei verschiedenen Stufen wirken dabei auf den Leser wie ein herangezoomtes Bild, dass dem Geschehen immer näher kommt. Er rückt also zunächst den Charakter in den Mittelpunkt, die äußeren Umstände stellt er zurück.

Auch im zweiten Textausschnitt, einer Passage aus der ersten Fassung von Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“ (1854), befasst sich der Autor mit der Wanderung des Protagonisten Heinrich durch eine Landschaft. Dabei steht diesmal jedoch in erster Linie die Natur- und Umgebungsschilderung im Vordergrund, erst im letzten Drittel treten Gedanken Heinrichs hinsichtlich seiner Heimat und des Wetters hinzu.

Die 17 Zeilen des Abschnitts sind ungegliedert, können aber in vier aufeinander aufbauende und sich steigernde Sinneinheiten unterteilt werden:

In den Zeilen eins bis acht wird zunächst nur die Natur geschildert; im zweiten Teil (Z. 8-11) kommen - im Vergleich zu Text A - erstmals auch menschliche Regungen (wie der Jagdlärm) hinzu. Bis dahin ist noch kein Bezug zu Heinrich zu erkennen. Dieser folgt erst im dritten Passus (Z. 11-13), wenn Mond und

Morgenrot in ihm ein Heimatgefühl aufbauen. Eine erste Andeutung für die Interpretation seiner Gedanken findet der Leser jedoch erst in den letzten Zeilen (Z. 14-17). Hier bringt die pessimistische Ahnung von schlechtem Wetter einen Bruch in die zuvor wahrgenommenen Natureindrücke. Die verschiedenen Einheiten steigern sich also von der unberührten Naturidylle über die Einflüsse des Menschen bis zum Höhe- und gleichzeitigen Wendepunkt: Heinrichs negativen Gedanken. Durch diese Klimax wird gleichzeitig ein antithetischer Rahmen um den Textausschnitt aufgebaut. Die Passage endet anders, als der Leser es zu Beginn der 17 Zeilen erwartet hätte.

Der Erzähler schildert zunächst aus neutraler Sicht die Natur. Später hat er jedoch Einsicht in die Gedanken Heinrichs und gibt diese in der erlebten Rede wieder. Trotzdem kann man hier nicht von einem eindeutig auktorialen Erzähler sprechen; es wäre nämlich durchaus möglich, dass Heinrichs Seufzer ihm genug verrät, um seine Gedanken weiter zu erahnen und in fast ironischer Manier weiterzuspinnen. Es liegt also eher eine Mischung zwischen auktorialem und personalem Erzähler vor. Auch das Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit ist nicht klar zu bestimmen. Möglich und naheliegend ist jedoch eine Zeitdeckung: Heinrich tritt in die Landschaft hinaus und nimmt beim Umsehen und beim Loslaufen verschiedene Eindrücke wahr. Dennoch kann man in diesem Fall zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen, da keine wirkliche Handlungsabfolge, sondern vielmehr eine Sammlung von Eindrücken und Gedanken vorliegt, die der Erzähler der Reihe nach auflistet und ineinander übergehen lässt.

Allgemein kann man durch dieses erzählerische Vorgehen jedoch behaupten, dass der Text näher am Realen liegt als Text A. Der Wechsel zwischen Innen- und Außensicht ist klar abgegrenzt, die wörtliche Rede des Seufzers bestätigt den Eindruck.

Dies wird auch durch die angewandten stilistischen Mittel bestätigt:

Zwar gebraucht Keller zumeist lange Sätze, diese sind jedoch meist parataktisch aufgebaut und somit leicht nachzuvollziehen. Durch die Reihung zerfällt die Schilderung nicht in einzelne Stücke, sondern geht fast nahtlos von einem Bild zum nächsten über.

Viele Adjektive („waldig und dunkel“ - Z. 2), vor allem jedoch Farben (z.B. purpurisch angeglüht“ - Z. 4; „graue Städte“ - Z.5; „dunkelblaue Berge“ Z. 6; „goldenes Rund“ - Z.8) verdeutlichen das Beschriebene. Eine besondere Funktion nimmt die Farbe Rot ein, die sich aufgrund des „Morgenrots“ (Z. 3) über die gesamte Landschaft legt und manche Dinge, wie z.B.den „rötlichen Fluss“ (Z. 3), in dieser unnatürlichen Tönung erscheinen lässt.

Zu den Farben kommen im nächsten Abschnitt verschiedene Klänge und Geräusche („Jagdlärm“, „Hörner tönten“, „Hunde musizierten“, „Schüsse knallten“ - Z. 9/10), so dass wiederum eine Synästhesie entsteht, diesmal allerdings mit realen und erklärbaren Geräuschen und Farben.

Durch die Beschreibung der Natur und der Umgebung baut Keller über 30 Einzelbilder auf; im Ganzen betrachtet zeichnet er ein eher statisches Gemälde, das von einem festen Punkt aus gezeichnet wurde, und bei dem man alle Eindrücke gleichzeitig festhalten kann. Dieser Stillstand wird erst durch „den wandernden Heinrich“ (Z. 15) aufgelöst.. Büchner ließ in Text A hingegen fast einen Film ablaufen, der von Dynamik geprägt war.

Neben den Begriffen aus dem Wortfeld „Natur“, die natürlich den gesamten Text prägen, treten fast motivartig die Worte „Mond“ (Z. 7/11) und „Morgenrot“ (Z. 3/11/13/15) auf. Diese Gegenüberstellung steht symbolisch für Heinrichs Gefühle: Einerseits erinnern ihn beide Attribute an seine Heimat (sie „waren so ruhig und heimatlich“ - Z. 12). Zudem bringt Morgenrot laut einer Bauernregel für Heinrich zwangsläufig schlechtes Wetter mit sich, was ihn mit einem gewissen Unbehagen erfüllt und das Fortsetzten seiner Reise unangenehm werden lässt.

Der letzte Teil des Textes ist von zunehmender Antithetik geprägt, die die idyllische Landschaft dem pessimistischen Denken Heinrichs gegenüberstellt. So stößt man auf einen Gegensatz zwischen „heimatlich“ und „fremd“ (Z. 11), „zu Hause“ und „fern“ (Z. 12), „Morgenrot“ und „Nacht“ (Z. 16). Gleichzeitig wird dadurch Heinrichs innere Anspannung und sein sehnlichster Wunsch, nach Hause zu kommen („er müsse und müsse zu Hause sein“ - Z. 12), verdeutlicht.

Auch wenn in diesem Ausschnitt nicht der Anfang des Romans vorliegt, könnte man doch aus der Beschreibung viele Informationen über Heinrich und sein Erleben der Natur herauslesen und ihn somit ansatzweise charakterisieren. Durch die leicht ironisch-überzogene Schilderung der Gedanken Heinrichs („er dachte mit Schrecken an die kommenden Fluten“) wird der Leser auf den weiteren Verlauf der Reise neugierig gemacht. Somit würde also auch diese Passage - als Eingangsbild - einen guten Beginn einer Erzählung bzw. eines Romans abgeben.

Der tatsächliche Romananfang, allerdings der zweiten Fassung, von „Der grüne Heinrich“ (1879) liegt in Text C vor. Heinrich hat gerade München erreicht und wird von den Eindrücken des Großstadt-Flairs beinahe überwältigt. Die Natur rückt dabei in den Hintergrund.

Nachdem Heinrichs Ankunft in der Stadt beschrieben worden sind (Z. 1-6), widmet sich dieser im Hauptteil dieser ersten 32 Zeilen (Z. 7-29) der Schilderung verschiedenster Eindrücke vom Stadtleben. Dabei betrachtet er zunächst nur die Besonderheiten lebloser Gebäude, befasst sich später mit Sinneseindrücken wie Klänge und Gerüche und legt schließlich besonderes Augenmerk auf die verschiedenen Menschen der Stadt. Diese neuen Bilder, die sich stufenweise immer weiter steigern, werden ihm letztlich zuviel, so dass er sich zurückziehen muss (Z.29-32). So schließen die Momente, in denen er für sich ist, eine Zuspitzung zu immer vielfältigerem, geselligerem, bunterem Leben ein.

Die Besonderheit im Vergleich zu den beiden ersten Texten ist die Ich-Perspektive des Erzählers, die es vermag, einen wesentlich unmittelbareren Eindruck von den erlebten Geschehnissen zu vermitteln. Vor allem im Kontrast zu der ersten Fassung wird dieser Wechsel deutlich.

Da die verschiedenen Impressionen vom Erzähler nur zusammengefasst werden und sich eigentlich über einen längeren Zeitraum erstrecken, liegt eine Zeitraffung vor.

Obwohl die Ich-Perspektive eigentlich eine überzeugende Wiedergabe von Gedanken und Gefühlen zulassen würde, beschränkt sich der Autor hier nur auf die Schilderung des äußeren Geschehens. Dadurch, dass er keine Wertung vornimmt, kann die Beschreibung auf jeden Leser individuell wirken. Der Erzähler distanziert die Umwelt von seiner eigenen Person, trotzdem kann sie dem Leser noch nahe genug stehen.

Der Satzbau ähnelt Kellers erster Fassung. Auch hier stößt man auf lange Passagen ohne Punkt, die jedoch allesamt durch parataktischen Aufbau übersichtlich bleiben. Die Aufzählung der verschie denen Impressionen trennt er durch Semikola ab, um wiederum einen fließenden Übergang zu erzeugen. Bei seiner Wortwahl hebt er vor allem die Größe und Vielfalt des Erlebten hervor. Sowohl Adjektive bzw. Adverbien („groß“ - Z. 2, „zahlreich“ - Z- 26, „mächtig“ - Z. 28, „scharenweise“ - Z. 20) als auch Substantive („Steinmassen“, „Baumgruppen“ - Z. 3, „Hallen“ - Z. 11, „Tanzsäle“ - Z. 24) stellen dies heraus. Verstärkend betont auch die Antithetik, die in zahlreichen Adjektiven den Text durchzieht, diese Vielfalt: Büchner baut einen Kontrast auf zwischen Hell und Dunkel - durch „erhellte Tanzsäle“ (Z. 24) und „dunkle Massen geschwärzter Kuppeln“ (Z. 16) - und zwischen schön und hässlich („schöne und fratzenhafte Künstlergestalten“ - Z. 20).Ebenso zeichnet er einen Querschnitt durch die Bevölkerung: Von „Studenten“ (Z. 21) über „Reiter“ (Z. 23) und „Kurtisanen“ (Z. 25) bis zu „alten dicken Weibern“, „dünnen schwarzen Priestern“ (Z. 26/27) und „wohlgenährten Bürgern“ (Z.28) sind alle Schichten vertreten.

Durch diese vielen beschreibenden Adjektive erstellt Keller, ähnlich dem Text aus der ersten Fassung, ein großes Gemälde vom bunten Großstadt-Treiben. Die Aufzählung erklingt dabei in aufgewühltem Rhythmus, der die Hektik und das lebendige Treiben unterstreicht und den Hintergrund-Lärmpegel einer Menschenansammlung nachahmt.

Durch die Beschreibung verschiedener Klänge wie „Musik, Geläute, Orgel- und Harfenspiel“ (Z. 18), „Weihrauchwolken“ (Z.19) und den Entwurf der Stadtkulisse („große Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten“ - Z. 15) entsteht wiederum eine Synästhesie, die darstellt, dass man alle Sinne benötigt, um alle Einflüsse aufzunehmen.

Der Titel „Der grüne Heinrich“ zeugt davon, dass der Protagonist nicht als wirklich erwachsen angesehen wird, sondern eher naiv und unerfahren auftreten soll. Dafür spricht die Beschreibung der Stadt beinahe als Mysterium, in diffusem Licht („Helldunkel der Dämmerung“ - Z. 9) und unwirklich glänzend und strahlend.

Die Betonung besonderer Impressionen geht aus etlichen Alliterationen hervor, so z.B. „Da glänzten [...] griechische Giebelfelder und gotische Türme“ (Z. 7) oder „durch Laternenlicht erleuchtet“ (Z. 11).

Auch dieser Romananfang ist darauf ausgelegt, eine enge Verbindung zwischen Hauptperson und Leser aufzubauen. Dabei kommt es in diesem Fall jedoch nicht darauf an, dem Publikum einen Einblick in die Psyche Heinrichs zu geben. Vielmehr soll er dessen Eindrücke wie aus eigenen Augen nachempfinden können, um an seinem weiteren Schicksal teilzunehmen. Die Ich-Perspektive leistet dazu große Unterstützung. Durch die überzeugende Schilderung des Stadtlebens wird gleich zu Beginn ein greifbarer Handlungsort festgelegt, der leicht nachzuvollziehen und vorzustellen ist, was die Aufnahme des Geschehens erleichtert. Trotzdem gibt der Autor nicht zu viele Details vor.

Durch die Gliederung in verschiedene Stufen wird der Leser wie in Text A langsam an die Situation herangeführt und bekommt ebenso wie Heinrich eine Art Gewöhnungsphase gewährt.

Die vorliegenden Texte befassen sich also prinzipiell alle mit dem gleichen Thema: Eine Person befindet sich auf Wanderschaft und nimmt auf seine individuelle Art Eindrücke seiner Umwelt wahr. Da die einzelnen Passagen jedoch alle aus Werken verschiedener Entstehungszeiten entnommen sind, kann allein diese spezielle Sichtweise Aufschluss über die Unterschiedlichkeit der Texte geben. Alle drei Exzerpte lassen sich Werken zuordnen, die zwischen Romantik und Realismus entstanden sind. Je früher sie dabei einzuordnen sind, desto deutlich schimmern die Einflüsse der Romantik durch.

Bei Büchner spürt man diese Tendenz am deutlichsten. Bei ihm steht das Geheimnisvolle, Undurchschaubare im Vordergrund. Immer wieder ist von Nebel und Dunst die Rede. Trotzdem befindet er sich weit entfernt von einem wirklich romantischen Text. In erster Linie ist es das Motiv des Geisteskranken, der die Natur aus ganz anderen Augen sieht und so aus der herkömmlichen Welt aussteigt, dass zum Verschleiern beiträgt. Die Natur wird nicht aus biologisch-ökologischer Sicht dargestellt, sondern als unbeherrschbare, unberechenbare Macht mit einer Seele, einem Eigenleben. Er sieht sie als eine Art Lebensgemeinschaft aus den verschiedenen Elementen, die abhängig von deren Emotionen sanft sein oder toben können.

Lenz lässt sic h völlig davon beeinflussen, er ist ihr nahezu hörig und hat sich ihr in seinen Stimmungsschwankungen vollständig unterworfen. Jede kleinste Bewegung wird von ihm als deutungsbedürftiges Phänomen aufgefasst, mal sieht er es als Bedrohung, mal als Herausforderung an. Bezeichnend ist dafür sein Drängen, eins zu werden mit dem „All“; er differenziert also auch nicht mehr zwischen Erde und Universum. Die Natur besitzt für ihn unsagbare Kräfte, die bis ins Unendliche fortwirken und ihren Einfluss nehmen.

Außer ihm und der Natur gibt es niemanden mehr. In der gesamten Passage ist nichts von anderen Menschen zu erahnen.

In Kellers erster Fassung des „Heinrich“ findet dagegen schon eine gewisse Annäherung zwischen dem Protagonisten und anderen Menschen statt. Obwohl er die ganze Zeit alleine ist, ist das menschliche Leben in nächster Umgebung deutlich zu spüren. Die Natur wird viel unverklärter und alltäglicher betrachtet, nur der rote Schimmer des Morgenrots bzw. der Dämmerung lassen auf die Überreste einer romantischen Grundstimmung schließen. Trotzdem baut der Autor in seinen Ausführungen das Bild einer unberührten Idylle auf, indem er besonderen Wert auf die Betonung der glänzenden und leuchtenden Farben legt.

Auf Heinrich wirkt dieser Anblick in erster Linie als Erinnerung an seine Heimat, in die er sich eigentlich wieder zurücksehnt. Nachdem ihm jedoch bewusst wird, wie weit er davon entfernt ist, wendet sich die Grundstimmung des Textes ins Negative und Pessimistische. In Hinblick auf das drohende schlechte Wetter verliert er sogar völlig die Lust an der Wanderung durch die Landschaft und an der Umgebung selbst. Im Vergleich zum ersten Text dominiert hier also im Großen und Ganzen eine nüchterne Betrachtungsweise der Natur, die eher vom praktischen Zweck her - vom Wetter - beurteilt wird.

Der Autor schließt einen Kompromiss zwischen dem Reizvollen, Geheimnisvollen der Natur und dem vordergründigen, zweckgebundenen Denken eines realistischen Menschen.

Ohne Zweifel hat sich Keller bis zu seiner zweiten Fassung des „Heinrich“ noch einen entscheidenden Schritt weg von der Romantik bewegt. Der Wechsel in die überzeugendere Ich-Perspektive zeugt ebenso davon wie das Abwenden von der Natur hin zum Stadtleben.

Während in den Vorgängen in einer freien Landschaft das Mysteriöse niemals ganz ausgeschaltet werden kann, betrachtet der Autor das Treiben einer Großstadt wahrscheinlich als eine verhältnismäßig reale Situation, die im Normalfall ohne nennenswerte Geheimnisse erstellt werden kann. Zwar zeichnet auch er ein vielfältiges Bild - genau wie im Ausschnitt der ersten Fassung - , doch wirken seine Farben hier alles andere als natürlich. Er zeichnet eine Stadt, um sich einerseits von der Natur und dem damit verbundenen Unerklärlichen zu distanzieren. Andererseits aber auch, um diese Überreizung durch verschiedenste Eindrücke zur Schau zu stellen.

Heinrich kann diese Welt nicht wirklich bewusst erleben; er ist damit fast überfordert, muss sich von ihr treiben lassen. Dass kann jedoch nur geschehen, weil er noch nicht die Lebenserfahrung aufweist, die nötig ist, um mit dem Stadtleben umzugehen.

Die drei Texte bilden also eine konstante Steigerung vom Verklärten in der unberührten Natur über eine Mischform bis hin zur Realität abseits jeder geheimnisvollen Landschaft.

Zusammenfassend kann man sagen, dass diese verschiedenen Auffassungen des Naturerlebnisses stellvertretend für die Wandlungen des Lebensgefühls der Menschen im Allgemeinen sind. Zwischen Romantik und Realismus wurde das Geheimnisvolle also offenbar mehr und mehr in den Hintergrund verdrängt. Die Menschen forderten klare Fakten, keine phantasievollen Träumereien. Deshalb verlagerten die Schriftsteller das Geschehen ihrer Handlungen weg von der unerklärbaren Natur hinein in die Städte, unter das Volk. Das nämlich kannten die Leute und akzeptierten es als reale Welt. Nur auf diese Weise war es möglich, aktuelle Probleme literarisch aufzugreifen und nach den Wünschen der Menschen zur Sprache zu bringen.

7 von 7 Seiten

Details

Titel
Büchner, Georg - Lenz - Vergleich mit Keller, Gottfried - Heinrich - Vergleich dreier Roman(anfänge)
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
7
Katalognummer
V103347
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aufgabenstellung: 1.Vergleichen Sie die drei Textausschnitte, indem Sie das erzählerische Vorgehen und die sprachlichen Besonderheiten analysieren. Gehen Sie dabei auch auf den Aspekt des Romananfangs ein. 2. Beurteilen Sie, wie der Aspekt "Natur" in den Texten dargestellt wird. Ein Aufsatz (5 Seiten), der v.a. ausführlich auf sprachlich-stilistische Mittel eingeht.
Schlagworte
Büchner, Georg, Lenz, Vergleich, Keller, Gottfried, Heinrich, Roman(anfänge)
Arbeit zitieren
Eva Köberlein (Autor), 2001, Büchner, Georg - Lenz - Vergleich mit Keller, Gottfried - Heinrich - Vergleich dreier Roman(anfänge), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/103347

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